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Full text of "Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin"

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SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 






AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



JAHRGANG 1908. 



ZWEITER HALBBAND. JULI BIS DECEMBER. 



STICK XXXIII— LIU MIT DRKI TAFKLN. 
DEM VERZEICHNISS DER EINGEGANGENEN DRUCKSCHRIFTEN, NAMEN- UND SACHREGISTER. 



BERLIN 1908. j 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. ^^ ^^^^ 



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INHALT. 



Seite 

DiELs; Ansprache (Über alte und neue Kämpfe um die Freiheit der Wissenschaft). . . 705 

Hkuslek : Antrittsrede 712 

Rubens; Antrittsrede 714 

Akademische Preisanfgabe für 1908 aus dem Gebiete der Philosophie 717 

Preisausschreiben aus dem CoTBENius'schen Legat 718 

Preis aus der DiEz-Stiftung 719 

Sti^jendium der Eduard GERHARD-Stiftung 719 

Brandl: Anfänge der Autobiographie in England 724 

E. Landau: Neuer Beweis der RiEMANN'schen Primzahlformel 7r!7 

E. Landau : Zwei neue Herleitungen für die asymptotische Anzahl der Primzahlen unter 

einer gegebenen Grenze 746 

O. PucHSTEiN : Jahresbericht des Kaiserlich Deutschen Archaeologischen Instituts .... 765 

M. Wellmann: Aelius Promotus laTpixo cjwtrrxa xai avinrairiTtxu 772 

Engler: Pflanzengeographische Gliederung von Africa 781 

Schottky: Zur Theorie der Symmetralfunctionen 838 

G. Eberhahd: Über die weite Verbreitung des Scandium auf der Erde 851 

Orth: Über Resorption körperlicher Elemente im Darm, mit besonderer Berücksichtigung 

der Tuberkelbacillen 871 

A. S. Yahuda : Über die Unechtheit des samaritanischen Josuabuches 887 

E.Sieg und W. Siegling: Tocharisch, die Sprache der Indoskythen (hierzu Taf. X) . . 915 

F. KÖTTER : Über die Torsion des Winkeleisens 935 

ER^aAN und H. Schäi eh : Der angebliche aegyptische Bericht über die Umschififung Africas . 956 

Pischel: Die Turfan-Recensionen des Dhamniapada (hierzu Taf XI) 968 

Vahlen : Über zwei Briefe des Alciphron 990 

LooFs: Die chronologischen Angaben des sog. "Vorberielits" zu den Festbriefen des 

.\thanasius 1013 

ToBLEK : Mon chi'ri, Anrede an weibliche Person 1026 

T0BI.ER: Malgre qu'ü en aif . . 1030 

Adresse an Hrn. Georg Quincke zum fünfzigjährigen Doctorjubiläum am 7. August 1908 . 1034 
Adresse an Hrn. Rudolf Fittk; zum fünfzigjährigen Doctorjubiläum am 9. October 1908 . 1037 

Diels: Die Stele des Mnesitheos (hierzu Taf. Xll) 1040 

K. Schmidt: Eine Epistola apostolorum in koptischer und lateinischer Überlieferung . . 1047 

Helmert: ün Vollkommenheiten im Gleichgewichtszustände der Erdkruste 1058 

F. Tannhäuser : Analysen des Nenroder Gabbrozuges 1069 

K. A. Ktenas: Die Überschiebungen in der Peloponnisos. I. Der Ithomiberg 1076 

Schottky: Zur Theorie der Syinnietralfunetionen. Zweite Mittheilung 1084 

Zimmer: Beiträge zur Erklärung altirischer Texte der kirchlichen und Profanliteratur . . 1100 
Bericht der Commission für den Thesaurus linguaeLatinae über die Zeit vom 1. October 1907 

bis 1. October 190s 1131 

Rubens und E. Ladenburu : Das Rellexionsvermögen des Aetliylalkohols 1140 

A. BioKEi.: Theorie der Magensaftsecretiou 1144 

DrKLs: Nachtrag zur Stele des Mnesitlieo> 1150 

Verzeichnis- der eingegangenen Druckschriften 1152 

Namenregister 1191 

Nachregister 1199 



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SBSBl 



SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREIISSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



(Hreutliche Sitzunsf am '2. Juli. (S. 70ö) 

DiELs: Festrede. (S. 705) 

Heusler: Antrittsrede. (S. 712) 

Rubens: Antrittsrede. (S. 714) 

Akademisclie Preisaufgabe für Philosophie. (S. 717) 

CoTHENius'sches Preisausschreiben. (S. 718) 

Preis aus der DiEz-Stiftung. (S. 719) 

Eduahd GEBnARD-Stipendium. (S. 719) 



CSaSHSHSHSasesaSHSHHHHHSaSHSHSaSHSHS 




BERLIN 1908. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 



Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 



Aus § 1. 

Die Akademie gibt gemäss §41,1 der Statuten zwei 
fortl.iuCende Veröffentlichungen heraus: »Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften« 
und "Abhandlungen der Ivöniglicli Preussischen Akademie 
der Wissenschaften«. 

Aus § 2. 

Jede zur Aufnahme in die •Sitzungsberielite« oder die 
• Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das druckfertige Marniscript zugleich einzuliefern ist. Nicht- 
mitglieder haben hierzu die Vermitteluni; eines ilirem 
Fache angehiirenden or<lcntlichcn Mitgliedes zu benutzen. 
§3. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedern 16 Seiten in der gewöhnlichen Sclu-ift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Dnickl)ogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnliclien Sclirift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classc statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdriicklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts vcr- 
muthen» dass diese Zustimmung erforderlich sein wei-de, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen mnthmasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

§ 4- 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichmingen, photographische Original- 
aufnahmen u. s. w. j gleichzeitig mit dem Manuscript, jedoch 
auf getrennten Blattern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erlieblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung beschliessen. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftliehen Kostenansehlage 
eines Sachverständigen an den Vorsitzenden Secretar zu I 
richten, dann zunächst im Secrelariat vorznberathen und 
weiter in der Gesanimt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der VerviellaUis^ung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Textlignren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Überschreitet dieser Ansehlag für die er- 
forderliche AuHage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei diu Abhandlungen 300 Mark, so ist A^orhcrathuTig 
durch dis Sccretariat geboten. 

Aus ^ 5. j 

N^ich '1 e 1 V.irt-gung und Kinreichung des I 
rollst.ijitii^rii UiHlchCcrti^-on Mannscripts an den I 
zuständigen Secretar oder an den A r c h i \' a r 
wird über Aufnahmt d^i MittheiUing in die .akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eine?! der anwesenden Mit- ! 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

iMittheilungen von Verfassern, welche niclit Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen wer<ien. Beschlicsst eine 
Classe die Aufnalime der Mittheilung eines Nichtmitgliedcs 
iu die dazu liestimuite Abtlicilnng der • Abliandlungen«, 
so bedarf dieser lieschluss iler Bestätigung durch die 
(^csauunt- Akademie. 

(Fortsetzung auf S. 



Aus § 6, 

Diean die Druckerei abzuliefernden Manuscripte müssen, 
wenn es sich niclit bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisujigen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl iler Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
! Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenilcn 
Mitglicde vor Einreichung des IManuscripts vorzunehmen. 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfassei' 
seine Mittheilung als vollkommen dnickreif ansieht. 

Die erste Correctur ihrer Mittheilungen besorgcji die 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correctur an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll nach 
Mügliehkeit nicht über die Beriehtigimg von Druckfehlern 
und leichten Schreibverschen hinausgehen. Umlängliche 
Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des redi- 
girenden Sceretars vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die A'erfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpUichtct. 

Aus § 8. 

Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlimgen 
anfgenoinmcncn wissenschaftlichen Mittheilungen, Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die \'erlasser, von 
wissenschaftliehen Mittbeilungen, wenn dereu Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchhandel Sonder- 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden. 

VonGedächtnissreden werden ebenfallsSonderabdrucke 
tur den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 

Von den Sonderabdrucken ans den Sitzungsberichten 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
z» unentgeltlich er Vertheilung ohne weiteres 50 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Ak.adcmie weitere Exemi>!are bis zur Zahl 
von noch 100 und auf .seine Kosten noch weitere l>is 
zur Zahl von 200 (im ganzen also l^äO) abziehen zu lassen, 
sofern er dicss rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erlialten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt -Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — NiclitniitglJeder erlialten 50 Frei- 
exemplare unrl dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei ileni 
redigirendcn Secretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

Von den Sonderabdrucken .aus den Abbandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher ^Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres HO Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
Auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von lOi) {im ganzen also 230) abziehci: /.n lassen, 
soiern er diess rechtzeitig dem redigirendcn Secretar an- 
gezeigt hat; wün.sclit er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmiguiiif der Gcsammt-Akadcmie oder der be- 
treffenden Classe. — NiciitmitgUeder erhalten 30 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigii-enden Secretai* weitere 100 Exemplare auf ihre 
Kosten abzielien lassen, 

§ 17. 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte Avissenschaftliclie ^littli eilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 
3 des Umschlags.) 



705 

SITZUNGSBERICHTE ^^os. 

XXXIII. 

DER 

KÖNIGLTCII PREUSSISCIIEN 

AKADEI\IIE DER WISSENSCHAFTEN. 



2. Juli. Offpiitlichc Sitzung zur Feier des LEiBNizischen Jahrestages. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Diels. 

Der vorgeordnete Minister Ilr. Dr. Holle, Exzellenz, wolmte der 
Sitzung bei. 

Der Vorsitzende Sekretär eröffnete dieselbe mit folgender Ansprache 
über nlte und neue Kämpfe um die Freiheit der Wissensch aft. 

Unsere Zeit, die ihre Pietät gern in der Feier von Jubiläen be- 
tätigt, ist, wie es scheint, still an der Dreihundertjahrfeier einer Kr- 
iindung vorübergegangen, die für unsre ganze neuere Kultur von der 
allergrößten Wichtigkeit geworden ist und eine vollständige Umwäl- 
zung der bisherigen Weltanschauung herbeigeführt hat. Im Jahre 

1608 setzte der holländische Brillenmacher Lippershey in Middelburgli 
eine Konkav- und eine Konvexlinse zusammen und schuf damit das 
erste Fernrohr. Die Erfindung lag, wie man zu sagen pflegt, in der 
Luft. Achtzehn Jahre vorher hatte der holländische Optiker Jansen 
das erste Mikroskop konstruiert, und Jakob Metuis in Alkamaar hatte 
sich auch bereits um ein Teleskop bemüht. Als nun Gaueei im Jahre 

1609 durch einen in Paris weilenden Schüler von der Tatsache dieser 
Erfindung Kenntnis erhalten hatte, gelang es ihm vermöge seiner opti- 
schen Vorkenntnisse, in zwei Monaten die holländische Erfindung nach- 
zumachen, ja, durch Herstellung eines noch leistungsfähigeren Tubus 
zu übertreffen. In der Hand dieses Florentiners ward das Instrument, 
das dem Menschen gleichsam ein neues Organ zufügt, sofort zur Quelle 
wichtiger astronomischer Entdeckungen und zugleich zu der Waffe, 
mit der er die mittelalterliche buchstabengläubige Tradition aus dem 
Felde schlug und den modernen Begriff der autonomen, allein auf 
Erfahrung begründeten Wissenschaft siegreich verfocht. Wie klar der 
geniale Mann die Tragweite seiner Entdeckungen und Methoden selbst 
erfaßt hat, ersieht man am besten aus seinem klassischen »Saggia- 
tore«, in dem er der »Libra« des Jesuiten Okazio Grassi, der ihn 

Sitzungsberichte 1908. 67 



706 öffentliche Sitzung vom '2. Juli 1908. 

schmählich angegriifen hatte, im Bewußtsein seiner wissenschaftlichen 
Mission, das Programm der neueren Zeit in begeisterten Worten ent- 
gegenhält. Der groben Wage, mit der der unter dem Namen Sarsi 
verkappte Jesuit hantiert, stellt er den modernen Gelehrten gegen- 
über, der mit der Goldwage abwägt (dies bedeutet der Titel »11 Sag- 
giatore«), der lateinischen Abhandlung des Jesuiten die in den ganzen 
Wohllaut seiner toskanischen Muttersprache getauchte lipistel, der 
auf Aristoteles und der Bibel auferbauten Scholastik die auf das Tele- 
skop und die Sätze der Mathematik gegründete neue Methode der 
Wissenschaft oder, wie man damals sagte, der Philosophie. Seine 
herrlichen Worte darüber lauten (Opere VI 232 ed. Favaro): »Es scheint 
als ob sich Sarsi die feste Überzeugung gebildet habe, man müsse 
sich bei wissenschaftlichen Forschungen auf die Meinungen einiger 
berühmter Autoritäten stützen und unser Geist müsse demnach voll- 
kommen leer und unfruchtbar bleiben, wenn er sich nicht mit der 
Erörterung eines anderen vermählte. Er meint vermutlich, die Wissen- 
schaft sei ein von Menschenhand geschaffenes, aus der menscldichen 
Phantasie geborenes Buch, wie die llias oder der Orlando Furioso, 
bei denen doch gerade die Wahrheit des Berichteten das allerunwesent- 
lichste ist. Nein, Signor Sarsi, so steht die Sache nicht! Die Wissen- 
schaft steht geschrieben in jenem gewaltigsten Buche, das stets offen 
aufgeschlagen vor unserin Auge liegt: in dem Universum. Aber frei- 
lich, man kann dies Buch nicht verstehen, wenn man sich nicht 
zuvor seine Sprache aneignet und die Lettern einprägt, in denen 
es niedergeschrieben ist. In mathematischer Sprache ist das Buch 
des Universums geschrieben, und seine Lettern sind Dreiecke, Kreise 
und andere geometrische Figuren. Ohne sie ist es nicht menschen- 
möglich, auch nur ein Wort davon zu verstehen; ohne sie ist es ein 
vergebliches Umhertappen in einem dunklen Labyrinth.« 

Der Saggiatore hat trotz der deutlichen Vorliebe für die Koperni- 
kanische Theorie damals noch keinen Anstoß erregt; denn tlas auf 
Kosten der Akademie der Lincei gedruckte Buch hatte die päpst- 
liche Zensur ohne Schwierigkeit passiert, und Urban VIII. hatte die 
Widmung angenommen. Vursichtigerweise hatte Galilei, dessen Mut 
nicht ganz an die Höhe seines Intellektes reicht, durch die nicht ernst 
gemeinte Betonung seines gut katholischen Standpunktes gegenüber 
der Häresie des Frauenburger Kanonikus die Oberllächlichen ehie Zeit- 
lang zu täuschen gewußt. Auch ist an dem schmählichen Inquisitions- 
verfahren, das später gegen den ermatteten Greis durchgeführt wurde, 
nicht bloß der Verdacht schuld gewesen, er habe die biblische Astro- 
nomie zugunsten der Kopernikanischen Lehre hintansetzen wollen, 
sondern vor allem auch die persönliche Verfeindung mit dem mächtigen 



DiELs: Festrede. 707 

Orden, der damals, wie stets, noch päpstlicher als der Papst sich erwies. 
Denn unter den Gutacliten, die für die Entscheidung des Inquisitions- 
tribunals maßgebend wurden, befand sich auch eine heftige Anklage- 
schrift des Wiener Jesuiten Inchofer, der kurz vorher durch die Albern- 
heit einer Schrift, in der er die Echtheit eines Briefes der heiligen 
Jungfrau Maria an die Bewohner von Messina nachwies, bei der Index- 
kongregation selbst Anstoß erregt hatte. So wenig erfreulich die weder 
für die Kirche noch für Galilei selbst rühmliche Abschwörung er- 
sclieinen mag, so irrt man doch, wenn man glaubt, die Kirche hätte 
diesen Prozeß umgehen können. Freilich, es ist sonderbar, daß die 
Kopernikanische Hypothese fast ein Jahrhundert unangetastet blieb, 
obgleich doch ihr Widerspruch gegen die Bibel und, was damals 
ebensoviel galt, gegen Akistoteles auf der Hand lag und obgleich 
gleichzeitig mit Galilei der große Kepler von 1600 an seine großen 
Entdeckungen der wissenschaftlichen Welt mitgeteilt hatte. Aber das 
läßt sich leicht begreifen. Solange diese weltumstüi-zenden Ideen von 
(k^n Astronomen Deutschlands vertreten wurden, wo die Häresie erb- 
lich war, machte das den römischen Kardinälen nicht heiß. Als aber 
der hochgefeierte Florentiner diese Theorien mit dem Fernrohr be- 
waflhet den ehrwürdigen Vätern in Rom selbst vordemonstriertc und 
auf Anerkennung der neuen Lehre drang, da mußte eingeschritten 
werden. Wir haben dasselbe in unserer Zeit erlebt. Als die deutsche 
Philosophie unter Kant das Tischtuch zwischen Glauben und Wissen 
zerschnitten, als dann Schleiermacher und Ritschl einen neuen Be- 
griff der Religion aufgestellt, als Darwin und Huxley ihre Deszendenz- 
theorie begründet, als jS'iebuhrs und Baurs Schulen die historische 
Kritik an profanen und heiligen Schriften zu erproben begonnen hatten, 
verachtete man diese nordischen Ketzereien als Konsequenzen, die 
sich mit Notwendigkeit aus dem Abiall von der alleinseligmachenden 
Wahrheit im lö. Jahrhundert entwickeln mußten. Als jedoch diese 
germanischen Irrlehren in der römischen Kirche selbst Boden zu gewinnen 
suchten, da mußte eingeschritten werden. So ist denn am 8. September 
1907 der Bannstrahl des Papstes auf die Häupter der Modernisten 
herabgeschleudert worden, die innerhalb der Kirche selbst mit den Ideen 
der Ketzer den zweitausendjährigen Bau des Glaubens umstürzen wollen. 
Der Papst spricht es im Eingange dieser Enzyklika Fascendl doiinnlci 
yreyis selbst unumwunden aus: «Wir sind zur Eile gezwungen," heißt 
es § 2, »weil die Verfechter der Irrlehren nicht mehr bloß in den Reihen 
unserer erklärten Feinde zu suchen sind; nein, wir müssen es mit 
tiefstem Schmerze und zu unserer Beschämung bekennen, im Busen 
und im Schöße der Kirche selbst halten sie sich verborgen, und je 
weniger sie sich hervorwagen, um so gelahrlicher sind si(\" Die neue 

ü7* 



708 öffentliche Sitzung vom 2. Juli 1908. 

Enzyklika ist die Vollendung der GALii.Eisehen Inquisition, die logische 
und gänzlich unvermeidliche Konsequenz, die aus dem Offenbarungs- 
glauben und dem Autoritätsprinzip der Kh'che mit zwingender Not- 
wendigkeit sich ergibt. Wie gegen die deutsche Naturwissenschaft 
im 17. Jahrhundert mit schärfsten Waffen vorgegangen wurde, als sie 
an die heiligen Pforten Roms pochte, so wird jetzt mit noch schärferen 
Waffen gegen die deutsche Geisteswissenschaft vorgegangen. Damals 
stand der Papst wenigstens formal noch abseits, und so konnte der 
Bann im Jahre 1822 von Kopernikus", Keplers und Galileis Werken 
wieder genommen werden. So schwer die Kirche durch die Inqui- 
sition des Jahres 1633 kompromittiert war, der Papst hatte damals 
nicht ex cathedra gesprochen. Die Unfehlbarkeit war gerettet. Anders 
scheint die Sache jetzt zu stehen. Pius X. hat jetzt nicht nur selbst ge- 
sprochen, sondern seinen Worten durch das Motu proprio vom iS. No- 
vember V. J. apostolische Autorität beigelegt: y>Lilterae encydkae Pascendi 
Doiiiinici greyis auctoritate apostoUca conJirinantur<-^, d. h., wie die mit bi- 
schöflicher Approbation erschienene Grazer Ausgabe der Enzyklika er- 
läutert, wir haben in jener Enzyklika eine «unfehlbare« Entscheidung 
des Papstes anzuerkennen. Freilicli wird dieser Charakter der Unfehl- 
barkeit A'on anderen gutgläubigen Professoren der katholischen Theo- 
logie bestritten, und so bereitet sich vielleicht wieder das erbauliche 
Schauspiel vor, daß in einigen Jahrhunderten oder vielleicht schon nach 
Jahrzehnten auch Rom wieder einlenkt und modern zu denken gestattet. 
Die Aufhebung der Sperre gegen Galilei wurde von den Kardinälen der 
Inquisition im Jahre 1822 mit den Worten vollzogen, man düii'e den 
Druck von Werken gestatten, in welchen von der Beweglichkeit der 
Erde und der Unbeweglichkeit der Sonne gemäß der allgemeinen An- 
sicht der modernen Astronomen {luxta comniunem inodernorum astrononio- 
rum opinlonem) gehandelt werde. Vielleicht wird es früher oder später 
auch einmal in der katholischen Kirche erlaubt sein, über EA'olutionismus 
und Bibelkritik so zu denken, wie der moderne Mensch denkt. Dieser 
Streit zwischen Autorität und freier Wissenschaft ist in dem mensch- 
lichen Geiste ebenso tief begründet wie alle jene anderen Antinomien 
des irdischen Daseins, an denen der menschliche Verstand sich ab- 
quält und abquälen wird. Der Modernismusstreit wird nicht der letzte 
dieser Art sein, wie er nicht der erste war, und noch in fernen Äonen, 
wenn die Formen religiösen Denkens, die uns jetzt binden, sich gänz- 
lich umgewandelt haben, wird doch die Tradition und der Fortschritt, 
das Alte und das Neue, das Gestern und das Heute sich ebenso be- 
fehden, wie es jetzt auch außerhalb der Kirchen in Literatur uiul 
Kunst und in vielen anderen Richtungen unserer Kultur geschieht. 
Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Gerade die Epochen, wo die 



DiELs: Festrede. 709 

Gegensätze am schärfsten aufeinander prallen, sind die für die Welt- 
geschichte fruchtbarsten. So ist denn auch derselbe Kampf, der zum 
Beginn der Neuzeit um Galilki tobte, in dem fruclitbarsten aller vor- 
cliristlichen Jahrhunderte, im fünften, unter Umständen ausgefochten 
worden, die eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Verlaufe jenes 
modernen Prozesses zeigen, daß man fost an eine pythagoreische Pa- 
lingenesie der Weltgeschichte glauben möchte. 

Ich will dieses merkwürdige Zusammentreffen hier zum Schlüsse 
noch etwas eingehender beleuchten, da zwischen der althellenischen 
und der modernen Wissenschaft in der Tat niclit bloß ein innerer, 
sondern auch ein äußerer Zusammenhang festgestellt werden kann. 
Als Gaijlei im Jahre 1609 den ersten bleiernen Tubus konstruiert hatte, 
der nocli jetzt in der Tribuna di Galilei in Florenz gezeigt wird, 
machte er in wenigen Monaten folgende Entdeckungen, die er sofort in 
seinem « Sidereus Nuntius « der staunenden Welt mitteilte : i . Er ent- 
deckte, daß die Flecken des Mondes von seiner gebirgigen Struktur 
herrührten, und er gab die Metliode der Berechnung für die Mond- 
berge richtig an. 2. Er entdeckte eine Unzahl neuer Fixsterne; statt 
der 7 Plejaden unterschied er 40 Sterne, und so konnte er, gestützt 
auf diese Entdeckungen, wagen, 3. die Milchstraße, das alte Rätsel der 
Ilimmelskunde, als eine Anhäufung kleiner Fixsterne zu erklären. Vor 
allem wichtig aber war seine damalige 4. Entdeckung, daß der Planet 
Jujiiter von vier klenien Trabanten umgeben sei, die er zu Ehren 
seines Fürsten »Mediceische Gestirne« nannte. Dieses Planetensystem 
bildete eine starke Analogie zu der Kopernikanischen Theorie des 
ganzen Sonnensystems, und die aristotelisch-ptolemäische Auffassung 
der Himmelsbewegung erschien damit als abgetan. 

Es ist nun sehr merkwürdig, daß ein Teil dieser Entdeckungen 
bereits um die Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts in der 
Schule zu Abdera gemacht worden ist und zwar von einem früli 
verdunkelten Naturforscher, der als der wahre Vater der modernen 
Naturwissenschaft betrachtet werden kann. Leukippos, aus der von 
TJiales begründeten astronomisch-mathematischen Schule von Milet 
stammend, hatte sich in dem mächtig aufblühenden Abdera nieder- 
gelassen. Er verknüpfte mit den ererbten mathematisch-astronomischen 
Kenntnissen die logische Schärfe der Eleaten und eine ihm eigene 
exakte Naturbeobachtung, die unerschrocken der bisherigen Tradition 
entgegenzutreten wagte. So stellte er an die Spitze seiner das ganze 
Universum betrachtenden Schrift über den Kosmos die eherne Not- 
wendigkeit, den Satz von der ausnahmslosen Herrschaft der Natur- 
gesetze, der jegliches Wunder ausschloß. Alles Entstehen und Ver- 
gelicn läßt sich auf mechanische Ursachen zurückführen, und zwar be- 



710 öffentliche Sitzung vom 2. Juli 1008. 

steht die Körperwelt aus einer ZusammensetzTing von Atomen. Dagecen 
Farbe, Wärme und alle sonstigen Qualitäten sind lediglich sekundäre 
Unterschiede unserer Sinneswahrnehmung. Die Unterschiede der (,)ualität 
lassen sich somit auf quantitative zurückführen. Wie nun die einzelnen 
irdischen Körper aus unendlich vielen unsichtbaren Atomen bestehen, so 
schloß er, müssen auch am Himmel unendlich viele Welten bestehen, 
die wiederum aus kleineren Himmelskörpern bestehen. Die Milch- 
straße setzt sich so aus unendlich vielen kleinen Körpern zusammen. 
Die Lichtunterschiede des Mondes erklären sich dui'ch die Verschieden- 
heiten der Bodenbeschaffenheit der Mondoberfläche. Denn auch diese 
ist, wie die Erde, mit Bergen und Tälern bedeckt. Im Jahre 468 war 
in der Nähe von Abdera auf dem Thrakischen Chersonnes ein großer 
Meteorsteinfall niedergegangen. Man hatte ein Gestii-n mit sonnen- 
haftem Glänze aufleuchten sehen und dann an dem niedergefallenen Stein 
glühende Eisenmassen konstatieren können. Leukippos schloß daraus, 
daß alle anderen leuchtenden Himmelskörper ebenfalls glühende Metall- 
klumpen seien. Diese erstaunlichen Hypothesen, die sich in der ganzen 
wissenschaftlichen Auffassung wie im einzelnen merkwürdig mitCx.^LiLEis 
Beobachtungen l)erühren, der in der Tat indirekte Kenntnis dieser abde- 
ritischen Entdeckungen hatte, wurden zunächst nur in engeren Kreisen 
bekannt, obgleich Astronomen wie Euktemon damals in der Nähe von 
Abdera in Amphipolis sich aufhielten, lun Observationen anzustellen. 
Widerhall fanden sie erst, als der Klazomenier Anaxagoras sie bald da- 
nach in Athen, der Reichshauptstadt, als seine eigenen Entdeckungen 
vortrug, womit er denn bis auf den heutigen Tag Glauben gefunden hat, 
obgleich Demokrit, der Schüler des Leukippos und unzweifelhaft ein 
glaubwürdiger Zeuge, ihn des Plagiats beschuldigte. Aber man wollte 
von diesen nordischen Naturforschern in Athen nichts wissen, und so 
trug Anaxagoras den Ruhm wie das Verhängnis dieser neuen kosmischen 
Anschauung davon. Denn in der frommen Stadt der Athena, wo es stets 
fanatische Wächter des althergebrachten Glaubens gab, fand man es empö- 
rend, daß Helios vmd Selene, die freundlichen Götter, zu bloßen Metall- 
klumpen herabgewürdigt Averden sollten. Und ebenso laut wie die fortge- 
schrittene Jugend Athens, an ihrer Spitze Euripides, den mit güldenen 
Ketten am Himmel aufgehangenen Sonnenklumpen besang, schrien die 
Anhänger der alten Bildung ihr analheiiia sitl Ein Fanatiker namens 
Diopeithes brachte ein Gesetz durch, das die Ungläubigen und Natur- 
wissenschaftler mit dem Tode bedrohte; das erste Beisjiiel einer solchen 
Verfolgung der Wissenschaft, das dann auch die Flucht des liauptsäch- 
lich betroffenen Anaxagoras zur Folge hatte. Dies war noch vor dem 
Peloponnesischen Ivrieg. jUs nun gar dieser seine moralisch und finan- 
ziell verderbliche Wirkung auszuübeix begann, ward die Freigeisterei 



DiELs: Festrede. 711 

dieser modernen Wissenschaftler in erster Linie verantwortlich gemacht. 
Dns Buch des Abderiten Pkotagoras, das über die Götter sich skeptisch 
JiiilScrte, ward auf den Index gesetzt, und zum Scliluß ward der sclion 
von der Komödie gezeichnete Sokkates zum Schierlingsbecher verurteilt. 
So Iiat der alte Glaube gegen den Modernismus gewütet. Aber aus dem 
Kerkerdunkel des athenischen Weisen brach siegreich das Licht der Pla- 
tonisclien Akademie hervor, wie sich aus dem Märtyrertod der Giordano 
Bruno, Fulgenzio Manfredi und Lucilio Vanini und aus der Kerkerhaft 
des Galu^eo Galilei die neue Wissenschaft entwickelte, die ihr Eppur 
si niuocc schliei31ich auch gegen ihre Henker durchsetzte. 

Leibniz, dem es ernsthaft darum zu tun war, die neue Wissen- 
schaft mit dem alten Glauben zu versöhnen, hat wohl erkannt, daß 
gegen die furchtbare internationale Organisation der römischen Kirche 
mit ihrer diszi2)linierten Hierarchie, ihrem unfehlbaren Oberhaupte 
und ihren unheimlich rührigen Orden es der schwachen, individuell, 
konfessionell und national gespaltenen Wissenschaft schwer sein würde 
sich zu behaupten. Wenn sie sich freier regen wollte, bedurfte es 
auch liier nicht nur der Wahrheit, sondern auch starker, unabhän- 
giger Wahrheitsstreiter; es bedurfte der Formen, die vereinzelten 
Kämpfer durch eine gemeinsame Organisation zu stärken und diese 
unter den Schutz des modernen Staates zu stellen. Diese Organi- 
sation fand er in der Akademie, und den schirmenden Staat fand 
er in dem aufstrebenden Preußen, das zuerst eine Sozietät nach sei- 
nen Plänen organisierte. Die Aufklärung, die er einleitete, fand dann 
in dem großen Friedrich, dem zweiten Gründer unserer Akademie, 
ihren erhabensten Vertreter und wirksamsten Beschützer. Herder sagt 
sehr schön: »Man wandelt in den Schriften Friedrichs des Großen 
wie auf klassischem Boden; ein Gefühl für die Würde, den Wert, die 
Schönheit der Wissenschaften ist in seinen kleinsten und größten Auf- 
sätzen verbreitet. « Diese Achtung vor der Wahrheit, wo und wie immer 
sie sich zeigt, hat er nicht nur selbst bekannt, sondern auch durch 
seine weitreichende Autorität der Welt aufgenötigt. Seitdem darf bei 
uns die Wissenschaft wirklich ihr Haujjt frei erheben, und dürfen ihre 
Vertreter in Sicherlieit vor dem geistigen und weltlichen Arme ihres 
Amtes walten. 

Es lialf Galilei nichts, daß er eines der gefeiertsten Mitglieder 
der Accademia dei Lincei war, daß die Akademie seine Werke selbst 
druckte und mit ihrem Ansehen schützte. Afflntnt papa et disslpati sunt. 
Wenn das jetzt etwas anders geworden, so verdankt man dies dem 
Samen des Mannes, der unsere Akademie begründet, und den Fürsten, 
die sie beschützt haben. Wenn nun seitdem die Zeiten sich so 
gewandelt haben, daß auch die internationale Vereinigung der Aka- 



712 öffentliche Sitz.ung vom 2. Juli 1908. 

demieii, von der Lf.ibniz träumte, zur Wirklichkeit geworden ist, so 
sielit man, daß dieser Weltbund der Intellektuellen gerade in diesen 
Fragen der Autorität von der größten Wichtigkeit ist und sein wird. 
Der Papst hat in seiner letzten Enzyklika angekündigt, daß er eine 
eigene Akademie gründen will, als deren Mitglieder alle Katlioliken 
von wissenschaftlichem Ruf den Fortschritt sämtlicher Wissenschaften 
und jeglicher Art von Gelehrsamkeit anbahnen sollen, aber freilich 
unter der Leitung und Führung der katholischen Wahrheit {catholica 
veritate dnce el magistra). Hoffentlich wird dieses Institut bis zum 
Jahre 19 lo fertig. Dann werden sich dort in der Ewigen Stadt, gerade 
300 Jahre nach dem Erscheinen von Galileis »Sternenboten«, die ver- 
einten 20 Akademien der Welt, deren Mitglieder den verschiedensten 
Nationen und Religionen der Welt angehören, unter der Leitung der 
neuen Lincei, messen können mit dem neuen päpstlichen Schwester- 
institute, und die Welt wird richten können, ob die Wissenschaft bes- 
ser aufgehoben scheint bei denen, die unter dem Banner und in dem 
Banne des heiligen Thomas von Aquino fechten, oder bei denen, die 
mit uns in Gottfried Wilhelm Leibniz ihren geistigen Vater ver- 
ehren. 



Darauf folgten die Antrittsreden der HH. Heusler und Rubens. 
Dem ersteren erwiderte Hr. Vahlen, Hrn. Rubens Hr. Auwers. 

Antrittsreden. 

Antrittsrede des Hrn. Heusler. 

Schaue ich auf die Meister der germanischen Philologie, die der 
Preußischen Akademie der Wissenschaften angehört haben, so heben 
sich mir zwei Gestalten heraus, Jacob Gkimm und Müllenhoff: sie 
vor allen haben das Gebiet begründet und ausgebaut, dem ich meine 
Arbeit gewidmet habe: die Erforschung des germanischen Altertums. 
Sie war nur ein Teil von Jacob Grimms Aveitspannendem Werke, aber der 
Teil, dem die Sehnsucht seiner Seele galt; in Müllenhoffs Schaffen 
und Lehren stand sie beherrschend da. 

Das germanische Altertum : wir verstehen darunter jene — zumal 
in sprachlichen Schöpfungen sicli bezeugende — Gesittung der CJer- 
manen, die vorausliegt der Bekehrung, der Schreibezeit, dem Städte- 
und dem Lehnswesen; die vor der christlich-romanischen Kultur lang- 
sam zurückweicht und in Kampf und Austausch mit dieser überlegenen 
Macht Gebilde eigenartigen Geistes liervorbringt bis in die späte 



Antrittsreden. 713 

Ritterzeit. Dieses Altertum, im Kerne heidnisch, wenn aucli dem 
Namen nach getauft, zog sich vom Süden nach dem Norden zurück: 
bei den Skandinaviern fand es seine letzte Zullucht, und in der äußer- 
sten Ecke des nordischen Gebietes, auf Island, wirkten die Umstände 
so glücklich zusanunen, daß ein reiches Schrifttum mit dem Stempel 
altgermanischen Geistes erstehn konnte. Von den Göttern und Heroen, 
die in der Phantasie unserer Ahnen den orientalischen und franzö- 
sichen Gestalten A-orangingen, hat uns die ferne Insel mehr geborgen 
als Deutschland, England und der skandinavische Kontinent zusammen- 
genommen ; aber auch das Alltagsleben in seiner Breite zeigt sich 
uns dort auf fast vormittelalterlicher Stufe: eine Welt, die uns aus 
Chroniken oder Gesetzen der Bruderstämme nur bruchstückartig oder 
verschleiert entgegentritt. So lag es im Wesen der Sache, daß Jacob 
Grimm und Müllenhoff, die Meister germanischer Altertumswissenschaft, 
auch in die nordischen Studien tief eingriffen. Grimm sprach es aus, 
daß für den Erforscher des deutschen Altertums Skandinavien klassi- 
scher Boden ist. 

Der Ausspruch bleibt bestehen, auch nachdem wir vieles in 
anderm Lichte sehen gelernt haben. Das eigenartig Nordische, auch 
das Nur-Isländische, das bei keinem andern Germanenstamme so vor- 
handen war, hat die vordringende Forschung stärker betont. Wir sehen 
in der isländischen eine peripherische Kultur: die vom Mittelpunkte, 
vom Mittelmeere ausgehenden Wellen trafen sie am spätesten und 
am schwächsten, um so mehr Spielraum hatten die heimischen Kräfte, 
Ererbtes und Entlehntes in ihrer eigenen Weise zu gestalten. Das 
Entlehnte aber, in Glauben, Sitte und Dichtung, räumen wir heute 
williger ein, als noch Müllenhoff in seinem letzten Werke es getan 
hatte. Nord- und Südgermanen, die ganze Völkerfamilie, waren die 
Nehmenden dem römischen Erbe gegenüber. Nicht nur verdrängt 
haben die südlichen Einflüsse, sie haben dem germanischen Dichter 
auch auf seinem Felde aufbauen lielfen, was ihm aus eignen Mitteln 
nicht geglückt wäre. Fügen wir hinzu, daß wir in Mythus und Sage 
nicht mehr den unpei'sönlichen Schatz sehen, der unantastbar durch 
die Hände der Dichter ging: wenn wir die einzelnen Dichter und 
Erzähler als die bewußten Schöpfer und Fortbildner anerkennen; 
wenn wir ihren Geschmack, auch ihre Launen nachzufühlen suchen, 
womit sie das Überkommene ummodelten, und wenn wir in dieser 
Verjüngung der Inhalte nicht nur Abfall erblicken, so hat uns dazu 
A'or andern einer aus Ihrer Mitte, Wilhelm Scherer, verholfen. 

Der Brauch dieser Stunde wiU es, daß ich Ihnen, meine Herren, 
nicht nur den Dank darbringe, daß Sie mich gewürdigt haben, Ihrem 
I{j-eise anzugehören: ich soll auch von mir sprechen und von meinen 



714 Öffontlidie Sitzung vom 2. Juli 1908. 

Avissonscli.-if'tliclion T?(Mnülmiigon, so klar ich mir darüber bin, wclcli 
oiis'o Scliraiil<(Mi nioincr (Job^lirsMinkcit und SchnfTenskraf't gozoi^'cn sind. 

Naclidcm icli iiiil der laiitgeschichtlichen Untersuclinng einer 
deiitsclien Mundart angefangen hatte, führten luicli metrische For- 
seliiiugen zu den älteren germanischen Literaturen. Mein Lehrer und 
Freund .Iri.u's IIoffouy braclite mir das altnordisclie (Jeblet nalie, und 
Indem icli sein Nachfolger an der Universität wurde, traten die nor- 
dischen Stildien l'ür inicli in den Vordergrund. Ich habe meine Auf- 
gabe, auch als Lehrer, so gefaßt, daß das nordische Altertum als ein 
(ilied des gerinanisch(>n sich darstelle und der deutschen und eng- 
lischen Tradition Beleuchtung gebe; Island sollte, um mit Müllenhoff 
zu sprechen, nicht vom lläckelberge betrachtet werden. Ich versuchte 
mich an Problenu'u, die den verschiedenen germanischen Literaturen 
gemeinsam ge]i(")ren. Heldensage und Stil zogen mich am meisten 
an. Kindrücke von Jakoh BuKrKiiAitDTS kunstgeschichtlicher Unter- 
weisung warcMi lebendig in mir. W(Mm ich Eddalieder oder isländische 
Sagas nach ihi-er künstlerischen Zusammensetzung zu erfassen strebte. 
Von den Mitforsch(M-n hat keiner in dem Maße wie der Däne Axel 
Or.iuK die Betrachtung der altgermanischen (ieisteswelt mit erfrischen- 
dem Taue belebt. Ihm gegenüber dürfen sich die Altersgenossen 
dankbar als Lerneiule liekennen. Unter seinen dänischen Laudsleuten 
frühen^- Menschennlter sind es vornelimlich Peteu Er.xsmus Miim.eu 
und SvENi) GüUNDTVKi, denen ich mich verptlichtet fühle. In dem 
Austausch uiul Zusannnenwirken mit Männern skandinavischen Stam- 
mes liegt eiiu> einigende Kraft, die seit den Anlangen unsrer Wissen- 
schaft das äußcrlicli Trennende» zu überdauern und zu mildern ver- 
mocht hat. 

Es geziemt mir, mit dem Wunsche zu schließen, daß meine 
künftige Tätigkeit das Vertrauen rechtfertigen möge, das die Aka- 
demie durch meine Berufung in mich gesetzt hat, 

Antrittsrede des Hrn. Rubens. 

Kaum zwei Jahre sind verflossen, seitdem P.\ui, Dkude hier das 
Wort ergrilTeu hat. um der Königlichen Akademie der Wissenschaften 
für die ihm erwiesene .Vuszeichuung zu danken und sein wissenschaft- 
liches Prograuun zu entwickeln. Keiner der damals Anwesenden 
koimte es ahnen, daß dieser in einer Periode glücklichen Schafl'ens 
stehende Forscher und erfolgreiche Lehrer, dieser jugendfrische Mann 
wenige Tage darauf einem dunkeln Schicksale verfallen würde und daß 
er jene weitausschauenden Pläne und vielversprechenden wissenschaft- 
lichen Entwürfe nicht mehr verwirklichen sollte. 



Antrittsreden. 715 

Die Akademie hat mir die liolie Ehre erwiesen, mich an Stelle 
des Verstorbenen in ihren Kreis aufzunelinien. Gefiihle weclisehi<h>r 
Art sind es, welche mich lieiite hewe,ü,-en, dn es mir vergönnt ist, 
meinen Gedanken an dieser SteUe Ausdruck zu geben. In erster 
Linie sind es (Tefülde des lierzlichsten Dankes für die hohe Ehre, 
wek'lie Sie mir durch die Wahl zum ordentlichen Blitgliede erwiesen 
haben; in meinen Augen die schönste Auszeichnung, welche einem 
deutschen Gelehrten zuteil werden kann. Aber diesen Gefühlen des 
Dankes gesellt sicli die Empfindung der Trauer um den uns so plötz- 
ücli entrissenen Kollegen, desseu Stelle ich einzunehmen berufen wor- 
den bin. 

Ob es mir gelingen wird, diese Stelle Ihren Erwartungen ent- 
sprechend auszufüllen und das Vertrauen, welches Sie mir bewiesen 
haben, durch wissenschaftliche Leistungen zu rechtfertigen, vermag icli 
nicht zu sagen; aber gewiß ist, daß ich a,lles, was in meinen Kräften 
steht, einsetzen werde, um dieses hohe Ziel zu erreichen. 

Daß ich mich von Anfang an dem experimentellen Gebiete unserer 
Wissenschaft zugewandt liabe, ist sowohl auf eine mir innewohnende 
Neigung zurückzuführen als auch durch eine Verkettung von Um- 
ständen veranlaßt, durch welche meine wissenschaftliche Entwicklung 
in entscheidender Weise beeinflußt worden ist. Zu diesen Umständen 
rechne ich es in erster Linie, daß mich ein gütiges Geschick nach 
Straßburg führte in das unter der Leitung von August Kundt stehende 
l)hysikalische Laboratorium. Wohl hnt Deutschland im 19. Jahrhun- 
(h'rt Physiker hervorgebracht, <l(>ren \'erdienste auf wissenschaftlichem 
Gebiete noch über diejenigen von August Kundt hinausgehen. Aber 
unter diesen Männern ist keiner, welcher die Eigenschaften des For- 
schers und Lehrers in so Avunderbarer Vereinigung wie er besessen 
und es in gleichem Maße verstanden hat, bei seinen Schülern die 
Flamme wissenschaftlicher Begeisterung zu entfachen. Es war mir 
vergönnt, mich der Schnr begeisterter SclüUer zuzugesellen, welche 
ihn in Straßburg mngaben, und ihm später nach Berlin zu folgen, 
wo ich meinem verehrten Lehrer als Schüler und später als Gehilfe 
bis zu seinem Tode nahe sein durfte. 

Mitbestimmend für die von mir eingeschlagene Richtung ist fer- 
ner die Tatsache gewesen, daß ich eine Periode mächtigen Empor- 
blühens der experimentellen Forschung von Anfang an miterleben 
durfte, welche jedem Ar))eitsfreudigen ciiu' Fülle wichtiger Aufgaben 
zugewiesen hat. Die HEiiTzschen Arbeiten über elektrische Schwin- 
gungen leiten in der Geschichte unserer Wissenschaft eine neue E])oche 
ein, welche bis in die heutige Zeit hineinreicht imd noch nicht been- 
det zu sein scheint. Die diesen Arbeiten vorausgehenden Jahrzehnte 



716 öffentliche Sitzung vom 2. Juli 1908. 

des 19. Jalirlmnderts waren trotz der Größe des darin erzielten wis- 
senschaftliclien Fortschritts verliältnismäßig arm an Entdeckungen 
grundlegender neuer Phänomene gewesen. Durch die großen Erfolge 
der mit ungewöhnlicher Kühnheit angestellten IlEKTZSchen Versuche 
wurde der Wagemut der Physiker aufs neue geweckt, und es entstand 
jene glänzende Epoche, welche uns in kurzer Aufeinanderfolge die 
wunderbarsten Erscheinungen gebracht hat. Au einen Versuch von 
Hertz schließen sich die Arbeiten Lenabds an, diese wiederum den 
Keim der großen RöNTGENSchen P]ntdeckung in sich bergend, als deren 
indirekte Folge Aveiterhln die Auffindung der Radioaktivität durch 
H. Becquerel zu betrachten ist mit ihren unabsehbaren Konsequenzen. 
Diese Reihe glücklicher Funde, an welche sich eine große Zahl kaum 
minder wichtiger Entdeckungen anschließt, legt Zeugnis davon ab, 
daß Jahrhunderte wissenschaftlicher Forschimg die Wahrscheinlichkeit 
neuer Entdeckungen nicht vermindert haben. Unaufhörlich enthüllt 
die Natin- dem Experimentator neue Geheimnisse, einem ewig spru- 
delnden Quell vergleichbar. Freilich werden die neuentdeckten Phä- 
nomene der Regel nach immer subtiler und weniger augenfällig, aber 
in demselben Maße wie die Subtilität der Erscheinungen wächst auch 
die Vervollkommnung der äußeren Hilfsmittel der Beobachtung. 

Unter den neueren Forschungsgebieten hat das von Heineich Hertz 
beschrittene mein Interesse stets in erster Linie gefesselt. Maxwells 
Theorie, nach welclier das Licht als ein elektromagnetischer Vorgang 
aufzufassen ist, hatte durch die Versuche von Hertz über Strahlen 
elektrischer Kraft eine überraschende Bestätigung erhalten, indem be- 
wiesen wurde, daß elektrische Wellen sich in vielen wesentlichen 
Punkten ebenso verhalten wie Lichtwellen. Daraus aber läßt sich 
schließen, daß es auch möglich sein muß, unter günstigen Bedin- 
gungen an den Lichtstrahlen oder an den ihnen wesensgleichen dun- 
keln Wärmestrahlen elektromagnetische Eigenschaften zu entdecken. 
Der Nachweis des elektromagnetischen Charakters dieser Strahlen ist 
am leichtesten zu führen, wenn man ihr Verhalten gegenüber einer 
Reihe von Substanzen mit bekannten elektrischen Eigenschaften prüft. 
Es läßt sich voraussehen , daß ein solcher Versuch um so aussichts- 
voller sein muß, je mehr es gelingt, in das Gebiet langer Wellen vor- 
zudringen; denn die außerordentlich kurze Periode der Lichtschwin- 
gungen bedingt eine besondere Art der Mitwii-kung der kleinsten 
Teile der Materie bei optischen Vorgängen, von welcher die verhält- 
nismäßig langsam vorlaufenden elektromagnetischen Prozesse, deren 
Avir uns zum Vergleich bedienen müssen, frei sind. Die Lösung der 
Aufgabe verlangt also eine Erweiterung des Spektrums nach der ultra- 
roten Seite hin. Eine solche Erweiterung wiril aber nur durch Schaf- 



Preisertheilungen und Preisausschreibnngen. 717 

fuiig neuer instrumentcller Hilfsmittel und verbesserter spektralanaly- 
tisclier Metlioden möglich. 

Neben dieser Erforscliung des ultraroten Spektrums bildet die 
Erzeugung und Untersuchung HERTZscher elektrischer Schwingungen 
von möglichst kurzer Periode eine der wichtigsten Aufgaben der Zu- 
kunft. Trotz einiger Erfolge, welche in der letzten Zeit auf diesem 
Gebiet erreicht worden sind, umfaßt das unbekannte Spektrum, wel- 
ches sich von den langwelligsten, bisher beobachteten Wärmestrahlen 
bis zu den kürzesten, auf elektrischem Wege erzeugten HEurzschen 
Strahlen erstreckt, noch sechs volle Oktaven. Es ist, in diesem Maße 
gemessen, angenähert von der gleichen Ausdehnung wie das gesamte, 
unserer Beobachtung zugängliche, an das sichtbare Gebiet angrenzende 
ultrarote Spektrum. Wenn es gelingen sollte, in jene Terra incognita 
von der einen oder anderen Seite her vorzudringen und Teile des 
unbekannten Spektralgebietes der Forschung zu erschließen, so sind 
nicht nur für die elektromagnetische Lichttheorie neue Bestätigungen 
zu erhoffen, neue Zusammenhänge zwischen den elektrischen und den 
optischen Eigenschaften der Körper zu erwarten, sondern auch unsere 
Kenntnis von dem Wesen und Aufbau der Materie würde hierdurch 
vielleicht eine wesentliche Bereicherung erfahren. 

Dieses Grenzgebiet zwischen Optik und Elektrizitätslehre ist es, 
in welchem ich seit einer Reihe von Jahren zusammen mit mehreren 
Mitarbeitern und Schülern tätig bin. Es wird voraussichtlich noch 
auf Jahre hinaus das hauj^tsächlichste Feld meiner wissenschaftlichen 
Tätigkeit bilden ; denn wichtige Aufgaben harren hier noch der Lösung. 



Hierauf hielten die HH. von Wilamowitz-Moellendorff und Diels 
Gedächtnisreden aid' Adolph Kirchhoff und EnuARo Zeller, die in 
den Abhandlungen veröfientlicht werden. 



Schließlich erfolgten Mitteilungen, betreffend die Akademische 
Preisaufgabe für 1908, das Preisausschreiben aus dem Co- 
THENius "sehen Legat, den Preis aus der DiEz-Stiftung und das 
Stipendium der Eduard GERUARD-Stiftung. 

Akademische Preisaufgabe für 1908 aus dem Gebiete 
der P/iilosop/iie. 

Im Jahre 1898 hatte die Akademie für das Jahr 1901 eine Preis- 
aufgabe gestellt, in welcher eine Darstellung des Systems von Leibniz 
gewünscht wurde, und diese Aufgabe, da sie nur eine teilweise Lösung 



718 öffentliche Sitzung vom 2. Juli 1908. 

gefunden hatte, dann für 1905 erneuert. In diesem Jahre fand sie 
keine Bewerbung, und die Akademie schrieb folgende veränderte Preis- 
aufgabc aus: 

«Es soll untersucht werden, was über die Abhängigkeit der Meta- 
physik Leibnizcus Aon seiner Logik mit Sicherlieit aus den vorhan- 
denen gedruckten Quellen sich ei'gibt; auf Üngedrucktes zurückzugehen, 
wird nicht gefordert. « 

Bewerbungsschriften ; die bis zum 31. Dezember 1907 erwartet 
wurden, sind jedoch nicht eingegangen, und die Akademie hat nun- 
mehr von ihrer Befugnis Gebraucli gemacht, dem Verfasser einer in das 
Gebiet der gestellten Preisaufgabe einschlagenden, innerhalb des Zeit- 
raums 1905 — 190S veröffentlichten Schrift oder dem Urheber einer 
in der gleichen Zeit ausgeführten wissenschaftlich hervorragenden Ar- 
beit die Preissumme als Ehrengabe zu überweisen. Sie erkennt den 
ausgesetzen Betrag von Fünftausend Mark zu gleiclien Teilen den HM. 
Dr. Wn.r-v Kabitz in Breslau und Dr. Paul Rittek in Berlin für ibre 
Arbeit an dem kritischen Katalog der LEiiiNiz-Handschriften zu, der 
für die in Angriff genommene interakadennsche LEiBNiz-Ausgalje her- 
gestellt worden ist. 



Prehaiisscfirnbeii aus dein CoTiii:i\ius^sc/icn Legat. 

Die Akademie schreibt folgende Preisaufgabe aus dem Cothenius- 
schen Legat aus: 

«Der Entwickclungsgang einer oder einiger Ustilagincen soll mög- 
lichst lückenlos verfolgt und dargestellt werden, wobei besonders auf 
die Überwinterung der S2:)oren und Mycelien Rücksicht zu nelnnon 
ist. Wenn irgend möglich, sind der Abhandlung Praeparate, welclie 
die Frage entscheiden, beizulegen.« 

Der ausgesetzte Preis beträgt zweitausend Mark. 

Die Bewerbungsschriften können in deutscher, lateinischer, franzö- 
sischer, englischer oder italienischer Sprache abgefasst svAn. Schriften, 
die in störender Weise unleserlich geschrieben sind, können durch 
Beschluss der zuständigen Classe von der Bewerbung ausgeschlossen 
werden. 

Jede Bewerbungsschrift ist mit einem Spruchwort zu bezeichnen, 
und dieses auf einem beizufügenden versiegelten, innerlich den Namen 
und die Adresse des Verfassers angebeiulen Zettel äusserlich zu wie- 
derholen. Schriften, welche den Namen des Verfassers nennen oder 
deutlieh ergeben, werden von der Bewerbung ausgeschlossen. Zurück- 
ziehung einer eingelieferten Preisschrifl ist nicht gestattet. 



Preisei'theilungen und Preisaussclireitningen. 719 

Die Bewerbungsschrilteu sind bis /uui 3 1 . Uecember 1910 im 
Bureau der Akademie, Berlin W 35, Potsdamer Strasse 120, einzu- 
liefern. Die Verkündigung des Urtlieils erfolgt in der LEiBNiz-Sitzung 
des Jahres 191 i . 

Sämmtliche bei der Akademie zum Behuf der Preisbewerl)ung 
eingegangene Arbeiten nebst den dazu gehörigen Zetteln werden ein 
.lahr lang von dem Tage der Urtheilsverkündigung ab von der Aka- 
demie für die Verfasser aufbewahrt. Nach Ablauf der bezeichneten 
Frist steht es der Akademie frei, die nicht abgeforderten Schriften 
und Zettel zu vernichten. 



Preis aus der UiEz-StiJluiig. 

Der Vorstand der DiEz-Stiftung hat beschlossen, den aus der Stif- 
tung im Jahre 1908 zu vergebenden Preis im Betrage von 1900 Mark 
Hrn. Jules Gillierox, directeur adjoint an der Ecole des hautes etudes 
in Paris, als Verfasser des Atlas linguistique de la France zuzuer- 
kennen. 

Sfipendium der Euväru GEUHARu-SliJlung. 

Das Stipendium der Eduard Gerhard -Stiftung war in der Leibniz- 
Sitzung des Jalires 1907 für das laufende Jahr mit dem Betrage von 
2500 Mark ausgeschrieben. Diese Summe ist Hrn. Prof. Dr. Alfred 
Brueckner in Berlin-Schöneberg zur Herausgabe seiner im Jahre 1907 
mit Unterstützung aus den Mitteln der Eduard GERiiARD-Stiftung an 
der Agia Triada zu Athen vorgenommenen Ausgrabungen zuerkannt 
worden. 

Für das Jahr 1 909 wird das Stipendium mit dem Betrage von 
2400 Mark ausgeschrieben. Bewerbungen sind vor dem i. Januar 
1909 der Akademie einzureiclien. 

Nach § 4 des Statuts der Stiftung ist zur Bewerbung erforderlich: 

1. Nachweis der Reichsangehörigkeit des Bewerbers; 

2. Angabe eines von dem Petenten beabsichtigten durch Reisen 
bedingten archcäologischen Planes, wobei der Kreis der archäo- 
logischen Wissenscliaft in demselben Sinn verstanden und an- 
zuwenden ist, wie dies bei dem von dem Testator begründeten 
Archäologischen Institut gescliieht. Die Angabe des Planes muss 
verbunden sein mit einem ungefähren sowohl die Reiseg<'lder 
wie die weiteren Ausführungsarbeiten eiiischliessemlen Kosten- 
anschlag. Falls der Petent für die Pubiication der von ihm be- 
absichtigten Arbeiten Zuschuss erfordeilich erachtet, so hat er 



720 öffentliche Sitzung vom 2. Juli 1908. 

den voraussichtliclien Betrag in den Kostenanschlag aufzuneh- 
men, eventuell nach inigef ahreni Überschlag dafür eine ange- 
messene Summe in denselben einzustellen, 
(iesuehe, die auf die Modalitäten und die Kosten der Veröffent- 
lichung der beabsichtigten Forscliungen nicht eingehen, bleiben un- 
berücksichtigt. Ferner hat der Petent sich in seinem Gesuch zu ver- 
pllichten : 

1 . vor dem 3 i . December des auf das Jahr der Verleihung fol- 
genden Jahres über den Stand der betreffenden Arbeit sowie 
nach Abschluss der Arbeit über deren Verlauf und Ergebniss 
an die Akademie zu berichten; 

2. falls er wälirend des Genusses des Stijjendiums an einem der 
Palilientage {21. April) in Rom verweilen sollte, in der öffent- 
lichen Sitzung des Deutschen Instituts, sofern dies gewünscht 
wird, einen aufsein Unternehmen bezüglichen Vortrag zu halten; 

3. jede durch dieses Stipendium geförderte Publication auf dem 
Titel zu l)ezeichnen als herausgegeben mit Beiliülfe des EnuAiU) 
GERiiARD-Stipendiums der Königlichen Akademie der Wissen- 
schaften ; 

4. di'ei Exemplare jeder derartigen Publication der Akademie ein- 
zureiclien. 



Ausgegeben am 9. Juli. 



Berlin . gcilnu-kt in der ReicliMtriickerel. 




5H5H5H5H5H5H5H5H5H5H5BHa5HSHSa5H5a5H5HSH5H5HSa5B5H5 



1908. 



XXXIV. XXXV. XXXVI. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



.Silzuiig der iihysikalisch-mathcmatischcit C'lassc am 9. Juli. (S. 721) 

Sitzung der pliilosojiliisck-liistorischen Classc am 9. Juli. (S. 723) 

Krandl: Anfänge der Autobiograpliie in England. (S. 724) 

(TCsaniMitsilzuus: aiu 16. Juli. (S. 735) 

E. Land.\i]: Neuer Beweis der Riemann 'sehen Prinizaliltbrmel. (S. 737) 

E. Landau: Zwei neue Herleitiuigen für die asymptotische Anzahl der Prinizalilen unter einer 

gegebenen Gi-enze. (S. 746) 
0. Puchstein: Jahresbericht des Kaiserlieh Deutschen Archäologischen Instituts. (S. 76.5) 



BERLIN 1908. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 



Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 



Aus § 1. 

Die Akademie gibt gemäss §41-1 '''">' Statuten zwei 
l'oitlaufeiiile VeinCfentlicliunsen licraus : .Sitzungsljeiichte 
der Königlich Pienssisclicn Akademie der Wissenschaften • 
und -Abliandluiigen der Königlich Prcussisclicn Akademie 
der Wissenschaften". 

Aus § 2. 

Jede zur Aiifiiahnic in die .Sitzimgsbeiiclitc' oder die 
.Abhandlungen- bestimmte Mittlieilnng muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt «erden, wobei in der Regel 
das druckfertige Mainiseript zugleich einznliefern ist. Nicht- 
mitglicdcr liabcn liicrzu die Verniiltelung eines ilirem 
Faelic angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
§3. 

Der Umfang einer .aufzunehmenden Mittlieilnng soll 
in der Regel in den Sitznngsbericliten bei Mitgliedern Z'i, 
bei Niclitniitgliedern l(j Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in den .\bhandlungeii 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gcwölmlichcn Schrift der Abhfuid- 
huigen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betrelTcnden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Slitthcilnng nusdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines iManuscripts ver- 
mnthen, dass diese Zustinunung erforderlich sein werde, 
so liat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite atif seinen muthraasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 
§ 4- 

Sollen einer Mittheihuig Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, photogr.nphische Original- 
aufnahmen n. s.w.) gleiciucitigmit dem M.annscript, jedoch 
auf getrennten Rl.ättern, einzureichen. 

Die Kosten der Uci-stellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen crbeldtchen Beti-ag zu veranscbl.agen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung beschliesscn. Ein 
darauf gerichteter Antr.ig ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Voilagen mit dem scliriltlicben Kostenanschläge 
eines Sachverständigen an den Vorsitzenden Seerct.ar zu 
richten, d.-uin zunächst im Sccrclariat vorzuberatlien und 
weiter in der Gesammt-.\kademie zu verhandeln. 

Die Kosten der \'er\iellTihigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Vbersclueitet dieser Anschl.ig für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abh.andlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durch tlas Sccretariat geboten. 
-Vus § 5. 

Nach der Vorleirung und Kinreichung des 
voll.st:iiidiu.'fii (Iriickrorliscii Manuscripts an den 
zuständigen Seeret.-ir oder an tlen .-Vrchivar 
wird über Anliuihme der Mitilieilung in die akademischen 
Schriften, luul zwar, weim eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, vordeokr abgestinnnt. 

Mittheilungen von X'erfasscrn, welche nicht Mitglieder 
der .\kademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsbenchte aufgenommen weixlcn. Beschliesst eine 
('lasse die Aufnahme der Mittheilung eines NiclUmitgUedes 
in die dazu bestimmte Abtbeilnng der • Abhantihmgen«, 
so bedarf dieser Reschluss der Bestätigung durch die 
Gcsammt-Akadcmie. 

(Fortsetzung auf S. 



Aus § 6. 

Die an die Druckerei abzuliefernden Manuscripte müssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitgliede vor Eiiucichung des Manuscripts vorzunehmen. 
Dasselbe hat sieh zu vergewissern, dass der \'erfasser 
seine Mittheilung .als vollkommen dnickreif ansieht. 

Die erste Correctur ihrer Mittheilungen besorgen lUe 
Verfasser. Fremde haben diese erste CoiTectur .in das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctiu- soll nach 
Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Druckfehlern 
tmJ leichten Schreibversehen hinausgehen. Umlangliche 
Correcturen Fremder beilürfen der Genehmigung des redi- 
girenden Sccrctars vor der Einsendung an die Dnickerci, 
nnil die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Slehr- 
kosten verpflichtet. 

Aus S 8. 

Von .allen in die Sitzungsberichte oder Abh.indUingen 
.•iufgenommenen wissenscliafllicbon Mittheilungen, Reden, 
.•\dresscn oder Berichten werden lür die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Uutfang im 
Druck 4 Seiten uiierstcigt, auch fürdcn Buchhandel Sonder- 
abdrucke hersestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitznngsbericlite ausgegeben werden. 

\'onGedächtnissreden werden ebenlallsSonderabdrucke 
lür den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 

§9- 

Von den Sondcribdrucken aus den Sitzungsberichten 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Ak.ademie ist, 
zn unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 50 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl A-on 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er dicss rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünsclit er auf seine Kosten noch mehr " 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigimg der Gesammt-Akndemie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erh.alten 50 Frei- 
exemplare und tlürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar %vcitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

Von den Sonder.abdrncken aus ilen Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Veitheilung ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
atif Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, 
solVrn er dicss rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
gezeigt hat ; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
.\bdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es d.azu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
trefi'enden Classe. — Niehtmiiglieder erhalten ^0 Frei- 
exemplare vmd dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitei-e 100 Exemplai-e auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

5 17. 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissen^lra ftliche Mittlieilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 
3 des Umschlags.) 



721 

SITZUNGSBERICHTE loos 

XXXIV. 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

9. Juli. Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Walde yer. 

*Hr. Wakburg spi-ach über Ozonröliren. 

Die inneren Oberflächen einer O/.onrölire werden durch den Leitnngswechsel- 
stroni elektrisch geladen oder polari.sirt, dadurch entsteht eine Fhasendifferenz zwischen 
Strom und Sj)annung. Der Leistungsfactor ergab sich je nach Umständen zwischen 
0.2 und 0.5. die Ozonmenge für die Kilowattstunde über doppelt so gross als nach bis- 
herigen Angaben. Der innere Elektrodenabstand ist für hohe Ozonausbeute gross, für 
hohe Ozonconcentration klein zu wählen. 

Die Versuche wurden in Gemeinschaft mit Dr. LErrHÄusER ausgeführt. 



Ausgegeben am 23. Juli. 



Sitzungsberichte 190^. 68 



72 H 

SITZUNGSBERICHTE i»«« 

XXXV. 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEI\IIE DER WISSENSCHAFTEN. 



9. Juli. Sitzung der philosophiscli-historisclien Classe. 



^Vorsitzender Secretar: Hr. A'^ahlen. 

1. Hr. BiiANDL hielt einen Vortrag über die Anfänge der Auto- 
biographie in England. 

Er verlblgt das Aufkoaiiiieii und die Entwickhing derselben, wie sie sciion in 
fiernianisclier Tradition wurzelte, durcli Lateiner und Normannen gefördert win-de 
und in Chaucers 'Haus der Fama' 1384 iiiren ersten Gipfel erreichte. 

2. Hr. Erman legt eine Arbeit vor, in der er zusammen mit Hrn. 
Heinrich SriiÄiER die Unechtlieit der neuerding.s im Handel aul'ge- 
tauchten beiden Skarabäen nachweist, die einen Bericht über die Um- 
schiffung Atricas unter Necho enthalten. (Ersch. später.) 

3. Hr. Brunner überreichte »Beiträge zum Wörterbuch der deut- 
schen Rechtssprache«. Weimar 1908. 



68* 



'24 Sitzung der [ihilosopliiscli-liistoi-isclieii Classe vom 9. Juli litOS. 



Anfänge der Autobiographie in England. 

Von Alois Brandl. 



Uie von unserer Akademie angeregte Geschichte der Autobiographie 
A'on Misch zeigt bei'eits, obwohl erst der Band 'Altertum' erschienen 
ist, wie merkwürdig auf diesem Gebiet Philosophie und Poesie zu- 
sammenhängen. Wir sehen nicht bloß, wie eine literarische Gattung 
sich entwickelte, sondern wie der Mensch ein neues Schauen lernte, wie 
er das Auge auf das eigene Ich einstellte und dabei ein zweites Ich ge- 
wann, Avie das beobachtende und beobachtete Ich sich sittlich und 
künstlerisch auseinandersetzten. Die seelisclie Einheitliclikeit des Alter- 
tums wurde dabei zerrissen, und das Christentum, zumal St. Augustin, 
zog daraus den Hauptgewinn. Gern greift man da dem zweiten Band 
vor und denkt sich die Weiterentwicklung der Gattung aus. Dem 
Anglisten fallt eine Menge berühmter Autobiographien des 1 7 . bis 
19. Jahrhunderts ein: Fox und Gibbon, .lohn Stuart Mill und Newman,^ 
Wilde und George Moore. Er erinnert sich, wie zur Revolutions- und 
Napoleonszeit alle namhaften englischen Dichter, die nicht ganz Jung 
starben, ihr Leben beschrieben, ßurns und W. Scott, C'oleridge und 
Wordsworth, Byron. Noch heutzutage werden in England hcäufiger als 
bei uns Autobiographien veröffentlicht. Wann ist dieser starke Sinn 
für Sell)Ststudium und Selbstdarstellung, der gewiß mit dem Eigen- 
wesen insularer Persönlichkeiten zusammenhängt, dort aufgetaucht, wo- 
durch ist er gefördert worden, wie hat er allmählich nach t'berwin- 
dung der mannigfachen Eroberungen, die über britisches Land und 
Denken hinweggegangen, nationale Eigenart gewonnen? 

Germanische Spielmannsdichtung war bereits reich an autobio- 
graphischen Elementen. Liegt es doch allenthalben in der mensch- 
lichen Natur, daß man sich in bedeutsamen Lebenslagen und Stim- 
mungen, oder auch um besondere Aufmerksamkeit zu wecken, selbst 
erscliließt, in Versen lieber als in gewöhnlicher Rede. So mächtig 
sich die antiken Literaturen bis herab zur Zeit Augustins nach dieser 
Seite hin entwickelt hatten, Einfluß scheinen sie liierin auf unsere 



Braxdi.: Aniange der Autobiograiihie in England. l 25 

Vfirfaliren in lieidnischer Zeit nicht gewonnen zu haben: denn altes 
autobiographisches Gut l)egegnet uns zunächst in Formen spezitisch 
germanischer Art. 

Der Spielmann in eigener Person geht voran. Deor nennt sich 
ein Sänger der Heodeningen ; lange hatte er einen holden Herrn; jetzt 
hat ihn ein anderer Sänger verdrängt und ihm den Landbesitz abgenom- 
men: er erzählt im Ton der Klage (Gkein-Wilker, Bibl. d. ags. Poesie, 
I 280). — Widsith heißt ein glücklicher Sänger, der sich weiter 
Reisen rühmt und großer Geschenke von Königen der Sage; er er- 
zählt im Ton der Heldenbewunderung; die Herrscher sind ihm die 
Seligsten auf Erden (das. I, i H'.). Beide Sänger, der klagende und der 
preisende, geben lange Aufzählungen der Sagendinge, von denen sie 
wissen; sie bieten offenbar ihr Repertoire aus, der eine, um Gutsbesitz 
von einem ständigen Herrn, der andere, um Geschenke von einem 
freigebigen Hofe zu gewinnen. Das Autobiographische ist ihnen 
nicht Zweck, sondern Mittel; es ist altheimisch, aber primitiv; es 
gibt sich ohne realistische Einzelzüge, ohne besondere Gefühlswärme, 
ohne höhere Gedanken; es erregt Interesse, aber spiegelt keine Per- 
sönlichkeit. 

Der Eposheld hat bei jedem Volke die Gepflogenheit, sein Er- 
leben in direkter Rede zu schildern. Aber im Liedepos der Germanen 
tut er es in anderer Weise als in den Buchepen Homers und Vergils. 
lin Finnfragment, das ganz den Eindruck der Liedtechnik macht, ruft 
ein Saalhüter den anstürmenden Feinden zu: 'Sigeferth ist mein Name, 
ich bin Fürst der Siegen, als Vertriebener weithin bekannt; viele der 
Wehtaten erfuhr ich, der harten Kämpfe: du Aveißt jetzt Bescheid, 
Mls du mich auch angreifen willst' (das. I, 15 f). Kein Wort mehr, 
als die Situation erfordert. Wer einen solchen Flüchtling angreift, 
hat verzweifelten Widerstand zu erwarten, viel mehr als von einem 
besitzfrohen Mann. Auch was sich im Hildebrandsliede Vater und 
Sohn erzählen, erhöht Wort für Wort die Tragik der Situation. Im 
Reowulf dagegen dehnen sich die Selbstberichte des Helden weit 
üV>er alle Gegenwartsbeziehungen hin aus. Was haben die Umständ- 
lichkeiten von Beowulfs Scliwedenkämpfen mit dem Drachenabenteuer 
zu tun, zu dessen Anfang er sie uns auseinandersetzt! Welch schlep- 
pende Wiederholung ist es, daß Beowulf nach der Heindcehr seinem 
Gefolgsherrn noch in eigener Person den ganzen Grendelskampf vor- 
trägt, den wir längst vom Dichter selbst gehört haben! Ähnlich zweck- 
vergessend erschließen sich die Helden in den christlich-ags. Epen, an 
deren buchmäßigem Charakter seit langem niclit mehr gezweifelt wird. 
Hier liegt nicht mehr die angestammte, sondern eine weitergebüdete 
Art von Autobiograpliie vor, ungeschickt, weil eben erst angelernt. 



72(l Sitzung der jihilosopliiscli-liistorischen Classe vom 9. Juli 1908. 

Im Spielmannslied sagt der Held von sich so viel, daß wir die Wuclit 
seines Wesens besser erfassen; im Bucliepos trägt er Geschichten vor, 
die uns sonst momentan gar nicht interessieren würden, wenn nicht 
er dahinter stände. Dort ist die Autobiographie organisch, obwohl 
ärmer an realistischen Zügen; hier dient sie nur als rhetorisches Kunst- 
mittel, um die Fabel zu schwellen. 

In der Elegie kommt die Persönlichkeit naturgemäß am meisten 
heraus. Das Hauptbeispiel ist der 'Wanderer' (das. I, 28 u. ff.). Er 
denkt wehmütig zurück an die Tage des Glücks, wo er einen frei- 
gebigen Herrn hatte, Hand und Haupt ihm auf das Knie legte, ihn 
umarmte und küßte. Dann kam das Unglück, die Gefolgsschar ward 
hingerafft, mancher verbarg sich in einer Erdhöhle, das Herrenhaus 
verödete. Selbst hier, wo so viel Gefühl sich ergießt, verharrt die 
Schilderung in typischer Allgemeinheit. Der Ausgang ist dann ein 
Gebet der Gottergebenheit. Wo das Christentum in diese Elegien hin- 
einspielt, bewirkt es nicht eine Vertiefung der Autobiographie, son- 
dern beugt sie nur um in Frömmigkeit. Nicht durch Gewissenserfor- 
schung und Beichte ist die literarische Kunst der Selbstdarstelluiig- 
entwickelt worden, sonst hätte sich dieser Prozeß in der englisclien 
Dichtung des 7. und 8. Jahrhunderts gewaltig zeigen müssen. Auch 
auf die Gefiihlsweichhcit eines Volkes kommt es nicht wesentlich an : 
für die Innigkeit, mit der die Angelsachsen das Christentum erfaßten, 
gibt es keine Parallele: im Reowulf lallen Tränen, und manclie Elegien 
zerfließen fast in Weichheit; dennoch wird nirgends ein individueller 
Charakter greifbar. Erst als eine gewisse Gedankenschulung aus den 
klassisclien Ländern eindrang, bei lateinkundigen Angelsachsen, er- 
folgte ein Fortschritt. 

Unter den lateinkundigen Angelsachsen hat Beda in autobio- 
graphischer wie in jeder Hinsicht die führende Rolle. Am Schluß 
der Historia ecclesiastica sagt er in einem Epilog, wo er geboren und 
erzogen wurde, welches seine Lehrer und Vorgesetzten waren, in wel- 
chem Kloster er lebte, aus welchen Quellen er sein Werk schöpfte, 
und was für Schriften er damals (731) bereits verfaßt hatte. Es ist 
Bildungs- und Schaffensgeschichte ; knapp, wie er sie selbst von so 
manchem Missionar geboten hatte ; ein Ausdruck der Dankbarkeit gegen 
Gott und irdische Helfer, woiür es keine Spielmannstradition gab ; ein 
Zeichen der innigen Wertschätzung, die er für Gelehrtheit und das 
in ihr gefundene Glück empfand. Und so schlicht er die Zeilen hin- 
schrieb, zum ersten Male wird bei diesem Kenner lateinischer Poesie 
und Philosophie ein persönlicher Klang hörbar, indem er bekennt; 
inter observantiam discipUnae regularis et cotidlanam cantandi in ecclesia 
curam semper auf dlscerf auf docere auf scribere duice habui. Er war 



Brandl: Anlange der Autobiogi-aphie in England. 727 

immer als Mönch und zugleich als Autor fleißig, als Lehrer und als 
Schüler; er vereinigt Mannigfaches in sich; er stellt eine aparte Ver- 
bindung von Eigenschaften dar. Bei dem großen Ansehen, das ihm 
alle folgenden lateinkundigen Autoren Englands bis gegen Ende des 
Mittelalters zollten, war sein Beispiel eine fruchtbare Anregung. 

In Bedas Art gaben mehrere Schriftsteller des folgenden Jahr- 
hunderts Skizzen ihres Bildungsganges und Schaffens. König Alfred 
in der Vorrede zur Übersetzung der Cura pastoralis nennt dankbar 
seine Lehrer und erzählt, wie er zu solchem Werke kam. .Elfric 
berichtet in Vorreden von seinem verehrten Lehrer .Ethelwold, von 
seinem Kloster, seinen Gönnern, der Entstehung seiner Homiliae ca- 
tholicae und von den mannigfachen Übersetzungen, die er von Büchern 
des Alten Testamentes machte. Ähnliches tat Asser im Leben Alfreds, 
Eadmer im Leben Anselms. Oederk us Vitalis, Verfasser einer Hist- 
oria ecclesiastica in dreizehn Büchern, verwandte i 1 2 8 einen Teil 
des fünften Buches und daim noch einen Teil des Schlußkapitels, um 
über seine Herkunft und früheren Familienverhältnisse zu handeln: 
über seinen traurigen Abscliied vom Elternhaus mit elf Jahren ; über 
seinen ersten Eindruck in der Fremde , im normannischen Kloster 
St. Evi'oult: über seine Lernjahre und ein Klosterleben von 42 Jahren. 
Er ist ein befriedeter Mönch, aber noch immer wirtl ihm weh ums 
Herz, wenn er sich an das .Scheiden aus der Heimat erinnert. Johann 
VON Salisbury schildert in einem eigenen Kapitel seines Metalogicus, 
welchen Bildungsgang er von 11 39 bis 11 48 durchlief, zählt seine 
Lehrer und Patrone auf, charakterisiert den Unterricht, den er da- 
mals erfuhr luid nachmals gab, und verfolgt dabei erziehliche Ab- 
sichten. 

Dies war die erste Phase der latinisierenden Autobiographie auf 
engliscliem Boden. Die Haiiptsaehe für diese Männer ist der Gewinn 
höheren Wissens und Könnens: das beseligt sie und soll anderen an- 
empfohlen werden. Ohne Mühsal ging es nicht ab, doch lun so köst- 
licher empfinden sie das Gelingen. Sie haben weder Leidenschaften 
noch Philosophie, nur Dankbarkeit imd allenfalls einige pädagogische 
Fingei'zeige. Sie geben sich ruhig und unmittelbar, ohne Übertrei- 
bung und ohne Ausschmückung, aber sie haben noch nicht viel zu 
geben; selbst Alfred, der doch viel erlebt hatte, beschränkt sich auf 
den Bedaschen Ralmien. 

Daneben wird bereits in der Zeit zwischen Beda und Alfred eine 
zweite, bewegtere Phase bemerkbar. Cynewulf eröffnet die Autobiogra- 
phie der Bekehrung. Am deutlichsten spricht er sich im Nachwort zur 
Elene aus. Danach war er in der Jugend synnuyn äsdied (V. i 243), hatte 
Kummer und Qual, obwohl er in der Methalle Gold empfing, fülirte 



728 Sitzung der philosophisch-liistorischen Classe vom 9. Juli 1908. 

offenbar ein weltliches Leben und scheint dies mit etwas Übertrei- 
bung auszuführen, wie es bei den Autobiographen dieser Art oft nach- 
zuweisen ist. Dann aber, als er älter wurde, sandte ihm Gott Er- 
leuchtung, erweiterte ilun den Sinn, erschloß ilim die Liedkunst (/w- 
äucrccft 1 250 oülenbar statt koftcraft), machte ihn mit der Geschichte 
von Helenas Kreuzerlindung bekannt und beglückt. Auch hier fehlt 
es an Einzelzügen, die uns den Übergang aus einem Seelenzustand 
in den anderen erklären und nahebringen könnten. Aber der Dichter 
wiederholt seine Angaben so lange und in so eindringlichen Ivraft- 
worten, daß er den Eindi-uck der Erregung hervorruft. Fragt man 
nach einem Vorbild für dieses erste Beispiel der Bekehrungsautobio- 
graphie auf englischem Boden, so braucht man nicht gleich auf Au- 
gustinus zu raten, obwohl dessen Confessiones schon im v und 6. Jahr- 
hundert in Gallien nachgeahmt wurden (Misch L 442 f.). Es genügt, 
an den David der Bibel zu erinnern, der ja unter den Vorbildern des 
Augustinus selbst nicht vergessen werden darf. Ein Psalm wie der 32. 
enthält alles Erforderliche, um Cynewulfs Sinneswendung genetisch 
zu erklären. Germaniscli ist nichts daran ; Recken sind niemals zer- 
knirscht. 

Noch eine Schilderung eigener Bekehrung bietet uns ein ags. Dich- 
ter, dessen Name uns leider unbekannt ist; man kann sein Werk als 
Gebet des Vertrie])enen bezeichnen. Solange es ihm gut ging, hat 
ev firendada plu A-erübt (Grein-Wülker II 218); jetzt ist er aber vom 
Stammsitz vei'trieben, haust im Walde und ist auf Fremde angewiesen. 
Dies betrachtet er als Buße und wendet sieh ziun Himmel um Rei- 
nigimg und Hilfe. Hat bei Cynewulf das Alter die Bekehrung ver- 
anlaßt, so tut es hier das Unglück, was noch nähei- zu David stimmt. 
Ausgemalt wird die Verbindung von Trauer und Zuversicht, von Ver- 
lassenheit und Gottesnähe. Diese christlich-ags. Dichter besitzen be- 
reits viel Sinn für- Seelenvorgänge, zum Schaden iln-er Realbilder, 
und ihre Psychologie koumit nirgends deutlicher zum Ausdruck, als 
wenn sie die Seele in solcher Bewegung und Unüvehr schildern. 

Aber die vielversprechende Kultur der Angelsachsen erhig seit 
867 dem ScJiwert der Dänen und hat sich von diesem Schlag nie 
meiir ganz erliolt. Alfred war ein starker, weiser Mann imd gab ein 
großes Beispiel, das nachwirkte, aber er vermochte nicht dauernde 
Scliulorganisationen zu schaffen. Das taten zwar seit Mitte des 
10. .hdirhunderts die reformierten Benediktiner, doch gingen ihre Be- 
strebungen zu selir auf strenges Leben, eifriges Predigen und reale 
oder theologische Wissenscliaft, als daß sie eine so subjektive Gattmig 
wie die Autobiographie gefordert hätten. Erst durch die normanni- 
sche Theologie gewann sie neues Wachstum. 



Brandi,: Anfänge der Aiitobiogi'aphie in England. 721) 

Laniranc, der erste normnnnische Erzbischof von Canterbury. 
begann die Versuche, den theokratisclien (iedanken selbst unter einem 
so starken Herrscher, wie es Wilhehii der Eroberer war, durch- 
zusetzen. Das führte zu Konflikten, die die Seele der Besten aufs 
tiefste erschütterten. Hieraus erwuchs die Autobiographie des kirch- 
lichen Kämpfers. Er selbst schrieb ein derartiges Werk, wie Ead- 
mer in der Hlstorla novorum glaubwürdig bezeugt: Ipsemet de rebus 
ecdesiasticis, qune suo tempore gesta sunt, veracissimo et cowpendioso ca- 
Icnno rescripsit (ed. Rule, R.B.S., 1884, S. 13). Es dürfte mehrfach 
von den Chronisten benutzt worden sein (vgl. Liebermann, Hist. 
Ztschr., N. F. V, 336), ist aber verloren. Aber was Giraldus Cam- 
RRENSis um 1200 IJe rebus a se yestls schrieb, ist erhalten und mul.i 
als die erste selbständige Autobiographie, die wir auf englischem 
Boden finden, näher untersucht werden. 

Giraldus war ein Waliser: das macht sich aul jeder Seite seines 
Buches fühlbar. P"r hat einen bewegliclien Verstand und ein erreg- 
bares Temperament, liaftet aber gern am Kleinen und verirrt sicli 
dabei in eine Eitelkeit, die den Leser oft lächeln macht. Er beginnt 
mit seiner fürstlichen Abstammung, iiKjenuls natnllJms. Er ließ schon 
in seinen Kinderspielen — er baute gern Klöster ans Sand — den 
künftigen Beruf durchscliinmiern : der Vater sah es eiini admircdione. 
Als Knabe ward er in einer Nacht durch Kriegslärm geweckt; 'Tragt 
mich zur Kirche' rief er, und alle Anwesenden bewunderten den ahnungs- 
vollen Ausruf. In den Studien kam er anfangs langsam vorwärts, 
dnnn aber wunderbar rasch, besonders in Paris, sunvuos praeceptores 
de)imrii aequiparando. Wollten die Professoren einen Musterschüler als 
Beispiel aufstellen, so sagten sie: Macht es wie Giraldus! Zwei Ka- 
pitel widmet er diesen subjektiven Dingen, und dann wendet er sich 
sofort zu den kirchlichen Kämpfen, die sein Leben füllten. Er stritt 
für und um die Kirche St. Davids, an der ein Onkel von ihm Bischof 
war; um jeden Preis wollte er dessen Nachfolger werden. Ya- ficht 
für den Zelmten dieser Kirche, rettet sie vor einem bösen Nachbar- 
Iiiscliof, predigt einen Kreuzzug mit Erfolg, während ein anderer 
Prediger abfiel; immer muß Giraldus als Helfer an die Spitze treten — 
aber als ihn das Kapitel zum Bischof wählte, lehnte ihn der Köniu 
ab: er wollte keinen zweiten Thomas Becket haben. Giraldus ginu' 
7A\ Hofe, bezauberte den König und wurde dessen Kaplan, gefiel den 
Prinzen und begleitete sie auf Reisen: aber als St. Davids nach Jahren 
wieder frei wurde und das Kapitel ihn wieder vorschlug, erhob der 
Erzbischof von Canterbury Protest. Dreimal reiste Giraldus nach Rom, 
um seine Sache durchzusetzen, und vieler Erfolge durfte er sich rüli- 
men, aber sein Hauptziel konnte er nicht erreichen. Mißnuitig zog 



( 80 Sit/.unj; der jihilusopliisch-liistoiisclien Classe vom 9. Juli 190S. 

er sicli zurück und ;>clirieb seine Autobiograpliie. Er redet manch- 
mal im Ton der Apostelgeschichte, handelt von sich selbst immer in 
der dritten Person, fiigt eine Reihe Visionen an. die er gehabt haben 
will, hat aber keinen Gedankengehalt zu bieten, noch weniger künst- 
lerisclie Form. Wissen, Erleben und Sprachfertigkeit genügen noch 
nicht, um eine interessante Autobiographie zu machen. Dazu gehört 
eine hochstrebende Denk- luid Empfindungsweise, von der der Kleriker 
Giraldus weit entfernt war. Immerhin ist sein Unternehmen beach- 
tenswert: es dauerte fast 400 Jahre, bis ein Engländer, und zwar ein 
gelehrter Landwirt, Thomas Tusser, wieder eine selbständige Auto- 
biographie wagte. 

Die Kirchenkämpfe der normannischen Geistlichen wirkten auf 
die Iiöheren Kreise: die mystische Theologie aber, die mit ihnen 
über den Kanal kam. wirkte allmählich auch auf das englische Volk. 
Diese Mystik beschäftigte sich besonders mit zwei Gegenständen: mit 
der höchst lebhaften, ja visionären Ausmalung von Himmel und Hölle 
und mit der geistlichen 3Iinne. Nach diesen beiden Seiten entstanden 
jetzt englische Gedichte autobiographischer Art. 

'Ich bin älter, als ich war", hebt der Dichter des Poema morale 
an und schildert, wie töricht, müßig imd leichtfertig er bisher war: 
jetzt aber ist er alt, und vielleicht ist es zu .spät, Gottes Gnade noch 
zu gewinnen. Daran reilien sich die Bilder von Himmel und Hölle, 
die uns hier weniger kümmern als die Einleitung mit ilirem Erleb- 
niston. Im Gegensatz zu Cynewulf und dem ags. Vertriebenen be- 
ruhen hier die beklagten Irrungen nicht mehr auf einstigem Hoch- 
leben, sondern nur auf der Jugendtorheit des Dichters; mid er setzt 
sie nicht so sehr auseinander, um dadurch Gottes Hilfe zu verdienen, 
sondern um andere zu warnen: es ist also nicht mehr die Zei'knii*- 
sehungsweise des David, sondern die des Augustinus. Die Confes- 
siones wurden zu jener Zeit in Frankreich und in Deutschland stu- 
diert und nachgebildet: ich erinnere nur an die Histoiia calamitofinn 
ineanini von Abelard, an den LibeUus de tentationlbus des Othlo von 
St. Emmeram. Es wäre merkwürdig, wenn nichts davon nacli England 
gelangt wäre. 

Die geistliche 31inne kommt autobiographisch am deutlichsten zum 
Ausdruck im Guten Gehet an iinsre Frau (God ureisun 0/ ure lefdt), das 
ein 31önch um i 200 an die Mutter Gottes richtete. AUes auf Erden 
habe er tiü- sie aufgegeben, ihr diene er bei Tag und Nacht, vor 
ihr beuge er die Knie: mein Leben ist Dein, meine Liebe ist Dein, 
mein Herzblut ist Dein, imd, wenn ich so sagen darf, meine liebe 
Frau. Du bist mein'. In solchem Ton liatte in England zuerst An- 
selm, der zAveite normannische Erzbischof von Canterbury, geschrie- 



Brandl: Anfänge der Autobiographie in England. 731 

Len, in den Meditationes Nr. 8: 'diligo ie \ und auch in einer dem hl. 
Bernhard von Clairvaux zugeschriebenen Marienpredigt heißt es: 
rorani tuae ce/situdinis glorta genu flectlmuK (vgl. W. Vollhardt, Einfluß 
der lateinisch geistlichen Literatur auf einige kleinere Schöpfungen 
der englischen Übergangsperiode, Leipzig 1888, S. 24). Nicht bloß 
geänderte Empfindung, sondern Umschwung der ganzen Lebensweise 
bringt hier der Dichter zum Ausdruck; er schreibt nicht mehr aus 
irgendeiner Verstandesabsicht, sondern aufgehend in einer schwär- 
merischen Empfindung, wie sie die antike Welt nicht kannte; es ist 
nicht bloß Lyrik des Erlebnisses, sondern Lyrik als Leben. 

Religiöse Mystik hat fortan noch oft und tief die englische Auto- 
biographie befruchtet. Ein Hauptbeispiel dafür ist Richard Rolle, der 
Einsiedler von Hampole, gest. 1349, der in seiner lateinischen Schrift 
De incendio mnoris' erzählt, wie sein Herz von der himmlischen Liel)e 
als von einem füldbaren Feuer, sensibUi igne, ergriflen wurde: Eram 
equidetii attonltus. que>nadni()duin ernprrat ardor ilk in aniino. Die reicli- 
sten Passionshlüten solchen Gottsucliens folgten dann im ly.Jahrhun- 
dert in den Tagebüchern der Quäker Fox, Penn, Edmundson. 

Was daneben in frühmittelenglischer Zeit an autoliiographischen 
Elementen weltliclier Art hervortritt, ist unbedeutend. Da sind die lako- 
nischen Andeutungen des CUironisten Lagliamon gegen i 205, über seinen 
Lebensort und seine Quellen; die Andeutungen des Chronisten Robert 
von Gloucester, wie er gerade während der Schlacht bei Evesham 1265 
eine große Finsternis eintreten sali und dadurch sehr erschreckt wurde ; 
Reisebericlite, wie sie Walter Map, Giraldus Cambrensis, Gervas von 
Tilbury, Matthäus von Paris verfaßten; Memoiren, z.B. die von -locelin 
of Brakelond über seinen Abt Samson und sein Kloster Burg St. Ed- 
munds um 1 200. All diese Angaben entbehren der Innerlichkeit. 
Erst um die Mitte des 14. Jahrhunderts, als überhaupt originalere 
Dichternaturen in England wieder auftraten, zeigt sich ein Fortschritt 
in der Autobiographie: in der Dichtung 'Die Perle'. 

Der Dichter hat sein zweijähriges Mädchen verloren. Das hat ihn 
der Freude beraubt, mit Sehnsucht erfüllt, im Innern gespalten. Im 
Traum sieht er sie wieder, im Himmelsgarten, verklärt, selig, jenseits 
eines Wassers auf blumiger Au. Bist du meine Perle, ruft er sie an, 
die ich A^erloren und beklagt habe? Du klagst mit Unrecht, entgegnet 
sie ihm, und weist auf die himmlischen Freuden, die sie umgeben, 
und eine glänzende Prozession der Auserwählten zieht an ihm vorbei, 
zur Anbetung des Lammes. In seinen Herzen wogt es : Staunen, Freude, 
Liebe, Kummer, Ungeduld, Demut, Überzeugtheit, Verwunderung. Er 
will sich ins Wasser stüi-zen, um zu seiner Perle zu gelangen, aber 
das ist niclit der Wille Gottes. Der Dichter muß sich ergeben, wie 



732 Sit/.ving der philosoijliiscli-liistorisclien ("lasse vom it. Juli 1908. 

von einem Herrn und Freunde sieh führen lassen, in Christus seinen 
Segen finden. Er wird nicht bloß getröstet, sondern sein Wesen ändert 
sich aus Weltschmerz in Gottvertrauen. Äußere Anrei>ung- kam ihm vom 
Rosenroman, jener typisch-allegori.schen Autobiographie des Liebenden, 
die AYillielm von Lorris etwa 1237 in Frankreich nach Ovidischem Vor- 
bild schrieb. Der Garten der Rosen hat sich beim Engländer in den des 
Paradieses gewandelt; selbst die blinkenden Kieselsteinchen im Wasser 
wiederholen sich. Aber der Kern ist Erlebnis, in mystische Wärme 
und Bildlichkeit getaucht. Die Sinnesänderung befestigt sich, indem 
sie der Dicliter in Verse bringt. Alis einem schwachen Christen wird 
er durcli weiblichen, kindlichen Einfluß ein voller Christ. Er beginnt 
eine vita niiova. 

So schön und ergreilend die 'Perle' ist, so tiefgehenden Geistes- 
aufschwung sie darstellt, betrifft sie doch nur ein einziges Erlebnis. 
Eine ganze Lebensentwieklung, und zwar eine dichterische, hat erst 
Chaucer geboten, im 'Haus der Fama' 1384. 

Was dieses nicht ganz leicht erfaßl)are Bekenntnis in Versen be- 
deutet, wird erst klar, Avenn man es in der Reihenfolge der englischen 
Autobiographien betrachtet. Zum erstenmal auf englischem Boden hat 
hier ein Engländer seine Vergangenheit, Cregenwart und Zukunftsfrage 
geschildert. In der Vergangenheit hat er der Liebe gedient, nach der 
Mode der Zeit, doch nur wenig Lohn davon gehabt; Leidenschaft und 
Ringen nach sinnlichen Gütern schafft Weh; genug da^-on (i.Buch). Er 
erhebt sich darüber zu den Sternen, zur Beobachtung des Menschenlaufs 
von oben — man mag an Boethius und astronomische Studien denken, 
imch an die Himmelfahrt des Arcitas, die Schicksalsbetrachtungen 
im Ti-oilus, die Divina commedia des von Chaucer so hocligeschätzten 
Dante (2. Buch). Seine Zukunft hängt ab von der Cröttin Fama, die 
er nach Ovids Vorgang in einem Haus hoch in den Lüften schildert, 
beschäftigt mit Austeilung guten und bösen Rufes fiir die verschie- 
denen Dichter. Aber nicht auf den Ruhm hat er, als echter Dichter, 
es abgesehen. Nebenan ist der Garten der Fama, wo alle Gerüchte und 
ErzälilunQ-en der Welt zusammenfließen. Avahre und falsche: da. in- 
mitten bunter LeliensreÜexe, ist der Dichter heimisch und wünscht sich 
dauernden Aufenthalt (3. Buch.) Die Summe innerer Erfalu'ung hat 
uns Chaucer hier vorgelegt mit einer Freiheit, die wohl nur durch 
<lie visionäre Einkleidimg möglich war: das Ganze ist nämlich nach 
Art des Rosenromans als Traum hingestellt. Sein Hauptzweck war 
offenlnir der, sich über Dinge, die ihm zunächst gingen, auszusprechen; 
nur nebenbei deutet er an, daß er eine Entlastung von seinen Amts- 
geschäften im Londoner Hafen wünsche, um mehr Zeit zimi Lesen und 
Dichten zu bekommen. Realistische Ausführuno- wäre in einem so alle- 



Brandi : Anfänge der Autobiogi-apliie in England. 73 S 

goi'ischen Werke schwer gewesen; Chaucer, der sonst gelegentlich über 
sein Aussehen, seine Geldverhältnisse, seine Arbeiten sehr tatsächliche 
Mitteilungen machte, hat sich dies hier versagt ; nicht auf Einzelheiten 
kam es hier an, sondern auf" den Zusammenhang des Seins und Wollens. 
tlberüießendes Gefühl ist vermieden: dafür meldet sich jener feinsin- 
nige Humor des Zuschauers, der über das eigene Leiden und Ringen 
zu lächeln vermag. Es dauerte zwei Jahrhunderte, bis die englische 
Autobiographie, die hier zum ersten Male national auftritt, in der 
Shakespearezeit über diese Stufe hinauskam. 



Ausgegeben am '23. Juli. 



735 

SITZUNGSBERICHTE loos. 

XXXVI. 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IG. Juli. Gesammtsitzung. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

1. Hr. 3IÜLLEE legte eine Abhandlung, betitelt "Uigurica«, vor. 
(Abh.) 

Die von der zweiten und dritten 'rnrlan-Expedition mitgebrachten, in dieser Ab- 
handlung veröftentUchten nlten türkischen Texte sind i. ein christliches apokryphes 
Bruchstüclv: »die Anbetung der Magier ■■, 2. Reste des buddhistischen ■■Goldglanz-Sritra». 

2. Hr. Feobenius überreichte eine Mittheilung des Hrn. Prof. Dr. 
Landau in Berlin »Neuer Beweis der RiEMANN'schcn Primzahl- 
formel«. 

Die von Hii^mann 185g heiu'istisch abgeleitete Foi'uiel für die Anzahl der Prim- 
zahlen unter einer gegebenen Grösse ist zuerst 1894 von Hrn. von IManoüldt be- 
wiesen worden. Der Vei'fasser giebt einen neuen, viel kürzeren Beweis an. 

3. Hr. PiscHEL legte eine Abhandlung der HH. Dr. Sieg und Dr. Sieg- 
LiNG in Berlin vor: Tocharisch, die Sj^rache der Indoskythen. 
Vorläufige Bemerkungen über eine bisher unbekannte indogermanische 
Litteratui'sprache. (Ersch. später.) 

Die Verfasser behandeln eine der unbekannten Sjjrachen. die sich in den von 
Geünwedel und von Le Coq aus Turfan mitgebrachten, in Brähnii geschriebenen Hand- 
schriftenresten findet. Es wird gezeigt, dass zwei wesentlich von einander verschiedene 
Dialekte vorliegen, von denen der eine bisher ganz unbekannt war. Die Verfasser be- 
stimmen die Fremdzeichen dieser Sprache und zeigen, dass die bisher für Mongolisch 
oder Türkisch gehaltene .Sprache das Tocharische oder I ndosk vthisehe ist. Es 
wird, namentlicli durch die Zahlwörtei-, die N'erwandtschaftswörter und einige andere 
linguistisch besonders interessante Worte, gezeigt, dass das Tocharische eine indo- 
germanische Sprache ist. ^'on dem unbekannten Dialekt wird zum Schhiss eine 
Textprobe mit Übersetzung gegeben. 

4. Hr. Müller-Breslau legte eine Abhandlung des Hrn. Prof. Dr. 
Fr. Kötter in Charlottenburg " ü b e r d i e T o r s i n d e s W i n k e 1 e i s e n s « 
vor. (Ersch. später.) 

Im .\nschluss au ui: Saint \'enani*s Lösiuig des Torsionsproblems für den recht- 
eckigen Querschnitt behandelt der Verfasser das gleiche Problem für den Querschnitt 
eines scharfkantigen Winkeleisens, indem er ziuiächst die Länge der Schenkel im Xer- 



/ 30 Gesaiiimtsit/.ung vom IB. Juli 1908. 

glficli /ur Bi'eite als unendlich gross voraussetzt und dann die gefiuidene Lösiuiü mit 
einem Zusat/.,i;Iiede versieiit. welches die Krliillunp; der Grenzliedingung an den .Schenkel- 
enilen ermöglicht. Nachdem so die N'ertheilung der Spannungen innerhalb des Quer- 
schnitts bestimmt ist, ergiebt sich für das Torsionsnioment eine verhältnissmässig ein- 
fache Formel. 



Die ^Vkademie hat in der Sitzung am 25. Juni den Professor 
der Astronomie und Experimentalphysik an der Universität Cambridge 
(England) Sir George Howard Darwin zum correspondirenden Mitglied 
ihrer physikalisch-mathematischen Classe gewählt. 



Die Akademie hat das ordentliche Mitglied ihrer philosophisch- 
historischen Classe Hrn. Eberhard Schkader am 3. Juli durch den Tod 
A'erloren. 



E. Landau: Neuer Beweis der RiEMANN'schen Primzahlformel. 73^ 



Neuer Beweis der RiEMAJmschen Primzahlformel. 



Von Prof. Dr. Edmund Landau 

in Berlin. 



(Vorgelegt von Hrn. Frobenius.) 



IN achclem Rie.manx im Jalire 1859 seine berülunte Primzahlformel in 
diesen Akademieberichten auf heuristischem Wege entwickelt hatte, 
vergingen 35 Jahre, bis ein Beweis gelang. Dies große Verdienst 
gebührt Hrn. von Mancoldt, welcher von den HADAMARDSchen Resul- 
taten über die Zetafunktion ausging und durch Hinzufügung einer 
langen Kette scharfsinniger Schlüsse zum Ziele kam. Dieser Beweis 
war so umfangreich, daß Hr. von Mangoldt in diesen Akademieberichten 
vom Jahre 1894 nur einen Auszug aus ihm veröffentlichte und die 
vollständige Begründung 1S95 im Bd. 114 des CRELLEschen Journals 
nachfolgen ließ. Es ist mir nun gelungen, auf einem wesentlich kür- 
zeren Wege zur RiEMANNschen Formel zu gelangen ; der folgende Beweis 
ist übrigens der RiEMANNSchen heuristischen Methode näher verwandt 
als der von MANGOi.DTSche. Ich setze hier meinen neuen Beweis mit 
allen Einzelheiten (insbesondere genauer Begründung einiger meist be- 
kannter Hilfssätze) auseinander, gleichfalls von Hrn. HAnAiMARos klassi- 
scher Produktdarstellung der ganzen Funktion (s-l)s(.s) ausgehend. 
Eine zAveite durch die neuen Kunstgriffe wesentlich abgekürzte Beweis- 
anordnimg auf VON MANGOLDTScher Grundlage werde ich demnächst an 
anderer Stelle publizieren und dort gleichzeitig zum erstenmal die 
entsprechende allgemeinei-e Formel für die Primzahlen einer arithmeti- 
schen Progression beweisen. 



Hilfssatz i: Es werde die komplexe Variable .s := er + // 
gesetzt. Für -1<ö-<2, t>2 und für er ^ 2, ^> ist 

r'(6') 



- «1 loa 



r(.) 

wo «1 (desgl. später a.,, . . .) eine absolute Konstante bezeichnet. 

Sitzungsberichte 1908. 69 



738 Gesammtsitzung vom 16. Juli 190S. 

Beweis: Es ist für obige s 



T(s) 



[l' 



<i + 1 + U 






- C h Ä > — ; : 

*■ '^. n (s -f- n 



+ ■' 



-^ n(s + n) 

1 

nln-1) ^ 



;c' + - 



-"^ n \s + n 



2+- 



ff , lOfi 



+ 



- «, log I 



Hilfssatz 2: Für ^^=-1 und für er = -s, wo 2- eine un- 
gerade ganze Zahl ^3 ist, nebst ^ ,> ist 



Beweis: 



et<T 



,,«(r+(0-|- 1 



(,-■(.-+'0-1 



cto; — 



< iur t ^ -], 



e-^'-l 



e-'^'+l 



■1 



1 für j- = - c- , )" rg , 



Hilfssatz 3 : Für c ^ - 1 , | <| ^ 1 und für u — -- (z = 'S, ö, 
.), t = ist 



a. log I j' I 



Beweis: Nach Riejiann ist 

,'(..) ^°^i-^J+ 2^'* 2 r(i-.) ?(i-6) 

Aus Symmetriegründen genügt es, er ^ — 1 , / ^ - 1 und u 
zu betrachten. Alsdann gehört s dem Gebiet an, für welches der 
Hilfssatz 2 bewiesen ist, \-s dem Gebiet, für das der Hilfssatz i gilt; 
ferner ist für u ;r; - 1 , wenn p alle Primzahlen, m alle positiven ganzen 
Zahlen durchläuft. 



c, ^ 2::; 



^'(1^) 

:(i--^) 






)": p 

'11 -ä) 






dalier ist für alle .s der Behauptung 

log [2n) ^ rt , + «, log I 1 — 5 I + «,; --^ a., log 






Hilfssatz 4: Es sei T^'J, N{T) die Anzahl der Null- 
stellen von s(s), deren Ordinate zwischen (exkl.) und T 
(inkl.) liegt. Dann ist 

,V(7'+ 1)-. VCD ~-.«, log r. 



E. Landau: Neuer Beweis der Rie.hann- 'sehen PrimzahH'oniiel. 



739 



Beweis: Wie zuerst Hr. Hadamard im Bd. 9 (1S93) der Ser. 3 
des LiouviLLESchen Journals bewiesen hat, ist die Summe der rezi- 
proken Quadrate der nicht reellen Wurzeln p = /B + 7« {Q < ß -<1) von 
C(s) absolut konvergent und (mit konstantem B) bei jeder Anordnung 
der p 









Daher ist für s = 2 + Ti. T^2, wenn der Hilfssatz 1 benutzt wird, 



i ? 

folglich wegen 
Sil 



+ 1 



«., log T 






2-ß 



rr + 



~ > 



1 



(2 - ß)-^ + (7- yy ' ß' + f 4 + {T- yf - 4 \ + {T- yY 



(2) 



y -L 

^ 1 + {T 



+ {T-yy 



• 4«,, lo2' T = ö|„ loo- T 



In der Summe links gibt es N(T+\)-N(T) Glieder, für welche 

r<7<r+l ist; jedes derselben ist 2S ^ ■ Daher ist 

-V(7'+ l)-A'(7')-.2rt,„log7'= öJog-7'. 

Hilfssatz 5: Wenn a in i' nur die Wurzeln durchläuft, 
für welche [T-yI^I ist, so ist für alle T^2 

Beweis: Nach (2) ist 

Hilfssatz 6: Für s= t + Ti , -l<o-<2, T^2 ist 



^i^^^j) 



los 



Beweis: Nach(i) und dem Hilfssatz i ist, da !'li(s + 3)>2 ist, 



2(. 



+ 3 -p 



:«.:,+ 2 "'l^g 



+ 3 



+ 1 



rt,,log|.s| 
69* 



740 Gesammtsitzung vom 16. Juli Ht08. 

Die Glieder dieses S , welche nicht zu S' gehören, haben nach dent 
Hilfssatz 4 eine Anzahl < ff,, log T; jedes derselben ist absolut genommen 
< 1 + a,,; , wo — eine untere Schranke für die | p \ bezeichnet. Daher ist 



^ (s + 3-p^ pj 
also unter Anwendung des Hilfssatzes 5 



^ff,,l0glN 






■«.Tlog|*l+2'|7^ 



(s-p)(s+3-p)\ 



«,, log 1 4- 1 +3 «,, log T -^ rt„ log \i\. 



Hilfssatz 7: Es gibt eine absolute Konstante Ois, zu der 
sich in jedem Intervall g:^t-:^g+\. wo g ganz und >2 ist, 
eine Zahl T^ so wählen läßt, daß das Intervall 

T L_-<,<r+ ' 

" o,.log2; ■' a,JogT,, 

nicht die Ordinate einer Nullstelle von ':.(s) enthält. 

Beweis: Nach dem Hilfssatz 4 gehören dem Ordinatenintervall 
(/<;^r/4-l für alle </ = "2 , 3 , ■• ■ höchstens a.^logg-l Nullstellen an. 
Teilt man das Intervall in [c?,,, log^] gleiche Teile und nennt T,, den 
Mittelpunkt eines innen von NuUstellenordinaten freien Teilintervalls, 
so ist der Abstand von T, zur nächsten Nullstellenordinate 



2 [a,,, log 9] ' 2a,., log T,, 



Hilfssatz 8: i. Wenn man die für <7-~\ reguläre Funktion 



logL'(.) =^~-- 



längs der Ordinate 2', (^ 



2,0, 



nach links fortsetzt, so ist 



I logC(*) I -- a,„(3 -^) log^ I .V I für a^-2,t=T,,. 

2. Wenn man für positiv-ungerades 2r^S den gefundenen 
Wert von log 'C,{— z + T,J) längs der Abszisse —: nach unten fort- 
setzt, so ist 

I log : (..) \-~^a,,{z+ 7;,) log^ I .V I fü r ^ = - r , 7; ^ < ^ - 7; . 

Beweis: i. Für -1 ^cr^2 , ; = 2^, ist nach (1) 






B- 






E. LANn.vr: Neuer Beweis der RiEMANN-'schen Primzahlfonnel. 



lU 



wo I 2;,- y| 11:1 in i', -^1 in :;" ist. Nach den Hilfssätzen i, 4, 6 und 7 
ist (da S" nur höchstens o, Jog T, Glieder umfaßt, deren jedes absolut 
^a,slog7; + fl,c ist) 



:{s) 



iJ I + I + a,, log I .V I + rt, , log I .y I + a, , log' T^ < «,, log' | * | ; 



für (j^-l , t -- T„ ist nach dem Hilfssatz 3 



. rt. logl«! ---«,, lo" 



daher ist für t^2 , t = 2], 

s 

logC(.) I = I log ;'(2 + 7;,;) + J ^^'^ du 

■i + T;,i 



: log C(2) + (-2 - 0-) a,_, log- 1 .s I < ö,„ (3 - «7) log' | 5 1 , 



satz 3 

llogs(«)| = 



2. Für T = -^, r,|>;>- 7^, ist nach dem Vorigen und Hilfs- 
log S(--+7;0+ I -i^'-^f/« 



; + y; t 



;-(") 



. a^„ (3+5) log' I Ä I + 27;«., log I s I 
<a,,{s + T„)\og'\s\. 



Hilfssatz 9: Es sei ^-^-L konvergent un 



d 



i='Vi';„ für nicht ganze x, 
f= > i-,, — ^ Ivxr ganze x. 



Dann ist 



2+7V ^_ 

1 r .»" ^ o„ 



lim — -. I '--S --d.s=J\x). 



Beweis: Bekanntlich ist 

2 + /■. 



lim ~ i ^ ds — 1 bzw. - für y > 1 bzw. y — l ■ 

r= V -Im J .v 2 



Daher ist 



2+'A ,, 

1 r ^s i"i ii 
lim — : ^ "K -^ ds = fix) , 

r=cc 27ri j s -^^11' ■' ^ ' 



und es bleibt nur zu beweisen, daß 






,. [..| + i 



742 



Gesainmtsitzune; vorn Hi. Juli 1908. 



ist. Für <y < 1 ist nach dem CArcuYSchen Satz bei geraden Wegen, 
falls IC > 2 ist, 



2+r; 



.V 



ds 



,r+ri 2+7V 



J 5-+/ ^'^-J,?*N^Jr'"+Sj'"- 



'r+7l 

also, wenn zur Grenze lo = oo übergegangen wird, 

2+ ZV 



J H^f>-^ 



log«/ 

Daher ist, da die unendliche Reihe von 2 - Ti bis 2 + Ti gliedweise 
integriert werden darf, 



fr 2 H' % IM 



■2a;" 



,, = |j-i+i _7'log 



__r, n=[x] + \ 

was für T =■ CO den Limes hat 






Zusatz: Nach dem Hilfssatz g ist speziell, wenn h„ = — für 



ni 



n = p'", sonst i„ = gesetzt wird, das zugehörige 



2+r. 



f(x) = lim ^ I — los r,{s)cL- 



eine ungerade Zahl 



Es sei nun .r > 1 , c/ eine ganze Zahl > 2 , 

> 3. Der CAuciiYsche Satz werde auf den Integranden — log ? (.«) und 

bei positivem Umlauf auf das Rechteck mit den Ecken 2 + Tyi, - z+T^i 
angewendet, welches längs der er- Achse von —z bis zum Punkte 1 und 
längs jeder Horizontalen / = y im Ordinatenintervall (-T,, • • T^), welche 
mindestens eine Nullstelle von ? [s] enthält, von - z -\- yl bis zu der am 
weitesten rechts gelegenen Nullstelle aufgeschnitten ist. Dann ist der 
Integrand im Innern dieses einfach zusammenhängenden Bereiches 
regulär. Auf dem Rande hat er den Pol ■« = und als logarithmische 

Verzweigungspunkte: i. ,*? = 1, 2. s = -2, s = -4, ■•• , •^ = " 2 y 

= — c+1, 3- die f, für welche - Z|, < 7 < T, ist. Bei der Anwen- 
dung des CAUcnYschen Satzes darf, wenn beide Ufer jedes Schnittes 
durchlaufen werden, in jede logarithmische Verzweigungsstelle hinein 
integriert werden: nur beim Pol ist nach oben und unten ein Um- 
weg zu beschreiben. 



E. Lamiai: Neuer Beweis der RiKMAXN"schen Priiiizalilforniel. 743 

Es mögen auf dem Schnitt mit positiver oder negativer Ordinate y 
gleich allgemein, von links nach rechts betrachtet, die Nullstellen 

p^, ■■■ , p,. mit den Ordnungen A, , ■ • • , 'a„ liegen. Da log 'C (s) - A„ log (s — p„) 
in /;„ {n ^ 1 , • • • , v) regulär ist, so lautet der auf beide Ufer der Teil- 
strecke von |C„_i bis p„ (wo c^ den Endpunkt -;:-|-7/ bedeutet) bezüg- 
liche Beitrag zum Integral 27r/ (A„ + A„^, -f ■■■ + A„) ~ds; das In- 
tegral über beide Ufer des Schnitts ist also 



"»•' 



2ni X, f-d, + ... + A„ -' d. = 2« V ± ds, 

^-! + yi '-; + ~/i '^ ■ ■--• + -.1 

über alle p mit der < )rdinate 7 erstreckt, wobei mehrfache p entsprechend 
oft zu zählen sind. Beim Schnitt längs der reellen Achse verhält es 

sich mit den negativen Nullstellen ebenso; wenn i; (ü) = - .^ und der 

Charakter der Punkte .s = und .«; = 1 berücksichtigt wird, sieht man, 
daß dieser Schnitt den Beitrag 

[:i ,=«._^^ ,. ^^ .^^ 

(t,) ini "5^ ds + tni \02: -2 - -Ini lim ( ^ ds +\^ ds\ 

^ :^,l * ' '• = + "\j ^' j ^' / 

liefert. Wenn also, von --T„l nach oben an gerechnet, 1, II, 
III, IV die vier Rechtecksseiten bezeichnen, dabei IE die senkrech- 
ten Stücke des Weges von —:-[-TJ bis -z-T^i ohne die inzwischen 
zu durchlaufenden Schnitte, so ist der Ausdruck (3), vermehrt um 

2-Ki "V ds, gleich der negativen Summe der Integrale über 

I, II, III, IV. 

Ich gehe nun zur Grenze z ^ co über. I ist von ~ unabhängig. 
Auf III ist, da log t{s) dort überall den Wert beim zweiten Teile 
des Hilfssatzes 8 mit einem Fehler bedeutet, der absolut genommen 

<2-(2^7^,) + -^j ist, 

■^■^ log ^.v) ^ •^-^" («,, (c + T.,) \og^ \s\ + ArrNCQ + ttz) ^ n,sX-' (c + Z, + N{T.,)) . 

Der Integrand hat also auf III gleichmäßig für - = 00 den Limes 0; 
da die Weglänge von c unabhängig ist, hat das Integral den Limes 0. 
Ich behaupte ferner, daß die Integrale über II und IV für ^r = 00 
einen Limes besitzen und einfach über die unendlichen Geraden 
^ = ± 7^, von er ^ 2 bis er = - 00 erstreckt werden können. In der 



744 



Gesamnitsitzung vom 16. Juli 1908. 



Tat ist nach dem ersten Teil des Hilfssatzes 8, wenn die Sjanmetrie 
der beiden Wege berücksichtigt wird, fiir t = ±T„, er ^ 2 



(4) 



logS(.- 



^2(1 (;> — c") log- 1 ■>■ I -^ "2:1 •>;' (3 — ^) 



Ferner hat, wenn Li (e") den in der von U bis - co aufgeschnittenen 
Ebene eindeutigen, für ic > reellen Zweig bezeichnet, jedes der end- 
lich vielen Glieder ds fiir - = 00 den Limes Li [x-) +~l, je nach- 

- = + ■,' 
dem -)'>0 oder 7<0 ist; elienso konvergiert das letzte Glied in (o) 

gegen — 2wiLi{x). Endlich ist. da alle Elemente negativ sind und die 

unendliche Summe der unendlichen Integrale konvergiert, 

= = -„t',J -^ „:f,j * ,±,J « .1 ^'(^-^"-1) j ^log.y(,y^ 

Der Grenzübergang z =^ od hat also ergebeii: 

Li(x) - ^ Ll(^) + f fj^ - loo 
:~Q ~los;(.)d.+j •^; log ;-(.)./. +J ^log;(.)rf.j 



x + 'r,,i 



(5) 



-x-r„, 



2+7„l 



Jetzt gehe ich zur Grenze </ = 00 über. Das zweite Integral 
rechts hat nach dem Zusatz zum Hilfssatz 9 den Limes 2~if{x). Das 
erste und dritte konvergieren gegen 0: denn nach (4) ist jedes für 
5' > 8 > (?" absolut genommen 

j \n ff j 

~ ^ —00 

Die rechte Seite von (5) konvergiert also gegen f{x). Also exi- 
stiert auch links der Grenzwert 



(6) 



lim 



^ Li(x^) 



~T.j<-,<T, 



Daher konvergiert auch die unendliclie Reihe 
(7) %{Li(x^) + JJ(x^)). 

in der die p nach absolut wachsender ( )rdinate geordnet und je zwei 
Wurzeln 0' = ,ö -f 7/ (■>; -- 0) und ;" = 1 - ;' = 1 - 5 - -.v' zusammengefeßt 
sind: denn nach dem Hilfssatz 4 ist die Anzahl der Glieder, welche 



E. Lanoau: Neuer Beweis dei- RiRMXNN'schen Primzahlfonnel. 



745 



den Nullstellen mit g^y^g+ 1 entsprechen, <Ö3„log^, und der ab- 
solute Betrag jedes solchen Gliedes ist 



Li{x;') + Li{x<") 
so daß 



X'' 



ds + Tri + 



x" 



- ds — Tci 



X + 71 



J 9 



da 



•2x 



glogx ' 



lim 

y = X 



"^ \Li{x^')+ Li(xi")\ = 



;/ ^ y ^ .'; + 1 



ist, was in Verbindung mit der Existenz A'on (6) die Konvergenz 
von (7) beweist. 

Ich erhalte also schließlich 

fix) = Li{x)~X(L'i-^) + Ll(x-))+f ;/_j^-log2. 



Dies ist die RiEMANNSche Formel. 



I 46 Gesamnitsitzuiig vom Ki. Juli 1908. — Mittlieilung vom 25. Juni. 



Zwei neue Herleitungen für die asymptotische 
Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen 

Grenze. 

Von Prof. Dr. Edjiund L.\ndau 

in Berlin. 



(Vorgelegt von Hrn. Frobenius am 25. Juni 1908 [s. oben S. Hol].) 



Einleitung. 



JlLs bezeichne -{x) die Anzahl der Primzahlen *-^.r. Vm den Satz 

(1) H,n ^( ^)lo.g-^- ^ 

möglichst einfach zu beweisen, hat man bisher stets zunächst mit ana- 
lytischen Methoden bewiesen, daß die Summe ^{x) der Logarithmen 
aller Primzahlen ^ x die Relation 

(2) lim^-^) = l 

erfüllt; hieraus kann man alsdann ( i ) durch elementare Transformationen 
ableiten. 

Im folgenden gebe ich zwei neue Beweisanordnungen für den 
Satz (i) an. Der erste dieser Beweise (§^ i — 3, 4 — 7) führt direkt 
zu (i) und ist lur einen Leser geschrieben, welcher aus der Zahlen- 
theorie nur zu wissen braucht, daß jede Zahl eindeutig in Primfaktoren 
zerlegbar ist, und dem von der Zetafunktion noch nichts bekannt ist. 
Wohl aber müssen ihm die Kiemente der Theorie der Funktionen einer 
komplexen Variablen vertraut sein. 

Der zweite Beweis (§§ i — 3, 8 — 12), welcher, abgesehen von dem 
gemeinsamen Anfang (§§ i — 3), ganz unabhängig vom ersten dargestellt 
ist, ist gleichfalls für einen Leser ohne Vorkenntnisse bestimmt. Diese 
Beweisanordnung macht den Umweg über (2), kommt aber dafiir 
mit viel weniger scharfen Abschätzungen über C (s) aus und wendet 
auch den C'AucHYSchen Integralsatz nur auf höchst einfache Bereiche 
(Rechtecke) an. Der ^'orzug dieses Beweises liegt darin, daß er zu- 



E. Landau: Anzahl der Primzniilen unter einer gegebenen Grenze. 74T 

nächst einige allgemeine Hilfssätze der Analysis entwickelt und mög- 
lichst wenige der speziellen Eigenschaften der Zetafunktion zu Hilfe 
nimmt. 



Gremeinsamer Anfang- beider Beweise (§§ 1 bis 3). 

§ I- 

Einführung der Zetafunktion. 

Es bedeute vf für ein konstantes positives u und die komplexe 
Variable 5 = er + ?/ (c7 = SR (.«)) die ganze transzendente Funktion p''"?", 
wo log u den reellen Wert des Logarithmus bezeichnet. Dann ist stets 

also bei jedem £>0 die unendliche Reihe 



°° r 



für er > 1 + £ gleichmäßig konvergent. Diese Reihe definiert also eine 
für (7 > 1 reguläre Funktion von ^% die mit s (*) bezeichnet werde. 
Wegen der absoluten Konvergenz der Reihe ist für (T > 1 . wenn p alle 
Primzahlen du rch lä uft , 



/' ] I' ^ -' -' ' rt = l 

also ^ (s) für CT > 1 von verschieden ; ebenda ist mit Rücksicht auf 



1 ,a~L , ■■"■ P'" 

C 



1 
1- 

7/ 



iiip'" 



(3) ?(*) = «"•" 

wo p alle Primzahlen, /n alle positiven ganzen Zahlen durchläuft. Aus 
(3) folgt für iT>\ weiter 

Die für « > , .« =i= 1 gültige Identität 
1 



liefert für o" > 1 , wenn über w = 1 , 2 , 3 , • • • summiert wird, 



748 Gesammtsitzuug vom 16. Juli 1908. — Mittheiluiig vom 25. Juni. 



(5) 



1 
.^-A C udu 1 , , , 

n = 1 «^ ^ ' 



1 

1 -^r^ i M"W 



Die Summe auf der rechten Seite von (5) ist bei jedem £>0 fiir 



11 du 
(» + »}' + ' 



gleichmäßig konvergent. (5) lehrt also, daß ^s) für oO re- 

S ~~~ 1 



gulär ist. 



Beweis des Nichtverschwindens der Zetafunktion 
auf der Geraden er = 1. 



Es sei a-> 1,^ = 0. Nach (3) ist 

, cos ( mt lo^p) 



also 



y^{a + Ü)\ = e' 



U + -2h\ 



U-) = >'''■ 



cos (ämHog p) 



mp'" 



■^ (3 + 4 cos {mt log;j)+cos {'2mt log p)^ 

^ 1, 
da für alle reellen q' 

3 + 4 cos 9 + cos "29= 2 + 4 cos 9 + 2 cos- 9 ^ 2(1+ cos c))= ^ 
ist. Es ergibt sich daher 



(6) ic(> + ^'-: 



Für 1 < (7 < 2 ist nun 



1 



{K(<^))i\U<^ + 2ti)\i 



^ ' ' 'TT "' J "' D" — 1 0- — 1 

n — l ^ 

aus (6) und (7) folgt also für 1 < !j < 2 , ? | 



^<_A 



E. Landau: Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen Grenze. V49 

(8) \'C{cr + ti)\> -~ ' -r . 

(8) lehrt, daß für alle / 1 

ist. Denn, wenn ':, (s) für s ^ 1 + tl verschwindet, müßte für das be- 
treffende t 

existieren, wälirend die durch <t-\ dividierte rechte Seite von (8) für 
zu 1 abnehmendes <t über alle Grenzen wächst, mag ?(1 + 2ü) Null oder 
von Null verschieden sein. 



!?3- 
Berechnung eines speziellen Integrals. 

Es sei V eine ganze Zahl '^2, x eine Größe > 0. Dann ist, wenn 
über die vertikale Gerade er = 2 integriert wird, 
2 + 00. ^ für 0<.r^, 1 , 



(9) 



f f 



^•-« 2 nt , , , f.. -, , 



Beweis: Die Konvergenz des Integrals steht wegen 

(^5 0) 



(2 + tir 



X- 

IT? 



von vornherein fest. 

I. Wenn 0<a;<l ist, werde (r>0 angenommen und der Gauchy- 
sche Satz auf das Rechteck mit den Ecken 'l + irl, 2 + ir + tvi ange- 
wendet; da in ilim reguLär ist, ergibt sich 



(lO) 



/">=/'""?"-/''*?*+/''>■ 



2 — H't 2 — lüi Ü + jr — I" 2 + "■ + » I 

Die Länge jeder Seite ist <2iv, in den drei Integralen rechts ist wegen 
|s|>(c der alisolute Betrag des Integranden 






Jedes dieser drei Integrale ist also dem absoluten Betrage nach 
Tuid hat daher für iv = oo den Limes 0; nach (lo) ist also 



<- 



- ds = lim 



ds — 



2-coi 



750 



Gesammtsitzunf' vom 1(5. Juli 1908. — Mittheilung vom 25. Juni. 



2 . Es sei x>l. Dann werde ic > 2 angenommen und der Cau- 
ciiYSche Satz auf das Recliteck mit den Ecken 2±ici, 2-io±ici an- 



x" 



gewendet: in diesem Rechteck hat — eine außerwesentlich singulare 



Stelle, nämlich s = mit dem Residuum - ,,log"^'a-; es ist dalier 



2 + Kl 



'x- 

2-w + wi 



2+iri 



(II) 






2ni 



(v-1)! ö j Ä" ^j s' j 

Die Länge jeder Seite ist <2t<;: in den drei Integralen rechts ist wegeii 
Js|^^ü — 2 der absolute Betrag des Integranden 



jedes dieser drei Integrale ist also absolut < 
für w = CO den Limes 0. Aus ( i i ) folgt also 



2xh 



{W--2)' 



und hat daher 



2 + cci 



J 



2 + /rt 



ds 



liin 

((• -1 <X) 



2 — wi 



— ds = — - log" ' .1- 

y (v-1)! ° 



Erster Beweis (§§ 4 Ibis 7). 

§ 4- 
Obere Abschätzungen von |^(.s')| und Is^-')!- 
Es sei ?n > eine ganze Zahl. Wenn auf die m ersten Glieder 
•der Summe in (5) die Identität (4) angewendet wird, so ergibt sich 

für cr>() (exkl. 5 = 1) 

1 

CO ,-* , 

1 -^r" I Udu 



m+1 

(-) ?(^) = :E,i+7^, 



n = 1 

also ebenda auch 

m+l 






v+1 ' 



13) U^^) = -2^7 

n =: 1 



1 1 l0g(TO + l) 

(.? - 1 )2 ((» + 1)"'~' ~ ^^ T>n+ ')■'"' 



1 1 

^ 1 ?< du ^ ( «« log {n + ?t) 

-- «j j- 1 * X ' » III -;. 1 ^. ^ ' 



du 



;i =^ «i + 1 * 



11 : m + 1 " 



Aus (12) folgt für l<cr<2,<>l, wenn darin w = [;]-! ge- 
setzt wird, 



(14) 



l'l 
V 



;-i--^l^+(. + o| ;.='niogo + o(|) + (.(..|) 



a'i 

0(logO, 



E. Landau : An/.alil der Piiiii/.ahlen uiitei' einer gegebenen Grenze. /ol 

eine auf große t bezügliche Abschätzung, die also gleichmäßig fiir alle 
(7 des Intervalls l^cr<2 gilt. Ich verstehe allgemein, wenn Aon einem 
gewissen positiven x an ff (x) eine positive Funktion von x und / (x) 
eine reelle oder komplexe Funktion von x ist, unter der Abkürzung 

daß der Quotient 

\m\ 

für alle hinreichend großen x unterhalb einer festen Schranke verblei))t. 
Aus (13) folgt analog, wenn darin m = f/] ~ 1 gewählt wird, für 

/>3,1-, ^- <(r<2 
- log t 



i'l 



■A-^l^-^ 



\os n 



+ 






du 



" i„ '"s' ' [t] 'OS' [t] 'OS' «-fl-Q [n + u) log' 

1 



.^-A r loa; (ra + u] du 



' (m + «•) 







" = i ' ' , , «^ log' , , )/" los;'' 



= 0(log'^ t) + o(^, j + o('"f 'j + (>(|) +0(100-0 
(15) =<>{\osU). 
wegen der für q > 1 gültigen Gleichungen 

logM 



['1 



du 



7-1 



TlogM 



du 



+ 



{'j-\)[tr^' (9-irw 



,7-1 



nebst 



[ty°s'<t^"?' = e. 



(15) besagt, daß für <> 3 , 1-,— -<o-<2 

^ ^ — log (* — 



(16) 



|?'(ä)|;«, log-C 



ist, wo fl, eine absolute Konstante bezeichnet (desgl. in der Fok 



ö.^, (7:i, •••). Hieraus folgt für />i),l-, <cri<2,l 



loar 



weiter 

(171 \K{o-,+ ti)-K{a.,+ ti) 



logt 



<cr..<2 



T.-k-ti 



:'{,)ds 



^ a, I 0-,— c-„ I log"<. 



r, + // 



/52 Gesanimtsitzung vom Iti. Juli 1908. — Mittheilung vom 25. Juni. 



§ 5. 
Obere Abschätzung von 

Aus (8) und I14) folgt für l<o-<2,/>3 

(18) 

Hierin setze ich 



U> + "-)|>-iP^> 



(<r-l)^ 



1 



0- = 1 + 



blos^t ' 



WO die Konstante b so gewählt sei, daß 

A> I , M>-2aia3 

ist. Alsdann ist für t > 3 geAviß 1 < er < 2 : also erhalte ich fiii- t>o 
nach (18) 

1 



(19) 






> 



fls^^log'^ 



folglich nach (17) und (19) für 
(20) 



'=^' '-m4'7 = '' = '+m4^ 



\Us)\ = \K{a + ti)\> 



(21) 



a-^b^logt hlog^t aib^log't \ b* ) 



Oilog't " 
also im Gebiet (20) insbesondere 

?(*) + 0. 
Nach (16) und (21) ist im Gebiet (20) 





(22) 




^^'{s) 

m 


= 1 


ns)\ 


1 


< «1 log- 1 ■ «4 log' t 


für ^ > 3 . (T > 1 + -r^^ ist 




^'U) 


= 


2^ pms 
p. m ■* 


< ^ 'og-^ <r V^ log P 




a*) 


also (da 












lim 


{s- 


1)>^^^^ = 1 






ist) 



(23) 



E. Landau: Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen Grenze. 753 



?(^) 



< «6 lOg^ t . 



Es ist also nach (22) und (23) zusammenfassend für 

1 



'>3, £r> 1 



(24) 



?'(*) 
C^') 



fi log' t 
< a; log" t . 



Es bezeichne nun Z (s) die für c" > 1 durch die Reihe 



z(.)=.iogc(.) -2;;-7 



1 1 



/'. "i 



J>" 



definierte Funktion. Z(.s) ist nach den obigen Ergebnissen, wenn dazu 
die Symmetrie der Halbebenen t2iO und t^O berücksichtigt wird, 
in demjenigen Gebiete regulär, welches aus der Ausgangshalbebene 
durch Hinzufügung der Bereiche 

1 



t^B, 1 - 



und 



b log" t 



1 



;cr<l 



'^-3' '-Mogn-^-'^^^ 



entsteht, ferner auf den Strecken 

0- = 1 , 3>t>0 



imd 
Da 



Z (2 + ii) 



V 



/j,m 



1 , o>t>-s 
1 



«?^: 



,^m(2 + (t) 



11 JfJ -* 



0(1) 



ist, liefert (24) ftlr ^^3, 1- 



1 

61og^ 



<<T<2 



Z{s) 



Z (2 + ii 



2 + ti 



du 



< «8 log" t ; 



weil I Z (s) I für (7 > 2 unterhalb einer festen Schranke liegt, ist also 
für ^>3, c-> 1-- ^ 



b\ogU 



[Z(.«)|<«, log'i 



und entsprechend für ^^-3, cr>l — 



Mog=(-0 



I z (■')!<«. log" (-0- 



Sitzungsberichte 1908. 



70 



754 Gesanimtsitzung vom 16. Juli 1908. — Mittheilung vom 25. Juni. 

Da bei passender Wahl eines positiven a < 1 die Funktion ? (s) für 
-3<^^3, Ä<(r<l nicht verschwindet, habe ich bewiesen : 

Es gibt eine absolute Konstante c, so daß in dem durch 

den Schnitt 1 ^, — s-«" ^ sSl aufoetrennten Gebiete (vai. bei- 

clog 3 — — o \ n 

stehende schematische Figur) 

0- ^ 1 i^-^ für ^^3, 

6-log / 

0-^1 -. — ^- für 3 ^ ;■ ^ - 3 , 

c log 3 

\ 0-^1 ^- -fÜTt^-S 

\ clog{-i) 

\ Z{s) regulär ist und für U|>3, er ^ I j — 5^— r die Relation 

(25) |Z(5)|<f!og'|;| 

erfüllt. 

Zur Abkürzung werde 1 r—.r- = © gesetzt. Z (s) ist auf dem 

® clog 3 ^ 

Schnitt (0 ••■ 1) mit Ausnahme des Puidvtes .'* = 1 auch noch regulär, 

unterscheidet sich aber auf beiden Ufern um den Summanden 2-/; denn 

in der Umgebung von s = 1 ist mindestens für < | .s^ - 1 | < 1 

K(s) = ~0 + A,{s-1) +A.,(.s-\r + ■■■), 

also für 0<|,<;-l|<r, wo r>I-0 ist, 

(26) z(.,) = log--- +i?,(..-i) + B.(-*-ir + ■■•• 

s 1 



§6. 

Anwendung des C'AUCHYSchen Integralsatzes. 

Nach der Formel (9), die ich hier nur auf den Fall v = 2 anwende, 
ist für j;>0 bei geradem Integrationsweg 



1 
2^_ 

(27) 



2 + xi -2+xi i + xil^Y 

I s- ^ ' 2 TT« «" -^ mp'"^ ^TTi -^ m i- 

2-cci 2-cv:i 2-oot 



+ 001 




2+x.; 


;^( 


i)ds = 


•im s- -^ mp'"^ 
2-c.i ''-"• 


CCl 








.^ 1 , X 

= > — los — ; 

■^-^ m - p" 



die Vertauschung der Summation mit der Integration war hierbei wegen 
der Konvergenz von 



E. Landau: Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen Grenze. 

00 <x> 

2 + ti\- ^ m I «"■(2+") I "~ I 4 + <■- ^ »w™ 

-CO -oo 

erlaubt. Aus (27) folgt weiter 

'^m ^ p"' -Im I s" ^ ' } t- 



•5Ö 



(28) 
nun ist 



2+X^t 


^)ds + 0[\): 


2 - j;- 1 





— log > loa; = > io": - + > 100;— + 






;'S;V. 



<1'7 



p^y 



\0SX 

l 



also (da die Anzahl der Summen rechts nur 
und jede dieser Summen höchstens gleich der ersten ist) 

1 



~°— -1 = O(log.r) LSt 
og 2j 



y'=?i'x 



(29) =0 log .V ^ ^ log • ., j = O (log^-.C 7t{\'x)) = (Yx log= .t:) . 



Aus (28) und (29) ergibt sich 



2 + X- i 

;;£ log ^ = ;^ ( 5 z i^) * + (i/.r log"- X) . 



p 



2ntJ s' 

2 — X- i 



.(;' 



Es werde nun a; ^ 3 angenommen und auf den Integranden , Z (.>;) der 
CAucHYSche Intee'ralsatz bei folgend 

c 




E 
G 



-F 



CAUCHYSche Integralsatz bei folgendem (nebenan sche- 
- matisch gezeiclmeten) Integrationsweg ABCDEFEGHA 

angewendet : A =2-x' l , B = 2 -{- x-i , C = 1 - ^^—^-^^ 

^ari, Z) = © + 3/, E = &, F=\, (? = 0-3i, 

i7 = 1 - -j — „-^ir-x~i; AB, BC geradlinig, CD auf 



A 



c log' (x-) 
der Kurve s = \ 



: loa'' t 



^ — \- tl , DE geradlinig. EF ge- 



radlinig am oberen, FE geradlinig am unteren Ufer 

,ts 
1 



des Schnitts, EG geradlinig, GH auf der Kurve 



s =: 1 — -. — -ry- , + tl , HA geradUuig. Es darf in den 
c log'' (— t) '^ " 

singulären Punkt F hinein integriert werden, da Z(.*| 



sich dort nach (26) wie log verhält. Da sonst -^Z(s) auf dem 

iV — 1 S 

Wege und in dem umlaufenen Gebiet regulär ist, ergibt sich 



756 Gesammtsitzung vom Hl. Juli 1908. — Mittheilung vom "25. Juni. 

C D E F E G H A 

(30) - 27ri 2 log J = {Va; log'^r) + J + j + j + j + ) + j + ( + J' 
Hierin ist nach (25) 



B C 1) E F £ G B 



(31) 



(■|.|J| = o(5io,V)) = o('?C£), 

: h 

ß jj X- 1 L__ 

[1 = 1 ['|=o[^^log'^rfi 



= Olx\og'x[ , — dt\ 



„Klogi 1 



= O L\og'w ^^ — dt + Lv log'a; — j, — dt\ 



„iTogi 







Ixlog'ic-x 



1 1 e''Iogi 



l V log j; 



¥)-»h^'!i] 



Jlogz 



(32) 

Ferner ist 

(33) 

E E 









0(a;«). 



Was + betrilft, so folgt aus (26) für < | .«-1 | <£, wo c > 1 - ist. 



E F 

s ^ s 



"^ log-i- + .V (r, (.— !) + 6' (.,-1)-^ + . . . ) , 



Das Integral über x'(Ci{s — 'l)+...) beim Hin- und Rückwege hebt 

1 

F E 1 



sich auf, und es bleibt, da sich log - — - um '2-üI vermehrt, nur stehen: 



H--'J^ 



ds: 



E F 



E. Landau: Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen Grenze. 757 



wegen 



1 



— -1 

5' 



ist daher 



(34) 



(l + (,_i))-"-_i 



-2{s-:) + . 



<«,„(] -5) {e^s^i) 



F E 



E F 



+ = - 27r« .(,-' ds + Lr" (1 - s) ds 

F o 

1 

= - -Ini -, +0{ f '- + -j ds 



gar \iogxJ \logxJ 



= — 2 TT» - 



■2 Tri-, +^^ T -■-- 

log.!- \ log .t: 



Aus (30), (31), (32), (33) und (34) folgt 



(35) 



-^ ^ ü los;;(; 



.<.• 



\log-arj 



+ 0,^. 



§ 7- 
Übergang zur Funktion 7!-(a;). 
Es sei (^>0 gegeben. Dann ist nach (35) 

"p^ ~ log {x + &x) \ log' .r / ~ log X \ log' X ) ' 



X^°s 



also, wenn hiervon (35) subtrahiert wird 

X + 6x d. 



.^ .,^ ^ X + dx dx ^ / ^ \ 

log(l+^)2l+ >.l°g-]^ = log^+^(loi^) 



Nun ist 



X + dx 



log(l +d)7T(x) ^log(l +6)^1 + ^ log • ' ^ log ( 1 +60 7r(^ 
daher ergibt sich für x>^i = ^i(«^) 

log(l+ö)7r(x)<^— (l+a) 

aa; 1 



+ S.V] 



(36) 
und 

(37) 
also nach (36) 

(38) 



log(l +d)7i:{x + 6x)> 



7t(x)< 



log X 1 + 6' 



log(l + d) loga; 



(1+' 



758 Gesammtsitzung vom 16. Juli 1908. — Mittheilung vom 25. Juni, 

nach (37) fiir x^(l + ^)^„ 



ö- " 



(39) ^{^)> ;r~TXÄ:> 



(38) besagt 

hm sup -A /„^ <^ r~T7-rJx + ^ 
j =^ cc ^ X — log (1 + 0) 

für alle <5~>0, d. h. wegen 

hm T ; ~ = 1 

4 = log(l + iJ) 

1 • ^ (•*^) los ^ ^ 

(40 hm sup - -'^^^ — 5^ < 1 . 

(39) bedeutet 



. TT {x)logx 
lim inf— -^-^ — 2 — >. 



x = <i. a; =log(l + Ä) (l + (3)' ' 

also 



(41) ' hm inf —^ — 2 — > 1 ^ 

X = rc X — 

und (40), (41) ergeben zusammen die Behauptung 

( I ) hm '■ ' ° = 1 . 



Zweiter Beweis (§§ 8 bis 12). 

§8. 

Hilfssatz aus der Differentialrechnung. 

Die reelle Funktion cp(^) sei für x>0 definiert und ^ ü. 
Es sei <p{x) für alle nicht ganzzahligen x>0 differentiier- 
bar; für alle (auch ganzzahlige) x>0 existiere der vordere 
Differentialquotient 9'+{x) und sei ^0. Es nehme xq>\(x) be- 
ständig mit wachsendem x nicht ab, d. h. für U < .r^ < o:, sei 

(42) •'•,9'+(-'^.) ^ -i'^ 9'+ (■*■.) • 
Es sei schließlich 

(43) lun'^^l. 
Dann ist 

(44) ,WV(-0='- 



E. Landau: Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen Grenze. 759 
Beweis: ^>0 sei gegeben. Nach (43) ist 

lim ^i^±M^5M = l+i_± = i, 

also fär x > ^^ = ^^ (S) 

Auf der Strecke x (exkl.) bis x + Sx (exM.) mögen, wachsend geordnet, 
die ganzen Zahlen 3/, , ■■• , y„ liegen. Dann ist nach dem Mittelwertsatz 

q>(x + dx)-q>{x) = (q) (.17 + (5a;) -cp («/„))+ ••■ + (9 (2/2) - 9 (?/.)) + (^(«/i)- 9 H) 
(46) = (.r + a.f -«/,,) 9' (•/),)+ ••• + iy-y,) 9' (ri,) + iy- x) (p'(ri„) , 

Avo >)(, , • ■ • , •/), je einen Punkt innerhalb der betreffenden Teilstrecke 
bezeichnet. Es ist nach (42) für jedes auftretende *)„(|U = , 1 , ••• , i') 



also mit Rücksicht auf (46) 

dx 9%(^) ^(p{x + 6x) — (\y{x) g ö,r(l + 6)q>'^{x -\- öx) 

und daher in Verbindung mit (45) für alle x>^J§) 

(47) ^-q7^,9'+W< l + ö'. 

(48) j^^<(\ + 6)cp'J.v + 6x), 

nlso nach (47) imd (48), wenn in (48) r^ statt .r geschrieben wird, 

für alle .r > (1 4- ^')|,(<5) = ^,(f) 

<^'^{x)<(\ + ö)\ 



(1 + °) 
womit die Behauptung (44) bewiesen ist. 

§ 9- 
Hilfssatz aus der Funktionentheorie. 

Es sei \^(s) eine analytische Funktion, welche für alle 
endlichen s mit dem reellen Teil 1 regulär und so beschaffen 
ist, daß das geradlinige Integral 

1 + cc t 

\\j (s) ds 

1 — 00 l" 

absolut konvergiert. Dann ist für positives x 



760 Gesammtsitzuug vom 16. Juli 1908. — Mittheilung vom '25. Juni. 

I +ooi 

(49) lim - 1 .i-'a/(.?)c?Ä = 0. 

2- = CO X t 



Beweis: Da 



1 + x: f cc 

l-cc/ -X 



dt 



gleichmäßig üii- alle a,->0 konvergiert, genügt es, bei festem J'>0 zu 

beweisen, daß 

1 + n 



(50) 



lim 

.r = ao 



x'-'^\\i{s)ds = 



ist. (^ > sei gegeben. Der CAucHYSche Integralsatz werde auf das 
Rechteck mit den Ecken S- ± Ti , 1 ± Ti angewendet, wo 9- = S- (^) < 1 so 
nahe an 1 gewählt sei, daß für 9-^ö-<1, -T<t<T die Funktion %|/(s) 
regulär und daß 

1 
\Kp{a- + Tl)\da-<6, i\xlj(cr-Ti)\ de < 6 

ist. Dann ergibt sich für alle .r > 1 



1 



i + r; 



r+r, 



j .i^-'ü.'{^)df- .v'-'xl,{s)ds 

T-Ti 



1 - li 



also wea-en 



5+27 



J 

3-2T 



j-'-'xh{s)ds — 0{x'--') 



lür alle x^^ = |((5) 



1 + n 



j a--'a,'(Ä)(/.v 



36, 



1-/T 



womit (50), also (49) bewiesen ist. 



§ 10. 
Obere Abschätzungen von | ;(c«) | , | ;'(.«) | und 

Aus (5) folgt für \<(T<2,t>2 



■,(ß) 



(51) I :(-^-) I =^ 1 + 1 



+ [^ + t)S^{~^'2 + -2t{^ = ^. + -2t, 

n = 1 «/ ^ ' ^' 



3<. 



E. Laxdav: Anzahl der Piiiuzahlen unter einer gegebenen Grenze. /bl 

Aus (5) folgt ferner ßir cr>Ü (exkl. « = 1) 

1 ^ r H du x:- Tm log {n + u) , 



also für 1<^<2,^>2 

1 



, , , ^ C du ^ rioQ- In + u)du C du ^ f 



(52) =2 + 2f^-it. 

(52) liefert für t>2 , \ <a;<a-„<2 



(53) 



;'(^,+ A-)-C(x,+ ^/) 



j ■;'(•>■) f/^ 



^S(^-a,)t. 



^,+li 



Aus (8) und (51) folgt tür l<cr<2,/>2 



I :(.) I = I C(^ + </ ) I > ^ i- > ^ r^ 



also, wenn 



•2(60 



^ = ' + W¥ 



4^T 



s-esetzt wird, für ^ ^ 2 



s( 1 H h '■'') 



> 



1 



•24^ ■ 4t* ' 



folglich nach {^s) für / > 2 , 1 < ^ < l + ™^ 



4^r'^ 



? {s) 



'(^+^+'')hl'(^+w+"')"^'^"+"'^ 



(54) 



> 



3 



' > ' ' 



(55) 



24^ • 4t* ■24*^* M • 24^<^ 10^ t* 

Für ^>2,o-^l + ^ist 

1 



:(>■) 



n('-~r) ^li =;H^?(i+^)<2-24-.<,0«. 



(54) und (55) liefern daher für / > 2 , 1 < o" < 2 

<iO'=i'S 
also in Verbindung mit (52) und (51) 



1 



762 Gesammtsitzung vom 16. Juli 1908. — Mittheilung vom 25. Juni. 






CW 



-C(^) 



<3 ■ \0W\ 



<3 ■ 10''<'' + 5t<\0W 



Überdies ist - t ;^ - C (s) nach §S i und 2 für t = 1 regulär, auch 
im Punkte s = l: aus Symmetriegründen ist für | / 1 Z;: 2 , 1 < er < 2 



(56) 



C(*) 



-m 



<10'U 



§11- 

Beweis, daß ^(x) asymptotisch gleich x ist. 
Für G->1 ist 

_ ^'J^^ri,) = S ^-^-T J_ = V — 
r(5) ^^'^' ^ /)'"» -^, ?i* '^, n' " 

' ^ ' p.rn ^ r» = 1 « = 1 

WO ff„ für n = |/" den Wert log^-1, sonst den Wert -1 hat. Nach 
der Formel (9), die ich hier auf den Fall y = 8 anwende, ist für 
x>0 bei geradem Integrationsweg 

2 + cci 



2+ct j 

1 r .r' 
— ri.vl I rix ^= 



2 + cci 2-t 



«,! 



V ^rf* 






n= 1 






Nun ist 



I + ex; r 

/ 5(-VS-«')) 



f/.<: 



nach (56) absolut konvergent und ferner gleich dem Integral auf der 
linken Seite von (57). Denn, Avenn zuvor der CAUCHYSche Satz auf das 
Kechteck mit den Ecken 1 ± ici , 2 ± iri angewendet wird, so haben 
die den horizontalen Seiten 1 ± ici bis 2 + iri entsprechenden Integrale 
nach (56) für ir = 00 den Grenzwert 0. Es ist also 

1 — oc t 

folglich nach dem Hilfssatz des § 9 



(58) 



n = 1 ^ ' 



E.Landau: Anzahl der Pi'imzahlen unter einer gegebenen Grenze. ^63 

Nun ist 

p'"<z 

= V ]ogp log' (-^' j + j log .1- V log p log' ( M I - I log' r] du + (log' X} 

X 

= 2. log p log' ("')+'' (log° .'■ K-1-) -.(• log' '• ^ + (log' x) , 

folglich 

lim I ^ a„ Iqo' | + > log ii log" | "- 1 1 ^ log' c ^^ 

00 

(59) = \e-"wdw = r(8) = 7 i . 


Aus (58) und (59) schließe ich 

Es werde nun bei konstantem v>\ für .r>0 

p ~x 

gesetzt, was stets >0 ist. Dann ist oft'enbar für nicht ganze x>0 



cp'(a-) = - > , - > loii' /vlog-'"' I " I 

^ ' (v-l)l.f^ ^^ ° \j>) 



und für alle ^>0 



log'l — ' — )~log"(^) 



P = ^ 



(wo im Falle v = 1 der Faktor log' M '*' | den Wert 1 bedeutet, auch 

im Gliede p — x). (p'+{x) ist stets >0 und x^^'+{x) nimmt offenbar mit 
Avachsendem x beständig nicht ab. Falls also 



lim'P(^)=l 
ist, so ist nach dem Hilfssatz des § 8 



764 Gesammtsitzung vom 16. Juli 1908. — Mittheilung vom 25. Juni. 

lim cp' (x) = 1, 

lim '-r- ^ log- /' log""' ( — 1 = 1 . 

p<x 

Aus (6o) folgt also 

hieraus weiter 

lim 7^ log/'loo- I -1 = 1 

und so fort, bis zu 

lim — > log ij = um — ^ = 1 . 

ar = oo X ^^ .V = OD X 

% 12. 

Übergang zur Funktion -{x). 

-r {x) 



I 



"■'■' =i' =,.?. T>i^ =.r: '"' (log« -T»f(J+TT) + 15^ 

Ä log « log (n + 1 ) log (.r + 1 ) 



(^+1) 



1 

n ■ 



_ ,^ ^ n ^(x) ^ I 1 1_\ 

^ „■^Jog'^n log.r '^ '*''\log(j:+ 1) log.cj 



log I 1 + ^ 



— *^ log^ ?! log« l log;r log(*" + 1) / 



logj; -^^ log^?! ''^ log^» \ log^x 

O n = 2 » „ ('''1 + ' \ 



0[V^] + OU^,^,^A + or_^J=o 



\log^[yx]/ \log-.t:/ \log-« 

Tcja:) log X ^(x) ^ q(±_\ 
X .V \ log X ) ' 

liiu "-(•«) log ^ ^ lim ^l-^) ^ 1 



0. Puchstein: Jaliresbericlit d. Kaiser!. Deutschen Archäologischen Instituts. 76& 



JahresbericM des Kaiserlich Deutschen Archäo- 
logischen Instituts. 

Von Prot". Dr. Otto Puchstein 

in Berlin. 
(Vorgelegt von Hrn. Vahlen am 25. Juni 1908 [s. oben S. G31].) 



Uie Zusammensetzung der Zentraldirektion hat im Laufe des Rech- 
nungsjahres 1907 keine Veränderung erfahren. Durch den Tod ver- 
loren hat das Institut aus der Reihe seiner ordentlichen Mitglieder: 
P]. Brizio in Bologna, f 5. Mai 1907, Ad. Fuetwängler in München, 
7 10. Oktober 1907, Ad. Kirchhoif in Berlin, j 27. Februar 1908, 
D. PiiiLios in Athen, ■[ 29. Januar 1908, L. von Schwabe in Tübingen,. 
+ 21. Februar 1 908 ; von den korrespondierenden Mitgliedern W. von 
Markes in Berlin, der erst in diesem Jahre ernannt worden war, 
-[- 26. Februar 1908, und E. von Paulus in Stuttgart, 7 16. April 1907. 

Neu ernannt wurden: zmn Ehrenmitglied Gr. F. Gamurrini in 
Arezzo; zu ordentlichen Mitgliedern L. Pernier in Florenz, G. E. Rizzo 
in Turin und O. Rubensohn in Breslau : zu korrespondierenden Mit- 
gliedern A. S. Arvanitoi'ullos in Athen, A. Auuollent in Chamalieres, 
A. Brinkmann in Bonn, R. M. Dawkins in Athen, J. Dechelette in 
Roanne, E. Gabrici in Neapel, F. W. Hasluck in Athen, B. II. Hill in 
Athen, J. H. Holwerda jun. in Leiden, K. F. Kjnch in Kopenhagen, 
W. Ludowici in Jockgrim, A. Merlin in Tunis, W. Vollgraff in 
Utrecht und J. H. Wriciit in Harvard. 

Die ordentliche Plenarversammlung der Zentraldirektion fand in 
Berlin vom 11. bis 13. April 1907 statt, eine außerordentliche am 
20. Dezember 1907. Von den archäologischen Jahresstipendien wui'de 
je eines an die HH. Frickeniiaus, Friedländer und Weege, und zwar 
an Frickenhaus und Weege zum zweiten Male, verliehen, ein Halb- 
jakrsstipendium an Hrn. Oberlehrer Groebe und das Stipendium für 
christliche Archäologie zum zweiten Male an Hrn. Schönewolf, dem 
es mit Genehmigung des Herrn Reichskanzlers auch belassen wurde, 
nachdem er zum Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in 
Eskischehir bestellt worden war. 



7G6 Gesamintsit/.ung vüin IB. Juli 1908. — Mittheilung vom '25. Juni. 

Der (xeneralselvretar war. aligesehen von kleineren Dienstreisen, 
vom Juli bis zum Oktober 1907 von Berlin abwesend, um an den 
Ausgrabungen in Boghasköi teilzunehmen und gelegentlicli dieser 
Reise auch die Institutsgrabung in Pergamon und die Sekretariate 
Athen und Rom zu besuchen ; vertreten wurde er in dieser Zeit durch 
die HH. Conze und Schöne. 

Eine Beteiligung des Instituts an den Kaiserlich Ottomanischen, 
<lurcli die HH. H. Winckler aus Berlin und Tu. Makeidy-Bey vom 
Museum in Konstantinopel ausgeführten Grabungen in Boghasköi war 
uns durch eine Bewilligung aus dem Reichsdispositionsfonds Seiner 
Majestät des Deutschen Kaisers und durch das Entgegenkommen des 
Generaldirektors der Ottomanischen Museen, Exzellenz Dr. O.Hamdy-Bey, 
ermögliclit worden; auch konnte Hr. Winckler aus den ihm zur Ver- 
fügung stehenden Mitteln einige Unkosten unserer archäologischen 
Expedition bestreiten. Zur Beobachtung der archäologischen Funde 
war im Auftrag des Instituts Hr. Dr. L. Cuetius A^om 29. Mai bis 
zum 24. August in Boghasköi, für die Grabung selbst und die archi- 
tektonischen Aufnahmen Hr. Regierungsbaumeistcr D. Keencker vom 
29. Mai bis zum 10. .)uli, Hr. Regierungsbaumeister H. Kohl vom 
16. Juni Ins zum 12. September, endlich der Generalsekretär vom 
1 8. Juli bis zum 12. September. Während Makeijjy-Bey ein neues 
Archiv von Keilschrifttafeln fand und nochmals an dem Fundplatze 
des 1906 entdeckten Archives grub, untersuchte das Instituts- 
personal außer den Felsskulpturen und Kleinfunden vier Ruinen von 
alt-hethitischen, ganz eigentümlich disponierten Tempeln und eine 
fünfte, davon abweichende, wolil als Palast aufzufassende, und studierte, 
so gut es in der kurzen Zeit ging, das ganze Stadtterrain mit seinen 
verschiedenen Burgen, den Stadtmauern imd Toren. Hr. Kohl machte, 
von dem Referendar Erich Puchstein unterstützt, eine Meßtischauf- 
nahme der Stadt. Das sehr reiche, von unserer Expedition in 
3+ Monaten gesammelte Material hat im Laufe des Winters bereits 
für die Publikation bearbeitet werden können. 

Die Zentraldirektion war außer diesem Boghasköiunternehinen 
auch in der Lage, des Hrn. R. Delbrück Untersuchung republika- 
nischer Bauten in Rom und Latium (Grab des Bibulus, Teile von 
Grabbauten im städtischen Antiquarium, Tempel in Gabii und in 
Cori, beide Tempel und einzelnes von der sogenannten Villa des 
Maecenas in Tivoli, Heiligtum der Fortuna in Palestrina) zu fordern 
und den HH. Dragendokit und Fabrkius Gelegenheit zu einer Be- 
sichtigung der ScHULTENSchen Grabung in Numantia zu geben; der 
erstere war vom i. Ins 18. September 1907, der letztere vom 
13. September bis 9. Oktober 1907 dort. Hrn. Schiltex bewilligte 



0. Puchstein: Jahresbericht d. Kaiser!. Deutschen Archäologischen Instituts. 76/ 

sie dann die Mittel, durch einen Fachmann eine topographische Auf- 
nahme von Numantia anfertigen zu lassen. 

Bei der Herstellung des im allgemeinen regelmäßig erschienenen 
XXIII. Bandes des Jahrbuchs mit dem Anzeiger haben wiederum 
Hr. Bkandis in Jena und teilweise Hr. Malten mitgewirkt; es wurde 
von diesem Jahrgang an ein neues, für den Druck von Autotypien 
besser geeignetes Papier und im Anzeiger eine größere Type ver- 
wendet. Erschienen ist 1907 das von Hrn. Pohl verfaßte Register 
zu Band XI bis XX und, durch das höchst dankenswerte Eintreten 
des Hrn. V. Schultze ermöglicht, das 7. Ergänzungsheft, J. Fühkek 
und V. Schultze, Die altchristlichen Grabstätten Siziliens. 

Die verschiedenen Serien- und sonstigen Publikationen des In- 
stituts sind von ihren Leitern im verflossenen Jahre nach Möglich- 
keit gefördert worden; im einzelnen erwähnt zu werden verdient nur, 
daß Hr. Watzinger die Bearbeitung der südrussischen Grabreliefs 
druckfei-tig gemacht hat und der Druck von Text und Tafeln der 
athenischen Akropolisvasen begonnen hat. 

Das Römische Sekretariat verlor im Herbste 1907 seinen ersten 
Seki'etar, Hrn. G. Körte, der, nachdem er sich vom i. April 1905 an 
in dankenswerter Weise dem Institut gewidmet hatte, einem Rufe an 
die Universität Göttingen folgte. Die Vertretung des ersten Sekretars 
übernahm nach Hrn. Körtes Ausscheiden Hr. Hülsen, während zur 
Leitung und Ausführung der bisher von dem ersten Sekretär wahr- 
genommenen archäologischen Arbeiten und Geschäfte der Direktor 
der Römisch-Germanischen Kommission, Hr. Dragendorff, für den 
Winter 1907/08 von der Zentraldirektion nach Rom entsendet wurde. 
Hr. Dr. Schultz unterstützte die Sekretare seit dem i. Mai 1907 in 
ihren Obliegenheiten. 

Die Bibliothek in Rom wurde, zum Teil durch die Schenkungen ver- 
schiedener wissenschaftlicher, dem Institute dauernd gewogener Anstal- 
ten und Behörden sowie einzelner Gönner, um 440 Nummern vermehrt. 

Erschienen ist in Rom der XXII. Band der Mitteilungen, ein 
Katalog der verkäuflichen Institutsphotographien druckfertig gemacht 
und während des ganzen Jahres an dem II. Bande des Katalogs der 
Vatikanischen Skulpturen von Hrn. Amelung gedinickt Avorden. In den 
Kursen behandelte Hr. Hülsen wiederum die Topographie und Archi- 
tektur des alten Rom, und zwar auch vor Angehörigen anderer Na- 
tionen, während Hr. Dragendorff in den römischen Museen namentlich 
Fragen der altitalischen Kultur besprach. Hr. Mau erklärte die Ruinen 
von Pompeji vom 2. bis 12. Juli. Verreist war Hr. Körte im Juni 1907 
nach Unteritalien und Sizilien, Hr. Hülsen auf kurze Zeit nach Florenz; 



( G8 Gesanimtsitzung vom 16. Juli 1908. — Mittheilung vom 25. Juni. 

Hr. DEAGENDORrF führte seine Zuhörer hauptsächlich nach Palestrina, 
Cervetri, Corneto und längs des Adriatischen Meeres bis nach Rimini. 

Beim Athenischen Sekretariat ist von Seiner Majestät dem 
Deutschen Kaiser mit dem i. Juli 1907 Hr. Kako definitiv zum zweiten 
Sekretär ernannt worden. 

Der XXXII. Band der 3Dtteilungen ist erschienen und das General- 
register zu Band I bis XXX von Hrn. Barth druckfertig gemacht. 
Die Bibliothek wurde, wiederum dank vieler Schenkungen, um 291 
Nummern vermehrt. 

Im Winter erklärte Hr. Dörpfeld die athenischen Bauwerke und 
behandelte homerisch-mykenische Fragen, während Hr. Karo die Funde 
A'on Mykenae, von Thermos, vom Kabii'ion, vom Heraion bei Argos 
und einen Teil der athenischen Vasensammlung erläuterte und Hr. Struck 
einen Vermessungskursus hielt. Außerhalb Athens führte Hr. Dörpfeld 
in Olympia, Ithaka, Leukas und Pergamon, Hr. Karo im Peloponnes, 
auf Kreta und auf Rhodos. 

An den mannigfachen, mit Hilfe von Grabungen ausgeführten 
Untersuchungen des Sekretariats waren meistens auch die Stipendiaten 
beteiligt: Hr. Struck konnte die HH. Brückner und Skias bei ihren 
Studien an der Gräberstraße vor dem Dipylon initerstützen. Am West- 
aufgang der Akropolis verhalf das Institut Hrn. Köster zu einer kleinen 
Nachuntersuchung. 

Die sehr erfolgreichen, den Resten aus der Zeit vor der Erbau- 
ung des großen Palastes nachgehenden Forschungen in Tiryns haben 
dank der Stiftung des Hrn. Goekoop foi'tgesetzt werden können; die 
Bearbeitung der Keramischen Funde ist von Hrn. Kurt Müller be- 
gonnen worden. Eine andere dankenswerte Stiftung des Hrn. Goekoop 
hat dem Sekretariat die Untersuchung eines Teiles der Kuppelgräber 
und Palastruinen bei Kakovatos, wie Dörpfeld vermutet, dem homeri- 
schen Pylos, möglich gemacht. In Olympia wurde von Hrn. Dörpfeld 
die Grabung in den tiefsten Schichten unter dem Heraion mit Erfolg 
fortgesetzt, in Pergamon unter Leitung des Hrn. Dörpfeld und Be- 
teiligung der HH. Conze und Jacobsthal vom September bis zum No- 
vember an dem großen Gymnasium am Südabhang des Stadtberges, 
an den Königspalästen und in der Ebene namentlich an der Krepis des 
großen Jigmatepe gearbeitet, während sich Hr. Schazmaxn in dankens- 
werterweise dem Studium der römischen Ruinen in der Unterstadt wid- 
mete; eine kleine Grabung führten die HH. Friedländer und Pringsheim 
in Teuthrania aus. Auf Leukas setzte Hi-. Dörpfeld seine privaten 
Grabungen und Untersuchungen während seines LTrIaubes im Juni und 
Juli 1907 fort. 



0. Puchstein: Jahresbericht d. Kaiserl. Deutschen Archäologischen Instituts. 769 

Der Direktor der Römiscli-Germanischen Kommission be- 
suclite eine Anzahl von Ausgrabungsplätzen in Deutschland, auch, wie 
schon gesagt, Numantia in Spanien, leitete längere Zeit und gemein- 
sam mit Hrn. Koepp die Ausgrabungen in Haltern, nahm an den Ver- 
sammlungen in Bremen und Basel teil und ^veranstaltete im Sommer 
1907 wiederum einen Kursus in heimischer Archäologie ; den Winter 
1907/08 brachte er, wie oben berichtet, bei unserm Sekretariate in 
Rom zu, auch hier die Interessen der Kommission wahrnehmend, 
wälirend er in Frankfurt durch Hrn. Prof. G. Wolff vertreten wurde. 
Als Hilfsarbeiter waren die HH. Dr. Steiner und Dr. KEOPATsenECK bei 
der Kommission tätig. 

Die Handliibliothek konnte, dank auch mancher wertvoller Zu- 
wendungen, erweitert und der Grund zu einer Photographiensammlung 
gelegt werden. 

Der 3. und 4. Bericht über die Fortschritte der römisch-germa- 
nischen Forschung in den Jahren 1906 und 1907 ist so weit fertig- 
gestellt, dal3 er demnächst ausgegeben werden kann. Die sonstigen von 
der Kommission begonnenen Publikationsarbeiten, namentlich was die rö- 
mischen Ringe, die römischen Militärreliefs, die Neumagener Denkmäler, 
das Igeler Grabdenkmal, endlich die Sammlung von Abklatschen römi- 
scher Ziegelstempel betrifi't, sind durchweg ansehnlich fortgeschritten. 

Dazu konnte die Römisch-Germanische Kommission auch im 
Jahre 1907 eine Reihe von Ausgrabungen und Forschungen auf ihrem 
Gebiete ermögliclien oder unterstützen. Fortgesetzt wui-den die Aus- 
grabungen in Haltern, Kneblinghausen, Oberaden, Friedberg, auf der 
Altenburg bei Niedenstein, an der Porta Westphalica, in neolithisclien 
Wohnstätten bei Worms. l^ine umfassende Untersuchung des so- 
genannten großen Hünenringes auf der Grotenburg (Teutoburg) bei 
Detmold hat die Annahme, daß hier ein Ringwall vorhanden gewesen, 
ernstlich in Frage gestellt. Die planmäßige Aufdeckung einer Sachsen- 
burg aus der Zeit Karls des Großen, der Pipinsburg bei Sievern, wurde 
durchgeführt. Die Vorarbeiten für die archäologische Karte derWetterau 
führten u. a. zu der wichtigen Entdeckung neolithischer Brandgräber. 

Eine besondere Zuwendung erhielt die Römisch -Germanische 
Kommission auch für dies Rechnungsjahr von der Stadt Frankfurt a. M. 

Dank schulden wir endlich auch dem Verwaltungsrate der Dampf- 
sclüffahrtsgesellschaft des Österreichischen Lloyd, der Direktion der 
Deutschen Levantelinie und dem Norddeutschen Lloyd für Begünsti- 
gungen der Reisen unserer Beamten und Stipendiaten sowie einer An- 
zahl von deutschen Gymnasiallehrern. 



Ausgegeben am 23. Juli 1908. 



Berlin, gedruckt in der Rciehsdnielte 

Sitzuiigsberielite 1908. 71 



■35HHE5H5ES5SH5a5H5E525HHH5B5S5B5H5H5H5B5H5H5aSH5HHH5a5HSESH5H5H5HSHS 



3 1908. 



XXXVII. XXXVIII. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIG LICH PREUSSISCI I EN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



Sifzung der philosophisch-liistorischen C'lnssc am li. Jiili. (S. 771) 

M. Wellmank: Aelius Promotus Iatpikä »ycikä ka'i XNTinAeHTiKA. (S. 772) 

.Siizuns: der idiysikaliscli-nialheniatisclicii Classc am 23. Juli. (S. 779) 

Enoler: Pflanzengeograpliische Gliederiiiig von Afrika. (8.781) 

ScnoTTKY: Zur Theorie der Syinmetralfuiictionen. (S. 838) 

G. Eüebhard: über die weite Verbreitung des Scandium auf der Erde. (S. S51) 



BERLIN 1908. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG KEIMER. 



Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschrifte: 



Aus § 1, 

Die Akademie gibt gemäss §41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Veröffentlichungen heraus: •Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften« 
und »Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften«. 

Aus § 2. 

Jede zur Aufnahme in die • Sitzungsberichte« oder die 
■ Abhandlungen« bestimmte Mittheilung mnss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgele_q:t werden, wobei in der Regel 
das druckfertige Manuscript zugleich einzuliefern ist. Nicht- 
mitglicdcr haben hierzu die Vermlttelung eines ihrem 
Fache augehörenden ordentlichen Blitglicdcs zu benutzen. 
§ 3. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei Mitglit-dern 32» 
bei Nichtmitgliedern IG Seiten in der gewöhnlichen Schiift 
der Sitzungsberichte, in den Abhandlun^-en 1 2 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewöhnlichen Schrift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so hat ilas vorlegende Mitglied es vor dem Eini-eichen 
von sachkundiger Seite auf seinen muthmasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 

§ 4. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, photographische Original- 
aufnalmien u. s.w.) gleichzeitig mit dem Manuscript, jedoch 
auf getrermten Blättern, einzui-eichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Bewilligung beschliesscn. Kin 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschläge 
eines Sachverständigen an den Vorsitzenden Sccretar zu 
richten, dann zunäclist im Secretariat vorzuberatlicu und 
weiter in der Gesammt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervieltaltigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Texttiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsbericliten 150 IMaik, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durch das Secretari.nt geboten. 
Aus § 5. 

Nach der Vorlegung und Kinreiehung des 
Tollständi^eii drucUrertig-en Manuscripts an den 
zuständigen Seerct^tr oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung in die akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welche nicht Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Bcsclilicsst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Nichtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilung der •Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 



I 



Aus § 6, 

Die an die Druckerei abzuliefernden Manuscripte müssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aas- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
mid die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
Fremder sind diese Anweismigen von dem vorlegenden 
Mitglicde vor Einreichung des Manuscripts vorzunehmen. 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser 
seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correctur ihrer Mittheilungen besorgen die 
Verfasser. Fremde haben diese erste CoiTCCtur an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll nach 
Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Druckfehlem 
und leichten Schreibversehen hinausgehen. Umfängliche 
Correeturen Fremder bedürfen der Genehmigung des rcdi- 
girenden Secrctars vor der Einsendung an die Druckerei, 
lind die Verfasser sind zur Tragimg der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. 

Aus § 8. 

Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen 
aufgenommenen wissenschaftlichen Mittheilungen, Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchhandel Souder- 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden. ' 

VüuGedächtnissrcdcn werden ebenfallsSonderabdrucke 
für den Buchhandel liergestellt, indess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausilrücklich damit einverstanden erklären. 
§9. 

Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 50 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Sccretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 50 Frei» 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

Von den Sonderabdrucken aus den Abhandlungen er* 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vei-theilung ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es daza 
der Genehmigung drr Gesammt-Akademie oder »ler be- 
treuenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Frei- 
exemplare imd dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplai'e auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

§ 17. 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 
(Fortsetznng auf S. 3 des Umschlags.) 



I 



771 

SITZUNGSBERICHTE 1908. 

DER AÄXVII. 

KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 

AKADE^IIE DER WISSENSCHAFTEN. 

23. Juli. Sitzung der philosophisch-historischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen. 

1. Hr. Heusler Las über die gelehrte Urgeschichte im alt- 
isländischen Schriftthum. (Abh.) 

Die euhenieristischen Einwanderiingsfabeln bei Snoiri 11. A. werden zer-gliedert 
und auf ilire Quellen zuriickgefülirt. Einen entwickelten Euhemerismus zeigen unter 
den Germanen nur die Isländer; der Däne Saxo hängt von ihnen ah. Ein geschicht- 
licher Kern dieser gelehrten Fabeln ist nicht glaubhaft zu machen. 

2. Hr. DiELS legte eine Mittheilung des Hrn. Prof. Dr. M. Well- 
mann in Potsdam vor: Aelius Promotus 'IatpikA *ycikä kai anti- 

nAGHTlKÄ. 

Das Excer])t der sympathetische Heihuittel enthaltenden Schni"t des unter Hadrian 
lebenden Arztes wird zum ersten Male herausgegeben. Neben dem Vaticanus 299 ist 
auch der Vossianus foi. 29 benutzt worden. 

3. Hr. PiscHEL überreichte eine Abhandlung: »Die Turfan- 
Recensionen des Dhammapada«. (Ersch. später.) 

Unter den von den Hli. Grünwedel und von Le Coq von der dritten Turfan- 
Expedition mitgebrachten Handschriftenresten befindet sich eine grössere Zahl Blattei-, 
bisher 35, die zwei, vielleicht drei ganz unbekannte Sanskrit-Recensionen der berühm- 
ten buddhistischen Sj)ruchsammlang Dhammapada, die bis jetzt nur in der Päii-Spraclie 
bekannt war, enthalten. Das \'erhältniss der Sanskrit- und Päli-Fassung zu einander 
und zu den chinesischen und tibetischen Übersetzungen wird besprochen und Text- 
proben gegeben. 

*4. Hr. Ekman legte Mittheilungen der HH. C. H. Becker, C. Schmidt 
und H. Schäfer über Privaturkunden aus dem christlichen nubischen 
Reiche vor. Zu den älteren des 9. Jahrhunderts, die koptisch ali- 
gefasst sind, sind neuerdings drei des 10. Jahrhunderts getreten, eine 
in nubischer Sprache und zwei arabische; sie sind von den König- 
lichen 3Iuseen erworben worden. 



Sitzungsberichte 1908. 



/ 1 2 



Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 23. Juli 1908. 

Aeliiis Promotiis 
'laipiKa 9U(5iKa kcxi avTinaÖHTiKa. 

Von Prof. Dr. IM. Wellmann 

in Potsdam. 



(Vorgelegt von Hrn. Diels.) 



Der Verfasser der pharmakologischen Sammlung aus byzantinischer 
Zeit, die in dem cod. Vatic. gr. 299 s.XV fol. 2 ip^ff. erhalten ist, hat 
neben anderen Schriften auch die des alexandrinischen Arztes Aelius 
Promotus für seine Kompilation verwertet. Bekanntlieh hat in neuerer 
Zeit E. Roude' Avieder die Aufmerksamkeit auf diesen Arzt gelenkt 
und seine Zeit genauer zu bestimmen versucht, indem er ihn wegen 
seines Namens Aelius dem 2. Jahrhundert n. Chr., d. h. der Zeit zAvi- 
sehen Hadrian und Pertinax, zuwies". Soviel ist sicher, daß er ent- 
weder zur Zeit oder nicht allzulange nach Trajan gelebt hat; denn 
in seinem AvNAMepÖN (c. 35) erwähnt er ein Mittel gegen Lungen- 
katarrh, das Trajan für seine Soldaten bestimmt hatte: npöc täc eK 

TUN KATÄPPOON BHXAC KAI TOYC eiC nNEYMONA PeVMATICMOYC H AGrOWeNH Mo- 
XAIKH, HN TpaIANÖC eiC TA CTPATS^MATA enewre ' CTYPAKOC KACCIAC CTYnJHPiAC 

ANA <• e. KPOKOY önioY XAA8ÄNHC ANA <. 6, Vaati haäccun epeBiNeoY M^reeoc 
aIaoy eic NYKTA KAI npcoi. Der Name seines Freundes AnoAAiNÄPioc, der 
c. 2 1 als Gewährsmann für ein Rezept gegen Darmbruch erscheint, 
fuhrt uns nicht weiter, selbst wenn wir annehmen, daß er mit dem 
A'on Marcellus Empiricus in der Dedikationsepistel zu seinem Über de 
medicamentis erwähnten Apollinaris (1,13 H.) identisch ist. Wenn er 
aber in einem Bruchstück seiner Oycikä einen Kaiser als wencTe ayto- 



' Kh. Mus. 28, 264 (= Kleine Schriften I, 383). K. Rohde verdanke ich die 
Abschrift des Vaticanus (P), doch habe ich sie bei meinem letzten Aufenthalt in Rom 
nachgej)füft. Diesen Kodex habe ich zugrunde gelegt, die ^'arianten des cod. Voss. 
Gr. (V) verdanke ich dem Konservator der Leidener Bibliothek der Rijks-Universität 
Hrn. Dr. P. C. Molhi'vsex; ihm .sowie dem Leidener Bibliothekar Hrn. Dr. Sc. de Vries 
für ihre liebenswürdige Hilfe an dieser Stelle zu danken ist mir Herzensbedürfnis. 

- ^'gl. KÜHN, Addit. ad Klench. med. a Pabricio exhibituni L 4 ff. Der von Gal. 
XII. 730 erwähnte Aelius (aus Asklepiades ö ^afmakicün etwa 70 n. Chr.) hat mit unserm 
Aelius Promotus nichts zu tun. sondern ist Aelius Gallus (vgl. P.m'i.v-Wissgwa s. v.). 



M. Well^iann: Aeliiis Pi'omotus IatpikA «dycika. kaI ANTinAeHTiKA. 773 

KPÄTojp anredet, so stehe ich nicht an, diesen Kaiser mit Hadrian zu 
identifizieren, der Ijekanntlich ein lebhaftes Interesse für Medizin, Maeie 
und Zauberwesen' hatte und auf seiner Reise nach Ägyi^ten in Helio- 
polis die magischen Wissenschaften kennen lernte". Demnach ist Aelius 
Promotus mehr der ersten als der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts 
n. Chr. zuzuweisen. Von den Werken dieses Arztes hat sich seine 
Arzneimittellehre (Aynamgpön)' vollständig erhalten, während seine übri- 
gen Schriften nur in Exzerpten vorliegen. Zu diesen gehören seine 
'Iatpika <t>YciKÄ KAI ANTinAeHTiKÄ, auf die der Verfasser am Schluß der 
Praefatio zu seinem AvNAMepÖN mit folgenden Worten hinweist: ei ag 

Tl TÖN NOCHMAtUN KAKOHGevOITO, MHTe AlAfNÜCei MHTE TH AlA THC YAHC eTkON 

eePAneiA, AeYiepON npoceiAiA raoyn thn twn «yciköc eNeproYNTtüN kai A<t>pA- 

CTU TINI AITIa Te KAI AYNAMGI APUNTCJN CYNArCOTHN, nePIGPrÖTePON MGN [h' KAtA 
THN KAg' HMAC IATPIKHN, OYAEN AG OMUC TÖN a)il>eAeTN erNlOCMeNCüN nAPOPA- 

T^ON. Diese Exzerpte, die außer im cod. Vaticanus noch im Vossianus 
Fol. 29, s. XV fol. 3 — 5, und im Ambrosiaiujs S.3 Sup. vorliegen, von 
denen der letztere als Abschrift des Vaticanus für die Textkritik aus- 
scheidet, waren dem trefflichen Jon. Gottlob Schneider (Nie. Alex, 
praef. XIX) bekannt, doch hielt er sie ihres skurrilen Inhalts wegen der 
Publikation nicht für wert. Tatsächlich bieten diese Exzerpte eine 
Sammlung abergläubisch-magischer Mittel, wie wir sie in der römi- 
schen Kaiserzeit in den pharmakologischen Schriften selbst verstän- 
diger Arzte (Scribonius Largus, Dioskurides, Xenokrates, Straten, Theo- 
doros, Ai'chigenes) immer wieder antreifen und deren mächtige Wir- 
kung sogar ein Arzt wie Galen (in seiner Schrift nepi thc kas' "Omhpon 
lATPiKHc bei Alex. Trall. II 475) anerkannt hat, unter dessen Namen sich 
denn auch eine leider sehr dürftige Kompilation De incantatione, ad- 
iuratione et suspensione erhalten hat. Die beiden großen Sammel- 
becken, aus denen diese Fülle abergläubisch-magischer IMittel gellossen, 
sind das Sjanpathiebuch des Ps. Demokrit und die vielfach auf orien- 
talischer Volksmedizin beruhenden pharmakologischen Schriften des 
Xenokrates aus Aphrodisias\ Beide Autoren sind auch von Aelius 
Promotus benutzt, wie die von mir unter den Text gesetzten Similia 
beweisen. Daneben bleibt ein Rest, der in unserer Überlieferung keine 
Parallele hat, und deshalb ist die Sammlung wertvoll. 

' \',u;l. GuEGOROVir.s, Hadrian 400 ff. 
- Griech. Zauberp. ed. Wesselv 1888 n. 2446. 

^ Über den Titel vgl. E. Ouer, Rh. Mus. 45, 99. Daß der Titel nicht zu beanstan- 
den ist. folgt aus c. 96, wo eine Augensalbe erwähnt wird: ai' oy eeePAneveH (sc. TTto- 

AEMaIoC BACIAS-f-C) YnÖ NeXSTU nPO<»>HTOY, KAI ANEeHKEN ANArerPAMMENON SN MsMCilAI KAI 
SN TÖi «erÄACü CAPAnio) Ka] EN tu KanUBU. H AE CTHAH KAI H KATACKEYH ETKEITAI SN TÖ 

MsrÄAQ Aynamepö. 

* M. Welljianx. Henn. 42, 614 ff. 

72' 



5 



774 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 23. Juli 1908. 

(Fol. 494"^) ATif AlAlOY TTpOMCOTOY IATPIKÄ 0YCIKA KAI ANTinAeHTIKÄ. 
nPATMATeiAN TGXNIKHN TOTc HÄeeCIN gNANTlOYMeNHN (TGAeiÜCAc) ENOHeHN KAI 
TAYTHN CYNTÄIAI THC AYTHC MGN EKeiNH TYrXÄNOYCA\N) nPOAlPGCetüC, TU AG 

THC eNGPreiAC AiA*epoYCA;N) Tpönu. eneiAH rÄp ecTi tun nochmätun tä men 

eHPlUAH Te KAI OYK ANexÖMENÄ TINA THC YAHC eniMONA TISeceAl, TINA A^ TU 

KATeneiroNTi thn Xnö tun «apmakun oy'k anam^nonta \c)xoahn, [oyk] anat- 

KAToN HrOYMAI TOTc TOIOYTOIC ANTITÄIAI thn AnÖ TUN A*PÄCTU TINI AYNAMEI 
APUNTUN lATPIKHN' TOIAYTH PAP, ofMAI, TU MSN YTHAOTEPU KAI TÄ AYCKATA- 

ruNicTA xeiPuceTAi tun nAeÜN 

(Fol. 494'): neplAnTe boybüni. Ih cxomioN ek baoeIoy, besN ta spia 
eiAPTizeTAi. H npönoAiN nepi täc tpixac ANÄnAACce. 



atia' npoc AieiAciN' ton aho thc kyctguc aison cyn yaati agiucac 
AÖc nieTN" H KAI ö aytöc aIgoc nepiAHT^ceu" h ckopoIon öhtön eceieTU' 
15 rt nHTANON CYNexöc eceiETU' H AieÄPiA tä Sn toTcin HnACi tun XOIPUN GY- 
piCKÖMGNA nepiAHTe' fi Ne«POYC AATUOY eePAneYCAC aöc «AreTN. 

^ATie' npöc MHTPAC OAiceON" Aieoc aetithc [ö] erKYOic nepiAHTÖ- 

MENOC" H CTYPAI AIHAPÖC nePinAACeeiC TU AEPMATI TOY MHPOY THC erKYOY 
TYNAIKÖC H AAKYÜNGION nePI AHTÖMeNON " H CIKYOY pizAN nCPiAnTe" H AAIKA- 

jo KABON nepiAnTc" fi kökkoc ba*iköc eic täc tpixac thc kg^aaRc CNAeeeic" 
H äpictoaoxiac "(thc)) kahmatiaoc Mza eNAceeTcA efc eAÄ<t>OY agpma kai nepi- 
A*eeTcA" KAI ENA CAIKA AMncAOY ncpiAeecNTA eic KAPno*6poN A^NAPON Xno- 

TCMÜN MGTÄ TOY KAÄAOY TOY A^NAPOY nePIAHTe. 



ATiC) ■ UKYTOKIA" AIABEBAIOYMAI, MGriCTC AYTOKPATUP, MCnCTON SINAI, 

»5 HN «OPH (rYNH) BÄTOY pizAN EK TÖnOY, OHOY H eÄAACCA OY'X ÖPÄTAl " H OYAAON 

MAAÄXHC •t'nÖ TÖN ACälÖN nOAA YnÖeGC KASHM^NH TH TYNAIKI' H TArÄTHN aIoON 

KPÄTei. enu<«>eAec aS, gän tön «oinikobAaanon kpath, ei oauc gn gkgInu tu 



SIM. 13 n. eup. II III (310), ]Marc. Enip. 26, 100 (266 H.) 14 PI. 

XXVIII 42, Gal. XII 290 (e Xenociate) PI. XXX 66, Gal. XIV 242 (e Xen.) 15 PI. 

XXVIII 212 (e Xen.) 16 PI. XXVIII 213 (e Xen.) 17 PI. XXXM 150. Geoj,. 
XV I, 30 18 I). n. YA. I 66, 3 (60. 9), PI. XXIV 24, .\et. XVI 15 (17, 7 Zerv.) 21 PI. 
XXVI 154 26 PI. XX 226 (e Xen.) .\iVicaiuis (Parad. ed. Westerm. 144, 11) 

I AEAIOY \', üin. P iatpikA Olli. P 2 TEAeiücAC addidi ^nohgh P 3 ^Kei- 

nhc PV tytxänoyca PV : correxi 4 aiaogpoyca PV 5 fort. *Ap«akä tina 

THC YAHC (i. e. niateriae niedicae) tinoc P\' : correxi 6 ANA«eNONToc 

PV : cori-exi xoahn PV oyk delevi 7 Änö oni. V a*päctu)n PN' 8 thn 

iatpikhn V toiaythn PV 9 xeiPÜCACSAi ^' ])ost nAecüN pa^inam vaciiain 

rel. P et V. qui marg. add. Aeinei 11 reiiiedia inguinum enunieranlur cxoi- 

Nitp A' 12 ad rem et'. PI. XXII i it> ÄNÄnAAce \' 13 it>Yceuc \' 15 ai- 

ecopiA P\' 17 ö delevi srKYOC P, errYOC V: correxi 18 ^rrYOY 

PV 19 AAIKÄKABON P\' 21 THC addi<li 22 6na scrlpsi: eic P\' 23 ka- 

AOY P 24 aYtokpätop P 25 TYNH addidi H om. P 26 rnc- 

eeic P\' TAAÄTIN V 27 KPATefN PV »OINIKA 8AAAN0N P\' 61 SCI'ipsi: d P\' 



JM. Wellmann: Aelius Proinotus ''Iatpikä «ycikä kai ÄNTinAGHTiKÄ. 775 

TÖnü) Ti TOiOYTON eTh, enei oy reNNÄ. (h) taahc züchc öpxin nepiAnxe, kai 

eKBÄAAer aythn a^ <(c)xäcac XnÖAYe. äaao" kayaön kpämbhc kaycac kai 

Ae-r'CAC ToTc ewMHiNoic aythc nepiAHTe. (h) ciahpTtin botänhn nepiAnje' oay- 

mactüc noieT. äaao* öaönta haiaioy (npÜxoN necÖNTA nepiAnje. kaaön 

5 ÄTÖKION' GAÄiDOY KAPAIAC ÖCTeON nePIAnje ' TOYTO TAP TÖ ZüJON MGTÄ TPIGTIAN 

noieT eN aytw tö öct^on. aaao" kpioAc aeycon toTc emmmnoic thc tynaiköc 

KAI nePIBAAÜN HMIÖNÜ) TOCAYTAC TON APieMON (nePIAnje), bcON AN <(xPÖNON^ 

bo^ah ätokoc gTnai. 



ATIZ' eMMHNÄrCOrA' TPCüiAAAlAeC AI eN ToTc BAAANeiolC H KAI AAAOIC 
10 TÖnOIC GYPICKÖMENAI ÖnÖTS KPAZOYCIN, AABÜN enTÄ nePIAHTe TU AeaEIÖ MHPÜ 

eN öeoNiu) rÄAAKTi BeBPerw^Nco. (in) TnnoY täaa noTizeceu hm^pac tpgTc. h 
KYKAÄMiNON e^c, Yna VnePBH, KAI eY-e^uc KAeAPeH<(ceTAi)" HN Ae erKYOc Y-nePBH, 

CKBÄAAei AMct>ÖTePA. 



ATiH' nepi öcxeoY *AerMAiN0NT0C' AArwoY Ä*ö (fol. 495'') aeyma 
nepiAHTe, {kai) xamaihityn Ömoicoc. h nepiCTepÄc köhpon ömoicjc. h yöc öpxin 

KATÄXPICON eiC AePMA TAYPOY KAI enieeC. KAI MGt' ÖAirON eYPHCeiC A*AerMANTA. 



ATse ■ npoc APepiTiN' aatcjoy zuntoc tä akpa aoeacün nepiAHTe. h 

ÄnÖ AePMATOC *a)KHC nOliON -rnOAMWATA YnÖAHCON. H TAAHN KAYCAC eN KAINÖ 

ÖCTPAKU mgt' eAAiOY AeicüCAC xpTe tö cäma. äaao' taahn kaycac exe ihpan' 

30 noieT rÄP eic noAAÄ nÄen. npöc noAÄrPAN' a*pönitpon met' caaioy kai 

osoyc AeiucAC xpw. äaao' kactöpion MeiA oI'noy nÖTize. äaao' ncypa önoy 

nepiAHTe toTc noc', kai YriAiNONTi eniTie^weNA XnAefi a'y'tön *YAÄTTei. äaao* 

AIMA AAeKTPYÖNOC KATÄXPIC. ÄAA0 ' TAAHN KAYCAC ACIAN CYN 0161 KATÄXPie. H 
OYPON ANePWnOY XAIAPÖN KATÄNTAei TOYC nÖAAC. 
25 ATOA ' nPÖC nAXY CWMA" MlAHCIAN BOTÄNHN AABÜN CYN TH piZH CC- 

AHNHC AHrOYCHC nePIAHTe' ÖKÖTAN Aä CYMMCTPOC T^NHTAI, SKBAAe. 



SIM. 4 Act. XVI 17 (20 Zerv.), PI. XXVIII 41 (e Xen.) 5 PI. XXVIII 

247 (e Xen.) 9 PI. XXX 129 (e Xen.), cf. Aet. XVJ 17 (20, 18 Zerv.) 11 PI. XXVIU 
252 (e Xen.) 12 PI. XXV 115. D. n. ya. II 164, i (228, 13 e S. N.) 17 PI. 

XXVIII 220, Marc. Enip. 36. 26 (371 H.), Alex. Trall. II 581 (P.) 18 PI. XXXII 

HO, Marc. Emp. 36, 27 (371 H.), Alex. Trall. II 581 (P.), Cael. Aur. M. Chr. V 2, 
48 19 Marc. Emp. 36, 35 (372), D. n. ya. II 25 (130, 12) 20 Marc. Emp. 34. 3 

(348 H.) 21 Alex. Trall. II 579 P. (e Didymo?) 23 PI. XXVIII 66 

1 H addidi 2 xäcac P\': correxi 3 aeycac scripsi: ^Acac PL h ad- 

didi ciahpIthn V 4 nAiAiu P npuTON addidi ex Aet. I. s. 5 nepiAOTe 

post ATÖKiON colloc. \' TPIETIÄN P 6 AYTH PL: correxi aeycon scripsi: 

AÄCOY P, eAcoY V 7 tocayta PV: correxi nepiARTe addidi, nisi *ÖPei ma- 

vis b'cA PV xpÖNON addidi 8 boyae? \" 9 EMMHNiÄrArA \' tpuiaaIaoc P, 

TPUiAAiAecV: correxi, coli. D.n.YA. II 52 (137, 12) fort. eN äaaoic iozP i i oeu- 

Niu PV H addidi TPeTc] r' \' 12 KASAPefl P, kagaiph \': correxi 14 ÖP- 

xeoYV 15 kaI addidi h (alt.)] icei \" (del. et mg. add. h) 16 fort. A*AerMAN- 

TON 17 np6c] np6 V Äpbphtin (T superscr. pr. in.) P 18 YnÖAHCON (y sui)erscr.) 

\' KAiPüi 1' 19 ÄAAO Olli. ]' 20 Ä*a6ni (e superscr. alt. m.) tpon P: Ä^eÖNi- 

TPON ^■ 2 t KACTÖPIN PV 2? AGIÄNON \' ANÖY P 



776 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 23. Juli 1908. 



ATOB" npÖC CKO Pn I n AH KTO YC *YAAA KpAmBHC GEPMA XnÖ TOY nYPÖC 

enieec tu TÖnco. kai b nenAHrMeNOC npocepxeceu dnu kai AereTu npöc tö 
OYC" erü n^nAHTMAi Ynö toy ckophIoy gn TÜAe tu TÖnco. h kafkIngy xoahn 
<t>öpei KAI OYAento riAHreic. h ackaaabüthn gnahcac <j>öpei kai OYA^nu aai- 
5 KHeeic. ei ag g^agic thn ANTinÄeeiAN a-^tün gypeTn, eic yaaoyn XrreToN ckop- 
nioN KAI ackaaabüthn baag, KAI eYeeuc ö CKOpnioc eNHCKei. 

ATor" npöc AHIIN epneTÜN" ö AHxeeic oyphcgi xamai kai hoihcac 

nHAÖN KAI ANA*YPACAC XPiCGI TON AHXeGNTA TÖnON. H PÖAUN P.ZAN nePI AnTGCeU, 
KAI ANTITTAeHCei ePHETU. H TTPOCCiOniAA BOTÄNHN nePlAnTG' TOCOYTON TÄP ANTI- 

lo HAeeT, (ic eT Tic MACHceiAi aythn kai npocnTYcei, tö epneTÖN eNHCKei. nepi 
A Ycco AH KTCON. ToTc AYCCOAHKToic kynöaonta kynöc <'aaköntoc) nepiAHTe. 

H AÄnAeON GK PIZÜJN ANACnACAC nGPIAHTG. 

ATOA ■ npÖC nYPGTÖN' GCTI BOTANH HAIOY IGPA H AGiZtOON, GniKGI- 
MGNON TH KG*AAH CBGNNYCI THN <J>AÖrA. 6IC KÄMINON AG XAAKGCJC H BAAANgToN 
15 TAYTHN THN BOTÄNHN GAN GHC, OY KAYGHCGTAI. HAPÄ AG ^OcTÄNGI TU AlAA- 
CKAAU GGGACÄMHN, OTI KAI MOaIbOY PINICMA GYN TU ÄGIZÜCO GIG (fol. 495^) THN 
KÄMINON YnGTiGGI. nOIG? AG KAI KGPAYNIOC AieOC nGPI THN KG<OAAHN KGImENOC ' 
PÖAINON AG GIG MOAIBINON ÄrrGTON AGIÜCAC nOAY GfXPIG. 



ATOG' nPOC NYKTGPINON' AABUN PAKOC AHO KOnPlAC GM*PASON KPOY- 
2o NÖN YAATOC P60NTA ANATGAAONTOC TOY HaIoY H AYNONTOC KAI AABUN TÖ PÄKOC 
nGPIAHTG. 

ATOf)' npÖC AM*HMGP1NÖN' KAPkInOY ZÜNTOC GiGAUN THN KG*AAHN KA- 
AÄMü) GNAHCON GIG AGPMA rAAHC KAI nGPIAHTG. H XGAÜNHC YAPIAC TI^N OYPÄN 
nGPIAHTG. ÄAAO nPÖC NYKTGPINÖN" BOTÄNHN IGPAKIAN GIG NYKTA nGPlAOTG' H 
25 AYKON, ÖN TINGC KAAOYCIN ÄrPUCTHN, AABUN nPÖCHAACON GIC KHPON KAI <A6P- 
MATI Gn)aHCAC nGPIAHTG. H HAlOTPÖniON THN CKOPniOYPON nGPlAYON. H GTKG- 
<t>AAON TGPÄNOY MGTÄ POAINOY AGIÜCAC XPTcON TÖ MGTUnON. HPÖC HMITPITaTon" 
CKÜAHI (o G3E; GPGBINGOY. GAN AAGYPCp CITOY GMBAH6H ZHCAC HMGPAC M, TINGTAI 
OMOIOC XGAIAÖNI. OYTOC nGPIAnTÖMGNOC HPÖ ANATOAHC HAioY lÄTAI HMITPITaTon. 



SIM. 2 PI. XXVIII 155, Geop. XIII 9, 6 (e Ps. Deiuocrito). 4 Philuni. 14 

(iS, 16 W.). PI. XXIX 90. XI 90. Geop. XIII 9, 7 (e Ps. Democr.), Gal. XIV 243 8 Geop. 
XIII 9, 8 (e Ps. Deniocr.) 11 D. n. ya. II 47 (135. 7), euj). II 113 (313) 17 Damig. 
de lap. 12 (173 Abel) 22 PI. XXXII 114 25 PI. XXX 104, Alex. Trall.'l 

407 P 26 D. n. YA. IV 190, 2 (339, 2), PI. XXII 60 

2 KAI ([ir.) Olli. P 3 Änö P 4 nAHrsic \' (flc siiperscr.) eNAYCAC 

PV: correxi äaikhghc \' 6 bäas kai scripsi: baaün PV 9 äntioa- 

QeTc P 10 «ACCHCeTAi PV aythn scripsi: aytoyc VP (compend. Script.) npoc- 

nT-t'ccei V: npocnTHCcei P nepi ayccoahktun om. P 11 aaköntoc addidi 

coli. D. n. ya. 1. s. 14 xAAKECi) (charta laesa) \' 17 fort, ö KePAYNioc 18 expie 

V 19 NYKTEPINÖN SCil. HYPETÖN 20 PeÖNTOC V 22 Ä«HMePINÖN PV 23 Sn- 

aycon PV 24 AAAo - nepiAHTe (pr.) om. V ^c I* 25 a't'koy PV Ärpü- 

CTHN scri]isi: änapäxnhn P\', cf. Nie. Th. 734 cum scliol. npöcnAACCON PV aep- 

MATl addidi, nisi PÄKei vel öeoNio) mavis 26 iu addidi CKOnioYPON corr. e CKoniOY- 

PON ^' 28 ö ei addidi, at cf. PI. XVIII 307 ÄAeYPOY P BAHeHC PV: cor- 
rexi 29 XeAlAÖNI OMOIOC riNETAI \', OMOrOC P 



51. Wellmann: Aelius Promotus IatpikA «ycika kai ÄNTinAGHTiKÄ. 777 

I ATOZ" nPÖC eniAHnTKOYC -y-aInHC MEAAINHC TPIXAC KAI XAAKÖN ePY- 

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SIM. I Ps. Gal. De incarit. 42 (lunt. Vnl. V) 

I cf. Cael. Aiir. M. Clir. I 4, 119 2 asicac P aepmati PV, fort. AePMÄTiON 

coli. PI. XXX 92 KAi Gin. P 



Ausgegeben am 30. Juli. 



779 

SITZUNGSBERICHTE inos. 

XXXVIII. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

23. Juli. Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Waldeyer. 

1. Hr. Engler las über die »Pflanzengeographische Gliede- 
rung von Afrika«. 

Die vier grösseren in ■'\frika vertretenen Florengebiete sind I. das Mediterran- 
gelnet mit der siUhvestliclien Mediterranprovinz und der südlichen ISIediterranprovinz; 
II. das nnrdafrikaniscli-indisclie Wiistengebiet; 111. das afrikanische Wald- und Steppen- 
gebiet; IV. das Gebiet des Caplandes. — In 11 werden unterschieden a) die süd- 
marokkanische Pi'ovinz, b) die Provinz der grossen Sahara, c) die thebaisch-nubische, 
d) die Ubergangspruvinz. — 111 wird gegliedert in a) sudanische Parksteppen j)rovinz, 
b) nordostafrikanisclies Hochland und Steppenprovinz, c) westafrikanisclie oder guine- 
ensische Waldprovinz, d) ostafrikanische und südafrikanische Wald- und Steppen- 
provinz. — Jede Provinz wird dann weiter in Unterprovinzen und Bezirke ein- 
geiheilt. 

2. Hr. ScnoTTKY machte eine Mittheilung: Zur Tlieorie der 
Symmetralfunctionen. 

Unter einem Synunetral wird eine mehifach berandete ebene Fläche verstanden, 
die in Bezug auf eine gerade Linie .symmetrisch ist. Ist n die Anzahl der unpaarigen 
Randlinien, r die der Paare, und wird 7i + r = t -H i gesetzt, so gehört zu der 
Figur eine bestinunte Classe AuEL'scher Functionen von o- Variabeln, die ausserhalb 
der bekannten RiEJiANN'schen Theorie steht. Es wird bewiesen, dass die Anzahl der- 

ienisjen unter den — ^ PeriodicitUtsmoduln, die bei dieser Definition als imab- 

hängig gelten können, genau t,t — n ist. falls nicht die Zahl ^^-^ kleiner als 

3 - — n ist. 

3. Hr. Nernst legte eine Mittheilung des Hrn. Prof. Dr. G. Eber- 
hard in Potsdam vor: Über die weite Verbreitung des Scan- 
dium auf der Erde. 

Bei der Untersuchung der Spectra der Sonne und .Sterne hatte es sich heraus- 
gestellt, dass in diesen Himmelskörpern Scandium in weit reichlicherei- Menge ent- 
halten sein niuss, als man es nach der bisher angenommenen äusserst grossen .Selten- 
heit dieses Elementes auf der Erde voraussetzen konnte. Der Verfasser hat nun durch 



780 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

spectrographische Untersuchung von Mineralien und Gesteinen gezeigt, dass Scandiuni 
kein seltenes Element ist, sondern auf der Erde die weiteste ^'erbreitung hat, indem 
es in fast allen Gesteinen, welche die Erdkruste zusammensetzen, wenn auch in ge- 
ringer I\lenge. vorhanden ist und sich sicher nachweisen lässt. Bei diesen Versuchen 
sind auch IMineralien gefunden worden, welche einen weit grösseren Gehalt an Scan- 
diuni haben als die Euxenite, Gadolinite und Yttrotitanite. 



Ekglek: Pilanzengeographisclie Gliederung von Afrika. (öl 



Pflanzengeographische Grliederung von Afrika. 

Von A. EXGLER. 



Je mehr man mit der Flora eines grossen Gebietes, Avie das des afrika- 
nischen Continentes, vertraut wird, desto mehr Schwierigkeiten findet 
man bei den Versuchen, ein solches Gebiet pllanzengeographiscli zu 
gliedern, da bei der zunehmenden Erforschung der Pllanzenwelt der ein- 
zelnen Bezirke viel weniger neue Gharakterptlanzen aufgefunden werden 
als solche, welche schon aus anderen Bezirken bekannt sind und welche 
sowohl zwischen den Vegetationsformationen wie auch zwischen den 
Florenbezirken die Grenzen mehr verwischen als schärfer bestimmen. 

Wir dürfen aber bei dem blossen Registriren nicht stehen bleiben 
und müssen von Zeit zu Zeit versuchen, die bekannt gewordenen That- 
sachen so zu verarbeiten, dass die Grundzüge der Pflanzenverbreitung 
in ihrer Abhängigkeit von den bestehenden und vergangenen Bedin- 
gungen deutlich hervortreten und ein weiterer Ausbau pflanzengeo- 
graphischer Gliederung ermöglicht wird. 

Bei der Beurtheilung der Pflanzenverbreitung in Afrika ist immer zu 
berücksichtigen, dass zwar ein grosser Theil des Westens den dort herr- 
schenden klimatischen Bedingungen einen reichen Endemismus an Hydru- 
megathermen verdankt, dass aber local ziemlich ähnliche Bedingungen 
bis in das centralafrikanische Seengebiet und das Ghasalquellengebiet 
hinein herrschen. Auch können die Hydromegathermen unter dem 
Einfluss der östlichen Seewinde in den der Ostküste näher liegenden 
äquatorialen Hochgebirgen wieder gedeihen. Ferner ist jedenftills 
seit der Ausbreitung des mit Feuer arbeitenden Menschen die Steppe 
immer mehr an Stelle hydrophiler und hygrophiler Waldformationen 
getreten, nachdem auch schon vor dem P^rscheinen des Menschen die 
fortschreitende Höhenabnahme des alten afrikanischen Hochlandes eine 
Abnahme der von diesem herabkommenden Wassermassen zur Folge 
haben musste. Das erklärt einigermaassen die auffällige Erscheinung, 
dass in den deutsch-ostafrikanischen Gebirgsländern Usambara und Ulu- 
guru in den immergrünen Schluchtenwäldern viele Arten vorkommen, 
deren Verwandte im westafrikanischen Wald häufig vertreten sind. 



782 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

Weniger auffällig erscheint es, dass in den westafrikanischen Hoch- 
gebirgen oberhalb der Baumgrenze sich Arten finden, welche in den 
Hochgebirgen von Abyssinien bis zum Nyassaland deren obere Re- 
gionen cliarakterisiren, da dieselben Arten auch in der oberen Region 
der Comoren-Insel Johanna und in der mehr oder weniger isolirter 
centralafrikanischer Hochgipfel vorkommend auf eine weitgehende Ver- 
breitungsfähigkeit ihrer Samen hinweisen. Leicht einzusehen ist die 
grosse Bedeutung des sehr alten und ausgedehnten ostafrikanischen 
Hochlandes und seiner Abzweigung nach SW. fiir die Wanderungen 
nördlicher und südlicher Typen gegen den Aequator und sogar über 
diesen hinaus. 

Bei der Aufstellung von Gebieten, Provinzen, Unterprovinzen 
und Bezirken muss man naturgemäss auf die Vegetationsformationen 
und auf ihre floristische Zusammensetzung achten. Je mehr zwei Be- 
zirke in ihren Vegetationsformationen übereinstimmen, und je mehr 
die iloristischen Unterschiede nur auf dem Vorkommen nahe ver- 
Avandter vicariirender Arten beruhen, desto berechtigter ist ihre Ver- 
einigung zu einer und derselben Unterprovinz, und in ähnlicher Weise 
wird man bei der Vereinigung von Unterprovinzen zu einer Pro- 
vinz darauf zu achten haben, dass in ihnen dieselben Florenelemente 
A'orherrschen. Hierbei werden wir aber liald vor eine Entscheidung 
gestellt. Es ist ganz gewiss, dass die littoralen Formationen Afrikas 
durch viele Breitengrade hindurch eine grosse Übereinstimmung zei- 
gen, und ebenso macht man die Erfahrung, dass die obersten Hoch- 
gebirgsregionen weit entlegener Gebiete, namentlich auf vulcanischem 
Boden, nur wenig Unterschiede aufweisen. So wäre man berech- 
tigt, nicht bloss die ganze Küstenregion des Rothen Meeres von etwa 
24° n. Br. an, sondern auch die des SomalUandes zu einer Samhar- 
Unterprovinz zusammenzufassen, da ihre Bezirke sehr allmählich in 
einander übergehen und neben den in verschiedenen Breiten sich dar- 
bietenden Unterschieden das wiederholte Auftreten derselben Arten 
oder derselben wenigen Gattungen einen entschieden hervortretenden 
gemeinsamen Grundzug 1)edingt. Auch das Küstenland A^on Lamu 
bis Durban und ebenso das von Gambia in Senegambien bis Ambriz 
in Angola könnte eine Unterprovinz vorstellen, desgleichen das ganze 
armselige Küstenland von Ambriz bis zum Olifants River. Aber in 
diese Küstengebiete münden auch Flussläufe, und an diesen gelangen 
aus dem Binnenland in den verschiedenen Breiten andere Arten in 
das Küstenland herunter. Dieser Zusammenhang mit dem zugehörigen 
Binnenland Avürde verloren gehen, wenn man weite Strecken des Küsten- 
landes von gleichartigem Charakter zu einer Unterprovinz vereinigen 
AvoUte. Es ist das ebene Küstenland auch meistens Aiel zu schmal 



Englkr: Ptlanzengeograpliische Gliederung von Afrika. 783 

für die Aufstellung selbständiger Unterprovinzen. Sobald aber dns 
Küstenland, wie meistens in Ostafrika, allmählicli zu einem Vorland 
aufsteigt, aus dem sich Gebirge erheben, deren Flüsse oder Bäche in 
das Vorland hinabfliessen, ist der Übergang vieler Ptlanzen aus einer 
Region in die andere vermittelt, zumal in den tropischen Gebieten 
bei annähernd gleichartigen Feuchtigkeitsverhältnissen eine grössere 
oder geringere Höhe über dem Meer für die Verbreitung recht vieler 
Allen gleichgültig ist. Diese Erwägungen und auch die bei genauer 
bekannten Gebieten gesammelten Erfahrungen haben micli schon im 
Jahre 1893 bei den Vorarbeiten für die »Pllanzenwelt Ostafrikas« ver- 
anlasst, das tropische und subtropische Afrika in 39 kleinere Gebiete 
aufzutheilen, welche entweder einzelnen Gebirgssystemen oder Fluss- 
gebieten entsprechen. Seitdem habe ich diese Gebiete wiederholt ge- 
prüft, namentlich auch auf Grund monographischer Durcharbeitungen 
artenreicher Gattungen, und liabe sowohl ihre Grenzen wie ihre Be- 
ziehungen zu einander festzustellen gesucht. Natürlich habe ich betreffs 
der Umgrenzung bei dem Fortschritt der Kenntnisse noch manches 
ändern müssen und halte es auch jetzt noch vielfach für unmöglich, 
scharfe Grenzen anzugeben; ich bin vielmehr der Meinung, dass noch 
Jahrzehnte vergehen werden, bis zahlreiche lloristische Aufnahmen zu 
besseren Ergebnissen führen werden; vielfach wird aber eine scharfe 
Umgrenzung von Unterprovinzen und Bezirken überhaupt nicht mög- 
lich sein, wenn auch dieselben durch das Vorkommen endemischer 
Formen charakterisirt sind. Mehr Erfolg glaube ich in der Zusam- 
menfassung von Bezirken zu Unterprovinzen und von letzteren zu 
Provinzen gehabt zu haben. Unter den von mir unterschiedenen Be- 
zirken befinden sich einige, welche botaniscli noch völlig ungenügend 
erforscht sind, und auch solche, welche sich nach vollständigerer 
Kenntnis ilirer Flora an benachbarte werden anschliessen lassen. 
Gegenwärtig ist es aber vortheilhafter, die weniger bekannten, jedoch 
orographisch und h^ydrographisch selbständigen Bezirke hervorzuheben 
und der künftigen Forschung die Flntscheidung zu überlassen, ob sie 
mit anderen Bezirken zu vereinigen sind oder nicht. 

Es soll die Aufgabe dieser Abhandlung sein, die ptlanzengeogra- 
phische Gliederung des gesammten tropischen und subtropi- 
schen Afrika ausführlicher darzulegen, als es bisher geschehen ist. 

Hier will ich gleich vorausschicken, dass ich an dieser Stelle nur 
bei einzelnen Bezirken etwas specieller auf die in denselben vorkom- 
menden Arten eingehen kann und dass ich auch von der Erwähnung 
aller derjenigen tloristischen Abhandlungen, welche das mediterrane 
Nordafrika und die Sahara behandeln, ebenso von der Erwähnung der 
Abhandlungen, welche sich auf Einzelgebiete des tropischen Afrika 



784 Sitzung der physikaliscli-inatlieiiiatischen Classe vom 23. Juli 1908. 

beziehen, Abstand nehmen muss; e.s handelt sich hier nicht um Ein- 
zelheiten, sondern um die Gliederung des gesammten Erdtheils. Als 
eine wirklich grundlegende Arbeit nach dieser Richtung muss für das 
nördliche Afrika bis zum Senegal, Niger und Abyssinien die gerade 
vor 40 Jahren erschienene Abhandlung SchwEiNFURXii's ' «Pflanzen- 
geographische Skizze des gesammten Nil-Gebiets und der Uferländer 
des Rothen Meers« angesehen werden, während fär Südafrika vor Allem 
die Arbeiten A-on REn.>rAXN-', Bolus "^ Schixz^, in zAveiter Linie eine 
knappe Skizze von Maeloth"' und eine Südafrika im Verhältniss zum 
tropischen Afrika behandelnde von mir'' selbst verfasste Skizze in Be- 
tracht zu ziehen sind. 

In Afrika sind folgende 4 grössere Florengebiete vertreten: 
I. Das Mediterrangebiet mit der südwestlichen Mediterranpro- 
vinz (Marokko) und der südlichen Mediterranprovinz (Algier 
bis Nord-Aegypten). 
II. Das nordafrikanisch-indische Wüstengebiet, 
in. Das afrikanische Wald- und Steppengebiet. 
IV. Das Gebiet des südwestlichen Caplandes. 



I. Das Mediterrangebiet. 

Dass ein Theil des nördlielien Afrika dem Mediterrangebiet und 
damit dem 1:>orealen Florenreich angehört, ist bekannt. Dass die süd- 
spanischen Steppen der nördlichen Sahara mehrfach entsprechen und 
in der nördlichen Sahara das mediterrane Florenelement noch stark 
vertreten ist, kann nicht bestritten Averden. Es würde sich nun fragen, 
Avo man eine Grenze zwischen dem 3Iediterrangebiet und dem nord- 
afrikanisch-indischen Wüstengebiet ziehen darf. Ich möchte mich ent- 



' Petermann's Slittheiliingen 1868. S. 113 — 129, 155 — 169, 244 — 248. 

- Reh.mann: Geo-botanic/.ne stosunlii pohidniowy Afryki (Geobotanisclie Ver- 
liiiltnisse von Siid-AiVika). — Denksclir. d. Akad. d. Wiss. in Krakau, niath.-naturhist. 
Alili. Bd.V. 69 S. mit einer cliromolith. Karte und 2 Tal". — Referat in Engler"s Bot. 
Jahrb. I (1S81) 551—552. 

^ II. Bolus: Sketch of the Floi'a ol' .South-Africa. — Off-jjrint from the Ofticial 
Handbook of the Cape üf Good Hope. — Cape Town 1886. 32 S. mit einer Karte. — 
Referat in Engi.er's Bot. Jahrb. VllI (1887) 28—34. H- Bolus: Sketch of the Flora! 
Regions of Soiitli Africa. — Science in Soutii Afi'ica. Cape Town 1905. S. 182 — 240. 

* II. ScHiNz: Deiitsch-Südwest-Afi-ika. Forscliungsreisen 1884 — 87. Schiüze'sche 
Hüf-Buclihandhing, Oldenburg und Leipzig. 

^ R. Marloth: The jihyto-geographical Subdivision of South Africa. — Report 
of the 75''' ineeting of the Britisli Association for tlie Advancement of Science. South 
Africa 1905. London 1906. S. 589, 590. Plate I\'. 

" A. Engler: Über die Friildingsllora des Tafelberges bei Capstadt. nebst Be- 
merkungen über die Flora Südafrikas. — Notizblatt d. Kgl. Bot. Gartens und Museums 
zu Berlin. Ap[)en<iix XL — W. Enoelmaxn, Leipzig 1903. — 58 S. 



Exgi.ee: Pllauzengeograjiliische Gliederung von Afrika. 785 

schieden dafür aussprechen, dass, wenn eine solche Grenze theoretisch 
gezogen "werden soll, das Vorkommen der Gattung Acacia die Nord- 
grenze des nordafrikanisch-indischen Wüstengebietes bezeichnet, zumal 
auch das afrikanische Wald- und Steppengebiet, mit welchem das 
erstere Vieles gemein hat, sich von dem Gebiet des südwestlichen 
Caplandes ebenfalls durch das Vorkommen der Acacien auszeichnet. 
Im südlichen 3Iarokko wird die Grenze gegen das südwestliche 3Iedi- 
terrangebiet durch Acacia gummifera Willd. bezeichnet, zu der als 
Repräsentanten von im Mittelmeergebiet fehlenden Typen noch die 
Sapotacee Argania sideroxylon Rani, et Schult und die kakteenähnliche 
EupJiorhla resinifeTO Bekg und Schmidt hinzu kommen. Während die 
algerische Wüste durchaus mediterran ist und Avir dort keine Acacien 
antreffen, finden sich im südlichen Tunesien am Südabhang des Ge- 
birges Bu Hedma (34+°) zwischen Gafsa und der Küste Bestände von 
Acacia tortilis Hayne. In Tripolis ist die Steinwüste auf der Strasse 
von Sokna nach Beni Ulid, wie auch das Land südlich von 3Iisda', 
somit fast ganz Fesan dem nordafrikanischen Wüstengebiet zuzuweisen. 
Von der Cyrenaika gehört die Halbinsel Barka ganz dem 3Iittelmeer- 
gebiet zu, ebenso die Marmarica zwischen Cyrenaika und Aegypten. 
Im nördlichen Theil der von Ascheksox und SciiWEixFriaii unterschie- 
denen libyschen und isthmischen Wüste herrscht das mediterrane Floren- 
element sehr stark vor, obwohl durch die weit nach Norden bis 28° n. B. 
und im Osten darüber hinaus vor"'escliol)ene Acacia tortilis die Nord- 
grenze des afrikanisch-indischen Wüstengebietes gegen Osten ziemlich 
stark aufsteigt. Über die Sinai-Halbinsel hinweg verläuft unsere Grenze 
bis nördlich vom Todten 3Ieer. wo noch BaJanitcs aegyptiaca und 
Loranthus Acaciae vorkommen. 



IL Das nordafrikaniscli- indische Wüstengebiet. 

Dasselbe zeigt liei seinen Pllanzenformen dieselben Anpas.sungs- 
erscheinungen, welche die mediterranen Wüstenptlanzen besitzen, aber 
das paläotropische und speciell das afrikanische Florenelement ist 
stärker vertreten, als das mediterrane. Die tloristischen Verhältnisse 
dieses pllanzenarmen Gel)ietes sind, nachdem wir zuerst über die in 
den letzten Jahrzehnten namentlich durch Schweinfurth, Rohlfs und 
AscHEESON erforschten Wüsten und Oasen der Nilländer gründliche 
Auskunft erhielten, nunmehr auch in dem westlichen und centralen 



' AscHERSON in Gerhard Rohlfs, Kufra (1881), AbsclmiU MI. Die aus dem 
mittleren Nordafrika bekannt gewordenen Pllanzen, S.462 — 501. — Die wichtigste Quelle 
für die centrale Sahara. 



786 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

Theil durch Forschungsreisen der französischen Gelehrten^ genauer 
festgestellt worden. 

Auf Grund unserer jetzigen Kenntnisse theile ich den afrika- 
nischen Antheil des nordafrikanisch -indischen Wüstengebietes folgen- 
dermaassen ein: 

a) Südmarokkanische Provinz. 

b) Provinz der grossen Sahara : 

a) Westliche Zone oder Unterprovinz. Nordwestliche Sahara im S. und 

SO. des Atlas, iimf'asst Rio de Oro, Mauritanien, Igidi, Sahel ; 
ß) Centrale Zone oder Unterprovinz: 

1. Centraler Bezirk mit den Hochländern Ahaggar und Tasili, 
Übergang zum Mediterrangebiet, 

2. Bezirk von Air; 

7) Aegyptische Zone oder Unterprovinz: 

1. isthniischer Bezirk ) ^^. ,,1. , . 

Übergang zum Mediterrangebiet, 



2. libyscher Bezirk 

3. ägyptisch -arabischer Bezirk: 

* Unterheziik des Binnenlandes, 
** Unterbezirk des niederen Küstenlandes, 
•** Unterbezirk des gebirgigen Küstenlandes, 

4. Cnlturland des Nilthals und Nildeltas. 

c) Thebaisch-nubische Provinz: 

et) Westnubische Unterprovinz; 
ß) Ostnubische Unterprovinz; 
7) Unterprovinz des Niltiials. 

d) Ubergangsprovinz mit viel Grassteppe und laubwerfenden Gehölzen (anter 
dem Eintluss schwacher, aber selten ausbleibender Sommerregen): 

«) Westliche Zone; 
ß) Centrale Zone: 

Nördlicher und östlicher Tsad-See-Bezirk. Das Land etwas 

südlich von Agades l)is zur Mündung des Koniadugu in den Tsad 

nebst Kanem, Wadai und NW.-Bagirmi; 
7) Östliche Zone: 

1. Bezirk des Marraii- Gebirges (nördliches Darfur), 

2. Bezirk des nördlichen Koidofan und des unteren Atbaralandes. 

Zu diesen einzelnen Provinzen und weiteren Unterabtheilungen ist 
Folgendes zu bemerken : 

a. Südmarokkanische Provinz. 

Diese Provinz erstreckt sich im nordwestlichen Afrika von etwa 

29-32° 30' n. Br. bis an den Fuss des Atlas und wohl auch noch am 

Wadi Sus etwas zwischen den Grossen Atlas und Antiatlas hinein. 

Sie ist charakterisirt durch das Vorkommen von Acaria gwnmifera 



' A. Chevalier: Un voyage scientifique ä travers l'Afrique occidentale. — An- 
nales de rinstitut Colonial de Marseille 1902. — Chap. III. Environs de Tombouctou 
et region des lacs du Niger moyen, p. 100 — 122. 

F. Foureau: Mission saiiarienne Foureau-Lamj', D'Alger au Congo par le Tchad, 
Paris 1902, und Documents scieutifiques de la Mission saharienne, Mission Foureau- 
Lamy, Tome I, II, ^lasson, Paris 1905. 



Engler: Pflanzengeographisclie Gliederung von Afrika. 787 

WiLLD., welche in den marokkanischen Provinzen Abda, Shedina, 
Duquclla und auch in Bled-el-jerrede vorkommt, von Aryania side- 
roxylon Roem. et Schult., dem iVrgan, welcher hauptsächlich in der 
Provinz Haha und auch sonst noch zwischen den Wadis Tensift und 
Sus wächst, von Euphorbia resinifera Berp, et Schmidt, welche öst- 
lich von Marokko am Fuss des Grossen Atlas, besonders in der Pro- 
vinz Demnet sowie in den Distrikten Mestiwa und Netifa sich findet. 
Dazu kommen noch andere, weniger bekannte kaktusähnliche Euphor- 
bien: E. officinarum L., E. ecJünus Hook. f. et Coss. im Strandgebiet 
bei Tazeroualt, sowie in der Umgebung von Ba-Ahmran, E. Beau- 
mierana Hook. f. et Coss. bei Mogador und in den Provinzen Haha 
und Agadir. 

Es sind also in dieser Provinz, obwohl sie um den Atlas herum- 
greift, drei ausgezeichnete afrikanische Typen vertreten. 



b. Provinz der grossen Sahara. 

Wenn auch die mediterrane Wüste, die thebaisch-nubische Provinz 
und die südliche Übergangsprovinz abgeschieden werden, so bleibt 
doch noch ein Gebiet übrig, welches etwa ein Fünftel des ganzen 
afrikanischen Continentes ausmacht und dabei eine sehr einförmige, 
liöchst artenarme Flora enthält. Die Eintheilung in Bezirke ist mehr 
durch die grössere oder geringere Häufigkeit einiger Arten und die 
Annahme, dass künftige Forschungen noch einige Eigenthümlichkeiten 
ergeben werden, als durch jetzt bekannte Unterschiede von grösserer 
Bedeutung gerechtfertigt. 



ha. W^estliche Zone oder Unterprovinz. 

Diese Unterprovinz im S. und SO. des Atlas umfasst Rio de Oro, 
Mauretanien, Iguidi und Sahel. Ausser den allgemein verbreiteten 
Wüstensträuchern Zizyplms lotus, Balanitfs, Salvadora persica, Leptn- 
denia pyrotecJmlca, Calotropis procera finden sich hier Boscla senfgalensls 
und Acacia Adansonü. 



b/3. Centrale Zone. 

b/8 I. Centraler Bezirk mit den Hochländern Tinghert, 
Ahaggar, Tasili und Fesan. Dieser Bezirk beginnt südlich vom 
Grossen Erg mit den Hamadas von Tinghert, Tademe'it, Tidikeit, an 
welche sich Tasili und Ahaggar anschliessen. Aus dem Pflanzen- 
verzeichniss der Expedition Lamy-Foureau geht hervor, dass in diesem 
Sitzungsberichte 1908. 73 



788 Sitzung der physikalisch-inathematisclien Classe vom 23. Juli 1908. 

Bezirk grösstentheils Arten gefunden wurden, welche sich aucli bis 
in das mediterrane Wüstengebiet von Algier erstrecken.' 

-[- Panicum turgidum Forsk. [FJ, -[• Aristida plumosa L. [F] und A.ßoccosa Cüss. 
et Dur., -j- A. pungens Desf. [F], \ A. brachyathera (Coss. et Bal.), -[- Cynodmi dactyhn 
Pers. [F], -|- Dactyluctenivm aegyptiacum (L.) Desf., Asphodelus ienuifoliu,s Cav., Gallign- 
num comosiim l'Her. [F], Trayannm midatum Del. [F], •\ Cnrnidaca monacantlta Dei.ii.e [F], 
Hali)cnemum strobilacenm (Pai.l.) Bieh., -[- Atriplex halimus L. [F], Suaeda fruticosa (L.) 
MoQ. [F], Haloxylon arüculatum (Cav.) Bge. [F], -j- Porttdaca foliosa Krr., Malcolmia 
aegyptiaca Spr., Henophyton deserti Coss. et Durieu, -j- 3Inricandia arvensis DC, -j- Savignya 
longisida Boiss. et Reu r., -\- Matthinla livida (Del.) DC, -|- Sisymbrium irio L., -]- Coro- 
nnpuf: lepidioides (Coss.) 0. Kize. [F], Anastatica Inerochuniica L. [F], Randania afrkana 
Coss. (Resed.), f Neurada procinnbfiis L. [F]. lletaina raetam (Forsk.) Wehr [F], Erodium 
guttatum (Desf.) und E. glaiicnphyllum An., Rhus o.ryacanthoides Dum. [F], -j- Zizyphus 
lotus (L.) Lamck [F], HeUanthcmum Lippii (L.) [F], FranJcenia thymifoUa Desf., \ Ta- 
marix gallica L. [F], -\- T. arüculata Vahl [F], Deverra chloranilia Coss. et Durieu, Li- 
moniastmm G-uyoniamim Coss. et Durieu, Nerhim oleander L. [F], Arncbia decumbens 
(Vent.) Coss. et Kralik, Cistanche lutea Hoffmgg. et Link, C. violacea (Desf.) G. Beck, 
f Citrullus colocynthis (L.) Schrad. [F], Ariemisia herba alba Asso [F], Echinops spinosush. 

Einzelne Arten reichen von dem mediterranen Wüstengebiet nur 
bis an den äusseivsten Rand unseres Bezirkes, so namentlich: 

Anabasis articulata (Forsk.) Moq. und alata Decne. [F], Fagonia fruücans (Coss.) [F], 
Hyoscyarmi.s falezles Coss. [F], Ephedra fragilis Desf., Ampelodesmos tenax Vahl, Cyperus 
conglomeratus var. arenarius, Daemia cordata R. Br. 

Nur in diesem Bezirk und nicht in dem folgenden wurden ge- 
sammelt : 

Dantlwnia ForsJcahlei (Del.) Trin. [F], Croialaria Saharae Coss. [F], Pulicaria 
crispa (Coss.) Scn. Bip., Astcriscus graveolens (Forsk.) DC. [F], Zilla macroptera Coss. 
et Durieu [F], Pulicaria undulala (L.) DC. [F.]. 

Endlich beginnen in diesem Bezirk aufzutreten und gehen weiter 
südwärts -f- Capparis decidua (Forsk.) Fax, -j- Cnlotropis procera (Willd.) 
R. Br. [F], f Lpptadenla pyroiechnica (Forsk.) R. Br. [F]. 

Es ist also dieser Bezirk als ein Übergang.sbezirk zwisclien Me- 
diterrangebiet und afrikanischem Steppengebiet anzusehen. 

b/8. 2. Bezirk A^on Air. In diesem gebirgigen Bezirk zeigen 
sich ausser den vorher angeführten, durch -[- gekennzeichneten folgende 
krautige Arten: 

Adiantum capillus Veneris L. (nur Iferouane), Pennisetum dichotomiim (Forsk.) Del. 
[F], Andropognn lanigcr Desf. [F|, Zilla myagrnides Forsk. (schon in Algier), Corchorus 
acutangulus Laji., Boucerosia tombuctuensis Chevalier, Oiicumis prnphetarum L., Momor- 
dica balsamina L., Geigeria acaulis Benth. et Hook. f. var. obtusa Bonnier. 

Vor Allem ist aber von Wichtigkeit, dass hier schon bei Iferouane 
HypMene thrbaira (L.) Mart. und Aracia arabica (L.) Wu^ld. erscheinen. 
Für F ist wildes Vorkommen der letzteren zweifelhaft ; dafür wächst 



' Alle mit -j- l)e/.eicliMeten Arten gehen auch nach A'ir hinein, die mit [F] be- 
zeichneten wurden auch in Fesan nachgewiesen. 



Enoler: Pflanzengeograpliisclie Gliederung von Afrika. 789 

dort eine Acacia, welche entweder A. seyal Del. oder A. tortilis Hayne 
ist. Sodann stellen sich auch folgende südwcärts häufiger werdenden 
Bäume und Sträucher ein: Maerua nV/iV/a R. Br. [F], Boscia smpgalensis 
Lam., Zizyphus spina Christi (L.) Willd., Balnnites aegyptiaca Delile [F], 
Sahadora persica Garcin [F]. — Schlingpfl. : Coccuhis leaeha (Del.) 
GuiLL. et Perr. Auf cultivirte Pllanzen bin ich nicht eingegangen. 



by. Aegyptische Zone oder Unterprovinz. 

Die durch Jahrzehnte hindurch fortgeführten Arbeiten von Schwein- 
FURTH und AscHERSON gcbcu die Grundlage für eine floristische Gliede- 
rung dieser Zone. Doch zeigt gerade hier die genauere Kenntniss der 
Flora, dass die einzelnen Bezirke sehr stark in einander übergehen. 
Das mediteri-ane Element, namentlich das ostmediterrane, ist hier noch 
stark vertreten, und das Küstenland müssen wir unbedingt dem Medi- 
terrangebiet zurechnen. So enthält der schmale, dem Nildelta vor- 
gelagerte Küstenstrich etwa 400 mediterrane Arten, von denen nach 
AscHERSON westlich von Abukir allein 185 mit 7 endemischen vor- 
kommen, während der Streifen östlich von Abukir 22 Arten mit 5 en- 
demischen vor dem westlichen voraus hat. Während das libysche 
Wüstenplateau noch dem Mediterrangebiet zugehört, lasse ich südlich 
von Sirvat mit dem Auftreten der Acacia tortilis die nordafrikanisch- 
indische Wüstenprovinz beginnen; die genannte Acacia findet sich un- 
weit der kleinen Oase, etwas nördlich von 28°. Östlich von Farafreh 
treffen wir nach Ascherson's Angabe auch Acacia seyal Delu.e an. In 
dem libyschen und isthmischen Bezirk treten Sandwüsten mit Dünen- 
Inldvmg besonders reichlich auf, doch fehlen solche auch nicht in den 
übrigen Bezirken. Die den Wüstencharakter am extremsten zeigenden 
Formationen sind dieselben von Algier bis nach dem östlichen Aegypten 
und in dem nördlichen Theil des libyschen und isthmischen Bezirkes, 
namentlicli in letzterem herrscht das mediterrane Element noch be- 
sonders stark vor, wenn auch nicht so sehr wie in Algier. Medi- 
terrane und mit denselben nahe verwandte Arten finden sich auch in 
der ägyptisch-arabischen Wüste, begünstigt durch die hohen Gebirge, 
welche sich zu beiden Seiten des Rothen Meeres hinziehen. Es könnte 
also wohl der Vorwurf einer gewissen Willkür dagegen erhoben werden, 
dass man den nördlichen Theil der libyschen und isthmischen Wüste, 
sowie die nördliclie ägyptisch-arabische Wüste, in Avelcher mediterrane 
Arten und Gattungen noch so zahlreich sind, vom Mediterrangebiet ab- 
trennt, weil Acacia tortilis so weit nach Norden reicht; aber ich möchte 
doch diese, zweifellos einen Übergang darstellenden Bezirke lieber dem 
nordafrikanischen Wüstengebiet als dem mediterranen angeschlossen 

73' 



790 Sitzung der physik.tliscli-mathetnatischen Classe vom 23. Juli 1908. 

sehen, weil Aracia in so ausgesprochener Weise die xerophytischen 
Districte des afrikanischen Continents charakterisirt. In der libyschen 
Wüste kommt noch Acacia Ehrenherglana Hayne vor; ferner finden wir 
im südlichen Theil der libyschen und zugleich in der südlich-arabischen 
Wüste Acacia seyal Delile und A. albida Delile, Aristlda pungcns Desf., 
Cleome chrysantha Decne., Schouwia arahica (Vahl) DC, Rhjnchosia mem- 
nonia (Del.) DC. Die nördliche arabische Wüste besitzt ausser Acacia 
tort'dis auch Acacia Ehrenhenjlana und Sakadora persica als wichtige 
Repräsentanten de.s afi'ikanisch-indischen Wüstengebietes. Die anderen 
Bezirke haben noch ausgesprocheneren afrikanischen Charakter. 

In der Begrenzung der Bezirke folge ich Schweinfurth und Ascher- 
SON, obgleich ich sie etwas anders gruppirt habe. Namentlich scheint 
es mir im Hinblick auf die gesammte Vertheilung zweckmässiger, den 
südarabischen Bezirk an die ostarabische Provinz anzuscldiessen. 

b 7 1 . I s t h m i s c li e r B e z i r k , zwischen dem littora len Mediterran- 
gebiet östlich des Nildeltas und dem Wadi Tumilät. — In diesem 
Bezirk sind endemisch die in der Sandwüste vorkommenden Delphi- 
niuin deserti Boiss. und U. Bocei Decne. 

by 2. Libyscher Bezirk, südlich des libyschen Wüstenpla- 
teaus bis in die Breite von Kene, wo ungefähr Prosopis Stephaniana 
ihre Südgrenze und die Dumpalme ihre Nordgrenze findet. 

b7 3. Aegyptisch-arabischer Bezirk (nördlicher), zwischen 
der Südgrenze von i und der Linie zwischen Kene und Koser. Für 
diesen Bezirk ist charakteristisch das Vorkommen von Ficus pseudo- 
sycomorus Decne., Moringa arabica Pers., Salvadora persica, Cocculiis 
leaeha (Del.) CIuill. et Perr., Capparis galeala Fres., Seelzenia orien- 
talis Decne., Crozophora ohliqua (Vahl) A. Juss., Lyciuni arabicum 
ScHWFTH., Blcpharls edulis (Forsk.) Pers., Cucumis prophetaruni L. u. a. 

b7 4. Culturland des Nilthaies und des Nildeltas. Die 
Forschungen von Asciierson und ScinvEiNFURTu haben ergeben, dass 
eine gTOSse Anzahl borealer und mediterraner Pilanzen im Nildelta 
anzutrefien sind; aber es finden sich auch schon hier eine sehr grosse 
Zahl von Arten, welche im tropischen Afrika und Indien oder über- 
haupt in den Tropen als Ruderalptlanzen eine weite Verbreitung er- 
reicht haben. Das Culturland, welches sich vom Delta südwärts als 
schmaler Streifen zwischen der libyschen und arabischen Wüste hin- 
zieht, beherbergt ebenso wie das Fajum eine Anzahl Arten, welche 
aus dem Delta nicht bekannt sind, neben einigen mediterranen auch 
südwärts weiter verbreiteten Formen, neben zahlreichen Kräutern auch 
Acacia laeta R. Br., der rankende Cissus cymosa Schum. et Thonn., die 
strauchige Asclepiadacee Leptadcnia heterophylla Decne. In Nubien 
treten naturgemäss noch mehr südliche Formen auf. 



Engler: Ptlanzengeographische Gliederung von Afrika. 791 

c. Thebaisch-nubische Provinz. 

Diese fasse icli im Sinne von Schweinfurth's südlicher Wüsten- 
region, schliesse aber noch die südliche ägyptisch-arabische Wüste 
an wegen des Vorkommens der Dumpalme und einer ganzen Anzahl 
Kräuter und Gräser, welche den Bezirken der ägyptischen Zone fehlen. 
Es sei nur hingewiesen auf: Pappophorwii hrachyslachyiua Jaub. et Spach, 
Dlplachne nana Nees, mehrere Aristida, Boerhacia verticillata Poir., Gie- 
sekia phamarroides L., Dipterygium glaucurn Decne., Tephrosia pogonostigma 
Boiss., Corchorus anticJiorus Räuschel, Glossonema Bovcunuin Decne. 
u. s. w. 



Cot,. Die westnubische Unterprovinz oder Zone, 

welche auch noch wenig erforscht ist, dürfte kaum viel vor der ost- 
nubischen voraus haben. 



cyS. Die ostnul)ische Unterprovinz oder Zone, 

A''on ScHWEiNFURTH gründlichst erforscht, ist dagegen ein reiches Ge- 
biet, welches gegenüber den übrigen Theilen des nordafrikanischen 
Wüstengebietes viel Eigenthümliches bietet. 

c/3 I. Der Binnenbezirk. Eine der hervorragendsten Erschei- 
nungen ist die im Wadi Delach (20 — 21° s. B.) sowie in den ost- 
wärts gelegenen Wadis Um Dum und Tarfani vorkommende Palme 
Medeinin argun Pr. Wilh. von Württemberg. 

c,8 2. Der Bezirk des niederen Küstenlandes. Hier finden 
sich viele halophile und xerophile, im Binnenland fehlende Arten, und 
der Unterschied dieser Flora gegenüber der des Binnenlandes wird 
um so grösser, je höher die Gebirge zwischen l)eiden sich erheben. 

c,6 3. Bezirk des gebirgigen Küstenlandes. Während die 
aus der arabischen Wüste aufsteigenden Gebirge übereinstimmend 
mit dem Sinai zahlreiche Vertreter des mediterranen Florenelementes 
aufweisen, sehen wir in denen des nubischen Küstenlandes neben 
mediterranen Typen auch abyssinische Arten. 

cy. Unterprovinz des Nilthals. 

Während die Oasen, deren Flora zwar manches mit der des 
Nilthals gemein hat, doch besser den sie umgebenden Wüstengebieten 
angeschlossen werden, müssen wir auch in dieser Provinz das Nil- 
thal von den anderen Provinzen absondern. Wie schon oben angedeutet, 
ist die Flora des nubischen Nilthaies von derjenigen des ägyptischen 



792 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

nicht erheblicli verschieden. Es treten hier mehr südliche Arten auf, 
welche zum Theil aus der benachbarten Wüste, zum Theil aus dem 
tropischen Afrika eingedrungen sind. Von Holzgewächsen sind hier 
Salix safsaf Forsk. und Fims tracliyphyUa Fenzl var. riylda zu nennen. 



d. Übergangsprovinz mit viel Grassteppe und laubwerfenden Gehölzen, 
unter dem Einfluss schwacher, aber selten ausbleibender Sommerregen. 

Die Einschaltung dieser Übergangsj^rovinz zwischen die eigent- 
liche Sahara und das afrikanische Wald- und Steppengebiet ist noth- 
wendig, da in dieselbe die »Wüste« noch mehrfach eindringt, ander- 
seits in ihr häufig Arten des Wald- und Steppengebietes vorkommen, 
ferner lichte Baumgrassteppen nicht selten sind, welche im Winter er- 
grünen, und schliesslich aucli einzelne eigenthümliche Arten dominirend 
auftreten. In dieser Übergangsprovinz kommen auch sogenannte todte 
Dünen vor. Vielfach haben sich in den trockensten Perioden Dünen 
durch Anhäufung von Flugsand auf Hügeln und Plateaus gebildet, 
und nur einzelne Bäumchen oder Sträucher sind auf ihnen zu bemerken. 
Wenn aber eine Regenperiode eintritt, wird der Sand abgewaschen 
und so siedelt sich reicherer Baumbestand an, wie auf den » ergs morts « 
zwischen Tsad und Niger, zwischen Gao und Tombuktu. 

Da man sich an einzelne hervorragende Leitptlanzen halten muss, 
so möchte ich mich dafür entscheiden, die Südgrenze dieser Provinz 
da zu ziehen, wo Adansonia, Tamarindus und Borassus zusammen be- 
ginnen oder jede für sich in grösserer Menge auftritt. Noch ent- 
schiedener wird die angrenzende nordafrikanische Steppenprovinz durch 
Butyrospermum Parka charakterisirt, dessen Nordgrenze meist etwas 
südlicher liegt, als die von Adansonia und Borassus. 



dot. Westliche Zone. 

da I. Bezirk von El Hodh, Tombuktu und Gando. Neben 
den Wüstenformationen treten .Sumpf- und Gebirgsformationen auf. 
Fast regelmässig fallen an etwa 1 4 Tagen im Jahr Regen, am reich- 
lichsten Mitte August. An den Ufern der Seen erntet man im 
Jahre zweimal das Getreide. In den Sümpfen wachsen weisse und 
blaue Nymphaea, auch 2 Jussieun; aber noch nicht Pistia. In einiger 
Entfermmg von dem Wasser wuchert an den Seen Cytiodon dactykm L. 
Trockene sandige Wasserläufe sind mit Ipomoea asarifoUa Roem. et 
Schult, bedeckt, welche auch auf Sanddiinen vorkommt. Sodann sind 
die Dünen mit Salvadora und etwas höher mit dieser und Aracia tortUis 



Englkr: Pilanzengeographische Gliederung von Afrika. 793 

Hayne bedeckt. Auf den rothlelimigeu Plateaus lichter Acacienwälder 
kommt auch Acacia smei/alWiu.D. vor, i'i^rner Acacia arabica (L.) Willd., 
A. Trenünianl Chevalier, welche der A. Senegal ähnlich ist und A. verek 
Guii.L. et Perr. Die Hügel von Goundam zwischen den Seen scheinen 
mehr Regen zu erhalten als die Ebene und sind ziemlicli reichlich mit 
Cenchrus ech'matus L. besetzt. Auf Felsblöcken wachsen Boucerosia tom- 
huctuensis Chev. sowie einige krautige Capiiarideen. Ausserdem kommen 
an den Abhängen der Hügel Euphorbia baisam iferaAiT.{?) und Commiphoi'a 
africana (Arnott) Engl, vor, welche oft 7-8'" lioch wird und einen 
Stammumfang von 1'" erreicht. Das schon so oft erwähnte Gras 
Paiüciun turylduui felilt auch nicht im Gebiet von Tombuktu und ebenso 
sind hier auch die beiden Cisfanrhe-Arten anzutrefien, welche in dem 
Wüstengebiet verbreitet sind. Aber ich möchte noch einige andere 
Pllanzen nennen, welche zeigen, dass um Tombuktu doch schon viele 
Arten wachsen, welche der Wüste fremd sind, so: 

Bauhinia ru/escens Lem., Cassia obovata Coll., Crotalaria arenaria Benth., Indigo- 
fera sessiliflora DC, I. paucifolia Del., I. diphylla Vent., Tephrosia obcordata Bak., Sesbania 
pubescens DC. (an Sümpfen), Cenlaurea senegalensis DC, Edipta alba (L.) Has.sk., Pulicaria 
crispa (Ca.ss.) Bknth. et Hook., Scnparia dulcis L., Corchortis tridens L. Die meisten 
der genannten Ai'ten wachsen auf Dünen. 

dct 2. Bezirk von Fouta, Kaarta und Massina in Sene- 
gambien. Wurde schon von A. Chevalier (Mission au Senegal, S. 202) 
unterschieden. Dornbäume, insbesondere Balanltes aeyyptiaca und Acacia 
Adansonii Quill, et Perr. herrschen vor. Guiera senegalensis Lam., eine 
strauchige Combretacee, bedeckt oft weite Strecken. Auch Co7nmiphora 
africana tritt hier formationsbildend auf. Zwischen den Bäumen wird 
der Boden im Winter von Gräsern und zahlreichen Leguminosen 
nebst andern Grassteppenbegleitern bedeckt, welche eine gute Weide 
abgeben. 

d/3. Centrale Zone. 

Nördlicher und östlicher Tsadsee-Bezirk'. Das Land von 
Agades bis nördlich der Mündung des Komadugu in den Tsad, nebst 
Kanem, Wadai und Bagirmi. Schon nördlich von Agades wird am 
Abfall des A'ir in einer Höhe von 600'" die Flora mannigfaltiger; 
es ist dies noch mehr der Fall beim Abfall des Landes in die thonig- 
sandige Tegama, welche schon Barth als Übergang zwischen den ge- 



' Barth: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika, Bd. I, S. 590. 
— A. Chevalier: De l'Oubangui au lac Tchad ä travers le bassin du Chari. La 
Geograpliie IX (1904), S. 361 — 366. — R. Chudeau: D'In Zize ä In Azaoua. La 
Geographie XV (1907), S. 401 — 420. — Derselbe: L'A'ir et la region du Zindar. La 
Geographie XV (1907), S. 321—336. 



794 Sitzung iler physikalisch-niathematischen Classe vom 23. .liili 1908. 

bire:iü:en Districten der Wüste und dorn fnichtbareren Theil Central- 
al'rikas bezeiclmet hatte. Es regnet alle -lalire im Air zwischen Juni 
und October: aber sehr uuüleieh, so 1905 bei Agades 17 mal, in man- 
chen Jahren nur 2 mal: die unmittelbar nach dem Regen auftretende 
Vegetation von einjährigen Kräutern (nicht Gräsern) wird Achab ge- 
nannt. Nördlich vtin Agades, von Itero\iane an, linden sich schon 
Bestände von Hyplmene ilulxiica (besonders häufig von Aouderas an), 
Acacia (ob A. Trenthüani Ohkv.?), Sahadora, Zizyphus lohis, Cahtropis 
(ganze Dickichte bildend), Bo^cia srneyahiisi^ und 3Ia(riia rii/ida, zwischen 
denen Rasen von Peiwi^chtm dichotoitiui/i und Andropogon laniger wachsen. 
Leptaden'ui ist so wie Calofroph hier nordwäi'ts und südwärts weiter 
verbreitet. Auch BouCi'ros:ia findet sich sonst nördlich wie südlich von 
Agades. Aber südlich von Agades, in der Hochebene Tegama, wo 
nur wenig Sümpfe vorhanden, sieht man Hyphaene, Salvadora und Ca- 
htropis nicht mehr. Balanites und Acacia Averden selten und finden sich 
meist nur in der Nähe der wenigen Sümpfe. Stellenweise ist der 
Boden otl noch mehrere Kilometer weit nackt, luid Graswuchs findet 
sicli nur in einigen Wadis. Hier und da bemerkt man die 3 — 4™ 
hohe, auch zu dichten Zäunen verwendete Agona {Euphorbia balsamifera 
AiT.?). Südlich von Ekelfi tritt ein Baum »Aderas« auf, der mit Obst- 
bäumen Ähnlichkeit haben und nach Terpentin riechendes Harz ent- 
halten soll, somit wohl kauui etwas anderes ist als eine Commiphora. 
Dieser Baum wird bald hei'rscliend, und die ganze Tegama mit ihrem 
thonig-sandigen Boden ist von einem fast ununterbrochenen Hain von 
kleinen Bäimien bedeckt, zu denen nun auch Baiihi?iin rtficidata und 
bei etwa 1 5° Acacia a/bida Delile hinzukommt. Der Graswuchs wird 
dichter und bedeckt fost den ganzen Boden. Weiter südlich gegen 
Tarka im W. von Damergu wird das Gehölz ganz dicht. Die Ve- 
getation der Tegama lässt sich auch weiter östlich verfolgen, etwas 
unterbrochen von dem etwas sumpfreicheren Damergu. nach dem Pla- 
teau Kutus. wo in den ti-ockenen Thälern und aut' der Höhe des 
Plateaus < Adoras« herrscht, wälu-end an den sandigen Hängen Ba- 
lanitis, Salradora, Cahtropis. Batihinia und Getreidefelder angetroffen 
werden. Auch das Granitmassiv von Zindar imd das des Mounyo süd- 
lich von Kutus smd st;trk versandet und im Allgemeinen ai"m, wenn 
auch an einzelnen Stellen ausser Durrah Ei-dnuss, Mandeln, Citi-onen, 
Baumwolle und Indigo culti^nrt werden. Westlich von Kutus undMunyo 
heri-sdit lichte Acaciensteppe mit 5 — 6'" hohen Bäumen bis in die 
Nähe des von hohem SchiltVlickidit umrandeten Tsad. Der von mäch- 
tigen Tamarinden und Ficus eingeiasste Komadugu könnte als Grenze 
zwischen dem Wüstengebiet und der nordafi-ikanischen Provinz des 
Wtdd- und Steppengebietes angesehen werden, wenn nicht südlich des- 



Enclkr: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. /95 

selben bei Kuku die Donil)äuiiie der Tegaina wiederkehrten. Im 
N. des Tsad felilt Baumwuchs fast gänzlich; nur vereinzelte Dorn- 
sträucher und Leptadenia treten auf und Pennisctu/ri dirhotomuni nebst 
Cenchrus cathnrtkus Delile. In Kanem, nördlich Aom Bahr-el-Gliasal, 
herrscht fast 40''"' weit Ilypliacne thehaica mit etwas Bulanites. Auf 
den Inseln im W. des Tsad findet sich viel Aracin veriiyera ScnwFTn. 
mit besonders langen Stipulardornen, und im Scharidelta sind fast un- 
durchdringliche Wälder von verschiedenen Acacien, gemischt mit Ba- 
lanites. Obwohl hier und da ein Ta/iiarindus vorkommt, so wird man 
diesen Landstrich doch zweckmässig noch in die UI)ergangsprovinz 
des Wüstengebietes einbeziehen, ebenso wie das flache, wenig geneigte 
und mit undurchlässigem Boden ausgestattete, an Lagunen und Sümpfen 
reiche Bagirmi im 0. des Scliari, wo grosse Strecken von baumloser 
LlocJigrassteppc bedeckt, die Baumformen neben Hyphuene grösstentlieils 
Dornbäume, und zwar vorzugsweise Acacien, sind: Acacla ataxacantha 
D(J., A. Senegal (L.) Willd., A. (jlaucophyUa Steud., A. arabica W., A. 
seyal Delile, A. tortilis Hayne, A. verugera Schwfth., welche letztere 
auch längs des Bahr-el-Ghasals auf den östlichen Inseln des Tsad, im 
Centralscharibezirk bis Fort Archaml)ault und im östlichen Scharibe- 
zirk vorkommt. Ferner sind hier auch anzutreffen : 

Crotalaria striata DC, Indigofera paucifolia Delile, /. pilosa \ \ni., I. K'nohlecheri 
KoiscHV, /. bongensis Kotschy, I. dipliylla \' ent., Tephrosia (tbcordata Bak., 7". lupinifolia 
DC, Sesbania pjibeavens DC, Rhynchosia memnonia DC, Vigna sinensis Endl. Da/.ii kommen 
von Comjjositen: Grangea maderaspatana (L.) Poir. (häufig am Seeiifer und an P'iuss- 
ufern), Conyza aegyptiaca (L.) Arr., Centaurea calcitrapa L., die Heliantlieen Sclerr/pappus 
africanus Jacq., die Inulee Pluchea lanceolata (DC) Ol. et Hiern (auch auf den Inseln), 
P. Dioscoridis (L.) DC (wie vorige), Pulicaria. crispa (Cass.) Ben th. et Hook. f. (mehr 
im S. des Tsad). Auch kommt in die-sem Bezirk die Scrophulariacee Antieharis linearis 
(Benth.) Höchst, vor. Auf cultivirtem Terrain beobachtet man die Tiliacee Curchorus 
tridens L. 

Das Ufergelände des Schari von Kussi an aufwärts, wo nicht 
bloss Tamarinden, sondern auch Borussus, grosse Ficus und Ceiha pen- 
tnndra emporragen, werden wir aber schon der sudanischen Parksteppen- 
provinz des Wald- und Steppengebiets zurechnen müssen. 

Östlich und südöstlich schliesst sich an Kanem Wadai an. Im 
N. dieses Landes herrscht noch reine Wüste, die nach S. in Steppe 
üljergeht. Etwas weiter südlicli und im 0., wo der Batha und Betcha 
zur Regenzeit mit laufendem Wasser versehen sind, ausser der Regen- 
zeit aber in iliren sandigen und kiesigen Flussbetten bei 4- — i^-"' Tiefe 
Wasser füliren, wird nach Naciitigals Angaben der Boden etwas frucht- 
barer, ist aber noch leiclit sandig. Der südlichste Tlieil mit fettem, 
etwas lehmigem Boden ist schon zur Cultur von Durrah geeignet. 



796 Sity.uiig der j)h)'sikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

dy. Östliche Zone. 

dyi. Bezirk des Marrah-Gebirges (nördliches Darfur). So- 
wohl das südliche Darfur, in welchem Borassus-lPalmen gedeihen, wie 
auch das südöstliche, in welchem Adansonia vorkommt, gehören nicht 
hierher. Im N. und 0. hat die Vegetation mehr Wüstencharakter, 
doch wird hier auch noch Pennisetum typhoideum gebaut, in den Berg- 
districten sogar Weizen. An den zahh-eichen temporären Wasserläufen 
kommen Dornbäume vor. Über die krautige Vegetation des Gebirgs- 
landes Avissen wir nichts, und es wird die Zukunft lehren müssen, 
inwieweit sie mit der der nubischen Gebirge übereinstimmt. 

dy 2. Bezirk des nördlichen Kordofan- und des unteren 
Atbaralandes. Dieser Bezirk entspricht dem ebenen Theil der et- 
baisehen Region ScnwKiNFUuxii's. Hierzu gehört das nördliche Kordofan 
von El Ssafi bis Bara, der südwestliche Theil der Bejuda, südlicli von 
Bir-el-Komr, die Umgegend von Chartum und Shendy und das im 
Norden und Süden der unteren Atbara gelegene Land südwestlich vom 
Etbai-Gebirgsland. Der Bezirk wird im S. begrenzt dui'ch die Nord- 
grenze von Adansonia, im N. durch die Nordgrenze von Aracia mibica. 
Es fällt in ihn hinein die Südgrenze der Dattelpalme sowie die Nord- 
grenze der Acacia melUfera, auch die Südgrenze der Capparis decidua 
(FoRSK.) Fax. Grosse Wüstenstriche wechseln ab mit bäum- und gras- 
reichen wie im nördlichen Tsad-Bezirk. Wie dort, finden sich auch 
hier ganze Waldungen von Hyphcienc thebaica; Conunipliora africana ist 
häufig, aber auch andere nicht so weit nach Westen vordringende 
Commiphora kommen hier vor. Sahadora, Balanites, Calotropis, Cissus 
quadrangularis, Cocculus leaeha finden sich hier wie dort. Maerua rigida 
des Westens wii"d durch 31. crasslfoüa Forsk. und Maei-un oblonglfoUu 
A. RicH. vertreten und die andere im W. häufige Capparidacee Boscia 
senegalensis dm-ch Boscia odandra Hockst. Von Süden dringen bis 
in diesen Bezirk vor: Olea laurifoUa Lam. , Poinciana elata L., Com- 
brehmi andeatum Vent., die Ssammor-Acacie, A. spii'ocarpa Höchst.; 
von Osten Moringa arabica Pers. Letztere fehlen im Tsad-Bezirk. 
Wie dort, herrschen unter den Bäumen die Acacien vor, und sie bilden 
auch hier bisweilen ausgedehnte Dorndickichte, so besonders an dem 
Atbara. Aber es sind zum Theil andere Arten als im Westen. ^4. spiro- 
carpa "wurde schon genannt; auch A. nwUifera Benth. (der Kitr) und 
A. nubica Benth. (die Laüd), die Selem-Acacie A. Ehrenbergiana Havne 
sind hier anzutreffen. Ferner ist dieser Bezirk von den westlichen 
durch einen grösseren Reiclithum an Capparidaeeen ausgezeichnet, 
namentlich durch einige Arten von Cadaba. Auch Arten von Grewia 
und Cordia sowie Tamai-ijc nihfica Ehrenb. scheinen füi' diesen Bezirk 
chai'akteristisch und nähern ihn der nordostafrikanischen Steppenprovinz . 



Engi.kr: Pllan/.engeographisclie Gliederuiij;; von Afrika. 797 

in. Das afrikanische Wald- und Steppengebiet. 

Dieses grosse Gebiet gliedere ich in folgende Provinzen : 

a) Sndanische Parksteppenprovinz, 

b) Nordostafrikanisches Hochland und SteppenprOA^inz, 

c) Westafrikanische oder Guineensische Waldprovinz, 

d) Ostafrikanische und südafrikanisclie Wald- und Steppen- 
provinz. 

a. Sudanische Parksteppenprovinz. 

Dieselbe ist in Folge der geringen orographischcn Gliederung ziem- 
lich einförmig und es herrschen in ihr namentlich Hochgrasstep])en mit 
und ohne Bäume. Meistens sind die Gehölze laubwerfend; aber es kom- 
men auch dauerblättrige vor. Dichtere Bestände finden sich häufig an 
den Ufern der Flüsse, und hier sind schon mehrfach hydrophile Arten 
der Provinzen c und d anzutreffen. Charakterbäume sind namentlich der 
Affenbrotbaum, die Delebpalme Borassiis ßahelliforni/s yav. aethiopinn, die 
Tamarinde, Taniai-indus mdica, und der Tschi-Butterbaum oder Karite, 
Butyrospernium Parkü; die drei erstgenannten finden sich auch in den 
Provinzen c und d, die letztgenannte aber nur in a. Die Provinz glie- 
dert sich folgendermaassen in Bezirke und ünterbezirke : 

et) Senegambisch-Westsiulanisclie Zone. Bezirke dieser Zone nach Chevalier. 

1. Untersenegambischer Bezirk: das ebene Seneganibien, von St. Louis 
bis Bakel zu beiden .Seiten des Senegal und von Bakel bis Joal. 

2. Oberseneganibisclier Bezirk: INIinianka, Segu und Baniniako. 

3. Bezirk von Bobo, Nord-Kenedugu und Nord-Ouassoulou. 

4. Bezirk des oberen und mittleren Volta sowie des Oueme (entluält 
auch das nördliche und mittlere Togo sowie Dahomey). 

ß) Centralsudanische Zone. 

1. Nupe- und Benue-Bezirk mit Nord-Adaniaua. 

2. Mittlerer Schari-Bezirk. 
7) Nilzone. 

1. Bezirk des südlichen Kordofan. 

2. Butterbaumbezirk des Ghasallandes. 

3. Bezirk des oberen Nilbeckens. 

Im Westen schliessen sich an diese nordafrikanische Steppenprovinz 
die zum makaronesischen Übergangsgebiet gehörigen Provinzen Cana- 
rische Inseln und Cap Verden an. 

aot. Senegambisch-Westsudanische Zone. 

aa I. Untersenegambischer Bezirk. Die beiden von Chevalier 
unterschiedenen Bezirke des Küstenlandes und den von Cayor vereinige 
ich. Das Küstenland enthält natürlich eine Anzahl von Arten, welche 
im Innern fehlen und zum Theil an der westafrikanischen Küste noch 
weit verbreitet sind, halophile Strauch er und Kräuter: Avlcennla nitida 



79S Sitzung der i)li\'sikalisch-inathematisclien Classe vom 23. Juli 1908. 

Jacq., Tamarix se7ipgalensis DC, Phoenix redinata Jacq. var. spinosa Thonn., 
den straiicliigen C/iiysohalanus icaco L., die Amarantacee Iresine vermi- 
ciilcn'is (L.) MoQ., Sitacda, einige Gräser und Cyperaceen. Aricennia, 
Chrj/solm/amis und Iresinfi finden sich auch an den Küsten des tropi- 
schen Amerika. Sodann finden sich auch an der Küste krüjipelige 
P^xemplare der im Innern als Bäume auftretenden Acacia albida Delile 
und des Parinarium macrophyllum Sabine. Im südlichen Cayor, in der 
Gegend von Niayes, haben an den Ufern der unweit des Meeres ge- 
legenen zalilreichen kleinen Seen eine Anzahl Arten der westafrika- 
nischen oder guineensischen Provinz sich erhalten, so namentlich Elaeis 
yuineensis L., Tetracera alnifoUa Willd., unter ihrem Schatten Lygodium, 
P(e?'is, im Wasser selbst Cyrtnspermn sencgalense (Schott) Engl. Auf 
den die Seen umrandenden und dem Wind ausgesetzten Dünen sieht man 
kümmerliche Exemplare von Detariuni Heudelotianum Baillon, Fagara 
senegalensis (DC.) Engl., Xylopia aethiopica Rich., DiaUum nitidwn Guill. 
et Perr., Landolphia Hnidelotiana DC Am Senegal selbst ist die Vege- 
tation noch sehr dürftig und nur an den Ufern etwas reicher an Sträu- 
chern, Salix coluteoides Mirb., Cralaeva religiosa Forst., Miinosa asperatah., 
Aeschynoinene elaphroxylon (Gun.L. et Perr.) Taub. ; dieselben stehen zur 
Zeit des hohen Wasserstandes fast vollständig unter Wasser und ver- 
lieren dabei ihre Blätter, ohne sonst in ihrer weiteren Entwicklung be- 
einträchtigt zu werden.' Ferner finden Avir an den Ufern natürlich 
mehrere Wassei-pflanzen des tropischen Afrika und an der Mündung 
aus Avicennia nitida und Rhizophora mangle L. bestehende Mangrove. 
Noch auf der linken Uferseite des Senegal wachsen Euphorbia balsa- 
niifera Ait., Adenlian houghel A. DC, Calotropis, Combretum aculeatum; 
erst Aveiter südwärts ändert sich die Vegetation allmählich. Die im 
N. noch sclu- lichte Baumstepjje wird nach S. allmählich dichter. Zu- 
nächst sieht man zerstreute Bakmites und Acacia; dann aber werden im 
Cayor besonders Parimirlum 7iiarrophyllum Sabine, Acacia albida Delile 
und StetTulia fo/nentosa Guill. et Perr. häufig: auch Acacia seyal und 
A. ai'abica, Tcuiiarindus und Adonsonia fehlen nicht, und nicht selten 
herrschen ganze Haine von Bora.tstts. Sodann sind Ficus sycomorus L. 
und der riesige afrikanische Mahagoiiibauni Khaya sencgalensis A. 3vss. 
im Süden häufig anzutreften. Überraschend wirken im Süden, allerdings 
nur stellenweise, die Bambusee Oxythenanthera abyssinica Munro und die 
riesige Mimosee Parkia africana R. Br. Von Stauden sieht man häufig 
Vcrnonia senegalensis Less. und Croton lobatus L. Auf den Plateaus herr- 
schenG?/«>/Y/ senegalensis Lam., Landolphia senegalensis Kotschy et Peyr. 
und Strophanthus sarmentosus DC. 



' Chevalier in Bulletin du Musee d"Histoire naturelle VI (1900), 307. 



Engler: Pflanzengeograpliisclie Gliederung von Afrika. 799 

Aus allen diesen Angaben geht hervor, daß wir hier einen 
Übergangsbezirk vor uns haben, in welchem das Bodenwasscr und 
auch nur geringe Zunahme der Niederschläge gegen S. (von 200 
bis 600""") einen grossen Eintluss haben, der am grünen Vorgebirge 
noch durch das weitere Hineinragen des Landes in den Ocean ver- 
stärkt wird. 

aa 2. Obersenegambischer Bezirk. Chevalier rechnet hierzu 
das Gebiet von Kita, Bamako und Segu; ich glnube, dass ilim das 
vom mittleren und unteren Gambia durchtlossene Land zweckmässig 
angegliedert werden kann, ebenso d;is innere Casamance, dessen Vege- 
tation CnEVAUEK als sudanische bezeichnet. Hier herrschen Hochgras- 
stejipen, in denen der Karite, Butyrospermum Parkii (G. Don) Kotschy, 
sowie der Note, Parkia afrlcann R. Br., besonders häufig sind, ferner 
der banyanartige Ficus rokko Schwi-tii. et Warb, und andere Arten, 
Tainarindus und Acacia pennata W. Den Grundstock der Gehölzvege- 
tation zwischen Bamako und Quiquaba bildet Ptcrocarpus esculenlus 
ScHUM. et Thünn., ebenso ist er häufig an den Ufern des Bani zwischen 
Sen und Djenne. Zwischen den Bäumen zerstreut findet sich auch 
die von hier an weit nach S. verbreitete Xhnenia americana L. Auf 
den Plateaus wachsen häufig das strauchige ConilyrduDi micranthuin 
G. Don und andere Arten (s. unten) sowie die niedrige Landolphid 
senegniensis. An Sümpfen sind die schon unter a i erwähnte OxytJw- 
nanthera und Raphla vinifrra P. Beauv. häufig. An Bachufern kom- 
men die Sterculiacee Cola cordifoUa Benn., Salix safsaf Forsk., Naudea 
inermis Baill. und Abrns precatorius L. vor. 

aa 3. Bezirk von Bobo, Nord-Kenedugu und Nord-Ouas- 
sulu. Auch hier sind Biityrosperiimm und Parkia africana in den 
Baumsteppen anzutreffen ; aber an Stelle des ersteren wird die Ochnacee 
Lophira alata Banks häufiger. Nicht selten, namentlich in der Gegend 
von Buguni, begegnet man auch der baumartigen ('ombretacee Ter- 
minalia marroptera Guill. et Perr. Ferner sind in den Buschgehölzen 
nicht selten Citharexylon sp., Cola rordifolia Benx., die Caesalpiniee 
üaniella thurifera Benn. und sehr häufig die Simarubacee Hannoa un- 
dulata (Guill. et Perr.) Planch. sowie die Caesalpiniee Dialinm nitidum 
Guill. et Perr. Ein nicht seltener Strauch ist Cassia Sirhcriana DC. 
In der Gegend von Kankan an der Südgrenze dieses Bezirks ist aus- 
gedehnte Busehsteppe ohne grössere Bäume mit Dickicliten einer Kan- 
delaber-Euphorbie entwickelt. An die Wüste wird man auf Äckern 
durch das Vorkommen von Caloiropis erinnert; auf solchen wächst 
auch das kleine Croton lohatum L. Als Lianen bemerkt man vielfach 
Landolpliia senegalensis und L. Ileudelotii zusammen mit Hannoa auf den 
Plateaus. Bei Marene ist Landolpliia amoena Hua sehr häufig. 



800 Sitzuns; der ])h3'sikalisch-inatheinatisclien Classe vom '2.'>. Juli 1908. 

An Sümpfen wächst Berlinia acuwinata Soland., Vertreter einer 
im tropischen Afrika zalüreiche Arten aufweisenden Gattung der Caes- 
alpinioideen. Von Raphia und O.vtjthenantltera umgebene Sümpfe fehlen 
auch in diesem Bezirk nicht: aber nur selten begegnet man an sol- 
chen der im S. häufigeren IMeliacee Carapa procera DC, ferner Lan- 
dolphia Heudelotä DC, so z. B. in dcM- Gegend von Sikasso, wo an 
Sümpfen auch Pandanus Heudelotianus Balf. beobachtet "^^alrde. Hier 
stellt stell i'erner Blighia sapida Kon. ein, und grosse Ceiha prufandra 
Gärtn. scheinen hier ■wild zu sein. Diese Funde deuten darauf hin, 
dass m der Nähe von Sikasso ein stärkerer Übergang zur westafri- 
kanischen Waldtlora A^orhanden ist. AVir begegnen hier ferner der 
Kaempferia arthiopica (Soi,;\is) Benth., welche auch im südlichen Bornu 
vorkommt und in Abyssinien noch weiter nördlich angetroffen wird. 
Schliesslich mögen noch von einigen lilr diesen Bezirk besonders cha- 
rakteristischen Familien die Arten erwähnt werden, welche bei Kalikoro 
und Segou gesammelt wurden, und von denen ich selbst Exemplare 
gesehen habe. 

Leguiuinoseti: Entada sttdanica Schweinfth.. Albüda Chevalieri Harms, Acacia 
Senegal (L.) Willd., -4. allnda Delile, A. jjennata Willd., Dctaritim senegatense Gmei.., 
Prosopis obloiiga Benth., Cynonufra Vogelii Hook, f., Burkea qfricana Hook., Bauhinia 
rtifescaii! Lam.. Cassia absus L.. C. goratensis Fres., Croialaria xpfiaciocarpa Pers., C. 
afrorufens KorscHV, C. ebenoides Walp., C. Leprieiirii Giull. et Perr., C. glauca Willd., 
C. goreensis Guill. et Perr., Indignfera geminala Bak., J. a»pera Pers., Tephrosia elegans 
ScHUM. et Thonn'., T. bracteolata Guili.., Stglosant/ies erecia P. Beai^v., Zornia diphylla 
Pers., De.tmodium delkahihim A. Ricn., Aeschyitnmene indica L., Smithia obovata Taub., 
Sesbania punctata DC, Eriosenia glomeratiim Hook, f., Erythrina senegalensis DC. (15111 
hoher Baum), Vigna i-entila-ia Bak. — Bestimmungen von Prof. Dr. Harms. 

Combretaceen : Combrftiim aculeatum Vent., C. Lecardii Engl, et Diels, C. panicu- 
lafwn \"ent., G. tomentosum G. Dos, C. ßoribitndiim Engl, et Diels, C. EUliottii Ekgl. et 
Diels, Gtiiera seiiegalensis Lam., Anogeissiis leiocarpits (DC.) Guill. et Perr., Terminalia 
macroptera (iüill. et Perr. 

Compositen: Vernonia nigriiana Oliv, et Hierx, V. Kotschyana Sch. Bip., V. pur- 
purea Sch. Biv., Coreopsis guineeiisis Oliv, et Hiern, Dicoma iomentosa Cass. — Be- 
stimmungen von Prof. Dr. O. Hoffmann, 

Älelastoniataceen: Osbeckia angolensis Cogn., Dissofis capitata (Vahl) Hook. f. 

.Scropluilariaceen: Sfriga aspera Benth,, St. hermonthica Benth., St. orobanchoides 
Benth. 

iiu 4. Bezirk des oberen und mittleren Volta sowie des 
Oueme (enthält den grössten Tlieil von Togo und Dahomey). Über 
die Vegetation von Dahomey wissen wir noch ziemlich Avenig, dagegen 
besitzt das Kgl. Bot^nnische Museum von Berlin sehr umfangreiche Samm- 
lungen aus den verschiedenen Theilen Togos von der Küste bis nahe 
an die nördliche Grenze des Gebietes, welche auch durchgearbeitet 
sind, so dass ich in der Lage bin, den Vegetationscharakter dieses 
Landes gut zu beurt heilen. Obwohl wh- aus diesem Bezirk eine sehr 
grosse Anzahl Arten beschrieben haben, welche anderswo noch nicht 



Engler: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. 801 

aufgefunden wurden, so ist doch auch die Zahl weitverbreiteter Arten 
eine sehr holie. Namentlich hat sich eine selir grosse Anzahl von 
Steppenpflanzen ergeben, welche sowohl aus dem mittleren Senegam- 
bien wie aus Kordofjin und den (ihasalländern bekannt sind; nicht 
wenige sind auch in Üstafrika und in Angola verbreitet. Der Baum, 
den wir als wichtigsten Charakterbaum der Parksteppenprovinz an- 
sehen, Butyrospcrmum Parkii, ist in den offenen Baumsteppen weit 
verbreitet und er kommt sehr weit südlich bis Tsewie unter 6° 30', 
also noch unweit der Küste, vor. Noch bis in die Gegend von Lome 
sehen wir auch Albizzia fu,'<tigiata (G. Mey.) Oliv., Acacia arahica W., 
Dlvhro&tachys nutans Benth., Bnuhlnia reticulata DC, Anona smegalensis 
Pees., Landolphia senegaleiisis DC, Cossia mimosoidps L. u. a. vordringen; 
aber es sind doch in dem südlichen Togo auch so viel Arten anzu- 
treffen, welche mit denen von Sierra Leone, dem südlichen Nigergebiet, 
Südkamerun identisch oder nahe verwandt sind, dass wir einen Theil 
derselben der westafrikanischen Waldprovinz zurechnen müssen. Mit 
dieser werden wir aber auch am besten das Gebirgsland A'^on Togo 
mindestens bis Sokode-Basari, wahrscheinlich auch noch darüber hin- 
aus, vereinigen müssen; denn in den Galleriewäldern dieser niedrigen 
Gebirgsländer, auch in den Bergwäldern finden wir ganz besonders 
stark das westafrikanische Florenelement vertreten. Als Beispiele der 
Parksteppenvegetation im mittleren Togo nenne ich hier nur noch von 
Atakpame (7° 30') Burkea africnna Hook., Antiih^sma venosunt Tul., von 
Sokode (9°) Balanites, Commiphora africana, Terminalia macroptera, Ano- 
geissus leiomrpa, Lophira alata, Zizyphus jujuha Lam., Heeria insignis (Deul^) 
0. Ktze., Acacia sunm Kukz, Entada ahyssinica Steud., Erythrina sene- 
galensis DC, Mundulea suherosa Benth., Vitex Cienkowskyl Kotsciiy, Tri- 
chilia emetica Vahl, CocMosperrnum tlnctormm A. Rira., Adeniuin lioughnl 
A. DC, Fkus djurensls Warb., F. exasperata Vajil. Dies mag an dieser 
Stelle genügen. Weiter nördlich nimmt natürlich der Artenreichthum 
immer mehr ab, wie das ja auch in den senegambischen Bezirken 
der Fall ist, und ausgesprochenere Stepj^enformen werden reichlicher. 
So finden wir am Westabhang des Tamberma-Gebirges mit Balanites 
zusammen Acacia verugera Schwfth., A. Senegal Willd., A. seyal Delu-e, 
A. swna Kurz. 

aß. Centralsudanische Zone. 

a/3 I. Nupe- und Benue-Bezirk mit Nord-Adaniaua. Die 
Vegetation dieses Bezirkes kennt man im Einzelnen sehr wenig. Die 
Ergebnisse von Baikie's Niger-Expedition sind zwar in D. Oliver's und 
Tu. Dyer's Flora of tropical Africa übergegangen; aber aus der An- 
gabe »Nupe« kann man nichts weiter entnehmen, als dass die Pflanze 



802 Sitzung tler physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

an irgend einer Stelle des Niger oberhalb der Einmündung des Benue 
wächst. Aus den Berichten über die verschiedenen Niger-Expeditionen 
von der Mündung aufwärts weiss man, dass schon südlich der Ein- 
mündung des Benui' in den Niger die reiche süd-nigerische Waldtlora 
ihre Grenze findet. Zwar sind die Ufer des Niger im Gebiet von 
Nupe und ebenso die des Benui' bis untei'halb Jola noch mit üppigem 
Ciallericwakl eingefjisst; aber wenn man von der Flussniederung auf 
die Anhöhen der Ufergelände aufsteigt, dann findet man nicht melir 
liohe Bäume, sondern meist nur Buschwerk und zerstreut stehende 
kleine Bäumchen mit kleinem Stammdurchmesser. 

Da nun aber doch in Nupe am Niger noch Pflanzen wie Culrasia 
scandens, Xylopia acutlßora A. Rick., StropJiantlms hispidus A. DC, Clathro- 
spermum Voyi'lü Planch. (Anonac), Trirlisiu sitbcor-data Oliv. (Menisperm.) 
vorkommen, so könnte man vielleicht noch einen Theil des Ufergeländes 
des Niger zwischen Eggan und Scliebu an das westafrikanische Wald- 
gebiet anschliessen. Im t'brigen gehört das vom Niger mehr entfernte 
Land unzweifelhaft in die sudanische Provinz. Butyrospernmm Parka, 
Parkia blylohosa, Burkea nfrirana, Borassus u. s. w. sind auch hier in den 
Parksteppen verbreitet. 

Die kleine Pflanzensammlung, Avelche Prof. Passarge aus der Gegend 
zwischen Jola und Garua mitl)rachte, enthält grossentheils nur Steppen- 
pÜanzen, von denen einige, wie Bornria radlatn (Sieb.) P. DC, Ctrato- 
tJieca sesanioides Endl., Indlgofera stennpliyUn Guill. et Perr., Aspilia 
Kotschi/i Benth. et Hook, f., in Senegambien und Kordofan vorkommen, 
andere, wie AchjranÜirs inrohicrota Moq. und Sfsamiun radiatuin Schum. 
et TnoNN., auch in Senegambien und Togo, Acrocephalus Büttneri Gurke 
(Labiat.) auch in Togo, wieder andere nur noch im Osten vorkommen, so 
Justicia 7-ostellaria (Nees) Lindau in Kordofan, Stylosanthes Bojeri Vogel 
in Sansibar. Im Ganzen ist aber bei der noch sehr unvollständigen 
Kenntniss der Gesammtverb reitung afrikanischer Pflanzen, insbesondere 
der weniger auffallenden Kräuter, nicht zu viel Wertli auf das Felden 
einer Art in dem einen oder anderen Gebiet zu legen, und wichtig 
bleibt immerhin, dass in der centralsudanischen Zone Pflanzen des öst- 
lichen vind westlichen Sudan wiederkehren oder sich begegnen. Auch 
einige anderswo noch nicht aufgefundene Arten haben wir von Jola 
erhalten: Crotalaria Passargei Tavb., JJesmodium campicola Taub., Aeschy- 
nomene lateritla Taub. Um Garua kommt aucli wieder Acacla seyal 
Delile vor und als eigenthümliclie Art Conibretuin Passargei Engl. Eine 
etwas reichere Sammlung verdanken wir Hrn. Passarge aus Adamaua 
und vom Hochplateau Ngaundere, aus welcher hervorgeht, dass die 
Vegetation dieser Länder im Norden mit der des mittleren und südlichen 
Kamerun nicht viel gemein hat. Passarge selbst bezeichnet die Vege- 



I 



Engler: Pflanzengeograpliische Gliederung von Afrika. 803 

tation als gemischten »Buschwald«, d.h. inittelhohen, bald mehr dicht, 
bald mehr licht stehenden Bäumen und Sträuchern, zwischen denen 
Gras, oft kein Unterholz, wächst. Merkwürdig sind die aus Combretaceen 
bestehenden Bergwälder, welche sich im Januar bereits mit frischem, 
hellgrünem, wie lackirt glänzendem Laub bedecken und einen wunder- 
baren Anblick gewähren. Da sich in der kleinen Sammlung eine verhält- 
nissmässig grosse Zahl von Neuheiten befand, so scheint in diesen Ge- 
birgsländern sich ein starker Endemismus entwickelt zu haben. An den 
Quellbächen des Benue finden wir um 400™ die Oleacee Mayeppa Ada- 
mauae Gilg, im mittleren Adamaua in derselben Höhe Hydrolea flori- 
hunda Kotschy et Peye., Solanum duplosinuatum Klotzsch, die Rubiacee 
Chomelia Passargei K. Schum. und Terminalia adamauensis Engl., von 400 
bis I 000" Terminalia Passargei Engl. Bezeichnend für den Charakter 
dieses Berglandes ist auch, dass bis zu i 000"' und darüber Cochlosper- 
mum Gossypiiim L., Gardenia lliunhergia L. fil. und Ceratotheca sesamoides 
P^NDL. aufsteigen. Das Hochland von Ngaundere, in welchem Passarge 
auf seiner Expedition ebenfalls eine kleine Sammlung zusammenbrachte, 
enthält zwar mehrere Pflanzen, welche in der nordafrikanisch-sudanischen 
Provinz verbreitet sind, auch einige wenige, welche man bisher nur 
von Kordofan, Sennaar und Abyssinien kannte; aber viele Arten sind 
mit solchen des westafrikanischen Waldgebietes (allerdings grossenteils 
mehr xerophytischen) identisch oder verwandt. Daher schliesse ich 
dieses Hochland der westafrikanischen Provinz an. 

a/3 2. Der mittlere Schari-Bezirk. A. Chevalier hat in 
diesem Bezirk sehr grosse Sammlungen angelegt, und ein Theil der- 
selben wurde am Berliner Botanischen Museum bearbeitet, namentlich 
die grossen Familien der Leguminosen, Compositen, Anacardiaceen, 
Combretaceen u. a. Die ganze Flora des Schari-Bezirkes schliesst sich 
eng an die von Schweinfurth so gründlich erforschte des Ghasal- 
landes an, und so ist es leicht, die Beziehungen der Schari-Flora zu 
der westsudanischen und der der oberen Nilländer herauszufinden. 
Es war oben darauf hingewiesen, dass ein grosser Theil von Bagirmi 
sich noch an den nördlichen und östlichen Tsadsee-Bezirk der Über- 
gangsprovinz des nordafrikanischen Wüstengebietes anschliesst; aber 
das südliche vom mittleren Schari durchströmte Bagirmi gehört dem 
mittleren Schari-Bezirk an, ebenso das Land, welches A. Chevalier 
im Süden von Dar Runga und im Westen von Dar Fertit von Ndele 
(8° 25' n. Br.) aus nach SW. durchreiste, indem er die Zuflüsse des 
Schari Banjoran, Bamingui und Koddo auf dem Wege nach Fort Cram- 
pel durchquerte. Südlich vom Fort Crampel tritt unzweifelhaft die 
westafrikanische Waldflora schon sehr in den Vordergrund, wenn 
auch der zusammenhängende Aequatorialwald erst etwas südlich von 

Sitzungsberichte 1908. 74 



804 Sitzung der plij-sikaliscli-maUieniatischen Classe vom "23. Juli 1908. 

5° beginnt. In dem Schari-Bezirk sind Bufyrospermuin nnd Tcuiia- 
riudus überall häufig. Im südlichen Baginni begumt die Baum- 
vegetation mannigfaltiger zu werden. Zu den im nördliclien Theil 
herrschenden Acacien kommen von anderen Leguminosen hinzu': 

" Eitiada sudanica ScBwriNriH.. ° Dichrostachi/s nutans Bkxih., die straucliige Al- 
bizsia CAecalieri Harms, °Dalbergia metano-ri/lon Guill. et Pkrr., °Cassia tora L., °C. 
nigricans Vahl, Crotalaria podocarpa DC, C. intermedia Korsen v, "Indigofera viscosa 
Lam., °I. polys-phaera Bak.. °I. seneyalensis Lam., Tephrosia hracteolata GriLL., * 7>- 
phr(tsia Hand Koi seil Y, 7'. lineari.i Pers., "' Zornia diphylla Fers., °Alysicarpus raffinalis 
PC Aeschynomene crassicaulis Hakms. mit kriechenden Zweigen, A. indica L. 

Im nördlichen Bagii-mi wächst auch die xerophile Anacardiacee 
Lannea sessilifoliolata Engl. Von Tiliaceen treten zuerst in Bagiruii auf: 

°G-retcia villosa Willd., G. pilosa Lax., ° Triumfettia rhomboidea jACg. 

Von den weiter südlich so massenhaft aut1:retenden Combretaceen 
sehen wir in Bagii-mi um- wenige: 

"Combrehtm actileatum, °C. bnd/ineum Engl, et Diels, °C. sokodense Engl et Diels, 
" Anogeissits leiocarpus, Terminalia Brownii Fresen. (als 8 — 12 " hohen Baum). 

Von Compositen kommen hier vor: 

EthuUa conyzoides L. (in Sümpfen). Vernonia paucißora Less.. F. Crraniii Oliv*., die 
Heliantheen Aspilia Schimperi Oliv, et Hiekx, A. helianthoides (Scbvm. et Thonn.) Oliv. 
et UiERN, °A. Kotschyi (Sca. Bip.) Besth. et Hook, f., °C/iri/santhelium proctimbens Pers., 
Blttincilka Gayaim Cass., die luulee Spaltes gariepiana (DC.) Sieetz, die Cynarae Di- 
coma tomeniosa Cass. 

Von Scrophidariaceen beginnen in Bagiimi aufzutreten: 

die hydrophilen .-Vrten: "Torenia parnflora Harms, Ilysanifus parci/Jora Benth., 
fei'ner Btiechnrra Buettiieri Engl., °Striffa hirstila Besth. 

Von den weiter südlich so reichlich vorkommenden Vitaceen 
sehen wir in Bagii-mi auch schon einige: 

°Cissus tpiadranfftdaris L., °C. debilis (Bak.) PLA^•CH., °C. Bakeriana Planch., 
° Ampelocissiis Chantinii Planch. 

Wir wenden ims nun zunächst dem südöstlichen Tlieil des Schari- 
Bezii'kes zu, welchen Chev.\lii:r von Xdele aus erforscht hat. 

Auf dem s:rossen Plateau Snussi scheinen in der lichten Park- 
steppe Adansonia und Borassits zu fehlen; aber Butyrospermum ist häufig, 
ebenso Lophira, Parkia ßlicoidea Welw., Detarium senei/alense Gsiel., 
Erythrophloeum guinee-nse Dox (an Flussufern bis 30™ hoch). BanieUa 
thurifera Bennitt, Cassia Siebcriana DC. (als Strauch und bis 1 5" hoher 
Baum), die meist strauchigen Dalbergieen LoncÄocarpus laxißorvs Güill. 
et Perr. und Ormosia laxiflora Bexth., der bis S™ hohe baumformige 
Pteroearpus lurens GriM.. et Perr., die bis lo" hohe, auch im tro- 
pischen Amerika vorkommende Andira iner/nis H. B. Kunth, an feuchten 



' jNIit ° sind die Arten gekennzeichnet, welche auch im östlichen oder mittleren 
Theil des Schari-Bezirkes oder in beiden vorkommen, mit ' solche, welche auch in 
Ubangui wachsen. 



Enoi.er: Pflanzengeographi.sche Gliederung von Afrika. 805 

Stellen Seshanin punctata DC, die Combretaceen Anogeissus leiocarpus und 
Gulera senegalmsis, also eine Anzahl Arten, welche wir im Westen kennen 
gelernt haben. Interessant ist liier ferner das Vorkommen von GIp- 
ditücläa africann Welw. als 8 — 25™ hoher Baum. Auch Acacien werden 
hier melirfach angetroffen: Acacia auma Kurz (verbi'eitet) und A. seyal 
Delilk, von anderen Mimosoidcen : Dichrostachys, eine bis 30" hohe 
Pentadethrn, der ebenso hohe Amhhjgonocarpus Schweinfurthü Haems, 
Entada sudanica Schwfth. Von Stauden aus der Familie der Legumi- 
nosen wachsen hier: 

Eriosema sparsiflorum Bau. f., E. cajanoides Hook, f., R/iynchosia minima DC, RJi. 
caribaea DC, ÄA. glutinosa Harsis, Vigna amhacensis Wki-w., Zornia diphylla Pers., 
Stylosanthes erecta P. Beauv., Uvaria picta (.Iaccj.) Desv., Desnwdium yangeticum DC, 
Indignfera dendroides Jacq., I. endecapliylla Jacq., J. pulchra Vahl (auf zeitweise über- 
scliwenuntein Land), /. rhynchocarpa Welw., Tephrosia purpnrra Pers., die interessante 
liaUistrauciüge Admodolichos macrothyrsus Harms und die ebenfalls zu den Pliaseoleen 
gehörigen Sphenostylis Schweinfurthü Harms und Psophocarpus palustris Desv. 

Zahlreich sind die Compositen vertreten; wir finden hier ausser 
der allgemein verbreiteten Mikania scandens (L.): 

Vernonia amygdalina L., V. procera O. Hoffm., V. Schweinfurthü Oi.iv. et Hiern, 
V. glaberrima Welw. und V. gerberifornüs Ouv. et Hiern, V. schariensis 0. Hoffm.; 
die Heiiantlieen Scleropappus africanus Jac^., Spilanthes acmella L., Aspilia Kotschyi 
(ScH. Bip.) Benih. et Hook, f., die Helqniee Jaumea Chevalieri 0. Hoffm. (auf steinigem 
Gelände), die Inuleen Tnula auriculata Wall, und Aiüfopappus chinensis (L.) Hook. 
et Arn., die Cynareen Dicoma sessilljhra Harv. und Echinops amplexicaulis Oliv., die 
Cichoriee Sonchus rarifolius Oliv, et Hiern (auf abgebrannten Steppen), Gynura cemua 
(L. f.) Benth., Gr. mirüata Welw. 

Dazu kommen von Scrophulariaceen : 

Cycnium campnrum Engl., Sopubia simplex Höchst., jS. trifida Buch. Hamilt., 
Buechnera Biätneri Engl., B. capitata Ben-jh., Striga Barteri Engl, und St. Passargei Engl., 
grösstentheils Arten, welche uns schon aus Togo bekannt waren. 

Ausserordentlich gi-oss ist die Zahl der Comhretum und Terini- 
nalla, von denen constatirt wurden: C. lecananthum Engl, et Diels, C. 
EUlottii Engl, et Diels, C. glutinosum Pere., C. Checnlieri Diels, C. per- 
slcifoUum Diels, C. hypop'dinitni Diels, das kleine buschige C Hann- 
sianum Diels und das nur 10 — 30™ hohe C. herhacewn D. Don, Ter- 
minalia Lecardü Engl, et Diels, T. Chevalieri Diels, T. laxiflora Engl, et 
Diels, T. avkennioides Güill. et Peee., T. torulosa F. Hoffm., T. togoensis 
^ENGL. Auch unter diesen sind einige bisher nur aus dem Westen be- 
kannte Arten wie auch solche des Ghasalgebietes. Auch der strauchige 
Fkms vallis Choudae Delile, der zuerst aus Abyssinien bekannt geworden, 
in Kordofan und Sennaar vorkommt, findet sich um Ndele ebenso 
wie in Togo ; ferner kommen hier F. serkeo-gemma Waeb. und F. calca 
Waeb. vor. Die ostwärts und südAv^ärts so reich entwickelte Gattung 
Cominipliora besitzt hier ihren Vertreter in C. Chevalieri Engl. Charakte- 
ristisch sind auch mehrere buschige Arten der Tiliaceengattung Grewia : 

74* 



806 Sitzung der pliysikalisch-matlieinatischen Classe vom 23. Juli 1908. 

G. mollis Jacq., G. villosa Willd. und G. ClievaUej'i Gilg. Anacardiaceen 
sind hier ziemlich zahh-eich; wir begegnen Lannea velutinn A. Rick., 
L. Barleri (Oliv.) Engl., L. Chevalierl Engl, und Rhus glaucescens A. Rich. 
— Von Connaraceen kommen um Ndele die strauchige Ronrea cMiantha 
Gilg und die lianenartige R. yudjuona Gilg vor. Endlicli mögen auch 
noch zur Charakteristik des Gebietes die Vitaceen angeführt Averden. 
Zwischen Felsen wächst Cissiis corylifolia (Bak.) Pl., und sehr hoch 
klettern C, populnea Guill. et Perk. und C. hignonioides Schwfth. 

Von Melastomataceen sind nur einige Arten aus dem westafrika- 
nischen Waldgebiet bis Ndele vorgedrungen : Tristemma Schwnac/ipri 
Guill. et Perr., T. hirtum Vent. und Phaeoneuron dicellandroides Gilg. 
Dieselben Arten finden sich grossentheils auch im centralen Theil des 
Schari-Bezirkes ; ausserdem sind dort aber von den hier in Betracht 
gezogenen Familien noch folgende constatirt worden: die Mimosee 
Prosopis ohlonga Be^tu. als 1-25'" hoher Baum, Acacia arnbicaVJihhD., 
die strauchige Albizzia ChevaUeri Harms, die Cäsalpiniee Berlinia ango- 
lensis Welw., die Dalbergieen Dalbergia melanoxylon Guill. et Perr. 
und Plerocarpus erinaceus Poie., von krautigen und strauchigen Legu- 
minosen : 

Cassia nigricans Vahl, Orntalaria astragalina Höchst., C. macrocalyx Benth., C. 
calycina Schfank, C. polygnlnides Welw., die schöne C. cleomifolia Welw.. Indigqfera 
dendroides Jacq., I. polysphaera Bak., /. loionnides Bak. f., /. senegalensis Lam., /. hirsuta L., 
/. medicaginea Welw., I. stenophylla Guill. et Perr., /. Welwiischii Bak., /. tetrasperma 
ScHüM. et Thonn., die bis 3™ hohe I. capitata Kotschy, /. congeMa Welw., Lotus ara- 
bicus L., die kleine annuelle Hedysaree Cyclocarpa stellaris Afzel., Dolichos biflorus L., 
D. Baumannii Harsis, D. psmdopachyrrhizu^ Harms, Rhynchnsia resinosa Höchst, und 
Rh. congensis Bak., Eriosema pulcherriminn Bak. f., E. paucißoTum Kloi/.sch, Mucuna 
pruriens DC. und JI. Poggei Taub., Abrus pulchclhis Wall., ClUuria tematea L., Canavalia 
ensiformis DC, der allgemein in den Tropen verbreitete 5—6°' hohe Strauch Teramnus 
labialis Spreng., Vigna vexillata Benth., F. luteola Benth., V. reticidata Hook. f. 

Ebenso sind auch hier die Compositen selir zahlreich: 

Eupaiorium africanum Oliv, et Hiern, Vemonia Perrottetii Sch. Bip., V. senegalen- 
sis Less. (4—5°" hoch, an feuchten Plätzen), V. ambigua Kotschy et Peyr., V. undulata 
Oliv, et Hiern, V. imdifolia Steud., V. myriocephala A. Rice, (bis 2"" hoch, an Bach- 
ufern), V. scoparia O. Hoffm. (auf steinigen Plateaus). V. ChevaUeri O. Hoffm., Micro- 
trichia Perrottetii DC. (Ufer, Sümpfe), Grangea maderaspatana (L.) Poir., (wie voi'ige) 
Elephantopus senegalensis (Klatt) Oliv, et Hiern, Microglossa angolensis Oliv, et Hiern, 
Herderia stelhdifera Benth., Aedesia Baumannii O. Hoffm., die Heleiiieen Coreopsis lineari- 
folia Oliv, et Hiern, Ambrosia maritima L., Chrysanthellum procumbens Pers., die Cynaree 
Echinops amplexicaidis Oliv., die luuleen Laggera alata (Roxb.) Sch. Bip., Bliimea lacera 
DC, Pidicaria crispa (Cass.) Benth. et Hook. f., die Senecionee Gynura crepidioides 
Benth. 

Die auch sonst häufigen hydrophilen Scrophulariaceen sind im 

mittleren Schari-Bezh-k ebenfalls nicht selten, so: 

Lindernia dehilis Skan, Torenia parviflora Ham., Rhamphicarpa ßstulosa Benth., 
Bacopa calycina (Benth.) Engl., B. floribunda (R. Br.) Wetist., Striga Forbesii Benth. 



Engler: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. 807 

Dagegen wachsen an trocknen Standorten: 

Cycnium Chevalicri Diels, Sopuhia ramosa Höchst., Btieclinera hispida Buch. Ham. 

Wir konnten oben aus dem Gebiet von Ndele eine Anzahl Ana- 
cardiaceen antuliren; im centralen Schari-Gebiet wurde noch Sclei'o- 
carya hlvrea Höchst, und Launen humiUs (Oliv.) Engl, nachgewiesen. 
Auch die Burseracee Canarlum Schweinfiirlhii Engl., welche südwärts 
weiter verbreitet ist, findet sich am mittleren Schari. Die Combre- 
taceen sind hier wieder neben Leguminosen die herrschenden Holz- 
gewächse; es kommen noch folgende vorher nicht erwähnte Arten 
vor: Conihretwn sokodense Engl, et Diels, C. Schweinfurthii Engl, et 
Diels, C. ghasalense Engl, et Diels, C. hispidum Laws. (auf Sumpf- 
boden), C. Harmsianum Diels (nur 50''™ hoher Strauch), Terminalia 
Clieval'uri Diels. Ein bemerkenswerther Firns in den Galerien des 
Gebirges l>ei 7° n. B. ist der 10-15"' hohe F. pyrnocarpa/W k-ru. Von 
Grewia wurden ausser den frülier genannten Arten im mittleren Schari- 
Bezii-k G. Forbesü Harv. und G. guazurnifolia Juss. constatirt; sodann 
findet man von Tiliaceen ausser den gewöhnlichen Triumfettia auf dem 
Plateau auch Corchorus fasclcularls DG. Ferner kommen am Schari und 
seinen Nebenflüssen noch einige Connaraceen vor, die mehr von Süden 
als von Westen her vorgedrungen sind, nämlich die Liane Cnestis 
ferruginea DC., Connarus maerothyrsus Gilg, C. Smeathmannü DC. Von 
Vitaceen sind zu nennen: Cissus Chevalier i Gilg, C. ibuensis Hook, f., die 
hochkletternde C. caesia Afzel. 

Die Grenze gegen den der westafrikanischen Provinz zugehörigen 
Ubangi-Bezirk wird erst nach weiteren botanischen Forschungsreisen 
festzustellen sein; die letztgenannten Arten sind schon dieser Provinz 
zugehörig und es fragt sich, wie weit und in welcher Häufigkeit sie 
am Schari nach N. vordringen. 

7. Nilzone. 

Die hierher gehörigen, zum Theil schon seit längerer Zeit bekannten 
Bezirke will ich nur ganz kurz besprechen. 

a7 i. Bezirk des südlichen Kordofan. Die Nilzone zeichnet 
sich vor der westlichen und centralen Zone durch einen grösseren Ein- 
schlag östlicher Arten aus. Da ich das Vorkommen des Affenbrot- 
baumes und der Tamarinde zur Bestimmung der Nordgrenze der su- 
danischen Provinz verwende, so fallen das südliche Dar-Fur und das 
südliche Kordofan von etwa 13° 30' n. Br. an in diese Provinz. Ebenso 
wird Dar-Nuba dazu gehören, ferner das lichte Waldland', welches sich 



' ScHWEiNFURTH, VegetationsskizzcD vom Balir-el-Ghasal. — Botanische Zeitung 
1870, S. 85, 86. 



808 Sitzung der physikalisch-inatheinatischen Classe vom 23. Juli 1908. 

oberhalb der Nuer-Dörfer bei der Mündung des Bahr-el-Arab nach der 
Meschra-el-Rek hinzieht. Wie im Schari-Bezirk geht die vorzugsweise 
aus Acacien bestehende Baumsteppe, in welcher auch Borassushaine, 
DlcJirostachys, Xhnenia, Bnlanites, Kigelia aethiopicu Decne., Stercidla to- 
mentosa Guill. et Perr., Ficus traclnjphyUa Fenzl und mehrere Cappa- 
ridaceen-Gehölze vorkommen, in die Bestände des Butterbaumes, Buty- 
rospei'mum, über; aber das Auftreten des letzteren fällt hier zusammen 
mit der untersten, aus schlackig-porösem Thoneisenstein bestehenden 
Terrasse des afrikanischen Hochlandes, und so empfiehlt es sich, diese 
Grenze zu benutzen. 

Sehr reich an eigenthümlichen Arten ist dieser Bezirk jedenfalls 
nicht; aber es ist bemerkenswerth, dass mehrere aus Senegambien be- 
kannte Ai'ten hier ihre Ostgrenze finden. 

a7 2. Butterbaumbezirk des Ghasallandes. Dieser Bezirk 
schliesst sich an den Schari-Bezirk an und hat gleichen Vegetations- 
charakter. Es ist dies das von Schweineurth erforschte und geschil- 
derte Djurland mit dem der Bongo nördlich von 7°. Das obere Ghasal- 
quellenland mit der Wasserscheide zwischen den Zuflüssen des Ghasal 
und denen des Uelle (Land der Mittu, der Niam-Niam und Monbuttu) 
mit stai'k ausgesprochen westafrikanischer Waldvegetation gehört zur 
westafrikanischen Provinz. Zwai- ist auch dieser Bezii-k reich an Arten, 
welche bis Senegambien verbreitet sind; aber es sind doch vorzugs- 
weise die Arten der Parksteppe, und der Unterschied gegenüber der 
Flora des westafrilianischen Waldgebietes zeigt sich namentlich auch 
in der Armuth an bodenwüchsigen imd epiphytischen Farnen. 

ay 3. Bezirk des oberen Nilbeckens. Dieser entspricht dem 
Steppengebiet Schweinfukth's nach Ausschluss des südlichen Kordofan 
und der Steppen von Taka, Barka und Gedaref, welche ich der nord- 
ostafrikanischen Provinz zurechne. Borassus, Uyphaene tJiebaica, Tama- 
rindus, Adansonia, Acacia ndotica und Dlchrnstachys sind die verlireitetsten 
Formen der Steppe auch in diesem Bezirk; zerstreut ist Kigelia aethio- 
pica. Von dem abyssinischen Hochland dringen in den östlichen Theil 
dieses Bezirkes Combretum Hartmannianum Schwfth. und StercuUa cinerea 
RicH. vor, während im südlichen Theil bis zu 9° n. Br. Euphorbia can- 
deJabrurn Kotschy zu beobachten ist. Wie in den übrigen Bezirken 
der sudanischen Provinz sind Gramineen, Convolvulaeeen, Malvaceen, 
Cueui'bitaceen stark vertreten ; aber Leguminosen und Compositen schei- 
nen gegenüber den westlicher gelegenen Bezirken mehr zurückzutreten, 
wie ja überhaupt dieser Bezirk sich auch in mancher Beziehung stärker 
an die nubische Wüstensteppe anschliesst. Die Gleichförmigkeit der 
Baumsteppe oder Parksteppe wird aber, wie schon Schweinfurth aus- 
geiülirt hat, in diesem Bezirk unterbrochen durch die zahlreichen nui- 



Englkr: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. 809 

200 — 300'" hohen luselberge, welche am Grunde von dichtem dom- 
reichem Gebüsch umgeben, oben mit reicherer Gehölzvegetation besetzt 
sind, die mit der der nächsten Gebirge verwandt ist (z. B. Comhretum 
Harlmannianwn Schwfth., Grewia ferruglnea Höchst., Ficus popuUfolia 
Vahl), ferner durcli die dichten Uferwaldungen, welche am Blauen 
Nil oberhalb der Dender-Mündung und am Weissen Nil unter 7° und 
14° n. Br. auftreten {Acacin alblda Delile, A. seyal, A. 7illotica, Mimosa 
asper ata, Zizyphus Spina Christi, Hyphaene Ihehaica, Salix safsaf, Ficus anti- 
thetophylla Steud. und glohosa Miq., Kiyelia aetliiopica, Grewia popuUfolia 
Vahl, Maerua ohlo7iyifoUa A. Ricii., Capparls tomentosa Lam.), ganz be- 
sonders al)er durch die Sumpf- und Wasservegetation, welche in dem 
äquatorialen Nilsystem einen sehr grossen Raum einnimmt und einen 
wohl einzig dastehenden Reichthum tropisclier Hydrophyten aufweist. 
Die äquatorialen Zuflüsse des Nil gelangen aus einem verhältniss- 
mässig kurzen Berggebiet in ein langes Thalgebiet, wo ihre bisweilen 
nicht scharf ausgesprochenen Betten nicht von Hochufern begrenzt sind 
und so ein ausgedehntes Inundationsgebiet zwischen 5° und 16° n. Br. 
erlangt haben. Meilenweit herrschen Saccharwn spontaneum L. und 
Vossia procera Wall et Griff., letztere oft mit ihren flutenden Grund- 
stöcken schwimmende Inseln oder Grasbarren bildend, welche der Schiff- 
fahrt hinderlich werden. Anderseits sehen wii- am Ufer dichte Bestände 
von Plbraymites communis L. oder von Cyperus papyrus L., zwischen 
denen mannigfaltige Sumpf- und Wasserpflanzen vegetiren, welche hier 
nicht angefülirt werden soUen. Nur auf die bis 6" Höhe erreichende, 
oft auch in den schwimmenden Inseln vegetirende Aeschynomene ela- 
phroxylon, dem uns schon vom Tsad her bekannten Ambatsch, welcher 
etwa bis 1 3° n. Br. anzutreffen ist, sei noch hingewiesen. 



b. Nordostafrikanische Hochland- und Steppenprovinz. 

Diese Provinz zeichnet sich durch ihre starken Beziehungen zur 
Mediterranflora, zur arabischen und auch vorderindischen aus. Die 
bedeutende Erhebung des abyssinischen Hochlandes führt zu klima- 
tischen Verhältnissen, welche auch vielen borealen Typen eine bleibende 
Stätte gewährten und ihre Ausgestaltung zu endemischen Formen er- 
möglichten. Die Unterprovinzen und Bezirke dieser Provinz, über die 
ich mich unter Hinweis auf früliere Publicationen ziemlich kurz aus- 
sprechen kann, sind folgende: 

«) Etbaische Unterprovinz,: 

1. Etbaischer Küstenbezirk und Ebene, 

2. Etbaisches Hügel- und Hochland; 

ß) Unterprovinz des abyssinischen und Galla- Hochlandes mit Eritrea und 
Yemen: 



810 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

1. Bezirk von Yemen, 

2. Eritreischer Bezirk, 

3. Mittel- und südabyssinischer Bezirk, 

4. Bezirk von Kaffa, lllu und Wallega, 

5. Bezirk des Gallahochlandes und Harar; 
•y) Unterprovinz des Somalilandes: 

1. Bezirk des nördliclien Somalilandes. 

2. Bezirk des südöstlichen Somalilandes; 
S) Unterprovinz von Socotra. 

bot. Etbaische Unterprovinz. 

ba I. Etbaischer Küstenbezirk. Hierzu rechne ich das Küsten- 
land von etwa 2 2° 33' n. Br. am Fuss des Dschebel Elba bei 18° n. Br. 
Zweifellos gehört dieser Bezirk in enge Verbindung mit dem Küsten- 
land Abysshiiens und Arabiens bis Aden und darüber hinaus; aber es 
liat der Küstenbezirk auch sehr viel Arten mit dem Binnenland gemein. 
Commiphora opobahatman (Kunth) Engl., Acacia spirocarpa Höchst., 3Iaenia 
crassifolia, OJea Imirifolia, Poinriana elata, Moringa arahica, Hyphaene the- 
baica und Adele andere finden sich ebenso im Küstenbezirk wie im 
Innern. Dies gilt namentlich auch von den 4 Charaktergräsern der 
Unterprovinz, Pg/?/«///; turgidiim, Tristachya harhata'^-EYiS, Rotihoellia himda 
Vahl und Eleusine flagellifera Nees. Bezüglich der eigenthümlichen Arten 
des Küstenbezirkes verweise ich auf Schaveinfürth's Darstellung von 1 868. 

ba. 2. Bezirk des Etbaischen Hügel- und Hochlandes. 
Hierzu rechne ich das ganze Hügel- und Hochland östlich der nubi- 
schen Wüste, einschliesslich des Hügellandes zwischen Dschebel Roft 
und Dschebel SchigT z-v\-ischen 16° 30' und 23°. In der Hügelregion 
ist Medeinia argun Pr. Wilh. v. Wüet. endemisch imd in den östlicheren 
Gebirgen ist das Vorkommen abyssinischer Typen wie Dramena ombet 
KoTSCHY et Pete, und Aloe ahyssinica Lam. besonders bemerkenswerth. 

b)8. Unterprovinz des abyssinischen und Galla-Hochlandes 
mit Eritrea und Yemen. 

b/8 I. Bezirk von Yemen. Derselbe hat sehr viel mit dem 
eritreischen Bezirk gemein, besitzt aber auch Endemismen. 

hß 2. Eritreischer Bezirk. Hierzu rechne ich den Dalak- 
Archipel, das eritreische Küstenland oder die Samhara von 1 8° bis i 2°, 
das ganze Afar oder Oanakil im 0. von Abyssinien bis zum Golf von 
Tadjura, Habab, Mensa und Hamasen, welche nur Küstenregion, Steppen- 
region und Woina Dega-Region oder die Region des Gebirgsbusches 
enthält. 

b,3 3. Mittel- und südabyssinischer Bezirk. Umfasst Tigre, 
Amhar, Agammeder und Schoa. In diesem Bezirk haben wir am Ab- 



Engler: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. 811 

hang gegen NWW. die untere und obere Waldregion (QuoUa), die 
Regionen der Woina-Dega (Gebirgsbusch) und Dega (Hochweideland) 
sowie die hochalpine Region. Die Waldregion enthält mehrere Arten, 
welche auch in der Parksteppenprovinz verbreitet sind. 

b/3 4. Bezirk von Kaffa, Illu und Wallega. Das Sobat- 
quellenland, welches im Wesentlichen diesen Bezirk ausmacht, ist bo- 
tanisch noch fast gar nicht erforscht. Doch wissen wir, dass dasselbe 
auf der von 0. Neumann durchwanderten Strecke längs des Gelo reich 
ist an dichtem Regenwald und solcher im S. des Landes überhaupt 
reichlich entwickelt ist. 

b/8 5. Bezirk des Gallahochlandes und Harar\ Zwar ist 
die Flora dieses Bezirkes mit der mittel- und südabyssinischen nahe 
verwandt; aber sie enthält doch, wie man jetzt schon aus den Ergeb- 
nissen der EKLANGER-NEUMANN'schen Expedition schliessen kann, viel 
eigenthümliche Arten. Ganz besonders wichtig ist, dass in dem süd- 
lichen Theil, Sidamo, eine Region von Arundinaria alpina K. Schum., 
dem ostafrikanischen Bergbambus, zu unterscheiden ist. 

b7 I. Bezirk des nördlichen Somalilandes". Dieser Bezirk 
enthält das nördliche Gebirgsland mit dem davorliegenden Küsten- 
land. Das letztere hat den allgemeinen Charakter des an den Küsten 
des Rothen Meeres und Südarabiens sich hinziehenden Littorales, ist 
aber ungemein reich an Endemismen; namentlich finden wir im nord- 
östlichen Somaliland auf kleinem Raum eine grössere Mannigfaltig- 
keit der Arten von Coiiinilphora und BoswelUa, als irgendwo anders. 
Das Hochgebirge enthält zwar noch mehrfach Anklänge an das abyssi- 
nische Hochland, namentlich kommt auf demselben auch Juniperus pro- 
cera Höchst, vor; aber es fehlen eine sehr grosse Anzahl der in Abyssi- 
nien vertretenen Gattungen gänzlich. Dafür ist aber das mediterrane Ele- 
ment, insbesondere das ostmediterrane, stark vertreten, vermischt mit 
ungemein zahlreichen Endemismen von afrikanischen Xerophyten. 

b7 2. Bezirk des südöstlichen Somalilandes. Dieser Be- 
zirk schliesst sich an das nördliche Somaliland und an das Gallahoch- 
land an, im W. an das Massaihochland. Durch diese Gebirgssysteme 
wird die Somalihalbinsel vom centralen und westlichen Afrika stark 
isolirt, obwohl die klimatischen und Bodenverhältnisse dieselben Vege- 
tationsformationen Ijedingen wie in den Stepj^engebieten der oberen 
NiUänder. In meiner unter 2 citirten Abhandlung S. 4 1 2 habe ich eine 



' Vergl.: A. Enoler, Über die Vegetationsverhältnisse von Ilarrar und des 
Gallalandes auf Grund der Expedition von Freiherrn von Erlanger und Hrn. Osoar 
Neumann. Sitzungsher. d. Berl. Akad. d. Wiss , 1906 S. 726 — 747. 

^ Veigl. liierzu und zu 72: A. Engler, Über die Vegetalionsverhältnisse des 
Somalilandes. Sitzung.sber. d. Berl. Akad. d. Wiss., 1904 S. 355 — 416, mit einer Karte. 



812 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 190S. 

grosse Anzahl Gattungen aufgeführt, welche im Sonialilande felilen, 
obwohl sie in der QuoUa des abyssinischen Hoclilandes oder in west- 
afrikanischen Steppen vertreten sind. Von besonders auffallenden, im 
Somaliland fehlenden, aber jenseits des Massaihochlandes auftretenden 
Arten nenne ich nur Borassus, Adansonln, Cyperus papyrus. Für- das 
südöstliche Somaliland ist besonders charakteristisch die Entwicklung 
niedrigen Steppenbusches, in welchem nur einzelne grössere Bäume 
hervorragen, ferner bei vielen dieser Steppenbüsche reichliche Dorn- 
bildung oder aber Ausbildung von Lang- und Kurztrieben. Die Flora 
des südöstlichen Somalilandes zeigt, wie ich frülier dargethan habe, 
von der Küste bis zum Fuss des Gallahochlandes verschiedene Ab- 
stufungen, aber entsprechend den bedeutenden Höhenunterschieden 
und der damit sich steigernden Regenmenge von jährlich weniger 
als 200""" bis zu 600""". Nach S. reicht der Bezirk des südöst- 
lichen Somalilandes bis in die Gegend von Ndi und Ndara, wo sich 
der Kilimandscharobezirk des ostafrikanischen Steppengebietes an- 
schliesst. 

b(^. Unterprovinz von Socotra. Vegetation und Flora dieser 
Insel schliessen sich vollkommen an die der unteren Regionen des nörd- 
lichen Somalilandes an; aber die grosse Zahl der Endemismen, welche 
sich hier in Folge der Isolirung entwickelt haben, bedingt eine Ab- 
sonderung der Insel als selbständige Unterprovinz. 

c. Die westafrikanische oder guineensische Waldprovinz. 

Dass die Flora des tropischen Westafrika gegenüber derjenigen 
Ostafrikas erhebliche Unterschiede aufweist, dass eine grosse Anzahl 
Arten von Senegambien bis Angola verbreitet ist, hat sich schon lange 
ergeben, als die Kenntniss der afrikanischen Flora eine noch sehr 
dürftige war. Auf ein schon etwas reicheres Material von Thatsachen 
konnte ich mich im Jahre 18S2' stützen, als ich die Flora Westafrikas 
mit derjenigen Ostafrikas statistisch verglich. Seitdem hat sich die 
Kenntniss der Vegetationsverhältnisse ganz ausserordentlich erweitert; 
trotz des erheblich grösseren thatsächlichen Materials bleiben aber die 
Hauptergebnisse dieselben; jedoch sind wir jetzt besser als früher in 
den Stand gesetzt, die westafrikanische Waldprovinz gegen die ostafri- 
kanische abzugrenzen (selbstverständlich mit der Einschränkung, dass 
scharfe Grenzen nicht existiren) und die ganze westafrikanische Wald- 
provinz in ptlanzengeographische Unterabtheilungen zu gliedern. 



' A. Engler: Versuch einer Entwickhings^eschiclite der Pflanzenwelt. II. Theil 



(1882), S. 276-280. 



Engler: PUanzengeographische Gliederung von Afrika. öl 3 

«) Ober-Guinea-Zone: 

1. Bezirk von M'Boing, Sindii, Süd-Ouassouloii, 

2. Bezirk des nördlichen Ober-Guinea, 

3. Bezirk des südliclien Ober-Guinea, 

4. Bezirk von Mittel-Guinea; 
ß) Siid-Nigeria-Kamerun-Zone: 

1. Bezirk von Süd-Nigerien und Calabar, 

2. Bezirk von Nordwest-Kamerun, 

3. Bezirk von Süd-Kamerun, 

4. Bezirk von Ost-Kamerun, 

5. Bezirk von Fernando-Po, 

6. Bezirk von I. do Principe; 

7) Gabun-Zone: 

1. Bezirk von San Thome, 

2. Bezirk der Corisco-Bay nebst Hinterland. 

3. Unterer Ogowe-Bezirk, 

4. Njanga- und Kuilu-Bezirk; 
h) Congo-Zone: 

1. Bezirk des unteren Congo-Landes mit Loango und Angola incl. des 
Gebietes des Cuango, 

2. Bezirk des Congo-Beckens; 
e) Centralafrikanische Zone: 

1. Ubangi-Bezirk, 

2. Ober-Ghasal-Quellen- und Uelle-Bezirk, 

3. Uganda- und Unyoro-Bezirk; 

j') Lunda-Kassai-Urua-Zone: 

1. Malansche-Lunda-Kassai-Bezirk, 

2. Oberer Congo-Bezirk. 

C06. Ober-Griiinea-Zone. 

Cflt I. Bezirk von MBoing, Sindu, Süd-Ouassoulou. Dieser 
von A. Chevalier ^ unterschiedene Bezirk umfasst ein Bergland, welches 
von Mitte April bis Mitte November Regen empfängt. Er ist sehr 
waldreich in den Thälern, auf den Höhen mit Grasland bedeckt. 
Butyrospermum. dringt stellenweise noch ein, ist aber selten. Längs 
der Sümpfe herrschen Ölpalmen und Carapa prorern DC, sonst die 
Indigo-Liane Lonchocarjms cyanescens Benth., mehrere nicht Kautschuk 
liefernde Landolphia und auch Pandcmus candelabrum P. Beauv. Dieser 
Bezirk dürfte noch grössere Schwierigkeiten bezüglich der Begrenzung 
gegen die benachbarten bereiten. 

Cot 2. Bezirk des nördlichen Ober-Guinea. Derselbe um- 
fasst das Küstenland von Casamance, das portugiesische und franzö- 
sische Guinea (bis zu 10° n. Br.). Wie weit sich das westafrikanische 
Element mit stärkerer Entwicklung landeinwärts erstreckt, bleibt zu 



' A. Chevalier: Les zonas et les provinces botaniques de rAfricpie oecidentale 
fVangaise. — Coinptes rendus d. seanc. de TAcad. d. sc. Paris 1900, p. 1 205-1208. — Une 
Mission au Senegal (1900) S. 202. 



814 Sitzung der physikalisch-mathematischeu Classe vom 23. Juli 1908. 

ermitteln. In Casamance ist nach Chevalier schon bei Samandini das 
speciflsch westafrikanische Element verschwunden. In den Niederungs- 
gebieten der Flüsse herrscht dichte Mangrove mit zum Theil auch in 
Amerika erscheinenden Arten'. Dahinter liegen Sümpfe, welche oft in 
Reisfelder umgewandelt, sind und zahlreiche Bestände von Elaeis, sowie 
Gruppen von Raphia vinifera P. Beauv. sind häufig und auch die Rotang- 
palme AncistrophyllKm secundiflorum Wendl. tritt hier schon auf. Ebenso 
bemerkt man Pnndanus Heudelotianus (Gaudich.) BALF.f. Aber es scheint, 
dass hier noch keine Aframonairn vorkommen; dagegen findet sich 
in den Sümpfen die Aracee Cyrtosperma senegalense (Schott) Engl. 
Hier und da finden sich um die Dörfer kleine Affenbrotbäume, grosse 
Ceiba pentandraj, die Sapindaceen Aphania senegalensis (Juss. et Poir.) 
Radlk. und Blighia sapida Kon., die Leguminosen Dialiuin nitidum 
Gun-L. et Perr. und Parkia africana, bald cultivirt, bald wildwachsend 
auch noch Acacla albida Delile. Ferner treten in den Wäldern die statt- 
lichen Bäume anderer Leguminosen auf: Die Mimoseen Prosopis ohlonga 
Benth. (auch im Bezirk Bammako), Pentadethra macrophylla Benth. 
und Tetraplmra tetraptera (Schum. et Thonn.) Taub., die Caesalpinieen 
Danlella tlmrifera Benn. und D. ohlonga Bak., Afzelia africana Smith, 
Cordyla africana Lour., Dialium guineense Willd., Erythrophloeum gui- 
neense Don, die Dalbergiee Andira jamaicensis (W. Wr.) Urb., die sehr 
stattliche Apocynacee Ahtonia scholaris R. Br. und eine grosse Dracaena 
(wahrscheinlich arborea Link). Die meisten der genannten Bäume 
finden wir nicht nur weiter südlich, theils in Sierra Leone, theils in 
Kamerun, oder in beiden und noch anderen Bezirken wieder. Ich 
nenne weiter die hochstrauchige Dall/ergia ecastophyllum (L.) Taub, und 
den Dornstrauch oder Baum Drepanocarpus lunatus (L. f.) G. F. Mey 
(beide auch im tropischen Amerika)". In den Waldbeständen finden 
sich zahlreiche Lianen, meistens Combretaceen und ApocjBaceen, bis 
20" hoch aufsteigend, von ersteren Cowhretum paniculatum Vent. und 
C. miicronatnm Thonn., von letzteren Alafia landolphio/dcs BTif^Tü., Landol- 
phia Heudehtä A. DC, Carpodinus hlrsutus Hua. Von den Stauden, 
welche im mittleren Senegambien verbreitet sind, finden sich in diesem 
Bezirk wohl auch einige, aber sie treten ganz erheblich zurück, wäh- 
rend die Zahl der Schattenpflanzen zunimmt. 

cot 3. Bezirk des südlichen Ober-Guinea. Dieser Bezirk 
umfosst das südliche französische Guinea (von Victoria an), Sierra 
Leone, Liberia und das Land der Elfenbeinküste, ein Gebiet, in dessen 



' Vergl. A. Engler, Über floristische Verwandtschaft zwisclien dem tropischen 
Afrika und Amerika u. s. \v. — Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1905, S. 10, 11. 

- Vergl. A. Engleb, Über floristische Verwandtschaft zwisclien dem tropischen 
Afrika und Amerika S. 191, 192. 



Engler; Pflanzengeographische Gliederung von Afril^a. 815 

Küstenland die Regenmenge 4000"" übersteigt, landeinwärts erst selir 
allmählich auf 1 300""" sinkt. Dieser Bezirk ist daher auch ganz be- 
sonders reich an hydrophilen und hygrophilen Megistothermen, wie 
das südliche Nigerien, Kamerun und Gabun. Viele Familien, welche 
in den bisher besprochenen Provinzen nur schwach oder gar nicht 
vertreten waren, finden sich hier, zum Theil mit reicher Entwicklung 
von Gattungen und Arten. So die verschiedenen Familien der Fili- 
cales (viel Epiphyten), Lycopodiaceen und Selaginellaceen, die Araceen, 
Rapateaceen (mit der in Liberia endemischen Gattung Mnschaloceplialus), 
Dioscoreaceen, Zingiberaceen, Marantaceen, Orchidaceen (viel Epiphy- 
ten), Moraceen {Myrianthus), Olacaceen, Aristolochiaceen, Polygonaceen 
{Brunnkhia), Anonaceen, Myristicaceen [Pycnanihus), Lauraceen, Meni- 
spermaceen, Rosaceen (Chrysobalanoideen), Leguminosen (zwar nicht 
so an erster Stelle wie in den bisher besprochenen Provinzen und 
Bezirken, aber doch reich an endemischen Gattungen) : Didelutia, 
Monopptalanthiis, Loese7icra, PolystemonantJius, Diiparquetia), Connaraceen, 
Linaceen {Phyllocosmus, Hugonia), Polygalaceen {Carpolobia, Atroxima), 
Dichapetalaceen, Euphorbiaceen, Anacardiaceen (Trichoscypha), Hippo- 
crateaceen, Icacinaceen, Ochnaceen (namentlich Ouratea), Guttiferen 
[Garcinia), Sterculiaceen {Cola), Violaceen {Rinorea), Flacourtiaceen, 
Passifloraceen, Begoniaceen (auch epiphytisch), Thymelaeaceen {Octo- 
lepis), Lecythidaceen (Napoleono), Rhizophoraceen (Cassipourea), Myrta- 
ceen {Eugenia), Melastomaceen, Apocynaceen (neben mehreren an- 
deren Gattungen auch Kicksia oder Funtuinia), Rubiaceen (ganz ausser- 
ordentlich reich). Dagegen treten die Compositen sehr stark zurück, 
ebenso die Gräser, von denen anderseits einige hohe Pennisetum auf- 
fallen. Lianen, Schling- und Kletterpflanzen finden sich hier aus den 
verschiedensten Familien: Gleicheniaceen {Gleichenia dichotoma Willd.), 
Selaginellaceen {Selaginella scandens Spring), Polygonaceen {Brimnichia), 
Aristolochiaceen {Aristolochia), Araceen {Culcasia, Rhektophyllum), Pal- 
men (Calamus), Anonaceen {TJvaria, Artabotrys), Menispermaceen {Tri- 
clisio, Kolohopetalu7n, Dioscoreophyllum), Connaraceen {Monates, Cnestls), 
Leguminosen {Entada, LnncJiocarpus, Dalbergia, Ostryorarpus), Linaceen 
{Hugonia), Malpighiaceen {Flabellaria, Heteropterys), Dichapetalaceen 
{Dichapetalum), Euphorbiaceen {Manniophyton), Icacinaceen {Jodes), Hippo- 
crateaceen {Hippocratea, Salacia), Rhamnaceen {Gouania), Yitaceen {Cissus, 
Ampelocissus), Com.hreta.ceen {Cornbretum), 'Loga.maeeen{Usteria, Sirychnos), 
Apocynaceae {Landolphia, Clitandra, Carpodinus, Gabunia, Sti'ophanthus, 
Isonema, Alafia, Baissea), Asclepiadaceen (erheblich ärmer als in den 
übrigen Provinzen, Periplnca, Tylophora), Convolvulaceae {Ipoinoea, Pre- 
vostea, Bonamia), Rubiaceen {Sabicea, Amaralia, Rutldea, Chasalia, Sarco- 
eephalus, Uncaria), Compositen {Mikania). 



816 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

Dieses Verzeichniss trifft nun auch ziemlicli zn für die Zone ,ß, 
dcigegen weniger für den folgenden Bezirk. 

Cd 4. Bezirk von Mittel-Guinea. Hierher gehören die Regen- 
gebiete der Goldküste, von Togo, Dcahomey, Lagos. Wir haben bereits 
oben (S. 801) gesehen, wie weit südlich in Togo, dessen Flora wir 
besser kennen als die des Hinterlandes der Goldküste und die von 
Dahomey, die Bäume der Parksteppe und mit ihnen die krautigen 
Leguminosen und Compositen der Steppe gegen die Küste vordringen. 
Es erklärt sich dies aus der geringeren Regenmenge, welche diesem 
Gebiet zukommt und nirgends über 2000""" hinausgeht. Selbst im 
Küstengebiet von Togo fehlt dichter zusammenhängender Regen wald; 
aber an den feuchten Standorten, in der Nähe der Lagunen und an 
den Wasserläufen finden sich immer einzelne Arten des westafrika- 
nischen Florenelementes, während in einiger Entfernung auf trocke- 
nerem sandigem Boden SteppenpÜanzen wachsen. 

Ln Strandgebiete finden wir neben anderen weiter an der Guinea- 
küste verbreiteten Arten Evclea Warneckei Gurke (Ebenac), die Rubiacee 
Pavetta haconla Hook. f. und die Sapotacee Mimusops lacera Bak. als 
stattlichen Baum. 

Die Ölpalmen, welclie in der Nähe der Küste mehrfach Bestände 
bilden, sind mit epiphytischen Farnen besetzt, z. B. mit NephroJepis 
hiserrata Schott; hier finden sich auch Ficus isngittlfoUa Warb, und F. tri- 
angularis Warb. Im Schatten der Ölpalmen wachsen die Phytolaccacee 
Hilleria latifolla (Lam.) H. Walt., die Commelinacee Aneilema heniniense 
KuNTH, die Acanthacee Elytraria squamosa (Jacq.) Lindau. An den La- 
gunen bemerken wir unter andern als westliche Typen die Euphorbiacee 
Macaranga Borteri Müll. Arg. (S" hoch), Sterculia tragacantha Lindl., 
Cellis Warneckei Engl., Olax viridis Oliv, und als Lianen oder Kletter- 
pflanzen: Cissus populnea Guill. et Perr., die Hippocrateaceen Campy- 
lostomum Warneckeanum Loes. und Hippocratea cymosa de Wild, et Dur. 
var. togoensis Loes., Slrydinos Warneckei Gilg, Dioclea reßexa Hook, f., 
Culcasia scandens P. Beauv., im Sumpf die Marantacee CUnogyne Bau- 
mannii K. Schum. An Wasserrinnen wachsen die Dilleniacee Tetracera 
pofaioria Afzel., die Icacinacee Raphiostyles he?iinensis (Hook, f.) Planch. 
und Strophanthus sarmentosus P. DC. Auch in der Parksteppe beobachten 
wir melu'ere dem Westen eigenthümliche Typen wie die riesige Moracee 
Antiaris africana Engl., welche der Ceü)a pentandra an Grösse gleich- 
kommt, die Sapotaceen PacJiy stein cinerea (Engl.) Pierre und Mimusops 
Warneckei YuHGh., Terminalia Warneckei Y^nGJ.., die Sterculincee Cola carici- 
folia (Afz.) K. ScnuM., die Bignoniacee Spathodea canipanulata P. Beauv. 
(bis 20"' hoch), die Meliacee Trichilia Prieureana A. Juss., die Rubiacee 
Mussaenda elegans Schum. et Thonn., die Apocynacee Hunteria ferru- 



Engi.er: Pllanzengeographische Gliederung von Afrika. 817 

glnea K. Schum., die Melastomatacee Dissntis Irvingiana Hook. f. als 
2'" hohen Strauch, an schattigen Stellen die Urticacee Fleurya podo- 
carpaWEBjy., die Cucurbitacee Cucumopsis Mannü Naud., die alles über- 
spinnende Apocj'nacee Oncinotis nitida Hook., die Anonacee Artahotrys 
aurantiacus Engl., in Gebüschen die Balanophoracee Thonnmgia san- 
guinea Vahl. 

Es wäre mir leicht, noch 50 bis 60 andere Arten aus der Gegend 
von Lome anzuführen, welche theils auch in Sierra Leone und Kamerun 
vorkommen, theils endemisch sind. Aber die angeführten Ai-ten ge- 
nügen schon, um zu zeigen, dass wir hier trotz des Fehlens der 
dichten ausgedelniten Regenwälder doch zahlreiche Arten antrefi'en, 
die entweder selbst oder durch Arten derselben Gattung in den Regen- 
wäldern vertreten sind. Dass aber auch in den Uferwäldern der niedrigen 
Gebirgsländer von Togo die guineensische Flora den Ton angiebt, geht 
aus folgendem Verzeichniss der bei Sokode (9° n. Br.) in solchen 
wachsenden Arten hervor: 

Räume und 8 trau eher: Ficus grandicarpa Warb. — Celiis Durandii Engl. — 
Olax viridis Oliv. — Anonac. : Anona ylavca Schum. etTnoNN., Hexalobus grandiflnrus Benth., 
Üleistopholis pate?is (Benih.) Engl, et Diels, Uvaria chamae P. Bkauv., Xylopia aethiopiea 
(Dun.) A. Rich., Moiiudora myristica Dun. — Connar. : Rüurea gudjuaiia Gilg, R. coccinea 
Hoüiv., Äyelaea (Miqua (P. Beauv.) Baill. — Leguin.: Piptadenia Kerstingü Harms, Albizzia 
Brownei Oliv., Berlinia Heudeloiiana Baill., Erythropkloeum guineense Don., Cordyla africana 
I.ouR., Cynometra megalophylla IIarms, Ahrus jnilchellus W all. — Rutac: Clausena anisata 
(VViLLD.) Oliv. — Euph.: Phyllanthus discoideus MiJL,i.. Aug., Uapaca Heudelolü Baill. — 
Anacard.: Lannea Biittnei-i Kkol., L. egregia Engl. — Sajjind.: Dtinbollia pinnata Schum. 
et Thonn., Eriocoelum Kerstingü Gilg, Talisiopsis oliviformis Radlk., Lecaniodisous cupa- 
nioides Planch., Phialodiscus unijugatus Radlk., Blighia sapida Koen. — ■ Boinbacac.: Ceiba 
pentandra (L.) Gaertn., Bomhax biionopozense P. Beauv. — Ste.rculia tomentosa Giiill. et 
Perr. — Ocliriac.: Ochna membranavea Oliv. — Guttif. : Hnronga paniculata (Pers.) Lodd., 
Garcinia Kersiinyii Engl., G. Baikieana \'esque var. iogoensis Engl., Pentadesma Kerstingü 
Engl. — Myrtac. : Syzygitim yiiineense (W.) DC. — Vitac: Leea guineensis Don — Oleac. : 
Mayepea nilotica (Ouv.) — Sapotac. : Gltrysophyllum nbovatum Don, Mimusops midtinervis 
Bak., M. Kerstingü Engl. — X'erbenac.: VitexCienkowskü Kotschv. — Apoeyn.: Pleiocarpa 
ßavescens Stapf — Logaii.: Anthodeista Kerstingü Gilg — Rubiac. : Kandia maculata DC, 
Pouchetia africana P. DC, Morelia senegal'nsis Rich.; alle kleine Striiucher. 

Lianen und Sciilingpflanzen: Dioscorea abyssinica HocHsr., D. dumetorum 
(Kunth)Pax — ClematisWightiana.y^ ALL. — Legum.: Entada sudanica Schwfth., Ormocar- 
pum sennoides DC, Psophocar^ms palustris Desv. — Sapind.: Paullinia pinnata L. — Ilippo- 
crateac.: Hippocratea cymosa de Wild, et Tu. Dur. — Dillen.: Tetrarera alnifolia W. — 
Combret. : Combretum panniciäatum ^'^ent. — Oleac.: Ja.iminum gardiniodorum Gilg — 
Apoeyn.: Landolphia ßorida Benth., h. scandens F. Didrichs., Clitandra laxiflora Hallier 
f. — Asclepiad. : Tacazzia apictdata Oliv. — Compos. Mikania scandens (L.) W^illd., 
Stauden u. s.w.: Scleria racemosa Poir., Floscopa africana C. B. Clarke, Anchomanes 
difformis (Blume) Engl., Aframcymum colusseum K. Schum., Desmodium palcaceum Guill. 
et Perr., Dyschoriste Perrotfetii (Nees) O. ICtze., Brillantaisia patula T. And. 

Weiter südlich, z.B. bei Atakpame, finden sich in den Uferwäl- 
dern des Hügellandes wieder noch zahlreiche andere Arten, welche 
dem westafrikanischen Waldelement ausschliesslich angehören. Somit 



818 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

sind wir berechtigt, das Gebirgsland von Togo mit dem Küstengebiet 
neben die übrigen Bezii'ke der westafrikanischen Waldprovinz einzu- 
reihen, während das zwischen die Gebirge hinein sich erstreckende 
Land der sudanischen Provinz zugehört. 

c,S. Süd-Nigerien-Kamerun-Zone. 

Diese Zone mit den oben angegebenen 6 Bezirken ist in fast 
allen so reich an megistothermen Hygrophyten wie der Bezirk des 
südlichen Ober-Guinea; die Zahl endemischer Gattungen und Arten ist 
eine ausserordentlich grosse und wird immer bedeutend bleiben, wenn 
auch weitere Forschungen ergeben werden, dass Gattungen und Arten, 
die man als dieser Zone eigenthümlich ansah, auch in der Ober-Guinea- 
Zone oder in der Gabun-Zone vorkommen. Der Vegetationscharakter 
dieses Gebietes ist bekannt, und ebenso weiss man, dass jeder der 
Bezirke seine Endemismen besitzt. Auf diese will ich nun an dieser 
Stelle nicht eingehen, da diese Thatsache den Fachmännern genügend 
bekannt ist. Wohl aber muss ich etwas über die Begrenzung der von 
mir unterschiedenen Bezirke sagen. 

c.Q I. Bezirk von Süd-Nigerien und Calabar. Umfasst das 
meist ebene Land von Lagos, Benin und dem Niger- Pro tectorat 
sowie das Ufergelände des Niger oberhalb seiner Vereinigung mit 
dem Benue, soweit sich üppiger Galeriewald findet. Das Gebirgsland, 
aus welchem der Cross-River heraustritt, werden wii- besser zu Nord- 
west-Kamerun ziehen. 

c,8 2. Bezirk von Nordwest -Kamerun. Als Südgrenze 
dieses durch das Kamerungebirge besonders ausgezeichneten Bezirks 
nehme ich den Sanaga an, als Nordgrenze das Hochland von Adamaua 
(vergl. oben S. 803), als Ostgrenze den Mbam-Fluss. 

c^ 3. Bezirk von Süd-Kamerun. Ist das Gebiet des un- 
teren Sanaga von Baiinga an, Yaunde und das Gebiet des Lokundje. 
Von hier stammen die reichen Sammlungen, welche wir in den letzten 
Jahren von Zenker erhielten. 

c8 4. Bezirk von Ost-Kamerun. Ist der steppenreiche ge- 
birgige Theil Kameruns westlich von Yaunde, nordwärts bis Ngaun- 
dere, in welchem das guineensische P]lement stark zui-ücktritt. 

Eine auch nur annähernd gründliche Erforschung von Ost-Kamerun 
steht noch aus. Eine kleine Sammlung von 58 Nummern, welche 
Prof. Passarge gelegentlich um Ngaimdere bei etwa 1 200™ ü. M. 
zusammengebracht hat, giebt einige Aufschlüsse. Da ausser den Be- 
schreibungen einiger neuen Arten hieräber noch nichts veröifentlicht 
ist, so will ich, unter Übergehung tropisch-afrikanischer Ubiquisten, 
hier die wichtigeren Arten nennen: 



Engler: Pllanzengeograpliische Gliederung von Afrika. 819 

Bäume und Sträucher: Alhizzia adiantophylla Taub., Erythrina lanata Taub., 
Heeria pulcherrima (ScHWPrn.) 0. Ktze., Ouratea reüculata (P. B.) Bau.:.., Psorosper- 
mum febri/uyum Spach, Syzygium yuineense (W.) DC, Ternünalia flava Engl., Cussonia 
spec, BaJcerisideroxyloii Passargei Engl, (zwisciien Ngaundere und Songo und Kasua), 
Strychnos BiUtneri G\i.o. — Schlingpflanzen: Gi^sjis Passargei Gilg, Ipomoed. mvohi- 
crata P. Beauv. — Stauden: Moraea spec, Clematis Kirhii Oliv. var. glahrescens Engl., 
Kalanchoe crenata Harv. (?), Crolalaria senegalensis Bacle, C. cleomifolia Welw., G. fallax 
Taub., C. yramhücola Tau»., Indiyofera Passargei Taub., Desmodmm adscendens DC, 
Vigna Schweinfurthii Taub., Gnidia Passargei Gii.g, Dissoiis Candolleana Cogn., Marga- 
retta Passargei K. Schum., Sojyiihia Dregeana Brnth., llygrophila uliginosa S. Moore, 
Justicia ro.s<p//aWa (Nees) Lindau, DicUptera nilotica C. B. Clarke, Brillaiitaisia owariensis 
P. Beauv., Fadogia Cien/cuwskyi Schwfth., Pentas lubiflora K. ScRVii.,Vernonia Smithiana 
Less., V. gerhcriformis Oliv, et Hiern, V. gidneensis Benth., Senecio (Notonia). 

Es ergiebt sich hieraus zweifellos, dass bei Ngaundere um i 20o'" 
Höhe ü. M. das guineensische Element nur schwach vertreten ist, und 
dass das sudanische Element vorherrscht; aber es ist anderseits das 
letztere hier doch schwächer als in Adamaua, und es ist wohl zu 
erwarten, dass in geringerer Höhe und in Schluchten das guineen- 
sische Element mehr zur Geltung kommt. 

c/3 5. Bezirk von Fernando-Po. Zeigt wegen der bedeu- 
tenden Höhenentwicklung grosse Übereinstimmung mit ß2, ist aber 
doch auch reich an Endemismen. 

eß 6. Isle do Principe. 

07. Gabun-Zone. 

Die Vegetation ist nahe verwandt mit der von /Bß, doch kennen 
wir bis jetzt immer noch mehrere Gattungen nur aus dieser Zone. 

07 I. Bezirk von San Thome. Ist durch Moller und Hen- 
RiQUEz ziemlich gut erforscht und reich an endemischen Arten. 

07 2. Bezirk der Corisco-Bay nebst Hinterland (Gabun). 
Wie die Sammlungen von Mann, Soyaux und Klaine ergeben haben, 
ist das Land reich an endemischen Gattungen; jedoch sind in den 
letzten Jahren mehrere, welche bisher füi* endemisch galten, auch durch 
Zenker im Gebiet von Bipindi aufgefimden worden. 

C7 3. Ogowe-Bezirk. Das zum Ogowe gehörige Gebirgsland ist 
noch wenig erforscht. 

07 4. Njanga-, Kuilu- und Lukula-Bezirk. Ob dieser noch 
sehr wenig erforschte Bezirk eine selbständige Stellung beanspruchen 
dai'f, muss noch dahingestellt bleiben. 

^. Congo-Zone. 

Dank der eifrigen Thätigkeit mehrerer belgischer Sammler Dewewre, 
GiLLET, E. Laurent und der Botaniker E. de Wildeman und Th. Durand 
hat die Kenntniss der Flora des Congo-Gebietes erhebliche Fortschritte 

Sitzungsberichte 1908. 75 



820 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

gemacht, so dass wir auch jetzt über die Stellung der einzelnen Theile 
des Gebietes in der Gliederung der afrikanisclien Flora ein Urtheil 
abgeben können. Man würde allerdings noch viel weiter sein, wenn 
man bei der Angabe der Standorte sich nicht bloss auf Antührung 
der Ortsnamen beschränkte, sondern sie einzebien Bezii-ken zuweisen 
würde. 

Als allgemeines Ergebniss kann man bezeichnen, dass die Congo- 
Zone den Zonen oi, /3, y im Reichthum endemischer Gattungen nach- 
steht. 

C(^i. Bezirk des unteren Congo-Landes mit Loango und 
Angola incl. des Gebietes des Cuango. Dieser Bezirk umfasst das 
untere belgische Congo-Gebiet bis zum Stanley-Pool und Angola bis 
zu io° s. Br., also auch das von Wei. witsch so gründlich erforschte 
Gebiet von Pungo Andongo und Golungo Alto. Die Vegetation des unte- 
ren Congo-Gebietes zeigt nur an den Ufern des Flusses und auf den 
Inseln unterhalb Bonia üppige guineensische Vegetation. Hier sieht 
man neben der Jlangrove Bestände von Phoenix .tpinosa imd Gruppen 
der 2™ hohen Orchidee Lissoc/iihis yic/anteus Rchb. f., vielfach auch Pan- 
danus, Elaels, Mussaenda u. s. w. Bei Boma aber trifft man auf äi-m- 
liche Steppen, aus der nur hier und da ein grosser Ficus oder eine 
Adansonia emporragen; auch sieht man wolil in den Thälern hier und 
da einige I\j-üppelbäume. Nördlich von Boma bei Luki ändert sich 
schon die Vegetation: da beginnt Waldvegetation, welche sich bald 
bis auf die Gipfel der Hügel erstreckt und im N. des Lukula kommt 
man in ausgedehntes Waldland, welches sich nach N. immer weiter 
fortsetzt. Dieses Gebiet, zu dem auch Magombe gehört, rechne ich 
noch zu 7 4. Am Congo selbst aber und zu beiden Seiten desselben 
landeinwärts sind bis zum Stanley-Pool die Anhöhen und Abhänge von 
Hochgrassteppe bedeckt, welche nur in der Nähe der Ortschaften von 
reicherem Baumwuchs unterbrochen Avird, da hier die Steppenbrände 
ferngehalten werden. In den Thälern aller Nebentlüsse des Congo 
aber hat sich eine reichere Gehölzvegetation erhalten, zu der auch 
die schöne Carnoensia maxi/na Welw. gehört. 

Im Anschluss an die Steppen findet sich auch häufig Adlerfarn- 
formation mit sehr hohem Pteridium. In den Steppen um den Stan- 
ley-Pool sowie am Cuango und am Congo bis zur Mündung des Kassai 
finden sich auch häufig Apocynaceen, deren Rhizome und Wurzeln 
1.5-3'" t^^f hl den Boden hinabreichen und sich unter der Erde reich 
verzweigend über derselben oft 15-30™ lange Stengel entwickeln. 
Solche »Wurzelkautschuk« liefernde Arten sind Landolphia ThoUonü 
Dewe"v\T{e, L. hwnilis K. Scnum., Carpodinus lanceolata K. Scnoi. und 
C. gracilis Stapf. Vom Congo ab ist durch ganz Angola hindurch das 



Engler: Pflanzengeograpliisclie Gliederung von Afrika. 821 

Küstenland bis an die 7-8 deutsche Meilen entfernten Hügel Steppe, 
aus welcher nur einzelne Adansonien und cacteenähnliche P]uphorbien, 
grosse Aloe neben wenigen Sträuchern oder Krüppelbäumen hervorragen. 
StercuUa tomentosa Guill. et Perr. tritt häufig auf, und in den Districten 
der Dornbüsche wächst auch Sansevieria cyVmdrica'QoiT.ii in grosser Menge. 

Dieser Vegetationscharakter ändert sich sofort mit dem Aufsteigen 
der Hügel, welche mit grösseren, zum Theil breitblättrigen, nicht laub- 
werfenden Gehölzen dicht besetzt sind. Auf diese schwach ansteigende 
Region der Buscligehölze folgt in einem Abstände von etwa i 5 Meilen 
von der Küste ein neuer Wechsel. Es beginnt der Gebirgsregenwald 
um etwa 330'", reich an holien Bäumen und zahlreichen Lianen, 
welche alle mehr oder weniger mit solchen der Kamerun- und Gabun- 
Zone verwandt sind. In den Schluchten sieht man besonders grosse 
dicht gedrängte Bäume, Mimoseen, Meliaceen, Myristicaceen, Rubiaceen, 
viel Elaeis und Raphia, auch die Rotangpalme Ancistrophyllum secundi- 
ßorum Wenul. überhalb 800-900'" beginnt schon Gebirgsbusch und 
Hoch Weideland, in welchen vielfach dieselben Gattungen wiederkehren, 
welche wir in den gleichen Formationen Ostafrikas vertreten finden. Die 
jährliche Regenmenge, welche an der Küste bei Ambriz und S. Paulo 
de Loanda weniger als 200""" beträgt, steigt mit der P.ntfernung von 
der Küste und dem Aufstieg in die oberen Regionen bis zu 1600""" und 
darüber. 

C(^ 2. Bezirk des Congo-Beckens. Das Congo-Becken ist be- 
kanntlich ein grosses Waldgebiet, der Üoristische Charakter desselben 
ist entschieden guineensisch; aber es tritt dieser Bezirk gegenüber den 
anderen an hervorragenden Gattungsendemismen zurück. Erschöpfend 
kann hier der Gegenstand niclit beliandelt werden; ich will nur Bezug 
nehmen auf eine Anzahl den Vegetationscharakter bestimmende Ilolz- 
gewächse, Lianen und Schattenpllanzen, welclie der seinem Forschungs- 
trieb zum Opfer gefallene belgisclie Botaniker Dewevre während zweier 
Jahre am Congo von Stanley-Pool bis Nyangwe am Oberlauf gesammelt 
hat und welche von de Wildebian und Tit. Durand bearbeitet worden 
sind. Die verhältnissmässig wenigen, nur aus der Gongo-Zone be- 
kannten Arten habe ich durch einen * gekennzeichnet. 

Im Wald am Stanley-Pool finden sich unter anderen: 

Bäinne und Sträuclier: Maljjigli.: Acridncarpus Smentlimannü (DC.) Guili,. et 
Perr., Heteropterys africana A. Juss. — Kuphorb. : Sapiiim oblongifoUum (Müll. Arg.) Pax. 
— Oclinac. : Ouratca afßnis (Hook, f.) Engl., 0. reticwlata P. Beauv. 

Stauden: Olyra brevifolia Schum. et Thonn. — Gyiiura cernua (L. f.) Benth., 
* Amphiblemma Wildemanianum Cogn. (Melastom.). 

Bei Brazzaville am Stanley-Pool fand Chevalier folgende charakte- 
ristische Arten aus den Familien, welche wir von seinen Sammlungen 
an dieser Stelle vorzugsweise berücksichtigt haben: 



822 Sitzung der pliysikalisch-matlieniatischen Classe vom 23. Juli 1908. 

Bäume, Sträucher, Lianen und Schlingpflanzen: Dalhousia qfricana Sv. 
Moore, Millettia Thonningii ^\v... Mucuna ßageUipesVoov.i., Abrus pulchetlus Wall. — 
Coml/retum porpht/robotrys Engl, et Diels. — Manotes sanguineoariUata üilg, Cnestis iomalla 
GiLG, C. ferruginea Gilg, Rourea adiantoides Gilg, E. viridis Gilg. — Cissus grossedeii- 
tatus (BÖTTN.) Gilg. 

Stauden: Indignfera tetrasperma Schüm. et Thonn., 7. capitata Kotschy, Tephrosia 
Vogelii Hook, f., Desmodium trißontm DC, Yernonia glaberrima Welw., V. polamophila Klatt, 
T'. undtdata Oliv, et Hiern, Corenpsis oligantha Klatt, Sonchiis Elliottii Hiern. — Dissntis 
segregata Hook, f., D. ThoUonii Cogn., Phaeoneuron diceUandroides Gilg. — 'Castus ara- 
neosiis Gagnepain. 

Bei Baloto (etwa 3° s. Br.) wui-den gefunden: 

Bäume und Sträuch er: CMorophora excelsa (Welw.) Benth. et Hook, f., Baphia 
piibescens Hook, f., Hyinenocardia ulmoides Oliv. In dieser Gegend sowie aucii am Uhangi 
sind längs der Ufer viel Copaifera Demeusii Harms zu sehen. 

Lianen und Schlingpflanzen: 'Ophiocaulon Dewewrei de Wild, et Th. Dur. 
(Passitl.), Gymnema subvolubile (Schum. et Thonn.) Decne. (Asclep.). 

A"on Mobangu bis Liikolela (2-1° s. Br.) finden sich in den dichten 
hohen Wäklern, in denen manche Bäume 40-50™ hoch werden: 

B ä u ni e u n d S t r ä u oll e r : Morac. : Chlorophora excelsa (Welw.), Benth. et Hook, f., 
Ficus Preussii Warb. • — • Ulinac: Trema guineensis (Schum. et Thonn.). — Rosac. : *Acioa 
Deiceterei de Wild, et Th. Dur. — Legum.: Baphia angolensis Welw., Dialium giiineense 
WiLLD. — Euph.: Claoxylon africamtm (Baill.) Müll. Arg., Antidesma membranaceum 
Müll. Arg., Jlicrodesmis piiberula Hook. f. — 'Cola diversifolia de Wild, et Th. Dur. 
(Stercul.) — Terminalia superba Engl, et Diels (Combret.). — Dicranolepis convatliodora 
Gilg (Thyniel.) — Petersia a/ricana Welw. (Lecythidac). — Sapotac. : Pachystela cuneata 
Radlk. — Logan.: 'Anthocteista Liebrechtiana de Wild, et Th. Dir., 'Strychnos Dewetorei 
GiLe, 'Coinoehlamys congolana Gilg. — Apocyn. : Rauwolfia senegambica A. DC, Tahemae- 
mfintana nitida S tapf, T. Barteri Hook. f. — Spalhttdea campantdata P. Beauv. (Bignon.). 

— Ruhiac. : Ixora Soyaitxii Hiern, Tricalysia Crepiniana de Wild, et Th. Dur., 'Leptac- 
iinia Leopoldi II. Büttn., Oxyanthus speciostts DC, 'RamJia Liebrechtiana de Wild, et 
Th. Dur., R. dadantha K. Schum., Urophytltim callicarpoides Hiern. 

Lianen und Schlingpflanzen: 'Dioscorea pterocaiilon de Wild, et Th. Dur. 

— 'Hippocraiea cymosa de Wild, et Th. Dur. — Landolphia ßorida Benth. 

Schattenpflanzen: 'Dracaena congensis Engl.. 'Reneahnia Deweirrei de Wild, et 
Th. Dur. (Ziiigib.), Acanthus montanus T. And., 'Solanum Dewewrei Damm. — Acanth.: 
^Vhiifieldia elongata P. Beauv. var. 'Detceicrei de Wild, et Th. Dur., 'Brillantaisia Deice- 
wrei de Wild. 

Epiphyten: Listroslachys AUhoffii Krj^nzl. 

Nördlich von Lukolela am Ubangi ist der Wald weniger dicht 
und nur mit wenigen hohen Bäimien versehen, das Unterholz ist dünn, 
Lianen und Epiphyten sind sparsam (E. Laurent), doch sieht man häufig 
Landolphia ßorida, bei Imese viel L. Klainei Piekre, seltener L. owarien- 
sis. Ölpalmen und Borassu^ sind häufig, ferner finden sich am Ubangi 
auch die Guttifere Si/mphonia glohidifera, "Ficus xiphophora Warb, und 
die Liane *Urera Laureiitii de WrLD. sowie * Dracaena capitulifera de Wild. 
et Th. Dur. Am Ubangi, namentlich bei Imese, wiu-den auch wilde 
Bestände der übrigens auch am Congo selbst und am unteren Kassai 
verbreiteten Funtumia elastica (Preuss) Stapf angeti-offen. 



Engler: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. 823 

Auf der Strecke von L-ebu bis Coquilhatville fehlen die Borassus, 
dafür sieht man viel Elaeis, *Raphia Gentiliana de Wild, und Eremo- 
spatha cuspidata (Mann et Wendl.) Wendl., letztere auch bei Coquil- 
hatville. 

In der Gegend von Equatorville und Coquilhatville, nahe am 
Aequator, wurden folgende Arten constatirt: 

ßäume und Strauch er: Morac. : Bosqueia Welwiischü Kttoi.., Ficus vallis Chou- 
dae Delile, *F.'Wildemaniana Wake., *F. corylifolia Warb. — Heisteria parvifolia Smiih 
(Olac). — Anon.: Anonidium Mannii (Oliv.) Engl, et Diels, Monodora angolensis 
Welw. — Rosac. : Parinarium conc/oense Kt^at. — Legum.: Afzelia africana 8v!., Tetra- 
pleurum Thonningii Benth., PUhecohbiujn alliisimutn Oliv., Pentaclethra. macrophylla 
Beniu., *Copaifera Demeusii Harms, Milletia drasHca Welw., 'Dalbergia laxißnra M. Mich., 
D. nirmiana L. f., Derrii hrachyptera Baill., Ochthocoamu.<! africanus Hook. f. (Linac), 
Irvinyia Barleri Hook. f. (Simarub.) — Euphorb. : Manniiiphylon ßthnim Müll. Arg., 
*Macr()hotrya Idrtella Pax, Microdesmis piibenda Hook, f., Hymenocardia ulmoides Oliv., 
Icavina Ma?mü Oliv. (Icacin.). — Cola acuminata (P. Beauv.) R. Br. (Sjercul.). — 
Bombax aquaticuvi (Aubl.) K. Schusi. (Boinbac). — *Grewiopsis glohosa de Wild, et Th. 
Dur. (Tiliac). — *Ouratea Deweicrei de Wild, et Th. Dur. (Ochnac.) — AllanhlacJcia 
floribunda Oliv. (Guttif.). — Weihea africana Benth. (Rhi/.ophor.). — * Tabemaemontana 
albiflora Stapf (A[)ocyn.). — Riibiac. : Tricalysia Crepiniaua de Wild, et Th. Dur., 
Mussaenda elegans Schüm. et Thonn., M. stenocarpa Hiern, *Plectronia lucida de Wild. 
et Th. Dur., *P. cnnnata de Wild, et Th. Dur. 

Lianen, Klimm- und Schlingpflanzen: Gneium qfricanum Welw., Anci- 
strophyllum secundiforum Wendl. — Piper guineense Schum. — *JJrera arborea de Wild. 
etTn. Dur. — Brmmichia a/r/co«a Welw. (Polygonac). — Cercopetalum dasyanihum Gilg 
(Cappar.). — Cnestis ferruginea DC. (Connar). — * Salacia unguiculata de Wild, et Th. 
Dur. (Hippocrat.) — Oissus aralioides (Welw.) Planch. — Barteria ßstuhsa Mart. 
(Flacoiirt.). — *OpMocaulnn reticulatum de Wild, et Th. Dur. — Apocyn.: Carpodinus 
leptantlms Stapf, Periploca nigrescens Afzel., Alafia major Stapf. 

Schatteupflanzen: Dracaena thalioides C. Morren, Palisota ainbigua (P. Beauv.) 
C. B. Clarke (Cominelin.). — Piper subpeltntnm Willd., Flenrya podocarpa Wedd. (Ur- 
ticac). — Acalypha brachysiachya Hornem. (Euph.). — *Thomanderma Hensii de Wild. 
et Th. Dur. 

Parasiten: *Loranthus Thonneri Engl. 

Waldsumpfpflanzen: Cyrtosperma senegalense (Schott) Engl. (Arac). — 
Zingib.: Costus pliyllocepha/us K. Scaum., *C. ubangiensis Gacnevain, *Reiiealmia congolana 
DE Wild, et Th. Dur., A.framomum melegmta (Rose.) K. Schum. — Marant.: Clinogyne 
arillata K. Schum., Sarcophrynium baccatum K. Schum., Thalia caerulea Ridl. 

Ausserdem ist in dieser Gegend Cyperus papyrus L. liäufig. 

Bei Bokakata nördlich vom Aequator um etwa i°30 wurden fol- 
gende Arten constatirt: 

Bäume und Sträucher: *Fi<:us Dewewrei Warb., F. pachyplcvra Warb. — 
*Maerua Aprevaliana de Wild, et Tu. Dur. (Capp.). — Rmirea adiantoides Gilg (Connar.). 

— Milletia Mannii Bak., Dioclea reßexa Hook. f. — Qiiassia africana Baill. (Simarub.). 

— Pachylobvs edulis G. Don (Burserac). — Macaranga saccifera Pax (Euph.). — Ba- 
phiostyles beninensis (Hook, f.) Planch. (Icac). — Combretuvi hispidum Laws. — *Grewiopsis 
Dewewrei de Wild, et Th. Dur. (Tiliac). — *Rhaptopetalum Eetveldeanum de Wild, et 
Th. Dur. (Scytopetal.). — Guttif.: Allanblachia ßoribunda Oliv., Garcinia ovalißiUa 
Oliv. — Oncoba dentata Oliv. (Flacourt). — Apocyn.: Rauwolßa Mannii Stapf — 
V^erben. : *Vitex congolensis de Wild, et Th. Dur. — Rubiac. : Coffea divaricata K. Schum., 
Oxyanthus unilocularis Hiern, Mussaenda temdßara Benth., Grumilea venosa Hiern. 



824 Sitzung der physikalisch-nmtliematisclien Classe vom 23. ,luli 1908. 

Kletter- und .Schlingpflanzen: Slrophanthtis bracteatiis Franch. — Hugonia 
platyscpala Wei.w. 

Schattenpflanzen: *Haeman(fius Eetveldeamis de Wii-n. et Tu. Di'r. — *BrH- 
lantaisia siibconiafa pk Wii.d. et Tu. Dur., Di/schoriste Perrottifii (Nees) O. Kize. 

Bei Boloinbo tritt wieder viel Fimtiiniin clastica auf und ebenso ist 
Piper (juitucn^^t' liäuHg (K. Lavreni). 

Von dem unter 2° n. Br. gelegenen Bangala liegen vor: 

Bäume und Sträucher: llexalohus crispifloni-s A. Rich. (Anon.). — Parinarhiin 
glabnim Ouv. (Rosac). — Sc/iotia latifoUa J.ict}. (Legum.). — Maprounia africana Müll. 
Arg. (Eupli.). — Psorospermum ienuifoUum Hook. f. (Guttif.). — *Homalium Dnceitrei 
DE WiLn. et Tb. Di-r. (Flacourt.). — Comhreium longipihmim Engl, et Diels. — Sy:ygium 
guinecnse (W.) DC — Apocyn.: Kickxia latifolia Stapf. — Strophanthus hhpidus DC. 

Lianen: 'Bartiria Dcirefciri ue \Vild. et Tn. Di'r. (Flacourt.). — 'Thunhergia Lieb- 
rechfimia de Wild, et Th. Dur. (Acantli.). — 'Giierkra Schumanniana de Wild, et Th. Dur. 
(.\pocyn.). — Zingib.: Amomiim sanguineum K. Schum. 

Epiphyten und Parasiten: Ptafyceriiiin stemmaria (P. B.) Dew. — *Loranthus 
Diirandii Engl.. *L. polggoniYoUtis Engl. 

Auf der ganzen Streelie von 3Iobeka bis Lie, auf der sieli der 
Congo unter 2° n. Br. hält, sind Elaek, Baphia, Eremospat/ia häufig, 
ebenso ^Copaifera Dciticusii, auch die schon am unteren Congo vorkom- 
mende Dracaeiia arhorea Link. Hier wächst ferner *Fini^ huhu Ward. 
Von Wangata bei Equatorville an bis zu den St^inleyfällen verbreitet 
luul auch am Ubangi rindet sich *Coffea congensis Froehner. Im Schatten 
der Wälder ist *Dracot'ua Popgei Ksgi.. sehr häufig anzutreffen. Der Wald 
ist auch reich an Epiphyten, von denen Platyrerhim shiniuaria, Drynan'a 
Laurentn (Christ) Hieron., AnseUia africana L. und Rhipsalis cassytha (L.) 
Gaertx. besonders häufig sind. 

Etwas Aveiter im NW., f;ist unter 3° liegt Bumba. wohin der Congo 
von SO. gelangt. Hier wurden gesammelt: 

Bäume und Sträucher: Chinrophora exceha (Welw.) Benth. et Hook. f. — 
Canarium Schtcdn/urthn Engl. — Phyllanthus polyanihus Pax (Euph.) • — *Gmciopsis De- 
tceterei de Wild, et Th. Dur. — 'Tetrac^ra fragrans de Wild. (Dillen.) — Jlorintia longi- 
ßora G. Don (Hub.). 

Lianen und Schlingpflanzen: Urera oblongifolia Benth. — .Apoc: Landolphia 
ßorida Ben iH, L. Jlannii Dter. - — *Giitrkea Schumanniana de Wild, et Th. Dur. 

In dieser Gegend trifft man aucli auf feuchtes Grasland mit Aael 
hohem Penuisetum Benthauiii Steud., das auch sonst am Congo und 
Sankuru Bestünde bildet, sowie Imperata arundinacca Cyrill. In feuchten 
Dickichten ist GIcicIwnia dichotoma Hook, entwickelt und auch Lygodium 
scandens Sw. anzutreffen, desgleichen Lycopodium cernuwu L. 

Zwischen Bumba und den Stanleyfällen sind die Ufer vielfach 
flach und meist überschwemmt: man sieht aber immer Axieder große 
Ceiha pentandra, Copai/era, Synip/ionia, Paphia, Erenwspat/ia, dann auch 
die Moracee Jlusanga Smit/iii R. Bk. und Ficus punciifera Warb., die Bäume 
besetzt mit epiphytisehen Farnen und Loranthaceen, an den Ufern auch 
viel GleicJienia. 



Engi.hr: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. 825 

Von Isaiigi, den Staiileyf allen (i°n. Br.) und Wabundu (i° s. Br.) 
sind anzuführen: 

Bäume und Sträucher: *FicifS fnrrata Warb., F.vallis Choudae Delile. — 
Aptandra Zenkeri Engl. (Olaeac). — Leguni.: lirrlinia acuminata Sor.., * Lonchocarpus 
comosus M. MiCHELi, *Deivewrea bilabiata M. Micheli. — *Ouratea pellucida de Wild. 
(Ochnac). ■ — Tahernaemonlana Smithü Siai'f (Apoc). — Riihiac: *Bertiera Dewewrei 
DE Wii.D. et Tu. Dur., *Uroptiyllum Dewewi-ri de Wii.d. et Tu. Dur. 

Lianen n ii d 8 c h 1 i ii g ]> f'i a n z e n : Smilax Kraussiana Meisn. — *Dioscorea smilaci- 
folia DE Wii.d. et Tu. Dur., *D. acarophyta de Wii.d. — * Eremospatha Haullevilleana 
DE Wii.d. — liarteria ßstulosa Ma.st. (Flacourt.). — Cissus Dewewrei de Wild, et Th. Dur. 
— Landolphia owariensis P. Beaüv. 

Wald.schatten pflanz en: *Sansevleria Laurentii de Wild. — *Pouzolzia denu- 
data de Wild, et Tu. Dur. (Urtic.) — Acanth: * Whilßeldia Arnoldiana de Wild. etTe. Dur., 
Lankasteria B arter i Hook. f. 

Einen Blick in einen südlichen Theil des Congo-Beckens gewährt 
uns Laurent's Bericht ül)er seine Reise von Kwamouth zum Lac 
Leopold II. Am unteren Kassai herrscht zunächst Cyperus papyrus; dann 
sieht man auf den hohen Ufern Buschsteppen mit Anona senegalensis, 
Gardenia TIamhergia, Landolphia huniilis K. Schum., auch Costus. Ebenso 
herrscht auf dem niedrigen Ufergelände des Fini Grasland mit einzelnen 
Baumgruppen, namentlich Borassus, Celba, Elaeis, Ficus niamniamensis 
Warb. Hier sehen wir auch Selaginella scandens P. Beauv. und bis- 
weilen dichte Büsche einer kletternden Urera mit tief zum Wasser 
herabhängenden Zweigen. Auch am Fini weiter aufwärts ist der Wald 
nicht dicht; Unterholz und Epiphyten sind spärlich, wie am Ubangi. 
Bei Kutu ist der Charakter der Landschaft auch noch steppenartig; 
doch an den Ufern finden sich die Moraceen *TrecuUa Dewewreana 
DE Wild, und Bosqueia Welwitschii Engl., und im N. des Lac Leopold IL, 
namentlich bei Kisi, ist dichterer Uferwald mit vielen kleinen Bäumen, 
mit Raphia und Eremospatha cuspidaia sowie mit vielen Epiphyten an- 
zutreffen. 

Greht man am Kassai oberhalb der Einmündung des Fini auf- 
wärts, so kommt man meist durch mehr oder weniger dichten Uferwald, 
in dem bei Eintritt des Sankuru viel Elaeis auftreten, Ficus, Symphonia 
und Landolphia owariensis sowie L. Dubreucquiana de Wild, vertreten 
sind. Sehr häufig sind auch hier die Bäume mit Platyeerium stem- 
maria besetzt. Auf den Sandbänken und am Ufer herrschen Bestände 
von Phragmites; höhere Ufer sind 4-5'" hoch bedeckt mit GleicJienia 
dichotoma und vielfach sind auch die Abhänge von Borassus-Ksinen 
eingenommen. Oberhalb Basongo tritt der Sankuru in den Kassai 
ein ; hier sind die Ufer sumpfig, Borassus ist seltener, dagegen herrscht 
Elaeis und stellenweise ist * Raphia sese de Wild, mit 10-15"' hohen 
Stämmen häufig. Auch bemerken wir hier wieder Rotangpalmen: 
*Calamus Laurentii de Wild, und * Eremospatha Haullevilleana de Wild. 



826 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

Ausser Landolphia florlda klettert an den Bäumen auch *Asparagus 
Uuchestiei Linden, welcher dem A. drepanophrjllus Well, älmlich ist. 
Auf sandigem ebenen Boden tritt aber wieder Steppe auf, in deren 
Gras Carpodimis lanceolata K. Schum. und der Rubiaceenstrauch Sarco- 
cephaliis sa/nbiicimis (Wintere.) K. Schum. zerstreut sind. Erstere sehen 
wir auch weiterhin bis Bolombo häufig; ebenso tritt bis dahin *Cli- 
tandra Arnoldkina de Wild, auf und überall wird auch Landolphia 
owar'wnsls beobachtet. In Waldsümpfen erscheint *Cyathea Lauren- 
tiana de Wild, mit stachlichen Blättern und auch die kletternde 
Aracee Rhektophyllum. Bestände von Funiumia JatifoUa Stapf sind 
hier häufig, und am Boden sieht man nicht selten *Dracaena Pogyei 
Engl. An den höheren Ufern des Sankuru bis Bolombo zeigen sich 
gewaltige Drachenbäume, Dracaena arhorea Link, mit einem Stamm- 
umfang von 2.5'", und die 25™ hohen Elaeis sind dicht von epiphy- 
tischen Farnen besetzt, unter denen besonders PJatycerium angolense 
Welw. und P. stemmaria auffallen. Fast nie fehlt Rhipsalis cassytha. 
An den sandigen aufsteigenden Ufern ist immer wieder Gleichenia dirho- 
toma zu bemerken. Die verbreitete Fiaus niamniainensis Warb, ist eben- 
so wie Ceiba pentandra auch hier zu constatiren und bei Bolongula 
kommt * Omphalorarpum sankurense de Wild. vor. Von Dibele bis 
Ibaka ist vielfach schöner dichter Wald entwickelt, an dessen Rande 
Kigelia afrkana (Lam.) Benth., Symphonia, Penfaclethra, Musanga Smifhii, 
Ficus lingua Warb., die an ihren Blättern mit Ameisen zur Wohnung 
dienenden Taschen versehenen Sterculiaceen * Scaphopetnlum Thonneri 
DE Wild, und *Cola Lnurentü de Wild., sodann auch wieder Eir- 
mospatha HauUevilleana de Wild, zu beobachten sind. Bei Dibele 
tritt auch noch * Omphalocarpum Laurentü de Wild. (Sapotac.) auf. 
Sodann wachsen hier die Marantaceen Sarcophrynium oxycarpum 
K. ScHUM., Phrynium conferhnn (Benth.) K. Schum. und Thaumaiococnis 
Daniellü (Benn.) Benth. Diese Marantaceen finden sich in den Sümpfen 
der Schluchten, welche, wie überall im tropischen Afrika, besonders 
Pflanzenreich sind. So sehen wir hier Dracaena fragrans (L.) Gawl., 
bis 10" hohe Cyathea, SelagineUa scandens P. Beauv., die kletternde 
Aracee *Cercestis congensis Engl., Macaranga saccifera Pax, *Begoma 
Poggei Warb., ausserdem viele weiter verbreitete Fai-ne. — Bei Ibaka 
wurden im Walde Haemanthus diadema Linden und Vani'la acuminata 
Rolfe constatirt. Besonders reich wird die WaldÜora bei Munungu 
und in der Schlucht von Kondue. Bei Munungu ist wieder 15-25"° 
hohe Funhimia elastica häufig, auch der oben erwähnte Asparagus Du- 
cJwsnei. Bei Kondue kommen ausser den schon von Dibele erwähn- 
ten Schluchtenpflanzen noch *Cyathra canaliculata de Wild., Marattia 
fraxinea Sm., *Sarcophryniutn Arnoldi de Wild., Ficus corylifolia "Warb. 



Engler: Pllanzengeographische Gliederung von Afrika. 827 

vor, sodann einige eigenthümliche Erdorchideen: Habenaria Laurentii 
DE Wild., H. sambesiaca Rchb. f., Brachycorythis pubescens 'Rkkv., Man- 
niella Gustavi Rchb. f. Auch von Lusambo bis Batempa ist der Cha- 
rakter der Waldvegetation der gleiche. Dracaena arborea von 15™ 
Höhe fallen auf, Ficus cyathispula Warb, und die Meliacee Carapa 
procera DC, Cojfea mnephora Pierre. Als Kletterpflanze kommt hier 
Culcasia angolensis Welw. vor und als Schattenpflanzen sind *Dorstenia 
Laurentii de Wild, sowie D. psilurus Welw. bemerkenswerth. 

Von Lederm.\nn wurden bei längerem Aufenthalt in Kondue noch 
folgende Arten im Galleriewald gesammelt: 

*Cola Ledermannü Engl. (Stercul.), 'Carvalhoa Ledermannii Gilg (Ajjoc), 'Ouratea 
LcfhrmanniaJia Gilg, '0. Poggri (P]ngl.) Gii.n, Pleiocarpa Welwitschii Stapf (Apocyn.), 
Napolenna imperiaUs P. Beauv. (Lecyth.), sodann die Scliattenpflaiizen : Duvernnia extmsa 
(T. And.) Lindau (Acanth.), Trymatococcits kameruniensis Engl. (Morac), Allophylns 
Welwitschii Gilg (Sapind.), am Waldrand: Aristolnchia Schweinßirthii Engl. 

In dem die sandigen Hügel bekleidenden Buschwald (420™ ü. M.) 
wurden von Ledermann noch folgende Bäume und Sträucher gesammelt 
und im Berliner Botanischen Museum bestimmt: 

Morac: Bosqueia Wclwitsr/iü Engl. — Anon.: Isolona pilnsa Diels — Legum.: 
Piptadenia africana Hook, f., Dalhmisiea africana Sp. Moore, *Platysepalum Ledermannii 
Harms. — Euph.: Microdesmis pubervla Hook, f., Hymenocardia ulmoides Ouv., Afzelia 
africana Smith, Tetrapleura Thonningii Benth. — Sapind.: Lychnodiscus cerospernms Radlk., 
Phialodiscvs unijugatus Radlk., Allophylus Welwitschii Gilg — Rhamnac. : Gmiania longi- 
petala Hemsl. — Guttif. : 'Garcinia lualabensis Engl., *G. longeacuminata Engl. — 
Flacourt.: Homalium hullatum Gilg, LindacJceria dentata (Oliv.) Gilg, Poggea alata 
Görke. — Violac: Rinorea ilicifoUa (Welw.) O. Ktze. — Apoc: Baissea angolensis 
Stapf, *Sirophanthiis Dewewrei de Wild., Landnlphia oicariensis P. Beauv., *Carpodinus 
Genttlii de Wild. — Rubiac: Oxyanthus speciosus DC, Randia micrantha K. Schum. 

In den Bezirk des Congo-Beckens gehört auch das Gebiet, in wel- 
chem Pogge sammelte, als er 1883 von Mukenge zur Lulua-Mündung 
und von da nach Kikassa am Kassai reiste. Er hat in diesem zwi- 
schen 5" und 6° 30' s. Br. gelegenen Tiefland eine recht werthvolle Samm- 
lung zusammengebracht, welche ganz besonders reich an endemischen 
Gattungen und Arten ist. Sie wäre noch werth voller, wenn die Eti- 
kettirung nach der seit 20 Jahren am Berliner Museum eingeführten 
Methode durchgeführt worden wäre. Die Expeditionen, welche für 
die Ausnützung des Gongostaates unternommen wurden, hielten sich 
meist an die Ufer des Congo und seiner grossen Nebenflüsse, an denen 
der Vegetationscharakter ein mehr gleichmässiger ist; das von Pogge 
durchreiste Land besteht aus niedrigen Plateaus, in welche die Bäche 
tief einschneiden. Auf der dem Kassai näher gelegenen Hälfte des 
Landes prävaliren hohe und dichte Waldbestände, welche meilenlange 
und breite Strecken Landes bedecken und kleinere mit niedrigem Gras 
und wenig Büschen und Bäumen bewachsene Campinen gleichsam 
umschliessen. Solche grosse zusammenhängende Urwaldcomplexe be- 



828 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

decken hauptsächlich die ebenen Rücken der Plateaus ; die Abhänge 
derselben haben viele QueUstellen mit Urwalddschungeln und die Bäche 
sind meist von Wald umsäumt. Auf der zweiten Hälfte des Weges 
von Kassai nach Mukenge (Dschingenge südlich von Luluaburg) findet 
sich mehr Campine mit Schluchten und Buschwäldern als grosse zu- 
sammenhängende Waldstrecken; das Gras der Campine ist hier auch 
höher. Ausgedehnte Moore oder Sümpfe fehlen ganz und gar', doch 
sind in den Schluchten kleinere Waldsümpfe durch die Zusammen- 
setzung ihrer Vegetation beinerkenswerth. Es ist für den mit der 
Flora der westafrikanischen Waldprovinz einigermaassen vertrauten Bo- 
taniker sieher von Interesse, aus beifolgender Liste zu ersehen, welche 
Holzgewäclise in Folge von Pogges Thätigkeit in dem verhältniss- 
mässig kleinen Theil des Congo-Beckens nachgewiesen wurden. Ob- 
wohl auch die Stauden dieses Landes ein Interesse darbieten, so will 
ich hier doch nur die aufgefundenen Bäume, Sträucher und Lianen 
vollständig auffiihren, indem ich mir Weiteres für meine Gesammt- 
darsteUung der afrikanischen Vegetationsverhältnisse vorbehalte. 

Bäume, Sträucher und Lianen: Piperaceae: Piper guineense Schum. et 
Thonn., P. sitbpeltatum Willd. 

Moraceae: Myrianthus arboreu^ P. Beauv., Musanga Smithii R. Br. 

Ulmaceae: Chaetacme aristata Planch. var. kamerunensis Engl. 

Olacaceae: Olax Poggei Enol., Ongokea Klainianu Pierre. 

Anonaceae: Anona senegalen-six Pers., Hfxalobus grandißnrus Benth., Uvaria Poggei 
Engl, et Diels, Xylopia Poggeana Engl, et Diels. • — Lianen: Artabntrys Thomsonü Oliv., 
Uvaria latifoiia (Scott Elliot), Engl, et Diels, Mananthotaxis Poggei Engl, et Diels. 

Capparidaceae: Capparis Poggei Pax, kletternd. 

Rosaceae: Parinarivm Poggei Engl. 

Connaraceae: Agelaea obliqiia (P. B.) Baill., A. Poggeana Gilg, Rmtrea unifolio- 
lata Gilg, P. chiliantha Gilg, R. coccinea (Schum. et Tbonn.) Hook., P. fasciculata Gilg, 
jR. olliquifoliolata Gilg, R. splendida Gilg, R. Poggeana Gilg, R. viridis Gilg, Manotes 
hrevistila Gilg, M. Aschersoniana Gilg, M. sanguineoarillata Gilg, einzelne von diesen 
vielleicht auch Lianen; sicher sind solche: Connarus Englerianns Gilg, C. luluensis Gilg, 
Cnestis ferrtiginea DC, C. iomalla Gilg. 

Leguminosae, Mimosoideae: Acacia pennata Willd., Entada sudanica Schwfth., 
Albizzia fastigiata Oliv. — Caesalpinioideae: Berlinia auriculata Bentii., Dialium guineense 
Willd., Macrolohium Palisoti Benth., Afzelia. — Papilionatae, Sophoreae: Baphia chry- 
sophylla Taub., 5. Schiceinfurthii Taub., B. densißora Harms. — Galegeae: Platysepalum 
hypoleucum Taub., P. ferrugineum Taub., Milkftia versicnlor Welw., M. drastica Welw. 
— Hedvsareae: Smithia sfrigosa Benth. — Dalbergieae: Dalbergia luluensi.s Taub., D. ma- 
crosperma Welw., D. ptthescens Hook, f., Deguelia brachyptera (Bak.) Taub., D. nobi/is 
(Welw.) Taub., Ostryocarpus Welwitsckii Bak. — Phaseoleae: Erythrina abyssinica Lam. 

Linaceae: Liane, Hugonia reticulata Engl. 

Riitaceae: Liane, Fagara Poggei Engl. 

Meliaceae: Carapa procera DC, Turraea Vogelii Hook. 

Burseraceae: Canarium Schweinfurthii Engl. 

Polygalaceae: Securidaca longepedunculaia Eres. 



• PoGGE, Die Pogge-Wissinann"sclie Expedition (Jlittheilungen der afrikanischen 
Gesellschaft HI. 1881-83, S. 219). 



Engler: Pflanzengeographische GHederung von Afrika. 829 

Dichapetalaceae: Lianen, Dickapetahim Poggei Engl., D. rufipih (Turcz.) Engl., 
D. mundnennp Engl. 

Euphorbiaceae : Crotonogyne Poggei Pax, Manniophyton africanum Müll. Arg., 
TJapaca mole Pax, U. Marquesii Pax, Macaranga mollis Fax, 31. saccifera Pax, M. 
Poggei Pax, Chaetocarpus africanus Pax, Argomiillera macrophylla Pax, Maprounea 
africana P. Beauv., Hymenocardia acida Tul., II. Poggei Pax, Sapium cornulum Pax var. 
africanum Pax, S. xylocarpum Pax, Bridelia micrantha WocwfiT. \ar. ferrvginea Benth., 
Croton Poggei Pax, Crotonogyne Poggei Pax, Alchornea cordifolia Müll. Arg., Poggeo- 
phyton acukatuin Pax, Claoxylon columnare Müll. Arg., Euphorbia candelahruni Treji. 

Anacanliaceae: Thyrsodium africanum Engl., Sorindeia Poggei Engl. 

Icacinaceae: Alsodeiopsix Poggei Engl., Liane: Polycepluilium Poggei Engl. 

Sapindaceae: Lychnodiscvs cerospermu.'i Radlk., Eriocoehim paniculatum Bak.. Allo- 
phylns africanu/t P. Beauv. — Liane: Paidlinia pinnata Lam. 

Hippoci-ateaceae: Liane Ilippocratea Poggei Loes. 

Vitaceae: Leea guineensis G. Don — Kletterpflanzen: Cissu.s Guerkeana (Bümn.), 
GiLG, C. ruhiginosa (Welw.) Planch. 

Stei'culiaceae: Sterciilia (piiiiquelcba (Garcke) K. Schuji. 

Dilleniaceae: Tetracera Poggei Gilg, T. alnifolia Willd. 

Ochnaceae: Ouratea Poggei (Engl.) Gilo. 

Guttiferae: Haronga paniculata (Pers.) Lodd. 

Violaceae: Rinorea Poggei Engl. 

Flacourtiaceae: Oncoba spinosa Forsk. \:n: angolensis Oi.iv., 0. glauca Hook., Ca- 
loncoha Welwitschii (Oliv.) Gilg, Lindackeria dentala (Oliv ) Gilg, L. Poggei Gilg, 
Buchnerodendron .fpecioxum Gurke, Poggea alata Gurke, Homalium molle Stapf, Pa.ropsia 
Brasseana Baill. 

Passifloraceae : Schlingpflanze, Ophiocaulon cissampeloides (Planch.) Hook. f. 

Thymelaeaceae: Dicranolepis convalliodora Gilg. 

Combretaceae : Combretum Poggei Engl. — Lianen: C. racemosifm P. Beauv., C. 
paniculatum Vent. 

Melastomataceae: Memecylon polyanthemos Hook, f., M. Vogelü Naud. 

Myrtaceae: Syzygium guineense (W.) DC. 

Sapotaceae: Lychnodiscus cerospermtis Radlk., Eriocoelum pariculatum Bak. 

Oleaceae: Mayepea luliiensis Gilg. 

Loganiaceae: Strychnos kipapa Gilo, Mosiuea penduli/lora Gii.g, Coinochlamys Pogge- 
ana Gilg, C. hirsuta T. And. 

Apocynaceae: Voacanga Thouarsii Roem. et Schul r., Alstonia viscosa K. Schum. 
— Liane: Carpodinns lanceolatn K. Schum. 

Convolviilaceae: Prevostea Poggei Dammer. 

Verbenaceae: Kalaharia spinescens (Oliv.) 0. Gurke, Vitex Biichneri O. Gurke, 
V. congorum Bütjn., V. limdensis Gurke, Clerodendron capiiatum Schum. et Thonn., Cl. 
myricoides R. Br., Cl. Poggei Gurke, Cl. scandens P. Beauv., C. volubile P. Beauv. 

ßignoniaceae: Stereospermum Kunthianum Cham., Spathodea nilotica Seem., Mark- 
hamia tomentosa (Benth.) K. Schum. 

Rubiaceae: 3Iitracarpu.i verticil/atus Vaike, Randia micrantha K. Schum. var. Pogge- 
ana K. Schum., ä. octomera Benih. et Hook, f., 3lorelia senegalensis A. Rich., Vanguiera 
riibiginosa K. Schum., Amaralia bignoniifolia Welw., Psychotria cyanocarpa K. Schum., Ps. 
potamophila K. Schum., Ps-. stigmatophyüa K. Schum., Ps. Poggei K. Schum., Ps. Vogeliana 
Beni'h., Gaertnera panniculata Benih., Cremaspora africana Benth., Mnssaenda elegans 
Schum. et Thonn., 31. arcuata Poir., Lasianthus iortistilus K. Schum., Feretia apodanthera 
Don, Leptactinia formosa K. Schum., Crossopteryx Kotschyana Fzl., Trirhostachys micro- 
carpa K. Schum., Plectronia Lualabae K. Schum., P. flammea K. Schiui., Uragoga ceraio- 
loha K. Schum. 

Zweifellos maclit sich ein Zurücktreten der stark liygrophilen Arten 

bemerkbar, während anderseits die grosse Mannigfaltigkeit von Baum- 



830 Sitzung der pliysikalisch-inathematischen Classe vom "23. Juli 1908. 

sträuchern etwas an die Vegetation ^on Angola und Malansclie er- 
innert. 

Als Kletterpflanzen sind Cnlcasia sca>2dens P. Beauv. und C. anyo- 
lensis Welw. verbreitet, ferner Dioscorea cotinifoVta Kunth, D. semper- 
florem Uline. In den Waldsünipfen wachsen: Trachyphrynhim Pogge- 
anum K. Schitm., T. Preussianum K. Schum., T. Brauneanum K. Schum., 
Thalia genicutata L., Sarcophnjnium baccatum K. Schum., <S. kiogonium 
K. Schum., Clinogyni' congensi^ K. Schum. und Aframonium violatrum (Ridl.) 
K. Schum., das bis S™ hohe ^4. colosseum K. Schum. und Reneolmia congolami 
peWild. et Th. Dir. Schliesslich sei noch erwähnt, dass hier auch 
die liir die westafrikanische ProAinz cliarakteristische Balanoplioracee 
Thonningia sangituwa Wahl vorkommt. Besondere Erwähnimg ver- 
dient das Vorkommen des lo'" Höhe erreichenden Encephalartos Leiiia- 
riiteUMiius DE \Vii,i). im Süden von Luluaburg. 

C£. Centralafrikanische Zone. 

Diese Zone umrandet das Congo-Becken im N. und NO. Zu ihr 
gehört Bergland, welches vom Congo-Becken allmählich aufsteigt und 
demzufolge der Tieflandsformen, welche oft mit solchen des guine- 
ensischen Küstenlandes identisch sind, entbehrt. 

Schweinfurth's wichtige Eeisen haben zuerst diese Zone erschlossen, 
imd es ist auffallend, wie wenig die Flora des Ubangi-Bezirks, von 
welcher wir neuerdmgs Kenntniss bekonunen haben, von der des 
Ghasal-Quellen-Bezirks verschieden ist. Doch wh-d es sieh empfehlen, 
mit Rücksicht auf \\-eitere Forschungen den Ubangi-Bezii'k noch nicht 
mit dem andern zu vereinigen. 

C£ I. Ubangi-Bezirk. Zu diesem rechne ich das zum ti-anzö- 
sischen Sudan gehörige Gebiet des Ubangi nörillich vom äquatorialen 
Congowald, das vom Ubangi und seinen Zullüssen dm-chströmte Land 
zwischen 6° und 4°. Nur aus einem kleinen Theil des Landes (von 
Ungurras über Fort Sibut, Fort de Possei bis Bangi) liegen Pflanzen 
vor, welche A. Chevalier daselbst sammelte. Es genügt, um den 
Charakter des Gebietes zu erkennen, auch hier, nur auf einige Familien 
einzugehen, deren Verti-eter den Vegetationscharakter dieses Bezii-ks 
bedingen und welche auch in erster Linie bei anderen Bezirken des 
Westens in Beti-acht gezogen werden. 

Leguminosen, Bäume und Strauch er: Acacia alajcacantha DC, Entada 
xtidanica Schwfih., Berlinia angolensis Welw., I^erocarptis luccM Guill. et Pekr., Cassia 
Kirkii Oliv, (nur r'" liolier Strauch), C. Petitiana Bolle (5-6 '" holier Strauch), Ortno- 
carpum sennoides DC, Sesbania aegi/ptiaca L. 

Stauden: Crotalaria ononoides Benth., Indigo/era procera Schum. et Thonn., 
I. viscosa L.\.ii., l.macrocarpa Lkpr., Tephrosia elongata IIook. f., 7". nana Kotschv, T. linearis 
Pers., Zornia diphylla Fers., Desmodium lasiocarpum DC, D. pakaceum Guill. et Perr., 



Engler: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. 831 

Psophocarpus palustris Desv., Rhynchosia viscosa DC, Rh. carihaea DC, Rh. debilis Hook, f., 
Eriosema cajanoides Hook, f., Canavalia ensiformis DC, Viy7ia luteola Benth. 

Compositae. : Ekphantopus scaber L., E. seneyalerisis (Klatt) Oliv, et Hiern, Ver- 
jionia amycjdalina L., F. undnlata Oi.iv. et Hiern, V. scliarieruns 0. Hoffm., Aspilia Kolschyi 
(ScH. Bip.) Benth. et Hook, f., Spilanthes acmdia L., B. pilosus L., Gynura crepidioides 
Benth., Notmiia abyssinica A. Rick., Layyera ptcrmlanta (DC) Sch. Bip. 

Scrophulariaceae: Sopubia ramosa Höchst., Buechnera Büttneri Enoi,., Siriga sene- 
galcnsis Benth. 

Moraceae: Ficiu vallis ühoudae Demi.e, F. cincta Warb., F. longiipina Warb., F. 
hrebedjensis Warb., F. aureoseta Warb., F. coronifera Warb., F. mamUüfera Warb. 

Tiliaceae: Honckenya ßcifolia Wii.i.u., Grewia mollis Jacq., G. tetragaslris R. Br., 
G. Poissoni GiLG, Brazzeia Tholloini H. Baii.l. 

Connaraceae: Agelaea obliquifoUa {V. B.) Baill. (8-12'" hohe Liane), ('/irsii.s ioma/la 
Gii,G, C. ferruginea DC, (bis 7"° iiohe Liane), Connarus Smeathmannii DC, C. macrothyrsus 
GiLO, Rourea adiantoides Gii.o, R. pseudobaccata Gilo, R. gudjuana Gilo (bis 8'" bohe 
Liane). 

Vitaceae: Oissus crinila Plancu., C producta Aezel., C. caesia Afzei,., (',. Barteri 
Planch., C. bignonioides Schweth., C. adenocaulis Sieud., C togoensis Gir.o, C. hombycina 
(Bak.) Pr.ANCH., C. quadrangularis L., Ampeloeissus multistriata (Bak.) Planch., Leea guine- 
ensis Don. 

Siinarubaceae : Irvingia Smithii Hook. f. 

Meliaceae: Turraea Vogelii Hook, f., T. Lamyi Ed. Bonn. 

Anacardiaceae: Pseudospondias viicrocarpa A. Rich. 

Oclinaceae : Ouratea reticulata (P. Beauv.) Baill. 

Melastomataceae: Dissotis segregata Hook, f., D. rotundifolia (Sm.) Tri an a, D. scabra 
GiLG, D. Chevalieri Gilg, D. Schwehifurthii Gu.g, Anthfrothoma Naudini Hook, f., Tristemma 
Schumacheri Guill. et Perr., Phaenneuron dicfllaiidroides Gilo. 

Coinbretaceae: Ajiogeissus leiocarpus (DC) Güill. et Perr., Combretum Lawsonianum 
Engl, et Diels. 

Rubiaceae: Sarcocephalus esculentus Hook, f., Mussaenda arcuata Poir., M. erythro- 
phylla ScHUM. et Thonn., Canthium Barteri Hiern, Coffea Arnoldiana de Wild., G. con- 
gensis Froehner. 

In diesem Verzeichnis herrschen die weiter verbreiteten Arten 
erheblich vor; doch kann ein endgültiges Urtlieil über den Endemismus 
dieses Bezirkes erst in Zukunft abgegeben werden. 

C£ 2. Oberer Ghasal-Quellen- und oberer Uelle-Bezirk. 
Dieser Bezirk umfasst das obere Ghasalquellenland mit der Wasser- 
scheide zwischen den Zuflüssen des Ghasal und denen des Uelle, das 
Land der Mittu, der Niam-Niam und Monbuttu. Sodann dürfte das 
botanisch noch nicht erforschte Gebirgsland, welchem die Zuflüsse des 
Uelle entspringen, bis Sarunga oder Bagbiune hierher zu rechnen sein. 
Auf die Flora dieses Berglandes näher einzugehen, ist hier nicht der 
Ort; nur das sei erwähnt, dass sich hier Elaeis, Raphia Monbuttorum 
Drude und der Rotang Ancistrophyllum secundifloruin, Treculia africana 
Decne., Myrianthus arboreus, Musanga Smithii, Fimtumia latifolia Stapf 
und viele andere in Guinea oder im Congo-Becken vorkommende Arten 
finden, dass der Reich thum der Lianen, Schling- und Kletterpflanzen, 
der Epiphyten und Farne grösser ist als in den Parksteppen des 
mittleren und unteren Ghasallandes. Auch die sumpf lieb enden Scita- 



832 Sitzung der physikalisch-inatliematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

mineeii sind in diesem Bezirk zaldreieli: so finden sich hier: Trachy- 
phrynhtm Brminii, Clinogyne azurea und Schicemfurllmna K. Schioi., 
Thalia genimlata L., Costus Lticamtsionus K. Schum.. Aframominn san- 
guinrti»! und poli/nnihmn K. Schum. In diesem Bezirk kommt auch eine 
eigeutliümliche C'ycadee vor, Encephahrtos niamniaincnsis Sciiwfth. 

C£ 3. U trän da- und Unyoro -Bezirk. In diesen Bezirk stelle 
ich das ganze Zwischenseenland östlich des zusammenhängenden Uelle- 
wakllandes im SW. und S. des Albert-Xyansa bis zum Albert-Edward- 
Nyansa, das Land mi S. des letzteren bis zu den Yirungo-Vulcanen. 
das "westliche Ankole. Unyoro bis zum Victoria-Nil und Uganda un- 
gefähr bis zum Somerset-Nil, südlich vom Katonga hauptsächlich 
Buddu und dann einen nach S. immer schmaler werdender Streifen längs 
des Victoria-Nyansa bis Busumba, schliesslich noch die Inseln im NW. 
und "NV. des Victoria-Nyansa. Den grössten Theil von Mpororo und 
Koki rechne ich nicht mehr zur westafrikanisclien Provinz. 

Schon die bot<inische Ausbeute Dr. Stuhi.mann's von der Emin- 
Pascha- Expedition hatte gezeigt, dass das Waldgebiet im W. des 
Victoria-Nyansa, in der Gegend der Sesse-Inseln und von Bukoba, 
reich ist an Ai'ten, welche frülier nur aus dem tropischen Westafrika 
bekannt waren, ferner reich ist an solchen, welche mit westafrikanischen 
Typen verwandt sind. Diese Arten wurden nun auch von Dawe", 
welcher als Forstbeamter eine mehrmonatige Reise dm-ch die Wald- 
gebiete von Britisch-Buddu im W. des Victoria-Nyansa sowie in den 
westlichen und Nil-Provinzen des Uganda-Protectorates unternommen 
hatte, wiedergefunden: aber ausserdem auch noch mehrere andere, 
welche der Emin-Pascha-Expedition entgangen wai-en. So finden wir 
in dem Bericht aufgetiilirt : Monodora myri^tica Dox, Symphon'ui ylolnt- 
Ufera var. africana Vesqüe, Hugonia platysepa/a Welw., Odyendea longipes 
Spil\gue, Ircingia spec, DactyJopetalum ttgandense Stapf, ChrysophyUum 
albidum Dox, Funtumia elasfiva (Preuss) und F. latifoUa Stapf, Gabunia 
odoratissiina Stapf, Thonningia sanguinea Vahl, Celtis SoyauxU Exgl., 
Calamus spec. cf. Heudelotü Becc, Elaeis guineerms Jacq., die merk- 
würdige kletternde Aracee Rhektophyllum niirabik N. E. Browx. Auch 
eine TrecuUa und eine A/ifiark Avm-den gefunden. Ferner ist ver- 
breitet die zuerst bei Bukoba aufgefundene Rhamnacee Jlaesopsis Eminii 
Exgl., welche 30™ Höhe erreicht und zusammen mit Piptadenia africana 
etwa So Procent des Waldes von Buddu ausmacht. 

Hl". Dawe hat sein Augenmerk vorzugsweise auf das Vorkommen 
von Kautschukpflanzen gerichtet luid dabei const^itirt. dass im Buddu- 



' Dawe: Report on a botanical mission throiigh the forest districts of Buddu 
and the Western and Nile Provinces of the Uganda Protectorate. London igo6. 



Engi.f.r: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. 833 

Wald selbst verwerthbare Kautschukpflanzen nicht vorkommen, wäli- 
rend in dem benaclibarten Bunjako die werthvolle Kautschukliane 
CUtandra orientalis K. Schum. wächst, welche auch zuerst von Dr. 
Stuhlmann um Bukoba aufgefunden wurde. In dem südlich von 
Buddu gelegenen Dumu-Wald, der von der Nordgrenze Deutsch-Ost- 
afrikas nur wenige Meilen entfernt ist, ist eine Kautschukliane, Car- 
podinus landolphioides (HALLn;u f.) Stapf (= Landolphia Dawei Stapf), 
die werthvoUste von ganz Uganda, selir häufig. Dieselbe Art wurde 
ebenso, allerdings nur spärlich, in dem 300'" höher gelegenen Wald 
von Ankole am Ostufer des Albert-Edward-Sees gefunden und kommt 
auch am Kamerunberg vor. Im Gebiet des Semliki, südwestlicli vom 
Albert-Nyansa, bildet die Ölpalme Elaeis guineensis stellenweise Bestände ; 
der häufigste Baum aber ist daselbst Cynometra Alexandri C. H. Wricht, 
(»Muhinda«), ein sehr stattliclier und werth voller Baum, der zur Blüthe- 
zeit wie von Schnee bedeckt erscheint. Dawe bemerkt, dass er bei 
seinen ausgedehnten Forschungen constatirt habe, dass da, wo dieser 
Baum voi-herrschend auftritt, der Boden ziemlich trocken ist und 
Kautsehuklianen fehlen. Die kautscinikreichsten Wälder sind der Bu- 
goma-Wald \md der Budonga-W^ald in Unyoro, östlich vom Albert- 
Nyansa. Im Bugoma-Wald wachsen die Kautschuklianen Carpodinus 
landolphioides und Cl. orientalis, ausserdem aber auch Funtumia elastica 
(Preuss). Letztere ist aber ganz besonders häufig in dem 350 engl. 
Quadratmeilen grossen Budonga-Wald, überall da, wo nicht Cynometra 
herrscht; dieser Wald ist auch reich an werthvoUen Mahagonihölzern 
aus der Familie der Meliaceae : Pseudocedrela utiUs Sprague et Dawe und 
Khaya anthothera C.DC, welche letztere auch im Semliki- Wald vorkommt. 
Zwischen diesen Waldgebieten erstreckt sich Hochland und ebenso 
geht dieser Bezirk südöstlich in das Hochland von Ruanda über. 
Das Hochland, welches sich über den oft sumpfigen Wäldern erhebt, 
ist kurzgrasiges Weideland, in dessen Thälern wilde Musa vorkommt, 
während auf den Höhen hohe Lohelia giherroa, die strauchige Thyme- 
laeacee Gnidia lamprantlia, die baumartige Proteacee Faurea saligna und 
die baumartigen Ericaceen Agavria salicifolia Hook. f. und Philippia Stiild- 
mannii Engl, wachsen. Dies sind vorzugsweise ostafrikanische Typen, 
und wir müssen die Hochländer, südlich welcher westafrikanische 
Waldvegetation nicht mehr vorkommt, der ostafrikanischen Provinz 
zuweisen. So ist auch das Gebirgsland, welches im 0. des Kiwu- 
Sees aufsteigt und an seinem Westhang von dichtem Bergwald be- 
deckt ist, ostafrikanisch. Dies geht aus den dort gemachten Samm- 
lungen von Dr. Kandt und den viel umfangreicheren Dr. ÄIildbraed's 
hervor. Auch die Flora des Hochlandes im W. des Tanganyika ist 
zum mindesten an seinem Ostabhang ostafrikanisch. 



834 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

1^. Lunda-Kassai-Katanga-Zone. 

Diese Zone umfasst das Hochland, welchem die Zuflüsse des Kassai 
und Sankuru entspringen und anderseits Katanga mit dem oberen Congo 
und seinen Zuflüssen, etwa bis Nyangwe. 

^i. Malansche-Lunda-Kassai-Bezirk. Dieser Bezirk entspricht 
etwa Muata-Jamvos Reich zwischen 8 und i 2° s. Br. Kr ist jedoch noch 
westlich bis Malansche auszudehnen; denn der Vegetationscharakter 
dieser Hochebene ist schon sehr ähnlich dem des östlicher gelegenen 
Landes. Ferner ist es zweckmässig, auch noch das Quellenland des 
Cuanza, Cuango und Kassai mit der Nordseite des Plateaus von Bihe 
hinzuzurechnen, wiewohl hier kaum noch guineensische Elemente zu 
erwarten sind. Überall wechseln Busch- und Baumsteppe mit immer- 
grünen, von hohen Bäumen erfüllten Waldschluchten, in welchen Lianen 
und Epiphyten reichlich anzutreflen sind. Die Sammlungen, welche auf 
den im Auftrage der afrikanischen Gesellschaft unternommenen Expedi- 
tionen von PoGGE, BucHNEK, VON Mechow uud Teuscz sowie von Büttner 
von diesem Bezirk nach Berlin gebracht wurden, geben zusammen eine 
annähernde Vorstellung von der Zusammensetzung der Flora; doch muss 
man bei derartigen Sammlungen immer festhalten, dass vorzugsweise 
die leichter erreichbaren Steijpenpflanzen und niedrigeren Waldpflanzen 
gesammelt werden; die Bäume sind spärlicher vertreten, als es der 
Wü'klichkeit entspricht. Über die letzteren geben uns aber die ausge- 
zeichneten Notizen, welche Welwitsch in und um Malansche gemacht 
hat, vortrefi^lichen Aufschluss. 

^2. Oberer Congo-Bezirk. Während Ober-Katanga fast gar 
keine Arten besitzt, welche auf Westafrika hinweisen, sind im unteren 
Katanga oder dem oberen Congo-Bezirk, welcher von Nyangwe süd- 
wärts mit Elaeis sich bis in die Nähe des Meru-Sees erstreckt, noch 
mehrere rein westliche Arten anzutreffen, wie z. B. Piper guineense Schum. 
etTnONN., RinoreaWelwitschü (Oliv.) 0. Ktze., Chaetacine arislata Planch., 
Morlnda longiflora G. Don, Motandra guineensls A. DC, Asparagus dre- 
panophyllus Welw., Manotes sangumeoarillata Gilg. 

d. Ostafrikanisehe und südafrikanische Steppenprovinz. 

Wie sich bei fortschreitender Erforschung Südafrikas ergeben hat, 
schliesst sich dessen Flora mit Ausnahme der des südwestlichen Kap- 
landes eng an die Flora Ostafrikas an, so eng, dass von einer tiefer 
gehenden allgemeinen Scheidung zwischen dem tropischen Ostafrika 
und dem extratropischen Südafrika nicht die Rede sein kann, da auch 
in den Gebieten, in welchen höhere von feuchten Winden beeinflusste 
und demzufolge mehr hygrophile Arten beherbergende Gebirge existi- 



Engler: Pflanzengeographische Gliederung von Afrika. 885 

ren, xerophytische Formationen den hygrophilen oft dicht benachbart 
sind. Der Übergang von den .subäquatorialen Steppengebieten in die- 
jenigen südlicher Breiten ist ein sehr allmählicher, und es giebt sogar 
Arten, welche von Xubien bis nach Transvaal und Südwestafrika hin- 
durchgehen. Trotzdem ist eine grosse Zahl von Unterprovinzen und 
von Bezirken zu unterscheiden, welche tloristische Eigenthümlichkeiten 
besitzen, die um so grösser sind, je mehr die einzelnen Länder durch 
Gebirge eine grössere Mannigfaltigkeit von Vegetationsbedingungen er- 
halten. Wie die Zonen und Bezirke dieser Provinz zu begrenzen sind, 
soll später dargethan werden. Jetzt will ich mich nur auf eine Auf- 
zählung derselben beschränken. 

«) .Sansibar-Küstenzone. \'on der Kwyhu-Bucht mit Laniu bis zum Rovuma-Delta. 

1. Bezirk von Peniba. 

2. Bezirk von Sansibar. 

3. Bezirk von jNIafia. 

4. Bezirk von Witii. 

5. Bezirk von Mombassa. 

6. Bezirk von Tanga bis Bagamoyo. 

7. Bezirk von Usaramo, Khutu und Mahenge. 

ß) Mossambik-Küstenzone. Zwisclien Kilwa und Sambesi-Mündung. 

1. Bezirk des Küstenlandes von Kilwa bis Cap Delgado. 

2. Bezirk des Älakonde-Plateaus und der benachbarten Plateauliinder. 

3. Bezirk von jNIossambik. 

4. Unterer Sambesi-Bezirk (Queliniane und Chinde, Tiefland und Hügelland 
des Sambesi bis oberhalb Tete und das des Shire). 

7) Zone des Sol'ala-Gasa-Landes. 

1. Bezirk von Beira-Sofala. 

2. Bezirk des Gasa-Landes. 

3. Bezirk des oberen Limpopo- oder Hlenga-Landes (Hügelland). 

4. Bezii-k des unteren Limpopo mit dem Küstenland von Inhambane bis 
Delngoa-Bav. 

h) Unterproviiiz des südostafrikauischen und südafrikanischen Küstenlandes. 

1. Südostafrikanischer Bezirk. Zulu, Natal, Pondo-Land, Griqua-Land-East, 
Temba. Catt'raria bis zu den Van Stadens-Bergen (Uitenhage). In Natal 
bis zum Kücken der Drakens-Berge. 

2. Südafrikanischer Küsteabezirk von den Van Stadens-Bergen bis zurjNIossel- 
Bay. Bihlet den Übergang zum Gebiet des südwestlichen Caplandes. 

s) Unterprovinz des Massai-Hochlandes. 

1. Bezirk des Stefanie- und Rudolf-Sees. 

2. Bezirk der Elgon-Berge. 

3. Bezirk von Kawirondo, Uka'ia und Soiik. 

4. Bezirk des ^Mau-I'lateaus, der Pajo-Berge, des Leikij)in-Plateaus und des 
Barinf;o-Sees. 

5. Bezirk des Kenia. 

^) Unteri)rovinz des Wnnege-Hochlandes. 

1. Bezirk des Gunsso Nviro. 

2. Bezirk von Irangi. 

3. Bezirk von Gorongoi-o und Issansu. 

Sitzungsbericlite lOOS. 76 



836 8itzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

r) Centralafiikanische Seenzone. D.ts Land im SO., .S. und S\V. des Mctoii.i- 
Njansa, Ussukuma, Unvamwesi; das Land zwischen dem südliclien Victoria-Xjansa. 
Albert-Edward-, Kiwu- und Tanganyika-See, auch ein nach S. sich stark verbreitend«' 
Streifen des westlich dieser Seen gelegenen Landes (bis an den Meru-See). 

S') Kilimandscharo-Zone. Jleru-, Kilimandscharo-, Bura- mid Ndaia-Berge. 

() Zone des Usauibara- und Pare-Gebirgslandes. 

1. Bezirk von Ost-Usambara. 

2. Bezirk von West-L'samhara. 

3. Bezirk des Pare-Gebirges mit Ugueno. 

H. Unterjirovinz des ostalVikanischen Gebirgslandes zwischen Ruaha. Rufiyi 
und Rnwu. 

1. Bezirk von Useguha und Unguu. 

2. Bezirk der Rubeho-Gebirge. 

3. Bezirk von Südost-Usagara. 

4. Bezirk von Ukami mit dem Uluguru-Gebirge. 

>.) Uuterprovinz der Jlassai-Steppe zwischen Kilimandscharo, Pare-Gebirge, 
Usamt)ara und dem Wanege-Uochland. 

m) Unterjirovinz der Wenibere-, Ugogo- und Ussangu-Steppe. 

f) Unterj)rüvinz des Nyassa-Landes. 

1. Bezirk von L'hehe. 

2. Bezirk des nördlichen Nya.ssa-Hochlandes. (Konde-Gebirge, Rungwe. Uny- 
ika, L'rungn). 

3. Bezirk des Kinga-Gebirges (Livingstoue-Gebirge) und des Quellenlandes 
des Rufiyi. 

4. Bezirk des westlichen Nyassa-Hochlandes. 

5. Bezirk des südlichen Nyassa-Hochlandes. 

0) Banguelo- und Katanga-Zone. 

1. Bezirk des Luapula- und Loanpua-Quellenlandes mit dem Banguelo-See. 

2. Katanga-Bezirk. 

■Tz) Sambesi-Zone. Gebiet des oberen luid mittleren Sambesi (bis oberhalb Tete) 
mit dem des Kuando, Kafue und unteren Loangwa sowie des Shire. 

1. Bezirk des niederen !Mittel-Sambesi-Landes. 

2. Bezirk des oberen Sambesi und seiner ZuiHisse (excl. Kuando). 

2) Unterprovinz des Kunene-Kubanga-Landes nebst Anibo- und Okawanga-Land. 

1. Bezirk des Küstenlandes von "Walfisch-Bay {Tumhoa) bis Benguela. 

2. Bezirk des Ambo-Landes. 

3. Bezirk des unteren Kunene. 

4. Okavango-Bezirk. 

5. Shella-Huilla-Bezirk. 

6. Bezirk des oberen Kubango. Kuito und Kuando. 

c) Unterprovinz des INIaschona-Landes. 

-) L'nterprovinz des oberen und mittleren Limpopo-Gebietes sowie der Matoppos. 

1. Bezirk der Jlatojjpos. 

2. Bezirk des oberen Limpojio (Transvaal südlich der ^lagalis-Berge mit 
dem Nordhaug derselben). 

3. Bezirk des oberen Olifant-River. 

v) Unterprovinz des südostafrikanischen Hochlandes von Oranje und Transvaal 
mit der Kalahari. 

1. Bezirk der südostafrikanisclien Hochsteppe. 

2. Bezirk der Kalahari. 



Ekgi.er: Pllanzengeograpliische Gliederung von Afrika. 837 

</)) Unterproviiiz des centralen Caplandes. 

1. Bezirk von Kaff'rarien. 

2. Bezirk der Karroo. 

3. Bezirk des Karroid-Plateaus (Upper-Region von Bolus). 

%) Unterprovinz des extratropischen Südwestafrika. Etwas südlich vom Olifant- 
River beginnend, das Küstenland bis Kuisib (Standorte von Tumhoa = VTelwitschia aus- 
geschlossen) und das innere Bergland. 

1. Bezirk des Klein-Namaciua-Landes. 

2. Bezirk von Gross-Namaqua-Land. 

3. Bezirk des Damaia-Landes. 



IV. Das Grebiet des südwestlichen Caplaiides. 

Längs der atlantisclien Küste nordwärts bis fast zu 32°, längs 
des 19° ö. L. noch bis zu 31°, ostwärts an der Küste bis zur Mossel- 
Bay. Sodann herrscht das capländische Florendement noch sehr stark 
auf den Cxebirgen im S. der Karroo (im S. von 33°) und auf denen 
des südlichen Namaqua-Landes zwischen 31° und 30° s. Br. 



;g* 



838 Sitzung der physikalisch-niathematisclien Classe vom 23. Juli 1908. 



Zur Theorie der SyminetraKuiictionen. 

Von F. SCHOTTKY. 



In einer Arbeit vom Jahre 1890 «Über die chai-akteristischen Gleicliun- 
gen symmetrischer ebener Flächen und die zugchihigen AßEi/schen 
Functionen« (J. f. M. Bd. 106) hatte ich ABEi/sche Functionen von crVa- 
riabebi, die zum Theil speciellcr, zum Tlieil aber allgemeiner sind als 
die der RiEJiANN'schen Theorie, in folgender Weise eingefülirt. 

Ich ging aus von der Vorstellung einer Figur, die ich jetzt >> Sym- 
metral« nenne, eines ebenen, im Allgemeinen von mehreren Randlinien 
begrenzten Gebietes, das in Bezug auf eine Gerade symmetrisch ist. 
Die Randlinien können theils solche sein, die von der Axe durchschnitten, 
theils solche, die von ihr nicht durchschnitten werden. Die letzteren 
sind paarweise vorhanden. Ich bezeichne die Anzahl der Paare mit r, 
die der unpaarigen Linien mit n und setze ?J -+- r = er + 1 . 

Unter den charakteristischen Functionen des Symmetrals 5 sind 
solche vorhanden, die nicht nur an den Rändern von 5, sondern auch 
längs der im Innern verlaufenden Theile der Symmetrieaxe reell sind. 
Diese sind identisch mit den charakteristischen Functionen der Hälfte 
von <S, und da das halbe Gebiet von r+ i Randlinicn begrenzt ist, 
so sind sie rational ausdrückbar durch zwei unter ihnen, p und q, 
welche selbst durch eine algebraische Gleicliung vom Geschlechte r ver- 
bunden sind. 

Fügt man noch eine charakteristische Function c von <S hinzu, 
die an den Theilen der Axe nicht reell, sondern rein imaginär ist, so 
ist z" rational durch p , q und alle andern charakteristischen Functionen 
von -S rational durch (~ ,p, q) ausdi'ückbar. Der Körper (- ,p, q) ist also 
durch zwei Gleichungen 

G(p,q) = o , :' = II{p,q) 

bestimmt: er ist, der Anzahl der Randlinien entsprechend, vom Ge- 
schlechte cr-hr: G(p,q) = o ist vom Geschlechte r; H(p,q) ist eine 
Function, die in 2 n Punkten des Körpers [p , q) von ungrader Ordnmig 
verschwindet oder unendlicli Avird, ausserdem nur von o-i-ader Ordnunc". 



Schottky: Zur Theorie der .Syiiiiiietraliuiictionen. 83.) 

Unter den Differentialen erster Gattung des Körpers {^ , p , q) sind 
T Differentiale des Körpers {p , q); c- andere können in der Form 

R{p,q) dp 



z 

angenommen werden. 

Dem entspricht es, dass die Thetafunctionen des Körpers {z ,p, q) 
sich rational ausdrücken lassen durch solche von r und solche von er 
Veränderlichen. Die letzteren und die zugehörigen AßEL'schen nenne 
ich jetzt Symmetralfunctionen. Ihre Theorie beruht im Wesentlichen 
auf dem von mir aufgestellten Satze, dass jedes dieser 4" Theta sich 
darstellen lässt in der Form eines Quotienten, dessen Zähler eine Summe 
RiEMAXN"scher Thetafunctionen des Körpers {z ,p, q) ist, während der 
Nenner durch ein einziges Theta von t Veränderlichen gebildet wird. 
Um die Theorie im Einzelnen vollständig zu entwickeln, ist es aller- 
dings noth wendig, dass die Wurzelfunctionen des Körpers {z,p,q) 
bestimmt werden — eine eigenthümliche Aufgabe, die noch nicht in 
allen Fällen gelöst ist. 

Zu bemerken ist, dass hiermit nicht eine, sondern t -V- 1 verschie- 
dene Alten AßEL'scher Functionen von er Variabein definirt sind; denn 
es ist « + T = o"-f- I ; folglich kann 11, ebenso wie r, jeden der Werthe 
o, I ••■ cr-t- I haben. 

Hr. Wirtinger hebt in seiner Preisschrift: »Untersuchungen über 
Thetafunctionen« (Leipzig 1895) sehr stark hervor, dass in meiner 
Arbeit nichts über die Anzahl der unabhängigen Periodicitätsmoduln 
gesagt wird; er behauptet sogar: «Die Frage nach der Allgemeinheit 
der neu gewonnenen Functionen komme bei mir gänzlich ausser Be- 
tracht. « Er kritisirt meine Arbeit und hel)t ihr* gegenüber die Vor- 
züge der seinigen hervor. Aber meine Arbeit enthielt eine mathe- 
matische Entdeckung, und Hr. Wirtinger ist der Erste, der sie 
benutzt hat. 

Die Frage nach der Allgemeinheit der Symmetralfunctionen, die 
auch von Hrn. Wirtinger nicht entschieden wird — obwohl er einen 
Beitrag dazu liefert — , soll das Thema der vorliegenden Arbeit bilden. 
Es ist fast unmittelbar klar, dass die Anzahl der bei den Symmetral- 
functionen auftretenden Periodicitätsmoduln nicht grösser 

2 " 

als 3(7 — n sein kann — eine in anderer Ausdrucksweise von Hrn. 
Wirtinger angegebene Zahl. Denn da es sich nur um Functionen 
handelt, die bei conforiner Abbildung des Gebietes ungeändert bleiben, 
so dürfen wir die Symmetrieaxe als reelle Gerade und sämmtliche 
Randlinien als Kreise annehmen. Wir dürfen ferner, da noch eine 



840 Sitzung der phj'sikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

reelle lineare Transformation zulässig ist, von den Coordinaten der 
Kreismittelpunkte drei als fest gegeben ansehen. Dann bleiben, da 
T der Kreise durch die gegenüberliegenden schon bestimmt sind imd 
die Mittelpunkte der cr-H i übrigen w-4-3 Bedingungen unterliegen, 
in den Radien und Mittelpunktscoordinaten der einzelnen Kreise 3er — n 
willkürliche Grössen übrig, die wir als Parameter des Symmetrals 
bezeichnen. Da die Periodicitätsmoduln {»i) Functionen dieser Para- 
meter {p) sind, so können von den Crrössen [m) nur 3 er — n unab- 
hängig sein. Ich stelle nun den allgemeinen Satz auf: 

cr((r + i) 
Abgesehen von den Fällen, wo 3er — n grösser ist als , 

lassen sich unter den Grössen {m) stets 3er — ?j angeben, die, 

2 

solange die Parameter willkürlich bleiben, durch keinerlei Gleichungen 

verbunden sind. 

Für n ^ o hat Hr. Wietinger diesen Satz schon bewiesen. Ich 

lege aber dem Falle ?i = o nicht eine so grosse Bedeutung bei wie 

Hr. WiETiNGEK. Denn man kann sämmtliche Fälle, die die Figur des 

Symmetrals — oder die Curve G ^o, z' = H — darbietet, in drei 

Gruppen sondern. Die Hauptfälle sind die, in denen die beiden 

Zahlen 3er — ?i und zusammenfallen; es sind folgende: 

7i = o,T = 6 (0- = 5, 30- — /i = 15); 

n=2,r = 3 (ö- = 4, 3er — « = 10); 

71 = 3, r=i ('^=3' 3°' — «= 6); 

«=3,T = ((7=2, 30- — «= 3). 

Sie entsprechen den zwei Hauptfällen der RiE:v[ANx"schen Theorie, in 
denen 3; — 3 =: ist. 

<7((J+ l) 

Als Nebenfälle bezeichne ich die, in denen < ^cr — «ist: 

2 

17 = 2 , n = o , I , 2 ; 

(7 = 3, 71 = 0, I, 2; 

(7 = 4, n = o und i . 

Sie erscheinen mir, schon deshalb, weil hier das Geschlecht der 
Raimjcurve höher ist als nothwendig und weil die Raumcurve zuviel 
Parameter enthält, nicht geeignet, die Grundlage zu bilden fiir eine 
wii-kliche Theorie der ABEL"schen Functionen von zwei, drei oder vier 
Veränderlichen. 

Wie man sieht, tritt der Werth w = o schwach auf in den Haupt- 
fällen und stark in den Nebenfällen. 



ScHOTTKv: Zur Theorie der Syiiimetralfunctioneii. 841 

Alle ül)rigen Fälle bilden eine dritte grosse Gruppe; sie führen 
zur Definition von ABEL"schen Functionen, die nspecieller Natur« sind, 
ebenso wie die AsEL'schen Functionen von mehr als drei Veränder- 
lichen, die aus der RiEMAxx'schen Theorie entspringen. 

Für die vier Hauptfälle liegen bereits entwickelte Tlieorien vor. 
Der eine, (7 = 2, m = 3 , r =: o , ist der gewöhnliche hyperelliptische. 
Den zweiten, er = 3 , r = i oder /« = 3 , liabe ich, den dritten, '7 = 4, 
hat Hr. Jung, den vierten, «7=5, Hr. Wirtingek durchgeführt. 



Die Aufgabe, die sich in § i dargeboten hat, ist nahe verwandt 
mit der folgenden: 

Gegeben sei ein unendlich ausgedelnites ebenes Gebiet, das von 
p ■+- 1 beliebigen Kreisen begrenzt ist. Es ist, nach Gestalt und Lage, 
durch 30 + 3 Grössen bestimmt, von denen wir sechs — etwa die 
Coordinaten dreier Punkte — als fest annehmen. Es ist zu beweisen, 
dass unter den Periodicitätsmoduln der zugehörigen AßEL'schen Func- 
tionen sich wirklich 30 — 3 unabhängige angeben lassen. • — Der Satz 
ist offenbar identisch mit dem: Die charakteristischen Gleichungen 
eines durch o+i willkürliche Kreise begrenzten Gebietes sind «all- 
gemeine Gleichungen« vom Geschlechte p. 

Die zweite Aufgabe ist einfacher als die erste; wir behandeln 
sie deshalb zuerst. 

Wir nehmen an, dass die Ki-eise K„,K^-K^ sich gegenseitig 
ausschliessen, und demnach, dass das Gebiet sich in"s Unendliche er- 
streckt. Die 31ittelpunkte seien P„, P,, die Radien S^ , ^^ u. s. f. P sei 
der Punkt x ; die Entfernung PP^ bezeichnen wir mit /'„ und die 
zweier Mittelpunkte P„ , P^ mit e„ß . 

Die ^-^ Pei-iodicitätsmoduln lassen sich definiren durch die 

2 

Werthe der GREEN"schen Functionen. Wenn die Difierenz zweier har- 
monischer Functionen der Bedingung genügt, dass sämmtliche Integrale 

erstreckt über ilie einzelnen Randlinien der Figur, gleich o sind, wenn 
diese Difierenz ausserdem eindeutig und regulär ist, so AvoUen wir 
die beiden Functionen äquivalent nennen. Nun giebt es p beständig- 
reguläre GREEN'sche Functionen des Gebietes, G,, G^ ■■ G^, die an den 
Randlinien constante Werthe halben, sj^eciell an K^ den Werth o, und 

die der Bedingung genügen, dass G^ äquivalent log 1 — - j ist. Nennt 



842 Sitzung der phj'sikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

man + a,, den Werth von G„ am Kreise K^ , so ist «,^ = r/,^ , und 
dies ist das gewöhnliche System der Periodicitätsmoduhi. 

Hier ist der Kreis K^ bevorzugt. Ein völlig symmetrisches System 
kann man so erhalten. Es seien K^ , K^ irgend zwei der p + i Kreise. 

Wir bilden diejenige GREEN'sche Function </>, die zu log I — j äqui- 
valent ist, und bezeichnen mit m^^ die Dift'erenz ihrer Werthe auf 
den beiden Kreisen. Diese Grössen /«,„ (A , f^ = o , i , 2 • • ■ 3 ; A '^ )u) sind 
oflenbar ausdrückbar durch die Grössen rt^^, und umgekehrt. Ist /^ = o, 
so kann man </> ^ G^ setzen; daraus ergiebt sich: ?«,;,„ = +ff,,,>.. Sind 
al)er A und ju von o verschieden, so hat man: (/> = (?, — G„ und daher: 

m>.. = +a>,x-+- + «uu — «X.- 
Nehmen wir die Radien der Kreise sämmtlich als sehr klein an, 

so ist log ( ' ) angenähert eine GkeenscIic Function des Gebietes, 
und logl -^lihr Werth auf Ä'> , log ( -"^ ) der aufÄ'„. Die Differenz 



beider 



f,. 



ilf,„ = log 






stellt allerdings nicht den wirklichen Werth ?)i,^ dar, aber einen, wie 
sich genau zeigen wird, zweckmässigen Näherungs werth. 

Betrachten wir die Punkte und die Factoren S„ als ganz willkür- 
lich und wählen aus den Grössen 31-,^ die folgenden 3: — 3 aus: 

Nehmen wir P„, P, , P, als gegeben an, so sind durch die drei 
ersten Ausdrücke die Factoren ^^,6,,^,, durch ilio„ , M,„, 3/j.„ der 
Punkt P„ und der Factor ^„ bestimmt. Folglich ist die Functional- 
determinante der aufgestellten Ausdrücke nach den ^a — 3 Parametern 
des Gebietes von o verschieden. 

Es ist vortheilhaft, in dem System {p) der Parameter die Radien 
<^„ durch ihre Logarithmen log ((J„) = %„ zu ersetzen. Dann sind die 
Ditterential(]uotienten der Ausdrücke J/>„ nach sämmtlichen Parametern 
oÖenbar unabhängig von %„ ,%,"•■%, und bloss von den Coordinaten 
der Punkte abhängig. Dasselbe gilt von der Functionaldeterminante. 

Betrachten wir jetzt statt der Näherungswerthe ilf,^ die wirk- 
lichen ?«,^. Wir können setzen: 

G. = logl^.(x)|, 

wo E^{x) eine im Gebiete eindeutige reguläre und nicht verschwindende 
Function von x bedeutet. 



Schottky: Zur Theoi-ie der Symmetralfunctionen. 843 

Nennen wir y die zu x conjugirte Grösse, und a^ , b, die Werthe 
von X , y im Punkte P, . Dann ist 

{x-a,){y-h,) = hr 

die Gleichung des Kreises K^ , und 

\Ejx)\^ = EJx)K(y). 

Diese Norm ist gleich i auf dem Kreise K„ , = ('"">■ auf Ä\ . Demnach ist : 

Führen wir nun eine lineare Function x-,=:f.,{x) ein durch die Glei- 
chung 

^\ — a,. x — a^ 

so folgt hieraus: 

E,{x,) = e''"EJx) ().= i,2...f). 

X — o. 



P'ügt man hinzu, dass logjE'^(a) dieselben Perioden hat wie log — 

so ist deutlich, dass E^(x) dieselbe Function ist, die in einer früheren 
Arbeit von mir vorkommt und die dort auch ebenso bezeichnet ist 
(vgl. J. f. M., Bd. lOi, S. 247). 

Demnach ist auch e""" die dort auftretende Grösse E"'-, und speciell 
e"'" oder e' ""° die Grösse E". Sie ist in der Form eines unendlichen 
Productes dargestellt; die einzelnen Factoren sind rational in den Dop- 
pelpunkten und Moduln der Substitutionen x^ =/, [x). Diese 3p Grössen 
Ay, B,, q, sind aber in ganz bestimmter Weise abhängig von den 
3pH-3:a,, b,, S^. Dabei reducirt sich A^ auf a^, B;^ auf o^, g^ auf o, 
wenn die Grössen S gleich o gesetzt werden. 

Hieraus folgt, dass von dem Product, durch welches E"' ausge- 
di'ückt wird, nur der eine Factor q, wesentlich ist. Alle andern 
— somit auch das ganze übrige Product — reduciren sich auf i, 
wenn sämmtliche S gleich o werden. Es ist demnach: 

2W'.o = «,K = log ((/.) + 2 A' , 

wo A' einen Ausdruck bedeutet, der gleichzeitig mit den Grössen 6 
A'-erschwindet. 



Aus der Gleichung 



X. — A, X — A, 

9k 



x. — B. ^'x — B. 



844 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

folft't. dass q^ der Werth von — ^^ fiir x = A^ ist. Diöerenzirt man aber 
^ -* dx 

die Gleichung-, durch die ursprünglich .r^ deßnirt war, so folgt: 

^l dx^ S: 



[Man erhält daher für x = A^: 



oder, da 



ist: 



{Ä.- 


-a.r 


{A.- 


-«of 




-K- 




a^ 


^: 




A — 


■Oo 




^: 


r 


^l 


^. 



«■i»--'--x=^i=(A:3^- 



Hieraus folgt, da A^ sich auf a^ reducirt, wenn S^ und ^^ gleich o 
werden, dass der Quotient 

sich dem Wertlie i nähert, wenn die d gleich o werden. — Dem- 
nach erhalten wir: 

wo A^o eine Function der Parameter ist, die mit den Grössen ^ zugleich 
verschwindet. Dann verschwinden aber auch mit den ^ alle Dilferential- 
quotienten von A,^ nach den Coordinaten der Punkte P„ und auch 
die nach den Grössen y^.,: denn es ist 



Dasselbe gilt, wegen der vollständigen Symmetrie der Voraus- 
setzungen, von jeder Grösse /«„>.. Die Functionaldeterminante der ausge- 
wählten 3; — 3 Grössen J/^^ ist demnach nichts andres, als der Werth, 
den die Determinante der entsprechenden Grössen ni^,^ annimmt, wenn 
sämmtliche Grössen ^ gleich o gesetzt werden, und da die eine Deter- 
minante von o verschieden ist, so ist die andere sicher nicht identisch o. 
Daher bilden /«o, , '«03) '«u» '"03) '«13; '"23» '"u u. s. w. eine Reihe von 
3; — 3 unabliängigen Grössen. 



Schottky: Zur Theorie der Symmetralfunctionen. 845 

§3- 
Bei dem Beweise des entsprechenden Satzes für die Periodicitäts- 
moduln der Sj^nimetralfimctionen können wir uns jetzt kürzer fassen. 

(7(0- -t- l) 

Diese Periodicitätsmoduln — oder vielmehr ein ihnen äqui- 

2 ^ 

valentes Sj'stem — definiren wir in folgender Weise. Die Reihe der 
unpaarigen Ivi-eise und die eine Reihe der paarigen bezeichnen wir 
mit K^, K^ . . . K,^^, mit K„, den zu K„ symmetrischen Kreis, so das.s 
Ä'„, mit K„ identisch ist, wenn K„ zu den unpaarigen Linien gehört. 
Es giebt nun <r linear-unabhängige symmetrische GREEN'sche Functionen 
des Symmetrals, die in entsj) rech enden Punkten gleiche Werthe an- 
nehmen. Wir betrachten speciell diejenige — indem wir zwei Indices 
X, A der Reihe 1,2 ... cr+ i auswählen — , die äquivalent ist 

' V '■> '■>. 

und bezeichnen die Differenz der Werthe, die sie an den Linien /i„, 
/r, annimmt, wieder mit ni^^. 

Hier können Avir uns aber nach der vorausgegangenen Unter- 
suchung ohne Weiteres mit den reducirten Werthen begnügen. An 
Stelle der (^„ führen wir ein: s^,-=^l, wenn u eine unpaarige Rand- 
linie ist, und £„ = ^„e„,,, im andern Falle. Alsdann ist 



als Werth der aufgestellten Functioii auf K.^, und 

log(^— - 

als ihr Werth auf A'^ zu bezeichnen. Da e^,,^ immer gleich e^^, ist, so 
erhalten Avir: 



'«.X = log . , , 






Wir können dafür schreiben, indem Avir die conjugirten Coordinaten 
der Punkte P„ einführen: 



"'«>. ^ log 



(o. - o.) («« - K) {l>. - ff J [K -!>>) ' 

Aber es ist zu bemerken, dass, Avcnn Avir uns nicht auf den Fall 
?j = o beschränken, hier « Gleichungen bestehen: b^ = a^^. Abgesehen 
davon nehmen Avir in den aufgestellten Ausdrücken die Grössen a, h, s, 
A'ollständig Avillkürlich an und bcAveisen, dass unter ihnen, von dem 



846 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom "23. Juli 1908. 

schon erwähnten Ausnahmefall abgesehen, 3(7 — 71 unabhängige vor- 
handen sind. 

Wir nehmen zuerst an, dass die Figur mindestens drei unpaarige 
RantUinien besitzt: «^3. AVenn wir diese voranstellen, haben wir 
die Gleichungen : b, = a,, b^ = a^, b^ = a^. Es ist demnach : 

£ £ £ E £ £ 



{a, — a,y («, — «3)' (0. — O3)' 

Die Werthe 0, , «, , a^ nehmen wir als gegeben an. Dann werden durch 
7»„, ?n,3, 7/1,3 *^^^ Factoren £,,£^,£3 bestimmt. Ist K^ ein vierter Kreis, 
so werden £4 , «4 , b^ durch die Grössen m,^ , ?n^^ , m^^ bestimmt, und weim 
h^ = O4 ist, die Werthe a^ , £^ schon durch m^^ , m,^. Da der Schluss 
sich fortsetzt, so lassen sich sicher 3 er — n Grössen ?«,, angeben, deren 
Functionaldeterminante nach den 317 — n vorhandenen Parametern von 
o verschieden ist. 

Es bleiben noch die Fälle 7i =: o , i , 2 übrig. Wir machen zu- 

nächst die specielle Annahme ?i = 2 . 0-^4. bei der und 

2 

und 30- — 71 denselben Werth 10 haben. Die beiden unpaarigen &eise 
stellen wir voran, so dass 6^ = 0,, J, = a, ist. Wir nehmen ausser- 
dem a,, a^, flj als fest an, so dass 

a. . a.: b, , b. . b. ; s, . e, ■ ■■ s. 

4- D- 3'4'3' I!2 3 

die unabhängigen Grössen sind. Es ist zu beweisen, dass die Functional- 
determinante der Ausdrücke ;«,, nach diesen i o Grössen nicht identisch 
o ist. Zu diesem Zweck multipliciren wir sie mit den Difl'erenzen 
63 — «4. ^4 — a., b. — «3. Es genügt alsdann, zu beweisen, dass der 
Werth. den dieses Product annimmt, wenn man b^ = o^, b^ = a^, 
b. = ßj setzt, von o verschieden ist. 

Dieser Werth ist aber nichts anderes als die Determinante der 
sieben Functionen, in welche 

?«„, ??i,3, )ii,^, m,-, w/,3, /»,4, ?H,3 

übergehen, wenn man b^ =: a_^, b^ = a. , 6, = a^ setzt. Diese Ausdi-ücke 
/«,> sind einfacher; wir haben jetzt: 

»i„ = log 



("r — a,} 

1 

;h„ = los 



■13 '"O 



"'»3 = log 



(«.— Ö3r(o.— «4)' ' 



(7, — a^)-(a, — a^V 
u. s. f. 



Schottky: Zur Tlieoiie der Svnimetralfunctionen. h47 



Es folgt hieraus: 



ni,, — log 



(g, — a^) (g, — a^) 

("i — f'3) (0= — «5) 



Wenn demnach «, , Oj , r/3 gegeben sind, so ist durch die Wei-the der 
>n auch ffj bestimmt; dasselbe gilt von a^ und a^. Dass alsdann auch 
Ej , e^ u. s. f. feste Werthe erhalten, ist oftenbar. 

Hiermit ist bewiesen, dass im Falle er = 4 , n ■= 2 zwischen den 
Grössen 111^^ keine Gleichung besteht. Hier sind die Parameter durch 
die Moduln bestimmt. Ist /* = 2 , er > 4 , so kommen zu dem auf- 
gestellten System noch neue Gleichungen hinzu. Dass die neuen 
Grössen ebenfalls durch die Moduln bestimmt sind, z.B. 6^ , Of,, hf, 
durch die Werthe m,(, , m,^ , m^^ , liegt auf der Hand ; es giebt also 
auch dann ebensoviel unabhängige Moduln ///,, als Parameter. Ist 
endlich n = 2 , c < 4 , so haben wir es nur mit einem Theil des 
betrachteten Gleichungssystems zu thun. Die Moduln sind daher un- 
abhängig, aber es sind zu wenig Gleichungen vorhanden, um die 
Parameter durch die Moduln auszudrücken. 

Wir können bald noch eine weitere Folgerung ziehen. Nehmen 
wir CT = 4 , ?i = I an, so fehlt eine Gleichung, die im Falle g- = 4, 
/i = 2 vorhanden ist; wir haben: 6, = r/, , al)er nicht: i^ = a^. In- 
folgedessen sind hier die Moduln imabhängig, aber die Parameter 
nicht durch die Moduln bestimmt. A fortiori findet dasselbe statt, 
wenn k = i , er < 4 ist. 

Nehmen wir jetzt n = o an. Hier ist der Hauptfall: u = 5 ; in 
diesem existiren 15 Moduln: ;»,, . . . //Lg und, wenn wir «, , a^, o^ als 
fest annehmen, ebensoviel veränderliche Parameter. 

Die Functionaldeterminante I) wirklicli zu bilden, Avürde sehr um- 
ständlich sein. Aber wir verfahren ähnlich wie früher. Wir denken 
un.s IJ multiplicirt mit den sechs Differenzen 

h, — a,,b, — a^, h^ — a^,h^ — a.,b- — o^ , b^, — o, . 

Ist der Werth, den dieses Product annimmt, wenn man sämmtliche 
Differenzen gleich o setzt, von o verschieden, so i.st auch D nicht 
identisch o. Dieser Werth ist aber nichts anderes als die Functional- 
determinante derjenigen Ausdrücke ?//„>, in welche die von ///j, , ///jj 
u. s.w. verschiedenen Functionen übergehen, wenn man b, = a^ , b^ = n^ 
setzt, u. s. f. Es bleibt demnach nur zu zeigen, dass die Werthe ff,, 
ff. , ßg , £, , £j • • £5 durch die von 



"'13 > '"35 > "h^ ; '"=4 ' '"46 , "'6= ; "',4 , '".5 » '"vi 



und durcli r/, , n^ , n^ bestimmt sind. 



848 Sitzung der phj'sikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

Man hat z. B.: 

w,3 = log 



Dadurch ergiebt sich: 



Ol — "3) ("■ — ^4) ("= — «3) («= — «4) ' 

K — 05)(«3 — «6) 



'''.3 + "'46 — '«M — '«36 = log 



(O. — ß3)(«5 — Oe) 



Durcli cyklisclie Vertaiischuiig ergeben sich zwei weitere Doppelver- 
hältnisse, die durch die Grössen in bestimmt sind: 

[a^ — a,)[a^ — a,) (a^ — a,){a. — a,) 

(«3 — «4)(ö6 — o.) ' («4 — «5) («6 — 0=) ■ 

Dadurch sind oti'enbar 04,03, Og festgelegt. £1, £3 , £5 ergeben sich durch 
die Ausdrücke für m,^ , ?/i^.^ , /«j, , und ebenso e^ , £4 , £5. 

Hieraus ziehen wir den Schluss, dass für ?z = o , er =: 5 die Mo- 
duln unahhcängig, die Parameter gerade durch die Moduln bestimmt 
sind; dass ferner für ?z = o , c" > 5 die 30- Parameter durch eine gleiche 
Anzahl von 30" Moduln bestimmt werden, dass demnach 30- Moduln un- 
abhängig sind; endlich, dass für « = o , er < 5 die sämmtlichen Moduln 
unabhängig sind, während natürlich die Parameter nicht durch sie be- 
stimmt sind. 

Jetzt bleibt allein der Fall übrig, wo n = 1 , o" > 5 ist. Dann 
hat man eine Gleichung mehr: A, = o, , als im Falle 7i = o. Es ist 
klar, dass hierdurch die Anzahl der unabhängigen Moduln um i ver- 
ringert wird, A^on 3 <j auf 3 er — i . 

Der in § i aufgestellte Satz ist damit bewiesen. 

§ 4- 
Es ist hier wohl am Platze, wenn ich A^on der grossen Einwii'kung 
spreche, die Weieestrass auf meine Untersuchungen ausgeübt hat. 
Weierstrass legte mir 1875 das Problem der allgemeinen AßEL'schen 
Functionen von p Veränderlichen dar. Er sagte, dass auch in dem 
allgemeinen Falle, wo die Periodicitätsmoduln unabhängig sind, ein 
System von p Integralen erster Gattung der Untersuchung zu Grunde 
gelegt werden könne, das, obwohl zu einer Gleichung höheren Ranges 
gehörig, dennoch das Additionstheorem und die nur 2c fache Periodicität 
mit dem Integralsystem der bekannten Theorie gemeinsam habe. Weier- 
strass fügte hinzu, dass er die transcendenten Bedingungen dieses An- 
satzes genau festgestellt habe, dass es aber darauf ankomme, die ihnen 
entsprechenden algebraischen zu linden. 



ScHoriKv: Zur Theorie der Symmetrall'unctionen. b4.' 

Diese Frage, die ich seitdem in dem kleinen Aufsatz : Über die 
reducirten Integrale erster Gattung (s. Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 
1904, S. 522) zu beantworten versucht habe', erschien mir damals zu 
schwer. Weierstrass wies mich deshalb auf die directe Untersuchung der 
Thetafunctionen hin, namentlich der von vier Variabein. Nach einigen 
Vorarbeiten construirte ich den sicher nicht RiEMANN'schen Fall", in 
dem zwei der graden Thetafunctionen von vier Variabein zugleich 
mit den Argumenten verschwinden. Er führte — aber in langwieri- 
ger Arbeit, die sich etwa von 1879 — 1889 hinzog — zu dem Falle 
(T := 4 , r = I des algebraischen Ansatzes G{p , q) = o , z' = H{p , q), 

du„ = — ° , der die Grundlage meiner Arbeit von 1890 bildet. 

Die Theorie der Symnietralfunctionen des Falles r = i war schon 
von mir ziemlich vollständig durchgeführt worden. 1895 kam in der 
sclion erwähnten WiRTiNGEi!"schen Schrift die genaue Untersuchung des 
Falles 7 = 17 + 1, oder w = o, hinzu. Durch die Wahl dieses Pro- 
blems und die Art seiner Behandlung hat sich Hr. Wirtinger ein ent- 
schiedenes Verdienst erworben; an der Entdeckung der Symmetral- 
functionen oder eines Theils derselben hat Hr. Wirtingek keinen An- 
theil. Ein Fortschritt, der fiir mich überraschend war, ergab sich in 
den Arbeiten meines früheren Schülers Hrn. Jung, in denen die Fälle 
T r= 2 und r = ^ behandelt wurden. Namentlich die Jung'scIic Ab- 
handlung über die allgemeinen Thetafunctionen von vier Veränderlichen 
(Sitzungsber. 1905, S. 484) scheint mir von grosser Wichtigkeit, und 
ich hoffe, dass sie die Grundlage bilden wird lür die vollständige Lösung 
des Problems der Symnietralfunctionen. An sich sind in dem Ansatz 
G(p, q) = o, z^ =^ H(p, q) drei verschiedene Möglichkeiten gegeben, 
um eine nicht specielle Theorie für er = 4 zu gewinnen; man kann 
T = 3 , 4 und 5 setzen. Hr. Wirtinger wählt dieijenige der di-ei Raum- 
curven, die vom höchsten Geschlecht ist (r = 5), und weist darauf 
hin, dass sie sogar zAvei wesentliche Parameter mehr enthält als noth- 
wendig ist. Ich kann darin keinen Vorzug erkennen. Man gehe einen 
Schritt zurück, zu er = 3. Dann sind die vier Werthe: ' = 1,2,3,4 
zulässig. Aber nur die Annahme r = i liefert eine wirkliche Theorie 
der allgemeinen AßEi/schen Functionen von drei Variabein; sie ist A'iel- 



' A'ergl. auch H. Jung, über die Perioden der reducirten Integrale erster Gattung 
(Sitzungsber. 1904, 8. 1381). 

^ Der Ausdruck bezieht sich nur auf die für uns vorhandenen RiKJiANN'schen 
Arbeiten. Ich weiss wohl, dass Riemann im Besitze einer uns verloren gegangenen 
Tlieorie der allgemeinen ABEL'schen Functionen gewesen ist, wie aus seiner eigenen 
Äusserung hervorgeht. 



850 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom "23. Juli 1908. 

leicht einfacher als diejenige, deren Grundlage die ebene Curve vierten 
Grades bildet. 

Hr. Jung wählt die Annahme er = 4 , r =: 3. Das Geschlecht der 
Raumcurve ist zwar immer noch vielleicht autfallend hoch, aber doch 
um zwei Einheiten niedriger als bei Hrn. Wirtixger ; und da hier 

= ^(T — n ist, so enthält die Curve cenau die notliwendiee 

Anzalil von Parametern. 



G. Eberhard: über die weite Verbreitung des Scaiidimii auf dei' Erde. 851 



Über die weite Verbreitung des Scandium auf 

der Erde. 



Von Prof". Dr. G. Eberhard 

in Potsdam. 



(Vorgelegt von Hrn. Nkrnst.) 



Uas Scandium zählte bisher zu den allerseltensten auf der Itrde vor- 
kommenden Elementen, so daß es trotz seiner offenbar höchst inter- 
essanten chemischen Eigenschaften noch wenig bekannt ist. In der Tat 
sind seit den Untersucluingen von Nilson imd Cleve, welche nur 
einige wenige Gramm eines niclit einmal ganz reinen, sondern noch 
ytterbiundialtigen ' Scandiumoxydes hergestellt hatten, weitere Arbeiten 
über dieses Element nicht veröffentliclit worden, und zwar wohl aus- 
schließlich wegen des äußerst spärlichen Vorkommens des Scandium, 
ganz abgesehen davon, daß die Verarbeitung der bislier allein l)e- 
kannten, übrigens in nicht sehr großen Mengen vorkommenden und 
teuren scandiumführenden Mineralien: (iadolinit, Yttrotitanit, Euxenit 
nach unökonomischen und unsicheren Methoden (z. B. Nitratabtrei- 
bungen) sehr zeitraubend tnid müliovoll ist. Nacli den Angaben von 
Cleve" und Nn.sON^ entlialten nämlicli die drei soeben erwähnten Mine- 
ralien nuro.ooi — 0.0015 bzw. 0.0005 l'zw. 0.02 Prozent Sc^Oj. Als 
erscliwerender Umstand kommt aber noch hinzu, daß, wie ich fand, die 
Euxenite nicht einmal aller Fundorte Scandium führen, ja daß von 
Gradoliniten nur der von Ytterby scandiumhaltig zu sein scheint. 

War es bei dieser Sachlage bisher durchaus gerechtfertigt, das 
Scandium als eines der allerseltensten Elemente auf der Erde zu lie- 
trachten, so mußte es um so mehr überraschen, daß Scandium außer- 
lialb der Erde in den anderen Himmelskörpern in offenbar reichlicher 
Menge vorkommt. Schon Rowl.vxd konnte Ijei der Identifizierung der 



' ExNER und Haschek liaben bei der Untersuchung der Bogenspektra f.S. 145) 
Yb im .Scandinui von Nii.soN, ich selt)st iui Scandium von Ci.eve einen nicht unnierU- 
hchen Ytterbium- und Tlioriumgelialt gcfuiulen. 

- ("omptes Rendus der Pariser Akademie 89, S. 419. 1879. 

' Berichte der Deutschen chemischen Gesellscliaft 13, S. 1439. 1880. 

Sitzungsbericlite lOOS. 77 



852 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

FEÄUNHOFERSchen Linien des Sonnenspektrums mit Linien bekannter 
irdischer Elemente einige der stärksten Scandiumlinien mit Bestimmt- 
heit, und zwar als kräftige Linien im Sonnenspektrum nachweisen, und 
jetzt hat man alle Linien dieses Elementes, bis auf die schwächsten, 
im Sonnenspektrum mit absoluter Sicherheit aufgefunden. 

Aber nicht nur im Absorptionsspektrum der Sonne, sondern auch 
in dem bei totalen Sonnenfinsternissen nur wenige Sekunden auf- 
blitzenden Emmissionsspektrum der Sonnenatmosphäre (Flashspektrum) 
hat man unter den Linien der wenigen darin vorkommenden Elemente 
auch die stärksten des Scandium erkannt. Es kann daher keinem 
Zweifel unterliegen, daß Scandium in der Sonne relativ reichlich vor- 
handen ist. 

Das gleiche gilt von den Sternen. Beim Ausmessen von Stern- 
spektren Mit es nämlich sofort auf, daß auch in diesen die Scandium- 
linien stark auftreten, und zwar nicht bloß in den der Sonne ähnlichen 
Sternen. Sobald ein Stern in seiner Entwicklung so weit fortgeschritten 
ist, daß die Linienzahl seines Spektrums eine größere wird (Vogels 
Spektralklasse laj), sind auch die Linien des Scandium darunter, und 
zwar meist recht kräftig. Als Beisi)iel führe ich den Stern ä Persei 
an, welcher den Zustand noch nicht erreicht hat, in dem sich unsere 
Sonne befindet. Aber auch in rötlichen Sternen, wie z. B. a Orionis 
und flt Herculis (Klasse III a), welche schon sehr weit das Stadium 
der Sonne überschritten haben, sind die Linien des Scandium noch 
unverändert sichtbar. 

Daß dieser Unterschied in der Zusammensetzung der Sonne und 
Sterne einerseits und der der P^rde anderseits kein tatsächlicher sein 
konnte, schien mir von Anfang an klar zu sein, da sonst ein Wider- 
spruch gegen die kosmogonischen Anschauungen, welche einen gemein- 
samen Ursprung der Himmelskörper annehmen, vorliegen würde. Es 
war vielmehr zu A'ermuten, daß Scandium auch auf der Erde reich- 
licher, wenn auch vielleicht in großer Verdünnung vorkommt und man 
nur noch nicht genügend nach diesem Element gesucht hatte oder es 
bei den Mineralanal_ysen übersehen hatte. Man braucht nur an den 
ganz analogen Fall des Helium zu denken, welches man zwar auf der 
Sonne seit langem kannte, dessen Auffindung auf der Erde aber erst 
sehr viel später den sehr verfeinerten Analysenmethoden zu ver- 
danken ist. 

Ich beschloß daher, als ich 1901 bei der Ausmessung von Stern- 
spektren auf das starke Auftreten der Scandiumlinien aufmerksam 
geworden war, dieser Frage näher zu treten und das Scandium auf 
spektrographischem Wege auf der Erde zu suchen. Da damit zu 
rechnen war, daß dieses Element eventuell in großer Verdünnung in 



G. Eberhard: Über die weite \'erbreitiing des Scandiuin auf der Erde. 853 

den Gesteinen der Erde vorkommen würde, suchte ich mir zunächst 
ein Urteil über die Empfindlichkeit der s^jektralen Reaktion des Scan- 
dium zu bilden, um nicht etwa vergeblich zu arbeiten. Ich habe, 
da mir damals Scandium nicht zur Verfügung stand, nach eingelien- 
der praktischer Beschäftigung mit der Chemie der seltenen Erden zur 
Erledigung dieser Frage eines derjenigen Minerale ausgewählt, von 
dem es bekannt war, daß es Scandium enthielt. Die Oxyde zweier 
verschiedener Yttrotitanite (Nr. 247 und 248) zu je o.i g im Bogen 
verdampft ließen die Hauptlinien des Scandium in gleicher Weise sehr 
stark erkeimen. Diese waren auch dann noch gut sichtbar, nachdem 
ich die Oxyde mit scandiumfreien Yttererden auf ein Zehntel verdünnt 
und von diesem Präparate wieder o.i g verdampft hatte. Da nun 
nach Cleve die Oxyde des Yttrotitanites 0.005 Prozent Sc^Oj ent- 
halten, so ist die spektrale Reaktion des Scandium als eine ganz 
außerordentlich empfindliche zu bezeichnen, selbst wenn die Yttro- 
titanitoxyde eine zehnfach größere Scandiunimenge enthalten, als Cleve 
angibt, was nach meinen Erfahrungen der Fall zu sein scheint. Jeden- 
falls erschien es auf Grund dieser Versuche durchaus aussichtsvoll, 
an eine spektrographische Untersuchung von Mineralien auf Scandium 
heranzutreten. 

Ich verarbeitete zunächst Mineralien, in welchen man nach den 
Untersuchungen von Nilson und Cleve das Vorkommen von Scandium 
voraussetzen konnte, Euxenite (Nr. 214, 217) und Gadolinite (Nr. 226, 
227), ohne aber dieses Element finden zu können. Dies war erst der 
Fall, als ich ein Stück des mir von Dr. Benedicks (Upsala) freundlichst 
zur Verfügung gestellten Gadolinites von Ytterby prüfte, aber es traten 
dabei Umstände auf, die mich befremdeten und mich zu weiteren Un- 
tersuchungen veranlaßten. Nach di-eimaliger Aufschließung des feinst- 
gepulverten Minerals enthielt nämlich der nicht aufschließbare Teil 
noch merkliche Mengen Ton- und Beryllerde', außerdem erschienen 
die Scandiumlinien im Bogen nicht viel schwächer als in dem in 
Lösmig gegangenen Teil, während die Linien der seltenen Erden, 
auch die des Yttrium, schon recht schwach geworden waren. Dieses 
Verhalten des noch nicht aufgeschlossenen Teiles ließ vermuten, daß 
das am Gadolinit anhaftende feldspatähnliche Muttergestein, welches 
ich bei der Verarbeitung des Minerals nicht entfernt hatte und wel- 
ches sich mit Säuren nicht aufschließen läßt, ein Beryll- und scan- 
diumhaltiges Tonerdesilikat sein mußte, denn reiner Gadolinit wäre 
nach den drei erwähnten Prozeduren vollständig aufgeschlossen gewesen. 



' Alle von mir untersuchten Gadolinite enthalten Bervllerde, entgegen den An- 
gaben der Literatur. 



8.)4 Sitzung t!er j)liysik,nliscli-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

Zur Prüfung dieser Vermutung erbat ich von Dr. Benedicks Proben 
von den 3Iuttergesteinen des Ytterbygadolinites, untersuchte in der 
Zwischenzeit aber ein anderes mir zutallig zur Hand befindliches Beryll- 
tonerdesilikat, einen Smaragd (Nr. 25). Er enthielt in der Tat leicht 
nachweisbare Mengen von Scandium, und auch die inzwischen einge- 
troft'enen Gesteine der Ytterbygrube : Feldspat, Glimmer, Glimmer- 
schiefer waren scandiumhaltig, die beiden letzteren sogar in recht 
beträchtlichem Grade. Damit war zum erstenmal der Beweis geführt, 
daß Scandium auch in anderen 31ineralien als in denen der seltenen 
Erden vorhanden sein kann, und gleichzeitig war auch der Weg zur 
weiteren Aufsuchung des Scandium gewiesen. In einer Reihe von 
Beryllmineralien und von Glimmern ließ sich das Vorhandensein dieses 
Elementes konstatieren. Unter den geprüften Glimmern erwies sich 
der Zinnwaldit von Zinnwald im Erzgebirge als besonders scandium- 
reich, und als ich nachsah, ob nicht auch andere Mineralien von Zinn- 
wald scandiumhaltig seien, fand ich in der Tat eine große Anzahl 
als mit diesem Elemente behaftet, unter ihnen die sehr scandium- 
reichen. in großen 31engen vorkommenden: den Zinnstein (SnOJ 
vmd den Wolfram it. 

Weiterhin mußten aber, wenn die Glimmer scandiumhaltig waren, 
auch Gesteine, zu deren wesentlichen Bestandteilen Glimmer (be- 
sonders Biotit) gehört, wie Granit, Gneiß, Glimmerscliiefer usw., 
scandiumhaltig sein. Auch diese Annahme bestcätigte sich, dank der 
außerordentlichen spektralen Empfindlichkeit des Scandium, in den 
weitaus meisten Fällen, und ich war nun noch bestrebt, möglichst 
viele Mineral- und Gesteinsarten von möglichst vielen und verschie- 
denen Fundorten der Erde auf ihren Gehalt an Scandium zu prüfen, 
um eine ausreichende Kenntnis über das Vorkommen dieses bisher so 
seltenen Elementes zu erhalten. 

P.he ich die erhaltenen Resultate anführe, soll zur Technik der 
Versuche folgendes bemerkt werden. Die 31ineralien der seltenen 
Erden, besonders die Titanate, Niobate usw., geben ein so außerordent- 
lich linienreiehes Spektrum, daß sie zur Aufnahme chemisch vorbe- 
arbeitet, d. h. in ihre hauptsächlichsten Bestandteile zerlegt Averden 
mußten'. Es wurde daher zunächst der mit Säuren nicht aufschlielä- 
bare Teil von dem aufschließbaren Teile getrennt, letzterer dann durch 



' Einen Teil der sehr /eitraubenden und mühevollen Aufsclilußarlieiten liat mir 
Hr. I'rof. Dr. R. .1. Meyer (Berlin) in seinem Laboratorium freundlichst ausgeführt. 
Dieser ausy;e7.eichnete Kenner der Chemie der seltenen Erden hat mir häufig auch bei 
der weiteren Verarbeitung der rohen seltenen Erden wertvolle Katscliläge erteilt. Icli 
möchte ihm daher an dieser Stelle meinen verbindlichsten Dank ITiv seine Unter- 
stützung aussprechen. 



G. HIberhard: über die weite Verbreitung des Scandium auf der Erde. 855 

Behandeln mit Oxalsäure in einen durch diese Säure fällbaren und 
einen nicht fällbaren, aber mit Ammoniak fällbaren Teil weiter zer- 
legt. Diese Fällung der übrigbleibenden Laugen mit Ammoniak war 
durchaus nötig, da Scandiumoxalat selbst in schwachen Mineralsäuren, 
wie sie der Aufschluß immer enthält, außerordentlich löslich ist und 
daher stets ein Teil des Scandium bei der Oxalatfällung in den Laugen 
bleibt. Die mit Oxalsäure gefällten seltenen Erden wurden zur An- 
reicherung des Scandium vielfach weiteren Zerlegungen (Fällungen, 
fraktionierten Kristallisationen) unterworfen, worauf aber hier nicht 
näher eingegangen werden soll. 

Wesentlich einfacher gestaltete sich die Vorbereitung der übrigen 
Mineralien und Gesteine. Sie wurden zunächst fein gepulvert und 
dann zur Entfernung der meist reichlichen Gas- und Wassereinschlüsse 
einige Zeit in Porzellantiegeln auf helle Rotglut erhitzt. Unterläßt man 
diese Vorbearbeitung, so zerspringen ungepulverte Stückchen explosions- 
artig und gepulverte zerstäuben, sobald der Bogen angezündet wird. 

Sämtliche Präjjarate wurden, um unter gleichen Bedingungen ent- 
standene Spektra zu erhalten, bei gleicher Stromstärke verdampft, und 
zwar ist eine verhältnismäßig hohe Stromstärke (20 A. bei 120 Volt 
Spannung) gewählt worden, weil einige Mineralien (z. B. Quarz, Zirkon, 
Bauxit usw.) nur bei großen Stromstärken zu reichlichem Verdampfen 
zu bringen sind. Die Verdampfung ist in gewöhnlichen, etwas aus- 
gehöhlten Bogenlampenkohlen erfolgt, da es mir bei Stromstärken 
zwischen 5 und 40 A. nicht gelang, mit den weit reineren Acheson- 
graphitstäben, die mir Ilr. Prof Muthmann (München) freundlichst zur 
Verfügung stellte, einen andern als nur sehr stark zischenden, un- 
ruhigen und leicht abreißenden Bogen zu erzielen. — Für die Auf- 
nahmen selbst sind zwei Maßregeln von so Avesentlicher Bedeutung, 
daß man bei deren Außerachtlassung in den häufigsten Fällen ohne 
Erfolg arbeiten wird. Man muß nämlich erstens reichliche Mengen 
Material (etwa 0.5 g bei meinen Versuchen) verdami^fen, da Scandium 
zumeist nur in äußerst geringem Betrage in den Mineralien vorkommt 
und nur bei Verwendung größerer Materialmengen seine Spektrallinien 
auf den Photographien sichtbar werden. Nun tritt aber beim Ver- 
dampfen von solchen größeren Substanzmengen auf der Bogenkohle 
meist ein ziemlich helles kontinuierliches Spektrum auf, welches die 
schwachen Scandiumlinien völlig überdecken würde. Man muß daher 
weiterhin einen Spektrographen mit recht großer Dispersion für die 
Aufnahmen benutzen, welcher das kontinuierliche Sj^ektrum genügend 
auslöscht. Ich habe die Spektra mit einem der Konkavgitterapparate ^ 



' Zeitschi-ift für Instriimentenkunde 25, S. 371, 1905. 



856 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

des Observatoriums aufgenommen und konnte hierdurch das konti- 
nuierliche Spektrum so gut wie vollständig unterdrücken. 

Die zweite für das Gelingen des Versuches durchaus nötige Be- 
dingung ist die, daß man die in die Bogenkohle gefüllte Substanz 
völlig bis zum Verschwinden aller Spektrallinien verdami>ft, was 
man leicht durch Beobachtung des Bogens mit einem guten Taschen- 
spektroskop konstatieren kann. Das Verdampfen von Gesteinen im 
Bogen entspricht nämlich durcliaus einer fraktionierten Destillierung, 
die Hauptmenge der leiehtest vertlüchtigbaren Bestandteile (z. B. die 
Alkalien) verdampft zu Beginn des Prozesses, während die Haupt- 
menge der schwerst vertlüchtigbaren Bestandteile, zu denen gerade 
das Scandium gehört, erst ganz zum Sclduß verdampft. Würde man 
daher in die Bogenkohlen zwar eine große Menge eines Minerales 
einfüllen, die photographische Aufnahme des Spektrums aber schon 
nach Verdampfen eines kleinen Teiles dieser Substanz beenden, so 
wüi'de man von den schwerst verdampfbaren Elementen (z. B. Sc, 
Zr, Th, Ta), falls sie nicht in sehr großer Menge in dem Mineral 
enthalten sind, keine Andeutung in dem residtierenden Spektrum 
erhalten und zu einer vmrichtigen Anschauung über die Zusammen- 
setzung des betreffenden Minerales kommen. Dieser Fehler ist Avohl 
überaus häufig begangen worden, und er allein dürfte die Schuld 
daran tragen, daß man über das Vorkommen des Scandium auf der 
Erde bisher nichts wußte. 

Nach diesen Vorbemerkungen führe ich die von mir auf Scan- 
dium untersuchten Mineralien und Gesteine an. Die Buchstaben s, 
Is, st bedeuten, daß die stärksten Scandiumlinien eben sichtbar, bzw. 
leicht siclitbar bzw. stark in dem Spektrum der untersuchten Sub- 
stanz auftreten. Y bedeutet, daß sicli seltene Erden konstatieren 
lassen. 



Aiiiplübolit: W'ildschapbach, Schwarzwald . . . . 

Aiidalusilglimnierfels : Schneeberg i. Sachsen . . . 

Andesit : 

Augitandesit, Blidar i. Ungarn 

Hornldendeandesit, Stenzelberg. Siebengebirge 

Apatit: Risöi- i. Norwegen 

Apophyllit: Harzburg i. Harz 

Argyrodit: Freiberg i. Sachsen 

Aj'senkies: Altenberg i. Erzgebirge ■ 

Augit, kristall. : Dann i. d. Eifel 



Is 



' Dieses Mineral enthält neben viel Ivupfer auch \ iel Zinn und eine Spur Silber 



G. Eberhard: Über die weite Verbreitung des Scandium auf der Erde. 857 



Basalt: 

Joachimsthal i. Böhmen 

Nephelinbasalt, Altenberg i. Erzgebirge 

Plagioklasbasalt, ■■ •< » 

Basalttuff (Wacke): Joachimsthal i. Bölimen 

Bauxit : Wochein 

Beryllmiiieralien : 

Beryll, Elba 

Temecula, Riverside Co. Kalifornien 

Sa'tersdalen i. Norwegen 

" Raade i. Norwegen 

Pi>ek i. Böhmen 

" Linioges i. Frankreich 

Pala, Kalifornien (lithiunihaltig) 

HiihneikobI, Rabenstein bei Bodenniais i. Bayern . 

Helsingfors i. Finnland 

!' , bezogen von Merck i. Darnistadt 

Smaragd, ? bezogen von INIerck i. Darmstadt 

" ? Sibirien . . 

Habaclithal, Salzburg 

Aquamarin, Miask, Ural 

Phenakit, Kragerö i. Norwegen 

Chrysoberyll, Minas Geracs, Brasilien 

Muttergestein von Aquamarin Miask 

•• Beryll Stetersdalen 

(Chlorit) von Smaragd Habachthal . . 
» •' (Quarz) von Beryll Helsingfors . . . 

» " (Feldspat) von Beryll Pisek 

» Beryll von Chesterfield, Mass., U. S. A. . 

Bleimineralien : 

Pyromorphit, Cornwall i. England 

Bleiblende, Michelbach bei Altenkirchen i. Westerwald . . 
Bleiglanz, Zinnwald i. Erzgebirge 

Braunspat (in Kontakt mit Pechblende) : Joachimsthal i. Böhmen . 

Bronzit mit Gi'aphit in Gabbro: Radautlial i. Harz 

Cldorit: Zöptau i. Mähren 

Ghloritschiefer : Erdmannsdorf i. Erzgebirge 

Chloritschiefer mit Granat: Gurg!, Ötzthal, Tirol 

Chromeisenstein : Beresowsk, Ural 

Columbit : 

Etfazinnmine, U. S. A 

Moss i. Norwegen 

Cyanit: Greiner i. Tirol 

Diallag: Radauthal i. Harz 

Diorite : 

Glimmerdiorit, Biegeisberg i. Odenwald 

Augitdiorit, Snarum i. Norwegen 

Hornblendediorit, iMüldthal, Eberstadt i. Odenwald . . . 



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858 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 190S. 



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Eisenerze: 

Magiieteisen, Hitleiö i. Norwegen (zwei Exemplare) .... 

Areiidal i. Norwegen 

Tellurisches Eisen von Ovifak i. Grönland 

Eisenglanz, Zinnwald i. Erzgebirge 

Magneteisenerz, Berggießhübl, Zwieseler Erbstolln .... 
Hochofenschlacke 

Eklogit: Eppenreuth i. Fichtelgebirge 

Feldspate : 

Anorthitkristall, Pesmeda i. Tirol 

Mikroklin, Mitchell Co, N. Carolinn, U. .S. A 

Orthoklas, Arendal i. Norwegen 

Oligoklas, Bande i. Norwegen 

Albit, Bamle i. Norwegen 

Labradorit. Labrador, U. S. A 

Feldspat aus der Gadolinitgrube in Hitterö i. Norwegen (zwei 

Exemplare) 

Feldspat aus der Gadolinitgrube in Ytterby i. Schweden (zwei 
Exemplare) 

Fluorit, kristall.; 

Zinnwald i. Erzgebirge 

Sarnthal i. Tirol 

Fruchtschiefer: Tirpersdorf i. Sachsen 

Gabbro: Radauthal i. Harz 

Glimmer : 

Margarit von Naxos 

Paiagonit, Mont Campion, Tessin 

Eisenlithioiiglinimer, Niederpöbel i. Saclisen 

Zinnwaldit, Luxullian, t'ornwall i. England 

> Carrock Fell, Cumberland i. England 

Zinnwald i. Erzgebirge 

Lepidolith, Ro/.na i. Mähren 

Muscovit, Hitterö i. Norwegen 

Easton, Pennsylvanien, U. S. A 

Biotit, Hitterö i. Norwegen 

Miask i. Ural 

(vom Xenotim, von Drossbach bezogen) 

Glinnner aus der Gadolinitgrube von Ytterby i. Schweden 
Rabenglinimer, Altenberg i. Erzgebirge 

Glimmerschiefer : 

St. Michaelis bei Freiberg i. Sachsen 

Johanngeorgenstadt i. Saclisen 

Joachimsthal i. Böhmen 

Freiwald bei Ehrenfriedersdorf i. Sachsen (Zinnerzformation) . 

Ytterby i. Schweden 

Asch i. Böhmen 

Granatglimmerschiefer, Zöptau i. Mähren 

Miask i. Ural 

Gossensaß i. Tirol 

Sericitgliinmerschiefcr, Hallgarten i. Taunus 

Kalkglinnnerschiefer, Brenner i. Tirol 



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G. Eberhard: ÜIjlt die weite Vei breitun"- des ScanJiiim auf der Eide. 851) 



Gneiß : 



Horiiblendegiieiß, Soliapbacli i. Sohwarzwald 

Zweigliimnei'giieiß, Preßiiitz i. Erzgebirge 

Biotitgneiß, gi-aiiatführend. Fußberg i. Spessait 

Kiiizigit, Kinzigtlial i. Scluvarzwald 

Biotitgneiß, Freiberg i. Saclisen 

Grapliitgiieiß, Gadernlieim i. Odenwald 

Hornbleiidegneiß, St. Pierre i. d. Yogesen 

.Sericitgnciß, Fischbacli i. Taumis 

Zweiglininiergneiß, epidoti eicli, Groß-Venediger i. Tirol . . . 
Cordicritgiiciß, granatfülirend, Bodenmais i. Bayern .... 

Muscovitgiieiß, Niedcrpöbel i. Sachsen 

kleinkörnig sclnip])iger grauer Gneiß (oberer Gneiß), Naundorfer 

Sclienke bei lloniiersdorf i. Saclisen 

granitisclikörnigcr Gneiß (unterer Gneiß) Lnuenstein bei Alten- 

bei'g i. Erzgebirge 

glinmierscliieferartiger Gneiß, granatfübreud, Heiniersdorf i. 

Saclisen 



Gneißglimmerscbiefer: Penig i. Sachsen 

Goyazit(?) (von Dr. WEiss-München erhalten), Bi'asilien 



Granat : 



schwarzer, Fundort unbekannt 

Pyrop, 

Granat, Zöptau i. Mähren . . 

Granat, Gurgl, Ützthal i. Tirol 



Granatfels: Berggießhübl, Zwieseler Erbstolln 

Granatglimnierfels: Taubenberg bei Kupferberg i. Böhmen .... 

Granit: 

Zweiglininiergranit, Reuth. Gefrees i. Fichtelgebirge .... 
Kugelgranit, Krötenloch, Schwarzbach i. Riesengebirge . . . 
Honiblendegranit, yttrotitanitführend. Kiesengebirge .... 

Schriftgranit, Hitterö i. Norwegen 

Augitgranit, Carrock Fell, Cuniberland i. England ..... 

Lithiongranit, Greifeiistein i. Erzgebirge 

Turmalingranit, Eibenstock i. Erzgebirge 

Biotitgranit, Brocken i. Harz 

Mikrogranit, Niederpöbel i. Sachsen 

mit beginnender Verzwitterung. Niederpöbel i. 

Sachsen 

Hornblendegranitit, Pajubahti 

Luxullianit, Luxullian, Cornwall i. England 

Stockscheider, Geyer i. Erzgebirge 

Muscovitgranit, Grauer Stein, Glattbach i. Spessart .... 

Granit, Königshain i. Schlesien 

(alter). Grimstad i. Norwegen 

(Frederickshaldgranit), Fundort unbekannt, Norwegen . 

Oberschlema i. Erzgebirge 

» grobkörnig. Joachinisthal i. Böhmen 

" feinkörnig, ■■ ■• •■ 



in Kontakt mit Glinnnerschiefer. Johanngeorgenstadt i. 

Erzgebirge 

Zinnwald i. Erzgebirge (Li- u. Sn-reich) 



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860 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom '2o. Juli 1908. 



Granit : 



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78 

79 
So 



Granit, Altenberg i. Erzgebirge (Li- u. Sn-reicb) 

" Bobritzscb i. Sacliseii 

(Fleylier), Steinbübel bei Grünvvald i. Erzgebirge . . 
grauer leinkörniger, Gleesberg bei Schneeberg i. Erz- 
gebirge 

feinkörniger, VVilzschhaus bei Eibenstock i. Erzgebirge 
Kirchberger Massiv, Burkersdorf i. Erzgebirge . . . 

Karlsbad i. Bölunen 

Bautzen i. Lausitz 

Markersdorf i. Lausitz 

Hauptgraiiit des Eibenstockniassivs, Wilzscbhaus i. Erz- 
gebirge 

roter. Dohna i. Sachsen 

l'einkörnig, Altenberg i. Erzgebirge (Li- u. Sn-arni) 

Loekwitz i. Sachsen 

" grobkörnig, weiß. Dolina i. Sachsen, linkes Talgehänge, 

nahe der Scliloßnn'ilile 

•> niittelkörnig. scliwarz, Dolma i. Sachsen, reclites Tal- 

geiiänge, miterliilb Baluiliof Dohna 

- verzwittert, Markersbacli i. Sachsen. Pfarrbusch (litbium- 

haltig) 

" Tmiualingranit, Gottleuba i. Sachsen ...... 

Riesensteiii bei Meißen 



Greisen, Zinnwald i. Erzgebirge 

Grube Paradies bei .\ltenberg i. Erzgebirge 



Grauitporphyr : 

Beucha bei Leipzig 

Geising bei Altenberg i. Erzgebirge 

Zinuwald i. Erzgebirge 

(normal). Holzhau bei Hernisdorf i. Erzgebirge 

(hornbleiidereich), Holzbau bei Hernisdorf i. Erzgebirge . . 

Granitsyenit: Klostci-lKinser bei Meißen I.Sachsen 

Granulit : Roßweia i. Sachsen 

Kalk, kristalliner: Scliückelshi'ilic bei Hernisdorf i. Erzgebirge . 

Kinnediabas: Biüingen bei .Sclioiien i. Schweden 

Klinoclilor: Prcduzza i. Tirol 

Kokkolith: Areiidal i. Norwegen 

Koppit: Kaiserstulli. Baden 

Krvolitli: Ivi<;tnt i. Grönland 



Kupfererze : 

Kupferglanz, Malachit, Knpferlasur ans Ziiiiiuald i. Erzgebirge 

Kupferwisniutglanz. Niederpöbel i. Sachsen 

Kllpferkie^, Niederpöbel i. Sachsen 

Kupforscliiefer, Mansfeld 

Kupferschlacko (I'llastersteine) 

Lamnontit: Kadautlial i. Harz 

Liparit: Scheiniiitz i. Ungarn 



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G. Eberhard: Über die weite Verbreitung des Scandiuin auf der Erde. 861 



Marmor: Kragerö i. Norwegen 

Melaphyr: Plauen i. Sachsen 

Meteorite : 

Mukerop, Bez. Gibeon, D.S.W. Afrika (1899) 

Brenliam Townstiip, Kiowa Co, Kansas, U. S. A. (1885) . . 
Pultusk 

Molybdänglanz: Niederpöbel i. Sachsen 

Nakrit: Zinnwald !. Erzgebirge 

Nephelin: Katzenbuckel i. Odenwald 

Norit: Hitterö i. Norwegen 

Olivin : 

Dreis i. d. Eifel 

Olivin in Norit, Radauthal i. Harz 

Olivingabbro: Radauthal i. Harz 

Orthoklasporphyr: Altenberg i. Erzgebirge 

Pechstein : 

(schwarz) Götterfelsen bei Äleißen i. Sachsen 

(■■ot) 

Garsebach ■• « .. .. 

Braunsdorf bei Tliarandt i. Sachsen 

Phonolitli: Hammer, önterwiesenthal i. Erzgebirge 

Phyllit: 

Glimmerphyllit, Erdmainisdorf I. Erzgebirge 

Albitphyllit, Hernisdorf i. Erzgebirge 

Quarzphyllit, Sternweg bei Altenberg i. Erzgebirge .... 
Phyllit, granatführender, glininieriger, Steinbruch Silberberg 

bei Hermsdorf i. Erzgebirge 

Phyllit, glinimerig, Schünfeld bei Nassau i. Erzgebirge . . . 
Phyllit, Lößnitz i. Sachsen 

Prehnit, kristall. : Harzburg i. Harz 

Quarz: Zinnwald i. Erzgebirge 

Quarzporphyr : 

normal, Zinnwald i. Erzgebirge 

krisfallreich, zwischen Zwitterbändern, Gnad. Gottes Grube, 

Zinnwald i. Erzgebirge 

normal, Kopfhübel bei Teplitz 

karboniscli, Hermsdorf i. Erzgebirge 

fluidaler, Augustusburg i. Sachsen 

Schwerspat: Zinnwald i. Erzgebirge 

Seltene Erden haltende Mineralien : 

Äschynit, Fundort unbekannt, bezogen von Droszbach . . . 

Euxenit, Arendal i. Norwegen 

Sa'tersdalcn i. Norwegen 

(?), Risör i. Norwegen 

» Fundort unbekainit, bezogen von Drossbacu 
Muttergestein des Euxenits von Sa-tersdalen i. Norwegen . . 
Fergussonit, Fundort unbekannt, bezogen von de Haün . . 



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Sitzung der physikaliscli-inntliematisclieii Classe vom 23. Juli 1908. 



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Seltene Erden haltende Mineralien: 

Fluorcerit, Österby i. Schweden 

Gadolinit, kristall., Hitterö i. Norwegen 

Llano Texas, U. S. A 

Sa^tersdalen i. Norwegen 

Ytterby i. Schweden 

Österby i. Schweden 

Fundort unbekannt, bezogen von Dr. .Sthamer . 

DE Haus 

Gadolinlt-Orthit, Österby i. Schweden 

Monazitsand, brasilianischer, bezogen von Dr. Kuhnheim . . 

" • Dr. IvNÖFl.ER . . . 

nordanierikanischer, bezogen von Dr. Drossbach 
Orthit, Fundort unbekannt, bezogen von Drossbach .... 

Hitterö i. Norwegen 

Arendal i. Norwegen 

Österby i. Schweden 

Polykra.s, krist.ill., Hitterö i. Norwegen 

Samarskit, Fundort unbekannt, bezogen von Drossbach 

DE Hakn . . . 

Thorit, Arendal i. Norwegen 

Hitterö i. Norwegen 

Tsehewkinit. Miask i. Ural 

Xenotiin, Tvedestrand i. Norwegen 

Dattas i. Brasilien 

Fundort unbekannt, bezogen von Drossdach . . . 

Yttrialit, Llano Texas, U. S. A 

Yttrotitanit, Arendal i. Norwegen 

Fundort unbekannt, Norwegen 

» " ■• bezogen von de HaEn . . 

Serj)entin, edler: Snaruni i. Norwegen 

Smaragditfels : Bück Creck. N. Carolina, U. S. A 

Syenit : 

Elaeolithsvenit, Endialvt führend, Magnet Cove, Arkansas, 

U. S. A ■ 

Elaeolithsvenit, normal, Sniedsgaarden i. Schweden .... 

Augitsyenit, Laurvik i. Norwegen 

Glininiersyenit, Wildschapbach i. Schwarzwald 

Augitsyenit, Les Bossons, Chamounix, Frankreich . . . . 

Hornblendesyenit, Ditro i. Siebenbürgen 

Zirkonsyenit, Brevig i. Norwegen 

Syenit, Hartha bei Gauerwitz bei Meißen 

Talkschieter: Zöptau i. M.ihren 

Tantalit: Fundort unbekannt 

Tonschiefer, untersilurischer : Berggießhübl i. Sachsen, Zwieseler Erb- 
stolln 

Thulit: Arendal i. Norwegen 

Titanerze : 

llnienorntil (?), Sa^tersdalen i. Norwegen 

Kutil, aus brasilianischem Goldsand, Fundort unbekannt . . 



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G. Eberhard: Über die weite Verbreitung des Scandium auf der Erde. 86H 



Titanerze : 

Rutil, Fundort unbekannt 

Titaneisen, Fundort unbekannt 

Titanfavas, Brasilien, Fundort unbekannt 

Titanit, kristall., Fundort unbekannt 

Topas (Pyknit) : 

Zinnwald i. Erzgebirge 

Niederpöbel i. Sachsen 

Topasfels: Schneckenstein i. Erzgebirge 

Trachyt: Drachenfels I. Siebengebirge 

Turnialin: Kragerö i. Norwegen 

Uranerze : 

Bröggerit, Raade i. Norwegen 

Cleveit von Moß und Arendal i. Norwegen 

• Tvedestrand i. Norwegen 

Pechblende von .loachinisthal (leichtest lösliche Fraktion der 
Doppelnitrate der seltenen Erden, erhalten von Dr. Feit- 

Vienenburg) 

Uranerz, Arendal i. Norwegen 

Vanadinit : 

Fundort unbekannt, Nordamerika 

Muttergestein des Vanadinits, Nordamerika 

Vulkanische Produkte: 

Asche des Vesuv, 1870? 

Lava des Vesuv, Resina 1860 

Lavabonibe des Vesuv, 1872 

Wavellit : Cerhovic i. Böhmen 

Wismuterze : 

Gedieg. Wismut, Altenl)erg i. Erzgebirge 

Wisinutocker, Zinnwald i. Erzgebirge 

Kupferwismutglanz, Niederpöbel i. Sachsen 

Gedieg. Wismut, Johanngeorgenstadt i. Sachsen 

Wismutocker, » » « „ 

Wolframerze : 

Ferberit (?) Fundort unbekannt, Australien, bezogen von 

DE HaÜN 

Scheelit, Neuseeland, Australien 

Scheelit, kristall., Zinnwald i. Erzgebirge 

Stolzit, kristall., - ■• « 

Wolframit: Connecticut, U. S. A 

Zinnwald i. Erzgebirge, Vereinigt Zwitterfeld Fund- 
grube 

Wolframit: Niederpöbel i. Sachsen 

Manganowolfraniit: Niederpöbel i. Sachsen 

Wolframit : Schlaggenwald i. Böhmen 

Fundort unbekannt, England, bezogen von de Haün 

Colorado, U. S. A 

Carn Brea, Cornwall, England 

Zimiwald i. Erzgebirge, Gnade Gottes Grube . . 

Altenberg i. Erzgebirge 



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804 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 23. Juli 1908. 



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Wolframerze : 

AVolframit von Malakka 

Muttergestein des ^^'olframites \on Colorado 

Wolframocker: Zinnwald i. Erzgebirge 

Zinkerze : 

Zinkblende von Bensberg 

in Pyroxenfels, Gelbe Birke bei Schwai-zenberg i. 

Sachsen 

Zinkblende, Michelbach bei Altenkirchen i. Westerwald . . . 
, kristall., Michelbach bei Altenkirchen i. Westei"wald 

Marniatit, Freiberg i. Sachsen 

Willemit, New Jersey 

Kieselzinkerz Laurion i. Griechenland 

Zinkspat, Bieberwier i. Tirol 

Zinkit, New Jersey 

Franklinit, New Jersey 

Strahlenblende, Przibrann 

Zinkblende, Zinnwald i. Erzgebirge 

Zinnerze : 

Zinnstein, Geyer i. Erzgebirge 

, kristall., Zinnwald i. Erzgebirge, Vereinigt Zwitter- 
feld Fundgrube 

Zinnstein, derb, Ziniiwald i. Erzgebirge. Gnade Gottes Grube 
, pulverig, im Kontakt mit Muttergestein, Zinnwald i. 

Erzgebirge 

Zinnstein, Altenberg i. Erzgebiige 

, kristall., Niederpöbel i. Sachsen 

Zinnkies, St. Agnes, Cornwall i. England 

Frankeit, Poopo i. Bolivia 

Kylindrit, ... (enthält Germanium) 

Holzzinn, Chorolque i. Bolivia 

Zinnerz, Chayanta - « 

, Tazna ■ - 

i. Hornblende, St. Christoph bei Breitenbnuin i. Sachsen 
, Freiwald bei Ehrenfriedersdorf i. Sachsen . . . . 

Nadelzinn, St. Agnes, Cornwall i. England 

Holzzinn, .» . . . 

Zinnerz, Viktoria, Australien 

, Banka auf Sumatra 

, Oruro i. Bolivia 



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Schlaa^enwald i. Böhmen 



, Rebordoza, Portugal 

Zinnsand, Fundort unbekannt. Frankreich 

, Tasmania i. Australien 

Zinnerz, St. Mauritius zu Abertham i. Erzgebirge, I. Probe 
. , . . . . . . ,11. . 

i. Topas, St. Mauritius zu Abertham i. Erzgebirge . i 

Zinnstein, kristall., Kulm i. Böhmen 1 

Zwitter, grau, Altenberg i. Erzgebirge (Li- u. Sn-reich) . . j 
grün, Altenberg i. Ei-zgebirge (Li- u. Sn-arni) . . . | 
(aus Quarzporphyr entstanden), Zinnwald i. Erzgebirge 
» (mit 1-5 Prozent Zinn), Niedeqiöbel i. Sachsen . . . I 
Zinnschlacke, Zinnwald i. Erzgebirae 



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G. Eberhard: Über die weite Verbreitung des Scandiuin auf der Erde. 865 



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Zinnerze: 

Zinnraffinieiuiigsrückstand. Ziiinwald i. Erzgebirge 

Zinn, Zinnwald i. Erzgebirge 

Zirkonerze; 

Zirkonoxydmineral, Brasilien (von Dr. Weiss, München, erlialten) 
Zirkonfavas, Brasilien (von Dr. Weiss. Mrinclien, erhalten) . 

Malakon, Hitterö i. Norwegen 

Baddeleyit, Brasilien (von Dr. Weiss, Mnnclien, erhalten) . . 

Wölilerit, Laiigesundijord i. Norwegen 

Katapleit, ■• •■ •• 

Hyazinth, Exj)ailly, Frankreich 

Eudialyt, Grünland 

Alvit, Ryfylke i. Norwegen 

" , Arendal » - 

Zirkon, Ceylon 

- , Ural 

, Brevig i. Norwegen 

, Connecticut, U. S. A 



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Das Hauptergebnis der in der Tabelle mitgeteilten Einzelresultate 
ist die überraschende Tatsache des allgemeinen Vorkommens des 
Scandium auf der Erde. In fast allen Gesteinen, aus denen die 
Gebirge der Erde oder besser die Hauptteile der Erdkruste selbst 
gebildet sind, ist Scandium erkennbar, es ist kein seltenes Element 
mehr, sondern hat vielmehr die allerweiteste und größte Verbreitung 
ebenso wie nur eine kleine Zahl der ü])rigen bekannten Elemente. 
Ich bin der Überzeugung, daß man es auch in den Gesteinen, in 
welchen ich es nicht fand, finden würde, wenn man nur größere 
Mengen Material im Bogen verdampfen mirde, als ich es getan habe. 

Durch diesen Nachweis der allgemeinen Verbreitung des Scan- 
dium auf der Erde ist es nun nicht mehr befremdlich, sondei-n durch- 
aus natürlich, daß Scandium überall in den Sternen und der Sonne 
zu linden ist. 

Als von Interesse mag noch erwähnt werden, daß der Meteor- 
stein von Pultusk, welcher gewissemiaßen einen Übergang von der 
Erde zu den Gestirnen herstellt, einen kleineren Scandiumgehalt hat 
als die meisten von mir untersuchten Gesteine der Erde. 

An dieses Ilauptergebnis schließen sich weitere an. So folgt 
zunächst, daß, wie vorauszusehen war, unter den zur Zeit bekannten 
Mineralien sich ein eigentliches Scandiumerz, d. h. ein Mineral, welches 
Scandium als wesentlichen, nicht bloß akzessorischen Bestandteil führt, 
von mir nicht gefunden worden ist. Dagegen ergibt sich, daß Scan- 
dium in recht vielen Mineralien AMjrkommen kann, wenn auch nicht 
vorzukommen braucht. Diejenigen, in denen Scandium am häufig- 
sten anzutreffen ist, sind die Zirkonmineralien, BervUe, die Titanate, 



866 Sitzung der pliysikalisch-matliematischen Classe vom 23. Juli 1908. 

Niobate und Titanoniobate der seltenen Erden, dei-, Zinnstein, die 
Wolframerze und die Glimmer. Die Menge des Scandium in diesen 
Mineralien ist eine in weiten Grenzen schwankende, mit wenigen 
Ausnahmen aber stets eine so äußerst kleine, daß chemische Analysen 
wohl kaum dieses Element erkennen lassen werden. 

Die scandiumreichsten, rcichlicli vorkommenden Mineralien sind 
einige Euxenite und Yttrotitanite, der Glimmer der Ytterbygrube, der 
Zinnstein und der Wolfram it von Zinnwald im Erzgebirge. Das letzt- 
genannte Mineral enthält nacli einer ([uantitativen, von mir spektro- 
graphisch geprüften Analyse von Prof. R. J. Meyer etwa 0.2 Prozent 
SCjOj, also einen Betrag, der den der Euxenite und Yttrotitanite um 
mindestens das Zehnfache übertrifft, so daß der Gewinnung größerer 
3Iengen dieses Elementes nichts mehr im Wege steht. Irgendeine 
Gesetzmäßigkeit über das Vorkommen des Scandium in den Mineralien 
ließ sich nicht auffinden. Bei der Untersuchung eines größeren Gang- 
stückes von Hitterö, welches aus Feldspat, Quarz, Biotit, Eisenerz, 
Orthit, Gadolinit, 3Ialakon, Thorit bestand, fand sich Scandium im 
Biotit und ]\lalakon, nicht aber in dem seltene Erden enthaltenden 
Orthit, Gadolinit, Thorit, wo man es nach der bisherigen Kenntnis 
der Eigenschaften dieses Elementes hätte erwarten müssen. 

Auch für das Vorkommen des Scandium in den Gesteinen ist 
keinerlei Gesetzmäßigkeit erkennl)ar. Es ist in Gesteinen aller mög- 
lichen chemischen Zusammensetzung und petrographischen Beschaffen- 
heit zu finden. Auch hier ist der Gelialt an Scandium erheblichen 
Schwankungen unterworfen, aber stets ein äußerst geringer. In eini- 
gen Fällen scheint derselbe der 31enge des Glimmers proportional zu 
sein, welcher zu den wesentliche!! Bestandteilen des Gesteins gehört. 
Dies ist z. B. bei vielen Graniten der Fall. Andrerseits haben aber 
einige Glimmerschiefer nicht so viel Scandium, als man danach erwarten 
müßte, und sind in dem Glimmerschiefer Granate ausgeschieden, so 
ist der Glimmerschiefer scandiumfrei geworden und die ganze Scan- 
diummenge in die Granate übergegangen. 

Die weite geographische Verbreitung der scandiumlialtigen 3Iine- 
ralien und Gesteine weist schon darauf hin, daß auch keine Gesetz- 
mäßigkeit für das Vorkommen des Scandium in geologischer Bezie- 
hung vorhanden ist. In der Tat ist es für das Vorkommen dieses 
Elementes gleichgültig, ob die Gesteine sedimentären, plutonischen 
oder vulkanischen Ursprungs sind und ob ihre Bikluug schon vor 
Beginn der historischen Geologie (archäische Gesteine) oder in der 
Jetztzeit (Vesuvlava) stattfand. Es sind in der oben gegebenen Tabelle 
Gesteine enthalten, deren Bildung in die allerverschiedensten geolo- 
gischen Zeitperioden fällt, olme daß in bezug auf das Scandium irgend- 



Ci. Ekeüiiard: Über die weite Verbreitung des Scandiuni auf der Erde. 8()7 

ein Unterschied siclitbar Aväre. Auch geologische Prozesse, wie endo- 
gene (Nr. 131) und exogene (Nr. 2, 117, 70) Kontaktmetaniorphose, Im- 
prägnationsinetamorphose, Pneumatolyse, sind ohne jeden erkennbaren 
Einfluß auf das Vorkommen dieses interessanten Elementes. Das gleiche 
gilt von der Nachbarschaft radioaktiver Mineralien, wie die Untersu- 
chung der Mineralien und Gesteine von Joachimsthal und Johann- 
georgenstadt beweist. Alle diese negativen Ergebnisse bei der Auf- 
suchung von Gesetzmäßigkeiten des Vorkommens von Scandium so- 
wohl in mineralogischer wie in geologischer Beziehung weisen wieder- 
um darauf hin, daß Scandium eben ein überaus allgemein auf der 
Erde verbreitetes Element sein muß, etwa wie das Eisen, Avelches man 
auch überall findet. Es mag nebenbei hier bemerkt werden, daß auch 
die Verbreitung der seltenen Erden eine durchaus allgemeine zu sein 
scheint. Ich habe bei der vorliegenden Untersuchung auf das Vorkommen 
diesen- Elemente geachtet und habe, da Lanthan und Yttrium eine sehr 
große spektrale Empfindlichkeit haben, ungemein häufig das Auftreten 
der seltenen Erden, und zwar meist zusammen mit Scandium, konsta- 
tiert. Letzteres Element kann aber auch ohne Begleitung der seltenen 
Erden vorkommen (Nr. 9, 15, 23, 24, 25, 26, 49. 328, 334, 341), und 
dies ist vielleicht eine Stütze für die Ansicht von Ukbain, daß Scandium 
nicht zu den seltenen Erden zu rechnen sei. Ein Hauptcharakteristikum 
für diese Elemente ist nämlich, daß sie immer zu mehreren gleich- 
zeitig, wenn auch in wechselnden relativen Mengen vorhanden sind. 
Es ist kein Fall bekannt, wo eines der Elemente dieser Gruppe allein 
ohne Begleitung wenigstens einiger der anderen vorkommt, wie es 
tatsächlich beim Scandium der Fall ist. 

Nachdem durch die vorliegende Arbeit ermöglicht worden ist, 
gröläere Mengen Scandium zu gewinnen, ist zu hoflen, daf5 dieses 
Element einer eingehenden chemischen und besonders physikalisch- 
chemischen Untersuchung unterzogen wird'. Ich habe mich im Ver- 
laufe der chemischen Vorarbeiten für die vorliegende Untersuchung 
wiederholt überzeugt, daß die chemischen Eigenschaften des Scan- 
dium nur reclit unsicher bekannt sind und das Scandium viele Re- 
aktionen haben nniß, die bisher überhaupt noch unbekannt sind. 

Dem Vorkonnnen reichlicherer Mengen von Scandium in und um 
Zinnwald im Erzgebirge habe ich eine weitere Untersuchung gewid- 
met, die reclit interessante Resultate geologischen wie auch allgemei- 
neren Inhaltes ergeben hat. Diese Untersuchung kann aber erst dann 
beendet werden, wenn ich an Ort und Stelle eine große Reihe von 



1 Diese Untersuchung ist inzwischen von Prof. R. .T. Meyer mit großem Erfolg 
in Angriff gent)mmen worden. 

Sitzungsberichte 1908. 78 



8(i8 Sitzung dei' physikalisch-matheinntischcn Classe vom 23. Juli 1908. 

Gesteinen und Mineralien habe einsammeln können, die ich bi.sber 
niclit linbe erwerben können. Daher soll die Publikation der bereits 
erhaltenen Resultate bis zum definitiven Absclduß verschoben werden. 
Die Ausluhrung der vorliegenden Untersuchung ist mir seitens 
meines leider verstorbenen Chefs, des Geheinirats Vogel, durcli Ge- 
währung reichlicher Mittel zur Beschaftimg des Versuchsmaterials so- 
wie seitens des Hrn. Geh. Bergrats Prof. Dr. H. Crednek (Leijizig) und 
des Hrn. Dr. G. Benedicks (Upsala) durch Überlassung einiger für meine 
Arbeit besonders wichtiger Gesteine und Mineralien ermöglicht worden. 
Ihnen allen spreche ich meinen wärmsten Dank aus'. 



■ Während des Dniclves der vorliej!;enden Arbeit ist mir eine Note (Proc. Royal 
Society, London 80, S. 516) von Sir W. Crooke-s bekanntgeworden, welcher kürzlicli 
aus dem sehr seltenen Mineral Wiikit Scandium hergestellt hat. 



Ausgegeben am 30. Juli. 



Kerliii , gedruckt in der Kfiolisdnirkeri 



55B5HSH5a5H5HSH5B5HSH5H5H5a: 



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1908. 



XXXIX. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCI-IEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



Gesaiunit«>i(ziiiii;; am 30. Juli. (S. 860) 

Orth: Über Resorption körperlicher Elemente im Darm, mit besonderer Berücksichtigung der 

Tuberkelbacillen. (ü. H7I) 
A. S. Yahuda: CJber die Unechtlieit des samaritanischen Josuabuches. (S. 887) 

E. SiEO und W. Sieoung: Tocharisch, die Sprache der Indoskythen (hierzu Taf. X). (S. 91.')) 

F. KÖTTun: Über die Torsion des Winkeleisens. (S. 9.'!5) 

Ekman und U. .Scmäfkh : Der angebliche ägyptische Bericht über die Umschittung Afi'ikas. (S. 9.")6) 
Pischkl: Die Tui'tan-Receiisionen des Dhammapada (hierzu Taf. XI). (S. 968) 



MIT TAFEL X und XI. 



BERLIN 1908. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN CÜMMISSION BEI GEORG IIEIMKR. 



Aus deiL Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 



Aus J 1. 

Die Ak.iilomie ffibt jjcmSss § 4 1 , 1 «Irr St-ntiitcn iwci 
roitlaiuVuilc VeröffemlicliHnijeii heraus: •Sitzniii^lKTicht« 
der Kiinisrlirli l'ieiissiselieu Akailrmie ileiWisseiisohulten' 
iiiiil • Abliaiulluiiseti «ler Kfiniglieh Prcussischcn Akademie 
•1er Wissenseli.illeu". 

Aus § 2. 

JeJe zur AutnMune in <lie • Silzungsberielite • oder die 
• Abli.iudlunsen" bestiaintte Mittheihuis; nuiss in einer aka- 
deinisolien Siiiung vorsrelej^t "er<leii. wobei in der Kesrel 
«las tliuekt'eitige Mauuseript zugleieh einzuliefern ist. Nieht- 
ntitjjlicder Ilaben hierzu die Vermitielun^ eines ihrem 
Faelie aiiitehörenden oiilentlicheii Mili:lieiles tu hennUen. 
§ 3. 

Der rmfaiig einer aut'zunrbniemlen Miitlirilunt^ soll 
in der Reisel in den Siii;nn,?sherieliten bei Mitgliedern 32, 
bei Niclinnitjtliederu lO Seiten in der s;e\v>"ihnliehen Sehrilt 
der SitiuiigsberielUe^ in den Abhaudlunsren 12 Drnekbojen 
>on je S Seiten in der irewiSbulichen Sehrilt der Abhiuul- 
hin?rii niebt übersteiyn. 

l bersehreituns: dieser tirenien ist luir mit Zustiinnuing 
der liesanunt-Akademie oder der betreffenden Tlasse statt- 
hilt. «ml ist bei Vorlasre der Mittbeilung nnsdrüeklieh zu 
beantraiien. Lässt der l'unaus; eines Manuseripts vcj-- 
unitlieiK dass diese Zustimnunnr ert'onlerlieh sein werde, 
so hat das vorlejjende Mitjrlied es vor dem Kinreielieti 
von saebkundiiier Seite auf seinen unithuiassliehen l'mlaujj 
im Druek abschätzen zu lassen. 

§ ■»• 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen int Text oder 
auf besonderen Tafeln beiges;eben wei\len, so sind die 
\'orlas!en dalTir (Zeiehn<lnp^n, photosrapliische C^rijinal- 
aufnahmen u. s. w.) s;leiehzeitip mit dem Mauuseript, je<loeh 
auf sietrcnnten ülältern, einzureieheu. 

Die Kosten der Herstellunsr der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Siiul diese Kosten 
abci- auf einen erbeblidien Betrai; zu vrransehlagen, so 
kamt die Akademie dazu eine Bewilligunir besehliessen. Ein 
d.arauf serielileter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem sebriftlicben Kosten.titsehlage 
eines Saehverst.indigett ati deji vorsiizeiulen Secretar zti 
riehteu. d:iun zuiiSehst im Seeretariat vorzuberathen und 
weiter in der liesamutt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten tler \'erviell*Kltigtn»g überninunt die Aka- 
demie. Vher die voraussiebtUehe Höhe dieser Kosten 
ist — weim es sieh uielit um wenige eiufaehe Textttguren 
bandelt — der Kostenansehlag eines Saehverstäuvligen 
beizulügen. l berschreiiet dieser Ansehl.ag iTir die ei^ 
forderliehe Aullage bei den Sitzungsberiehten 150 Mark, 
bei den .\bh,\ndluugeu 300 Mark, so ist Vorberathtmg 
dnivh dns Seeretariat gebi>ten. 
Aus J 5 

N a e h der Vorlegung und Ei n r e i e h u n g d e s 
vollstäiidiaroii lirufkIVrIia:«"!! Manuseripts an den 
zuständigen Seeretar oder an den Arehivar 
wird über .\ufnahme der Mittbeilung in die .akadeuiisrhen 
Sehrilten, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verhängt, veixleekt abgestiunnt. 

Mittheilungen von Verfassern, welche niebt Mitglieder 
tler .\kadetuie sind, sollen der Kegel naeh nur in tlie 
Sitiun»sberiehte aufgenommen wenien. Be-seldiesst eine 
t'l.isse die .\ufuahme der Mittbeilung eiiu-s Niehtmitgliedes 
in die dazu bestimmte Abtheilnng der • .\bhRndlunccn«, 
so bedarf dieser Besehluss der Restätiguni: durch liie 
l!es.ammt-.\kadeniie. 

( Fortsetiiuig .auf S. 3 



Aus § 0. 

Die an die Druckerei abzuliefernden Mamiseriptc müssr , . 
weim es sieb nicht bloss um glatten Text handelt, 
reichende .Vuweisnngcn lür die Anonlnuiig des Sa 
und die Wald der Schriften enthalten. Hei Einseudm 
Fremder sintl diese Anweisungen von ilem vorlege; 
Miiglietle vt)r Einreiehuug des Manuseripts vorzimeh: 
Dasselbe bat sich zu vergewissern, dass der Veria- 
scine Mittheilung .als vollkommen ilrnckreif ansieht 

Die erste rorreetur ihrer Mittheiluugen besoiTren 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetur an 
vorlegende Mitgliei! einzusenden. Die Correetur soll i 
Möglichkeit nicht über die Heriebtignng von DrucktVl'. 
luid leichten Sehrcibverschen hinausgehen, rml^ngl 
Correeturru Fremder bedflrfen dt r tJenehmignng des i. .. 
gireuden Seeret.\rs vor der Einsendung an die Druckeni, 
un<l liie Verfasser sind zur Tiaginig iler entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. , 
Aus § S. 

Von allen in die Sitzungsberichte oder Abbandhii _ 
»ufgenoiunu'nen wissenschaftlieben Mitlheiluugeu. Re.;> 
Adressen oder Berichten werden lür die Verlasser, von 
wissensebafilichen Miltheilungcn. wenn deren Viufang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch lurdcn Buchhandel Sonder- 
abdrucke hergestellt, die alsbald naeh Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden. 

A'ontJedäebtnissreden wertien ebenfallsSonderabdriu'ke 
lür den Buehli.andel hergestellt, iudess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrfleklieh damit einverstanden erkl.iien. 
§ 9. 

Voi» den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten 
erh.ält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertbcilung ohne weiteres 50 Frei- 
cjteinplare; er ist iudess hei-echtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur ZalU 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Z-alil von 200 (im ganzen .also 350) abziehen zu lassen, 
solern er diess rechtzeitig tlem redigirenden Secret.\r .\n- 
gezeigt bat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abilrueke zur Vertlieilnug zu erhalten, so beilarf es dazu 
der lienehmigung der ttes-ammt- Akademie oder der be- 
treffenden l'lasse. — Niehtmitglieder erhalten 50 Frei- 
exemplare inul dürfen naeh rechtzeitiger Anzeige bei ilem 
redigirenden Seeretar weitere 200 Exemplare .auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

Von den Sonderabdrucken aus den Abb.and)iu)gen er- 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Ak.ademie ist, 
zu luu'iugeltlieher Vertheihnig ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitoiv Exemphu'C bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seiiu» Kosten noch weitere bis 
zur Z.alil von 100 lim g.anzen -•Uso 230) .^bzichen zu lassen, 
sofern er die.ss rtvhtzeitig dem ivdigireudeu Seeretar .an- 
gezeigt h.it; wünscht er .auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es d.azu 
der Genehmigung der Ges.ammt-.\k.ademie oder dej- be- 
treffenden Olasse. — Nichtmitglieder erhalten 30 Frei- 
cxcmphare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Seeretar weitere 100 ExempKare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

§ i:. 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliche Mittbeilung darf 
in keinem Falle vor ihrer .\ u s g a b e an jener 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 
des Umschhags.) 



869 

SITZUNGSBERICHTE um. 

XXXIX. 



DER 



KÖNIGLICH PFvEUSSISCIIEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



iiü. Juli. Gesammtsitzung. 



Vorsitzender Secretar: Ilr. Vahlen. 

1. Ilr. Orth spracli über Resorption körperlicher Elemente 
im Darm mit besonderer Berücksichtigung der Tuberkel- 
bacillen. 

Kr berichtet über Bliitresorption aus dem Dickdarm beim Menschen und experi- 
mentelle Bestätigung dieser UeobaclitunKen bei Thieren. Ferner gibt er eine Übersicht 
über die Resultate einer grösseren Versuchsreihe, welche die Frage der Resor])ti()n 
von Tuberkelbacillen aus dem Darm und die enterogene Entstehung von Tuberkulose, 
insbesondei'e von Lungentuljerkiilose, /,uui Gegenstand hatte. Diese Untersuchungen 
hat er /.usammen mit Fr. Dr. LvniA IlAiuNovvrrscn angestellt. 

2. Ilr. Meyer legte im Auftrage des auswärtigen Mitglieds Hrn. 
NöLDEKE eiu(!n Aufsatz des Hrn. Dr. Yaiiuda »Über die Unechtheit 
des samaritanischen Josuabuches« vor. 

Es wird ge/.eigt, dass die Zusätze /.lun massoretischen Text, welche das von 
Hrn. Gaster veröflentlichte sariiaritanische .losuabuch enthält, sehr späten Ursprungs 
und eine von Fehlern wiuunelnde Übersetzung ins Hebräische aus arabischen V^orlagen 
sind, das neugefundene Huch somit sowohl historisch wie textkritisch werthlos ist. 

3. Hr. K. ScuwAKTZ in (iöttingen, correspondirendes Mitglied, 
übersendet: «Zur Geschichte des Athanasius VII.« (Sonderabdruck aus 
den Nachrichten der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu 
Göttingen. Pliilologisch-historische Cla.sse 1908), worin auf die Ab- 
handlung des Hrn. Harnack »Die angebliche Synode von Antiochia 
im Jahre 324/5« (Sitzungsberichte 1908, 8.4770'.) entgegnet ist. 

4. Hr. Koser überreichte seine Veröffentlichung »Staat und Gesell- 
schaft zur Höhezeit des Absolutismus, 1648 — 1789« (aus »Die Kultur 
der Gegenwart«, herausgegeben von P. Hinneberg); Hr. Pi-anok die 
zweite Auflage seines Werkes »Das Prinzip der Erhaltung der Energie«. 
Leipzig und Berlin 1908. 

Sitzungsberichte 1908. 79 



870 Gesamintsitziing vom 30. Juli 1908. 

5. Folgende Druckschriften, zu deren Bearbeitung die Akademie 
Unterstützungen bewilligt hat, wurden vorgelegt : F. Keibel und C. Elze, 
Normentafel zur Entwicklungsgeschichte des Menschen. Jena 1908 
und H. FiNKE, Acta Aragonensia. Bd. i. 2. Berlin und Leipzig 1908. 

6. Die Akademie hat durch ihre physikalisch-mathematische C'lasse 
als Beitrag zu den Kosten einer von dem Cartell der deutschen Aka- 
demien zu veranstaltenden Ausgabe der gesammelten Schriften Ludwig 
Boltzmann's 1000 Mark bewilligt. 



Orth: Resorption körperlicher Elemente im Darm. 871 



Über Resorption körperlicher Elemente im 

Darm, mit besonderer Berücksichtigung der 

Tuberkelbacillen. 

Von J. Orth. 

(Unter teil weiser Mitarbeit von Dr. Lydia RABiNowrrscii.) 



Uie Frage der Resorption körperlicher Elemente im Darm- 
kanal hat schon seit langer Zeit Physiologen und Pathologen be- 
schäftigt. Bei den Physiologen war es besonders die Frage der Fett- 
resorption, welche verschiedene Beantwortung erfuhr, indem die einen 
annahmen, das Fett werde in J]mulsion, d.h. als Aufschwemmung klein- 
ster Fettröpfchen, unmittelbar von der Darmschleimhaut aufgenommen, 
Wcährend andere behaupteten, erst gehe das Fett durch Vei-seifung in 
Lösung und werde dann im gelösten Zustande aufgesogen. In neuester 
Zeit scheint die letzte Anschauung die Oberhand zu gewinnen, aber 
in der Form, daß es sich nicht um rein osmotische Vorgänge handelt, 
sondern daß eine aktive Tätigkeit der Darmepithelien dabei eine Rolle 
spielt. 

Was die Bakterien betrifft, so sind vor allem die zwei Fragen 
erörtert worden, ob unter normalen Verhältnissen ein Übertritt von 
Bakterien aus dem Darmkanal in die Lymph- oder Blutgefäße statt- 
lindet, und ob ein solcher Übertritt bei Überschwemmung der Darm- 
höhle mit Bakterien statthat. In bezug auf den ersten Punkt hatten 
NocARD und Kaufmann angegeben, daß bei Hunden regelmäßig ein 
Übertritt von Darmbakterien während der Verdauung stattfinde, De- 
souBY und PoECHER hatten dagegen nur bei fettreicher Kost einen 
reichlichen Übertritt beobachtet, bei fettarmer dagegen sowohl den 
Ohylus als auch die Mesenterialdi'üsen stets keimfrei gefunden. Eine 
Nachprüfung dieser Angaben durch M. Neissee und durch Opitz hat 
aber ein völlig negatives Resultat gehabt, sowohl in bezug auf die 
Resorption durch Lymphgefäße (Mesenterialdrüsen) als auch in bezug 
auf den Übertritt ins Blut (Organe). In bezug auf die Resorption von 
Bakterien bei Überschwemmung des Darmes sind gleichfalls die Unter- 
Sitzungsberichte 1908. 80 



872 Oesaminlsiteung vom 30. Juli 1908. 

siielier zu verschiedenen Kesultaten gekonnnen : auf jeden Fall ist be- 
wiesen, daß auch dann nicht notwendis; eine Kesorption von Bakterien 
statthat. Paß aber eine solche überhaupt stattliaben kann, beweisen 
uns die Krankheitslalle, bei welchen zweifellos eine Infektion des Ge- 
samtköi'pers vom D;u-mkanal aus ent.standen ist: ein Dm-chtritt von 
Bakterien ist möglich, aber er ist ein elektiver: nur bestimmte Bak- 
terien weixien i-esorbiert. Einen Beweis tur die Mösjlichkeit der Re- 
sorption von Bakterien duix'h die unveränderte Darmwand geben aber 
auch diese Beobachtungen nicht, denn es könnte der Yoi-gang dabei 
so sein, daß erst eine Erkrankung des Darmes entsteht und dann ei-st 
von den erkrankten Stellen aus der Eintritt der Bakterien in Lymphe 
bzw. Blut erfolgt. Ein derartiger Übertritt bei erkranktem Darm ist 
uns ganz geläultg: es gibt aber anatomische und experimentelle Be- 
obachtungen, welche tui- den Durchtritt gewisser Bakterien durch die 
(wenigstens makixiskopisch) intakte Darmwand sprechen. Ich komme 
darauf nachher noch zurück, nachdem ich noch die Resorption einer 
dritten Gruppe von festen Körpern besprodien habe, von (im Sinne 
von selbständigen Lebewesen) nicht belebten Fremdkörpern, 
mögen sie nvm von außen oder aus dem Körper selbst stanmien. Von 
einzelnen Untersuchern (z. B. Wassh.it:ff und Ki.fdiann) ist angegeben 
worden, daß Kohlenstaub, Tusche. Karminkörnclien aus dem Darm 
resorbiert wenlen könnten: andere haben dies geleugnet. In jüngster 
Zeit ist insbesondere die Frage nach der Resorption von Kohlen- 
staub lebhatT diskutiert worden, seit C.\lmktte und seine Schüler 
behauptet haben, die Kohle, welche die Anthraeosis pulmonmu be- 
TNTrkt, sei intestinalen LTrsprungs und das Paradigma liir den inte- 
stinalen Ursprmig der Lmigentuberkulose. 

Für die Lmigenanthrakose ist von allen Seiten der intestinale 
Ursprung zurückgewiesen worden : auch in meinem Institut ist durch 
meinen Pi-osektor, Hrn. Dr. Bfjtzke, auf Grund von Experimenten dieses 
s:eschehen. Das schließt natürlich nicht aus, ilaß doch auch vom Darm- 
kanal aus eine gewisse Resorption solcher feinsten Körperchen statt- 
haben könnte: ich selbst vermag indessen aus eigener Wissensdiaft 
djurüber nichts zu sagen. Wohl aber sind mir gelegentlich dieser Dis- 
kussionen Beobachtungen wieder ins Gedächtnis zurückgeriden worden, 
welche ich schon vor langer Zeit und seitdem gelegentlich inmier 
wieder gemacht habe, nämlich über Resorption von Blut aus dem 
Darmkanal, genauer gesagt über Resorption von ix>ten Blutkörper- 
chen selbst, nicht etwa von Blutfarbstoff allein. Wir haben, wie ich 
schon vor 35 Jahren zeigte, in der Anhäufung von roten Blutkörper^ 
chen in den L\Tnphräumen der regionären Lymphdrüsen ein gutes 
Mittel, imi anatomisch die Resorption von Blut aus dem Wurzelgebiete 



Orth: Resorption köipeiücljcr Klcincntc iin I);iim]. Uli 

dci' y.urülii<'ii(l('ii l>ymplig(;fäße iiachwcLseii zu können. Es Ist mir niiii 
auf'gclallen, daß man hei Darmblutungen Resorptionserscheinungen an 
Lymj)li(lrü,seii sehen kann. Allerdings liahe ich solche wenigstens makro- 
skopisch niclit in den mesenterialen Lymphdrüsen, welche vom Dünndarm 
ihre Lymphzuluhr erhalten, bemerkt, alxr in den um die großen Ge- 
fäße herumliegenden retroperitonäalen Di-üs(;n, welche u. a. auch vom 
Dickdarm aus Lymphe erhalten. Eine ganz besonders augcmCällige Be- 
obachtung noch aus meiner Göttinger Zeit will ich hier kurz mitteilen. 

Ks liandelte sich um einen 39jährigen Mann mit schwerer L(^her.schrampfnng 
(Leheicinliose), hei dem schon im Lelien eine Darmhhitnng festgestellt worden war, 
wie solche hei Leherschrinnpf'iing nicht g;ir so selten sind. Bei der Ileiaiisnahme 
des Dai-ins samt den 15eckenorf;anen entleerten sich aus dem Mastdarm lin'Jcklige blutige 
Massen; die ganze Schleimhaut des Mastdarms zeigte sicli mit blutigen Ma.ssen dünn 
bedeckt, die sich mit Hilfe eines Wasserstrahles und des P'ingers entfernen ließen. Die 
blutige Auflagerung setzte sich vom Mastdarm fort in das Colon, wo al)er zugleich 
eine stärkei'e blutige Imbibition der .Schleimhaut selbst zu bemerken wai-. Die Lyinj)h- 
knötchen lioben sich als graue Knötchen aus der verwaschen roten Schleimhaut hervor. 
Während in den unteren Abschnitten kleine gelbe Kotklumpen dem Blute beigemischt 
waren, sah man im Quercolon etwas größere Bröckchen mit wallnußgroßen, nur 
oberilächlich blutig gef;irl)ten Kotballen. Im Colon ascendens war die Farbe weniger 
)-ot als rötlichbi;iun ; im unteren Teil des Ileiun befand sich auch noch etwas bräunlich- 
rot gefärbte Flüssigkeit mit ein jiaai' Kotbröckeln. Oben war der Dünndarm nalie/,u 
leer; nur ein wenig einer an Erbsbrei erinnernden Masse war der Sclihtiinhaut auf- 
gelagert. Die Lymphknötchen der Schleimhaut traten als kugelige Köri)erclien hervor. 
Die Schleimhaut des Dünndarms war gelblichgrau, im .lejunum fanden sich immer 
wieder von .Strecke zu Strecke mit bläulicher Farbe durchschimmernde V'enen, umgeben 
von kleinen Blutungen, besonders auf der Höhe einiger Falten. 

Die ."Mesenterialdrüsen waren klein, grau; dagegen fiel die verhältnismäßige Größe 
und Rötung der retroperitonäalen Lymphdrüsen, vor allem linkerseits, auf. Die Lymjjh- 
drüsen waren umhüllt von Fettgewebe, das ganz durcliset/t war von dunkelrotes Blut 
führenden (iefaßen, die durch ihre variköse Beschafl'enheit sich als Fym])hgelaße er- 
wiesen. Auch im Ductus thoracicus war blutiger Inhalt. Die Vergrößerung und das 
blutige Aussehen der Lymphdrüsen ging der Haujitsache nach bis zum Beckeneingang 
herunter; die Drüsen um die Anonyma iliaca waren klein und schiefiig, nicht rot 
gefärbt. Nach oben zu ließ sich die Veränderung bis ans Diaphragma hin verfolgen. 

Wie das bei den Darmblutungen, welche bei Lebercirrhose auf- 
treten, meistens der Fall ist, war die Stelle der Blutung, eine Eröff- 
nung etwa eines größeren Blutgefäßes, nicht zu finden; man nimmt 
an, daß an vielen kleinen Stellen aus den gestauten kleinen (iefäß- 
cheii Blutaustritte statthaben. Im voi-liegenden Falle hatte die Blu- 
tung nach dem ganzen Befund wesentlich im Dickdarm stattgefunden, 
der dadurch frisches Blut führte, welches zur Resorption geeignet war, 
Wcährend bei den häufigeren Blutungen in höhere Abschnitte des Darm- 
rohres die Blutkör})erchen nudir oder weniger zerstört im Dickdarm 
ankommen. Hier konnte Resorj)tiün frischer Blutkörperchen stattfinden; 
es war nirgendwo sonst eine Blutung vorhanden, von der aus hätte 
P.lut resorbiert werden können ; es fanden sich die Zeichen einer un- 

80* 



874 Gesamnitsitz.ung vom 30. Juli 1908. 

gewöhnlich starken und. wie die Anfiillung der LymphgefaJ3e mit Blut 
bewies, noch frischen Blutresorption in den regionären Lymphdrüsen 
des Dickdarms, den retroperitonäalen, insbesondere an der linken Seite, 
wo das längere Colon descendens verläuft, in welchem, wie mi Mast- 
darm, noch besonders reichlich Blut auf der Schleimhaut gefunden 
wurde — kurzum, alles tleutet darauf hin, daß das resorbierte Blut 
aus dem Dickdarm stammt. 

Aber stammen diese resorbierten Blutkörperchen aus der Darm- 
höhle oder aus der Darmwand? Im Sektionsprotokoll ist von einer 
blutigen Imbibition der Schleimhaut der unteren Colonabschnitte die 
Rede; es werden auch vom Jejunum kleine lleckweise Blutungen um 
die Venen herum erwähnt. Es sind also die Bedingungen Itir eine Re- 
sorption von Blutkörjierchen aus der Darmwand gegeben, die an sich 
irgend etwas Besonderes nicht darbieten wüi-de. Die Beobachtung ist 
also fiir eine Resorption von roten Blutkörperchen aus dem Darni- 
lumen nicht voll beweiskräftig, wenn auch die in der Tat ganz un- 
gewöhnliche Menge der resorbierten Blutkörperchen, die nicht einmal 
voll abgeschätzt werden kann, da schon der Ductus thoracicus Blut 
führte und also höchstwahrscheinlich ein Teil der resorbierten Blut- 
körperchen bereits wieder in den Blutla-eislauf zurückgekehrt war, mir 
daraufhinzuweisen schien, daß die doch immerhin nur geringe blutige 
Imbibition der Darm wand, die noch dazu von Bluttarbstofl" hen-ühren 
konnte, nicht genüge, um eine so große 3Ienge von Blutkörperchen 
der Lymphe zu liefern, sondern daß auch eine Resorption von der 
Darmhöhle aus stattgefunden haben müsse. Aber das blieb eine 
Hypothese, kein sicherer Beweis. 

Bei Gelegenheit der gleich zu erwähnenden Versuche mit Tuberkel- 
bacillen habe ich Injektionen in den Mastdarm von Tieren ausgeführt. 
Dabei kam mir der Gedanke, experimentell festzustellen, ob bei den 
Tieren bei dieser Versuchsanordnung vom Dickdarm aus eine Re- 
sorption roter Blutkörperchen zu erzielen sei. Die Vei'suchs- 
anordnung war ungünstig, insofern das eingespritzte Blut, wenn ich 
auch mit dem weichen Katheter 8 — lo cm in den Dickdarm hinauf- 
ging, doch schnell wieder entleert Averden konnte ; sie war günstig, 
insofern ganz frisches Blut, selbstverständlich der gleichen Tierart, in 
den unteren Dickdarm gelangte. Ich habe den Tieren 2 — 4 ccm Blut 
eingespritzt, habe sie dann nach 24, später nach 1 2 Stunden getötet 
und vorzugsweise die im Mesocolon descendens liegenden Lymphdrüsen 
untersucht. Nur ausnahmsweise fand ich im Dickdarm der getöteten 
Tiere noch Reste des eingespritzten Blutes; bei einigen Tieren war 
schon makroskopisch an den regionäi-en Lymphdriisen eine rötliche Fär- 
bung zu sehen: Sicherheit konnte natürlich nur die mikroskopische 



Orih: Resorption körperlicher Elemente im Darm. 875 

Untersuchung gewähren. Bei einigen Kaninchen fiel diese negativ aus; 
dagegen konnte icli bei 6 Meerschweinclien Blut in den Lymphräumen 
der regionären Lymphdrüsen nachweisen; insl)esondere waren bei einem 
Tier sowohl die Randsinus als auch die Markgänge mit frischen roten 
Blutkörperchen angefüllt. Da keinerlei Blutung im Wurzelgebiet oder 
der Umgebmig dieser Drüsen zu bemerken war, so meine ich annehmen 
zu dürfen, daß es sich hier um Blutresorption vom Darmlumen 
handelte. Wenn aber eine solche bei Meerschweinchen möglich ist, 
so erhält dadurch meine Vermutung, daß auch in dem menschlichen 
Fall eine solche vorlag, eine gute Stütze. 

Die letzten Experimente wurden melu- nebenher gemacht; die 
Hauptarbeit, bei der icli mit Fr. Dr. Lydia Rabinowitsch zusammen- 
ai-beitete, di-ehte sich in erster Linie um die Frage der Resorption 
von Tuberkelbacillen vom Darme aus; in zweiter Linie sollte 
festgestellt werden, inwieweit und mit welchen Mitteln vom 
Darme aus eine Tuberkulose, insbesondere eine Tuberkulose 
der Lungen, erzeugt werden könne. 

Gerade die letzte Frage hat in der jüngsten Zeit zu lebhaften Dis- 
kussionen Veranlassung gegeben. Lange Zeit galt als eine Art Axiom, 
daß die Lungentuberkulose durch Einatmung von Tuberkel- 
bacillen entstehe. Zwar hatte ich schon vor 20 Jahren die Frage auf- 
geworfen, ob das berechtigt sei, und die Antwort begründet: Nein, 
nicht ohne weiteres. Aber das war in einer Festschrift für einen ein- 
fachen praktischen Arzt, meinen Vater, gescliehen, und nicht nur diese, 
sondern noch manche andere Ausführungen zur Ätiologie und Ana- 
tomie der Lungenschwindsucht, welche sich in jener Festschrift finden, 
sind bis in die jüngste Zeit völlig unbeachtet geblieben, so daß icli 
wiederholt genötigt war, auf diese Schrift hinzuweisen, wenn Ent- 
deckungen gemacht wurden, welche in ihr schon zu finden waren. 
Was insbesondere die lufektionswege bei der Lungenschwind- 
sucht betrifft, so hatte ich schon eine aerogene, eine lymphogene und 
eine hämatogene Lungenschwindsucht unterschieden, d. h. ausgeführt, 
daß eine LungenschAvindsucht sowohl erzeugt werden könne durcli ein- 
geatmete Bacillen als auch durch solche, welche mit dem Lymphstrom 
oder mit dem Blutstrom den Lungen zugeführt worden seien. Bei dem 
letzten Falle habe ich l)esonders auch an den Darmkanal als Eintritts- 
pforte gedacht, da ich selbst in einer größeren Versuchsreihe, welche 
ich jetzt bereits vor 30 Jahren hier in Berlin als Assistent Virchows 
beendet hatte, durch Verfütterung perlsüchtiger Massen auch schwere 
Lungentuberkulose bei Kaninchen erzeugt Iiatte. Diese Frage des in- 
testinalen Ursprungs der Lungentuberkulose, welche ich nur 
für einen Teil der lungenkranken Menschen als möglich zugelassen 



876 Gesammtsitzung vom 30. Juli 19Ü8. 

hatte, wurde nun in neuester Zeit in den Vordergrund der Diskussion 
gerückt, als Calmette mit der Behauptung auftrat, jede Lungenschwind- 
sucht sei intestinalen Ursprungs. 

Ich kann mich hier auf die Frage, inwieweit Inhalation und Aspi- 
ration von Tuberkelbacillen bei der Lungenschwindsucht eine Rolle 
spielen mögen, ebensowenig einlassen wie auf die in meinem vor- 
jährigen Vortrage berührte Frage, inwieweit eine vorausgegangene ge- 
ringfügige Infektion tuberkulöser Art zur späteren Ansiedelung von 
Tuberkelbacillen disponieren und also indirekt zur Entstehung einer 
Lungenschwindsucht beitragen kann, sondern ich besclu'änke mich dar- 
auf, aus unseren P^xpei-imenten eine Antwort auf die beiden schon er- 
wähnten Fragen abzuleiten; Was lehren die Experimente über 
Resorption von Tuberkelbacillen vom Darme aus, und was 
lehren sie über die intestinale Entstehung von Tuberkulose 
überhaupt und von Lungentuberkulose im besonderen. 

Von einem Teil unserer Resultate habe ich schon auf der Tuber- 
kulosekonferenz in Wien im vorigen Herbste kurze Mitteilung gemacht. 
Damals waren aber die Versuche noch nicht abgeschlossen, und seitdem 
sind noch einige interessante Befunde hinzugekommen. Ich gebe hier 
einen Überblick über die ganze Experimentenreihe. 

Wenn man feststellen will, ob vom Darm aus eine Resorption 
von Tuberkelbacillen statthat, so muß man verhindern, daß gleich- 
zeitig eine Resorption von anderer Stelle möglich ist, und wenn man 
insbesondere sehen will, ob vom Darm resorbierte Bacillen in der 
Lunge sich festsetzen können, so ist insbesondere zu verhindern, daß 
auf anderem Wege Bacillen Zutritt zu den Lungen erhalten können. 
Beides kann aber geschehen, wenn man Bacillen mit der Magensonde 
in den Magendarmkanal einführt, da hauptsächlich beim Herausziehen 
der Magensonde an ihr liaften gebliebene Bacillen in die Mundhöhle 
und von hier aus in den Körper bzw. durch Aspiration in die Lunge 
gelangen können. Wir haben deshalb die Bacillen direkt in den 
Daxm gebracht. Das hat aber auch seine Bedenken, da es schwer 
ist, eine tuberkulöse Wundinfektion sicher zu vermeiden, selbst wenn 
man vom Magen aus in Gelatinekapseln eingeschlossene Bazillen in 
den Darmkanal bringt, wie wir es bei Ziegen, Kaninchen und Meer- 
schweinchen versucht haben. Noch eine Gefahr droht bei diesen 
Experimenten, nämlich die, daß Bacillen aus dem Darm nach oben 
gelangen, in den Magen, die Speiseröhre, ja, in die Mavdhöhle, so daß 
dann doch wieder die oben erörterten Möglichkeiten einer Neben- 
infektion gegeben sind. Diesen Fehler kann man ausschließen, wenn 
man die Speiseröhre unterbindet; aber es ist nicht möglich, die ge- 
wöhnliehen Versuchstiere dabei einige Zeit am Leben zu erhalten. 



Orth : Resorption körperlicher Elemente im Darm. 877 

Meine Mitarbeiterin hat im Institut mit Hrn. Oberwarth zusammen 
derartige Versuche an Schweinen angestellt. Auch diese gestalteten 
sich sehr schwierig; es konnte aber immerliin der schnelle Übertritt 
von Bacillen in das Blut bzw. die Lungen bei dieser Versuchsanord- 
nung nachgewiesen werden. 

Wir bedienten uns u. a. einer Anzahl Ziegen, weil bei diesen als 
Wiederkäuern die Magenverhältnisse und der lange Hals für einen 
Rücktritt der Bacillen aus dem Darm in die Mundhöhle und eine 
As2:)iration in die Lunge ungünstig, für unsere Forschungen aber günstig 
sind. Leider gelang es uns nicht, den Übertritt von Bacillen in die 
Bauchhöhle zu verhindern, so daß über die Resorption von Bacillen 
aus dem Darmkanal keine sicher verwertbaren Resultate gewonnen 
wurden. Aber nach den Sektionsbefunden können wir eine Infektion 
der Lungen von der Mundliöhle aus wohl sicher als ausgeschlossen 
betrachten, so daß die entstandenen schweren tuberkulösen Lungen- 
veränderungen (Lungenschwindsucht mit Kavernenbildungen in den 
Unterlappen) doch als abermaliger experimenteller Beleg dafür gelten 
können, daß auf hämatogenem Wege eine Lungenschwindsucht ent- 
stehen kann. Es soll freilich nicht verschwiegen werden, daß es uns 
durch direkte Einführung von Tuberkelbaclllen in die Lungen (mit 
einem Gummischlauch von einer Tracheotomieöfthiuig aus) mit verhält- 
nismäßig sehr viel geringeren Mengen von Bacillen in sehr viel kürzerer 
Zeit (etwa einem Sechstel der Zeit) gelang, bei weitem schwerere Lun- 
genveränderungen bei Ziegen hervorzurufen. 

Bei je vier Kaninchen und Meerschweinchen, welchen wir vom 
Magen aus Gelatinekapseln mit Bacillen in den Darmkanal 
gebracht hatten, gelang es uns nicht, Lungentuberkulose oder 
Tuberkulose überhaupt zu erzeugen, da die Tiere bis auf ein Kanin- 
chen zu früh starben und dies eine Tier nicht tuberkulös geworden 
war. Die Weiterverimpfung des Blutes hat aber bei zwei Meerschwein- 
chen ein positives Resultat für Anwesenheit von Tuberkelbaclllen 
ergeben. Bei dem einen Tier, welches i mg Tuberkelbaclllen erhalten 
und 1 2 Stunden gelebt hat, fielen zwei Blutüberimpfungen auf Meer- 
schweinchen positiv aus ; bei dem zweiten Tier, welches o, i mg Ba- 
cillen erhalten und 12 — 18 Stunden gelebt hatte (es war während 
der Nacht gestorben), hat die eine angestellte Blutübertragung eben- 
falls ein positives Resultat ergeben Hieraus folgt also, daß unter 
der angegebenen Versuchsanordnung Bacillen, auch wenn sie in den 
relativ geringen Mengen von 0,1 und 1,0 mg eingeführt wurden, 
vom Darmkanal in 1 2 bzw. 12 — 18 Stunden im Blute erscheinen 
können; es folgt aber nicht mit Sicherheit, daß es sich dabei um 
Resorption von der Darmhöhle aus gehandelt hat, weil möglicher-, 



878 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. 

wenn freilich durchaus nicht notwendigerweise die Operationswunde 
die Eintrittspforte ins Blut für die Bacillen abgegeben hat. 

Um diese Fehlerquelle zu vermeiden und die Bacillen soweit wie 
möglich vom Maule entfernt in den Darm zu bringen, haben wir bei 
einer größeren Zahl von Kaninchen und Meerschweinchen die Bacillen 
vom After aus in den Darm gebracht. Ich habe einen weichen 
Katheter in der Regel 8 — lo cm weit in den Dickdarm eingeführt 
und dann i — 2 ccm Flüssigkeit, in welcher die Bacillen möglichst fein 
aufgescliwemmt waren, injiziert. Als Flüssigkeit haben wir teils physio- 
logische Kochsalzlösung, teils Milch oder Sahne benutzt. Um es 
möglichst zu verhindern, daß die Tiere sich durch ihren Kot, der ja 
in der ersten Zeit sicher bacillenhaltig sein mußte, auf anderem Wege, 
insbesondere durch Inhalation, infizierten, habe ich Holzkäfige anferti- 
gen lassen, in denen sich die Tiere nicht umdrehen konnten und 
deren Boden von dem abgegangenen Kot gereinigt werden konnte. 
Aber auch dieses schien uns nicht sicher genug zu sein, so daß wir 
eine Anzahl Meerschweinchen erst in einen impermeablen Sack steck- 
ten, der vor den »Schultern zugebunden wurde und dann die Tiere 
in eine Blechbüchse brachten, in welcher sie sich, wie in den Kasten, 
nicht umdrehen konnten, so daß von einer Infektionsgefahr durch den 
Kot wohl nicht mehr die Rede sein konnte. Die Zwangslage hielten 
die Tiere, trotzdem sie regelmäßig gefüttert wurden, nicht sehr lange 
aus; immerhin haben wir eine Anzahl Tiere bis zu 4 und 5 Tagen 
in den Kasten sitzen gehabt, also während einer Zeitdauer, die wohl 
als genügend für die mechanische Entfernung der Hauptmasse der 
eingebrachten Bakterien durch die Kotabgabe erachtet werden kann. 
In dieser Selbstreinigung des Darmes durch die Kotabgabe lag ein 
ungünstiges Moment, da durch sie vermutlich sehr schnell der größte 
Teil der Bacillen entfernt worden ist, ehe er Grelegenheit hatte, resor- 
biert zu werden oder sich an der Darmwand anzusiedeln; ebenso un- 
günstig war gegenüber den Experimenten, bei welchen die Bacillen 
in den Magen oder oberen Teil des Darmkanals gelangten, der Um- 
stand, daß hier statt des ganzen Darmkanals oder doch eines Teiles 
des Dünndnrms und des ganzen Dickdarms nur ein sehr kleiner Teil 
des Dickdarms von den Bacillen bei ihrer natürlichen Weiterbewegung 
mit dem Darminhalt zu passieren war; um so mehr aber konnte ein 
positives Resultat ins Gewicht fallen, da es Resorption trotz so un- 
günstiger Bedingungen beweisen konnte. Es war natürlich auch bei 
dieser Versuchsanordnung mit etwaigen Verletzungen des Darmes zu 
rechnen, durch die sofort ganz andere Verhältnisse füi" die Resorption 
bzw. Infektion geschaffen worden wären. In der Tat ist es mir im Be- 
ginn der Versuchsreihe einmal, aber auch nur dies einzige Mal, passiert, 



Orth: Resorption körperlicher Elemente im Darm. 879 

daß ich bei einem ungebärdigen Tier den Darm durchstoßen habe, 
sonst ging der vorn abgerundete mit seitlicher Öfinung versehene 
weiche Katheter gut hinein, und wenn, etwa durch Kotballen, das 
Vorschieben erschwert war, so wurde stets mit cäußerster Vorsicht 
vorgegangen, gegebenenfalls auf ein weiteres Einschieben des Katheters 
verzichtet. Aus dem Umstand, daß wir bei den vorzeitig verendeten 
Tieren nie Darmverletzungen gesehen haben und daß bei einem großen 
Teil der an Tuberkulose erkrankten Tiere der Darmkanal völlig unver- 
sehrt und frei von Veränderungen gefunden wurde, glaube ich schließen 
zu dürfen, daß eine Verletzung des Darmes für die Erfolge der Ein- 
spritzung eine wesentliche und ausschlaggebende Rolle nicht gespielt hat. 

Bei den dargelegten für positive Resultate ungünstigen Umständen 
mußten wir von vornherein erwarten, daß wir wechselnde Resultate 
haben würden, um so mehr, als wiederholt beim Herausziehen des 
Katheters aus dem Darm kleinere oder größere Mengen der einge- 
spritzten Flüssigkeit mit ausgestoßen wurden. In der Tat sind nicht 
alle Experimente positiv ausgefallen, aber doch hat von den 4 Kanin- 
chen, welche über 1 Monat nach der Einspritzung gelebt liaben, nur 
I keine Tuberkulose gehabt, und von den 16 Meerschweinchen, welclie 
die Einspritzung um mehr als 3 Wochen überlebt haben, waren 
75 Prozent (12) tuberkulös luul nur 25 Prozent (4) frei von tuberkulösen 
Veränderungen. Diejenigen Tiere, welche kürzer als die eben ange- 
gebene Zeit am Leben blieben, sei es, daß sie starben, sei es, daß sie 
von uns getötet wurden, waren für unsere Untersuchungen nicht ver- 
loren, da gerade sie für die Frage der Resorption der Bacillen, für 
die Frage des zeitlichen Auftretens der Bacillen im Blute bzw. inneren 
Organen von besonderer Wichtigkeit waren, indem sie uns Gelegen- 
heit gaben, Weiterimpfungen vorzunehmen. Wirklich haben wir da- 
bei auch sowohl bei Kaninchen als auch bei Meerschweinchen wieder- 
holt den biologischen Nachweis der Anwesenheit von Tuberkelbacillen 
im Blut, in Lymphdrüsen, in Lungen und Leber erbringen können. 

Ehe ich zur Darlegung der Hauptresultate schreite, will ich zu- 
nächst mitteilen, was wir über die V erbreitung der Bacillen im 
Magendarmkaiial festgestellt haben. Die biologische Prüfung des 
Mageninhalts auf Tuberkelbacillen hat wiederholt ein negatives bzw. 
wegen zu schnellen Sterbens der Versuchstiere unsicheres Resultat 
gegeben; aber zweimal wurde ein positives Resultat erhalten, bei Ver- 
impfung I bzw. 3 Tage nach der Injektion in den Darm. Daraus 
folgt, daß selbst vom unteren Dickdarm aus innerhalb eines Tages 
ein Aufsteigen bis in den Magen erfolgen kann und daß auch nach 
3 Tagen Bacillen dort noch anwesend sein können. In beiden posi- 
tiven Fällen waren nur sehr geringfügige tuberkulöse Veränderungen 



880 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. 

durch den überimpften Mageninli<alt entstanden, so daß also nur sehr 
wenige oder sehr in ihrer Virulenz abgeschwächte Bacillen in dem 
Magen vorhanden gewesen sind. 

Was die Anwesenheit der Bacillen in den Fäces betrift"t, 
so ist ohne weiteres klar, daß m;m sie in Fällen von oft'ener Darm- 
tuberkulose erwarten muß. Ganz interessant war in dieser Beziehung 
der Befund bei 2 am gleichen Tage infizierten Ziegen. 8 Tage nach der 
Infektion erwies sich der vermischte Kot beider Tiere als bacillenfrei, 
während die getrennte Prüfung nach 40 bzw. 42 Tagen übereinstimmend 
eine schwere Impftuberkulose bei den zur Prüfung benutzten Meerschwein- 
chen ergab: beide Ziegen hatten bei der Sektion zahlreiche tuberkulöse 
Darmgeschwüre. Es ist demnach anzunelmien, daß die bei der Opera- 
tion in den Darm gebrachten Bacillen am S. Tage als freie Bacillen aus 
den Fäces verschwunden waren, daß aber wieder Bacillen auftraten, 
als sich eine geschwürige Darmtuberkulose entwickelt hatte. Die jetzt 
gefundenen Bacillen waren keine eingespritzten, sondern die im Körper 
selbst entstandenen Abkömmlinge von solchen. 

Die Untersuchung der Fäces von 3 Meerschweinchen hat nur i posi- 
tives Ergebnis geliefert bei einem Tiere, welches 6 Tage nach der Ein- 
führung von 5 mg Tuberkelbacillen gestorben war; die beiden anderen 
haben 4 und S Tage nach der Injektion ein negatives Ergebnis ge- 
liefert, obwohl ihnen 70 mg Bacillen einges^jritzt worden waren. Man 
darf also wolü annehmen, daß selbst bei Einführung größerer Bacillen- 
mengen die mechanische Reinigung des Darmes nach 4 — 5 Tagen im 
wesentlichen beendet ist, also innerhalb derjenigen Zeit, während 
welcher wir eine größere Zahl von Tieren vor Berührung mit ilirem 
Kot bewahrt hatten. 

Zu der biologischen ist auch eine mikroskopische Prüfung der 
Fäces wiederholt hinzugefügt worden, welche ebenfalls ergab, daß 
tagelang nach der Punspritzung Bacillen nacliweisbar sind. 

Gehe ich nun über zu den Beobachtungen, betreifend Resorption 
der Bacillen, so interessiert zunächst die Frage ilirer Anwesen- 
heit in Lymphdrüsen. Mehrmals sind die regionären Mesenterial- 
drüsen sowohl bei Ziegen als auch bei Kaninclien und Meerschwein- 
chen vergebens verimpft worden, aber bei 3 Meerscliweinchen hat 
Verimpfung einer Mesocolon- bzw. je einer retroperitonäalen Drüse 
3, 4 bzw. 5 Tage nach der Einspritzung ein positives Resultat geliefert, 
wobei zu berücksichtigen ist, daß 50, 70, 70 mg Bacillen eingespritzt 
worden waren. 

Ein hervorragendes Interesse liat in Anbetracht der hämatogenen 
Lungenschwindsucht das Verhalten des Blutes. Schon vom 
Menschen her ist bekannt, wie unsichere und wechselnde Resultate 



Orth: Resorption körperlicher Elemente im Dann. 881 

die Untersuchung des strömenden Blutes bei tuberkulösen Individuen 
gibt. Dem entsi^rechen auch unsere Resultate. Bei 2 schwer tuber- 
kulös gewordenen Ziegen haben alle Blutprüfungen, welche später 
als 8 Tage nach der Einführung der Bacillen vorgenommen wurden, 
kein Resultat geliefert, bei der einen auch alle frülier angestellten 
Versuche, während bei der anderen zAvar die nach 3 Tagen vor- 
genommene Prüfung negativ, aber 2 am 8. Tage angestellte positiv 
ausfielen. Von nicht tuberkulös gewordenen Ziegen liatte sonder- 
barerweise die Verimpfung von Blut bessere Resultate. Auch bei 
ihnen sind 3 nach je 3 Tagen vorgenommene Experimente resultatlos 
geblieben, aber unter 2 am 8. Tage angestellten fiel i positiv aus, 
bei der einen Ziege alle späteren negativ, bei der anderen aber unter 3 
vom 41. Tage i positiv, ebenso unter 3 vom 94. Tage. Angesichts 
dieser überraschenden Resultate muß notwendigerweise der Verdacht 
entstehen, daß die positiven Resultate, welche im übrigen nicht in 
einer allgemeinen, sondern nur beschränkten Tuberkulose bei Kaninchen 
bestanden, nicht von der tTberimpfung, sondern von einer unbeab- 
sichtigten tuberkulösen Infektion herrührten. Wir können demgegen- 
über nur sagen, daß wir uns nicht bewußt sind, eine Vorsicht außer 
acht gelassen zu haben, und daß wir im allgemeinen keine sogenannte 
Spontaninfektion bei unseren Tieren beobachtet haben. Auch ist be- 
merkenswert, daß bei beiden Ziegen eine am 56. Tage vorgenommene 
Ophthalnio-Tuberkulinprobe nach Calmette resultatlos blieb, während 
))ei der zweiten, am 65. Tage A^orgenommenen Probe am anderen Auge 
bei derselben Ziege, deren Blutübertragung die positiven Resultate 
ergeben hatte, eine deutliche Reaktion eintrat, bei der anderen nicht. 
Man muß also doch mit der Möglichkeit rechnen, daß lange Zeit 
Bacillen im Körper lebendig blieben, welche keine tuberkulösen Ver- 
änderungen machten oder mindestens keine solchen, welche nach 
dem am 156. Tage anscheinend an einer Darmerkrankung erfolgten 
Tode noch aufgefunden werden konnten. Bei ihren schon erwähnten 
Experimenten bei Schweinen haben L. Rabinowitsch und Oberwarth 
wenigstens für die Zeit von 3 Wochen dieselbe Beobachtung gemacht: 
Es waren Bacillen nachzuweisen, aber weder makroskopisch noch 
mikroskopisch tuberkulöse Veränderungen. Immerhin handelte es sich 
da um einen viel kürzeren Zeitraum. Ich möchte deshalb bei der 
geringen Zahl der neuen Untersuchungen in meinen Schlußfolgerungen 
äußerst zurückhaltend sein und mich mit der Andeutung der ge- 
nannten Möglichkeit begnügen. 

Die entsprechenden Versuche bei Kaninchen und Meerschweinchen 
anlangend, hatten wir mit dem Blute solcher Tiere, welche sehr 
früh starben oder jedenfalls keine Zeichen von Tuberkulose dar- 



882 Gesanimtsitzung vom 30. Juli 1908. 

boton, nobon negativen Ke.snltaten doch auch eine Anzahl positive. 
So bei 2 Kaninchen (^^ und 66 mg eingeluhrt) nacli 20 und 
23 Tagen, bei 2 Meerschweinchen (3 Versuche) nach 12 Stunden. 
Da diesen Tieren i bzw. o. i mg Bacillen in Gelatinekapsel vom 
Magen aus in den Darm ein^etührt worden war, so sind die 
Resvdtate liir direkte Resorption ins Blut vom unverletzten Darm 
aus nicht völlig beAveiskräftig, da ja zwar nicht der Darm, aber doch 
der Magen verletzt war und also die Möglichkeit, daß rückw<ärts 
gelangte Bacillen von der Magenwunde aus in das Blut gelangt sein 
könnten, nicht ganz ausgeschlossen werden kann. 

Nun haben wir aber außer den Blutübertragungen auch noch 
eine Anzahl Ü berim2)t'ungen von Organen vorgenommen, deren 
etwai«,-er Bacilleunehalt nur davon herrühren konnte, daß die Bacillen 
ihnen vom Blute zugeführt worden waren: — luid auch bei diesen 
Experimenten hatten wir eine Anzahl positiver Resultate, und zwar 
von Tieren, denen die Bacillen durch den Mastdarm eingespritzt 
worden waren, bei denen also keine Wunde im Magendarmkanal 
vorhanden war. 

Ich will in Rücksicht auf die Frage, ob Bacillen vom Darm- 
kanal aus in die Lungen gelangen können, zuerst erwälmen, daß 
wir 4 mal nach Übertragung A'on Lmigen, welche von 3 Tieren 
stanunten, tuberkulöse Veränderungen erhalten haben : die Prüfung 
l'and stand 3, 6 und 9 Tage nach der Einspritzung von i mal 50, 
I mal 5 und i null 2.5 mg Bacillen. Bei dem ersten Fall gab auch 
die Leberüberimpfung ein positives Residtat. Das gleiche war 
der Fall bei einem anderen Tier, von dessen Leber 8 Tage, nachdem 
es 70 mg Bacillen per aniun erhalten hatte, das geimpfte Meer- 
schweinchen tuberkulös wurde. 

Hiernach kann es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß bereits 
vielleicht nach 1 2 Stunden, sicher nach 3 Tagen, also zu einer Zeit, 
wo noch keine gröberen Veränderungen weder am Darm selbst noch 
an den mesenterialen Lymphdrüsen vorhanden sein können, in den 
Darm eingebrachte Bacillen in das Blut sowie in Organe, insbesondere 
in die Lunge, gelangt sein können. 

Eine Resorption von Tuberkelbacillen muß natürlich st^itt- 
gefunden haben in denjenigen Fällen, in welchen die Tiere an Tuber- 
kulose zugrunde gegangen sind, denn daß diese Tiere nicht etwa 
A'on anderswoher eine spontane Tuberkulose sich zugezogen haben, geht 
wohl am besten daraus hervor, daß zahlreiche Tiere, bei denen wir gern 
eine Tuberkulose gesehen hätten und die unter den gleichen Verhält- 
nissen gehalten wurden, frei von Tuberkulose geblieben waren. Bei 
einigermjiloen günstigen Stall Verhältnissen ist überhaupt — dju-in stimmen 



Or TU : Resorption körperlicher Elemente im Darm. 880 

unsere hiesigen Beobachtungen mit denen anderer, in- und ausländischer 
Forscher überein — die Gefahr einer Spontantuberkulosc" bei den Ver- 
suchstieren eine geringe. Außerdem weist aber aucli der Sektionsbefund 
bei den tuberkulösen Tieren mit solcher Deutlichkeit auf die Eintritts- 
pforte vom Darm hin, daß wir wohl mit Sicherheit die Tuberkulose 
als eine enterogene betrachten dürfen. 

Nun kann vom Darm aus eine Tuberkulose in doppelter Weise 
erzeugt werden, entweder durch Ansiedelung der Bakterien am Darm 
selbst und Metastasen])ildung von liier aus oder durch schnelles Ein- 
dringen in den Körper und sofortige Ansiedelung hier oder da. Daß 
der letzte Vorgang möglich ist, geht aus dem vorher Angeführten un- 
mittelbar hei-vor; daß er tatsächlich sich ereignet, dafür spricht der 
Umstand, daß bei einem großen Teile der tuberkulösen Tiere 
der Darm völlig frei von Veränderungen gefunden wurde. Das 
war besonders auffällig bei einer Ziege, welche die Aufschwemmung 
von 5 Kulturrölu-clien, also eine ungelieiu-e Menge von Bacillen er- 
halten hatte und docli keine Darnituberkulose zeigte; auch eines von 
den 3 tuberkulös gewordenen Kaninchen hatte freien Darm, und von 
den 12 tuberkulös erkrankten Meerschweinchen hatten nur 5 positiven, 
aber 7 völlig negativen Darmbefund. Es mag dabei etwas die ein- 
getuhrte Menge der Bacillen mitgewirkt haben, denn die Darmkranken 
hatten i mal 2.5, i mal i, 2 mal o. i vmd i mal 0.0 1 mg erhalten, die 
andern 2 mal i, 2 mal o.i, i mal 0.0 1 und 2 mal 0.00 1 mg Bacillen. 
Ausschlaggebend kann, wie diese Zahlen lehren, die Menge der Bacillen 
nicht sein, wie das auch schon die Ziege gelehrt hatte und die Ka- 
ninchen lehrten, von denen das eine zwar, wie das mit freiem Darm, 
20 mg, das andere, mit Darmtuberkulose behaftete, aber nur i mg 
Tuberkelbacillen erhalten hatte. Hier spielen offenbar individuelle und 
zufällige Verhältnisse eine Rolle, das ändert aber nichts an der Tat- 
sache, daß bei vielen Tieren der Darm völlig frei geblieben war. 

Was ich schon vor 30 Jahren, noch vor der Entdeckung der Tu- 
berkelbacillen, bei Fütterungsexperimenten festgestellt hatte (Virch. 
Arch. 76, S. 240, 1879), daß das Gift der Perlsucht bzw. der Tu- 
berkulose — in heutiger Sprache heißt das die Tuberkelbacillen — 
zu denjenigen Infektionsstoffen gehört, welche durch unver- 
sehrte Schleimhäute hindurch in den Körper eindringen 
können, ist nicht nur durch die Fälle von Frühtod mit positivem Erfolg 
der Überimpfung von Blut oder Organen, sondern auch durch diese an 
Tuberkulose erkrankten Tiere mit intaktem Darmkanal von neuem 
bestätigt; denn es liegt keinerlei Grund zu der Annalmie vor, daß 
an diesen Därmen früher Veränderungen vorhanden gewesen seien, 
welche, oline eine Spur zu hinterlassen, geheilt wären. Vorübergehende 



884 Gesaimntsit7iuig vom 30. Juli 1908. 

nur inikivskopisdie \'ei-ämleruiigeii siml damit uatürlich nicht ausge- 
schlossen, komujen aber aucli niclit in Betnieht. 

Schon vorher liabe icli die Gründe auseinandergesetzt, warunt 
ein schnelles Kindringen von Bacillen in das Blut anzunehmen ist; 
ich habe aber nichts über den Weg gesagt, der ein doppelter sein 
kann: dii-ektes Kindi-ingen oder ein t^bergang auf dem Umwege 
durch die Lymphbahnen. Daß frühzeitig Bacillen in Lymphdrüsen an- 
getiMften werden können, habe ich vorher schon mitgeteilt: jetzt handelt 
es sich um die Frage, wie sich bei den tuberkulös erkrankten 
Tieren die regionären Lymphdrüsen verhalten haben. Sowohl bei 
den 3 tuberkidös gewordenen Zliegen als auch bei den 3 Kaninchen 
imd den i; Meei-sch weinchen, also bei zusammen iS Tieren, waren 
ausnahmslos, wenn auch nicht immer in gleichem Gnnle, die 
regionären Mesenterialdrüsen erkrankt, also ebensowohl bei 
den Tieren mit tuberkulösem Darm als auch bei den aiidei-en, bei 
welchen demnach die Tuberkidose der Drüsen als eine primäre Er- 
kitmkung anzusehen ist. Daß das Blut und die Organe Bacillen ent- 
lialten können, ohne daß eine Tuberkulose der LATnphdrüsen vorliegt, 
liabe ich schon erwähnt: es ist aber angesichts des Befundes an den 
Lymphth-üsen \inmöglich zu sagen, inwieweit bei den tuberkulösen 
Tiei-en ein Eindringen ins Blut, sei es ein dü-ektes, sei es auf dem 
Umwege durch unveränderte L^^nphdrüsen, stattgefunden hat: nur das 
eine steht fest, daß in keinem Falle der Lymphweg überhaupt über- 
gangen wiuxle und daß in jedem Falle auch eine Ansiedelung von 
Bacillen in den i-egionäi-en Lymplulrüseu zustande gekommen ist. 

Es bleibt noch ein Punkt zu erörtern, nämlich wie groß die 
Gefahr ist, welche das Hineingelangen von Tuberkelbaeillen 
in den Darmkanal mit sich brinsrt. 

Wir haben bei imseren Experimenten zunächst große Mengen 
von Bacillen, eingeführt, tun nur überhaupt einmal Resultate zu ei"- 
lialten. Dabei hat sich gezeigt, daß große Bacillenmengen von den 
Tieren schlecht vertrt^gen wertlen. Zwar erwiesen sich die Ziegen 
als sehr widei-standslahig : aber von den Kaninchen sind alle, welche 
99 mg ( I ), 66 mg (4), 33 mg ( i ) erhielten, vorzeitig gestorben, außerdem 
aber auch noch solche mit geringelter Dose, während einzelne mit 20 mg 
überlebt haben und tuberkidös wiirtlen. Von den Meerschweinchen 
sind alle mit 70 mg (3) innerhalb S Tagen, mit 50 mg (3) innei-halb 
4 Tagen, mit 5 mg (3) innerhalb 9 Tagen, mit 2.5 mg (3) iimerhidb 
q Tagen gestorben, bis auf eines der letzten, welches Aveiter lebt4? 
und tuberkulös wunle. Da bei den trühzeitig gestorbenen keineswegs 
immer Bjicüleu nachzuweisen Maren, auch sonst nicht der Tod sich 
erklärte, so muß mjui wohl an toxische BacUlenwirkimg denken. L"m 



Ortii : Resorption körperlicher Elemente im D.irm. 885 

die Versuclisbedingungen wenigstens einigermaßen den beim Menschen 
natürlich vork()minen(h^n Verhältnissen anzupassen, sind wir s})äter 
► 7M kleineren Dosen gekommen und bis auf die schon reclit kleine 
Menge von o.ooi mg heruntergegangen. Auch mit diesen kleinsten 
Mengen haben wir noch ])ositive Ergebnisse erzielt, wenn- 
gleich die Erfolge bei den kleinen Dosen nur spärliche waren: Mit i mg 
erhielten wir 3+, 2 — ; mit o. i =5+, 2 — ; mit o.oi = i -f-, 5 — ; 
mit O.OOI = 2-+-, 4 — . Es schien uns zu einer gewissen Zeit unserer 
Untersuchungen, daß ein Unterschied sei, je naclidem die Ra- 
cillen in physiologischer Koclisalzlösung oder in Milch auf- 
geschwemmt waren, und zwar zugunsten der Milch. Das würde 
in Harmonie stellen mit den einleitend erwähnten Angaben von Desonby 
und PoRCHER, daß bei Hunden der Durchtritt von Bakterien durch 
die Darmwand bei fettreicher Kost besonders reichlich sei, sowie mit 
den unseren ähnlichen Angaben anderer Forscher (z. B. Cai.mette), 
und das würde zweifellos auch für die menschliche Pathologie von 
großer praktischer Bedeutung sein. Wenn ich aber unser gesamtes 
Material überschaue, so kann ich doch einen endgültigen P^ntscheid 
nicht treffen. Zwar wenn ich die tuberkvdösen Fälle zusammenstelle, 
so scheint ein bemerkenswerter Ausschlag zugunsten der Milch (l)zw. 
Sahne) sich zu ergeben; denn unter 12 tub(>rkulösen Meerschweinchen 
hatten lo Milch oder Sahne, nur 2 Koclisalzlösung erhalten, und unter den 
4 nicht tuberkulös gewordenen waren 2 Kochsalz- und 2 Milchtiere. 
Wenn ich aber die Resultate der Weiterimpfungen bei früh verendeten 
Tieren in Betracht ziehe, so überwiegen die Kochsalztiere unter denen 
mit positivem Resultat: positive Resultate gaben 7 Meerschweinchen 
und 3 Kaninchen mit Kochsalzeinspritzung, je i Kaninchen und Meer- 
schweinchen mit Milcheinspritzung, negative fanden sich bei 5 Meer- 
schweinchen und 4KaiiinelH'ii mit Kocihsalzclnspritzung und bei 6 Meer- 
schweinchen und 2 Kaninchen mit Milcheinspritzung. Ich komme also 
jetzt zu dem Schlüsse, daß unser Material noch nicht ausreicht, um 
eine Begünstigung der Bacillenresorption durch Milch festzustellen. 

Der letzte zu erörternde Punkt ist der Zustand der Lungen 
bei den tuberkulös gewordenen Tieren. Von den Lungen der 
Ziegen habe ich schon vorher berichtet, daß 2 eine richtige Lungen- 
schwindsucht mit Hohh'äumen darboten; die dritte; enthielt nur miliare 
Knötchen mit beginnender zentraler Verkäsung. Bei 2 Kaninchen war 
nur ein minimaler Lungenlx'fiind, während das dritte eine sehr schwere 
Schwindsucht darbot; von den i 2 Meerschweinchen endlich hatte keines 
eine wirkliche Schwindsucht, aber einige wenigstens schwerere miliar- 
tuberkulöse Veränderungen, manche aber, besonders die verhältnis- 
mäßig früh gestorbenen, nur einen ganz geringen Befund. Für die 



88B Gesamintsitzung vom 30. Juli 1908. 

Frage der liämatogenen Lungenschwindsucht des Menschen hat dieses 
geringfügige Resultat keine Bedeutung, da für die Meerschweinchen- 
tuberkulose ein solcher Lungenbefund die Regel ist. 

Kurz zusammengefaßt habe ich folgendes festgestellt: 

1 . Blut kann wahrscheinlich bei frischer Blutung aus dem mensch- 
lichen Dickdarm, bei Meerschweinchen sicher nach Einführung in den 
Mastdarm resorbiert und in den regionären Lymphdrüsen aufgefunden 
werden. 

2. Tuberkelbacillen können bei Einflihrung in den Darm viel- 
leicht schon nach i 2 Stunden, nach Einspritzung vom Rectum aus sicher 
nach 3 Tagen im Blut bzw. entfernten Organen (Lungen) vorhanden 
sein, in derselben Zeit in mesenterialen Lymphdrüsen. 

3. Mit Dosen bis herab zu 0.00 1 mg Bacillen kann eine all- 
gemeine enterogene Tuberkulose erzeugt werden, wobei der Darm in 
der Hälfte der Fälle frei von Veränderungen bleiben kann. 

4. In allen Fällen waren tuberkulöse Veränderungen der regionären 
Lymphdrüsen vorhanden. 

5. Es kann mit kleinen Bacillenmengen eine Lungentuberkulose 
vom Darm aus erzeugt werden, die bei Meerschweinchen im wesent- 
lichen eine miliare Tuberkulose ist, aber bei i Kaninchen und 2 Ziegen 
sich als eine richtige Lungenschwindsucht darstellte. Ob diese Tuber- 
kulose durch Bacillen erzeugt wurde, welche unmittelbar aus dem 
Darmlumen stammten, also eingesjjritzte waren, ob es sich um Meta- 
stasen etwa aus einem Lymphdrüsenherd, also um Bacillen, welche 
im Körper aus eingespritzten hervorgegangen waren, handelte, ist aus 
den Versuchen nicht zu entnehmen. 



A. S.Yahuda: Über die Unechtlieit des sainaritanischen Josuabuches. 887 



Über die Unechtheit des samaritanischen 
Josuabuches. 



Von Dr. A. S. Yahüda 

in Berlin. 



(Vorgelegt von den HH. Tu. Nöi.üekk und Eduard Meyer.) 



Vor einigen Wochen ging von London aus durch die gesamte Presse 
die Nacliricht von der Entdeckung eines alten samaritanischen Josua- 
buches in hebräischer Sprache. Hr. Dr. Gaster, ein Gelehrter, der 
sicli durch seine Forschungen auf dem Gebiete der apokryphischen 
Literatur einen Namen gemacht und sich auch mit der samaritanischen 
Literatur und Sprache eingehend beschäftigt hat, habe in einer Sitzung 
der Royal Asiatic Society in London das von ihm entdeckte Josua- 
buch mit vielen unbekannten Zusätzen und wichtigen Abweichungen 
von unserem biblischen Josua vorgelegt und über die große Bedeutung 
seiner Entdeckung ausführlich berichtet. Der Text werde bald in einer 
fachwissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen. 

Diese Nachricht hat mit Recht das größte Aufsehen erregt. Man 
«rwartete die angekündigte Veröffentlichung mit um so größerer 
Spannung, da schon vor mehr denn 300 Jahren die Nachricht von 
einem samaritanischen Josua in Europa aufgetaucht war, es aber trotz 
mancher Bemühungen nicht gelungen war, ein Exemplar dieses Buches 
von den Samaritanern zu erhalten. Von welcher Bedeutung die Auf- 
findung eines biblischen Buches aus vorchristlicher Zeit für die ganze 
Bibelforschung und namentlich für die Textkritik sein würde, dar- 
über konnte man kaum im Zweifel sein. Wohl mag mancher der 
GASTEESchen Entdeckung gegenüber etwas skeptisch gewesen sein, 
zumal den Samaritanern schon manche literarische Fälschung nach- 
gewiesen worden ist, und sie auch mit dem Texte des Pentateuchs 
nicht gerade gewissenhaft umgegangen sind. Allein angesichts der 
Entschiedenheit, mit der die Berichte für die Echtheit und das hohe 
Alter des samaritanischen Josua eintraten, mußte man einstweilen 
alle Zweifel zurückdrängen. 

Sitzungsberichte 1908. 81 



888 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. 

Nun liegt der Text des samaritanischen Josuabuclies im letzten 
Hefte der Zeitschrift der Morgenländisclien Ge-sellschaft vor'. Seiner 
Edition legte der Herausgeber drei Handschriften A, B und C zu- 
grunde, die durchaus jung sind und die von ihm erst vor kurzer 
Zeit von den Samaritanern erworben wurden. In der Einleitung be- 
handelt er ausführlich das Verhältnis des samaritanischen Josua zu 
den arabischen «Versionen«, zum massoretischen Texte, zur LXX, 
zu Josephus, zur ältesten taknudischen und späteren rabbinischen 
Literatur, und gelangt am Ende seiner Untersuchung (§85) zu dem 
Schlüsse, daß »sowohl Massoreticus als auch Samaritanus auf ein ge- 
meinsames, sehr altes Original zurückgehen, mit welchem beide fast 
wörtlich genau übereinstimmen«, und dal5 der samaritanische Josua 
sogar »in der Fassung, in der er vorliegt«, unzweifelhaft einer 
Zeit angehören umß. die lange vor .losephus zurückliegt (vgl. auch 
§ 75). »Aus dem Dunkel der Vergangenheit«, so schließt der Her- 
ausgeber seine Einleitung, »taucht jetzt nach 2000 Jahren ein Buch 
der Bibel wieder auf, das, welcher Ansicht man auch sein mag, durch 
sein Alter, seine Konstruktion, seine Ähnlichkeit mit und seine Ver- 
schiedenheit von dem massoretischen Text als ein neues und wichtiges 
Element in der Geschichte des Bibelkanons imd der Bibelkritik be- 
trachtet werden dürfte«. 

Es ist kaum möglich, auf alle einzelnen Punkte der Einleitung 
einzugehen. Manche Argumente, die der Herausgeber lür das holie 
Alter des samaritanischen Josua antührt. sprechen gerade gegen seine 
Annahme. So z. B. daß der samaritanische Josua nur dort vom masso- 
retischen Texte abweicht, wo er tendenziöse Interpolationen und Än- 
derungen enthält und auch sonst fast W"örtlicli mit dem massoretischen 
Text bis auf seltene Formen und Wörter übereinstimmt (§33); oder 
was dasselbe besagt, daß Samaritanus in allen entscheidenden Punkten 
stets mit Massoreticus gegen LXX übereinstimmt, und daß es unter 
der großen Anzahl von Varianten der LXX, die Kittel in seiner Bibel- 
ausgabe anführt, nicht eine einzige wichtige Variante gibt, worin Sama- 
ritanus mit LXX gegen Massoreticus geht (^ 39)'. Es soU auch niclit 



' Bd. 62, Heft 2, 1908, unter dem Titel: -Das Josuabuch in hebräisch-samari- 
tanischer Rezension, entdeckt und zum ei'.stennial iierausgegeben von M. Ga.ster", Ein- 
leitung S. 209 — 236, Text S. 237 — 279. Übersetzung und Anmerkungen sollen im 
nächsten Hefte folgen. 

^ Daß das Vorkommen von späteren Städtenamen. wie Caesarea, Tiberias, 
Nain usw., bei der Landesverteilung durch Josua als Einwand gegen das hohe Alter 
des samaritanischen Josua spricht, hat der Herausgeber selbst herausgefühlt, meint aber 
(§ 84), wenn auch festgestellt werden sollte, daß diese Namen im Texte ursprünglich 
seien und nicht etwa von einem späteren Abschreiber für weniger bekannte Städte- 
namen eingesetzt, so müßten sie doch immerhin der Herodianisch en Periode an- 



A. S. Yahuda: Über die lliiechtheit des samaritanisclien Josuabuches. 889 

unsere Aufgabe sein, auf die Frage nach Ursprung und Alter des In- 
Jialts der in vielen Zusätzen im Samaritanus gebotenen Erzählungen 
luid sonstigen historischen Einzelheiten näher einzugehen. Für uns 
ist zunächst allein die Frage nach der Echtheit des Textes selbst 
von Bedeutung, d.h. ob es möglich ist, daß ein hebräisch geschrie- 
benes biblisches Buch jemals eine solche Gestalt gehabt haben kann, 
wie sie im samaritanisclien Josua vorliegt. 

Schon beim Durchlesen der Einleitung des Herausgebers regt 
sich ein gewisses Mißtrauen. Wie kann ein Buch, das so viele ten- 
denziöse Änderungen, dogmatisch bedingte Interpolationen, Einschübe 
und Auslassungen aufweist, auf Echtheit Anspruch erheben; und wie 
könnte man Leuten, die vor den plumpsten Fälschungen niclit zu- 
rückschrecken, Vertrauen schenken? Gehen wir aber an den Text 
selbst heran, so steigert sich dieses Mißtrauen noch erheblich. Schon 
auf den ersten Blick, gleich am Anfang Kap. 1, i , wirkt das Auftreten 
einer echt muhammedanischen Eulogie, r'*y mn*^ m'"0 = <it *i)l f'>^, 
die auf die Nennung eines frommen Toten zu folgen pflegt, geradezu 
verblülfend. Im Hebräischen lautet diese Eulogie aibcn rby, kommt 
aber erst in späteren rabbinisclien Schriften vor. Kap. V, i8 ]>e- 
creo-net man sogar der muhammedanischen Bekenntnisformel ntN ~'b 
"ins sbK = 4>il \l 4\ V oder -^Ij VI. Biblisch würde es etwa lauten 
-ns mn'^ irnbs mn"' oder mn^ ^->-Jb2-a a^nbs ■j-'S. Kap. III, 7 ff", steht ein 
ganzer Hymnus, der aus dogmatischen Formeln zusammengesetzt ist, 
die erst durch die muhammedanischen Theologen und arabischen 
Religionsphilosoi^hen festgelegt worden sind (vgl. weiter unten S. 899 f ). 
Dann die echt arabische Konstruktion mit dem Relativ ^"o bbnrr', mit wel- 
chem jeder Satz eingeleitet wird. Dasselbe wiederholt sich Kaj^.V, 2ff'., 
nur mit dem Unterschiede, daß dort "iBS V'nn^ statt "''a bbnn*^ auftritt, 
weil Gott in der Anrede steht. Auf Schritt und Tritt fallen Barba- 
rismen auf, die unter echt biblischen Versen doppelt fremdartig klin- 
gen und über deren arabischen Ursprung jeder des Arabisclien kundige 
Orientalist kaum im Zweifel sein dürfte". Ja, es finden sich sogar solche 
Arabismen, die selbst in jenen hebräischen Werken kaum anzutreflfen 
sind, die von den arabisch gebildeten und arabisch denkenden jüdi- 



gehören. Aber gerade Namen wie Caesarea und Tiberias liomiten in einem Josuatext 
doch nui' viel später als in der rüniisolien Kaiser/.eit eingeschoben werden, 
als nämlich ihre Bedeutung schon längst vergessen war. 

' Es kommen hier und da auch Aramäismen und selbst aramäische Wörter und 
Formen vor (vgl. z.B. Kap. II, i6 n-nr. ]~ irm=-:: Vs rs nr--:-, Mll, 19 ■:-': ^d3-' ^st yit^ 
XVII, 4 'sm -1:0:1. Ferner in den Varr. aus B. u. C. S. 240, Note 14 ^—n^ 246, 10 ^V.inm, 
451,16 -i-iaV, 268, 4 Vmus und ganze Sätze 252,2. 266,4. 267,18. 269,5 u.a.m. Für 
unsern Zweck kommt aber das Aramäische nicht in Betraciit, da die Samarilaner sich 
schon in alter Zeit der aramäischen Sjuache liedienten. 



890 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. 

sehen Schriftstellern der arabisch-andalusischen Epoche verfaßt worden 
sind. So heißt es, um nur einige Beispiele anzuführen, Kap. I, 7 sb 

bmXiV sbn ya' = IjLj Vj 'ij:_ Y. II, 2 in-T rs -iS'.n-' das Verbum Sl 
mit der akkusativen Partikel rs = l^j öy\j_ , wo der Hebräer b oder 
bs gebrauchen würde. Ebenda a'imsn yü nnb qcs;; ncs -ai = f^j 
^LJI jj p,)l ,«*^, wofür der Hebräer 2S22 "'C:!? nscn sagen würde. 
Schon die Bildung eines Plurals von r;:ma «Lager« auf 2^:n''? im Sinne 
von »Truppen« ist dem arabischen Jl-f- nachgebildet'. Ferner Kaj).V, i 
D-'S''a:n pis no» na tös .... rto^a riTon t^»-' yiain-' i^y sinn nra 
ist eine barbarische Konstruktion im Hebräischen, entspricht aber dem 
arabischen J)}^\ -^ ^y ^r. ^j-^ ■ • • • ^LJl r^I~j_ (»lij. Kap. VIU, 8 

1:3 ^1z^ = 1^; ljJ='WL'; IX, 20 ymsn ='rs?n p = (*jVi 0^4^! ^i X, 3 
Ciyn riicna z"n-p = .i^^l ^ j^ V.-r? XIX, i -mDT im Sinne von »mit- 
teilen« (hebräisch "ms, T'jn) ist = fy^- IX: 13 n^Ta bns rs ins:"i (he- 
bräisch "la'pn; selbst iS'Sn Aväre in diesem Falle ungewöhnlich) ist 
= A^Jl «CA-- l^--aij. XVIII, 16 beginnt Josua seinen Brief an die Heiden 
mit einer nur in arabischen Briefen üblichen Einleitungsformel p ins 
= Ari W\, d. h. »nachdem der Ausspruch des Lobes auf Gott und seinen 

Propheten Muhammed geschehen ist, so « oder (in Avelchem 

Sinne es auch die Juden übernommen haben) »nachdem wir uns be- 
reits nach euerem Wohlergehen erkundigten und euch unseren Gruß 

entboten, so « XIX, 6 ^riis~"'n-b ='-12:12 kann nur nach dem 

arabischen -c-'l-^;-^ (j^j^\ii\ verstanden werden. XVIII, 2 -^TSimn mm 

= ö^U^ (^-'^. XVI, 7 ="birn i^bri wirkt in einem hebi-äisch geschrie- 
benen Briefe an eine lebende Person ganz sonderbar, da die Formel 
r"bcn l'by im Hebräischen als Toteneulogie »seligen Andenkens« ge- 
braucht wh'd, Avährend sie im Arabischen für »wir entbieten dir un- 
seren Gruß« ganz gewöhnlich ist. XXIII, 12 "ns^^bn = cäiä- »sein Nach- 
folger, bzw. Vertreter« ist spezifisch muhammedanisch, sowohl fiir den 
Kalifen (als Vertreter des Propheten) wie auch für das zweite Haupt 
eines religiösen Ordens"". XIII, i r.'tjyb yxsyn"^ npb im Sinne von »Be- 
ginnen« kann nur = arabisch •^^\ sein. XV, 9 "JS".C '^^'as^^ »und er wii-kte 
als Richter« = arabisch ^.ili c^j. XVIII, 23 Tian im .Sinne von »nie- 



' Kine Dualforin i-:--: liegt hier nicht vor, da die Saiiiaritaner eine Dualforui 
seihst hei Eigeiinaiiien nicht kennen. Sie sprechen: 'Ifrrm. JeriiSaltm, samTm, für 
B-'-iS, ^'^^^^^ a^^-ji. Ähnlich bildet der Verfasser des .samaritanischen Josua aus r~<-p 
einen Plural :■'"-- (vgl. unten 8. 6), ebenso auch aus r-s: den Plural :^-ss. 

- Bei den Samaritanern ist Moses -!-•' rs^sn = <USl ^i-U-. 



A. S. Yahuda: Über die Uneclitheit des samaiitanischen Josnabuehes. 891 

mals« ist — \-^} (hebräisch nur «immer«). Sogar Partikel und Prä- 
positionen tauchen hier und da im Satze auf. XX, i8 rinj p ny = 
c-Jit jl j=~. XXI, 6 "irb^s^ -ry = ^^-^ J=-. XVll, i 'jn^ p ims -ns-'T 
= X~i_ j\ c^\i (B und C haben sogar is, vgl. auch XXI, 15, wo p als 
Konditionalpartikel einige Male steht). XXI, 5 D!Ti sbs WTi s'sT = Uj 
^^i Vi l_jl:^l. XX, 20 nsn TSn »als er sah« = arabisch iS^j ü. XXI, 25 
iyT3B TS^ = \y^^ il »als sie hörten« (hebräisch: damals sah er, damals 
hörten sie). Man könnte zur Not annehmen, daß alle diese Arabismen, 
die § 66 als Samaritanismen bezeichnet werden, spätere Umarbeitungen 
des alten hebräischen Textes seien, und man könnte sich womöglich 
darauf berufen, daß sie ja auch an solchen Stellen vorkommen, die im 
übrigen unzAveifelhaft biblisch sind und sonst mit dem Massoreticus 
wörtlich übereinstimmen. Stand doch den Samaritanern die aral)isehe 
Sprache sehr nahe, haben sie doch viel mehr vom Islam angenommen 
als beispielsweise die Juden, weil sie sich den Muhammedanern mehr 
anzupassen wünschten. Es könnte also ganz gut möglicli sein, daß 
die Arabismen im Josuabuche bloß von späteren unwissenden und 
weniger gewissenhaften Abschreibern in den alten Text hineingellochten 
worden sind, eine Erscheinung, die ja auch in anderen Literaturen be- 
obachtet wh-d. Allein dagegen spricht der Umstand, daß Arabismen 
nicht bloß in solchen Stücken vorkommen, die biblisch sind; ferner 
daß nicht nur hier und da einzelne Wörter und kleinere Sätze den 
arabischen Sprach Charakter verraten, sondern auch größere Partien 
gerade in den Erzählungen, die im massoretischen Josua fehlen. Und 
gerade liier hat man zweifellos einen Text vor sich, der wohl hebräisch 
geschrieben, aber durchaus arabisch gedacht ist. Es kommen sogar 
solche Wörter und Phrasen darin vor, die gänzlich unverständlich sind 
oder zum mindesten mißverstanden werden müssen, wenn man sie 
für hebräisches Sprachgut ansieht. Ihr Sinn wird erst klar, wenn 
man es versucht, sie ins Arabische zu übersetzen. So z. B. Kap. XIII, 8 
bnpn ■'im^ nisin''? raiyb -itjs Tisy^n ins* ct^ ito^t klingt barbarisch. 
Der erste Teil des Verses könnte hebräisch zur Not gedeutet werden: 
und er verharrte einen Tag bei seiner eigenen Arbeit; das übrige 
bleibt jedoch unverständlich. Denkt man sich aber diesen Satz 
arabisch fL_.j <J^ päJl jy,\ j J^J j ^ j \->^\j ^j'_ ■wisjj , so erhält 
man den richtigen Sinn: »und einen Tag versah er seine eigenen 
Geschäfte und drei Tage verwendete er darauf, die Angelegenheiten 
der Menge zu untersuchen und das Volk zu richten. « Kap. X, 3 : 
ri-^n B^iyn nsi^ c^mip orr^ip ■'aiST^ "isa^l könnte hebräisch nur bedeuten : 
»und es kamen die Bewohner ihrer (?) Stadt, die in der Nähe jener 



892 Gesainintsitzung vom 30. Juli 1908. 

Städte wohnten«. Mit srr'np bzw. STT'ip, wie in B und C, kann nicht 
etwa der Ortsname Qirjatäjim gemeint sein, weil dieser Ort weder 
im Samaritanus X, i 7 noch Massoreticus 9, i 7 unter den vier Städten 
der Gibeoniter genannt ist. -""n-^np (nicht ~r^np) ist aber hier nach 
Analogie von DTSt, ~^:n72 (oben S. 4 Anm. 2) aus in^np gebildet und 
heißt nach dem arabischen ^"D^H <^^ j^ V.^'^ ^Sj^^ i-^' : "die Bewohner 
der Dörfer, die in der Nähe jener Städte lagen«. XIII, 10: r"S^ '" 
1:3 53? kann hebräisch nur heißen: [er setzte] »nichts an seine Stelle«. 
Denn D■l^?■)2 '53 wird imr negatiA- »nichts, gar nichts« gebraucht (vgl. II 
Sana. 3, 35), es muß aber gerade umgekehrt heißen: »er setzte jeden 
Gegenstand au seine Stelle«. Der Samai'itaner gebraucht eben msr 
genau so wie '^ sowohl im negatiA-en als auch im positiven Sinne 
(ebenso auch aramäisch El", A-gl. Kap. 111,8 ft'.). Ganz besonders auf- 
fallend ist der arabische Sprachcharakter in den Zusätzen des samaritani- 
schen Josua, so z. B. gleich zu Beginn der Schobachsage. Kap. XVI, 5 : 
ins nt'i? ^^zb-cn -^t bin vs '-y ^a^lr nnsil könnte hebräisch nur heißen: 
»und er schrieb an Josua aufsein eigenes Geheiß und den Befehl der 
Könige, die mit ilun waren«. Es muß aber heißen =^ arabisch 
<M> C.'& (jll i|>üi jU ^cj aJU ^c »_^5j: «und er schrieb in seinem Namen 

und im Namen der Könige, die mit ihm waren«. Kap. ¥,14: bbnr^ 
mrsTan 52 iinn^cn sb ics kann hebräisch nur heißen: »Gelobt seist Du, o 
Gott, den alle Stätten nicht umgeben«, heißt aber nach dem arabischen 
oL'l^l jf'^^ ^^ V c5J!l (er gebraucht m:irr = arabisch o^^'l^): »0 Gott, den 
alle Orte nicht umfassen.« Ferner XYI, 8. nrs nz-a ariT "s -:3?n\ Dies 
kann in der Form, wie es hier steht, nur heißen: »wir wissen, daß du 
ein schlagendes oder, wenn passiv, geschlagenes Gold bist«, was ja gar 
keinen Sinn hat. Und wollten wir annehmen, daß in SHT ein 2ST »Wolf« 
steckt, da die Samaritaner die Buchstaben s und Ti durclieinanderwerfen, 
so würden wir auch dann nur den eigenartigen Sinn herausbekommen: 
»wir wissen, daß du ein schlagender Wolf bist«. Denkt man aber 
an das arabische Jy^i^l wJJll, so erhält dieses im Hebräischen so 
sonderbar aussehende Sätzchen die richtige Bedeutung: »Wir kennen 
dich, o du mörderischer Wolf. « Kap. XVII, 3 — 5 heißt es r.'C'a i' np^T 
"la nb 'jjT'l . . . Tb:? sinb 12. Wollte man dieses nach dem hebräischen 
Sprachgebrauch erklären, so müßte es heilaen: »Und er (der Sendbote 
des Schobach) nalnn für sich den Befehl Josuas entgegen (vor ihm 
zu erscheinen), uiul Josua erteilte ihm den Befehl, dieses zu tun«. 
Denkt man aber an das arabische l^/-*! -»^ a! •^\j, so heißt IS nicht 
»Befehl«, sondern »Erlaubnis«. Der Samaritaner hat hier fiir das Wort 
^/'^, das im Arabischen sowohl »Befehl« als auch »Erlaubnis« be- 



A. S. Yahuda: Über die Unechtheit des samaritanisclien Josuabuches. 8;).') 

deutet, das im Hebräisclien nur für «Befehl« mögliche IS genommeu 
und gebraucht es analog zu y'\ auch für »Erlaubnis«. Es heißt also: 
»Und er suchte bei Josua um die Erlaubnis nach, dal3 er vor ihm er- 
scheinen dürfe, und Josvia erteilte ihm die Erlaubnis hierzu«. XVII, 
lo. p by ■^125? ns iHrsn r\'a ist- ~s als Interjektion im Hebräischen 
gar nicht bekannt, und p by heißt »darum« oder »deshalb«. Es 
ist aber nacli dem arabischen ^':> J^ ^ ß^ \ jyß' ^ konstruiert und 
heißt: »Was sagt ihr. o mein Volk, dazu?« Überhauj)t ist die ganze 
Korres^iondenz zwischen Josua und Schobach ganz nacli arabisclien 
Mustern, und die ganze Art der Erzählung erinnert zu sehr an die 
arabischen Heldenromane des i i . mid i 2 . Jahrhunderts n. Chr. 

Alles dieses würde allein genügen, um uns den Gedanken an 
ein arabisches Original nahezulegen, das vom Verfasser des samarita- 
nisclien Josuabuches neben dem massoretischen Text benutzt und 
streckenweise in Kontribution genommen worden ist. Im günstigsten 
Falle würde man annehmen, daß wir es liier mit einem samaritani- 
sclien Schriftsteller zu tun haben, der wohl hebräisch schrieb, aber 
arabisch dachte. In beiden Fällen würde somit die Entstehungszeit 
des samaritanisclien Josuabuclies ganz bedeutend herabgedrückt und 
frühestens in jene Jahrhunderte (8. bis 12. Jahrhundert n. dir.) ver- 
setzt werden müssen, in denen die Samaritaner mit der arabischen 
vSprache und Zivilisation in engster Berührung standen. 

Um nun die Frage zu entscheiden, ob wir es im samaritanisclien 
Josua mit einem Werke zu tun haben, das von einem arabisch ge- 
bildeten Schriftsteller zuerst in hebräischer Sprache ver- 
faßt wurde, oder oli hier eine direkte Übersetzung aus einem in 
arabischer Sprache verfaßten Josua A-orliegt, wollen wir das Ver- 
hältnis des samaritanisclien Josua zu den ann-eblichen arabischen Ver- 
sionen des Josuabuches, bzw. den arabischen Chroniken der Samari- 
taner, in denen auch die Josuazeit ausführlich behandelt wird, unter- 
suchen. In seiner Einleitung § 30!". spricht der Herausgeber von zwei 
arabischen Chroniken, denen der samaritanische Josua als Quelle ge- 
dient halben soll. Die eine ist die Chronik des Abul-Fath al-Sämiri 
al-Danafi (um 1350 nach Chr.), die von Ed. Vilmar unter dem 
Titel »Abul P^athi annales samaritani« im Jahre 1S65 zu Gotha nebst 
einer lateinischen Einleitung herausgegeben und später noch einmal 
von R. Payne-Smith in Heidenheims Vierteljahrschrift II, 304 fi". bis 
ungefähr zur Hälfte nebst einer englischen Übersetzung veröftentlicht 
worden ist. Diese Chronik, meint der Herausgeber, stehe dem samari- 
tanischen Josua ganz unzweifelhaft am nächsten, nur sei das Josua- 
bucli von Abul-Fath in stark gekürzter Form aufgenommen worden, 



894 Gesamintsit/ung vom 30. Juli 1908. 

mit Ausnahme von Kap. 1 6 bis 2 i , die von ihm bedeutend vermehrt 
worden zu sein schienen. Die zweite Chronik ist die von Juynboll 
im Jahre 1S46 zu Leiden unter dem Titel »Chronicon Samaritanum 
cui titulus est über Josuae« nebst einer großen Einleitung und 
lateinischen Übersetzung veröflentlichte. Auch diese Chronik, meint 
Hr. Dr. Gaster, stimme in Einzelheiten mit dem samaritanischen 
Josua überein, nur habe der Kompilator des Chronicon Samaritanum, 
der selbst eingesteht, seine Quellen frei behandelt zu haben, seiner 
Phantasie freien Lauf gelassen und sowohl die Gebete als auch die 
Anreden und die Briefe durch schwülstige Zusätze verlängert. Auf 
alle Fälle hätten beide, sowohl Abul-Fath als auch der Kompilator 
des Chronicon Samaritanum, den samaritanischen Josua, wie er sich 
erhalten hat, also in hebräischer Sprache, als Quelle benutzt und, 
soweit es ilinen zweckmäßig erschienen sei, verkürzt oder vermehrt. 
Um mir einen klaren Begriff von dem Verhältnis der erwähnten Chro- 
niken zum samai'itanischen Josua zu verschaffen, nahm ich zunächst die 
Annalen des Abul-Fath (ed. Vilmae) vor'. Bei der Durchsicht dieser 
Annalen fiel mir sofort auf, daß Abul-Fath in seinem Vorwort S. 5, 
Z. lof. ausdrücklich bemerkt, daß er unter den Werken, die ihm bei 
der Abfassung seiner Annalen als Quellen gedient haben, auch einen 
in arabischer Sprache und in arabischen Charakteren geschriebenen 
Josua benutzt hat". Hi-n. Dr. Gaster scheint gerade diese Stelle ent- 
gangen zu sein, es sei denn, daß er nur die lateinische Einleitung Vil- 
mars, wo diese Bemerkung des Abul-Fath unübersetzt geblieben ist, nicht 
aber das arabisch geschriebene Vorwort des Abul-Fath selbst gelesen 
hat. Von einem hebräisch geschriebenen Josua weiß Abul-Fath 
absolut nichts ! Ferner fiel mir beim Vergleichen der Annalen mit dem 
samaritanischen Josua auf, daß beide in sprachlicher und stilistischer 
Beziehung zur hebräischen und arabischen Sprache ein entgegengesetztes 
Verhältnis aufweisen: der samaritanische Josua ist in dem Teile, wo 
er dem massoretischen Text folgt, abgesehen von geringen Interpo- 
lationen, rein biblisch-hebräisch ; dagegen sind die Zusätze und größeren 
Einschübe von Arabismen durchsetzt und machen durchweg den Ein- 
druck einer Übersetzung aus dem Arabischen. Im Gegensatz hierzu 
schreibt Abul-Fath in den Erzählungen, die sich mit obigen Zusätzen 
des samaritanischen Josua decken, verhältnismäßig gutes Ai-abisch : folgt 
er aber den Berichten der Bibel, so kann er sich vom Einfluß der 



' Das von JtvNiiOLL herausgegeljene Clironicon konnte ich in keiner der hiesigen 
und der mir sonst zugänglichen Bibliotheken erhalten. 

^ 0(^ "UäflJj i3{/^ Aiai- ejS-^ ,»<.^*-,-- r^ *-' -^^ "^ J^'j- Henaii SO auch ed. 

PAYNE-SsirrH. ebenda vS. 306. Z. 15. 



A. S.Yahida: Über die Unechtheit des saiiiaritanischen Josuabuclies. 895 

hebräischen Sprache nicht ganz frei machen, und sein Stil ist in diesen 
Fällen mehr oder weniger dem hebräischen Sprachgebrauch angepaßt. 
Diese Tatsachen überzeugten mich, daß jene Zusätze des samaritani- 
schen Josua aus dem Arabischen übersetzt sein müssen. Ein anderes 
höchst wichtiges Moment führte mich bald auch auf die Quellen 
des samaritanischen Josua: Abul-Fath erzählt S. 35 Z. 10 von einer 
Thorarolle, die von Abischa, dem Sohne des Piniias, des Enkels des 
Hohenpriesters Aron, im 13. Jahre des P]inzuges der Israeliten in 
Kanaan geschrieben worden und lange Zeit verborgen gewesen sei, 
bis sie durch seinen Zeitgenossen, den damaligen samaritanischen Ober- 
priester Pinhas ben Josef (1304 — 1358 n. Chr.), durch göttliche 
Offenbarung entdeckt und später im Jahre 1355 am Sabbath des 
Laubhüttenfestes »in einer außerordentlich großen Stunde« im Bei- 
sein der ganzen Gemeinde öfl'entlich gezeigt wurde. Nun ist im 
samaritanischen Josua Kaj). XXIV, 2 von derselben Thorarolle die 
Rede, von der Abul-Fath spricht; da aber jene Thorarolle erst im 
Jahre 1355 »bekannt« geworden ist, so kann sie dem Verfasser des 
Josuabuches nicht vorher bekannt gewesen sein. Hierdurch ist die 
Abhängigkeit des samaritanischen Josua von Abul-Fath zur Evidenz 
erwiesen: der Verfasser des samaritanischen Josua muß die Annalen 
des Abul-Fath als Quelle benutzt haben'. Nur kann nicht sein ganzes 
Material den Annalen des Abul-Fath entstammen, da die Stücke, die 
der Verfasser des samaritanischen Josua aus dem Arabischen übersetzt 
hat, zum Teil in Abul-Faths Annalen in gekürzter Form vorliegen. 
Es lag also auf der Hand, daß der Verfasser des samaritanischen Josua 
neben den Annalen des Abul-Fath auch noch eine andere ältere ara- 
bische Quelle benutzt hat, eine arabische Chronik, die auch dem Abul- 
Fath vorlag. Ich habe daraufhin die samaritanisch-arabischen Hand- 
schriften der Berliner Königliehen Bibliothek durchgesehen und fand 
in Ms. Orient. Quart. Nr. 963 das, was ich suchte. In diesem Manu- 
skript ist eine vom samaritanischen Priester Pinhas ben Ishäq (ge- 
storben im Jahre 1898) verfaßte Chronik enthalten, die mit dem Tode 
Mosis begiimt und bis auf unsere Zeit fortgeführt wird. In dieser 
Chronik sind ältere aber auch jüngere Quellen zusammengeflossen und 
sie bietet in dem Teile, der für den samaritanischen Josua in Betracht 
kommt, einen viel umfangreicheren Text als Abul-Fath, und so ist es 
möglich, den Text des hebräischen Samaritanus auf größeren Strecken 
zu kontrollieren'. Der Verfasser des samaritanischen Josua muß aber 



' \'gl. die Beinei-kiing über die Thorarolle des Abischa am Sciihisse dieser Ab- 
handlung. 

^ Aus Mangel an handschriftlichem Materia! muß ich von einer Quellenunter- 
suchung über die Chronik des Pinhas absehen. Es ist sehr waiirscheinlieli, daß in 



896 Gesanimtsitzung vom oO. Juli 1908. 

außerdem noch manche Einzelheiten, die sowohl bei Abul-Fath als 
auch in der Chronik des Piniias ben Ishaq fehlen, anderen Quellen 
entnommen haben. Einige kleinere Änderungen und Zusätze mögen 
allenfalls von ihm selbst herrühren — das einzige, was er als selbst- 
st.ändiger Autor in Anspruch nehmen dürfte. 

Nachdem dieses festgestellt ist, liegt die Abhängigkeit des Samari- 
tanus von seinen arabischen Quellen in ihrem ganzen Umfange klar vor. 
Seine Abhängigkeit zeigt sich nicht nur in Fällen, wo, wie in den oben 
angeführten, der Arabist den Sinn mancher Wörter und Sätze durcli 
eine Retroversion ins Arabische erkennen kann, sondern auch in Fällen, 
wo zunächst jedes Raten vergeblich erscheint. P^rst durch einen Ver- 
gleich mit dem arabischen Texte stellt sich heraus, daß entweder das 
betreuende Wort dem Arabischen falsch nachgebildet oder daß es ein- 
fach falsch geschrieben ist: in manchen Fällen zeigt sich sogar, daß ara- 
bische Wörter ohne weiteres in den Text des samaritanischen Josua 
übernommen worden sind. So ist Kap. YIII, 14 f. die Rede davon, daß 
Josua die Namen der Stämme einzeln dem aus zwölf Edelsteinen mit je 
einem N;mien der zwölf Stämme zusanmiengestellten Urim und Tummim 
vorgelegt hat. Das Verdunkeln eines jener Edelsteine sollte den Namen 
desjenigen Staunnes kundtun, in dem der Schvddige zu suchen sei. Da 
heißt es einige Male: i:na)2 ri^y^ri "~m. Dieses ribya, das «Stufe« bzw. 
«Reihe« bedeutet, ist völlig unverständlich; auf die einzelnen Steine 
kann es sich kaum beziehen, da doch höchstens eine ganze Reihe von 
Steinen, niclit aber jeder einzelne Stein, so bezeichnet werden kann. 
Durch Vergieichung des arabischen Textes stellt sich heraus, daß Sama- 
ritanus das hebräische Wort ""^. das Maskulinum ist, nach dem ara- 
bischen "^Li- «Schuld« in ein Femininum umgewandelt hat; föS'a 
kann demnach nur die Bedeutun»' »Schuld« haben. Ferner heißt es 
Kap. VIII, I, wo erzählt wird, daß ein Mann sich trotz des von Josua 
ausgesprochenen Bannes von der Beute der Stadt Jericho manches an- 
geeignet hätte: rs (!)'v;:c rryo n^n bs 3snc^ ■'rnia c^s s'.a'i. Das Wort =3o 
selbst bereitet keine Schwierigkeiten, denn es ist offenbar mit rbs iden- 
tisch, da die Samaritaner diese beiden Zischlaute in gleicher Weise aus- 
spraclien. Was soll aber das dem rbc angehängte Jod und das darauf 
folgende rs bedeuten? Der Herausgeber, der ~S von "tt^c trennt, scheint 
rs lokativisch genommen zu haben, etwa «bei der Stadt Jericho«. Allein 
das Götzenhaus, aus dem jener Mann manches erbeutet hatte, mußte doch 
innerhalb und nicht außerhalb der Stadt Jericho gelegen sein, denn sonst 



ihr viele Partien aus alten Quellen in i;an/. neuer Umarbeitung vorliegen. Da last 
jeder Oberpiiester es iür seine Aufgabe eraehtet, eine neue Chronik von Adam, oder 
wenigstens vom Tode Mosis an »bis auf seine Tage« zu verfassen, so besteht das Neue 
darin, daß ältere Quellen umgearbeitet und niciit selten aucii entstellt werden. 



A. S. Yaiiuoa : Ulx'r die Un('chtli(>it des s;iiriaritanisclieii Josiiabuches. 897 

wäre es docli nicht in den Bann eingesclilossen worden. Auch hier ver- 
schafft uns der arabische Text die nötige Aufklärung. In der arabisclien 
Chronik lautet die betreffende Stelle: oaII oOa -U.U ^ j_j.j« o^ Jl. 
Der Verfasser des samaritanischen Josua hat nun -^^ »Götzenhäuser« 
■'übe rT'3 = '^ab2 JT^n mit einer aramäischen Pluralendung übersetzt; ein 
späterer A])Sc]ireibor hat diesem Plural "''abo noch die aral)ische Plural- 
endung des Femininums angefügt, woraus luin ns^iabc (nach Analogie 
von vulgär-arabisch o^*-^) wurde'. Kin ganz sonderbarer Fall liegt noch 
in Kap. XIII, 2 f. vor. Der Vers lautet: nn BSia nn^n ilUS TOx^n ns imo^i 
cbw nyns nris snp: iius C^i-^nj »und man hieb ab die Bergspitze, die auf 
dem Gerizimbcrge war und die den Namen Gibäth Oläm hatte«. Es 
wäre wold denkbar, daß Josua die FeLsenspitze vom Gipfel des Gerizim- 
berges beseitigen ließ, um so einen ebenen Platz für die Errichtung der 
Stiftsliütte zu schaffen. Wie sollte man aber den darauffolgenden Vers, 
nämlich: rr^by pffi'an J^s Tc-p^n nr,is nnöTan »und man salbte sie (wohl 
doch die von ihrer Stelle entfernte Bergspitze) und stellte auf dieser (!) 
die Stiftshütte auf«, verstehen? Ferner ist das Wort T^sn im letzten 
Halbvers: HDIDS nssia sinn inn by iisrn p; p yirin-' p^i vuiklar, und 
sollte es, wie eine Variante angibt, "isn »Hof« heißen, so begriffe man 
nicht den Zweck eines gebauten Hofes neben einem Heiligtum, das aus 
einem Zelte bestand. In der arab. Chronik Fol. 36 A f. lautet aber diese 
Stelle folgendermaßen: '^.y^\ j ^i^j-^\ tj'^ lj>^\ t^j J-*-l ^\j) -q—^ ^\ ^ 
(1. flsb) f^j iX^ -^^ ^\ r-~ir W^--^ U=r- ^•'V* ^>'€ c^K>- abny nynjb <-— >ÜI 

'^Li. Xiin ist alles klar. Der Verfasser des samaritanischen Josua 
hat d-}^\ (_rb ^^ mißverstanden und faßte es im Sinne von »rein 
machen«, also »eben machen«, und übersetzte IVSi'Xri TN ims'^l »und 
man hieb ab die Bergspitze«. In Wirklichkeit ist ^^ (wie ja auch 
das darauffolgende U^»^) nichts anderes als das hebräische Verbum 
rnsa, und es heißt einfach »und man salbte die Bergspitze«. Bei 
j>»- »Berg« hat er den umgekehrten Fehler begangen, indem er es 
für hebräisch ~i2n »Hof«, in arabischen Lettern j-^^^, hielt", was sich ja 
aus dem Charakter der arabischen Schrift leicht erklären läßt. Ge- 
meint ist also, daß Josua neben der Stiftshütte eine Burg für sich 
hatte bauen lassen. Die Abhängigkeit des Samaritanus vom arabischen 



' VIII, 22 n-ifinn ^lasm ist sinnlos, da nur Massoreticiis 7, 21 nicht aber Sama- 
ritanus ^'1II, I von 200 Seqel .Silber spricht. 

^ 80 auch z.B. Jo'U — «Ol-J ^ rfe — nVa: (vgl. S. 902, 17); /y^-i-« — l^r"; 
Cj^yt^ = nwa-^n; Oj^~* = nisor;; u.a.m. 



898 Gesamiiitsitzung vom 30. Juli 190S. 

Text zeigt sich nocli drastischer in Fällen, wo Varianten, die der Her- 
ausn'eber zurückweist und nur in einer Fußnote miterbringt, sich als ur- 
sprünglich erweisen, weil sie mit dem arabischen Original genau überein- 
stinunen. Vgl. z.B. III. 23. Die vom Herausgeber aufgenommene Lesart 
■IS5 r>5 T hat gar keinen Sinn. Die Variante ^n^?^ s'-s ist allein richtig; sie 
entspricht dem arabischen -^j-^ "^ ^ ^j-^ Vj. Ebenso ist "i^c C~pn"i ffimp 
richtiger = «lc-( *1 — *^" •^V.u-. IV, 3 ist csmya sinnwidrig: richtig ist die 
Variante c^mpn, wie der massoretische Text luid das arabische jy^ 
a:, «^"^Ic linben. IX, 16 entspricht ■2"i"'"i dem arabischen \jj^^j. Der 
Text, wie er oben steht (und wie ihn der Herausgeber auch aulgefaßt 
zu haben scheint), kchintc nur heißen: »und sie gingen von den Lob- 
gesängen zu Gott über« : nach dem Arabischen und dem ganzen Zu- 
sammenhange nach muß es heißen: »und sie sangen viele Lieder zu 
Ehren Gottes«. XIII, 8 ist msnnbi = J^h richtig (vgl. oben S. 891). 
Die vom Herausgeber aufgenommene Lesart nsinb stört den ganzen Sinn. 

XVI, 28 ist rainm, nicht n^im, zu lesen, weil es im arabischen Original 
C-i_^j heißt. Kap. XIX, ir ist '5S nach bs r^a zu streichen, weil das 
dem rip'C entsprechende ^j^\ im Original in Apposition zu bs tT'a steht. 

XVII, 8, Note 1 8 ist sogar eine Lücke, und wie das ai-abische Original zeigt, 
haben B und C den richtigen Text. Sonst könnte man nicht begreifen, 
w-orauf sieh Vers 9 T'DITH ""lOn SVn »am erwähnten Montag« bezieht 
(vgl. n-iDiTn = -jß^K auch Kap. XXIV, 2), da früher, nach dem Text des 
Herausgebers, nirgends von einem Montag die Rede war. Dieses ist 
aber nach dem Text B und C' wohl der Fall. Xoch eine Lücke ist, 
wie aus dem arabischen Original hervorgeht, nach "t^bs •T:"aT iBS nrl 
XVI, 31. Nach dem hebräischen Text muß es heißen: »und das. was 
wir zu dir sprachen . . .«, was ja keinen Sinn hat. In der arabischen 
Chronik ist im Briefe des Schobacli eine Schilderung seiner Streitkräfte 
unter gleichzeitiger Angabe der Zahl seiner Krieger. Nun heißt es am 
Schlüsse des Briefes: ^ *^ J-^' ^^jL' ^^\*^L' '^^^J y ol::^^^- ^Ji\ !-v*j 
'i-l <Ä^ L-lc (1. ^^S) rcÄj ^U. il. h. «und das ist alles, was wir dir zu 
melden haben von unserer Beschreibung und unseren Verhältnissen : wenn 
du aber in der Lage bist, mit uns ein Treflen zu veranstalten, [so tue 
es] — sonst sollst du keine Ausreden haben und behaupten, du seiest 
plötzlich überrascht worden usf.«. Diese Beispiele ließen sich noch imi 
viele vermehren ; fiir unsern Zweck düi'ften aber obige Belege ausreichen. 

Man wird nun kaum mehr daran zweifeln, daß wir es im sama- 
ritanischen Josna mit einer Übersetzung aus dem Arabischen 
zu tun haben. Es verlohnt sich aber, noch einige kleinere und 



A. S. Yaiiuda : Über die Unechtheit des samaritanischen Josuabuches. 81)9 

größere Partien aus Pinhas ben Ishäqs Chronik liier anzuführen und dem 
hebräischen Texte des samaritanisclien Josua gegenüberzustellen, um 
einen richtigen Begrifi" von der unbeholfenen und barbarischen Über- 
sotzungsart des Verfassers unseres Josuabuches zu erhalten. Große 
Hebraisten waren die Samaritaner niemals; in alten Zeiten war das, 
was die Samaritaner «Hebräisch« nannten, ein Gemisch von ara- 
mäischen Dialekten und biblischem bzw. rabbinischem Hebräisch. 
Später trat noch das Arabische hinzu, und durch den fortwährenden 
Gebrauch der arabischen Sprache hat das »Hebräisch« der Samaritaner 
mehr und mehr arabischen Charakter angenommen, und der aramäische 
Einschlag wurde immer geringer. Dieser Übergang ist in den sama- 
ritanischen Schriften so stark markiert, daß sich hieraus sichere An- 
halts])unkte für die Bestimmung der Entstehungszeit mancher ihrer 
literarischen Erzeugnisse ergeben. Die Samaritaner haben aus dem 
Arabischen nicht nur einzelne Wörter und Redensarten übernommen, 
sondern sie gestalteten den ganzen grammatischen Aufbau des He- 
bräischen nach arabischem Muster. .la, sie verschmähten es nicht, 
solche arabischen Vulgarismen, die ein gebildeter Araber nicht ein- 
mal in einem Privatbrief benutzen würde, auch in ihre Gebete und 
Poesien aufzunehmen. Wohl haben es manche von ihnen im Gebrauch 
der arabischen Sprache zu einer gewissen stilistischen Fertigkeit ge- 
Ijracht, die im Verhältnis zu ihrem »Hel)räisch" geradezu klassisch genannt 
werden muß; ihr Hebräisch aber war und blieb eine Art Jargon, dessen 
Verständnis ohne Zuhilfenahme des Aramäischen und noch mehr des 
Arabischen unmöglich erschlossen werden kann. Aus folgenden Pro- 
ben wird sich ergeben, in welch hohem Grade auch das »Hebräisch« 
des vorliegenden samaritanischen Josua vom Arabischen abhängig ist'. 

Vgl. Kap. III, 9 ff. und Ms. Or. Quart. 963, fol. 19 a, 2 ff. 

'■J^ J^ ijy '^->-^ ly jUw nns'a ba by imsj '•'a bbnn^ (9) 

'■J- J^'^TjIjI vi-^i j^ jl^A- ■aysra ba 1512-1 nnn ■^a bbnn"' (12) 

jWJlj ^jVIj oIj-^I '>j'\ c-=>^' j^ j^-w n^mpxnin^'acrTnmnnn '■'a bbnn-' (17) 

j\^\3 S^\ 3^'^ j^ä"^ [nb-'bm DTrt sin '<'q nnn»i] (18) 

oli_j^l ^ jlU- jW_- msi-inn bs snn •'•a bbnni (19) 

oljf»llj oljVl j^ o^-^ 2Tisiam ninisn nbj ^-a bbnn-' (21) 

aj'LLL vi jLkL- Vj '^j-^i VI =j-^ Vj ■'rubo sbs pbB sbnss CS "«D ns5 sb- (23) 

o\^\ c— Ji' aJUa- itiB TB-rpr-i [i»np sbi«] ©np [sbi] 



' Die eckigen Klaiiiineiii im arabischen Texte .sind von mir; sie enthalten Sätze, 
die im Hebräischen fehlen. Die Punltte deuten auf größere Partien, die vom Vei-- 
fasser des Samaritaiuis nicht übersetzt sind. Den hebräischen Text gebe ich genau so 
wieder, wie er im Samaritaiius vorliegt. Die Fehler im arab. Text sind nicht von mir. 



900 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. 

Die Verse lo, ii, 13, 14, 15, 20 fehlen in unserm Ms., sind aber 
so gewöhnlich in der dogmatischen Literatur der Muliammedaner, daß 
man sich bei einem Rückübersetzungsversiich ins Arabische kaum irren 
könnte. Zu Vers 16 und 22 vgl. Deut. 10, 17 und 4,35. Zu 23 vgl. 
oben S. 898, 4. 

Kap. V, 3 ff. und Ms. fol. 20b, 8 ff. 

oUflS^l f-^ L dl;u=A- msninn s^ni -lOS bbnn^ (3) 

(sie) i\j'>~i\j ^jVl j^ \, dX^^^K-' [r^2-ism ^-^iswr, «na nistj bbnn^] (4) 

c>^j>zA\ ;.)U L di;Uzw msb£:r: n©:> -^üs bbnrr' (8) 

ol^T ^^-^ l; vii;w.-v- r-imsn nbi nias bbnr^ (9) 

ol.*ilill j^ L, dtWo- msirnn ns' t:s ■^lr!^? bbnrr' (13) 

;cu' l iil;Uw oLjoLil -t^ l viliU-j-] D-'nDiDn ns v^^rt häs "•); bbrirr^ (15) 

cj\y>~i\j .S}>^\ j^ [ >^Wu- [ol—tUl ';'K nci? D"nbsn sin nrs (16) a-''air3 

^Ji «OVl _ys> eil [oLJl ^-»^ l^U.'--'] n"233?'an bs rs nwj sin nns (17) t^d 

^itli _yt e;i_« öI^-:j ^^ Vj ^^^ ^ T^nn^ (iS) ninnm n^^iaisyni niiirnm 

JL^=l::"V1 j fl^r-Vb JL:^VL« JUsVl nbiyb ^ffl^p 20 T"i^ li'T d'^^S'' ^iij^ "I'ain 

oU^ pUl j jül oL-Vjj-'lj j_j-Jlj "ins sbs nbs r'b 

-u^ iijl JUIj Jul dk-l iJjU' i^U- 

Vers 14 fehlt im Arabischen, miistt gebraucht er wie O^'IS-«, vgl. 
oben S. 892. Zu i^:s = "i^jn vgl. S. 904, Anm. i. Auch dieses ist ara- 
bisch; hebräisch müßte es Tsn heißen. Von Vers 15 ab weicht unser 
Text ganz Avesentlich vom Arabischen ab. Dem Verfasser unseres Josua 
scheint die Übersetzung der fehlenden Glieder nicht gelungen zu sein,, 
darvim ließ er sie ausfallen. Zu Vers 16 und 18 ließen sich manche 
Bibelverse heranziehen. 

Kap. XIII, 5 ff. und Ms. fol. 37 a, lofl". 

J.UVI ^ ß^ jy ö ^3r. -V'^ o^i -1^ °^'°^ ^2-"^!° '22 ■'^'" P P y»in^ ^nn 

«j lA^lj Uj, i.yj\ ^ j jß\ j.^\ prn pns p iT^bs biijn psn ay nns 

^j \j^\j U_j>_ n^J\^ Jl <^L Jl o'^l cri a'^rprni bsiffi-' ^^2 iTasn a» ins an 

4^ jj 1-^^j ^^ e^h^^ ■^'^ «-L-jj! ins ar nry^i i-^tjiidi ayn ■'csi ay ins 

Ä;-'>C(.y)l j_^l j^!^_; i-J^lj l._j>_ (»j'i^l bnpn ^nann nisinb noÄS-b -i©s rcyaa 

(»L-jj a'^Ta^ niabiB ayn ns usffibi 

Nach dem arabischen ^^^ j'^ muß man nyi^ lesen. Zu Toyi usf. 
vgl. oben S. 89 1 , soff. In seiner Vorlage muß es geheißen haben j *-^_ j'^ 



A. S. Yahuda: Über die Unechtheit des samaiitanisclien Josuahuclies. 901 

Die Stellen in der Schobach-Sage, die der Verfasser des sam. Josua 
aus den Chroniken, insoweit er ilinen wörtlich folgt, übersetzt hat, 
lauten im Arabischen wie folgt. Kap. XVI, 5fl'. und Ms. fol. 44a, 3 ff. 

aJU j£ ^j\a c-lU (.U- jj-J dX^i- ^'Sj bj" ';i: p ririn"' bs n-as nnD^ Tm» nrr'i 

4-jlj lo ^yc_ -A—Jl Jl '^' j- jLJj inbiain'ii^-'pmns ntox o'^Db'art ^d byi t'e 

jjSaLI yLiiJl «^y U*j jks ^Uj 1^ D-^T^nj nn bs p: p yisirr^ bs ni^sn ns 

^»j^'i* äj^r-^^ t>3l_:J.l -^j^l — ^7! j^ Ti'^VTi nsT2 in lans ics nn bs n^a 

(.•)Ol dUf- j^ j_ "^^r. \. ^^^ <9_j^jil Tbyip:ps'irin-'[ns5]T'i5 2^[yjTinrn 

lj>V-,l ;« <!/■ l£ JyU-'l ^' j!l l^_| l;.^,lt bD3 ryT nrs riDB anr "^d wt^ mbisn 

ll<K.i 0-5J0 j l^y-i caUI -»i dA;|j l5^,L» n-iaii i;,"i imisbam i^^isisa n'^ay nies 

S-^\ iSy- 0° ^ i>">^' j '^--^ c-üj arr^i? ns nianm .... fb^ o-'Obffli niaan 

^1 j-AÜ 05="-? f-L^l ^_L-^j t^^l 3"^i2m iD:n nnyi nn-raipio bD ns« nsTai 

-*-^ -»-^1 j-«^ o^'ic Lj |A_w LjJ c.iK' -j-^bs c^S3 i:n:K -'S yi fia^a nniaps mp:b 

*— «-'J jV-' li^'-' f^^ *^*'^'^-'° >^^"j-^^ 'Ta rxTKi pbs üip)2i n'anb« fiay miayb 

jt ^!l ö\i.^l_« j>^ jl JyUll vJ Jll layb rby -p-:rr\ -^[■'Jpn -iirs a-^ri-is in 

o-^^' ^i/" j -^j^^ 'd^ c^ij ^.^9 sin: D'^'a-' robis iiym T^nbs mn^ rs 

f.-l•=^ ^ ^ '~^\-> -^' i^J' c^^ fl-^ T-s "inni nos nrn T'bx 

CUl j^^ ^,p-.) ^_y 4>;'>\;' ijlj 

(I. 7V>t)') 7x>J "vis L cliü jAÄ' C-IJ jl J 

;^ Lit 

Zu rsby vgl. oben S. 892, 15 ff. T's« r-'yiinttn heißt hebräisch »die 
sich dir zu erkennen geben«, soll aber heißen »die dir bekannt sind« 
also a^yi'i-n, hier aber -yn^n. Zu r\va nm vgl. oben S. 892 24ff. Statt 
irisisn 1. irsnsn. Auf ira folgen die Namen der Könige, die im Ara- 
bischen fehlen. Statt tranm 1. nmnm. Zum Schluß "iffib? nn vgl. oben 
S. 898 24ff. Anstatt niabir ist nach dem arabischen Original und samari- 
tanus XIX, i c-^iabizj zu lesen. Auf ^\ j;uj folgt die Angabe der Zald 
der Könige sowie eine Beschreibung der Helden, die sich im Schobach- 
Heere befanden. 

Kap. XVIII, I ff. und Ms. fol. 45 a unten. 

i.^U^j t>^ls3| ^l;li ^y\ j3~j\ ^\ ^_ n^^imrt mn-n aibTran biij mni nira 
(>»yil ^^j ^j^^\ ^jj^j C/Jf^^ n'^DT'Tn i^ai2 n^msDn cycnn ns'a 

J'j'^h olj-^l .ajVI ■Cfrjil c^j jtVI nprn tt^ nTiian i-^na n-'-'nri n-'m 



902 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. 

\j*il ^ji c*ii^_ oj^ ib^VL' -^IJ^i nnn r-:s"-:n •;s-:[i] DTJ^on 'i'2'-c[^] 
^Jl IJ^ ^y_j. cX/^i ^^i -^-^^ T"i2 TOVia "'pino ■!msj2[i] =5Ty iryTiT 
^ij' ,_^-^ _*j>j A, jvjCU.\ (^Jll nbiy'r iBC T."Qi Sin 

C'-nE:n = r-'-is-an. Die Sauumtaner gebrauchen das Part. pass. 
fiir Part. aet. Audi sonst sind sie mit der liebräischen Grammatik 
nicht sehi" vertraut. Die Form Is-""; ttir l^" ist arabisch. 

Kap. XIX, I ö'. und Ms. tbl. 45 b unten, 

j y^\ Vj Jl (^ Jl«' 4«i J.I V ^f^i z" z-z'-'c -•'sz 'bs is'2r ^r =ni=T 

a;^ 'V.^ (»\) Jy Vj öU j^J p Vj' ^1 r-2 =■"■"•': "Ti b::« bs "S"2r -r mrs' 

^'e- Jl j^_H jfr äjAi. j jjsli j^ i' J .: .... rs -37s "ics s-na pbs :ipa [bs] bs 

A_it jj j-frl ^j!\ ^_J.' v-Ä^-^H f^^^ nn [s]in 'D r:np rs 13 nnp:-! rby ^nbs 

^^oül jJ-\ olG^l J^ yj '^^ S-y'^j r-npn ^'p-a n:-:rr:- ribnin-'n r^r-an 

Vj j«^=^' %>- ^^ y^ *^^^^— » J^ ^ j ^ r: - "^"bn: nn -nbs r-n r-cTnn ::bp)2 

Aitl ,_^j- IjaaLii Vj 'i^'i Jl Jj-'j r'cipn c'pr nr •: :ry-" s-sbn '.nacb 

^^ jjj"^ Vj (^^'L^; ^^^ l_*_^l. Vj sbi iibs -..s-in sbn ib -■ran ibsin sb 

1^1 _,L j- Jl jr/j Vj -T^^y [^^ («^J l's ■'3:s aiTs-i nebo Tira rby "nryn 

-u_ J\ j|wi\ jiT- JU 4iil AU^l ^^ iJW*^ r'n::3 ■>■;;• irs bsTc bnp nrman cs-'bs 

s!i^\ Vj j^Jl j^l •>^j\ i Vis f j>_ 0;^'>C z"i:::'2 ircr's: brn -j^nbs nin" br 

iais (^U w ^_L»j) ^_j>_ ^^ Ä->i)_jV (^j- bDü s'.n -'S irTS' [bs] rs imsT'n-'b 

aB\ >--j Ui-öl ^H 4»^i ^^H ^^ j^ij p'isis briai i:übE' TSr b:T2i irbiS"» fnb 

\_»*ic-l_. \_jii>J jj-^_ L^ ^1 (j-wlU ^;r_j!i irn-nsb nrr- ncsD "^yas nryi ■uytST' 

(^j ^. ^^^ ^ji J* ^j^^'j (j^L' rrs 'nsT-n!To"i =:"iS' yn y-T' s'n '2 

<_^j!i Myi.\ jj-j jj*^^ ^j^* «-^j^^ j r'*"^" i*'- ■""'* =""-■ "^^' z'^TiTwa 

^^ jw_ j\ J'z:i\ ^ .... o_jsjUr V sb- rn'T' sb- ■j-brs-' sbi •jtrtttJi sbi 

^\ jj^ ^\ ^ J2_j \>J'ÖA '^ ijV^ 13 inab 13 D-iinro» i:n:si niaistt vt' 

c?-- w^ /«-^j I^^U ^_^ ^J . . . . ^Li r'nr.c:n a'cn mmnn ^nbs; bs [sin] 

^^s.^ ^jL« JJi_^l ^\J\ jw.j j^l_»-a)l .-jj -"nbs3 i^s: sb msprn ■'»a n-sbjrni 

ia--l)_j jli-l jlu. ol>«»Vl «L-j -^ijjVI b:'ai i:p3-;-' laT bra s^m "nzbr s'ins 

^JJ^^ 4^_ixf'>Uj j^ jj .... j;«JI irs'2 rib» t33b i'si ■'»'Ot npy 
_^=j_«l ^isLJl _^j ^j\^\ -Cj^ Jf-j 

JOj-H »Jj Uu_=- _»*J a^-^ diu Vj 



\ 



A. S. Yahuda : UluM- die Unechtheit des samaritanisclien Josuabuches. 90H 

Zu cm3T Vgl. oben S. 890, 13. ''Sx bs ist nach dem arabischen ^U Jl 
konstruiert. Das [bs] nach bt? rr'a ist zu streichen, vgl. oben S. 898, 16 
c^cmn für c"'ö"i"nn also wiederum pass. für act. ib isicn ist nach dem 
arabischen J.\ J^j konstruiert, vgl. noch Kap. XXI, i 8 T^yb JiTVn. XXlll, 
14 bs ij^ffln. Im Hebräischen muß es in solchen Fällen mit rs kon- 
struiert werden. Zu ir'sn^nib a'^nsz'a vgl. oben S. 890, 22. m-'S"' bs rs soll 
wohl heißen »mit unserem ganzen Innern«, aisn und a"'3n gebrauchen 
die Samaritaner für =3n. Für nsp:n KV^a liaben B und C mypsrt nijia. 
Was nun 2^512 betrifft, so ist es arabisch »— yf" und ^:ya ist nur eine 
falsche Form anstatt nry (vgl. ='bsi©n 2-^yi2 ns? auf der vorletzten Seite des 
samaritanisclien Josua, letzte Zeile). Im Worte ni«p:n vermute ich nsip:n, 
also: »Gott, der die Lautern erhört« (vgl. i 1,21 nisipD = Q'^'^ps). Dieses 
würde dem arabischen j^yVI ^^ — ■ entsprechen, irpai"' "Q" bDi sim 
heißt hebräisch: »und Er [Gott] wird uns jedem Dhig ankleben« oder 
wenn pn" im Hifil steht: »Wird uns alles [was vor uns flieht] ein- 
holen lassen«. Es soll aber nach dem arabischen <-^ JS^ ^J-^. »wird 
uns alles erreichen lassen«, »wird uns alles gewähren« heißen. 

Kap. XX, I fl". und 3Is. fol. 48a unten 

^x^\ yl_i\!| l,_\J J-i\j—\ ^ 1 «*- LJJ ■'nm bs rs bsiB-i ^:a [bnp] vaxo tn 
j^_)l Ji \ji^j ^ß, ^'^.^^ i^ii'l— jl p yiain^ üsip -iffis nsrn mjsn arst: 

L_J^5j oJit l-:-_jli (1. olt) '^ U-jj -^To bbnn-' 'Ty^73 -|i:s ^12 bbnn"' n^s-'i 
^,Äij ^_i-_. >! LlAfrl c-ma1 L'jVjI J'^s n:^a bsa ■'■a bbnr^ 72353 n^^ann ao 
^^_j.iU.l jiv«iy| cL^\ 4>i-ai| iJ^^^V JW.U1 irnab ns nprm iicsn rrcrTi fsbsn 

^baa irs;© rs mas nr:a ns ■j-narl 
l^s Pi? 1-110: sbn ^bip' '^=™'' cyiaffii ann 

Zu 'yiaffi TS vgl. oben S. 891,6. Zu t:s und nbiss weiter unten 
S. 904, Anm. I. 

Nachdem wir die absolute Abhängigkeit des samaritanischen Josua 
von den Annalen des Abul-Fath und anderen vom erwähnten Pinhas 
BEN IsHAQ benutzten arabischen Chroniken erwiesen und auch seine 
große Unselbständigkeit im Übersetzen zur Genüge charakterisiert haben, 
wollen Avir noch seine Abhängigkeit vom massoretischen Josua feststellen. 
Diese müßte schon daraus hervorgehen, daß überall dort, wo Samaritanus 
und Massoreticus parallel gehen, die Übereinstimmung zwischen beiden 
Texten bis auf geringe Interpolationen eine durchaus wörtliche ist. 

Siteungsbericlite 1908. 82 



904 Gesamnitsitzung vom 30. Juli 1908. 

Aber noch viel deutlicher zeigt sich die Abhängigkeit des Verfassers 
des samaritanischen Josuas darin, daß er selbst die alten orthographi- 
schen und sonstigen Fehler soAvie seltene grammatische Formen und 
Wörter des massoretischen Textes abschreibt. Vgl. Sam.Kap.VI, 7 TiTas"!! 
statt lÄS-^i = Massor. 6, 7. Kap. XI, 24 iDbnn statt □■^Dbnrrrt = Massor. 
10, 24. XII, 5 "^M bis? statt ■'n by = Massor. 11,5. XIII. 26 nrf^bbn b» 
statt by = Massor. 13. 22. XII, 7 umgekehrt by statt bs = 11, 7. 
XII, 12 Q'^inn statt mn^T oder a-inn = ii, 12. Ferner III, 4 irm statt 
rs-'m = 3, 4. X, 4 niabWT = 9, 5. XII, 16 nnbsiri, die alte Schreib- 
weise flir inbEiai = II, 16. XIII, 17 nsw: sin statt sini = 13, 12. 
Die alte Femininform rcya 13, 13 korrigiert Samaritanus XIII, 18 in 
^rioya. XIII, 27 und 30 sclu-eibt Sam. verständnislos nsT biDM und b^3^ 
Tn-b ab. In beiden Fällen ist Massor. 13.23 und 26 fehlerhaft. Im ersteren 
Falle ist biaM defekte für ibinST geschrieben, im zweiten ist das b in 
T^aib aus dem vorhergehenden biaj dittographiert. Vgl. noch XIII, 3 i 
und 13, 27 b"QjT piTi, wo ebentalls ibinsn zu lesen ist. Aus einer 
Reihe von neuen orthographischen Schreibfehlern im samaritanischen 
Josua läßt sich ferner noch beweisen, daß der vom Verfasser benutzte 
massoretische Text nur in Quadratschrift gesehrieben gewesen sein kann. 
Vgl. Kap. IV, 3 -inn für nnia; Vers 6 nyn für □». VII, 3 a^ETcn für 
a-TJlirn. X, 16 IBBIB'^i. für ■^yTsa^l. XI, 3 lS'''cb-' für O^rb. Alle diese 
und noch andere derartige Schreibfehler lassen sich nur aus dem 
Charakter der Quadratschrift, nicht aber der samaritanischen Schrift er- 
klären.' Von den modernen Abschreibern können diese Fehler nicht 
lierrühren; denn der samaritanische Josua ist vom Verfasser in sama- 
ritanischen Lettern geschrieben worden und kann demnach den Ab- 
schreibern nicht in Quadratschrift vorgelegen haben. 

Die Abhängigkeit des Samaritanus auch vom Massoreticus steht 
fest, und die angeführten Beispiele zeigen zugleich, mit welcher Ver- 
ständnislosigkeit der Verfasser des samaritanischen Josua dem massore- 
tischen Texte gegenüberstand. Dies ist auch charakteristisch für die über- 
haupt durchaus kompilatorische Tätigkeit unseres Verfassers. In der 

' Andere Feiiler ort lioepischer Natur sind u. ;i. folgende: -',1: ^v für s:s, 
weil die Saniaritaner konsonantisches i und a immer wie (0 ausspreciien, .so: nV:^ für 
nV-y; ^>;5 für lyy, Vlll. 23 =-ri für a-^v. Die Gutterale y, rr und - werden in gleicher 
Weise wie s ausgesprochen; daher die fortwälirende Verweclishmg dieser Buchstaben 
miteinander. \'gl. VII, 17 -^-n für n-'nn; XI, 'itl a^::n für oisy; \'ers 41 rj-^s für e."? (ein 
Pathach fuitivum kennen die Samaritaner niclit); XII, 13 n-iinn für a^yJ-; XIII, 22 iT:Wa 
für i^ja^«; XX, 25 -^-^ für --^s; XXII 12 nVl=n für nWn; V, 13 n-'JS für nw; VII, 23 
r-.-r.r. für n-ris; XX, 9 rh-i:.a-, für M\>n.wi; XXI, 15. Note 9 •'a''=s für ■'a-'nn. Der Abschreiber 
einer der drei GAsrERschen Hss. scheint noch die Spezialität zu haben, t und n, sowie 
h und 1 nicht auseinanderzuhalten. \'gl. XII, 22 mos:! xia für m-rssi roz; XIII, 11 
-lya für wa; ferner I, 18 ^^w für ^y^; XI, 2 n-ms (nicht mn.->) fürn^™; XIII, 16 pn^Jir 
für -i^in; XVI, 15 pAtt für ■jiV.iy; XIX, 8 p^ für yi erklärt sich aus der Aussprache des p = n. 



A. S. Yahuda: Über die Unechtheit des sainaritanischen .Tosiiabiiclies. 905 

Tat liaben wir es hier nicht mit einem Schriftsteller zu tun, der sein 
Material aus verschiedenen Quellen schöpft und selbständig bearbeitet, 
sondern mit einem Kompilator, dem nicht einmal die Qualifikation 
eines guten Abschreibers zugesprochen werden kann. Er folgt blind- 
lings seinen Quellen, sowohl dem Inhalte als auch der Form nach, 
und verläßt sie nur dort, wo es ihm bequem erscheint. Sein Ab- 
hängigkeitsverhältnis jedoch zu den arabischen Quellen und zum mas- 
soretischen Texte ist nicht das gleiche: er folgt im ganzen den ara- 
bischen Chroniken und benutzt den massoretischen Text, wenn man 
so sagen darf, nur subsidiär. Daraus erklären sich die Abweichungen 
vom massoretischen Texte, nicht nur in der Reihenfolge der Erzäh- 
lungen, sondern auch in der Reihenfolge der Verse, selbst dort, wo 
der Verfasser größere Strecken dem massoretischen Josua folgt. Aus 
diesem Grunde werden auch die Scldüsse hinfällig, die der Heraus- 
geber aus der bemerkten Tatsache folgern will (§30 — 51). Ebenso hin- 
fällig ist der Grund, den der Herausgeber für die Auslassung des Wun- 
ders vom Stillstehen der Sonne und des Mondes bei Gibeon angeführt 
hat (§ 60), sowie der Schluß, den er namentlich mit Hinweis auf Jo- 
sephus aus der Auslassung der Erzählung über das Schicksal des Kö- 
nigs von Ajj Kap. IX, 9, ziehen will (§ 48), da tatsächlich diese Ein- 
zelheiten in der Chronik des Pinhas vorkommen'. Sie sind vom 
Samaritanus übersehen oder aus Nachlässigkeit übergangen worden. 
Ja, es läßt sich sogar aus einer Stelle im Samaritanus selbst nach- 
weisen, daß er das Wunder vom Stillstehen der Sonne und des Mon- 
des nur versehentlich ausgelassen hat. Kap. XI, i 2 heißt es : "QT-^ TS 
"ra ■^:Eb ■'-n'asn nx [20] ■'ins nin-' (!) rs sinn ara nin^ ^rsb ywM-:^ 
bsnc^. Der Text, wie er hier vorliegt, ist unverständlich und offenbar 
verderbt. Er kann jedoch auf Grund des massoretischen Josua Kap. 
10,12 korrigiert werden. Danach muß es heißen: ■'JSb 5>1Cini "im^ TS 
bsno-' ■':i ■'^sb iniasn ns mni nn nra sinn nrn mni »Damals sprach 
Josua zu Jahwe, an dem Tag, als Jahwe die Emoriter den Israeliten 
preisgab.« Hierauf müßte doch das folgen, was Josua gesprochen 



' Die Stelle über das Wunder bei Gibeoii lautet in Ms. Or. Quart. 963 fol. 
31 b: »^'lAtl ^ ,_julll j^'l ^ jL^ll p, JLtlj ^}J\j~-\ ij: OjLu-I ^IjVlj .stimmt 
also wörtlich mit Mossoreticus 10, 13 ra-iix -im nip t,' überein. Auch in seinem Ant- 
wortschreiben an Schohach beruft sich Josua auf jenes Wunder fol. 48 a oben: ^J!«*— L.I 

J^^ ^j>^\ ^Ö jL^Jl J .^jj ^Icj Aill J^ j^W J-k [jl] *}i\ ^JJ O^J Jl 

jjv:«9j. Vom Könige der Stadt Ajj heißt es ebenda fol. 26b <^^ Lt ctS^ ■'v- (iiloj 

>■ [^ji \j^j ÄUiaLI ^i _>Uj j U^jj UjSj'lj "CL^ J\y\i ^^ y\ AA\ j_j. 

]n PiNHAS Chronik stehen noch andere Einzelheiten, die iui Samaritanus fehlen. 

82' 



906 Gesammtsitzuiig vom 30. Juli 1908. 

hat, nämlich das Lied vom Stillstelien der Sonne und des Mondes bei 
Gibeon, das im Massoreticus tatsächlich auf Vers i 2 folgt. Im Sama- 
ritanus ist aber diese Lücke offen geblieben und von den späteren 
Abschreibern nicht ausgefüllt worden — auch nicht in den drei von 
Gaster benutzten Handschriften. Nur in einer Hinsicht \vei<',ht Sama- 
ritanus von seiner arabischen Quelle ab, und zwar darin, daß er den 
massoretischen Text in viel größerem Umfange aufnimmt, als es die 
arabischen Chronisten getan haben. Dieses erklärt sich daraus, daß 
ihm das bloße Abschreiben vom Hebräischen weniger Arbeit kostete 
als den arabischen Chronisten das Übersetzen aus dem Hebräischen ins 
Arabische. Einem Schriftsteller, dem selbst das korrekte Abschreiben 
so viele Mühe macht, ist es niclit zu verdenken, daß er sich seine 
Arbeit möglichst zu erleichtern suchte. Hiermit hängt es offenbar 
auch zusmnmen, daß er diejenigen Erzälilungen, die in den arabischen 
Chroniken in so ausfuhrlicher Weise vorliegen, nicht nach ihrem gan- 
zen Umfange wiedergibt und dabei nicht nur die schwulstigen und im 
höchsten Grade übertriebenen Phrasen in der Schobacherzählung un- 
berücksichtigt läßt, sondern auch manche Einzelheiten ausläßt, die für 
das Verständnis des ganzen Zusammenhanges von Wichtigkeit gewesen 
wären. Umgekehrt verfälirt er, wenn er Begebenheiten erzählt, über die 
im biblischen Josua nur kurze Angaben stehen, die aber in den arabi- 
schen Chroniken auf Grund von Stellen aus dem Pentateuch ausfülir- 
liclier behandelt bzw. ausgeschmückt sind; so z. B. der ganze Vorgang 
der Aufstellung der Stämme auf Gerizim und Ebal (Kap. IX, 15 ff.), 
die Erzählung vom Auszug aus Ägypten (Kap. XVIII, 1 7 ff.) und die 
Bündnisschlieioung des Hohenpriesters Eleazar mit dem Volke Israel 
(Kap. XXIII, vgl. auch Kap. XIX, 8 f.). Aber auch dies geschah bloß 
aus Bequemlichkeitsgründen. Denn in solchen Fällen lag es für den 
Verfasser näher, anstatt aus dem Arabischen zu übersetzen, die Bibel- 
verse selbst aufzunehmen, die den arabischen Chronisten als Unterlage 
gedient haben. Nur an einer einzigen Stelle geht der Verfasser über 
seine arabischen Quellen hinaus. Kap. XXI, 7 ff", teilt er ein Gebet 
Josuas mit. das in der Chronik des Pinhas und wohl auch in den 
übrigen arabischen Chroniken fehlt. Dieses Gebet, die einzige selbstän- 
dige Arbeit unseres Schriftstellers, ist indes nur ein «Sammelsurium« 
von verschiedenen Versen aus der Bibel und einigen Brocken aus den 
samaritanischen Gebeten. In seinem Josua sind demnach zwei Bestand- 
teile enthalten: i. der massoretische Text des Josuabuches, 2. liturgi- 
sche Zusätze und Erzählungen, welche unmittelbar aus den arabischen 
Chroniken übersetzt sind. Nur ganz vereinzelte Stellen sind aus ver- 
schiedenen Versen des massoretischen Josuabuches und des Pentateuchs 
zusammengestellt. 



A. S. Yahuda: Über die Unechtheit des saniaritanischen Josuabuches. 907 

So haben wir ein Josuabuch vor uns, das, wenn es auch nicht 
direkt als Fälschung hingestellt werden kann, so aber doch als eine 
unbeholfene, unselbständige literarische Leistung und geradezu als eine 
Verballhornung des biblischen Josua angesehen werden muß. 

Nun wollen wir A^ersuchen, die Entstehungszeit des vor- 
liegenden samaritanisc-hen Josuabuches näher zu bestimmen. Durch die 
Feststellung der Beziehungen des Kompilators zur Chronik des Abul- 
Fath, die nach Angabe des Verfassers (S. 4, 13) im Jahre 1355 n. Chr. 
geschrieben wurde, ist ein Terminus post quem gewonnen worden. 
Dieser Zeitpunkt kann aber noch durch folgende Tatsache um zwei Jahr- 
hunderte vorgerückt werden. Der gelehrte Drucker Samuel Schallum, 
der erste Herausgeber der von Abraham Zakkuto {1450 — 15 10) ver- 
faßten Chronologie Juchasin (Konstantinopel 1566), erwähnt in seinen 
Nachträgen zu diesem Werke, daß er in einer samaritanischen Chronik 
einen Bericht über den Krieg zwischen Josua und den Königen 
unter Schobach, dem König von Persien, gefunden hätte, welclien 
die Samaritaner einem Midrasch entnommen zu haben behaupteten', 
und gibt einen Auszug aus der Korrespondenz zwischen Josua und 
Schobach in hebräischer Sprache wieder. Schon aus dem Umstand, daß 
sein Bericht nicht wörtlich mit dem des samaritanischen Josua überein- 
stimmt, dürfte gefolgert werden, daß ihm eine andere Quelle vorlag als 
dieser Josua. Und da er von einer samaritanischen Chronik und nicht 
von einem Josuabuch spricht, so scheint ihm ein samaritanischer 
Josua in hebräischer Sprache überhaupt niclit bekannt gewesen zu sein. 
Aus dem o-anzen Stil seines Berichtes geht deutlich liervor. daß die 
samaritanische Chronik, die von ihm bzw. dem Übersetzer benutzt wurde, 
ebenfalls nur in ara1)ischer und nicht etwa in hebräischer Sprache 
geschrieben war; allerdings ist seine hebräische Übersetzung eine weit 
bessere als die des samaritanischen Josuabuches und weist lange nicht 
so viele Arabismen auf". In dieser Tatsache könnte man einen An- 
haltspunkt dafür finden, daß es zu jener Zeit, also um 1550, einen 
hebräisch geschriebenen Josua in samaritanischer Rezension noch nicht 



' \'gl. ebenda letztes Blatt a ^^K ■a-r.n^ •rt-s. :s-.5 11311 a^^n-=n i:iirT ^-rr: ^n^si inss-j 
D^iinir; Vb. 

^ Uin diesen Unterschied zu veranschaulichen, möge hier dei- Brief des Scho- 
l)ach in der Fassung, wie sie Samuel mitteilt, folgen, i-m o-s ^3^=1; ^r-s':- -rt::n yspntj 
-;si ny:^ ci-in s^i nn:a ijnii^a ri:-nr irii^pa ir'-a-i-o -^ ■::it> niz->» zst ~ns diVb 113 -p ysin-' -;iVs 
jiCDl "jiW y^i: "Jras Dil 'h -yi dii-js 13 -;^ yi rnsi ~tjw p^i mi:-a- a--ny ^31 z-r,z n.iin i3->nias pT 
fiapai aisna opi-nia a-'^izi t^sh --.ai ^^^s hJ:; Dinisy 3^3^': -":: idrds a-i-^s --- -n^m ^1:^3 -•<-iy 
lusn sVi -;ni:n^53 i\i3 -j'b pm yar. rri^i •a-^yi ^bs iisj- ^E^ irn-wai r.vrhs ■'-nz-'^iz z-n •'t-ns 353 
aisns vrez -^Vs ^:s2 "■: ]3 ■'-ns. Sowohl dieser Brief als auch das Antwortsclireiben 
des Josua an Schobach entsprechen mehr dem arabisclien Text als die Übersetzung 
im Samaritanus. 



908 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. 

gegeben hat. Diese Annahme wird noch dadurch gestützt, daß die 
Samaritaner. wie man aus Dr. Gasters einleitenden Bemerkungen (§ i) 
folgern nuiß. in ihrer Korrespondenz mit Scaliger (um 1598 n. Chr.) 
nur von einem arabischen Josua sprechen und nichts von einem 
hebräischen wissen. Wiclitig ist auch die Mitteilung des Heraus- 
gebers (ebenda), nach der auch er weder eine Pergamenthandschrit't jioch 
irgendeine andere alte Handschritt des hebräischen Josuabuches bei den 
Samaritanern in Nablus gefunden habe. Die Vermutung läge also 
nicht allzu fern, daß vorliegender samaritanischer Josua erst nach 
dem Jahre 159S verfaßt worden ist. Gerade der Umstand, daß 
die Samaritaner, die liir Geld und gute Geschenke sich immer bereit 
linden ließen, ihre Handschriften auch an »Um-eine« zu veräußern, 
in ihrer erwähnten Korrespondenz den Verkauf eines Josua an Nicht- 
samaritaner rundweg ablehnten, dürfte als Beweis angesehen werden, 
daß sie eben einen hebräischen Josua gar nicht besessen haben. 
Denn hierbei kann es sich nur um einen hebräischen Josua gehandelt 
haben, da sie doch den arabischen wohl aus der Hand gegeben haben 
müssen, wie die JrrxBOLLSche Herausgabe des arabischen Liber Josuae 
beweist. Ich möchte daher annehmen, daß der hebräische Josua in 
der Fassung, in der er in der editio Gaster vorliegt, seine 
Entstehung überhaupt nur der Nachfrage europäischer Gelehrter 
jener oder vielleicht noch späterer Zeit zu verdanken hat. Ich 
möchte sogar ferner annehmen, daß manche Korrekturen und .Ände- 
rungen im vorliegenden samaritanischen Josuabuehe von neueren Ab- 
schreibern auf Grund des massoretischen Textes und auch sonst vor- 
srenommen worden sind. Die Kodizes B und C bieten manche Les- 
arten, die, wie oben erwähnt, sich mit dem arabischen Originale decken : 
diese dürften wohl auf den KompUator selbst zurückgehen, da er von 
seinen arabischen Vorlagen in so hohem Maße abhängig ist und die 
eigentliche tJbersetzungsarbeit geleistet hat. Wenn nun Kodex A, den 
Dr. Gaster als Grundlage seiner Edition annahm (§ 86), solchen Les- 
arten gegenüber andere bietet, die dem Geiste der hebräischen Sprache 
näher stehen, so dürften sie wohl als nachträgliche Korrekturen ange- 
sehen werden. Vgl. z.B. Kap. X, 13, Note i Ti-n mpim ya = Chronik 
i;Lil -J j., wofür A = Massoreticus TStt Trtn 2-V2. Kap. V. 25, Note 2 
nrr n"irr -^ ;:■ (1. n—r = rrsin) = Chronik '\S U J°j. wotiii- A = 
Massoreticus l'rr': ir-r (1. r:'"rn). XI. i, Note 7 =-bs-:r"n = Chronik 
jv-L'l^VI, A '-SIC. XVI, 3, Note 12 =":r:=n r.-'r-:'- = j)-^\ ili, wo- 
liir A ist"';. Vers 8, Note 4f -:-r-:5':2 ]z^ -rr^s^ p' ":rr r-rir rfc2 •:?-;■' 
= Vj^J^j . . . )" cU^ k \LJi-, wofür A 'rn'rbi22i -rcisn r"rr ~rs '•:z2. 
Vers 28, Note i rmnn" = ^.I^J, wofür A r'C-im. XVIII, 10, Note 4 



A. S. Yahuda: Über die Unechtheit des saiiiaritanischen Josuabuches. 909 

rrbD für bbans:; dasselbe XX, i8, Note 8; endlich XIX, 9, Note i ^;»ia 
fiir das arabische 31512 (vgl. oben S. 903,8). 

Wir würden somit in der editio Gaster einige, wenn auch kleinere 
Bestandteile allerjüngsten Datums haben'. 



In unseren bisherigen Ausführungen haben wir versucht, den Be- 
weis dafür zu erbringen, daß der samaritanische Josua ein Machwerk 
aus neuerer Zeit ist. Die Zweifel, die man schon vor vielen Jahren 
an der Existenz eines echten alten hebräischen Josua in samaritani- 
scher Rezension gehegt hatte (§ i), erweisen sich als richtig, und von 
einem solchen Josua kann heute überliaupt nicht mehr die Rede 
sein. Nun entsteht aber die Frage, ob aus der übrigen bei den 
Samaritanern noch erhaltenen Literatur nicht auf das frühere Vor- 
handensein eines alten, hebräischen Josua geschlossen werden kann. 
Gibt es doch bei den Samaritanern einen arabischen Josua, von dem 
schon Abul-Fath, wie erwähnt, spricht und den er als Quelle benutzt 
hat. Sollte nicht etwa, möchte mancher fragen, dieser arabische Josua 
auf eine alte, ursprünglich hebräisch geschriebene samaritanische Re- 
zension zurückgehen? Es könnte doch wohl möglich sein, daß es vor 
vielen Jalirhunderten eine solche hebräische Rezension gegeben hat, die 
dann später verloren gegangen ist. Wir liätten somit doch wenigstens 



' Als ich bereits mit meiner Untersiicbiiiii>- über das .losiiabiicii 7.u Ende war, wurde 
ich auf eine Korrespondenz im »Jewisch Cinonicle" vom lo. Jidi d. J. aufmerksam ge- 
macht, in der Hr. David Yellin aus Jerusalem, ein tüchtiger Arabist und hervorragender 
Kenner der samaritanischen Literatur, darauf hinweist, daß das samaritanische Josua- 
buch bereits vor 5 Jahren im Jahrbuch ■Jerusalem«, herausgegeben von M. Luncz, 
Bd. 4, Heft 2, S. 138 — 155, Jerusalem 1903, allerdings in gekürzter Form, erscliienen 
sei, und daß er schon damals ebenda Heft 3 S. 103 ff. einige Arabismen festgestellt habe. 
Hr. Yei.i-in ist der Meinung, daß der samaritanische Josua von Abul-Fath selbst in 
hebräisclier Sprache verfaßt worden sei, imd nimmt an, daß ihm ein alter hebräischer 
Josua vorgelegen habe. Nach meinen obigen Ausführungen kann es jedoch nicht der 
Fall sein. Die Stelle 6, i im massoretischen Josua wurde von den arabischen Chronisten 
nicht aufgenommen, weil sie schon den Zusammenhang in Josua selbst stört. Aus 
diesem Grunde fehlt sie auch im Samaritanus -/.wischen Kap. VI, 10 und Vl\. 1. Be- 
merkenswert ist, daß auch in den dem Hrn. Yellin bekannten Handschriften des 
samaritanischen Josua die Stelle über das Stillstehen von Sonne und Mond fehlt (vgl. oben 
S. 906, 2 ff.), ein Beweis mein- dafür, daß jenes Versehen auf den Verfasser des samari- 
tanischen Josua selbst zurückgeht. Zuletzt machte mich noch Hr. Prof. Nöldeke auf einen 
Artikel im »Tag« (Berlin) vom 19. Juli aufmerksam, in dem Prof. Siegmund Fbänkel- 
Breslau den samaritanischen Josua für ein späteres Produkt der Sainaritaner erklärt 
und aus seinem arabischen Sprachcharakter, den ja jeder Arabist erkennen muß, auf 
seinen Zusammenhang mit arabischen Chroniken schließt. Indes ist aus diesem Artikel 
nicht zu ersehen, wie sich Hr. Prof. Fhänkel diesen Zusammenhang denkt, und in 
welche Zeit er die Abfassung des samaritanischen Josua versetzt. 



910 Gesammtsitzung vom 3(1. Juli 1908. 

im arabischen Josua Bestandteile eines verloren gegangenen alten 
biblischen Buches, das wesentlich vom massoretischen Text abwich 
und manche wichtige Zusätze enthielt, die für die biblische Wissenschaft 
immerhin von Bedeutung wären. Hier könnten indessen für einen 
solchen Josua, außer einigen unbedeutenden Einzellieiten, doch nur 
die Schobachsage und die Erzählung des Zweiundhalb-Stämme-Reiches 
unter Nöbach in Betracht kommen. Denn alle anderen im arabischen 
-losuabuche A^orhandenen Zusätze sind teils von echt arabischem bzAV. 
muhammedanisch- theologischem Geiste getragen, teils aus apologe- 
tischen und polemischen Gesichtspunkten von den Samaritanern ein- 
geschoben worden. Daß aber auch die Schobachsage und die Nöbach- 
erzählung in der Form und in dem Umfange, wie sie im arabisch(Mi 
Josua vorliegen, nicht direkt auf ein altes hebräisches Original zurück- 
gehen können, sondern vielmehr zuerst in arabischer Sprache ver- 
faßt worden sind, beweisen die hetzerischen Redensarten, die nur 
aus arabischem Munde verständlich sind, und die ganze Auffassung 
der kriegerischen Verhältnisse, wie sie in arabischen Kriegsromanen 
des II. und i 2 . Jahrhunderts geschildert werden. Die ganze Haltung- 
dieser Stücke, sowie der wilde Ton, der namentlich in der Schobacli- 
sage herrscht, vertragen sich durchaus nicht mit dem Geiste der 
biblischen Erzählungen. Wer aber Gelegenlieit gehabt hat, die öffent- 
lichen Romanerzähler in Kairo oder Damaskus zu hören, der wird 
erkennen, wess Geistes Kind jene Stücke des arabisclien Josua sind.' 
Der arabische Josua kann demnach in der Fassung, in der er vor- 
liegt, nicht auf einen alten hebräischen Josua zurückgehen imd das 
frühere Vorhandensein eines solchen in einer samaritanischen Rezension 
muß A^erneint werden. Wir wollen aber in der Folge die Frage ent- 
scheiden, ob man, wie es gescliieht, von einer arabischen Rezen- 
sion des Josuabuches vom Standpunkt der S am ar itaner sprechen 
kann, d. h. ob das arabische Josuabuch A'on den Samaritanern 
selbst jemals als Rezension eines biblischen Buches angesehen 
und als solches behandelt wurde, oder ob das sogenannte arabi- 
sche Josuabuch nicht viehnehr einen Ausschnitt aus einer sama- 
ritanischen Chronik darstellt, die von einem älteren samaritanischen 
Chronisten in arabischer Sprache verfaßt und dann von anderen fort- 



' Vgl. z.B. den Anfang de.s Antwortschreibens des Josua an Scliobacli (oben 8.902). 
Ganz sonderbar nehmen sich echt Quränische Verse aus dem Munde eines Josua 

aus, wie z. B. (oben S. 902,22!'.) j_j-^ Liäl« ^^\ |_j*ii' J-JJl 4i^\ i«^J (Süra 26.228). 

An einer andern Stelle läßt der Verfasser den Josua sagen (Ms. Or. Qu. 936 fol. 47 a): 

._Jjy tili ^ J-Jl ^J| ^1 -Uli "VI ö'ß Vj Jy- V J_^ (>=► L'jU.i.li ^*^^ Ul 



A. S. Yahuda: Über die Uiiechtheit fies samaritanischen Josuabiiehes. 911 

gesetzt worden ist. Für letztere Annahme spricht der Umstand, daß 
es keine bis jetzt bekannte Handschrift des arabischen Josuabuches 
gibt, die sich ausschließlich mit der Josuazeit beschäftigt, ohne nicht 
auch noch Erzcählimgen aus der vor- und nachjosuanischen Zeit zu ent- 
halten; ferner, daß der arabische Josua sich nicht als Teil der 
Bibel schlechtweg ausgibt, sondern sich vielmehr als der Teil einer 
Chronik bezeichnet, in dem die Geschichte von dem Einzüge der Kin- 
der Israel in Kanaan unter Josua enthalten ist'. Dieser Teil der is- 
raelitischen Geschichte ist ganz frei nach dem massoretischen Josua 
bearbeitet unter Benutzung anderer Quellen und Heranziehung von 
Legenden, die in mündlicher Ti-adition sowohl bei Juden als auch 
Samaritanern von altersher kursierten. So ist auch die Bileamsage, 
der Krieg gegen Midjan und der Tod Mosis von den Samaritanern 
frei teils nach der Bibel, teils nach anderen mündlichen Überlieferungen 
bzw. schriftlichen Quellen behandelt worden; ebenso ist es bei anderen 
Erzählungen der biblischen Geschichte der nachjosuanischen Zeit ge- 
schehen. Gerade die oben angeführte Mitteilung des Samuel Schallum, 
wonach die Samaritaner die Schobachsage nach ihrer eigenen Angabe 
einem alten jüdischen Midrasch entnommen hätten, ist von großer 
Wichtigkeit und kann nicht ohne weiteres als unrichtig von der Hand 
gewiesen werden. Daß in der Misehnah (Sota 8, i) ein einziges Mal 
und nur beiläufig der Name Schobach als Name eines aramäischen 
Helden, der er auch nach 2. Sam. 10, 16 war, erwähnt wird und nicht 
als eines Königs A'on Persien, als welcher er im arabischen Josua da- 
steht, kann wohl, wie der Herausgeber meint, als Beweis dafür gelten, 
daß man in talmudischen Zeiten irgendeine Schobachlegende gekannt 
hat, beweist aber durchaus nicht, daß jene Legende ihren Ursprung 
in einem alten samaritanischen Josuabuche gehabt haben muß (§ 80). 
Ebensowenig können die P]inzelheiten, in denen sich Josephus und die 
Samaritaner in ihrer Josuageschichte begegnen (§ 48 ff.) für die Exi- 
stenz eines alten, hebräisch-samaritanischen Josuabuches beweiskräftig 
sein. Beide, Josephus sowohl als auch die Samaritaner, haben ihre 
gemeinsamen Quellen in alten jüdischen Midraschim und mündlichen 
Legenden, die gewiß noch manche Züge aus alter Zeit erhalten haben. 



' Der Titel des .irabischen Josuabuches lautet gewöhnlich: _^j /*~l>r „/"^ 
jULj ^ j\ ijl ij-''l<— I [^ J_^J /f« AVi y^t d.h.: "Das Buch Josua, und dieses 
ist eine Chronik, die mit dem Einzug der Israeliten in Kanaan beginnt.« Manche 
Handschriften iiaben sogar den Zusatz \aa lu^ ^jl, d. h. »bis auf unsere Tagel« 

Wenn nun eine Handschrift bloß ^yc ys-- »Buch Josua- als Titel führt, so soll 
damit nicht der Charakter des Buches als biblisch hervorgehoben werden. 



912 Gesammtsitziing vom 30. Juli 1908. 

Der arabische Josua kann also selbst von einem samaritanischen 
Standpunkt aus nicht als die Rezension eines alten hebräischen Josua 
betrachtet werden. Der arabische Josua hat auch niemals bei den 
Samaritanern die Autorität eines biblischen Buches genossen. Unter 
diesem Josua verstehen sie nicht ein in sich abgeschlossenes biblisches 
Buch, sondern, Avie bereits erwähnt, nur den Teil ihrer Chronik, der 
sich in erster Linie mit der Josuazeit befaßt. Da sie nun beim 
Abschreiben tlieses Teils die Chroniken als Vorlage benutzen, so hängt 
es vom jeweiligen Absclireiber ab, ob er sieh bei seiner Abschrift 
bloß auf die Josuageschichte allein beschränkt, oder ob er auch noch 
andere Abschnitte aus der vor- und nachjosuanischen Zeit in sein 
31anuskript aufnimmt. Hieraus erklärt es sich, daß die Abschreiber 
die Überschrift der ganzen Chronik an die Spitze des arabischen 
Josua setzen, wenn auch dieser nur einen Teil der Chronik enthält'. 

Fassen wir alle diese 31omente zusammen, so kommen wir zu dem 
Schlüsse, daß der sogenannte arabische Josua ebensowenig als authen- 
tische Rezension des biblischen Josua angesehen werden kann wie 
der von Dr. Gaster herausgegebene hebräisch-samaritanische Josua. 
Beide sind Erzeugnisse kompilierender Ski-ibenten, die in jeder Be- 
ziehung von denselben Gesichtspunkten geleitet worden sind, ein- 
schließlich der Tendenz, sich die Arbeit möglichst zu erleichtern. 
Hat der Kompilator des hebräischen Josuabuches sich die große Mülie 
einer Übersetzung dadurch zu sparen gesucht, daß er überall dort, 
wo der massoretische Josua und der Pentateuch herhalten konnten, 
sie einfach in sein Werk aufnahm, so hat sich der Kompilator des 
arabischen Josuabuches die Arbeit einer Übersetzung aus dem Hebrä- 
ischen dadurch vereinfacht, daß er den massoretischen Text nur in 



' Derselbe Fall dürfte auch in der Übersclmft des hebräisch-samaritanischen 
Josua vorliegen. Die Überschrift lautet: •;": p rsw ssst: Tsra a^rir; v-^-: -- ssa n-'':ir: -so rr 
:-Tr 2-7- -r -r:r •,— .s "is , d. h.: »Dieses ist eine Chronik, darin sich findet die Geschichte 
von dem Einzug Josuas, des Sohnes Nüns in das Land Kanaan bis auf den heutigen 
Tag.« Die letzten AVorte können sich kaum auf die Zeit beziehen, mit der Samari- 
liinus abschließt, nämlich mit der Ernennung des Pinhas, des Sohnes Eleazars ziun 
Hohenpriester, da »bis auf den heutigen Tag« in den samaritanischen Chroniken auf 
die Zeit des jeweiligen Verfassers der betreflfenden Chronik hinweist. Die Überschrift. 
wie sie hier vorliegt, kann demnach nicht von vornherein für den Samaritanus be- 
stimmt gewesen sein, sondern muß die Übersetzung des Titels jener arabischen 
Chronik sein, die vom Kompilator des Samaritanus benutzt wurde, und die tatsäch- 
lich bis auf die Zeit ihres X'erfassers ging. Der Kompilator folgte hier dem Usus 
der Abschreiber des arabischen Josua, indem auch er an die Spitze seines Josua den 
Titel der ganzen von ihm benutzten arabischen Chronik gesetzt hat. Von den Ab- 
schreibern des arabischen Josuabuches, das ja nur einen Teil der von ihnen abge- 
scliriebenen Chroniken darstellt, könnte man sich einer solchen Kopflosigkeit versehen, 
nicht aber von einem Kompilator, der einen Josua zurechtmacht, der ein biblischer 
Josua sein soll. 



A. S. Yahuda: Über die Uiiechtheit des samaritanischen Josuabuches. 913 

verkürzter Form wiedergab. Nur dort, wo er in der ihm geläufigen 
arabischen Sprache seine schriftstellerische Tätigkeit entfalten konnte, 
wie in der Schobachsage, ließ er seiner Phantasie alle Zügel schießen 
imd bot alle Phrasen auf, die ihm aus den arabischen Heldenromanen 
bekannt waren. Die Samaritaner, »das Unvolk von Sichem«, wie sie 
Josua Sirach 50, 26 nennt, haben sich niemals weder in wissenschaft- 
licher noch in literarischer Produktion sehr hervorgetan; ihre letzte 
bemerkenswerte Leistung, der vorliegende samaritanisch- hebräische 
Josua, schließt sich dieser ihrer literarischen Vergangenheit würdig an. 



Eine Bemerkung über das Alter der ThoraroUe des Abischa. 

Der Erste, der von einer ThoraroUe »aus dem 13. Jahre des Einzugs der Israeliten in 
Kanaan» erzählt, ist Abul-Fath. Die sehr bemerkenswerte Stelle beiAbul-Fath([). 35) lautet: 
(j- ä-1ai1 Ju-JI ^JD (d. ii. im 13. Jahre des Einzugs in Kanaan) öjy^='Jl\ "CJl ^jj 

^_^_>iÜa9 jSi\ /«UVi \iSi^ iaia- ,J A^J^\ ,_^ L' (j jVl J»=^_*J>i <^ j~^\ ^IIA)| ~:>zL» 

j\^y\ jj-^_ (Jl«)' -uil i.Li j\ «jLij ojj>j ^^1 <«L.V1 (j '*-»-^' '^tt ojliL-lj cü- 

d. h. i. J. 756 H) ÄJ_!l ojjb jj JU 4J!l ^jS^o^[J\ l^[h ijx\i Jyl\ ji-l l^ij 

t> Jll Äc-li;! o-*^Ltj 'L.Jic <cU C^l^ oilill J_fr Ou- ij 'U.I^J jO;^ (r=: 1355 n. Chr. 

fr 
_^J (Deut. 6, 4 ff.) SsTil-' ■J^'a -U (_5JH -;s-'a-' ■'S -i-^ -Ct -j« c\j^j •Ü |_jJJl J.L*..J1 Ij -Jss^ 

tm-'^i. -\-z -:i-2 !=ns nnss snpn ^jo ■'nans itisdi mn-i ■jiai d-> inn -j^rrs p -•vJ'^x p onD---: 13 yaias ^:s 

Unter ö^^J' verstehen die Samaritaner die Erlösung und Wiederherstellung 
des Heiligtums auf dem Berge Gerizim, wie .in den Tagen der göttlichen Gnade« 
iö^^J' f\;' vor der Zerstörung dieses Tempels). Die angebliche Eintragung (^(Sf-^) 
des Datums durch Abischa in den Pentateuchtext der angeblich von ihm geschiiel)e- 
nen ThoraroUe ist an der Stelle Deut. 6, 9 (nicht 11, 29, wie § 58) angebracht. 

(Sam. Kap. XXIV, 6 nsp iwa heißt: »ein wenig nach« (arab. -*^.), und die \'ariante B 

und C ins ist richtiger. Ebenso ist Vers 6 und 7 mit B und C iVps.i anstatt 1^"'°'= ^^ 
lesen.) Was die »Entdeckung» der ThoraroUe bedeutet, ist ganz klar: was bis auf 
die Zeit des Pinhas »verborgen« war, ist eben bis dahin gar nicht voilianden gewesen! 
Die Datierung trägt die Fälschung an der Stirn. Denn rnni in:!-! anV ist die muham- 

medanische Eulogie f^}^ *ü\ jlj-^. Daß diese ThoraroUe in Abul-Faths Zeit ent- 
standen ist, wird wohl kaum jemand bezweifeln wollen. Es ist auch nicht schwer, 
den Schreiber dieser ThoraroUe zu identifizieren: nach der samaritanischen Chrono- 
logie hatte der obengenannte Oberpriester Pinhas (704 bis 760 a. H. = 1304 bis 
1358 n. Chr.) einen Sohn namens Abischa. Von diesem Abischa werden große Wunder 



914 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. 

erzählt, und er wird als ein Heiliger gefeiert, in dem ein Geist aus »den Tagen der 
göttlichen Gnade- weilte, und dem Gott gar manches oflenbart habe. Unter den 
göttlichen Offenbarungen, die ihm zuteil geworden sind, wird wohl die Offenbarung 
der von ihm selbst geschriebenen Thorarolle die bedeutsamste gewesen 
sein. Darum hat man auch in ihn den Heiligen Geist aus -den Tagen der göttlichen 
Gnade« gegossen, aus denen die Thorarolle stanmien sollte. Die Chronisten heben 
ferner ausdrücklich hervor, daß diesei' Abischa von seinen Zeitgenossen den Ehrentitel 

»Abischa der .^utor- ,_JL^\ ^^v.1 erlialten hätte. Da nun keine »Werke« von ihm 

genannt werden und ihm nur -Aussprüche, in denen alle Geheimnisse der Weisheit 
enthalten seien«, zugeschrieben sind, so diirfte die Thorai'olle sein einziges großes 
»Werk« gewesen sein; und da diese Thorarolle nach Angabe der Samaritaner selbst 
die älteste Pentateuchhandschrift überhaupt sein soll, so müssen die »jüngeren« samarita- 
nischen Pentateuchhandschriften. die angeblich i 200 oder gar i8oo,lahre alt sind, noch 
viel später als 1355 n. Chr. geschrieben worden sein. Von großer Wichtigkeit ist der 
Umstand, daß der berühmte Reisende Benjamin von Tudela, der Ende des i Z.Jahrhunderts 
die Samaritaner in Sichem-Nablus besucht hat. nichts von der Abischa-Thorarolle 
weiß (§ 65). Dies düifte genügen um alle Angaben der Samaritaner ülier das hohe 
Alter ihrer Pentateuchhandschriften als Erfindung zu charakterisieren. Wohl haben sie 
in früheren Jahrhunderten alte ThoraroUen besessen; diese sind aber schon sehr früh 
demselben Schicksal der Vernichtung anheimgefallen, das auch die ältesten Bibelhand- 
schriften der Juden ereilt hatte. Heute haben die Samaritaner keine einzige Pen- 
tateuchhandschrift, die älter wäre als 600 Jahre. Die Petersburger Hand- 
schrift der i)ro[)hetischen Bücher aus dem Jahre 916 n. Chr. muß noch immer als die 
älteste bis jetzt bekannte Bibelhandschrift gelten. Wieviel Vertrauen im übrigen die 
.Samaritaner in der Datierung ihrer Handschrillen verdienen, zeigt folgender Vorfall. 
Vor einigen Jahren erwarb ich eine samaritanische Handschrift von ihrem Abschreiber 
selbst; die Handschrift war abei' um mehr als loo Jahre zurückdatiert. Als ich 
mein Erstaunen hierüber aussprach, erklärte mir der biedere Mann: Ja, aber nach 
200 Jahren wird doch die Handschrift mehr als 300 Jahre alt sein! Es kam ihm 
etwas sonderbai- vor, daß mir das richtige Verständnis lur eine derartige Gefälligkeit 
fehlte. In den europäischen Bibliotheken liegt manche samaritanische Handschrift, die 
um viele Jahre zurückdatiert ist und die in späteren Jahrhunderten noch manchen For- 
scher in Verwirrung bringen wird. 



E.Sieg und W. Sieglino: Tocliarisch, die Sprache der Indoskytlien. 915 



Tocharisch, die Sprache der ludoskythen. 

Vorläufige Bemerkungen über eine bisher unbekannte indogerma- 
nische Literatursprache. 

Von Dr. E. Sieg uiul Dr. W. Siegling 

in Berlin. 



(Vorgelegt von Hrn. Pischel am 16. Juli 1908 [s. oben S. 735].) 



Hierzu Taf. X. 



k^eit mehr denn Jahresfrist auf Anregung des Hrn. Geheimrat Pischel 
mit der Sichtung des i-eichen handschriftlichen Materials beschäftigt, 
das die von der Königlich Preußischen Regierung entsandten Exjiedi- 
tionen nach Turfan der HH. A. von Le Coq und Prof. A. Grünwedel 
ergaben, haben wir unser Augenmerk von vornherein hauptsächlich 
auf die Handschriftenreste unbekannter Sprachen in Brähmischrift ge- 
richtet. Nach HoERNLES Veröftentlichungen und Untersuchungen' hatten 
wir mit drei Fremdsprachen zu rechnen", von denen eine, in Doku- 
menten vorliegende, sicher mit dem li-anischen verwandt sein mußte 
(s.HoERNLE, JASB. 70, Part 2, Extra-Nr. i, S. 3 2 ff.), während die zweite 
als »prototibetlsch« angesprochen (s. Hoernle a. a. 0. und danach auch 
M. A. Stein, Ancient Khotan, S. 150, 272) und für die dritte mongo- 
lischer bzw. türkischer Ursprung angenommen wurde (s. Hoernle, JASB 
Bd. 62, S. 8 oben, S. 40 unten und Bd. 70, Extra-Nr. i, S. 13; auch 
Lehmann, ZDMG. 61, 1907, S. 652 vermutet noch Zusammenhang mit 
dem Alttürkischen [Uigurischen]). 

Wir erkannten bald, was inzwischen auch Leumann gesehen und 
erwiesen hat (ZDMG. 61, S. 648 ff. und 62, 1908, S. 83 ff.), daß die 
Dokumentensprache (Leumann, Gruppe IIb) mit der Sprache der bis da- 



' Siehe besonders JASB, Bd. 62. 1893, S. yf., Bd. 70, 1901, Part 2. Extra-Nr. i, 
S. i2f., igff., 32ff. 

^ Eine vierte S])rache, die sich gelegentlich auch in Brähmischrift findet und in 
unseren Turfan-Fragmenten mehrfach vertreten ist, war sciion seit Stönners Publi- 
kation in den Sitzungsberichten 1904, S. i2 88flf. als Uigurisch bekannt und kam somit 
für uns nicht in Betracht, da von Le Cog und F. W. K. Möller die Bearbeitung dieser 
Texte übernommen hatten. 



916 Gesaniintsit7.uni; vom 30. Juli 1908. — Mittheilung vom lii. .liili. 

hin flu" prototibetisch gehaltenen Texte (Leumaxx IIa) zusammengehöre. 
Leumann bezeichnet diese Sprache nunmehr als arische Text- bzw. 
Urkundonsp räche, die noch übrig'bleibende Fremdsprache (I seiner 
Ciruppierung) aber auf Grund der Ml'LLKKSchen Xotiz in den Sitzungsber. 
d. Berl. Akad. d. Wiss. 1907, S. 960 als »unarisch«. F.W. K. Müller 
liat in dem angezogenen Artikel* nach einem uigurisclien Kolophon 
und mit Kücksicht auf unsere Untersuchungen, die den indogerma- 
nischen Charakter dieser Sprache ganz außer Zweifel stellen, sie tiir 
t och arisch, also indoskythisch erklärt, und wii* nennen sie demzu- 
folge tocharisch, einmal weil Leumanns Benennung »unarisch« irre- 
führend ist, zum anderen und hauptsächlich aber deswegen, weil wir 
von der Richtigkeit der MvLLEKSchen Identitizierung überzeugt sind", 
t^brigens hatte Hr. von Le Coq uns gegenüber mündlich schon von 
Anfang an diese Identifikation postuliert (vgl. auch Zeitschrift fiir Ethno- 
logie 1907, S. 509 unten). 

Während lum die SxEiNSchen Brähnn-31ss.. die aus der Gegend 
vnn Chotan stammen, außer Sanskrit-Texten hauptsächlich arisch-ost- 
turkistanische Fraiymente enthalten und nur verschwindend wenige in 
Tocharisch. liegt in ilen Sammlungen von vox Le Coq imd Gkünwedel 
aus dem Turfa ngebiote genau das lungek ehrte Verhältnis vor. Diese 
Tatsache dürfte sich einfach so erklären, daß das »arisch« sprechende 
Volk im Süden, das tocharische daueren im Norden Aon Ostturkistan 
gesessen hat. Die schon vor der STEiNSchen Expedition bekannt ge- 
wordenen Ilandschriftenreste in diesen Sprachen sprechen, soAveit ihr 
Ursprungsort beglaubigt ist, nicht dagegen. 

Wie mit den Sprachen, so steht es auch mit den Alphabeten, 
Es liegen im wesentlichen zwei Alphabete vor, A-on denen Hoernle^ 
das eine als Central Asian Gupt.a, das andere als Central Asian Slanting 
bezeichnete. Die Chotan-Mss. sind nun ziuneist in Gupta, die Turfjin- 
Mss. zimieist in Slanting geschrieben. Sanskrit-Mss. tinden sich aller- 
dings in beiden Schriftarten, aber die tocharischen erscheinen alle in 
Slanting, die »arischen« alle in Guptaschrift. 

Leumanx hat bekanntlich seinen Gruppen IIa und IIb entsprechend 
auch das Tocharische in zAvei Gruppen geteilt: la Stücke aus buddhi- 
stischen Werken und Ib ein Arzneimittelbuch*; diese Trennung ist aber 
nicht aufrechtzuerhalten , da die Sprache beider identisch ist; dagegen 
hat sich bei der Bearbeitimg der Turlan-Mss. eine andere Zweiteilung 
des Tcchai'ischen ergeben. Es liegen nämlich zwei sprachlich, nicht 



' »Beitrag zur genaueren Bestimmung der unbekannten Sprachen Mittelasiens- 

^ Über das dem uigurisclien entsprechende tocharische Kolophon s. S. 928. 

^ JASB. 70. 1901. Part 2, Extra-Nr. i. S. iif. und Taf. 2. 

* ZDMG. 61, S. 6si. 



E.Sieg und AV. Sikgling: Tochariseli, die, Spraclie der Indoskythen. 917 

inhaltlich, geschiedene Textgruppen vor, die wir vorläufig als 
Gruppe A und B bezeichnen wollen. Die uns erhaltenen Reste beider 
weisen den gleichen Sehriftduktus auf und sind an den verschiedenen 
Fundorten nebeneinander und miteinander vermischt aus denselben 
Schutthaufen zutage gefördert worden; es läßt sich daher vorderhand 
nichts darüber sagen, ob ein zeitlicher oder ein Dialektunterschied vor- 
liegt. Was wir als Gruppe A bezeichnen, ist bisher ganz unbekannt; 
alle bis jetzt publizierten tocharischen Fragmente' gehören unserer 
Gruppe B zu. In unserem Material sind beide Gruppen etwa gleich 
stark vertreten. 

Der Unterschied zwischen A und B besteht im wesentlichen im 
Vokalismus und Konsonantismus und in der Flexion, doch weist auch 
der Wortschatz Verschiedenheiten auf. nom «Name« der Gruppe A 
lautet z. B. in B nem; cmol »Geburt« ist in B cinel; rake «Wort« in A 
entspricht reke in B; iosi »Welt« heißt in B misse, wasdh »Haus« in B 
osdh, tsar «Hand« in B sar, ksaliine = M^tT, fHcrfijT in B ksflnf, kupre 
»wenn« in B kwi-l usw. Die Flexion der Nomina ist gänzlich ver- 
schieden; während wir in A regelrechte Kasusendungen mit in den 
konsonantischen Stämmen zumeist üblicher Vokalabstufung haben, schei- 
nen in B nur Postpositionen vorzuliegen. So haben wir z. B. von 
einem Pai-adigma der Gruppe A im Si. den Nom. pcd/snk (— fcl^HHH)» 
Ah\. j)nlfskas, Gen. i)al{t)skes, Lok. pa/{t)skam, deren entsprechende Kasus 
in B lauten: palsko, pnlsko-mem, palsko-tse, palsko-nf. Verschiedenheiten 
im Wortschatze sind beispielsweise die Ausdrücke für vjrq: in A mar- 
kampnl, in B pelaikne und für f : HT in A Mop, in B laklc. 

Indessen ist in diesen Beziehungen Vorsicht geboten, da unsere 
Bearbeitung, speziell der Gruppe B, noch nicht so weit vorgeschritten 
ist, daß wir schon mit absoluter Sicherheit urteilen könnten. Die folgen- 
den Bemerkungen beziehen sich daher hauptsächlich auf Gruppe A, 
von der wir unten auch eine Textprobe geben; bezüglich B verweisen 
wir einstweilen auf die oben genannten Publikationen Hoernles und 
Leumanns, deren Transkriptionen freilich durch falsch gedeutete Buch- 
staben sehr entstellt sind. 

Von den Buchstaben des Sanskrit-Alphabetes kommen im Tocha- 
rischen die aspirierten Tenues, die Mediae, die aspii-ierten Mediae, die 
Zerebralen und v außer in Sanskrit-Lehnwörtern nicht vor, Visarga 
fehlt naturgemäß überhaupt; r- und /-Vokal sowie dh sind zwar der 
Schrift nach vorhanden, dürften aber hier einen anderen Lautwert 



' Siehe besonders Leumann, Über eine von den unbekannten Literatursprachen 
Mittehisieiis, Zapiski Imp. Akad. Nauk, VlIL Serie, Tome 4, Nr. 8, St. Petersburg 1900,^ 
S. 2fl'. und HoERNLE, JASB. 70, Part 2, Extra-Nr. i ; Ap]i. 1901 und Facsimile Repro- 
duction of Weber IMss., Part IX and Macartney Mss., Set i. Calcutta 1902. 



t)18 Gesaiiimtsitzuiig vom 3i>. Juli 1908. — Mittheilung vom IG. Juli. 

haben als im Sanskrit (s. sogleicli). Der Quantität nach sind von den 
Vokalen nur a und ä streng geschieden; / und u erscheinen meist als 
Kürzen, ihre bisweilen auftretenden Längen nur als Varianten in Wör- 
tern, die sonst mit Kürzen geschrieben sind, ai und au kommen außer 
in Sanskritwörtern und der Interjektion (?) hai in Gruppe A nicht, in B 
dagegen häufig vor. Das h findet sich nur in ganz wenigen Wörtern, 
so in /tä, hai, h'Mh. die entweder Interjektionen oder auch nur Lehn- 
wörter aus anderen Sprachen sein dürften. 

Die tocharischen Mss. weisen aber noch eine Reihe von fremden 

Zeichen auf. nämlich i . den Vokal fm = " (im In- und Auslaut durch 

Doppelpunkt über den betreffenden Konsonanten bezeichnet) und 2. die 
Konsonanten ^^ = k, .£^ ^= dh(\), .^^ = n, ff = i), ^ = m, 

^ = L, -^ = L ■^ = "•. Jan = ■>•■. •^ = ^, ^ = *\ 

Der Vokal, den wir nach Hoernles und Leümanns Vorgang mit ä 
umschreiben, ist der kurze Laut von unbestimmter Klangfarbe, der 
dem Svarabhakti-Vokal der Inder, dem Schwä indogermanicum ent- 
spricht, Avelches man linguistiscli mit -^ zu umschreiben ptlegt' ; vgl. 
z. B. nkadh «Gott«, Gen. näkles (* fikfps)-. wäknä von einem Nom. wkam 
.(=: wkan). Wie wir sehen werden, ist er auch der Vertreter ^^on idg. e 
(und ö). Außerdem wu-d dieses Zeiclien noch als Klangstütze (= ") 
tiir auslautende Konsonanten in freier Stellung gebraucht, z. B. 
irrasan'l mak, wenn mit Vircäma geschrieben (was wir durch das Vi- 
rämazeichen des Nägari- Alphabetes wiedergeben), aber wrasafi puk, wenn 
■np in Ligatui' stehen. Sanskrit-Lehnwörter zeigen unter gleichen Be- 
dingungen dieselbe Erscheinung, so i/ug'L, art/it usw. In tocharischen 
Worten ist diese Klangstütze die Regel bei auslautenden c, n, s, y und 
w: die anderen mit dem Sanskrit- Alphabet übereinstimmenden Kon- 
sonantenzeichen kommen im Auslaut in freier Stellung überhaupt nicht 
vor, dalTu' treten vielmehr die neuen Zeichen ein', die durch diesen 
Wechsel mit den gewöhnlichen Konsonanten, sobald sie mit dem an- 
lautenden Konsonanten des folgenden Wortes in Ligatur standen, für 
uns zugleich ihren näheren Lautwert ergaben. Sie erscheinen aber 
hier ohne Klangstütze, und auch wo -sie sich anlautend oder im 
Wortinnern finden, erscheinen sie nie mit einer Vokalbezeichnung. 
Dieser umstand sowie die Tatsache, daß sich in einer Handscluift 



' Bisweilen tritt dalur .auch ( ein. 

- Bis auf das n, das im Auslaute nicht vorkouimt, da es dort ständig durch 
Anusvära ersetzt wird. Der Lautwert ergab sich uns aus Sanskrit-Wörtern wie sthänas 
<Al)l. Si. von Skt. i^^H). hhäjanantwam (Lok. PI. von Skt. H|T|f-l). 



E. Sieg und W. Sikgt-ing: Tocliariscli. die Sinnclie der Tndoskythen. 919 

(1er Grupi^e A sah neben dem gewöhnlichen mV'A- (— lo) findet', brach- 
ten uns zu der Vermutung, die wir nachher durch die Grammatik wie 
sprachwissenschaftlich bestätigt fanden, daß alle Fremdbuchstaben 
mit alleiniger Ausnahme des lo (s. sogleich) nur die Dubletten der 
gewöhnlichen Konsonanten sind, sofern ihnen eben das ü 
inhäriert. Als Dublette für i erscheint durchaus analog das dem dh 
in Sanskrit -Wörtern gleiche Zeiclien. Zweifellos hat dieses also in 
tocharischen Wörtern nur den Lautwert tä , zumal es aus dem sonsti- 
gen Lautbestande als einzige Aspirata herausfallen würde. Zudem 
werden Sanskrit -Wörter wie CT5f, 7X^ durch südhar, yandhar wiederge- 
geben. Schließlich sei noch erwähnt, daß in einem, allerdings recht 
schlecht geschriebenen, Brähmi- Alphabet, welches wir noch kürzlich 
auf der schon mit uigurischer Schrift bedeckten Rückseite eines ander- 
seitig chinesisch beschriebenen Bruchstückes (bez. Till, 1 14) teilweise 
erhalten vorfanden, unter den hinter dem Sanskrit-Alphabet aufge- 
führten Fremdzeichen dieses dJi zwischen k und n nochmals erscheint. 
Gleichwohl haben wir die Transkription dh beibehalten, da eben unser 
Alphabet nur ein Zeichen aufweist. 

Die Dublette für / ist das Zeichen des /-Vokales im Sanskrit- 
Alphabet^ im Tocharischen kommt sie anlautend, inlautend und aus- 
lautend, auch in Ligaturen, häufig vor. Die Dublette fiir r steht in 
dieser Form gleichfalls anlautend, inlautend und auslautend, aber nicht 
in Ligatur; außerdem vertritt sie ständig das anlautende r in Sanskrit- 
Wörtern — nur einmal fanden wir in den tocharischen Mss. in diesem 
Falle auch den üblichen Sanskrit-r-Vokal — , während anderseits auch 
in Sanskrit-Handschriften mitunter unser Zeichen für r gebraucht wird. 
— Außer diesem r findet sich nun aber häufig der Sanskrit-r-Haken 
unter den gewöhnlichen Konsonanten und dem w. Besonders häufig 
ist z.B. die Endung (?«)/?• in der Verbalflexion ; da aber daneben oft 
die Endung {n)d]iar vorliegt, so ist wohl anzunehmen, daß wir in diesem 
/• nur die in der Ligatur verkürzte Form des r zu erblicken 
haben ^, doch haben wir auch in diesem Falle die Transkription r bei- 
behalten. 

Das schon von Stönner* aus dem Uigurischen för w festgelegte 
Zeichen hat im Tocharischen denselben Lautwert; bisweilen findet es 
sich in Sanskrit -Wörtern an Stelle von n, während anderseits, doch 



' In Gruppe B erscheint übrigens für auslautendes * in freier Stellung (= s^) 
ständig dieses s und es ist auch inlautend durchweg sehr verbreitet. 

^ Siehe E. Sieg, Sitzungsber. 1908, S. 186. 

^ Vgl. hierfür auch sämitdr für SFJT-T^- 

* Zeitschrift für Ethnologie 1905, S. 420; ebenda auch die Zeichen für k und s 
und bei F. W. K. Möller, Sitzungsber. 1907, S. 960, Note 3 die Zeichen für m und p. 

Sitzungsberichte 1908. 83 



920 Gesammtsitzmiy; vom 30. Juli 1908. — Mittlieiliing %-oni 16. Juli. 

ganz selten, in tocharischen Wörtern ii an Stelle des sonstigen ic ge- 
schrieben wird'. Daß dieses ic aber niclit im Sinne der anderen Fremd- 
zeichen Dublette von r ist, ergibt sich daraus, daß es in Verbindung 
mit allen Vokalen erscheint. 

Ligaturentabellen in Brähmi-Schrift, von denen uns verschiedene 
Bruchstücke erhalten sind, gehen das ganze Sanskrit- Alphabet, auch 
die im Tocharischen nicht vorkommenden Laute, in den verschieden- 
sten Ligaturstellungen in Verbindung mit sämtlichen Vokalen bis zum 
Visarga und Anusvära durch und geben nach h noch die drei Zeichen 
w, ts und tts'. Diese letzten beiden Lautgruppen müssen also eine 
gewisse Besonderheit aufgewiesen haben, die ihre Aufstellung als selb- 
ständige Buchstaben veranlaßte, wenn auch neue Zeichen daliir nicht 
eingefiihrt worden sind. Sie erscheinen l)esonders häufig in Gruppe B 
(in -tse und -ihr bei der Nominaltlexion), daneben jedoch auch ihre 
Dubletten ts und tts, weshalb sich die LEUMANNSche Transkription mit 3 
(im Werte unseres deutschen z) bzw. t^ nicht empfiehlt. 

Es ergibt sich somit für das Tocharische folgender Lautbestand: 

Vokale: a, ä, i, {i), u, (m), e, 0, {ai, au s. oben S. 918) und ä. 

Konsonanten: k (k), h; 
c, 7i; 

t {dh, s. oben S. 919), 7i (n); 
p iß), m (m) ; 
y, r(r% 1(1), w; 
s (s), s {s), s (s) und h (s. oben S. 9 1 8). 

Zeichen, ilie wir bisher niu* in tocharischen Manuskripten gesehen 

haben, sind die Ligaturen ^ j =: /v, das ja nach den Sandhi-Ge- 
setzen des Sanski-it dort nicht vorkommen kann; Aveiter die nach der 
Weise des kk abgekürzt geschriebenen -^t = cru, ^T = ssu inid 

^L = ssu. 

t und n sind in den Handschriften der Grup^ie A meist gut zu 
unterscheiden; l)esonders deutlich sind gegenüber den vSanskrit-Mss. 

die Ligaturen mit iluien geschieden, nämlicli: 5« = //, Jk =• '«r 
^ = «/, •^=««: ^^. ^Lr- tf ^ *P' ''"' *? gegen -^if- . 



' Das ist zweifellos ein yaiiskritismus. gerade so wie sich vereinzelt auch Zere- 
bralisierung nach r und .5 findet. 

^ Alle sonstigen Fremdzeichen fehlen. 
^ Vgl. auch oben t?. 919. 



E.Sieg und W. Sikgling: Tocliariscli, die 8])iaclie der Indoskythen. 921 
^^ . ^m =^ ''P) '""> ''•?• Nicht zu unterscheiden sind indessen die 
Ligaturen ^jf. und ^^, die sowohl ts bzw. te wie ns bzw. Tis ge- 
lesen werden können. 

Sehr merkwürdig sind die Ligaturen mit zwei Vokalen, die 
aus Zusammenziehung zweier Silben in eine entstanden sind. Besonders 
zeigt sich diese Erscheinung in metrischen Partien, wo sie sich ja aus 
dem Bestreben die Sprache dem Metrum anzupassen, erklären läßt'. 
In Betracht kommen hier besonders Fälle, wo der erste Vokal u ist, 



so upudhjay", geschrieben 

neben kuiul, k^pre ^^ neben kupre, njuik ^^^f^ neben nunak; 



•S^». ' i^eljen upadJiyay", kjnl ^tt ^^ 
'S^ neben kupre, njwk -^^^ 

andererseits aber auch z. B. u\7iaslne ^Ct* neben winaslune. Man 

hat eben in der Schrift die Herkunft bewahrt. Einige Wörter jedoch 
erscheinen ständig, auch in Prosa, in dieser Ligaturschreibung, so kje 



4 



-r ^ 



»Frau«, k^yal ^^y"^, ^ ^fg^ (häufig die Form k„yalte; 



ob das öfter vorkommende kyalte damit identisch ist, wissen wir nicht, 
da wir die Bedeutung des Wortes noch nicht kennen), k^pä _^X , 

ku^e ^t und andere. 



i 



Über das Vorkommen der einzelnen Laute wäre noch zu bemerken, 
daß das n im Tocharischen besonders häufig erscheint, wie überhaupt 
die Palatalisierung ein Charakteristikum dieser Sprache ist 
(s. unten). Auch auf Sanskrit-Lehnwörter greift sie über, so in nare 
= ?]^ »Hölle«, l erscheint häufig in Verbindung mit y, ebenfalls 
ein Zeichen von Palatalisierung; der palatale Charakter des / tritt am 
deutlichsten in Gruppe B zutage, wo das Suffix -Ine dem -lune der 
Gruj^pe A entspricht. 

Sandhi gibt es auch im Tocharischen; aber feste Regeln für die 
Schrift, wie wir sie im Sanskrit haben, fehlen offenbar. Über die 
verschiedenartige Behandlung auslautender Konsonanten, je nach ihrer 
Schreibung mit Viräma oder in Ligatur mit dem folgenden Anlaut, ist 
oben bereits gesprochen. Im übrigen überblicken wir die anscheinend 
sehr mannigfachen Erscheinungen noch nicht genügend. Erwähnt sei 



Analog ersclieinen im Metrum auch inskadhar für maskadhar usw. 

83' 



922 Gesaniiiitsit7.im,s{ vom 30. .luli 1908. — Mittlieiliiiig vom \6. .liili. 

mir der Fall, daß auslautende Konsonanten außer i/ und w vor fol- 
sjenden a. ä oder o häuti!^ verdoppelt werden: bei den oiVenbar enkli- 
tischen Partikeln nki »wio" und nl^i {= ^?) ist es die Kegel. 

Beim Zusamnientreflen auslautender und anlautender Vokale bleibt 
im nllsfemeinen der Hiatus bestehen, nur im Metnmi rinden sieli bis- 
weilen Zusammenziehungen, indem der anlautende Vokal den auslauten- 
den bald verdrängt, bald zum Halbvokale verschleitt., so: äiniKisiiiif 
Itir '^s/ inif, tnäsffnik tiir tiii «1°, snfflok fiir s/w älak: aber auch si'ii/ äi/irui 
fiir sfii ä'^, oky äfif^ für oki äiif'' usw. Im ^Vortinnern ist jedoch der 
Hiatus vermieden, indem i luid « zu i/ und tr (bei einsilbigen Stiim- 
nu^n zu (v imd tue), e und o zu n/ und ot/ (nur vereinzelt auch zu oic) 
wurden: Beispiele siehe sogleich bei der Flexion. 

In der Nominalflexion zeigt sich eine große Reichhaltigkeit, 
die wir einstweilen noch niclit vollständig übersehen: sicher ist je- 
doch, daß die drei Gesclilechter vorliegen, ferner, daß vokalische 
und konsonantische Flexionen existieren, die letzteren häurig mit 
Stflmmabstufung. Ein Dual scheint nicht vorzukommen. Die ZaJil der 
Kasus übertrift't noch den Best^ind des Sanskrit, doch sind die Kasus- 
endungen in ilirer 3Iannigtaltigkeit dadurch beschränkt, daß sie, mit 
Ausnahme des Nominativs und Akkusativs, im Singular und Plural 
gleichlauten in der Weise, daß im Plural ein besonderer St^iinm ge- 
bildet wird, an den die Singularendungen wieder antreten. 

Besonders häurig sind die Stämme auf -e, da das Tocharische 
mit dem Sut^ix -itne von Verben wie von Substantiven, sogar von 
Sanskrit-Lehnwörtern Abstrakte» bildet; so von yyüni »machen« yäm- 
lune, von ,<(>/ »Leben« (?) ^olune, von risak »Rsl« rL^aktuif. Wir sind 
daher in der Lage, von dieser Flexion ein vollständiges Paradigma 
geben zu können: 





Singuljvr 


Plural 


Nom. und Akk.(!) 


i/(T»i/-un^ 


-nneyäntu neben -uimitu 


Instx. 


-uneyo 


-uncyäntuyo 


Dat. 


-uneyai'' 


-iaiey(intica<^ 


Abi. 


-uneyiis 


-uneyäntwäs 


Gen. 


-uneyk 


-tmeyiintwis 


Lok. 


-inieyam 


-uneyiinhcam 


außerdem : 


-uneyaUiti 


-uneyiinticas^äl 




-tineyä 


-un''ydnhcä 
-iineyänticäUi 



Der mit -assäl gebildete Kasus ist ein Komitati-sois und hängt 
deutlich mit shj zusammen, das am Anfang der Wörter im Sinne von 
^° (=^ ^{^) gebraucht wird. Der Kasus mit -(7 scheint die Beziehung 



E.Sieg und W. SiKfiLiNo: Tochariscli, die Sprache der Indoskythen. 923 

»auf eirund von« auszudrücken (Postposition «?). Der nur im Plural 
vorkoniiiH'iidc Kasus auf -ässl scheint eine besondere Form für den 
Gen. partitivus zu sein. 

Dies ist jedoch niclit di(; einzige ^»-Flexion, wir finden auch mit 
-s gebildete Pluralstämme, z. B. von yt'tivc (I(;n Stamm yctwfs- (davon 
ydwi'syo) neben yftiDPntu- (davon yi'lwfntwüi.'i.); vielleiclit haben wir es 
hier mit (Teschleclitsunterscliieden zu tun. Klgcutümlicli flektieren die 
^-Stämme .w »Sohn« und kJe »Frau«, von denen wir folgende Formen 
notiert haben: 





Singular 




Plural 


Nom. (und Akk. 


?) se 


Nom. 


sewäfif 


Instr. 


. mjo 


Akk. 


sfwäs 


Dat. 


seyad' 


Lok. 


sewäsam 


Abi. 


seyäs 


Abi. 


sewäsas 


Lok. 


seyam 


ferner : 


sewäsa-Uäl 
sewäsii; 


entsprechend: 


Kle 
kjryad' 




kjewän" 
kJfwQs 




kjeydiit. 




-wäsyo 
-wäsmf 

-WÜSCIS 

-wäaarn 
-loäsä 



Von sonstigen vokalischen kommen noch häufiger /-Stämme, 
einsill)ige wie melirsilbige, vor; z.B. ri »Stadt«, Sing.: riyac'/, rlyäs, 
riyitt, rlyain, rlyä-, Plur. : r'is, rlsas, rlmrri, risd. Ferner: hiiätsi »Nah- 
rung, Speise«, Sing.: koSlslyo, koütsiyk., xirdtsyä; Plur.: iwälsinlu, 
.swSisintwa?]!. 

Andere vokalische Stämme, auf -(/, (-«?), u und o, liegen vor, 
aber sie sind seltener, und wir lialien nocli nicht genügend Material, 
um näher darauf eingehen zu können. 

Von konsonantischen Stämmen konnten wir ein ziemlich voll- 
ständiges Paradigma zusammenstellen von (l(;m Worte nkndh »Gott«. 
Es lautet: 

Singular 
Nom. (und Akk.?) nhidh Nom. 

Akk. 
Instr. — — 

Dat. miklaff' fdiklnxcn^ 



Plural 

•hiiktah^ 
fiükUis 





Singular 


Abi. 


näktäs {näkdhus] 


Gen. 


häktes 


Lok. 


näktam 


ferner : 


— 



924 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittlieilung vom 16. Juli. 

Plural 

nüktasas 

näktasmn 
näktassäl 

näktS näklasä 

näktasii 

Von dem Thema icir »Mann(?)«, das wir im Singular vorläufig 
noch nicht von der Flexion von war » Wasser (?)« unterscheiden können, 
haben wir folgende Pluralformen: wrasah", wrasas, tcrasasi/o, wrassäs, 
wrassac^, icrassatn, wrascumil und wrassassäl, lorassa, icrasasii; von war 
aber wrntu (d. i. icrantu = wräntu), wrntuyo, lorntwäs. 

Von puk »jeder, all« (= foTiT?): Sing, jmkyo, pkas {neben p^kas 
und pkas), pkis, pkam, pkasktl, pkä; Plur. Nom. j)kandh(^). 

Von k/op = j:i3: Sing, klopyo, klopls, klopain; Plur. klopantwäs, 
klopantwam. 

Über die Pronomina wissen wir noch wenig Sicheres; das Pron. 
pars, der ersten Person heißt nas, Flexion: iisas, mcu", nsä. Das 
der zweiten Person heißt /;/; »mein«, »dein«, »sein« sind ni, 
tni, sni. — Demonstrativa sind: mask. sas, fem. sami^), neutr. sam; 
außerdem dhmn mit der Flexion: dhamyo, t/nac", dhmns, tmis, tmarn, 
tmuisäl, t/iiä; Pluralformen (?): to>n, tos, tosas, tosam; Fem. Gen. Sing. 
te/ni. Endlich noch com, wovon: aütiac", mmas, cami, cwnani; Plural- 
formen(?) cem, ces, c^sas, cesmi, c^sam. 

Das Interrogativum ist kus, neutr. ku(f; hierzu die Formen: 
kucyo, k„ca(^, kj-äs, kfarn, k„cä. 

Das Relativum wird vom Interrogativum dui'ch ein zugefiigtes 
nc, das ihm nicht direkt zu folgen braucht, gebildet, also kus ne, km ne, 
kucyo ne usw. 

Über die Zahlwörter sind wir A^erhältnismäßig am besten unter- 
richtet, da Zahlen ja in den buddhistischen Texten, mit denen wir 
es hier ausschließlich zu tun haben, eine große Rolle spielen; ihre 
Zugehörigkeit zum indogermanischen Sprachstamme ist ganz 
besonders evident. Die tocharischen Zahlwörter lauten: 



Kardinalia 


Ordinalia 


I sa 


sas 


2 we 


wädk 


3 tri 


tridh 


4 siwar 


Mhardh {stärdh, auch Mhürdhl) 


5 pan^ 


pandh 


6 sak 


skasdh 



E.Sieg und W. Siegling: Toc 


liaii 


isch, die 


Sjirache der Indoskythen. 925 




Kardinalia 






Ordinalia 


7 


spadh 








sapdhandh 


8 


okadh 








? 


9 


nu 








? 


lO 


Mk 








skandh 


1 1 


Mksapi 








säksapindh 


12 


mkwepl 








säkwepindh 


20 


wiki 








? 


21 


wiklsapi 








■wikisapindh 


30 


taryak 








taryäkindh 


40 


stwaräk 










50 


pnäk 










60 


saksak 










70 


saptuk 










80 


oktuk 










90 


nmuk 










100 


kandh 










200 


wekundh 










230 


ivekandh 


taryak 


skam ' 




921 


nukafidh 


wiki Ski 


mi 


sapi 




1000 


loälts 










2000 


tcewälts 










lOOOO 


tmäm (für liiiän 


!) 






20000 


wetmäm 











endlich kori =; ^[177'. 

In das Wesen der Verbalflexion sind wir zur Zeit noch wenig 
eingedrung'cn. Es scheinen die drei Genera Aktiviun, Passivum und 

Die Zahl und Bildungsweise der Tempora und 



Medium vorzuliegen. 



skam ist iti Gruppe A das gewöhnlielie Wort für »iind«. 

In (Miijjpe B haben wir bisher folgende Zaldvvörter festgestellt: 

(1 r d i n a 11 a 
semse 
wate 
trite 
? 
pinkte 
skaste 
p 

oktunte (°tte'{) 



K 


ardinalia 


I 


se 


2 


wt 


3 


trai oder tarya 


4 


stwer 


5 


pii(\) 


6 


ska.s 


7 


mkdh (!) 


8 


okdh 


10 


sak 


15 


sak pis 


80 


okdh sak 


100 


kante 


500 


pis kante 



926 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittlieilung vom 16. Juli. 

Modi können wii- noch nicht bestimmen, auch die Personalendun- 
gen sind uns noch nicht sicher. Stammabstufungen haben wir 
zweifellos, z. B. in dhamnastnn gegenüber dhmamsamtrm, nahuisdhar 
gegenüber nkainsantr, k(i!i/{i)d/tar gegenüber Myanttr. Derartige Formen 
auf -dhar, -fr und -trm, bzw. -ndhar, -ntr und -iitriu kommen außer- 
ordentlich häufig vor und wir haben in ihnen wohl die 3. Pers. 
Sing. bzw. Plur. des Passivum und Medium zu sehen (vgl. lat. -tw, 
-ntur?). 

Vom Verbum substantivum kennen wir folgende Formen: eine 
i.Sing. Ar/n, eine 3. Sing. SfS, eine i.Flur. semas, eine 3. Plur. sr/V^'. 
Die Endung -«0° für die 3. Plur. (Präs. oder Imperf.?) haben wir z. B. 
auch in kalkend^, trhkind^; die Endung -mas fiir die i. Plur. auch in 
kalkümns, knrsämns, perakyämas, ymos (von Vi, yo. »gehen«). 

Augment kommt nicht A'or. 

Sehr häufig sind Partizipia, doch bleibt es fraglich, ob diese 
Häufigkeit eine Spracheigentümlichkeit des Tocharischen ist oder ihren 
Grund in dem engen Anschlüsse der Ubei-setzer an das Sanskrit-Original 
hat. Wir können bis jetzt drei Gruppen scheiden: i. solche auf-«, 
häufig mit Reduplikation, dem Aussehen nach also Part. Prät. Akt., 
aber auch in passivem Sinne gebraucht; z.B. kakmu = gegangene?) 
(Vkam. = W]^, kommen), tatnm — 5n?i (zu dem oben angeführten dlui- 
mnastrm?), kaklyu (= gf{, kaytöc; zu kaly{i)dhar, iceicPtu ^ :=^\ — 
2. solche auf -/»(7/n, im Sinne des Präsens, z.B. kalymärn, triik/iiäm, 
lyalymam; — 3. solche auf -/ in den Formen -äl, -al und -ö7 {-näl), 
z. B. yämal, kropal, kalpal und kalpnSl, karsäl und karsnnl. Die auf 
-näl scheinen passivisch zu sein, ihnen entsprechen jedenfalls die in 
Gruppe B als Part. Fut. Pass. belegten Formen auf -naUr, z. B. karsa- 
)ialle = gRj'. 

Im Sinne des Sanskrit-Absolutivum haben wir die Ablativ- 
form eines aus dem ersten oben aufgetiihrten Partizipium weiterge- 
bUdeten Stammes, z. B. kakmuras, icncfmras, kaklyiisi/rns'. — 

Dieser Versuch einer grammatischen Skizze dürfte wohl keinen 
Zweifel mehr darüber bestehen lassen, daß wir es beim Tochari- 
schen mit einer indogermanischen Sprache zu tun haben. Er- 
scheint es nun schon auffeilend genug, daß wir soweit nach Zentral- 
asien hinein noch Indogermanen sitzen sehen, so gewinnt diese Tat- 
sache besonders für die Sprachwissenschaft noch dadurch erhöhte 
Bedeutung, daß deren Sprache so viele zweifellose Überein- 



' Auf dieses -/-Partizipium sind wohl die vielen Abstraktbildnngen auf -l-une 
(s. oben) zurückzuführen. 

" In Gruppe B entsprecliend Formen auf -r-mem. 



E.Sieg und W. Siegling: Tochaiiscli, die Sprache der Indoskythen. 927 

Stimmungen mit der europäischen Gruppe der indogerma- 
nischen Sprachen zeigt. 

Die im Tocharischen so häufigen Palatalen, die zunächst auf einen 
Zusammenhang mit den arischen Spraclien weisen würden, entsprechen 
jedoch ihrer sprachgeschichtlichen Herkunft nach den arischen Pala- 
talen nicht, vertreten vielmehr andere ursprüngliche Laute, 
hauptsächlich Dentale. Dies zeigen uns die Verwandtschaftswörter: 
päcar, Vater; mäcar, Mutter; pracar, Bruder; ckäcar, Tochter — das 
letzte zeigt die Palatalisierung gleich zweimal. Weitere Beispiele sind 
säk = decem und die Endung der 3. Plur. -/7r", die doch wohl auf 
-nt{i) zurückzuführen ist. Unerklärt bleibt vorläufig der palatale Zisch- 
laut in itwar = 4 und seinen Ableitungen. 

Die Bedingungen, unter welchen im Tocharischen der zerebrale 
Zischlaut erscheint, kennen wir noch nicht, daß es aber andere sind 
als die des Sanskrit, erweist der Umstand, daß wir z. B. sa = i neben 
SOS, «der erste« (in Gruppe B se neben xcmsr), sak, 6, neben saksok, 60, 
ferner von einer Violes die Formen wksamlh, wkssi, wlcsunt gegenüber 
loU'S, wlesädh, wlestar und wäwlesuras finden. Vgl. auch spadh = q^, 

sencf = 5#f- 

Linguistisch interessant sind skasdh und saksak zu sak ; sapdhaudh 
zu spadh; ikandh' zu säk und mnuk zu nu; sie weisen alle die vollere 
Form auf, die wir in den verwandten Sprachen vorliegen haben, vgl. 
lat. sex, Septem, decem, noveni, auch als urtocharisch. Für ^xru 
{pandh, pMk) liegt die ursprüngliche, vollere Form nur in pliiktc der 
Gruppe B vor. Die Grundform für i — vgl. eTc, sn, lat. sem-el — 
tritt in semse, der erste, der Gruppe B zutage; auch Gruppe A weist 
neben sa eine Form som auf, der wiederum in Gruppe B ein sone 
entspricht. 

Noch ein paar Beispiele in die Augen springender linguistischer 
(deichungen seien erwähnt: kvs = quis, kuc" = quid, tu = tu, wir 
= vir, alyek = alius, wändh = ventus, por = nvp, nom = Name, yakwe 
(Gruppe B; in A yuk) = equus, ku ((iruppe B) — Hund, okso (Gruppe B) 
"Rind", 10(1118 = fT-^^, xIaioi (*xecAioi), man — Mond (dagegen heißt 
die Sonne: ko?n). 

Leider fehlen uns einstweilen noch zu sehr die Wortbedeutungen, 
so daß wir uns weitere Ausführungen über dieses Gebiet für später 
vorbehalten müssen. Die im Verlauf gegebenen Bedeutungen haben 
wir teils durch Kombination erschlossen, teils stammen sie aus einigen 
uns erhaltenen Bruchstücken, in denen nach Art des von Stönnek 
publizierten Sanskrit-uigurischen Fragmentes (vgl. Sitzungsber. d. Berl. 



' Vgl. A^KATOC! 



928 Gesainintsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittheilung vom 16. Juli. 

Akad. d. Wi.ss. 1904, S. 1288) der Sanskrit-Text stückweise ins Tocha- 
rische übersetzt oder auch nur paraphrasiert ist. Leider sind diese 
Bruchstücke ganz besonders fragmentarisch, so daß die Ausbeute nur 
sehr dürftig war. Es wird uns aber, nachdem wir erst das gesamte 
Material verarbeitet haben werden, zweifellos gelingen noch ein er- 
hebliches Stück weiterzukommen, auch dürfen wir die Hoftnung nicht 
aufgeben, die sich freilich bis jetzt noch nicht erfüllt hat, daß sich 
gelegentlich noch das Sanskrit -Original oder wenigstens eine genau 
entsprechende tibetische, chinesische oder uigurische Übersetzung 
auch nur eines der uns im Tocharischen erhaltenen Texte finden wird. 
Prof. F. W. K. Müller hat uns bei seiner außerordentlichen Belesenlieit 
im chinesischen Tripitaka schon mehrfach Parallelstellen nachweisen 
können, die zwar bisher sämtlich abweichenden Rezensionen ange- 
hörten und uns bei dem jetzigen Stande unseres Wissens noch nicht 
die erwünschte Hilfe gebracht haben, von denen wir aber bei weiterem 
Eindringen in unsere Sprache sicherlich Förderung erwarten dürfen. 

Die Probe eines Textes unserer Gruppe A, die wir- im 
folgenden geben, entstammt der Maitreyasamiti, einem im Sanskrit 
verloren gegangenen und auch im Chinesischen und Tibetischen unter 
diesem Titel nicht bekannten Werke, das aber in Ostturkistan große 
Verbreitung gehabt und großes Ansehen genossen haben muß. Wir 
besitzen nämlich Bruchstücke von drei verschiedenen Hand- 
schriften dieses anscheinend sehr umfangreichen Werkes, und die 
Existenz einer Übersetzung aus dem Tocharischen ins Uigurische ist 
durch das von F. W. K. Müller entdeckte und Sitzungsber. d. Berl. 
Akad. d. Wiss. 1907, S. 958, veröfientlichte Kolophon nachgewiesen. 
Müller vermutet, daß die Maitreyasamiti ein Vyäkai-ana sei, und 
soweit wir den Inhalt übersehen können, schließen wir uns dieser 
Meinung an. Merkwürdigerweise fuhrt das Werk aber in den uns 
erhaltenen Kapitel - Unterschriften immer die Bezeichnung 
nataka, ein Ausdruck, der also hier eine ganz spezielle Bedeutung 
bekommen haben muß. Der Name des Vaibhä.sika Aryacandra 
erscheint auch in unseren Unterschriften. Eine solche lautet z. B. : 
vaihhüsikyäß^ Aryacandres raritioundh^ Mnitreyasamiti-nätkam Ani- 
ruddhavadäm fiomä tridh^ nipänt är, d. h.: »zu Ende ist das di'itte Ka- 
pitel (Hs|r-tr) namens Aniruddhävadäna in dem seitens des Vaibhäsika 
Aryacandra übersetzten' Maitreyasamiti-Nätaka«. 

Wir lassen nunmehr die Transkription folgen. Fehlende 
Aksaras sind durch Striche, einzelne Buchstaben durch Punkte ge- 
kennzeichnet. Das am linken Rande durch Abreißen und an einer 



' ? So nach dem Uigurischen, vgl. Müller, a. a. O. S. 960. Unser Kontext 
spricht mehr für die Bedeutung -verlaßt«, oder auch ^zusammengestellt«, »kompiliert«. 



E.Sieg und W. Siegling: Tncliariscli, die Spraclie der Indoskythen. 929 

Längsseite durch Brand beschädigte Blatt maß ursprünglich 1 64- X 60 cm. 
Es ist bezeichnet: Till, S 79, 3. Vgl. die Tafel. 

(Vorderseite) 

I ^"'^ * fs ■ äsänlK ttnätn flu wäUs^ 

klä puttispa[rsi\näs^ wl\e\sandlK ivl\e\sadK ♦ tinSm saheälts^ puklä 

^ neyam kalk || 

spatmäm puklä wrasassi kh kat s[e\s sarn penu kSnm'tk^ 

tinäm sakwäfts^ puklyi puttiiparam kalpädh^ stwartnmm pu ' 

wles^ wlesädlK tinäm stiearwälts^ puklä soL ikä lyalyipuras^ ksaluneyam 
kalk II 

snk^ tiiiäm puklä ivi-asa.^st iolmn Viscabhü fiomä ptänkat ses sniii 

pe * tinäin trlwäljs^ puklyi puttliparaTn kalpädh^ irltmäm pan- 

lüälts^ puklä puttliparsinäm wles^ idesädh^ tmäm wewälts^ puklä soL lyn 
^ s^ ksaluneyam kalk || 

stwartmäm, puklä lorasaiil iolain Krakasundi nomä ptänkat sfs 

sam penu käsukalko tmäm puklyi puttüparain ka ® tmäm loewälts. 

puklä puttisparam wlesädh^ ♦ okatwälts^ puklä soL lyalyipuras^ ksalune- 
yam kalk II 

tritmäm puklä wrasaSsi solam Kanakamuni no ^ ses sam 

penu puk^ knä?nnm.äm nkatwäljs^ puklyi puttisparam kalpädJi^ ♦ tmärn 
sakwälts^ puklä puttisparam ißlesädh^ ♦ sakwälts^ puklä soL lyalyipura 
* yam kalk || 

wetmä7n puklä wrasaMi solam Käsyap nomä ptä/ikadh^ ses sam 
penu äsänik^ sakwälts^ puklyi^ puttisparam kalpädh^ ♦ tmäm puklä putti- 
sparam wle\s\ä 

(Rückseite) 

I * klä soL lyalyipuras^ ksaluneyam kalk || 

kandh^ wiki puklä wrasassi soljxm tiäkyamuni nonia ptänkat ses 

sam penu kärunik taryäkpafipi pii[k}ly\^i\ ^ kalpädK ♦ stwaräk- 

panpi puklä puttisparam wlesädh^ ♦ stwaräk^ puklä soL lyalyipuras^ ksa- 
luneyain kalk || 

tu penu täpark^^ okattmäm puklä wra ^ [/ow«?] tmänt, nmmlts^ 

puklyi puttisparam kalpäte ♦ stwarimäin panwälts^ puklä ci kuc ne putti- 
sparsinäs^ wlesandK wiest är || 

pahcniam ^ puttüpara7n kalpäte spärtwsä * -^ [nd/i^?] wäkma- 

isam markampalsirn X 
mahäsamädt raddhiyugl yugaräja abhisek^ karmaploti % 

yärnasdlK deväoataram puttmpar psäs^ ^ iväiolesuras^ % 

tmätn sakwälts^ pkul^ solune lek dharkoras sakk-atsek yälci 

nervänam X i || 

' puklyi sec. m. zugefügt. 



930 Gesamintsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittheihing vom l(i. Juli. 

dhmas^ Metrak^ ptänkadh paltsahkä ® -^ k^ ksaluneyam knl- 

kam^ kf lodhak kalpnüdhar riiäk wrasassi n§as sraluneyä ärihcl wäkas^ 

omal^ ysär suhkac kalkas^ k^yal nm nas tre-mansä ^ pal- 

kondh^ markampal^ äksinnim || - U na - skeyas dharkoras^ trr- 

maüsä solune adhistltü elsasdhar || d^ca * hi/yi/iem tskn- 

msantr swifidt m ■ i iuräm ■ i üi kä[la?]hk^ klyos- 

dhar hJmtäsil irmrkcnäya. 

Man erkennt sofort, daß hier eine Aufzählung der bekannten 
7 Tathägatas vorliegt. Der Name des Vipasyi muß allerdings schon 
auf dem vorhergehenden Blatte gestanden haben, während von Sikhi 
nur noch in Z. 2 das kh erhalten ist. Krakasundi, im Sanskrit 
Krakucchanda, Päli Kakusandho, bildet die Mittelstufe für die mongo- 
lische Form Kärkäsündi, G^argasundi (s. Grünwedel, Mythologie des 
Buddhismus, 1900, S. iii). 

Weiter zeigt sich in den einzelnen Abschnitten über jeden der 
Buddhas ein durchgehender Parallelismus, neben einer Menge von 
Zahlen. Wir schlössen daraus, auch mit Rücksicht auf eine Parallel- 
stelle aus dem chinesischen Tripitaka, die wir Prof. F. W. K. Müller 
verdankten, daß es sich vielleicht um die Lebensdauer der einzelnen 
Buddhas und eventuell um die Zahl ihrer Schüler handle. Eine ge- 
nauere Kenntnis der Zahlwörter aber erwies sodann, daß immer die 
erste Zahl die Summe der im betreffenden Absätze folgenden 
drei Zahlen darstellte. Damit ergab sich die Lösung, daß die große 
Zahl die Summe der Lebensjahre, ihre kleineren Kompo- 
nenten die Dauer der wichtigsten Lebensabschnitte bezeich- 
nen mußten. Da uns aus den oben erwähnten Glossen die Bedeutung 
der ykalp als ^^j bekannt war, kamen wir, indem wir weiterhin ksalune 
mit kse/ne der Gruppe B, das uns als Äquivalent für f?T^ty gegeben 
war, und putli- mit gHT komlünierten, darauf, daß die erste kleinere 
Zahl die bis zur Erlangung der Buddhaschaft verflossene Zeit 
gebe, die folgende die Dauer der Ausübung der Buddhaschaft 
und die letzte die Zeit bis zum Eingehen ins Nirväna. Dieser 
letzte Passus ist, wenn wir mit unserer Vermutung recht haben, aller- 
dings höchst merkwürdig, denn soweit wir sehen, findet sich nirgends 
eine Angabe darüber, daß zwischen dem Ende der Lehrtätigkeit und 
dem Eingange ins Nirväna noch ein Zeitabschnitt liegt. S.äkyamuni, 
dem sonst überall 80 Lebensjahre zugeschrieben werden, hat hier i 20, 
wobei gerade die überschüssigen 40 auf diesen letzten Lebensabschrdtt 
entfVdlen, während er in Übereinstimmung mit der sonstigen Tradition 
auch nach unserem Texte mit 35 Jahren die Buddhaschaft erlangt und 
sie 45 Jahre lang ausübt. Der ihm gewidmete Abschnitt (s. S. 929 
[Rucks.]) dürfte nämlich so zu übersetzen sein: 



E.Sieg und W. Siegi.ino: 'l'dcliaiiscli, die Hpraclie der Indoskytlien. 931 

I20 {knndh wik'i) Jahre (puJda) lebte [iolarn ses = war am Leben) 
unter den Menschen {wrasas.si) der Buddha {ptafikadh^) namens 
Säkyamuni; die {sam) Buddhaschaft {puitiipara7ri'-) erlangte {kdl- 
pädh) fürwahr (penit) der Kärunika nacli 35 (tari/dkpanpi) Jahren 
(pvkliji); 45 (itwarnkjjafipi) Jalire übte er die Buddhaschaft aus 
{wlesudh); 40 Jahre das Leben i^iol) — r* — habend [lyahjipuras) ging 
er ein (?) ins Nirväna {kmluneyam kalk). 

Die für die einzelnen Buddhas gegebenen Zahlen zeigt die fol- 



gende 


Tabelle : 














Lebensdauer 


Bis zur 
Buddhascliaft 


Lehrtätiglceit 


Bis zum 

Nirvana 


I. 


Vipasyi 


3 


19000 




16000 


2. 


Sikhi 


70000 


16000 


40000 


14 000 


3- 


Visvabhü 


60000 


13 000 


35000 


12 000 


4- 


Krakasundi 


40000 


10 000 


[2]2 000 


8000 


5- 


Kanakamuni 


30000 


8000 


16000 


6000 


6. 


Käsyapa 


20000 


6000 


10 000 


[4 000] 


7- 


Säkyamuni 


120 


35 


45 


40 



Über die verschiedenen Epitheta wäre zu bemerken, daß äsänik 
(zu I und 6) ständig auch Beiwort des Maitreya ist; einer Glosse zu- 
folge scheint es die Bedeutung von Arhat zu haben. Nach einer 
mündlichen Mitteilung F. W. K. Müllers hat Maitreya auch im Uigu- 
rischen stets ein Beiwort, das mit würdig oder freundlicli zu über- 
setzen wäre. Über käsukalko (zu 4) wissen wir vorläufig nichts; puk 
knänmäm (zu 5) dürfte = sarvavidvän sein, da Vknä/i (vgl. fiT) für 
kennen, wissen belegt ist. 

puttisparsinäs wlesandh (die buddhaschaftlichen Dienste?) (zu i ) und 
puttUparsinäm wies (den buddhaschaftlichen Dienst?) (zu [2 und] 3) sind 
oifenbar nur vollere Varianten von puttixparmn. — puMyi zu puklS (daß 
dies nicht der auf -ä ausgehende Kasus [s. oben 8.922!*.] ist, beweist 
der von uns notierte Instr. puklayo) ist uns seiner Formation nach vor- 
läufig noch nicht klar geworden, ebensowenig das sicher dazugehörige 
pkul in der letzten Verszeile der Strophe. 



' In ptanJcadh, woneben auch pattankadh sich findet (in Gruppe B pudnakte. neben 
panakte), steckt das Wort q^j , nkadh ist »Gott« (s. oben); die gleiche Bildung haben 
wir in wlänkadh »Fürstgott« = Indra, von ?('ä/ = Fürst, König. Häufig ei'schcint die 
V evhmdiuig paitänäklassi pattänkadh, die dem devätideva usw. (vgl. Leumann, ZDJIü. 62, 
S. 92, Note 3) entspricht. 

^ Hier nach den Parallelstellen ergänzt. Der Anusvära steht für «, denn wir haben 
den \)&i. jmttisparnacfl. Analog gebildet ist äräntisparam »Arhatschaft (i*)«. 

^ Da die Zahlen nach unten immer kleiner werden, kann man wohl annehmen, 
daß hier 80000 und danach an der dritten Stelle 45000 gestanden hat. 



932 GesaMiintsitziiiif; vdrii 30. .Inli lOOS. — .Mittheiliing vom 16. Juli. 

Der Iblgende Satz muß natürlich auf den zukünftige]! Maitreya 
— in unserer (Jruppe A heißt er Metrak — gehen; wie das tu zeigt, 
wird er direkt angesprochen. Zu übersetzen wäre: Du nun wirst 
jetzt' {fäpni-k), 80000 Jahre unter den Menschen am Leben 
(uvasasii sohl)//, so ist mit Sicherheit der Text wiederherzustellen), nach 
19000 Jahren die Buddliascliaft erlangen (A'ö//>«^'): 45000 Jahre 
[ist]? (die Zeit?, ci), welche du die buddhaschaftlichen Dienste 
{? s. oben) ausüben sollst {wlestär'-). 

Pancmarn ist die Bezeichnung des folgenden Metrums ; die Namen 
der Metra werden immer in dieser Weise den Strophen vorangestellt. 
Dieses Metrum ist uns bisher sonst nicht begegnet, und so können 
wir, da die erste und dritte Verszeile unvollständig sind — die zweite 
hat 18, die vierte 19 Silben — , vorderhand nichts Näheres darüber 
sagen. 

Auch eine Übersetzung der Strophe wollen wir einstweilen nicht 
versuchen ; nur sei bemerkt, daß im letzten Päda sich die 1 6 000 Jahre 
finden, die für den letzten Lebensabschnitt Maitreyas noch fehlen. 

Der Rest des Textes hat mit der Lebensdauer der Buddlias nichts 
mehr zu tun, er führt offenbar die Erzählung weiter fort. 



Nachwort. 

A'on R. PiscHEi,. 

Wer die im vorhergehenden mitgeteilten Paradigmata und Text- 
proben durclinmstert, wird kaum den Eindruck empfangen, daß er es 
mit einer indogermanischen Sprache zu tun hat. Und doch lassen die 
von Sieg und Siegung mit großer Umsicht und Sorgfalt gefiihrten Unter- 
suchungen daran keinen Zweifel. Das fremdartige Aussehen wird immer 
mehr scliwinden, wenn es gelingen wird, feste durchgehende Laut- 
gesetze zu findin, nach denen die Vergleichung mit andern indoger- 
manischen Spraclien anzustellen ist. Ein Gesetz haben Sieg und Siegling 
bereits hervorgehoben: die Palatalisierung. Ein zweites scheint mir 
die Verschiebung der Medien zu Tenues zu sein. Sie liegt deutlicli 
vor in pracar (Bruder) = Sanskrit bhrätnr; ckäcar (Tochter) = GYrATHp; 



' Diese ßedeiitiing haben wir auf Grund mehrerer prägnanter Stellen als ganz 
sicher erschlossen. 

- In einer Glosse scheint eine -tär-Furni für einen Imperativ zu stehen. 



E. Sieg und W. Sieglinc: Tooliaiiscli, die Sprache der Indoskythen. 93o 

hiün (keimen) = tnu in nrNÜCKco; kam (gehen), falls es richtig gedeutet 
ist, = Sanskrit gam. Die gleiche Verschiel)ung stellt auch das *' dar 
in siik (lo) = AGKA. Diese Verschiebung findet sich ähnlich im Ger- 
manischen und Armenischen, genauer entsprechend aber auf indischem 
Boden in der Paisäci, Cülikäpaisäci, den neuindischen Sprachen der 
Ktäfir und Darden, die Grierson zusammen mit dem Kho-wär oder 
Citräli unter dem Namen Pisäca-Sprachen zusammengefaßt hat, und 
in der Sprache der Zigeuner. Der Grad der Verschiebung ist aber 
auch in den indischen Sprachen sehr verschieden. Am weitesten geht 
die Cülikäpaisäci. Hier werden alle Medien im Anlaut und Inlaut zu 
Tenues verschoben : kiri = yirl, khatnma = gharma ; cätn = jäta ; t'mtpa 
= dimha; Tämntara = Dämodara; phakacatt ^ bhagovaii usw . Die Paisäci 
beschränkt die Verschiebung auf/, wie tit/Jta = drsfa; tcrara = derara; 
patesa = prodesa usw. (Pischel, Grammatik der Präkrit-Sjirachen § 190. 
191). Im Zigeunerischen werden nur die Aspiraten verschoben: kham 
(Sonne) = gharma, Päli, Präkrit ghamma; thüc = dhüina; phräl = hhrätar 
usw. (MiKLOsicH, Beiträge zur Kenntnis der Zigeunermundarten I. II. 
S. 15!?.). In den Pisäca-Sprachen ist die Verschiebung nur ganz ver- 
einzelt, wie im Veron, wo v zu j) wird (Grierson, The Pisäca Languages 
of North Western India § 148. 199. 249). Das Tocharische hat nur 
Tenues, stimmt also am nächsten zur Cülikäpaisäci. 

Ein drittes Gesetz ist offenbar die Ausstoßung der Vokale in be- 
stimmten, näher zu ermittelnden Fällen, wie in ckäcar = evrÄTHP. 

Besonders merkwürdig ist, wie Sieg und Siegling hervorheben, 
die Übereinstimmung des Wortschatzes mit den europäischen Sprachen. 
Seite 927 gibt eine wahre Musterkarte: älyek = alius, por = nvp, okso 
= Ochse, also Lateinisch, Griechisch, Deutsch. Das darf bei Etymo- 
logien nicht übersehen werden und mahnt zur Vorsicht bei der Ver- 
gleichung mit indischen Wörtern, zumal immer Entlehnung aus einem 
indischen Original vorliegen kann. Bedenkt man die Berührung des 
Tocharischen mit dem Zigeunerischen in der Lautverschiebung, so kann 
man sehr geneigt sein, kam (vSonne) ^ zigeunerisch khain (Sonne) zu 
setzen. Aber Dr. Sieg teilt mir mit, daß sicli von dem Worte der 
Instrumental konyo und der Lokativ konam belegen läßt, koitj steht 
demnach für kon, wodurch jede Ähnlichkeit mit kham schwindet, rake, 
im Dialekt B reke (Wort), erinnert unwillkürlich an zigeunerisch raker 
(sprechen), das die deutschen, polnischen, russischen, skandinavischen, 
englischen und spanischen Zigeuner gebrauchen. Erwägt man aber, 
daß die altertümlichste Form vruker ist, und daß die griechischen, 
rumunischen, ungarischen, böhmischen und italienischen Zigeuner vokn- 
gebrauchen (Miklosioh, Über die Mundarten und Wanderungen der 
Zigeuner Europas VIII, 92), so schwindet auch hier die Ähnlichkeit, 



9H4 ücsniiiiiitsitzunf; vnui 30. Juli 190.S. — Mittlieiliing vom 16. Juli. 

und bei dem erwäluiteii europäischen Charakter des Tocharischen wird 
man lieber an altslawisch rek^ (ich spreche), russisch ph^b (Rede) usw. 
denken. Zum Latein, Griechisch, Deutsch träte also noch das Slawische. 

In einem Punkte aber ist das Zigeunerische auch für das Tocha- 
rische äußerst lehrreich. Die Deklinationsendungen des Tocharischen 
sind deutlicli fremde. Die Indoskythen sind also mit ihrer Sprache 
genau so verfahren wie die Zigeuner mit der ihrigen in fremdsprach- 
lichen Ländern. Das für unsern Fall beste Beispiel liefert das Nuri, 
das wir kürzlich durch Macalister kennen gelernt Iiaben, und worüber 
ich berichtet habe (Journal of the Gypsy Lore Society, N. S. I, 385 ft'.). 

SiF.G und SiEGLiNG nennen das Tocharische die Sprache der Indo- 
skythen. Sollte es nicht vorsichtiger sein, zu sagen: eine Sprache 
der Indoskythen? 



Sitzungsher. d. Jierl. Akad. d. Wiss. 1908. 



Taf. X. 



\ 











M^ • l^ü^t I^M 




t 



^Mk 




i^ 



■ yM^'iiy w <*" n^**»*— «iü^i— Wi* yi 'Mii - ^ 



yyi'M»i^\ - ^ ^»y - , ^1 n» o ^ I .^-p 



'r-' " -' 



#MW<taMMMMMan 






^~^^^^. 




#-^^ 



K^l^^ 






«•»■J\.4l^j^B^ 



E. Sieg und W. Siegling: Tocharisch, die Sprache der Indoskythen. 



F. Kötter: Über die Torsion des "Winkeleisens. 935 



IJber die Torsion des Winkeleisens. 

Von Prof. Dr. Fritz Kötter 

in Cliarlottenburg;. 



(Vorgelegt von Hrn. Müller-Breslau am 16. Juli 1908 [s. oben S. 735].) 



JLyas Torsionsproblem hat sich bisher nur für eine geringe Zahl ein- 
facher Querschnitte lösen lassen. Die Ellipse, das Rechteck und der 
Kreissektor sind meines Wissens die einzigen Fälle, in denen es ge- 
glückt ist, vom Ansatz aus bis zur endgültigen Lösung vorzudringen. 
Zwar kann man noch leicht unzählig viele lösbare Fälle konstruieren, 
indem man, A^on irgendeiner Lösung der partiellen Differentialgleichung 
für die Ausbeulung des Querschnitts ausgehend, diejenige Kurve be- 
stimmt, an w^elcher die Randbedingung erfüllt ist; aber zu theoretisch 
oder praktisch interessanten Fällen ist man, abgesehen vom gleich- 
seitigen Dreieck, meines Wissens bisher nicht geführt worden. Bei 
dieser Lage der Dinge wird die Lösung der Aufgabe für den Fall eines 
Sechsecks, von dessen sechs Winkeln fünf gleich je einem rechten 
sind, während der sechste gleich drei rechten ist, von Interesse sein, 
zumal die hier behandelte Form die Grundform für den Querschnitt 
des praktisch so wichtigen Winkeleisens darstellt und die gewählte 
Behandlungsart sich wohl mit Leichtigkeit auf die A^erwandten Quer- 
schnittsformen des U-, Z-, T- und Doppelt -T-Eisens übertragen läßt. 

Ist T der Winkel, um welchen zwei in der Entfernung i von- 
einander belegene Querschnitte gegeneinander gedreht sind, und w 
die Ausbeulung, welche der Querschnitt an der durch die Koordi- 
naten X , y bestimmten Stelle erfährt, so sind die beiden von Null 
verschiedenen Druckkomponenten durch die Formeln 

dargestellt, wo G den Gleitmodul der Substanz darstellt. Die stati- 
schen Gleichungen für die sechs Druckkomponenten führen dann un- 

3^ir 3=m; _ 



mittelbar zu der Gleichung 



Sitzungsberichte 1908. 84 



936 Gesammtsitziing vom SO. Juli 1908. — Mitüieilimg vom 16. Juli. 

welche besagt, daß «• der reelle Teil einer Funktion der komplexen 
Veränderlichen z = x-¥-i>/ ist. Aus der Bedingung, daß am Rande 
die Normalkomponente gleich NuU sein muß, ergibt sicli die Rand- 
bedingung 

X. dy — Y,dx =1 o 
oder 

r {ydy -+■ xdx) — 1 -^ - dy ^ ^.r j := o , 

Avelehe sich unter Einfiilirung des imaginären Teües iv der obener- 
wälmten Funktion von z auch schreiben läßt 

d\ — {x''-k-y^)—v\ = o . 

Es kommt also beim Torsionsproblem darauf an, füi- den fraglichen 
Querschnitt eine Funktion der komplexen Veränderlichen x-\-iy zu 
finden, deren imaginärer Teil am Rande gleich 

. T 
2 

wird, wo r die Entfernung des Randpunktes von dem mit dem Schwer- 
punkt des Querschnittes zusammenfallenden Koordinatenanfangspunkt 
bezeichnet. 

Um uns nun von der fiir unseren Fall etwas unbequemen Be- 
schränkung in der Wahl des Koordinatenanfangspunktes frei zu machen,, 
setzen wir 

IC -+■ ic = u!, -f- ii\ + ir (a — ib) {x -¥- iy) — / {a" -h b') . 

2 

Dann wird 

10 = u.\ — r(ay — bx) , 



V = i\ -4- r («X -4- by) — - {a' -+- b") , 

dy 



x = _«j^_.„_,j . ,, = -«{^..M.-<..l 



mid die Randbedingung lautet 



r, = —\x'-hy'—2 (ax -+- by) -ha'-+- b' | 

= ^^\{x-ay-^{y-bY\. 

Nennen wir nun x\ , y, die Koordinaten des Punktes x, y in einem System, 
dessen Anfangspunkt die Koordinaten a,b hat, so stimmen die Glei- 
chuns:en 



F. Köiter: Über die Torsion des Winkeleisens. 



937 



A. = tr -^ 



•7-«/x 



r^ = — 6r i -.^ TX, 



3yi 



V, = -\x\+y\ 



völlig überein mit denjenigen für den Schwerpunkt als Koordinaten- 
anfangspunkt, und ihre Gültigkeit ist deshalb durchaus unabhängig von 
der Wahl des Anfangspunktes. 

Was unseren Querschnitt betrifft, so vrollen wir die einsprin- 
gende Ecke mit bezeichnen und den Scheitel des gegenüberliegen- 
den rechten Winkels mit U; gehen wir nun in dem einen oder an- 



Gebiet von : 

I 



Fig.l. 



d C\ 



y^d^ d , ., 



■c 




deren Sinne auf dem Rande der Figur von nach U, so treffen wii- 
jedesmal zwei Ecken, von denen das eine Paar durch A,B, und das 
andere durclx A^B^ bezeichnet werden soll. Von den beiden Strecken 
A^B, und A^B, setzen wir voraus, daß sie beide dieselbe Länge d 
haben, welche die Breite des Querschnitts genannt werden soll. Die 
beiden Längen l, und 4 vom Mittelpunkt M der Strecke OU nach den 
Mittelpunkten M, und M^ von A,B, bzw. A^B^ sollen die Schenkel- 
längen unserer Figur genannt werden. Den Punkt M machen Avii- zmn 
Koordinatenanfangspunkt und die Linie MM, zur X-Achse, dagegen 
machen wir nicht die Linie MM^, sondern ihre Verlängerung über M 
hinaus zur F-Achse, so daß M, die positive Abszisse + /, und M^ die 
negative Ordinate — 4 hat (vgl. Fig. i). 

84' 



938 Gesauiintsit/.ung vom 30. Juli 1908. — Mittlieilung vom lt>. Juli. 

Um nun die Lösung tVir den so beschriebenen Quersclinitt zu er- 
langen, verfahren wir ähnlich wie es beim Rechteck geschieht. Be- 
kanntlich wird beim Rechteck ir ■+- Ir in zwei Teile zerlegt, indem 
man setzt 



Es wird also 



ir ■+- ir = i U- -+- iyV H — + "•, 
v = — \x- — y -\- \-\-i\ 



T 

und demzufolge am Rande, wo v = {x" ■+• y") ist, 

i . ''■( 

so daß i\ an den beiden Längsgrenzen, d.h. tiir // = ± . den Wert 
Null hat und niu- Ifir die beiden kurzen Seiten .v = ± von Null 

2 

verschieden ist. i]inc solche Funktion ist aber leicht gefunden. Wir 
setzen 

die Koeffizienten C,„ und C,|, ergeben sich aus den Randbedingungen 
iWr X =: zb - nach den Regeln, welche fiir die Entwickelung in Fou- 

2 ^" 

EiEKSche Reihen gelten. 

Ganz ähnlich verfahren wir auch in luiserem Falle. Wir zerlegen 
auch hier w-i-io in zwei Teile: nämlich in einen Teil n-^-t-ir„, wel- 
cher die Lösung der Aufgabe für ein erweitertes Gebiet darstellt, das 
aus dem gegebenen durch Verlegung der Grenzlinien A,B, und Ä,B, 
ins Unendliche entsteht, \md in einen anderen Teil (r' + ir, dessen 
imaginärer Bestandteil nur für die Grenzlinien A,B, und A^B, von 
Null verschieden ist, weil ja an den anderen Teilen der Begrenzung 
»o mit V übereinstimmt. 

Um eine Darstellung der Funktion /(.r + /)/) zu ermitteln, deren 
imaginärer Bestandteil auf den Grenzen eines Gebietes vorgeschriebene 
Werte annimmt, bedarf man in der Regel der conformen Abbildung 
des Gebietes auf einer unendlichen Ilalbebene. Dabei darf man einem 
beliebigen Punkte der Umgrenzung den auf der Begrenzung der Halb- 
ebene belegenen Nullpunkt zuordnen; wir wälden dazu den Punkt 0. 
während wir das Bild des Punktes f^ ins Unendliche schieben. Setzen 
wir dann nt>cli lest, daß die Mittelpunkte li, und (i^ der Strecken 



F. Kötteb: Über die Torsion des Winkeleisens. 

Fig. 2. 

Gebiet von (^^=:^ + /»i. 



939 



N ■^■ 



y 



■*,< e' 






^ 



^^^.•'V^=«»'«"^ 



O- 



J(, 






Sl.S. und Sl,S3,, welche den Seiten A,B, und iL, 5, unserer Figur 
entsprechen, den Abstand 2 haben sollen, so entsprechen den Punkten 
A,,B,, A,,B, die Werte 

{i-4-5)(i— e,) und (n-g){i + £.) 
bzw. 

— (I — g)(i — £,) und — (i — y)(n-£,) 

der Veränderlichen in der unendlichen Halbebene und die Abbildung 
des 2^-Gebietes wird durch die Gleichung 

o 

vermittelt. Werden die Constanten e, , z^ kleiner und kleiner, so rücken 
die Schenkelenden immer weiter fort, und deshalb wird das erweiterte 



940 Gesammtsitzuug vom 30. Juli 190S. — Mittheiliing vom 1(3. Juli. 

Gebiet, von welchem oben die Rede war, vermittels der Gleichung 
_r f ^^d< ^^„■'^ 

o 

abgebildet. Damit nun beide Schenkel dieselbe Stärke d erhalten, 

2d 
muß qo = und C^ = - av erden, so daß 

TT 

. _ 1 K r y<d( 

TT )'J (1+^(1- 
o 

wird (vgl. Fig. 2). Das hierin auftretende Integral kann in zwei zei-- 



TT )'J (1+^(1—^) 2 '2 



legt werden; es ist nämlich, wie leicht zu sehen 






V<{^ + <)' 



Setzen wir nun die beiden Bestandteile gleich c, und z^ , so wird 

^ ^ C di 



durch die Gleichungen 



o o 

die Abbildung der imendlichen Halbebene auf zwei neuen Gebieten 
vermittelt; und zwar ist jedes dieser beiden neuen Gebiete ein von 
zwei parallelen Geraden begrenzter Streifen, welcher auf einer Seite 
von einer zui" Längsrichtung senkrechten Geraden begrenzt ist, auf 
der anderen Seite aber ins Unendliche geht; die Breite jedes dieser 
Streifen ist gleich tt. Und zwar entspricht im Gebiete -, dem Punkte 
^ = die Ecke 0, der Strecke >: = , <P<i der positive Teil 
der Linie i/^ = 0, dem Teil i bis 00 der Linie vi = die Linie 1/, = - 
und endlich den negativen Werten von ? bis <; = die Strecke x^ = 0. 
0^t/^^~. Dagegen entsimclit den positiven Werten 1^ im 2^^- Gebiet 
die Strecke y, = , ^ x^^ 77, den Werten 0^^> — i die Linie 
Xj = und den Werten ^ "^ — i die Linie .r^ = tt. Dem Punkte 

1^ = -f- I entspricht der Punkt x^ = , i/^ = und für ^ = — i wird 

y, unendlich (vgl. Fig. 3). Ferner wird 



d\ T .77/ 

. — -, H i- 



oder 



2^= ,.-.-, . - , 

2 \ 



d \ IT ] d \ - ) 



F. Kotier: Über die Torsion des Winkeleisens. 941 

Die Randbedingung für /r„ + iv„ kann also geschrieben werden 



:]) 



27r^ I ■ y" ■ 2 y y ■ 2 / " " \ \ 2 

Setzen wir nun die drei Funktionen 

u\,-hh\,, «'„-f-Zü,,, ii\^-^-w^^ 

von ^ oder c^ oder z, oder endlich ^r^, welche für die Umrandung die 
Werte 

nach sich ziehen, so wird 

io„ + w„ = ^ ir„ + IV „ — 2 (a\, -+- IV J ■+- iv,, ■+- iv^^ . 
27r I ] 



Die Funktion w,,-i-iv,, sehen wir natürlich als Funktion von 2^, 

eit 

tt' i6 ^ g-(^»<+.)^, 



an und erhalten dann mit Leichtigkeit 



■ /. 



X 



2/ 2 TT „,^^ (2m -f- 1)3 

Ebenso stellt man (ü„ + »;„ als Funktion von z^ dar durch die Formel 

/ ttV .7^' i6 ^ ^••(-+o--. 

V 2; 2 TT ,„^o(2'«+l)' 

Die Funktion u\,-i-iv,^ können wir aber in doppelter Weise auffassen, 
■entweder als Funktion von z, oder auch als Funktion von z^. In 
•ersterer Beziehung dürfen wir setzen 

wähx-end die andere Darstellung gibt 

In beiden Formeln bedeutet 6' das bestimmte Integral 

tu ^ 

TT 

C„ = — ~ I 3/2 ( S', — -- J sin (?rt«/,) dy, 
= — _ j a;, ( a-j ) sin (t)ix^)dx\ . 



942 



Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittheilung vom 16, Juli. 

Fig. 3. 



Gebiet von c, = 



{i-^)n' 




(!l<ucAa,i^ dtiJfuive ^j6^^; 



-^ 



e^i^^-e^^ts^ij 




1 



Da nun, wie man sich leicht überzeugt, 



F. Kotier: Über die Torsion des Winkeleisens. 94Ü 

bzw. _^ / , ( TT y, 

so gilt fiir den als Funktion von x^ anzusehenden Ausdruck xAx^ i 

die Formel /(tt — xj = — /(^J- Es sind also von den Koeffizienten 
C„ nur die geradzahligen von Null verschieden. 

Von den beiden Darstellungen der Größe w^^-\-k\^ werden wir 
die eine oder die andere wählen je nach Lage des Punktes ^ in der 
unendlichen Halbebene. Liegt der Punkt in der Umgebung des Punktes 
H- 1 , so wird x^ sehr groß und es wird die erste Darstellung erheb- 
lich schneller konvergieren, umgekehrt wh-d für die Umgegend des 
Punktes (^ = — i die zweite Form in Betracht kommen. Für gewisse 
Gebiete, z. B. fiir die Linie ^ = 0, welcher die Linie y=^x entspricht, 
Avird man zweckmäßig das arithmetische Mittel beider Reihen benutzen. 

Nachdem nun die Funktion w^-\-k^ gefunden ist, welche bei 
hinreichender Schenkellänge wenigstens in der Nähe der Mitteldiago- 
nale einen Näherungswert von w-hiv darstellt, gut es nun zunächst, 
v' = V — Va am Rande und dann 

lü'-i- ii) = w •+- iv — (w^ -+■ iVo) 

für das ganze Gebiet zu besthnmen. Für die Längsgrenzen der beiden 
Schenkel ist v natürlich gleich Null. Bei der Berechnung von v„ an 
der Querlinie A,B, benutzen wir die erst gegebene Darstellung von 
^<^„-f-^ü,2 und schreiben also: 

Td'i.f .TtV .( .7T\/ TT 



72 m = CO J2 m =1 oo 

277 ^:T'n ^ „^, 



»i =r I 






-^'-i2{z.-'^)-^i-'\ 



72m = oo rd"'"^'^ 



7/1 = 1 



Füi- Punkte, deren i^ unendlich nahe an i heranrückt, wü-d z^ sehr 
nahe an — heranrücken, während die reellen Teile von z, und z sehr 

2 

groß werden. 

Setzen wir nämlich ^ =: i — pf~'''i so wird 

o o o 



i'44 Gesnmiiitsitzuns; vom .W. Juli 190S. — Mittlieilung vom 16. Juli 

Nun ist 



•,dV-''-^ 4 1 4(1 — p^,-*) 



V^ _ \ ( _ p'e-"^^ 



j = I — -—1, — I (bis aui Glieder mit s^) , 

und Iblü-lich können wir schreiben: 

2 2 7r|J I— <' 2 32 32 \ 

O 

= — ,2 dd — ln- '^^ + /« - f'^ + ^- — - — . 

T^ { J I C C 16 p 16 ^ 

o 

Da nun c eine Funktion von pe~*^ ist, so müssen sich die ersten 
di-ei Glieder in der Ivlammer auf eine Konstante reduzieren, deren Wert 

^ich auf — berechnet; so bleibt die Gleichung 



4=(lKri-^ 






und zwar ist der Fohler noch nicht . wenn : < — ist, und er 

24000 10 

8 I 2 

bleibt unter — - = , wenn p< ist, d. h. wenn 

3000 375 5 



M ,„ 4 . -' ) _ M P . P^ ^ ^ log 40 _ 



^/ TT ( p 16^ ~ ( log e 16)^- log e 

Also wird unsere Fornnel schon dann genau genug, wenn wir von dem 
in der Ecke liegenden Quadrat aus um o.j d in den Schenkel hinein- 
gehen. Sie kann demnach stets auf die Partien am Ende des Schenkels 
angewendet werden, sobald die mittlere Schenkellänge größer als 1.2^/ 
oder die äußere Schenkellängc größer als i.jd ist. Die Umkehrung 
<ier Gleichung gibt 

— ?-■-" = p-ra -■ + ■■'') fi ^e-'K'^'') 
oder 

-- = 4e~ d^i I -i-e~ ,( 'cosf - ^ + I )~ ) 

^^i'^vYd^^-'^'^'-i^'^^y 



F. Kotier: Über die Torsion des Winkeleisens. 945 

Femer wird 

' d^ . h< d^ 



z, = 



2 



1 

/2 i6^"j ^ 



2 Vl+<^/ ni+</ 



und endlich ist 



TT l rf . rf / 

d \ 2 2 \ 

Behalten wir nun in «;„ + w„ die Glieder bis zur zweiten Potenz 
von p bei, so bekommen wir 

rd' \ . t:' 1 6 



27r / « TT 



-.-'iS(2.«+:rji^^-TJ-^S 



— 2C,e-"'+ --e- 



_ rd' j . , TT' 



2Tr I ar 2 



2 - V i-»-w 



-2X + - 

-^^ TT 



«2 ^r -4- * H — 2 > H e d 






27r I rf" 2 

+ (-3-^-2C',-4T,^.-^K--4)!. 

und hieraus 



rd^\, Tt' TT' c., -="' ( d\T7 ,^_3^j . / d\- 



946 Gesamnitsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittheilung vom 16. Juli. 

Folglich wird an der Begrenzung des Schenkels i 

während sich ganz analog für das Ende des zweiten Schenkels ergibt 



Um nun diejenigen Funktionen u\-*-w', und w'^-^-iv', zu finden, 
von denen die erstere in ihrem imaginären Teile längs der Strecke 
A,B, mit v' und längs den übrigen Teilen der Begrenzung mit Null 
übereinstimmt, während vi längs A,B, gleich v' im übrigen auf der 
Umrandung gleich Null ist, hat man das Gebiet jetzt auf einer Halb- 
ebene abzubilden, aus welcher ein Halbkreis herausgeschnitten ist, 
und zwar muß der halbkreisförmige Teil der Umrandung des neuen 
Gebietes gerade demjenigen Teil der Umgrenzung entsprechen, in wel- 
chem das betreffende v von Null verschieden ist. Glückt es dann 
noch auf dem Umfang des Halbkreises v nach den Sinus der Viel- 
fachen des Winkels S- zu entwickeln, so kann man tc -+- w für das ganze 
Gebiet in Polarkoordinaten des neuen Gebietes unmittelbar hinschreiben. 
Die in Frage stehende Abbildung vollzieht sich nun aus der schon 
anfangs erwähnten Abbildung des Gebietes auf die Halbebene durch 
die Gleichung 

r Vi d^ +^-i^ 

^ J ]/(i+^_^)'_sni+<7r V{i-q + ^Y-sUl-q) 2 2 

o 

vermittels einer der beiden Gleichungen 

Wir erhalten durch die erste Substitution 



r 



z = CVi-hq 



J 



*l/«.-4iEl 



) d .d 
' -\ z — 

2 2 



(,-^.)]/j-,+c+,)(<.-j^iJ=-=:(.- 



?)■ 



F. Kotier: Über die Torsion des Winkeleisens. 



947 



Wir trennen nun von dem Integral den Teil bis i — e^, welcher 



mit " zusammen /, gibt und erhalten so 

2 



n 






z = h — i -f-C/i + g 



di. 



1/^-Ä, 



■ Y|-?+c+?)(«.-4Trir.)r-^:(-"' 



Machen wir nun bezüglich der e, und e, die in weiten Grenzen 
gültige Voraussetzung, daß sie klein genug sind, um höhere als die 
zweiten Potenzen vernachlässigen zu dürfen, so kann für Punkte in 
der Nähe der Kreisperipherie mit dem Mittelpunkt i und dem Radius 

e, geschrieben werden 



l—rp — '-t' 



2 = l,— i -^-CVi-\-q\\+ ^' 






y^-.T^ 



4(1 -^x) 



2 



oder kürzer noch 



. = /.-4 + C/i + g(i+|)J 



e: \ C d^ 






(I-^.) 



1+^.- 



, . d CVi + q [ el 



dC 



4(i-a 
I 



1 



I v^-^-"^ 






^-- 



= 1 



4-'"^(-* 



4(1-^.) 



^^-sV-^'-^^li^Ijjid^^.) 



wird jetzt p = — , so erhalten wir 



^-'(i-a-:: ' 



256(1 -^.r 



22 \ ö 



16 



I — I ( /rf) — t sm 2 d) 

32 



948 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittheilung vom 16. Juli. 

und da für rf) = ~ z ^ /,-\- i Avird 

2 

, .d d [ e] , \ 

. s = l, — t H t {(b Sin 2 * > . 

2 TT r 32 ^) 

Damit nun die beiden Ausdrücke 



t'^^»!-! 



,— 4! und '^)'T^!.+|-n.-4 

16 I 2 I 8)1 16 



einander gleich werden, muß 



q = ^{e]-sl) und 
10 

O^ 2 — <I £, £2 ; 

TT I 32 32 \ 

werden. 

Um nun noch einen Näherungswert für £, abzuleiten, benutzen wir 
die Gleichung 

(l-£,)(l + 9) 

K-^=c{ nd^ 

2 



o 



i/(i+?-^r-£:(n-9r]/(i-g+^r-£:(i-?r 

oder mit erlaubter Abkürzung 



(I -£,)(! 4- 9) 



^_- = c 



l/?rf^ 



1.. 



Das wii-d nach Einfiilirung von ^j 



r 



2 






\U ^ 



n-^, — ? I — ^.-^ 






4(1-^.); 4(i-^:r 



1 + 



2(I + CD' 



I 



2 



?, |/^' 4(1-^.) 



di, r - 4(1-^.) i^ ^ g (i-^,) ^ 



i-^. 



1+^.- 



1+^, 2(n-^.r 



4(i-a 



i-VT^ 



F. Kotier: Über die Torsion des Winkeleisens. 949 

Ferner ist 



4(1-^.) ^r 4' '•' 16 {i-a 



(-^-^r^röT •■■^^■'' <-<'K-^-^:bj)" 



1 + 



und deshalb darf man mit einer Genauigkeit, welche die Glieder 
zweiter Ordnung umfaßt, das vorliegende Integral setzen 

_ £1 






El 

I 

2 



< f 






£1 
2 






TT 



i-Vi- 



(i-^.)(i + ^.) V(i + 0^ "■ 8/ (i + ^.f 



Jii + ^^YYl 64 J 



s: r(2+^,)c ^i r ' R'^^. 



i6J(i+OV?; 64 j (n-^,)>(i_^,)3^. 

l-I I-E? 



Bei der Ausrechnung ergibt sich dann 

TT ( £, 64 16 4 64 

~ f £, 16 4 1 

In dem oben angegebenen Näherungswert fiir z auf dem Halbkreis 
der Grenze darf also gesetzt werden 



£ 



li 

32 



950 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittheilung vom 16. Juli, 

und demnach 

y= — (</> — 2e '' sin2(^ > 

gesetzt werden. Die Randbedingung für r' wird demnach 

V = — — {(p{(p — tt) — 4 I (^ je "^ sin 2(^ -i e '' ' sm </> H e <* ' sin 2(p 

TT f \ £l I Jr £ 

Um nun diejenige Funktion von <^, zu finden, deren imaginärer Be- 
standteil auf dem geraden Teil der Begrenzung gleich Null und auf 
der halbkreisförmigen Grenzlinie den Wert v' erhält, entwickeln wir 
v' zunächst nach den Sinus der Vielfachen von cp. Es sei 

(p(^ — -)='%B^sm(2m-\-i)^, 

m= <> j 

_ h 

dann wird mit k = e ' d' " 

(i'+ jii'— 2)^ = V5,„sin(2m-t-i)((^ — 2Ä-sin 2>p) 

^'^ B^\sm(2?)i -h 1) (p — (2m -h i)k{sin{2m-i-^)(p — sin(2/H — i)*^)! 
+ Bq (sm (p — k (sin 3«/) + sin <^)) . 

Die zugehörige Funktion von ^, wäre dann 






£, \ / S, 



Boi\^^ -\,^l"-^ 



k 



I— ^./ Vi— ^:' ^i— <^. 



-^«^■|i-.^. 



/ 



B, 



SO lange \ ^ r— / endlich ist, läßt sich dies kürzer so schreiben 



F. Köitkr: über die Torsion des Winkeleisens. 




2 



(im -t-i) 



-Bok\ 



951 



i-^. 



i-^. 



2 



/ £, 



= ^ B e 

in = O 



H^-'.-'-)< 



III' + 1) 



— S,, k 



\ 



\ 



3 .-^ 

2 y 



=TB../'^'-''-'i^'-"-I.BX-<--''-<U,-'^---*--^) 



= 



Das ist aber bei der Genauigkeit, welche wir erstreben, gleich der- 
jenigen Funktion von (x-i-ii/), welche an den Enden eines Rechtecks 
von der Länge 2/ in ihrem imaginären Teil übergeht in 



'i'A' = i X ^"' sin ( 2 //< -f- 1 ) »/ 



= o 



oder in 



d 



'»^-^2^-2 



d 



Wird nun 1^, groß gegen h, , d. h. entfernen wir uns von dem Ende 
des Schenkels, so können wir den obigen Ausdruck für w[ -+■ w[ schreiben 



(5„(i-A-)H-35./c) 



Dann wird (, bis auf -^ übereinstimmen mit c^; wir dürfen also setzen 



o 

damit wird der letzterwähnte Ausdruck 

|.j/'^_,--+2| \B,.{l-k)-^-sB,^, 

Avo aber jetzt in dem Gebiet von z^ nicht mehr der kleine Halbkreis 
über A^B^ auszuschließen ist, sondern das geradlinige Stück selbst als 
Gebietsgrenze z, zu nehmen ist. Für die Strecke A^B, düi-fen wir 
setzen 



^, = — I 



sin(^^) 



Sitzungsberichte 1908. 



8.'> 



952 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittheilung vom 16. Juli. 

und erhalten dann an der Strecke A^B^ 

w', + w[ = -^ ( I -t--^ sin (^l) ) (Boii-k) + sB,k) 



4 \ 4 \ (i 

oder allgemeiner in der Nähe des Endes 






■'■"'■■'))^. 



mit iJo = ^ , 

77 TT 



Nach diesen Auseinandersetzungen wird man erkennen, daß in 
kann 



der Nähe des Schenkelendes / die Funktion w -+- iv gesetzt werden 






-4'^ d' S 



d' ^ . f , .d\- ^ 
^^ — cos A 2 c — /, + i - + C, , 

TT 2 \^ 2 y a 

wo tüji^-hiüj!^ die zu dem Rechteck von der Länge 2/, und der Breite d 
gehörende Funlvtion ist. Ebenso ergibt sich für das Ende des anderen 
Schenkels 

iO ■+■ iv = ICj;^ -+- iVji^ 

l 



■e 



-^--TrfM9l i2(-~n -4t\ ( ■, d\Tr 



-2^nrd'^ ( .j d\iT ^ 
— e '* COS2 c-hi/, +C,. 

- 2 \ 2 ) d 

Dagegen wird in der Nähe der Mitteldiagonale 
w -+- iv ^ w^-\- iVa 

rd' -^ .^ ^16 91 -i 
— e cosh{zM e 



TT I TT 2 

rd' --^ ^ ^b6 21 --^") „ 
H re '^ cos ^J e '^ +C„. 

TT / TT 2 ) 

Nach diesen Feststellungen ist es verhältnismäßig einfach, das Tor- 
sionsmoment zu berechnen. Durch die von nach U führende Mittel- 



F. KÖTTER : Über die Torsion des Winkeleisens. 



953 



diagonale zerlegen wir unseren Querschnitt Q in zwei Teile Q. und Q,. 
Im Gebiet Q, subtrahieren wir von den Ki-aftkomponenten Ji, , Y, die 
Komponenten A'i'\ F!'>, welche in denselben Punkten des rechteckigen 
Querschnitts von der Länge 2/, herrschen wiii-de, und im Gebiete Q, die 
entsprechenden Größen A?', Y^:\ so daß wir erhalten im Gebiete Q. 

und im Gebiete Q^ 

Das Moment dieser Differenzkräfte in bezug auf M ist offenbar 

I I C\('^io 9»A Rw 8«''\ ( ,. 



— G 



3y 3y 

R Kl '^^ 

Von diesen Integralen kommen die ersten drei nur für die Strecken 
A,B,, B,A,, UO in Betracht und geben 

Die drei anderen ziehen sich zusammen in 

_ Q f (w — w^'^) dvo = — G ^tüod(v — D^'^) 

und 

— G ((w — w^'^)dvo = —G \wod{v — ü^'^) . 

An den Teilen der Ränder R, , R., welche zugleich Teile von der 
Begrenzung von R sind, ist v-V bzw. «-«« gleich Null und auf 
der Linie UO, welche sowohl zu R, als zu R, gehört, ist Wq — 0. 
So bleibt übrig 

85* 



954 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittheilung vom 1(>. Juli. 



f' 



wird, da doch wohl stets -^ größer als 4 angenommen werden dai-f, 



In allererster Näherung, welche fiir die Praxis wohl immer ausreichen 

u 

d 

kann längs ^1,B, die Größe w — »•*'' und längs A,B, die Größe ic — io*°* 
gleich Null gesetzt werden. Und die Differenz (r*"' — »'"' wird auf Of '^ 

„•(■I — „.(» — _ 2r.ri/ = -h -r' . 



Wir erhalten einfach 



—^Mi--^M!,'^=Grfr(rdr-^\=-Gfr^dvo= 2G jc.rdr = -2G jr,.rdr. 



10 ro CO 

Benutzt man nun den Älittelpunkt 31 der Linie U als Anfangspunkt 
eines Koordinatensystems, dessen .V -Achse nach f" iührt und dessen 
§) -Achse senkrecht dazu steht, so ist klai", daß r = ±1 ist, je nach- 
dem ob ein Punkt auf J/T oder auf 1/0 liegt: denkt man sich nun 
das Vq als 11 aufgetragen, so wird 

\i-ordr = \\.)^d^ 
'or — rfVT 

das statische 3Ioment der i;«- Fläche in bezug auf die durch J/ gehende 
g)-Achse. Nun kommen in §) gai- nicht die Längen /, und /, mehr 
vor und die Breite d nur als quadi-atischer Faktor. So nimmt denn 
unser Ausib-uck die sehr einfache Form an 

2GTd'C, 

wo C der zui- Breite d = i und dem Winkel r = i gehörende Wert 
des Momentes ist. 

So gelangen wii- denn zu der Formel 

31 = - ilfi" + ^ iJf j'> -t- 2 Grd*C. 
2 2 

Bedenken wir, daß fiir ein Kcehteck mit großer Näherung ist 

31 = -TG{l—o.6T,d)d\ 
3 



F. Kötter: Über die Torsion des Winkeleisens. 955 

SO erhalten wir 

220 6 

= - tG (/,-!- 4 — 0.63 f?)d' , 

und das ist das Moment eines Rechtecks von der Länge /, + 4 und 
der Breite d. Nennen wir dasselbe M', so erhalten wir 

M= M'-+-2GTd*C. 



956 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mitth. d. phil.-hist. Classe v. 9. Juli. 



Der angebliche ägyptische Bericht über die üm- 

schiffung Afrikas. 

Von Adolf Erman und Heinrich Schäfer. 

(Vorgetragen am 9. Juli 1908 [s. oben S. 723].) 



Vor einiger Zeit wurde den Königlichen Museen aus Frankreich ein 
großer Skarabäus zu hohem Preise angeboten, dessen Inschrift von 
nichts Geringerem ei'zählte als von der Umschiffung Afrikas unter König 
Necho (Herodot IV, 42). Das Original lag uns nicht vor; aber die Ab- 
schrift des Textes, die der Verkäufer uns zugesendet hatte, genügte 
zur Ablehnung: solche Mißgriffe in Grammatik und Wortschatz waren 
in einem echten Texte unmöglich. 

Wir hatten die Sache fast vergessen, als wir erfuhren, daß Hr. 
A. MoRET der Academie des Inscriptions in der Sitzung vom 26. Juni 
1908 eine Mitteilung über denselben Skarabäus gemacht habe und daß 
noch ein anderer ähnlicher in Brüssel aufgetaucht sei\ Wir hielten es 
für unsere Pflicht, den HH. Moret und Capart von unseren Bedenken 
gegen die Echtheit dieser Skarabäen Mitteilung zu machen und er- 
hielten darauf durch die Güte der beiden Herren Abschriften und Ab- 
klatsche derselben behufs weiterer Prüfung. Was diese Prüfung ergeben 
hat, wollen wir hier mitteilen, denn die -Sache ist so wichtig und so 
ernst, daß ihre Aufklärung nicht der Zeit allein überlassen werden darf. 

Wir geben zunächst den Text der beiden Skarabäen und eine 
Übersetzung, die es versucht, den beabsichtigten Sinn wiederzugeben. 



A 

n 
MoRET der Academie des Inscrij^tions vorgelegt wurde 



Der Skarabäus, der in Berlin angeboten war und der von Hrn. 



' Während des Druckes teilt uns Hr. Capart freundlichst mit, daß beide in- 
zwischen von dem Brüsseler Museum erworben worden sind, und daß er jetzt zusammen 
mit Hrn. Moret die beiden Skarabäen in einer zweiten Mitteilung der Academie des 
Inscriptions vorgelegt hat. 



Erman II. H. Schäfer : Der angebl. ägypt. Bericlit üb. d. Umschiffung Afrikas. 957 

1llllll^fl%TMQI^niHir(°ZM1¥ 



AAAAAA 



SIC 



!^fipm--ä - - . . ^. 






«.o„t^=-22fJ.fiP3ZJ^^l 



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<CZ> I ^^ww i ' ^^ Jj I I I AÄWVA (2 I I I O J J A^^AA^ Ci III /www f lO _Q*W ^ i^ 






£^ 



Zur Lesung: 5 Hr. Capart liest, wie er uns mitteilt, J\ 
c<=.%; uns scheint das zweite c^ ein zufälliges Loch zu sein. 
10 Hr. Capart glaubt etwa .^U^ ^^ sehen. Er liest eben- 
falls 11 und gibt an, es stehe nichts zwischen den beiden Zeichen. 
12 °^ steht verkehrt. 

>>[Im Jahre ] unter der Majestät des (folgen die üblichen 

Titel) Königs Necho, der von der großen Bast von Bubastis, dem Auge 
des Re, der Herrin des Himmels, der Herrscherin aller Götter, ge- 
liebt wird. 

An diesem Tage kam man, um Seiner Majestät zu sagen: »Der 
Bote, welchen du ausgeschickt hast, um das verborgene Land zu um- 
kreisen, ist an dem Ufer Ägyptens gelandet; er ist glücklich wieder- 
gekommen, um deiner Majestät zu berichten über das, was er getan 
hat, seit er dieses Land verlassen hat.« Seine Majestät sagte: »Eile 
und bringe mir ihn. « Dieser Bote gelangte dahin, wo Seine Majestät 
war, und küßte den Boden vor Seiner Majestät und erzählte alle Wunder, 



958 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mitth. d. phil.-liist. Classe v. 9. Juli. 

die ihm begegnet waren, [als er?] dieses Land in seinem ganzen Um- 
kreis umkreiste. Seine Majestät freute sich über das, was ihm(?) 
dieser sein Bote getan hatte. Seine Majestät befahl, ein Buch zu ver- 
fassen über alle Dinge, die er gesehen hatte. * Niemals ist Gleiches 
vordem gesehen worden. Seine Majestät gab Gaben in großer Zahl, 
die aus diesen Ländern gebraclit waren, vor [seine] Mutter, die gToße 
Bast von Bubastis, das Auge [des Re] « 

B. 

Der von Hrn. Capakt uns mitgeteilte Skarabäus. 



/VVV\^^ 



^ -^»^ip^-^«^^;^y^l^p|-^^ 



iii^±f==iiiioiiii III ^ni® ic. iA^=> lc^£}£]T^ 

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i '^dZM] 1^ güMH Af 5i :::: ^ !T E : J J 



sie „ 

SIC 

Zur Lesung: 5 Hr. Gapart schlägt vor, hinter wb^ .<2>- zu 
lesen, der Abklatsch gibt aber deutlich $$$$j^ , so daß an der 



Erman u. H.Schäfer: Der angebl. ägypt. Beiicht üb. d. Umschiffung Afrikas. 959 

Lesung nicht zu zweifeln ist. 6 Auf dem Abklatsch erkannten 



wir nur ^^ ; nach Hrn. Capart ist aber die obige Lesung 



völlig sicher; ^& steht dabei verkehrt, was sich im Druck 
nicht wiedergeben läßt. 13. 14 ^^ steht wieder verkehrt; 

»Der Erbfiirst und Fürst, der Siegelbewahrer', der einzig geliebte 
Freund, der Einzige des Königs von Oberägypten, der Große des Königs 
von Unterägypten, der große Gewaltige des Hafens, der Oberste der 
Schiffer des Pharao, Peteneit. Er sagt: Ich war ein Bote des Königs, 
der für seinen Herrn auf dem Meere fuhr. Ich war es, dem Seine 
Majestät befahl, den Weg zu den Ländern zu öffnen, die die Vor- 
fahren nicht gekannt hatten. 

Im Jahre 8, im dritten Monat der Pr^ Jahreszeit, am 2 2.(?) Tage, 
(fand statt?) das Beginnen des schönen Weges zum Gotteslande; das 
glückliche Landen im Lande Piünt (fand statt?) im ersten Monat .... 
(Ich?) stieg zum Meer herab am i i. Tage, (um?) südwärts (zu?) gehen. 
Ich fuhr Monat auf Monat nach Süden, bis es ein Jahr und sieben 
Monate waren, und gelangte zum Scheitel der Erde und kam aus dem 
Lande der Lebenden heraus und wußte nicht, in welchem Ort ich war. 
Ich fuhr viele Tage danach als ein Unwissender (?) und erreichte das 
Land Ägypten. Das glückliche Ankommen mit Gaben in großer Zahl 
und die freudige Landung in Bubastis (fanden statt?) im Jahre 12, im 
2. Monat der TM^-Jahreszeit, am 5. Tage unter König (folgen die Titel) 
Necho. 

Nie war Gleiches früher getan worden von irgendeinem Boten 
des Königs. Seine Majestät befahl, ein Buch zu verfassen über alles, 
was der königliche Bote gesehen hatte, als er dieses Land in seinem 
ganzen Umkreis umkreiste. Dieses Denkmal bleibt auf königlichen 
Befehl im Tempel [der Bast], um(?) seinen Namen auf Erden zu nennen 
immer und ewiglich.« 



Auf all die sachlichen Bedenken, die sich einem ruhigen Leser 
dieser Texte aufdrängen, gehen wir absichtlich nicht ein; ist es doch 
Gefühlssache, wie weit man in solchen Dingen die Gläubigkeit treiben 
will und wer enthusiastisch veranlagt ist, wird sich auch durch An- 
stöße und UnWahrscheinlichkeiten, wie sie hier vorliegen, in seinem 
Glauben nicht stören lassen. Auch den mangelhaften Stil der Hiero- 
glyphen genüge es kurz zu erwähnen; man beachte z.B. das y^ in. 
Bi. 2, das stets umgekehrte "^ in A12, B13. 14, das umgewendete s 



' Wir geben diese Titel der ägyptischen Großen in der üblichen konventionellen 
Übersetzung. 



960 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mitth. d. phil.-hist. Classe v. 9. Juli. 

in A 7 u. a. m.' Und endlich wollen wir uns aucli nicht fragen, ob 
«ine Inschrift aus König Nechos archaisierender Zeit wirklich den 
sprachlichen und orthographischen Charakter tragen könnte, den diese 
Texte zeigen. 

Wir erörtern also hier nur, was uns vom grammatischen und 
lexikalischen Standpunkt aus anstößig ist und wollen auch dabei nur 
das Gröbste hervorheben; wie viel Bedenkliches die beiden kleinen hier 
aufgeftihrten Texte außerdem noch enthalten, sieht ja jeder, der über- 
haupt gewohnt ist, in den hieroglyphischen Inschriften auf Sprachliches 
zu achten. Sind doch die Übersetzungen, die wir oben gegeben haben, 
nur dadurch möglich geworden, daß wir, luibekümmert um gramma- 
tische Gesetze und lexikalische Erfahrungen, gut dilettantenhaft darauf- 
los übersetzt haben. 

A 6. Der Relativsatz «der Bote, den du gesandt hast« müßte 

heißen 1] \/ ' ' ^ 7^ W> rö"^^ j ^i^ > ohne kc (Erman, Gramm. §424); 
die unrichtige Zufügung des Objektspronomens im Relativsatz hat dieser 
Text auch A13 ^^P^ 

A 6. Gemeint ist gewiß »den du sandtest, um das Land zu 
umkreisen « , dann müßte es aber natürlich <^=> heißen und nicht T . 

Ebensowohl in B15. 

A 6. «Umkreisen« heißt ^^; das Kausativ, das hier dafiir ver- 
wendet ist, hat nur die Bedeutung »herumgehen lassen«'". 

A 7. Bei py aA5 Y ^ I 4--r ^^^* ^^^ Verfasser an einen Aus- 
druck gedacht wie »deine Majestät über dieses benachrichtigen«; 
hnj heißt aber immer nur »jemandem etwas anzeigen« und wird mit 
dem Objekt der Sache und n der Person konstruiert, es müßte also 

jlj] gft 1 J. ^AAA^A ' heißen. 

^ . — . AA/vw\ r-| 

A 8. "^^^ -, "f^ kann nicht heißen »er verließ dieses 

Land«, sondern würde bedeuten »er trennte dieses Land«. Was dem 
Verfasser vorschwebte, war ein Ausdruck wie S;a . I y> <=> f^ 

»er trennte sich von diesem Lande« (vgl. Schift'brüchiger 153). 



' Aufgefallen ist uns auch, daß die Lücken an den Rändern manchmal nicht 
Platz zu haben scheinen für das, was dort gestanden haben sollte, so in A 9 für das 

fehlende Hl, in B 14 lür das fehlende ^^; doch kann man über derartiges nach 

dem Abklatsch nicht völlig sicher lU'teilen. 

'"' Wir bemerken ausdrücklich, daß das, was wir in dieser Arbeit über den Sprach- 
gebrauch und über das Vorkommen einzelner Worte äußern, sich durchweg auf das 
Material stützt, das für das Wörterbuch der ägyptischen Sprache gesannnelt ist. 



Erman II. H.Schäfer: Der angebl. ägypt. Bericht üb. d. Uinscliiffiing Afrikas. 961 

A 8. Da es vorher allgemein hieß «man kam«, so mußte der 
Befehl des Königs hier auch lauten «man bringe mir«, wie das so oft 
vorkommt. Statt dessen steht eine persönliche Anrede »eile, bringe«, 
von der man nicht sieht, an wen sie sich richtet. 

H AV\/^\ 

A lo. »Er küßte den Boden vor Seiner Majestät und "^ 
erzählte « entspricht nicht dem feierlichen Ton, in dem solche Audien- 
zen berichtet werden. 

^11. Die Freude des Königs war durch einen Ausdruck mit | 

ausgedrückt, der nach Hrn. Gapart ||Vy lautet, was aber keinen 

sprachlich richtigen Ausdruck ergibt. Es gibt wohl ein o ^. | i^it 
der Bedeutung »froh«, aber ndm allein bedeutet dies nie. Überdies 
findet sich die Schreibung 1 1 für ndm erst in griechischer Zeit (Brugsch, 
Oase 5; Petrie, Koptos 20«. 20c und oft in Dendera und Edfu). 



A 12. T ~ y ' • • • <=>^^'^ "^Nx » der König befahl, ein Buch 
zu machen«; die unrichtige Konstruktion von icd mit r, die auch 
B 5 und B 1 3 steht, findet sich nur in Texten der spätesten Zeit 
(Berlin 14399: Mendesstele passim ; Satrapenstele i 2 ; Bentreschstele 20). 

A 12. =«^ heißt immer »einen Brief schreiben«; nur 

o ^ fl \ 

in den Titeln der späten religiösen Texte wird s<'t für »Buch« ge- 
braucht (Brugsch, Oase 15; Apophisbuch 22, 1; Buch vom Atmen 1,1). 

B 2. Lies ^'^w^''^-. 

B 2 . Der Titel » Clroßer des Hafens « ist zwar belegt (Nitokris- 
stele 9), natürlich aber nur mit ^^ »Großer«, nicht wie hier mit 
"^^f »Crroßer Gewaltiger«. 



B 4. Ein Diener 1 1] -r, o y ^u< T ■'^kdwt hr nbf kann wirk- 

lich nicht bedeuten »der fiir seinen Herrn fuhr«, denn skdwt ist der 
Infinitiv, und hr «//bedeutet »auf seinem Herrn«. 

B6. ^^in^in »die Vorfahren« statt -^^1^1^ ist 
eine Unform. 

JS 6, 7 und I I. '^^^ ^^^ »den Weg beginnen«, 7=^ . . . ^--^ 






» Landen im Monat i « , ^-^ ^. rm\ (1 (1 ^ H^ ,, südwärts gehen « 

und l] ^/ n ■ ■ ■ T^ ■ ■ ■ ' 1 (")l I "glücklich ankommen . . ., 

landen im Jahre 12«, also alle Verben ohne Angabe des Subjekts und 
scheinbar im Infinitiv — , das sind Bildungen, wie man sie in Über- 
schriften von Bildern antrifft, nicht aber in Erzählungen. 

B 8 . <rr> c^ aaaaaa J ist unrichtig, denn nach r km » um zu voU- 
enden« folgt die Zeitangabe ohne n, als ein Objekt zu hn; dem Ver- 



962 Gesaninitsitzuns vom oO. Juli 1908. — Mitth. d. pliil-hist. Classe v. 9. Juli. 

fertiger scliwebten neiiägyptische Au.stli-ücke mit in wie ^\ jC3 
A«^^^i-^ «in der Vollendung einer Stunde« vor. 

B g. T%W\\>^^ bezeichnet sonst immer die »Welt der Le- 
benden« im Gegensatz zu der der Toten, dem T^^~^^.^^^ (z. B. 
Mission V, Neferhotep, pl. 4). 

B 10. In »ich fuhr <::^ 1 x 1 T Ö 1 1. \äele Tage danach« ver- 

O I I r-»-^ I I I TT "^ 

wendet er das allbekannte hrw knie hr .vy nn, die stereotype Formel 
der Absehnittsanfänge, ganz naiv inmitten des Satzes, wo sie nie 
vorkommt. 

Somit sind also die Texte, die inhaltlich so Unerhörtes berichten, 
auch sprachlich durchweg anstößig, und ZAvar so sehr, daß es daflir 
nur eine FlrkLärung gibt: Der Mann, der sie geschrieben hat, wai' über- 
haupt kein alter Ägypter, sondern ein moderner Fälscher, jemand, der 
von der ägyptischen Sprache jene oberflächliche Kenntnis besaß, mit 
der sich die meisten Freunde des alten Ägyptens zu begnügen pflegen. 
Er wußte genug, um leichtere Texte zu verstehen, und hatte allerlei 
davon gelesen, insbesondere späte Inschriften, aber um den Bau der 
Sprache hatte er sich nicht viel gekümmert, und nun er selbst ägyptisch 
schreiben wollte, konnte es nicht gelingen. 

Was wir im vorstehenden dargelegt haben, sind die Gründe, die 
uns die Skarabäen als Fälschungen haben ansehen lassen. Erst nach- 
träglich sind wir dann darauf aufmerksam geworden, daß sich auch 
noch ein anderer Beweis der Unechtheit erbringen läßt. Der Fälscher 
ist nämlich auch unvorsichtig gewesen und hat ohne Sclieu Stellen aus 
bekannten ägyptischen Texten wörtlich abgeschrieben'. 

Er hat so zunächst die Pianchistele benutzt. In A5 sagt er 
_/^ Y^^ ^^^^— ^^°^c/y »uiaji kam um Seiner Majestät zu sagen«, 

das steht wörtlich so Pianchi 2 : 7^ v\^ ^<=> | aa^^U ' . Ebenda 
las er Z. 94 1 <=> iJü ÄA® »am Hafen von Memphis 

landen « und macht daraus A4: (J <r=> "^^xl ij (J ^ " ^r 

landet am Hafen von Äg^-pten (sie!)«: dabei schreibt er auch die 

Form n des Landdeterminatives ab, Avährend er sonst (bei T%) die 
Form ^ verwendet. Auch das ^,^ ^:::^ B 1 4 erinnert an das 

K37 Pianchi 5. 



' Ob wir alle solche Stellen gefunden haben, stehe dahin; wo so viel zutage 
kommen ist, dürfte es noch mehr sehen. 



Erman u. H. Schäfer: Der angehl, ägypt. Bericht iih. d. Umschiffiiiig Afrikas. 9('>0 

In A 8 heißt es: '^ l\ ' ^lOö^n-y^Ä <if| 1(5 »der König 

^sagte: eile und bringe ihn mir«, sehr unpassend, denn es ist vorher ja 
gar nicht ein einzelner genannt, den der König so anreden könnte. Der 
Fälscher hat die Stelle aber auch einfach aus dem Papyrus Westcar 

(8,8) abgeschrieben, wo sie lautet: ^ J^ { J|_fj^^y^j^^^^ • 
Hier richtet sie sich wirklich und mit Recht an einen einzelnen, an 
den vorher genannten Prinzen, mit dem der König redet. 

Der Nitokrisstele, die Ilr. Leurain 1897 in der Ägypt. Zeitschr. 
XXXV, 1 7 veröffentlicht hat, hat er zweierlei entnommen. Einmal 



den nur in dieser Inschrift (Z. 8) belegten Ausdruck ^^ '«w« 



c^ 



»in großer Zahl«, den er zweimal A 14 und B 1 1 , mit ganz den gleichen 



o 



orthoarraphischen Absonderlichkeiten als / wwvs benutzt: so- 

dann den Titel ^^^^ fl<=>[|(J ;^;:^ B 2, bei dem ihm freilich ein Mißge- 



SIC 



schick passiert ist. In Z. 9 der Nitokrisstele ist nämlich ein Fürst von 
Herakleopolis genannt, der die Titel J^ ^^ °<===>00 ^l:;:^^ »großer 

General, der Oberste des Hafens« trägt; diesen zAveiten Titel <^ß n mrjt, 
der nur hier belegt ist, hat der Fälscher abgeschrieben und dabei 
sogar die ungenaue Stellung des a naiv wiederholt. Aber er kannte 

den ersten Titel ^\\ ^^ niclit und wußte nicht, daß das Adjektiv 
^^ «groß« dazu gehört, und zog dieses zu dem 0' n mrjt, der nun zu 
dem monströsen ^^ (!<:=>[[ h^^^;:^ wurde. 



Im Jahre 1899 hat Hr. Golenischkff im Recueil de Travaux XXI 
die Geschichte der Reise des Wenamon veröffentlicht. Dort lesen 



'-''AAA II r-^m ' »ich zog herunter zum großen syrischen Meer im Mo- 
nat 4 der <S/rtw- Jahreszeit, am ersten Tag«, d. h. ich fuhr damals aus 
dem Nil ins Mittelländische Meer. Dieser Stelle verdankt er das merk- 
würdige |rD'^^flP<^^^(]^^^?'? "icli zog herunter zum 
Meer am 11. Tage« (B 7); daß die Schreibung 00 (2-=^^^;^ und der 
Artikel a^ nicht zu dem Charakter paßten, den er seiner Inschrift 
gab, hat er nicht bemerkt. 

Auch die zweite SteUe, in der der Artikel vorkommt: A 9 »der 
Bote kam -cr^iJA^ T 4 r ^^V *^^^^^"^' ^'^ Seine Majestät war«, 
wird er einem neuägyptischen Text entnommen haben, etwa dem bekann- 



964 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittli. d. phil.-hist. Classe v. 9. Juli. 

ten Bericht über die Chetaschlacht, wo LD. III 153, 19 und ebenda 21 

ganz ebenso <^=>A^ y4j|»u=^(l¥\ vorkommt. Doch sind ähnliche 

Wendungen in den Texten des neuen Reichs zu häufig, als daß er 
gerade diese Stelle kopiert haben müßte. 

Im Jahre 1906 wurde das Märchen vom Schiffbrüchigen 
durch Hrn. Golenischeff im Recueil de Travaux XXVIII veröffentlicht, 
das ja wirklich eine Reise auf dem Roten Meere behandelt, dessen 
Benutzung dem Fälscher also nahelag. Und richtig, er hat diesen Text 
auch benutzt. In Z. i i 7 des Schifl'brüchigen heißt es: »Siehe, du wirst 

verbrmgen ^'^^J^'^^<=>^^^^^^'^\\\\ Monat auf 
Monat, bis du vier Monate vollendest«, mit einem Ausdruck ibdw hr 
ibdw, der sonst nirgends belegt ist. Das ist B 8 : » Ich fuhr . T ^ 

nach Süden <: — :> r 1 /vaaaaaJ , bis zur Vollendung von einem Jahre 

^-^ I I IUI III * 

und sieben Monaten '< ; man entsinnt sich, daß wir oben (S. 961) das 
r hnt n als einen unrichtig gebildeten Ausdruck bezeichneten, und in 
der Tat hat die Stelle des Schiffbrüchigen ihn in einer richtigen Ge- 
stalt. Ebenda heißt es Z. 142 nach Golenischeffs Umschreibung I ^ 

^ O I ^ ^'ic\\ erzähle das mit mir Geschehene«, und in 

H AAAAAA n r\ — -T /T^ n I \ -7 ^j^ /"^ AA/*AAA 

M 1 1 I »er erzählte alle 



A 10 liest man — ^^ Jf^^^' 
Wunder, die ihm geschehen waren«; wir wunderten uns oben (S. 961), 
daß hier der Ausdruck sdd »erzählen« gebraucht sei, der zu dem sonsti- 
gen Tone des Textes nicht paßt; er ist eben aus jenem Märchen ent- 
nommen. Und endlich hat er aus Z. 153 das S;^; ^3:^ci^<rr> 

\. — 1 »du trennst dich von diesem Orte« abgeschrieben, wobei er 

aber, wie wir oben (S. 960) sahen, das sw r »sich von« ausgelassen hat. 

In B 6 steht nach Hrn. Caparts Mitteilung sicher ^^ ^^ T 

^^^ * ® lo 10 o 

<=> I ' ^ , wobei uns (S. 961) der subjektslos gebrauchte Infinitiv auf- 
fiel. Der Fälscher hat die ganze Stelle aus Derelbahri (Taf. 72 der 
englischen Ausgabe) wörtlich abgeschrieben, wo sie als Überschrift 
eines Expeditionsbildes steht: 



Dereib. 



?^JT^l^--^;i^--— k^^^° 



^ ^ 



AWVNA 



f^^\/1 



»Das Beginnen des schönen Weges zum Gotteslande, 
das glückliche Landen im Lande Pwnt.«. 



Erman u. H. Schäfer: Der angebl. ägypt. Bericht üb. d. Umscliift'ung Afrikas. 965 

Man sieht, er hat nur die Orthographie der seinen angepaßt, 
wobei er freilich das T nicht hätte stehen lassen dürfen'. Wenn 

er dabei das <=s:3^ (d. h. wdj) irrig durch ^ a wiedergegeben hat 

(rrf/' r // bedeutet »gebären« und »vernachlässigen«, wdj r U »landen«), 
so ist das wohl sein eigner Irrtum, denn der Unterschied zwischen 
den Formen dieser beiden Verben ist ja noch heute manchem Ägyp- 
tologen unbekannt. Doch haben schon die Ägypter hier gelegentlich 
Verwirrung gemacht, und vielleicht kannte der Fälscher die Stelle im 
Paherigrab, wo nach der englischen Ausgabe (Taf. 5) wirklich h. ü\\ 

<:z=>^^^ für »landen« steht. 

Man beachte übrigens, wie abenteuerlich der Fälscher diese Stelle 
aus Derelbahri benutzt; er setzt sie in die Mitte zwischen zwei Daten, 
von denen nun das erste den Tag der Abfahrt, das zweite den der 
Ankunft angeben muß. 

Blättern Avir dann in Derelbahri weiter, so finden wir auf Taf. 75 
die Überschrift zu den heimkehrenden Schiffen: »Das glückliche Heim- 
kommen, das Landen in Karnak in Freude « , und richtig, der Fälscher 
hat auch die sich nicht entgehen lassen: 

r) n ^ '=^= ""t Tributen , „ „ , ,. 

D. U A ' • AI A D <=z> I v.<^:r> Bubastis 

li A Ci D in Menge '"— " I ^" _öi^ o o 

Er läßt dabei auch dieser Stelle wieder ganz ungeniert den in- 
finitivischen Charakter, den sie als Überschrift hat, und der uns schon 
oben (S. 961) auffiel. 

Aber er hat noch anderes aus Derelbahri. Einmal vermutlich den 

Ausdruck in B 5 T m"^ ^^^<=> »den Weg zu den Ländern 

^ i J ^ O I Ci III ^^ 

Öffnen«; den wird er aus Derelbahri 84, 5 fl La^^^A Q ö v^^^ 

<:ir>^ "^^ "^ "*^^^ Wege zu den Myrrhenbergen öfihen« gelernt haben. 
Sodann aber die Form i|| ^r^ '^ v^Tk^' ^^^' ^^'^^ ^^^^ oben (S. 961) be- 
merkten, in B 4 »der da fuhr« bedeuten soll, trotzdem sie doch ein 
Infinitiv ist und kein Partizip. Hier hat ihn Derelbahri hinters Licht 
geführt; in den beiden Überschriften, die er abschrieb, stand das Wort 
so geschrieben unmittelbar vor den Worten, die er aufnahm: yi\ „ 

0%.^. »das Fahren« auf Taf. 75, ^ ^^ci% .^. f\ "^k ^=^ ~wwv 
»das Fahren auf dem Meere« auf Taf. 72. Dieses letztere verwendete 



' Er hat übrigens auch die verkelirte Form des ^\\\\ . die er in Derelbaliri fand 
lind die zu den Eigentümlichkeiten von Dyn. 18, 19 gehört, niitabgeschrieben. 



966 Gesamnitsitzung vom 30. Juli 1908. — Mitth. d. phil.-liist. Classe v. 9. Juli. 



er für sein 



ö 



hr nbf % 



■v>~vv «der für(?) seinen 



Herrn auf dem Meere fuhr« ; daß die grammatische Form dem ent- 
gegenstand, bemerkte er nicht. 

Aber es kommt noch besser. Wir fragen uns oben (S. 961), wie 
das skd y in B 4 jemals »für seinen Herrn fahren« bedeuten 

könne. Der Verfasser hat auch dies nur irrig abgeschrieben, und zwar 
aus einer Inschrift, der er noch viel mehr verdankt. Im Recueil de 
Travaux XVII, 100 hat Hr. Foucart im Jahre 1895 das Bruchstück 
einer Statue »d'epoque sa'ite« veröffentlicht, das er in Sinbelawin 
im Delta gesehen hatte. 

Wir fügen seiner kleinen Inschrift gleich den aus ihr entnommenen 
Anfang des Skarabäus B bei und setzen unter die wörtlich abge- 
schriebenen Stellen einen Strich: 



Reo. 



B. 



.^ 









^1 ^ ^ 






I AA/V^/Vy 



^ 



Rec. i( 

B. qq: 

Rec. Q^ 






I = 
9' 



'o iiiiiii 



A 



AAAAAA 



ö 



ö 



G X- 









f^fiP 



Rec. 



B. 



U' 



ü^z^^zO 



usw. 



J^ >m- 



ä USW. 

I 



Man sieht, alles, was wir in der Stelle als anstößig bemerkt haben 



— das 

statt .sM 



im Titel, die Konstruktion von T mit 



das skdwt 



, steht in den Worten, in denen die Texte voneinander 
abweichen. Da, wo sie zusammengehen, liegt (abgesehen von dem aaa^, 
das vor '"^ ausgelassen ist) nur ein Fehler auf dem Skarabäus vor, 

das 1 im Sinne von «für seinen Herrn«. Aber gerade das schließt 

den Beweis der Fälschung ab, denn das y hat in der echten 

Inschrift seinen guten G-rund, denn dort hängt es ja von Q^ »kämpfen« 



Erman II. H. Schäfer : Der aiigebl. ägypt. Bericht üb. d. Umschiffung Afrikas. 967 

ab, und »kämpfen für etwas« wird in der Tat immer durch ^ wieder- 
gegeben'. Der Fälscher, der diese Konstruktion nicht kannte, glaubte, 
was dem einem Verbum recht sei, sei aucli dem anderen billig und 
ließ das "f daher ungeändert, als er das Q^ durch skd ersetzte. 

Man sieht, diese kleine Inschrift von Sinbelawin hat dem Fälscher den 
Anfang und die Grundlage für seinen Skarabäus B geliefert ; auch für die 
Wahl der Orthographie gab sie ihm den Anhalt", und insbesondere wird 
er ihr die Schreibuns: D ^^ verdanken, die er in die Derelbahri- 

stelle einführte. Wer dann aber die Stelle im Recueil de Travaux 
(XVII, loo) nachschlägt, wo Hr. Foucaet sie 1895 veröüentlicht hat, 
der sieht noch mehr. Denn der Herausgeber dieser Zeitschrift, Hr. 
Maspero, hat dort der Notiz des Hrn. Foucaet eine Anmerkung zu- 
gefügt, in der er beklagt, daß dieses kleine Denkmal so schlecht er- 
halten sei; scheine es doch Angaben enthalten zu haben »sur Factivite 
des Egyptiens vers le Sud ä l'epoque sa'ite et sur leurs expeditions, 
dont une seule, celle de Nechao, nous est connue par la tradition 
grecque « . 

Wir möchten glauben, daß es diese Worte gewesen sind, die den 
Fälscher zu seiner Arbeit angeregt haben; was in der Inschrift von 
Sinbelawin leider nicht zu finden war, das wollte er der Welt nun 
doch in einem ägyptischen Texte geben. Mit der Durchführung dieses 
tredankens hat er sich dann freilieh Zeit gelassen, denn wie wir oben ge- 
sehen haben, hat er neben Publikationen von 1897 und 1899 auch noch 
einen Papyrus benutzt, der erst im Jahre 1 906 veröffentlicht worden ist. 



' Beispiele sind LD II 136 h; Kairo 20538; Totb. ed. Nav. i, 3; i, 8; Brugsch 
Thes. I 28 u. a. m. 

^ Ob er damit Recht getan hat, als er diese Orthographie für eine Inschrift der 
Zeit des Necho wählte, stehe freilich dahin. Man würde die Inschrift von .Sinbelawin 
für jünger halten; Hrn. Foi'carts Angabe, daß sie der »epoque sai'te» entstamme, 
enthält ja nur eine vage Schätzung. 



Sitzungsberichte 1908. 86 



968 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mitth. d. phil.-hist. Classe v. 23. Juli. 



Die Turfan-Recensionen des Dhammapada. 

A^on R. PiscHEL. 



(Vorgetragen am 23. Juli 1908 [s. oben 8. 771].) 



Hierzu Taf. XI. 

U nter den von den HH. Grünwedel und von le Coq von der dritten 
Turfan-Expedition mitgebrachten Handschriften in Brähmi fiel bei der 
Sichtung eine größere Zahl von Blättern auf, die deutlich Verse ent- 
hielt. Es ergab sich bald, daß die Verse zum großen Teile Versen 
des Dhammapada entsprechen, und einige erhaltene Kapitelunter- 
schriften bestätigten, daß uns hier eine Sanskritrecension des Päli- 
Dhammapada vorliegt. Durch Rockhill war bekannt, daß die tibe- 
tische Übersetzung des Dhammapada im Kandschur und Tandschur 
auf einem Werke beruht, das, »in der Spi-ache der Weißen Ebene«, 
womit gewöhnlich das Sanskrit bezeichnet wird, geschrieben war". 
Es lag also nahe, zu untersuchen, ob die Sanskritrecension mit der 
tibetischen Übersetzung übereinstimmt. Das ist in der Tat der Fall. 
Zwar fehlt es nicht an Abweichungen, die, soweit man nach Rockhills 
Übersetzung urteilen kann, im einzelnen zuweilen nicht ganz gering 
zu sein scheinen, wie in Varga XXVI. Aber die Übereinstimmung 
ist doch so groß, daß kein Zweifel daran möglich ist, daß unsere 
Sanskritrecension die Quelle der tibetischen Übersetzung ist. 

Da sich bis jetzt weder Anfang noch Ende gefunden hat, so ist 
es nicht möglich, etwas Sicheres über den Namen und Umfang des 
Werkes zu sagen. Der Name der tibetischen Übersetzung ist Udäna- 
varga, der der ältesten chinesischen Übersetzung war Fd-cü, d. h. 
Bharmapada'-. Da die einzelnen Kapitel der Sanskritfassung den Namen 
Varga füliren, entsprechend den Vagga des Dhammapada, so ist es 



' Udäiiavarga: A CoUection of Verses froiii the Buddhist Canon. Conipiled by 
Dliarmaträta. Being the Northern Buddhist \'ersion of Dhanunapada. Translated froin 
the Tibetan of the Bkah = hgyur. With Notes and Extracts from the Conunentary 
of Pradjnävarman. By W. Woodville Rockhill (London 1883) S. X. 

^ BuNYUT Nanjid, A Catalogue of the Chinese Translation of the Buddhist 
Tripilaka (Oxford 1883) Nr. 132 1. 



Pischel: Die Turfan-Recensionen des Dhammapada. 969 

A'on vornherein nicht wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich, daß 
das ganze Werk ebenfalls als Varga bezeichnet wurde. Und da bis 
Varga 3 2 der Sanskrittext mit dem Tibetischen übereinstimmt, so wird 
man annehmen dürfen, daß auch der Sanskrittext, wie der tibetische 
und älteste chinesische, 33 Kai^itel enthielt, nicht 39, wie eine' der 
vier' chinesischen Sammlungen. 

Bis jetzt haben sich von der Sanskritfassung 35, mehr oder weniger 
gut erhaltene Blätter gefunden. Sie stammen alle aus einer ungeheuren, 
in ihrem oberen Teile zerstörten Buddhastatue, die in der hintersten 
Höhle von Sorcuq (zwischen Kurla und Karasahr) stand. Die Höhle 
wird wegen der Abbildung einer Stadt auf ihrer Rückwand von Hrn. 
Grünwedel als »Stadthöhle« bezeichnet. Wo die Handschriften in 
Bündeln vereinigt lagen, sind die Blätter mit einer einheitlichen Zahl 
bezeichnet worden. Die Zahlen besagen gar nichts für die literarische 
Anordnung, sondern bezeichnen nur die Reihenfolge der Funde. So 
bedeutet T III S 7 1 die 1 3 Blätter, die als 71. Fund in Sorouq (S) bei 
der di-itten Turfan-Expedition (Till) gefunden worden sind, Till S 79 
das eine Blatt, das für sich allein als 79. Fund sich ergab. 

Für die große Beliebtheit des Dharmapada, wie ich der Kürze 
wegen die Sanskritrecension fortan im Gegensatze zum Dhammapada 
in Päli nennen will, spricht die große Anzahl der Handschriften, die 
sich gefunden haben. Schon die schwankende Größe, in den meisten 
Fällen auch die abweichende Schrift, zeigt, daß sehr A'^erschiedene 
Handschriftenreste vorliegen. Selbst die unter gleicher Nummer ver- 
einigten Blätter können nicht immer mit Sicherheit einer Handschrift 
zugeteilt werden. So sind von den 4 Blättern T III S 66 3 nur 7 cm 
hoch mit 5 Zeilen auf der Seite, i mit deutlich abweichender Schrift 
dagegen 8,3 cm hoch mit 6 Zeilen auf der Seite. An den Seiten sind 
die meisten Blätter abgerissen, wodurch leider auch die Seitenzahlen 
verloren gegangen sind. Doch haben sich glücklicherweise einige 
Zahlen erhalten, die einen ungefähren Schluß auf den Umfang der 
Handschrift und damit des Werkes überhaupt erlauben. So sind die 
7 Blätter Till S18, die 37 cm lang und 8,3 cm hoch mit 6 Zeilen 
auf der Seite sind% mit den Zahlen 61 — 69 (Blatt 67. 68 fehlen) be- 
zeichnet. Sie enthalten (das Fehlende eingerechnet) die Varga 29 



' Texts Irom tlie Buddhist Canon comnionly known as Dhammafiada. With 
accompanying Narratives. Trauslated from the Chinese bv Sajiuel Beal (London 1902) 

S. I2ff. 

^ Max Müller, Sacred Books ol" the East Vohnne X, Part I (Oxford 1881) 
S. Lff.; Bl'nyiu Nanjio a.a.O. Nr. 1321. 1353. 1365. 1439; Beal a.a.O. 8. 3 ff. 

^ Das Till 18 gezeichnete Blatt, das 17 als Seitenzaiil hat, ist über 39 cm lang 
Tind über 8 cm hoch, hat aber nur 5 Zeilen auf der Seite. Es gehört al.so zu einer 
andern Handschrift. 

86* 



970 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittli. d. ptiil.-liist. Classe v. 23. Juli. 

Strophe 39 bis Varga 31 Strophe 35 = 29, 42 — 31, 35 der tibetischen 
Übersetzung. Es fehlen also nach der tibetischen Übersetzung noch 
196 Strophen, d. h. ungefähr 33 Blätter, so daß diese Handschrift etwa 
102 Blätter enthalten haben wird. 

Von den andern Blättern mit Zahlen am Rande sind am inter- 
essantesten und wichtigsten die Blätter, die zugleich Kapitelunter- 
schriften enthalten. Diese sind: Till S 86 fol. 5 : 

duhldui\i}}\ hi yo vedayatl . . inctah 
upadhim hi loke salyam iti niatvä 
tasyaioa dht(r)o [iH]nayäya iikset 20 || Kämavarga\J_i\ || 

Der Kämavarga ist Varga II des Udänavarga, und unsere Strophe 
steht dort II, 20 (S. 12). 

Till S84 fol. 60: 

asamtas caira smntai ca nana yändi do^ itas cyutäYh^ 
asarnto narakam ySnti santah scargaparäyanüh || 27 || 
II Priyavargah samäptah 5 || || 

Das ist Udänavarga V, 28 (S. 28). 
T III S 1 8 fol. 1 7 : 

yäm Buddha hliläsa^te väcam kspm[a\m [nii-loänapräplta^ye 
duhkhasyäntakrlyayukläm sä hi vak sädhu hhäsita 15 || Vä(\a\vargah 8 ||''' 

Das ist Udänavarga VIII, 15 (S. 38). 

Ohne Seitenzahl, aber mit Kapitelunterschrift und deswegen gleich 
hier erwähnt, ist T 111 S 7 5 , ein Blatt, von dem mehr als die Hälfte 
links abgerissen ist: 

yas tv ihotpntitam krodhnm rathnm 

[jd\)iah 22^ II 

Krodhavargah samäpta\li\ || Uddänant || sraiiiano märga 

Dann sind etwa 1 5 Silben abgerissen und dann folgt || || , 

woran sich schließt: 

sarvabhibhüh sarvavid eoa cäsmim* 
sarvais ca dharmaih sn' , 

womit das Blatt endet. 



Lies tr. ^ Tlieragätliä 1230: 

yani Buddho bhäsatt väcam khemam nibbänapattiyS | 
dukkfmss' antakiriyäya sä ve väcänam uita?nä || 
Dlipd. 222 : 

yo vp uppatitaiii kodhain rathain bhantain va dhäraye 
tarn aha in särathim brümi rasmiggäho ^taro jauo \\ 
Lies cäsjni. '" Dlipd. 353: 

sabbäbhibhü sabbavidü liam asmi 
sabbesu dhammesu anüpaUtto. 



Pischel: Die Turfan-Recensionen des Dhainmapada. 971 

Der Krodhavarga ist Varga XX des Udänavarga, und unsere Strophe 
ist dort Strophe 2 i (S. 89). Daran schließt sich der Tathägatavarga, 
dessen erste Strophe identisch ist mit der ersten Strophe des folgenden 
Verses des Dharmapada, die ich, soweit sie erhalten ist, eben mit- 
geteilt habe. 

Dies ist das einzige Blatt, auf dem hinter dem Varga ein Uddäna 
gegeben ist. Es gehört also zweifellos zu einer andern Recension als 
die übrigen. 

THI S 18 fol. 61 — 62, 

II Yugavargah samäptah 29 || 
wozu T III S 7 I , ohne Seitenzahlen, || Yugavar . • • • || kommt, ist unten 
mitgeteilt. 

T III S 7 I , ohne Seitenzahlen : 

cittasya hi sa[/!t]i/a>nah su\liJiam citiam raksd\la mä pi-amadyatah^ 

citte tu suraksite prajah,' e\katya n\irvänam äpnute 60 || Clttavar- 

(/ci' 31 II II 

Das ist Udänavarga XXXI, 64. 

Außerdem finden sich noch Blätter mit den Seitenzahlen 49, 53, 
71, 83, 93, 116, die Strophen aus den Kapiteln XIII, XXI, XXVI, 
XXIX, XXXI und XXXII des Udänavarga enthalten, worüber unten 
einiges mitgeteilt wird. 

Von einigen Varga finden sich mehrere Handschriften. Und da 
ergibt sich die interessante Tatsache, daß von dem Dharmapada mehrere 
Recensionen vorhanden waren. Ich habe bereits darauf aufmerksam 
gemacht, daß die Unterschrift des Krodhavarga auf eine besondere 
Recension hinweist. Am abweichendsten voneinander sind unter den 
bisherigen Funden die MSS. des Yugavarga, den ich unten als Text- 
probe mitteile. Es liegen drei MSS. vor. Till S 79 (= C) enthält 
Strophe 4 — 18, Till S71 (= A) Strophe 17 — 66 oder eigentlich 
17 — 65, da 51 in der Zählung ausgefallen ist, T III S 18 (= B) 
Strophe 39—57- 

Davon entsprechen die Strophen C 17. 18. 19 den Strophen 27. 
28. 29 von A, und die Strophen B 39 — 57 den Strophen A 49 — 66. 
B 39 — 53 entspricht also A 49 — 63, B55 — 57=A64- — 66. C stimmt 
zu B, da C 17 — 19 = A 27 — 29 sind. Daß die kürzere Recension die 
ältere ist, lehrt ein Blick auf A i 7 ff., wo die Strophen sich voneinander 
nur durch ein Wort unterscheiden. BC haben nur räc/a, A fügt Strophen 
mit dcesa, molia, rnäna, lobha, trma hinzu, und zwar in positiver und 
negativer Fassung. Eine dritte Recension stellt der Udänavarga dar, 
der 59 Strophen enthält, gegenüber A 66 [65], B 57 Strophen. 

' Lies pramädyala. '■* Lies prajä. 



972 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittli. d. phil.-hist. Classe v. 23. Juli. 

Der folgende Varga XXX (Sukhavarga), der in zwei Handschriften 
Tm S 71 (A) und Till S18 (B) vorliegt, hat in A 52 Strophen, in 
B51. Bis Strophe 49 stimmen die Handschriften überein: 

susukham bata jicamo yesäm no^ nastl kincananr 
pritihhaksä bhcwisyämo^ devä hy äbhasvara yathä 49*. 

Dahinter fügt A, wie im Yugavarga, wieder eine Variation ein: 

\susii\kJiam bata ßvämo ycmin no nüstl klncanam 
prltibliaksü' bfuicisyanio satküyenoponi/isrla[lt] 50. 

Die beiden folgenden Schlußverse des Varga sind wieder in beiden 
MSS. gleich. Strophe 44 dieses Varga ist übrigens die berühmte 
Strophe, über die kürzlich Franke gehandelt hat", deren zweiter Vers 
sich auch Mahävastu III, 453, i findet, und auf die aucli noch im 
Mahäbhärata 12, 219, 50 angespielt wird: 

susvkham bata jlvämo yemm mP nastl klncanam^ 
Mlthiläyäni' dahyainunäyüm^^ na^^ no dahyati kincanam. 

Im Udänavarga XXX ist dies Strophe 49. 

Vom Cittavarga, Varga XXXI, haben sich drei Handschriften ge- 
funden. T 111 S 7 1 enthält ihn vollständig Strophe i — 60, T 111 S 1 8 
enthält Strophe 25 — 35, Till S 79 fol. 49 enthält Strophe 5 — 21. 

Die meisten Handschriften, aber leider nur Fragmente, haben sich 
von Varga XXXII, dem Bhiksuvarga, gefunden, nämlich fünf. T III 
S71 enthält die ersten Worte pindacärl (so!) käya, den Schluß von 
Strophe 42 dhanät und Strophe 43 — 56, letztere unvollständig. Till 
S 84 fol. 53 enthält Strophe 5 — 20, T III S 79 fol. i 16, Strophe 7 — 19, 
Till S 78 vom Ende von Strojohe 27 bis Anfang 42, Till S 66 
Strophe 46 — 56. 

Außerdem ist von Varga VI vorhanden Strophe i — 5 in MS. T III 
§ 84 fol. 60 und Strophe 11 — 19 in MS. Till S 66, von Varga XXI 
der Anfang in MS. Till S 75 und Strophe i — 13 in MS. T IE S 66 
fol. 83. 

Vollständig vorlianden sind also Varga XXX und XXXI, Sukha- 
varga und Cittavarga, fast vollständig bis auf Strophe 1 — 13, Varga 
XXIX, Yugavarga. Von Varga II ist vorhanden Strophe 19, 20, von 



' ß nno. ^ So durchweg beide MS.S. ^ A nur noch b/iavi, der Rest fehlt. 

^ nhpd. 200: 

susukham vata ßväma ytsam tio natthi kincanam | 
pJtilyhakkhä lihavissäma devä abhassarä yathä |j 
Im Udänavarga XXX ist dies Strophe 50 (.S. 159). 

^ Uespritr. " WZKM. 20, 352 f. ' B nnn. » A °vanah. ' In k yäm 

abgerissen. '" In A nur yäm, in B dahyamänäy vorlianden. " In B abgerissen. 



Pischel: Die Turfan-Recensionen des Dhammapada. 97.> 

Varga III 1--13, von IV 21 — 32, von V 19 — 27, von VI i — Sund 
II — 19, von VIII II — 15, von IX 1—7, von XIII (T III S 66 fol. 7 i ) 
9 — -iSC?), von XIV i — 3, von XVI 12 — 24, von XX 12 — 22, von 
XXI Anfang und 1 — 13, von XXVI (Till S 78 fol. 93) 10—22. 

Das ist ein ziemlich beträchtlicher Teil des Ganzen, der sich, 
wie wir hofien, noch vermehren wird, je weiter die Sichtung des 
riesigen Materials vorschreitet. 

Soweit Schlußverse vorhanden sind, stellt sich das Verhältnis 
der Recensionen folgendermaßen, wenn P (^ Päli) das Dhammapada, 
S (= Sanskrit) das Dharmapada, T (— Tibetisch) den Udänavarga, die 
römischen Zahlen die Nummer des Kapitels, die arabischen die Zahlen 
der Verse bezeichnen: 

P S T 

— = II. 20 = II. 20 
XVI. 12 = V. 27 = V. 28 

— = Vlll. 15 = VIII. 15 
XXI. 16 = XVI. 24 = XVI. 23 

XVII. 14 = XX. 2 2 = XX. 2 1 

I. 20 = XXIX. 57 (66 [65]) = XXIX. 59 

XV. 12 = XXX. 51 (52) = XXX. 53 

III. 1 1 = XXXI. 60 = XXXI. 64 

Die Tabelle zeigt, daß P eine ganz andere Anordnung der Kapitel 
lind in diesen durchweg viel weniger Verse hat als S und T, die in 
der Anordnung völlig, in der Zahl der Verse fast genau übereinstimmen. 
Während innerhalb der einzelnen Kapitel mit gemeinsamen Namen 
S und T wieder mit leichten Schwankungen genau übereinstimmen, 
weicht P von ihnen völlig ab. Rockhill hat bereits S. VIII be- 
merkt, daß T nicht bloß Strophen aus P enthält, sondern auch aus 
andern Teilen des Kanons. Dasselbe gilt natürlich von S. Die An- 
merkungen zu dem unten mitgeteilten Texte geben eine Probe, so- 
weit ich die Strophen identifizieren konnte. Deutlich tritt das Be- 
streben hervor. Zusammengehöriges nach Möglichkeit auch in ein Ka- 
pitel zu vereinigen. So finden sich Strophen aus den verschiedensten 
Kapiteln von P in ST in einem vereinigt. Aber P war nicht die 
Quelle von ST. Viele Strophen stimmen zwar genau überein und 
lesen sich in ST wie eine Übersetzung von P. Aber ebenso viele, 
wenn nicht mehr, zeigen ganz bedeutende Abweichungen in Anordnung 
der Verse und im Wortlaut. Auch zum südlichen Buddhismus ge- 
hörige Werke haben zuweilen Zitate aus dem Dliammapada, die Ab- 
weichungen von Fausbolls Text aufweisen. So lautet Dhammapada 40 
bei Fausb0ll: 



974 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mitth. d. phil.-hist. Classe v. 23. Juli. 

kumhlmpamain käyain imam viäitcä 
nagarüpamam cittam idam thapetvä | 
yojetJia Märam panfiäviidhena 
Jüan ca rakkhe anivesano slya || 

yojet/ia erklärt der Kommentator mit hareyya. Statt yojetha liest 
nun der Petakopadesa yodhetha^, mid damit stimmt S überein, wo sich 
die Strophe XXXI, 35 findet (T 111 S 71 und T lU S 18): 

kumhhopa\mam käyam ima7ri\ vidltvä 
nayaropamam cittam adhisthitam ca' 
yudhyeta Mar am prajftäyudkena 
jitam ca rakscd anivesanalfi] syät 

So liest auch der Udänavarga XXXI, 35 (S. 168): "he .... fights 
Mära with wisdom as a weapon." Man beachte, daß S und T in der 
Zahl der Strophe genau übereinstimmen. Auch in andern Fällen 
kommt S fiir die Textkritik von P in Betracht, wie ich in der Ge- 
samtausgabe von S später zeigen werde. 

P I. 2 ist in S und T = XXXI, 23. 24. — P i. 2: 

manopuhhahgamä dhammä manosetthä manomayä | 

manasä ce padutthena bhäsati va karoti vä 

tatn nam dukkham anvetl cakkam va vahato padam || 

mannpiibhahyama dharrima manosetlhü manomayä | 

manasä ce pasannena bhäsati rä karoti vä 

tato nam sukham anceti chäyä va anapäyini || 

lautet in S XXXI, 23. 24 (TIÜ S 71): 

manahpürvahgamä dharmä manahsresthä manojavä[li\ ' 

manasä hi [p7-adustena] [hhä]sate vä karoti vä' 

tatas tarn duhkham anveti cakram vä (so!) vahatah padam 23 

manahpürvaiigamä dMrmä manahsresthä manoja\cäli\ 

[rnanasä hi] [pra]sannena hluisate vä karoti vä' 

tatas tatn sukham anceti cchäyevä (so!) Jiy anngämint 24 

Die berühmten Strophen P 153. 154: 

anekajätisamsäram sandJiävissain anibbisam | 
gahakärakam gavesanto diikkhä jäti punappunain || 
gahakäraka dittho si puna geham na kähasi \ 
sabbä te phäsukä bhaggä gahakütam visamkhitam | 
visamkhäragatam cittam tanhänani khayam ajjhayä || 



• R. Fuchs, Specimen des Petakopadesa (Berlin 1908) S. 25. Dieses schwierige 
Werk zeigt auch sonst Abweichungen von dem uns vorliegenden südlichen Kanon. 



Pischel: Die Turfan-Recensionen des Dhammapada. 975 

stehen in S und T in Varga XXXI, 6. 7 und lauten in S (T Ell S 7 1 
[A] und Till S 79 fol. 49 [B], wo nur verstümmelt erhalten): 

anekam jätisamsäram samdhävitvä punah punah^ 
grhakärakam' esamänas^ tvam äuhkhä^ jätl\Ji\ punnh punah 6 

grhakaraka^ drsto^ [']«/ na punar yeham karisyasi 
sarve te pärsuka hhagnä grhaküta\}n\ visamskrtam^ 
visamskciragate" ciite^" ihnka ksayatii adhyagä/y^ 7 

Man beachte hier die Lesarten des letzten Verses. 

Eine von S verschiedene Recension des Dhammapada ist die des 
Kharosthi-MS. Dutreuil de Rhins (Kh). Senart hat darauf hingewiesen, 
daß in der Recension dieses MS. sich Strophen finden, die in andern 
Teilen des Kanons und im Udänavarga vorkommen'". Insofern gleicht 
diese Recension S. Aber die Anordnung war, soweit man aus den 
zusammenhängenden Abschnitten, wie C" und C" S. 7 i fi"., schließen 
kann, eine ganz andere. Auch unterscheiden sich die gemeinsamen 
Strophen oft in ihren Lesarten. So lautet Dhpd. 314 in Kh'^: 

akita kuki[ta] sehu pacha tavati druklta | 
klta nu sukita sph\ii\ ya kitva nanutapaü || 

in S XXIX, 41 (B = 52 A) aber: 

akrtam kiikrtäc chreyn\fj^ pnscät tapatl diiskrta»i | 
socate duskrtam krtoä iocate dwgatlm gatah || " 

In andern Fällen stimmen S und Kh miteinander gegenüber P 
überein, wie z.B. in Dhpd. 206, wo P hat: 

sädhu dassa7iain ariyanam sanniväso sada siikho | 
adassanena hslänam niccam eva sukhi siyä || 

Kh S. 104: 

sühn darsana ariana savaso vi sada suho | 
adasanena halana nicatn eva suhl sia || 

SXXX, 25: 

sukham darsanam, äryanam samcäso ['\pl sadä sukham | 
adarsanena bälSnäm nityam eva sukht bhavet || 



' In B ist nur erhalten anekam jätisamsära. ^ In B abgerissen. ^ A 

esämänas, B nur nas erhalten; lies tvam? * B duhkham. ^ In A abgerissen. 

' In A (fr abgerissen. ' A °küta; in B abgerissen. ' In B abgerissen. ^ In B 
vi abgerissen. '" A cktam. '' In A nur k.iaya, der Rest abgerissen. '^ Le 

Manuscrit Kharosthi du Dhammapada (Paris 1898) S. 58. 76 ff. " S. 88. '♦ Udä- 

navarga XXIX, 45 ist etwas abweichend. 



976 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittli. d. phil.-hist. Classe v. 23. Juli. 

Kh und S haben suha oder sukha gegen P sadhu, und samvaso 
gegen P smmioäso. In sia =^ P siyä stimmt Kli zu P, während S bhavet 
hat, was metrisch nötig war. 

Eine genauere Untersuchung des Verhältnisses von Kh zu S muß 
icli der Gesamtausgabe von S vorbehalten. Dort wird auch zu prüfen 
sein, wie sich die Zitate in nordbuddhistischen Werken zu S ver- 
halten. Meine Sammlungen sind augenblicklich noch zu unvollständig, 
als daß ich ein Urteil abzugeben wagte. Ebenso werde ich in der 
■Gesamtausgabe, die als dritter Band der »Ergebnisse der Königlich 
Preußischen Turfon- Expeditionen« in Aussicht genommen ist, über 
die interessanten Strophen wie XXIX, 13. 14. 46 und die Grammatik 
von S handeln. Hier sei nur aus den nachstehenden Textproben 
folgendes hervorgehoben. Strophe 4 ädadantah för ädadalah, 27 (C 17) 
vitarägatrn für vTtarägä atra mit vedischem und epischem Saindhi. 
35 — 42 akrdaioa, was offenbar akäseixi sein soll mit dem gleichen, 
unregelmäßigen Samdhi für ükäia loa. Da es so oft wiederkehrt, 
habe ich es stehen lassen. In den auf S. 974 mitgeteilten Strophen 
23. 24 ist die Vergleichspartikel einmal vä, einmal kä, hier offen- 
bar, wie in A 58 Anm. 27, eva. 54 wird der Genitiv rsiiiam für 
rsmäm durch das Metrum geschützt. Merkwürdig ist in derselben 
Strophe rsayor in beiden Handschriften. Auch sonst aber stimmen 
die Handschriften nicht selten in ganz auffallenden Fehlern überein. 
In 60 (B 50) ist asti ganz wie im Päli und Präkrit atthl beim Plural 
gel)raucht. Wie in den früher von mir veröffentlichten Bruchstücken 
des Sanskritkanons wird auch hier Visarga vor folgender Doppel- 
konsonanz, namentlich vor Zischlaut + Tenuis, oft nicht geschrieben. 
Aber er fehlt auch sonst so oft, daß ich vorläufig noch kein Gesetz 
finden kann. Der Deutlichkeit wegen habe ich ihn in eckigen Klam- 
mern ergänzt. 

Unsere Kenntnis des nördlichen Buddhismus ist noch so gering, 
daß ich nicht gewagt habe, unser Werk einer der beiden großen Ab- 
teilungen, Ilinayäna und Mahäyäna, zuzuschreiben. Deswegen habe 
ich die Recensionen nach ihrem Fundorte die Turfan-Recensionen ge- 
nannt. Im Unterschiede davon empfiehlt es sich, die Kharosthi-Recen- 
sion die Khotan-Recension zu nennen. 

Ich lasse nun den Text des XXIX. Varga folgen, soweit er er- 
halten ist. Der Varga führt den Namen Yvgnvarga gegen Ymnahnvayga 
des Pälitextes. Rockhill hat ihn im Udänavarga mit »Day and Night« 
überschrieben, was die Übersetzung von Tibetisch phrugs ist. In der 
chinesischen Übersetzung führt er den Namen Yamaka. 

Die beigegebene Tafel enthält MS. C = T III S 79 Strophe 4 bis 
Anfang 19. 



Pischel: Die Tiirfan-Recensionen des Dhammapada. 977 

T III S 79 = C. 

[a].<[ä]rotoA 

te säram adhigaccJianti samyaksamkalpagocaräh^ 4 

upätidh\(i^va\m\tt hl särnimddhyn navam naoam handhanam' ädadanta^ 
pad{e) käre drste iride rnk-a nlclstacittah 5 

kämksä hi y\S\ si/äd Iha cä prlhay va ihavedikä oä parnvedikä vä |^ 
täm dhyäyino vipraja .... tnplnam* hrahmncaryam carantah 6 

aniskasäyah käsäyam yo vastram paridhäsyati | 
apetadamasauratya" nümu käsäyam [arhaüY' [7] 

\yas\ tu väntakasäya^h] syäc cJiilesu susamähitah, 
upetadamasauratyah sa vai käsäyam arhalV 8 

yasya dosäh samucehinnäs tä(la) . . kavad'^ dhaläh 
sa väntadoso medhäm sädhurüpo nirncyate'^ 9 

na näma rüpamätrena rarnapuskalayä na ca | 
sädhurüpo naro bhavati mäyäcl matsa . . . '" 10 

na varnarüpena naro hi sarvo vijfiäyate netvaradarsanena | 
susamvrtänäni iha vyamjanena to asamvrtä lokam imam caranti^^ 1 1 



> Dhpd. 12: 

säraii ca sSrato iiatvä asäran ca asärato | 

te säram adhigacchanti sammäsamkappagocarä || 

* Verbessert aus hundlianam. 

^ Dieses MS. bezeichnet die Interpiinktiitn mit dem Zeichen des Visarga oder 
mit Punkt in der Zeile, AB mit '. 

* Der vor dem Worte stehende Buchstabe ist unklar, da halb abgerissen. Ob 
nya oder hya? Vielleicht ätäpinäm. zu verbessern? Ich kann die Strophen 5 und 6 
leider nicht im Päli nachweisen. 

^ Lies °tyo. 
« Dhpd. 9: 

anikltasävn käsävam yo vattham paridaliessati | 

apeto damasaccena na so käsävam arahati {{ 
' Dhpd. 10: 

yo ca vantakasäv assa silesu siisamShito | 

upeto damasaccena sa ve käsävam arahati {{ 
' Zu ergänzen wohl in tälävastukarad. 
" Dhpd. 263: 

yassa cetam samucchinnain mülaghaccam samUhatam 1 

sa väntadoso niedhävT sädhurüpo ii imccati |{ 
'" Dhpd. 262: 

na väkkaranamattena vannapokkharatäya vä 1 

sädhurüpo nar^ hoti issukt macchari sathc 11 
Der Vers also wohl zu ergänzen : matsart sathah. 
" Samyuttanikäya I, 79: 

na vannarüpena naro svjäno na vissase ittaradassanena I 

susannatänam hi viyanjanena asaiinatä lokam imam caranti |{ 



978 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mitth. d. pliil.-hist. Classe v. 23. Juli. 

pratirüpa .... Itarnikä vä loliardhamäsa Iva hlranyacchannah 

caranti haike parlväravantas tv antar liy asuddhä hahi^hl iohhamän\(i'\h^ 12 

middhi ca yo hhavati mahä . . . [7-ä](rim dwam samparivoiHasäyi | 
mahävaräha iva niväpapustah puna\Jj\ punar mandam upaiti garhham- 13 

manujasya sadä s>/trttmato lahdJivä hhnja 

\ta\nukasya hhnoamti vedanäJj, sanakair jtryati üyu\Ji\ palayam^ 14 

mhhSnudarsinam nityam indriyesu susarnvrtah* 
bho[jane cäpy amätrajnam hl]nam jagarikasu ca | 
tarn vai prasahate räyo väto vrksam icabalam^ 15 

asubhanudarsinam niiyam indriyesu susamvr\iarn\ 
[bhojane cSpi mätrajmm] yuktam jagarikasu ca | 
ta7n na prasahate räyo vätah iailam ioa sthiram'' 16 

ramantyäny aranyani na cätra ramate janah 
vTtarä\gätra rainsyante na tu kämagav]esinah ' 1 7 

gräme vä yadi väranye nimne vä yadi vä st/iak | 
yaträrhanto viharanti te desä ramamyakäh^ 1 8 

durät^ sa^° 



' SamyuUanikäya 1. 79: 

patirüpokn mattikakmtdah ra lohaddhamäso va suvannachanno \ 
caranti eJiv parivärachannä antn asnddhä hahi sobhamätiä \\ 

= Dhpd. 325: 

middhi yadä hoti maltai/ijhaso ca niddai/iia samparivattasayi | 
mahävaräho va niväjiaputthn punappunam gabhliam upeti mando 

' Lies pälayati; Dhpd. S. 356; vgl. Sainyuttanikäya I, 81: 

manujassa sadä satrmaio mattam jänatn /add/iabhojafie | 
tamikassa bhavanti vedanä santkam jTrati Syn pSlayan || 

* Lies °vrtam; lii-htig wäre aber: indriyais cäpy osaimrtam. 

5 Dhpd. 7 : 

svhhSnupassim viharanlam indriyesu asamvutam 

hhojanamhi cämattaiitivm knsTtam Imtamriyam 

tarn ve pasafiatT Märo väto nikkham va dubbalam. 

« Dhpd. 8:' 

asubliSmipassim mhararitam iitdriyesu sttsamviitam 
bhnjanamhi ca mattaiiiium saddham SraddhavTriyam 
tarn ve na ppasahatT Märo väto selarn va pabbatam. 

' Dhpd. 99; vgl. Theragäthä 992: 

ramarmjän arannäni yatiha na ramaft jano | 
t^Jtarägä ramessanti na te kämagavesino |{ 
Siehe unten A 27. 

^ Dhpd. 98; vgl. Samyuttanikäya I, 233 : 

(jäme vä yadi väraiine ninne vä yadi vä thale | 
yattli arahanto viharanti tarn bhümirämaneyyakam |[ 
Vgl. unten A 28. 

' Lies dürät. 

'" Dies ist der Anfang von 19 ^ A 29. 



Pischel: Die Turfan-Recensionen des Dhaminapada. 979 

Damit bricht C ab. Die mit A gemeinsamen Verse gebe icli noch- 
mals bei A. 

T m S 7 I = A, von Strojibe 49 an auch T III S 1 8 = B. 

[tatn vai p!'a]sa[ha]te moho vülo vrksam ioäbalmn^ 17 

subhSnudarsina\ni\ nityam indriyais cäpy asamvrtam 
[bhoj'ane cäpy amäira]jno[m] /i[i:]na[m] [jif\rjarikasu ca* 
tarn vai prasahate mäno väto vrksam wäbalam 1 8 

subhänudarsinam nityam indriyais cäpy \asamvrtam\ 
\bhö\jane cäpy amätrajnam htnam jägarikäsu ca ' 
tarn vai prasahate lohho vädi'^ vrksam iväbalam 19 

subhänuda\rsinam] [ni]fyam [i]ndriyais cäpy asamvrtam 

bhojane cäpy amätrajham htnam jägarikäsu ca ' 

tarn vai prasahate trsnä välo vr\ksain^ [iväjbalam 20 

ahd>hänudarsinam nityam indriyais ca susarnvrtam 

bhojane capi mätrajnam yuktam jägarikäsu ca 

tarn na prasahate \räg6\ {vä^ah sailam iva sthiram 2 1 

asubhänudarsinam nityam indriyaü ca susarnvrtam 
bhojane jäbhi^ mätrajha\m\ yuklarn jägarikäsu ca 
[tarn na prasahate] dceso vätah sailam iva sthiram 22 

asubhänudarsinam nityam indriyais ca susarnvrtam 
bhojane cäpi mätrajnam yuktam jäga[rikäsii ca] 
[ta7ii] na prasaJie* moho vätah sailam iva sthiram 23 

aiubhänudarsmam^ nityam indriyais ca susa\7n\vrtam 
bhojane cäpi mätrajnarn yukta[m] [jägarikäsu] ca 
tarn nä^ prasahate mäno vätah sailam iva sthiram 24 

asubhänudarsinam'^ nityam indriyaü ca susarnvrtam 
[bhojane cäpi] mätrajiiam yuMani jägarikäsu ca' 
tarn na prasahate lobho vätal), sailam iva sthiram 25 

aiubhänudarsi[iiam nityam indriyais co] s[u]sarnv'rta^^ 

bhojane cäpi mätrajnam yuktam jägarikäsu ca' 

tarn na prasahate trsnä vätah sailam iva sthiram 26 

[ramamyäny aranyäni na cätra ramate] janah 
vTtarägätra ramsyante na tu kämagacesinah" 27 (C17) 

gräme vä yadi väranye nimne vä yadi [vä sthale] 
[yaträrhanto viharanti te de\sä ramarüyakäh^^' 28 (C18) 



' ^'^gl. zu C 15. ■■' Lies väto. ^ Lies cäpi. * Lies prasahate. 

° Lies °darsi°. * Lies «a. ' Lies °darsi°. * Lies °vrtam. ' = Dhpd. 99. 
Siehe oben zu C 17. '" = Dhpd. 98. Siehe oben zu C 18. 



980 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mittii. d. pliil.-hist. Classe v. 23. Juli. 

dürät sanlah prakusyante Himavän loa parvatah 
asanto na prakäsyante rä{tri) [29]^ (C 19) 

\sa^dbhir \e\va sahäsTta pandifair arthacintakaih 

artham mahantam gainhhiram prajnayä prativtdyate' 30 

aham nägn Iva samgr\aine\ . . . [pa]titä7n saram^ 
aüvakyam titiksämi^ duhsilo hi mahsjanäh" 3 1 

hhave cähaiii hhayam drstvä bhüyas ca vi[bhave] . . 
. . d bhac[ani] näbhinande nandl ca vibhauena me'^ 32 

asraddhai cäkrtajnas ca sandhicchettä ca yo narah 
hatäcakäso va ... vai tüttamapürusa\Ji\' 33 

mataram pitaram hatvä rajänam dcau ca srotriyau' 
rästram sänucaram hatvä anigho yäti brähmanaJi,^ 3 [4] 

[^yesarn\ \sd\nmcayo nästl ye parijnätabhojanah 

sunyatif cänimittam ca vivekas caiva gocarah 

äkäsaiva sakuntänäm padmn tesäm dura\iivayainy" [35J 



1 = Dlipd. 304: 

(iure Santo pakäsenti Himavanto va pahbato | 

asant' ettha na dissanti rattikhiiiä yathä sarä |{ 
" \Aes ° vidyate; Theragätliä 4: 

sahbhir eva samäsetha pandileli attliadassibhi | 

attham mahantam gamhlüram duddasam nipnnam anum | 

dlärä samadhigacchanti appamattä vicaklihanä || 
Vgl. auch Samyuttanikäya ], 17 f.; 56 f.; Jätaka 190, 78: 537, 408. 442; Särngadhara- 
])addhati 1422; 8ublin>itävali 27 11. 
^ D. li. = patitäii saräu. 
* Lies titiksämi. 
'" Lies °ja?ia/i; Dlipd. 320: 

aham nUyo va samgäme cäpSto patitam saram \ 

ativäkyam titikkhissam diis.iT/o hi bahvjjano || 
*■ Vgl. Majjliimanikäya I, 330: 

bhave i-ähain bhayam disvä bhavaü ca rihliavesinam | 

bhavam nabhivadim kan ci nandin va na upädiyim || 
Zu ergänzen woiü [tasjnä]d. 
' Dhpd. 97 : 

asaddho akatanfiü ca sandhicchedo ca yo naro | 

hatärakdso vantäso sa ve iittamaporiso || 
Zu ergänzen also : väntäsah sa. 
' Dhpd. 294: 

mätaram pitaram hanirä räjäno dve ca khattiye | 

rattham sämicarain hantvä anigho yäti brähmano \\ 
' Lies smtyatS. und so durchweg zu verbessern bis 41. 
"> Dhpd. 92: 

yesam samiicayo natthi ye parinnätabhnjanä 

suniiato animitto ca vimnkho yesam gocaro 

äkäse va sakmäänam yati tesam durannayä \\ 
Vgl. den Schluß von DIijkI. 93, wo padam. 



Pischel: Die Turfan-Recensionen des Dhaiiimapada. 981 

[ycsäm] sannkayo nästi ye parijnütabhojanäh 
sunyatn cämmiifmn ca viv[e]kad caiva (jocara^ 
äkä^aiva sakuntänäm gatis t[esä?n duranvayä] [3]6 

yesärn sannicayo nästl ye parljnUiabhojanäh 
iiinyatä cänimlttam ca saniädhii ca'wn gocurah 
äkaiaiüa iakuntänäm pa\dani tcsüm durancoyain] 37 

yesam sannicayo nästl ye pai'ijhatabhojanäh 
sunyatu canimittaiii ca sanmdhLi caiva gocarah 
ö\kSsaiva sakuntänäm gal^tis tesäm duranvayä 38 

yesäm bhaii(t[h^ pariksmo liy aparäntam ca näsritäh 
sunyatä cänimittaiii ca vi[cekas caiva gocarah^ 
\äkäs\aiva sakuntänäm padam tesäm duränvayam' 39 

yesäm bhava\}_^\ parikslno hy aparäntain, ca näsritäh 
^unyatä cänimi[ttam ca vivekas caiva gocmrth] 
[äkäsaivd] sakuntänäm gatis tesäm duranvayä^ 40 

yesäm bhava\Ji\ pariksmo hy aparäntain ca näsritält 
sunyatä cä[ni}nittam ca] samädhis caiva gocarah 
äkäsaiva sakuntänäm padam tesäm duranvayam 41 

yesäm bhava\li\ pariksmo hy aparäntam ca näsritäh 
[sunyatä cä\niiniltain ca samädhis caiva. gocarah 
äkäsaiva sakuntänäm gatis tesäin duranvayä 42 

alpakäs te manusyesn ye jcniäh pä}'a[gämi?iah] 
.... taräh prajus ttram evänudhävati^ 43 

ye tarhi samyagäkhyäte dharme dharmänudarsinah 
te janä^ päram e\syanti\ .... sya sarvahh^ 44 

gatädhvano viiokasya vipramuktasya täyinah 
sarvagranthaprahmasya pa[ridäho na vidyateY [45] 



' Vgl. 35. 36. 

^ Lies duranvayam. 

^ Lies duranvayä. 

* Dhpd. 85: 

appakä te manusse.su ye janä pSragämino | 
athäyain itarä pajä firam evänudhSvati || 
Zu verbessern ist wohl: atheyam itarä prajS. 
5 Dhpd. 86: 

ye ca kho samm.adakkhäte dhamme dhammänuvattino 
te janä päram essanti Maccudheyyam suduttaram || 

* Dhpd. 90: 

yataddhino visoTcassa vippamuttassa salhadhi | 
salihaganthappahinassa pariläho na vijjati {| 



982 Gesammtsitzung vom 30. Juli 1908. — Mitth. d. phii.-hist. Classe v. 23. Juli. 

uUirnaT), sahhayo märgah pätälah, parivarjitah 

muktayogais tathä granthaih sarvam rägahatam visam^ 4[6] 

dosa{m?) (s)emo^ grahah 

nästl mohasamain jälam nüsti trmnsama nadi^ 47 

äkase tu pada?n nästi 

.... ratäh^ bald nisprahhancäs'' tatJiagatä\]iY 48 

yogalh samuhyate hälo yogmf nudatl panditnh 

. . yo ye ca mänusäh^ 

sarvayogäm^ pranudycha sarvaduhkhät pramucyate^^ 49 (B 39) 

yogad bhavaj}^^ prabhovnti viyogäd bhavasamksaya\}iy^ 
eta\d'\^^ dvaidJiapatharn jhStcä bhaväya vibliaväya ca' 
tatra slksda inedJiäcl yatra yogän ntikramet^^ 50 (B 40) 

nkrtam kukrtär^" r;/»r?/o[A]"' pasrat tapati duskrtani 
socate duskrtam krtvu socate durgatim gatah}' 52"^ (B 41) 



' Theragätlifi 89: 

uttinnä pankä palipä pätälä parivajjltä | 

niutiä ogliä ca ganthä ca sahhe mänä xnsamliatä || 

* Lies dosasamo. Die Reste der Buchstaben sind falsch zusammengeklebt. 

* Dhpd. 251 : 

natthi rägasamo aygi n'aitfii dosasamo gaho \ 
natthi mohasamam jälam nattM tanhäsamä nadt || 

* Lies rata. 

' Lies °prapancäs. 

* Dhpd. 254: 

äkäse ca padam natthi samano natthi bähiro | 
papancäbhiraiä pajä nippapaiicä TathSgatä || 
' D. i. yogän. 

* Vgl. Therigäthä 76: sahhe yogS satmicchinnä ye. dihbä ye ca mänusS. 
' D. i. "yogän. 

'" Mit dieser Strophe beginnt B. Zu lesen ist noch: n pranudya — es fehlen 
etwa 9 aksara — nusä(h) sarvayogan (so!) pranudyeha (unsicher!) sarvadulikh\S\t pra- 
mucyate 39. Woher die Strophe stammt, kann ich nicht sagen. 

" B bhava. 

" A nur bh. 

" Fehlt in A; B eta. 

'♦ Dhpd. 282: 

yogä ve jäyat'i bhün ayogä bhürisamhhayo | 
etam dvedhäpatham iiatoä Wiaväya vibhaväya ca | 
tatK attänam niveseyya yathä bhüri pavaddhati |{ 

'^ Fehlt in A. 

'« Fehlt in A. 

•'' Dhpd. 314; Saniyuttanikäj'al, 49: 

akatain diikkatam seyyo pacchä tapati dukkatam \ 
katam ca sukatam seyyo yam katvä nänutappati |{ 

" So! Bläßte 51 sein. Die Gesamtzahl der Strophen ist also 65. 



Pischel: Die Tiiifan-Recensioiien des Dliaminapada. 983 

«o' hhäsamäna' jnäyante^ m\r\sä^ hälair hi panditäli" 
jnäyante hhäsamanäs^ tu desayanto rajahpadam' 53 (B 43) 

bhcts(iyr[d\ dyotayed^ dharmam ucchrayed^ rsinäny^ dhvajam' 
subhäsUadhvajä^^ nityam rsayor^" dharmagauravaf}}^ 54 (B 44) 

nindanti tüsmm^^ äsTnam nindanü hahubhäsinam' 
alpabhanim^'' ca nindanti nästi lokesv^^ aninditah^' 55 (B 45) 

ekäntaninditah, purusah ekäntam vä praiamsita/i'^ | 

nn cäbhün na hhavisyatP'' na cäpy etarhi vidyate^'^ 56 (B 46) 

yam tu vijnä\li\ prasamsanti'^ hy anuyujya iubhäsuhham 

prasamm sä samäkhyätä na to ajnair^' yah prasamsitah'^ 57 (B 47) 

medhuvinam'^ vrtlayuktarn präjnam Mesu samvrtain}^ 

niskam'^^ jämbunadasyeva^' kas tarn ninditum'^ arhatr' 58 (B 48) 

^ailo yathäpy ekaijhano vciynnU na'^^ prakampyate' 

evanv'^ nindäprasamsäbhir'''~ na kampyante hi paiiditäh,^^ 59 (B 49) 



' A nä. ^ B °na. ' B jäyante. * A mi; es fehlt in A sä hälair hi. 

^ AB panrlitah. ^ B °mänäs. 

' Anguttaranikäya II, 51: 

nühhänamäriam jänanti missain hälehi panditam | 

hhäsamännm ca jänanti desentam amatam padain {{ 
A las offenbar, wie der Ariguttaranikä)'a, näl>liä-ia° und misram. 

** A dyodayed. ' B dlia\rma\in \ncclira\yed. '" So AB. In A fehlt 

die Interpunktion ' aui Ende. " A su\bh.äsjtadhva\jä. '- /So AB; lies °y(). 

" B °ravah; Aiiguttaranikäj'a II, 5 1 : 

hhäsaye jotaye dliammam. paggaiiJie iiinam d/iojam | 

subhäsitadhajä isayo dhammo hi isinam dhajo |{ 
'* A tmnim, B iusnim. '^ B a/pa[bhä]niiu. "^ A n[ästi lokesv d\. 

" B ananditah; Dhpd. 227: 

nindanti tunhrm äsTnam nindanti balmbhäninatn | 

mitabhSninam pi nindanti natthi loke anindito || 
'* A v\ä\ [^>]ra[saTO]s«VaA. " \ na . . d bhavisyati ca no. 

="> Dhpd. 228: 

na cähu na ca hessaii na ceiarahi vijjati \ 

ekantam nindito poso ehantam vä pasamsito \\ 
^' A ya . . . . santi; B vijnä prasamsamnti. ^^ ajair. 

^^ Dhpd. 229: 

yan ce vinnü pasamsanti anuvicca suve suve. 
Der zweite Vers des Dhpd. entspricht dem ersten von Strophe 58 (48) unsers Textes. 
^* B °vina. ^^ A sam[vrtam]. ^^ Fehlt in A '' A jäm[bu]natasyaiva. 

^' B nintitum. 

^' Dhpd. 229. 230: 

acchiddavuttim medhävim paiinämlasamähitam | 

nekkham jambonadasseva ko tarn nindiium arahaii {{ 
'" B nä; Intei-punktion fehlt in A. " B eva. ^^ A ninda; es fehlt das 

Folgende bis ie. 

3^ Dhpd. 81: 

seil) yathä ekaghano vätena na .samTrati | 

evam nindäpasamsSsu na samifijanti panditä |{ 

Sitzungsberichte 1908. 87 



984 Gesanimtsitziing vom 30. Juli 1908. — Mitth. d. phil.-hist. Classe v. 23. Juli. 

yasya müle tvaca nästi parnä nasti tathS latäh' 

tarn dinrain handluinün" muktam kas tam^ ninditum arhati'^ [6o] (B 50) 

yasyn^' ha prapancitam ki no^ sat' santänam^ parigham'^ ca yo nkrttah^'^ 
trsnävigatam miimn mrantam na vijänäti^^ sadevako ['] pi [lo]ko[h]^'- [6 1 ] (B 5 1 ) 

yasya jitam nopaßyate^^ jitam anveti na kan cid eva lohe' 

tani Buddharn anantagomram hy apadam^^ kena padena nesyasi^^ [62] (B 52) 

yasya jäUni visaktikä^^' trsnä^^ nästi hi lokanäyini' 

tam'^ Buddham anantagocarany^ hy apadam kena padena'^ nesyasi'^ 63 (B 53) 

yasya jälim visaktika" trsnS'-^ nästi hi lokanäyint'* ° 

tarn Buddham a7iantaciki-a?)ia?p''' %"" apadanr^ kena padena nesyasi^^ 64 (B 5 5) 

yasya vitarkä'^ vidhüpitäs^'^ to ädhyätmam^^ vinivartitä^' hy asesam 

sa ha ^ samgam atltya sarvasamjnäm ^* yogäpetam atirnasamgam ^ft' ^^ 6 5 (B 5 6) 



' A lata. ^ B baiidhanam. 

^ A ko; alles übrii^e fehlt. A las wohl kn nii; vgl. zu .Strophe 63. 

■• UdänaVII, 6 (S. 77): 

yassa mülam chamä tiatthi pa/iiiä nalthi kiito lata | 
tarn dhiram handhanä muttam ko tarn ninditum arahati {{ 
Vgl. zu Strophe 63. 

^ Fehlt in A. ^ B hTno. ' Fehlt in .\. * A santäna, B samtänam. 

' A parikJiam, B parigha. '" B nirvrttah. " H »a v . . ti. 

'^ A sadeva, Rest fehlt; B pi ka; Udäna VII, 7 (S. 77): 

yassa papaücä thiti ca natthi sandhänain paligham ca t-Ttitiatlo | 
tarn iiittaiihain muriim laraniam närajänäti sadevako pi loko || 
\'gl. Journal of the Päli Text Society 1890, S. 105. Im obigen venlorbenen Text ist 
vielleicht zu lesen : yaxya lux prapancitam hi no 'sti . . . yo 'tivrttah. 

" In A i'ehlt yasya jitam nopa; B ?mnpa°. '■* B apada. 

^■' Dli])d. 179: 

yassa jitam liävajiyati jitam assa no yäti ko ci loke | 
tarn Buddham aitantagocaram apadain kena padena ne^satha |{ 
'^ Die drei ersten Worte fehlen in A. " In A nur n vorhanden. '* A te, 
'° A B ananda". -" B fiy apadenä nesyasi. 

-' Dhpd. iSo: 

yassa jäliiit visattikä tanhä natthi kuhiii ci netave | 
tarn Buddham aitantagocaram apada m kena padena nessatha || 
Dahinter hat B folgende Strophe: 

yasya mülam ksitau nästi parnS (so !) tiästi tathä latäh 
tarn dhjram bandhanäm (so !) muktam ko nu nintitum (so !) arhati 54. 
Das ist noch genauer Udäna VII, 6 als oben in Strophe [60] (B 50). 

■■" In A nur erhalten; yasya ja. -^ A nur n erhalten. -* A °nSyinS. 

^* A °rakrama. -^ Om. B. '' .\ äpadam. *' Ist nur \'ariation der vorher- 

gelienden Strophe. ^' A vitarkkä. ^" A ridliü[p]i. ^' In A fehlen tv 

ädhyätmam; in B ist tv unsicher. ^- A [vini]vartHä, B vinivar[t]i[tä] '^^ B hi. 

" A °samjiiä 

*° B ati; Suttanipäta 7 : 

yassa vitakkä vidhUpitä ajjhattam suvikappiiä asesä | 
Der zweite \'ei's ist abweichend und im obigen Text schwerlich richtig. 



PisfHEi, : Die Turfan-Recensionen des Dliainiiiapada. 985 

miiuca purato^ muüm pascato" madhyi''^ munca bhaoasya püragnh 
sarratm vimuktnmSnaso na punar jälijai-am* upesyasi'" 66 (B 57) 

II Yi(yavargah srunäptah 2 9^11 



' A pura[t6\, B pu[ra\to. 

^ In A fefilt munca pascato; B liest pasyato. 

' Fehlt in B. 

* A °jaräm, für unsern Text vielleicht richtiger. 

^ A °syatl; Dlipd. 348: 

munca pure ?nunca pacchaio majjhe munca bhavassa päragü 
sahbaWia vimuttamänaso na punan jätijaram upehisi 11 

" A nur Yugavar .... || 



Au.sgegeben am 11. August. 



Berlin, gedruckt in der ReicLsdruckerei. 



SiUungsher. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1908. y^y; xL 



^-^. 








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T 



Pischel: Die Turfan-Recensionen des Dhammapada. 




XL. XLI. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREIISSISCIIEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



Sitzung: <lcr phjsikalisch-niathomatisclioii C'lasse am 'l-i. Ocloher. (S. 987) 
Sitzung: der pliilosopliiscli-liistorischrn ('lasse am '22. Ocfober. (S. 989) 
Varlen : Über zwei Briefe des Aleiphron. (S. 990) 

LooFs: Die clironologisrhen Angaben des sog. "Vorbeiiclits» zu den Festbriefeu des Athanasius. 
(S. 1013) 



BERLIN 1908. y^sf^ of I^oa^'- 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMEK. 




Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschrifte; 



AU8 § 1. 

Die Akademie gibt gemäss? 4 1>1 '1<=>' Statuten zwei 
fortlaufemie Vevöffentlicliuni^en heraus: .Sitzuiigshericlite 
der Königlich Preitssischen Al;aJemie der Wissenschaften« 
und »Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften«. 

Ans § 2. 
Jede zur Aufnahme in die .Sitzungsbeiiclite« oder die 
• Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das druckfertige Manuscript zugleich einzuliefern ist. Nieht- 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ilirem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
§ S. 
Der UmOuig einer aufzunehmenden Mittheilnng soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedem 10 Seiten in der gewOlinliohen Schrift 
der Sitzungsberielite, in den Abhandlungen 12 Uriickbogeu 
von je 8 Seiten in der gewölinlichen Sclirift der -Abliand- 
lungen nicht übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Akademie oder der l)etreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
muthen, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so h.at das vorlegende Blitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen mutlun.asslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 
§4. 
Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen ilafür (Zeichnungen, photographische Origin.al- 
aufnalmen u. s. w.) gleiclizeitig mit dem Manuscript, jedoch 
auf getrermten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Resel die VcrI'asser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber aiü' einen erliebliohen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Aka.lemic dazu eine Bewilligung bcschliessen. Ein 
darauf gerichteter A[itrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenden Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschlage 
eines Sacliverstiindigen an den Vorsitzenden Sccret.ar zu 
ricliten. dann zunächst im Secretariat vorznberathen und 
weiter ui der Gesammt-Ak.ademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervieltaliigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Hölic .lieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einlache Textfigiiren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverstämligen 
beizufügen. Übersclu-eitet dieser Anschlag für die er- 
furderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abliandlungen 300 Jlark. so ist \'orberathung 
durcli das Secretai'iat geboten. 
Aus § ü. 
Nach der Vorle^-ung und Einreicbung des 
voUständiaen drucklV'rtigf» Manuscripts an den 
zuständigen Secrctar oder an den Archivar 
wird über Auftiahme der Mittheilung in die akademischen 
Scliriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheiluiigen von Verfassern, welche nicht iSIitglieder 
der Ak.ademic"sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte .lufgenoniraen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines Nichtmitgliedes 
in ilie dazu bestimmte Abtheilung der .Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Reschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 

{Fortsetzung auf S. 



I 



Aus § 6. 
Die an <lie Druckerei abzuliefernden Manuscripte müsscÄ^ 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
mul die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
Fremder sind iliese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitglicde vor Einreichung des Manuscripts vorzunehmen. 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser 
seine Mittheilmig als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correctur ihrer Mittheilmigen besorgen die 
Verfasser. Fremde hal)en diese erste CoiTcctur an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll nach 
Möglichkeit nicht ülier die Berichtigung von Druckfehlern 
und leichten Schreibverschen hinausgehen. Umlängliche 
Conecturen Fremder bedürfen der Genehmigtnig des redi- 
girenden Sccreuars vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. 

Aus § 8. 
Von .allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen 
aufgenommenen wissenscliaftlichen Mittheilungen, Reileu, 
Adressen oder Bericliten werden für die Verfasser, von 
wissenscliaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchhandel Sonder- 
abilruckc hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben weidm. 
VonGedächtnissreden werden ebenfallsSonderabdrurke 
für den Buchhandel hergestellt, indess nur dann, wemi .lie 
VcrI'asser sich aus.lrücklieh damit einverstanden erklävtii. 
§9. 
Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akailemie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilung ohne weiteres 50 Fiei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noeli 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
z«rZ.ahl von 200 (im ganzen .also 350) .abziehen zu lassen. 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar .in- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch iiv hr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es .lizii 
der Genehmigung der Ges.ammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 50 Frei- 
exemplare und ilüi-fen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 200 Exempl.nrc auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

Von den Sonderahdrucken aus den Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Ak.ademie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilimg uhne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zweel;e 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zilil 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere i is 
zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) .abziehen zu las . i, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar .ui- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erh.alten, so bedarf es 
der Genehmigung der Gesanmit-Akademie oder de. 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 l.-i- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exempl.are auf ihre 
Kosten .abziehen Lassen. 

§ 17. 
Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung d.irf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jeneri 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs-l 
3 des Umschlags.) 



987 

SITZUNGSBEIUCIITE i908. 

XL. 



DER 



Kr)Nl(4LICII PR P:USSTSCHEN 

AKADE3IIE DER ^^ISSE^SC11AFTEN. 



22. October. Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Auwer.s. 

''l. Hr. Branca sprach ül)er die Hypothesen zur Erklärung 
der Mondkratere. 

Dincli TiLGHMANN, dann durch Merhill ist neuerdings der Nachweis erbracht, 
dass der »Meteor Krater» in Arizona, nahe dem Canon Hiabh). thatsächlich dnreli ein 
Meteor geschlagen sein muss. da er weder durch Gasexplosion noch durch Wirkung 
des Magmas entstanden sein kann. Dadui-ch erhält die von Gilbert und Anderen 
ausgesprochene Ansicht, dass die Mondki-atei-e dui-ch den .\ufschlag von Meteoriten 
entstanden seien, zum ersten Male eine tliatsächliche Stütze. Trotzdem aber gibt es 
Gründe, welche eine Verallgemeinerung einer solchen Hypothese auf alle Kratere 
ganz unmöglich machen. Wir wiu-den daher unterscheiden niüs.sen zwischen Mond- 
krateren, die möglicherweise durch Meteorite geschlagen sein können und solchen, 
die unmöglich durch Meteorite geschlagen sein können. Solche Gründe sind das Vor- 
liandensein i. der Perlschnurkratere, die ofl'enhar auf .Spalten stehen; 2. des con- 
centrischen Drillingskraters; 3. der Zwilliugskratere, bei denen die Innenebene des 
einen in die des andern übergeht, ohne durch einen Wall getremit zu sein; 4. der 
polygonal umgrenzten Kratere; 5. der Kratere, die ganz ohne Wall sind; 6. der 
("entralkegel. 

Die Erklärungsversuche las.sen sich in folgender Weise grup[iiren; 
I. .\usserhalb des JMondes liegende Ursachen. 

1. Infolge von Meteoritenfall (Gilbert), 

2. " '■ Gezeitenbildung des Magmas (U. J. Klein). 
II. Im Monde selbst liegende Ursachen. 

A. Durch vulcanische Vorgänge. 

3. Infolge von Explosionen, 

4. " " Aufblähung der Erstarrungsrinde (Loewv und Puiseux), 
5- ■' ■' A'olumvermehrung des Magmas (Nasmitii und Carpen ikü), 

6. » » Aufschmelzung (E. Süss). 

B. Durch tek tonische ^'orgänge. 

7. Infolge von Einstürzen (Prinz). 

2. Hr. Branca legte eine Arbeit des Hrn. Dr. Ktennas in Athen vor: 
Die tJberschiebungen in der Pelopönnisos. I. Der Ithomiberg. 
(Ersch. später.) 

.\uf Ithomi werden über dem eocäiien Flysch zwei Tlberschieliungsdecken nach- 
gewiesen; die eine setzt sich aus obertriasischen .Sedimenten, ilie andere aus einem 

Sitzungsberichte 1908. 88 



988 Sitzung der ])hysikalisch-niathematischen Classe vom 2"i. October 1908. 

Kalkmassiv obeicretazisclien vielleicht auch eocänen Alters zusamuieii. Der Flysch ist 
bei den Überschiebungen zum Tlieil mitgerissen worden. Die beiden Decken scheinen 
auch in der übrigen Peloponnisos entwickelt zu sein. 

B. Hr. MuNK überreichte die Neue Folge seiner Gesammelten Mit- 
tlieilungen »Über die Functionen von Hirn und Rückenmark«. Berlin 
1909, und Hr. vant Hoff die dritte Auflage seines Werks: Die Lage- 
rung der Atome im Räume. Braunsehweig 1908. 

4. Als Bericht über eine mit akademischen Mitteln ausgeführte 
Untersuchung wurde A^orgelegt: J. Scheinek, Untersuchungen über die 
Solarkonstante und die Temperatur der Sonnenatmosphäre. (Publ. d. 
Astrophys. Observ. zu Potsdam Nr. 55.) Potsdam 1908. 



Ausgegeben am '2'J. Oclulier. 



989 

SITZUNGSBERICHTE i^os. 

DER Xlil. 

KÖNIGLICH PREÜSSISCII1^:N 

AKADE]\IIE DER WISSENSCHAFTEN. 

22. Octolier. Sitzung der philosophisch-historischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Vahlen (i. V.). 

1. Hr. Vahlen las «Über zwei Briefe des Alciphrou". 

Der Bauernbrief in 40 uud der Fisclierbriel' 1 8 werden, jeder liaiiptsäclilicli mit 
Beziehung' auf eine Stelle, besprochen. Vorausge.schickt ist eine allgemeinere Erörterung 
ülier die Überlieferung der Brie.fsammlung und die in ihr gehandhal)te Kritik. 

2. Das correspondirende Mitglied Hr. Loofs in Halle übersendet 
eine Abliandlung: 'Die chronologischen Angaben des sog. "Vor- 
berichtsu zu den Festbriel'en des Athanasius'. 



SS* 



990 yitzting der philosophisch-historischen Classe vom 22, Octoher 1908, 

über zwei Briefe des Alciphron. 

Von J. Vahlen. 



riiiner Erörteruni^' ül)cr zwei Stellen in den Briefen des Alcipliron. 
von denen icli die eine zu rechtfertigen, die andre zu beriehtigen 
versuelien will, möchte ich einige nllgenieinere Bemerkungen über die 
Beschnfienheit der tiberlieferung und die in diesen Briefen gehand- 
habte Kritik vorausschicken. 

Über Handschriften dieser Briefsammlung des dritten nachchrist- 
liciien Jahrhunderts im allgemeinen zu reden, ist schwierig und be- 
denklicli : sie hat sich nicht, wie sie heute Aorliegt, von Anfang bis 
zu Ende in Einer Handschrift erhalten, sondern ist aus Theilstücken 
verscliiedener Handschriften allmählich zu dem heutigen Umfang an- 
gewachsen, den die neueste Ausgabe unter dem Titel Aldphronis rlw- 
iorh epistularum Jihri iv. Ed/'d/t 31. A. Sch^'pprs 7D05 Lipsiae auf Grund 
sorgfältiger Handscliriftemnitersuchuni;- in neuer Anordnung' wieder- 
giebt. Darf man aber doch ein allgemeines Urtheil fällen, so möchte 
ich sagen, dass die Überlieferung auf eine Handsclirift zurückgeht, 
die nachlässig, mit mancherlei Verwechselungen im Kleinen und Un- 
genauigkeiten verschiedenster Art geschrieben war. Aber daraus Avird 
nicht mit Recht geschlossen, dass eine besondre Freiheit im Verb(>s- 
sern des Einzelnen gestattet sei. im Gegentheil wird die Berichtigung, 
je enger sie sich an die überlieferten, wenn aucli verderbten, Züge 
anschliesst, um so eher Aussicht haben, das Rechte zu treflen. 

Ein paar Beispiele mögen die Sache erläutern: i 38, 4 (iv 11) 
wird das unrichtige äkonta passend in hkonta al)geändert, sicher mit 
grösserer Wahrscheinlichkeit als (von andern Versuchen abgesehen) 
mit Meiser" (2 S. 218) ec koTton, das, irre ich nicht, auch ein sprach- 

' Ich habe die alte Zählung dfv Briefe beibehalten, weil es betmenier ist, da 
die meisten Bücher danach i^eordiiet sind, habe aber meist die neue in Klainiiiern bei- 
gefügt, die übrigens ans .Schepers' Ziisainmenstellung leicht zu (inden ist. 

- Karl Meiser hat in zwei Heften der Sitzungsberichte tler Königl. Bayerischen 
Akademie der Wissenschaften (München llt04 und lilO.')) 'Kritische Beiträge zu ileii 
Briefen des Rhetors Alki])hron' veröffentlicht, in denen er eine ansprechende Cha- 
rakteristik dieser Briefe entwirft und liesonders darauf ausgegangen ist. Alcij)hron's 
Stil und Sprache an seinem \'(U'gänger Lucian zu messen, diu'cii dessen stetige Ver- 
gleichung (unter Zuziehung noch andrei' Schriftsteller) er die Krläuterung und Siche- 
rung und Berichtigung zahlreicher Stellen des Alciphron gefördert hat. 



\'Ani,EN: Über zwei Briefe des Alci|ilii'üii. 991 

liclics Bedenken liat. Auch iii 51,4 (in 15) bin ich der Meinung, es 
sei besser, eKTÄAHN KeTceAi NeKPÖN zu sclireiben für nAxeTceAi in einem 
Theil der H;indschriften, ;ds nach andrer Vermuthung (s. Meiser 2 
S. 181) GKTÄAHN ^KeiweNON) nATeTcGAi NeKPÖN, zumal die Schi-eibung einer 
riandsclirift veTceAi zeigt, dass k uidilar war; und dass die Anfangs- 
silben der Wörter häufig in den Handschriften verdunkelt sind, ist 
eine richtige Bemerkung von Meineke (S. 163). Wir erkennen also 
in HATeTceAi eine Verschreibung ähnlich wie u i. 7 (iv 16) täxa an cay- 
NAMHN «YAATTeceAi KAI TexNiTeveiN gesetzt ist für nAÄTjeceAi, das im 
folgenden Satz wiederkehrt oyk an YnoweiNAiMi nAÄTxcceAi, oder wie aus 
niBANüc ibid. 4 eni«ANüc gezogen ist. Zweimal ist akpibüc verschi'ie- 
ben, einmal für akaph ntoc. das zusammengefügt akpibuc ergal), 1 39, i 
(iv 14) ÖN <))iAeTc OYTWC wcTe mha' akaph nuc aytoy AiAzeYxefiNAi aynacgai; 
ein andermal in demselben Brief 5 wahrscheinlich aus ärphbec in dem 
Satz CKÖnei tö xpüma. «hcin, wc akphbgc, Myppinh. uc akhpaton, wc ka- 
sapön: denn um akpibwc zu schützen, mit Meiser (2 S. 221) uc vor 
AKHPATON zu tilgen, verdirbt die (,'oncinnität. Und wenn man Verschrei- 
bungen betrachtet wie täc goptäc für tac ctaipac ni 58, i (ni 22), Ap- 
nxÄAHC für Aphtäahc 111 56, 2 (ni 20). oder eniCTÄNTA für eninrÄNTA einer 
Handschrift ni 59. 3 (ui 23), und viele andre, so kann man wohl se- 
hen, dass man die Berichtigungen melir in der Nähe suchen muss 
vnid nicht, wo ein Buchstabe zu ändern ist, in"s Weite schweifen 
darf. So hege ich auch die Ansicht, dass ni 65, 3 (ni 29) eineTN rAp 

OY XeTpON KATÄ TOYC HAIAGIA CXOAAZONTAC ££ AeHNUN OPMÜMeNON, GN aTc 

OYAe etc TOYTCiJN AreTAi das letzte Wort des Satzes und des Briefes 
am einfachsten und \ollkommen ausreichend in AreYcxoc verbessert 
wird, dessen Endung nur Avenig \ crdunkelt zu sein brauchte, um in 
AreTAi verlesen zu werden. Eine Lücke (mit Meineke) anzunehmen, 
um ATGTAi zu erhalten, hat nur geringe Wahrscheinlichkeit, aber auch 
ATeMBGTAi Von Mciscr (2 S. 197), fürchte ich, wird sich nicht bewähren. 
Ebenso 1 28, 2 (n 7) in dem Satz nüc oyn takepön SAeneic bagmma kai 
ANAHNeeic wird es sich mehr empfehlen ANAcreNeic mit Bergler zu 
schreiben als dem überlieferten ANAnNeeic zu Liebe Ergänzungen ver- 
schiedener Art zu versuchen (s. Meiser i S. 221). Hierin und mehreren 
vorhin besprochenen vmd empfohlenen Schreibungen befinde ich mich 
mit Schepers in Übereinstinnnung. 

Eine bemerkenswerthe Erscheinung ist die, dass mitunter SiilxMi 
zertrennt oder fälschlich zusammengezogen sind: wenn z. B. ui 48, 5 
{in I 2) für KAAeTceAi in einer Handschrift kaaön XceA? geschrieben ist, so 
erkeiHit man leicht, es ist aus kaa ei'ceAi entstanden, und hätte 3Ieineke 
nicht zu einer Ergänzung veranlassen -sollen, oder ni 61, i (lu 25) tö 
AiA<»>opoN in einer Handschrift in tö ai' AtoN verschrieben, darf uns nicht 



992 Sit/.iiiis; der [)liil(isi)[>liiscli-lnsti)risclien Classe vom 22. Octiilicr liMlS. 

Grund sein mit Meiser (2 S. 192) eine Neuerung zu versuchen. Um- 
gekehrt ist eiOTKO^MeNON I 14, I (i 17) zusammengewachsen aus dem für 
den Gedanken erforderlichen nnd angemessenen oyk es ötkov mönon Ano- 
cxiceeN, HAH Ae kai vnö xpönoy nAAAiÖTHTOc Aieppuröc. Meiser"s Annahme 
(i S. 214) einer in den Text gedrungenen Randbemerkung scheint mir 
nicht genügend begründet. Ein besonders schlagendes Beispiel, was 
Trennung und Zusammenfügung von Buchstaben und Silben bewirkt 
und wie aus richtiger Zusammenordnung das Ursprüngliche zum Vor- 
scliein kommt, kann i 38, i (iv i i) geben, wo tö leAoc o>' noNHPOY nacli 
Jacobs \'on Schepers aufgenommenen Berichtigung die Worte töte to- 
coYTON niKPOY ergaben, die dem Gedanken vorzüglich angepasst sind, 
der vollständig so lautet KATAAinoYCA aakpya kai epcoToc ocon haIctoy tötg, 
TocoYTON niKPOY NYN «NHMHN. Aucli hlcr trage icli Bedenken, 3Ieispr's 
Voraussetzung mir anzueignen, der (2 S. 217) in den handschriftlichen 
Worten eine auf den Rand gesetzte Inhaltsangabe sieht, die aber weder 
selbst vollständig ist, nocli ausgeschieden einen vollständigen und be- 
friedigenden Ausdruck hinterlässt. 

Was I 37, 2 (iv 10) die Überlieferung bietet tgccapac täp Ayciaoc 
eiHc HM^PAc 6N TÖ Ayciaoc KHnu zeigt, dass das erste Ayciaoc, das die 
Aldina tilgt, durch zufälligen Irrthum aus dem zweiten voraul'gegriffen 
an falsche Stelle gerathen ist. Vielleicht verhält es sich ähnlich Frgm. 6, 

II (iV 13) H AG ClMixH TTPÖC TA MEAH HPÖC THN APHOnIan HAGN. UUd ist 

npöc tA, da es zu mgah eines Adjectivs nicht bedarf, einfach zu streichen, 
als aus dem folgenden npöc thn irrthümlich heraufgenommen (s. Meiser 2 
S. 239). 

Eine Vertauschung zweier Verba in analogen Sätzen hat stattge- 
funden in 65, 3 (iii 29) KAI TÖ npöcwnoN aytoy (ayto)) tAc ^fiPAC aytAc 
eniKAeHMENAC exei kai thn FTeiecü tw ctömati (toTc ömmaci codd.) ÖPxeTceAi 
etnoic AN. Ich lasse dahingestellt, ob tAc "üpac aytAc in einer Hand- 
schrift, das nicht unmöglich war. richtig ist, oder aus tAc aaaac, das 
dafür die übrigen haben, etwas Brauchbares zu gewinnen ist (Meiser 
(2 S. 197) dachte an tAc 'Aaiac die Nereiden), aber wenn dieser Ver- 
gleich allein stände, würde man eniKAenweNAc vielleicht erträglich finden, 
da aber von der rTeieu gleichzeitig opxeTceAi ausgesagt ist, kann kein 
Zweifel sein, dass beide Verba ihre Plätze tauschen müssen kai tö npöc- 
unoN aytoy tAc'\Qpac aytAc eNOPXOYMGNAC exei kai thn TTeiecü tu ctö- 
mati eniKAeficeAi einoic an, dies um so zuverlässiger im Hinblick auf 
die analogen Worte ni i, 3 (i 11) tö aö oaon npöcunoN aytoy — enop- 
xeTceAi taTc nAPeiATc etnoic an tAc XApitac tön ■'Opxomgnön AnoAinoYCAC, 
und auf das, was von der rTeieü i 38, 7 (iv 11) gesagt wird ocai taTc 

ÖMIAIAIC AYTHC CeiPHNGC 6NIAPYNT0 en' AKPOIC MOI AOKcT TOTc xeiAGCIN AYTHC 

eKÄeicGN R FTeieu. 



Xahlen: Ulier zwei Hriefe des Ak'i[)liron. 99,") 

Eine solche Vertauschung verwandter Begriffe liabe ich 1882 im 
Hermes xvn S. 595 auf lateinischem Gebiet empfohlen und bin noch der 
Meinung, dass es in Q. Cicero's commentariolus petitionis p. 34 Buech. 
heissen müsse qui nequaquam sunt tarn genere nobiles quam ritüs in- 
ftiynes, nicht tarn genere insignes quam vitiis nobiles, und bei Cicero 
de diüin. n 59, 121 tot nodes dormlmus neque ulla est fere qua non som- 
niemus, nicht totas nodes somniamus neque idln est fere qua non dor- 
miamus. Ein besondres Bedenken hat eine solche Annahme nicht: 
der Abschreiber schreibt nicht Wort für Wort, sondern nimmt einen 
Gedanken in den Sinn und schreibt aus dem Kopf. 

Wie Vertauschung von Wörtern, hat au(th Vertauschung auf eiii- 
nnder folgender Sätze stattgefunden: n 3, 16 (iviS) in dem Brief Me- 
nanders an die Hetäre Glycera. ewoi t^noito, BACiAev TTTOAeMATe, tön Ätti- 
KÖN Xel cTe*eceAi kiccön. emoi reNOiTo xümatoc kai tä*oy nAXPÜOY tyxgTn, 

KAI TÖN en' eCXÄPAC YMNHCAI KAt' GTOC AiÖNYCON, TAC MYCTHPICüTlAAC AreiN Te- 
AeTÄC, APAMATOYPreTN Tl KAINÖN TaTc eTHCIOIC eYMeAAlC APÄMA reAÖNTA KAI XAl- 

PONTA KAI ArcüNiüNTA KAI ooBOYMeNON kaI nikönta. Es ist einleuchtend, dass 
der Wunsch nach heimathlichem Grabe xümatoc kai tä«>oy hatpudy tyxcTn 
nicht könne in der Mitte stehen zwischen den zusammenhängenden 
Wünschen sich immer mit dem Attischen Epheu zu bekränzen und 
alljährlich den Dionysos am Opferaltar zu feiern; daher hat Meineke den 
Satz von dem heimathlichen Grabe mit dem Satz vom Attischen Epheu 
vertauscht, und damit eine untadelige Abfolge erzielt: ewoi reNoiTo, ba- 
ciasy TTjOAeMATe. xümatoc kai tä*oy hatpüdy TYxeTN, eMoi reNOiTO tön 7\ttikön 
AEi CTe<t>eceAi kiccön kai tön en' scxäpac ymnhcai kat' eToc Aiönycon usw. Aber 
es blieb ein Bedenken, nicht das, welches Meiser (2 S. 232) äussert, dass 
der Wunsch nach einem Grabe in der Heimath an das Ende der ganzen 
Reihe gehöre, was, wie sich zeigen wird, nicht richtig ist; aber man 
sieht nicht, wie es hat geschehen können, dass die beiden Sätze tön 
Attikön Xel CTe*eceAi kiccön und xcümatoc kai TÄ<t>OY hatpüdy tyxbTn, und 
nur auf diese beschränkt sich Meineke's Umstellung, in die falsche Ord- 
nung geriethen. Das Vermisste wird erreicht, wenn wir den ganzen 
Satz eMol rcNOiTO, baciagy FTTOAeMATe, tön "Attikön Xei CTe<t>eceAi kiccön von 
der ersten Stelle an die zweite bringen und umgekehrt den ganzen Satz 
6M01 reNoiTo XCÜMATOC KAI TÄ*OY nATPtüOY tyxeTn von der zweiten Stelle an 
die erste setzen: ewol reNOiTO xümatoc kai tÄ4>oy nATPuoY tyxcTn. cmoi re- 
noito. baciacy TTTOAewATe. tön ättikön Xei cTe^eceAi kiccön kai tön en'ecxÄPAC 
YMNHCAI kat' gtoc Aiönycon, uud was sich weiter von seiner alljährlichen 
Bethätigung in Athen daran anschliesst. So wird deutlich, dass der 
Abschreiber durcli das zweimalige ewoi rcNoiTo verführt den damit be- 
ginnenden zweiten Satz zuerst geschrieben und diesem den ersten ebenso 
ansingenden hat nachfolgen lassen. Auch das wird man nicht ver- 



994 Sit/iiiii; der pliildsojilii.scli-liisturischtMi ("lasse vom 22. Octobcr 190S. 

kennen, wie passend der zweiten Keihe seiner Wünsclie die Anrede ;iii 
den König Ptolemäus eingefügt ist. Was aber den ersten Satz anlangt, 
mit dem Wunseli naeh einem heimatldichen (.xrabe, so ist nicht zu 
übersehen, dass er in engster Beziehung und im Gegensatz gedaelit 
ist zu der vorangegangenen Zeichnung der Gefahren, die der Nil, so 
schön er ist. wie im Hinterhalt mit sich führt: ö ag NeTaoc oytoc kai- 
nep u)N KAAÖc aaa' AnoTeeHPicoTAi kai oyk ectin oyag npoceAeeTN aytoy taTc 
AiNAic GAAOxcoM^NOY TocoYToic KAKoTc : 'der Nil obwohl schön ist mit wilden 
Thieren erfüllt und man kann niclit einmal an seine Strudel heran- 
gehen, bei denen so viele Übel im Hinterhalt liegen.' In diesen will 
Menander nicht untergehen. 'Mir werde zu Tlieil in der Heimath ein 
Grab zu finden.' 

Wenn ni 56. i (ui 20) in einer Handschrift steht 'GnAipeic caytön 
OYAeN A^ON KAI BAAizeic 1cA KAI TYi»>OY nAHPHC eT, SO crkcnut man sofort, 
das doppelte kai ist in Schuld gewesen, dass der Satz kai TY<t>OY hamphc 
et, der vor kai baaIzgic stehen sollte, hinter diesen Satz gestellt ist. 

Dagegen hege ich gTOSse Bedenken einer Umstellung zweier Sätze 
zuzustimmen, die Rudolph Hercher in seinen Text eingeführt imd 
Schepers seiner Ausgabe angeeignet hat: 1 18, 1 (i 21) ÄnHrreiAe rÄp moi 

TOYTO reiTÖNUN Ö BEATICTOC CuCIAC oytoc eKeTNOC [CUCIACJ Ö TÖN XPHCTÖN 
KAI HAYN rÄPON GYUN EK TUN AGnTOTePOON Ixe^CJN OYC erKOAüizeTAI TH CATHNH. 

ecTi AG TUN enieiKÜc thn ÄAHeeiAN timüntcon kai oYk an noTe eKeTNOC ei'c 
YeYAHropiAN cüAiceHceN. nöeeN gyn. eine moi. moycikhc coi. lUe Frage, wie 
man sich vorzustellen habe, dass die Undcehr der Abfolge eingetreten 
sei, beseluäftigt einen so kühnen Kritiker nicht. Aber das Ergebniss 
selbst seines Verfahrens erregt Zweifel. Die Tilgung des Namens Cuciac 
an zAveiter Stelle, den Hercher in seinem Text nicht duldet, ist erst 
die Folge der vorgenommenen Umstellung, und oytoc eKcTNOc erst 
auf diesem Wege an einen wenig geeigneten Platz gerathen. Prüft 
man dagegen die ursprüngliche Eeihenfolge, wird man sich bald über- 
zeugen, wieviel besser der überlieferte Gedankenfortschritt als der 
abö'eänderte war: AnHrreiAe tap moi toyto reiTONcjN ö eeATicToc Ccociac. 
ecTi AG TUN enieiKÜc thn äamogian timüntun kai oyk an noTe gkgTnoc gic 

YGYAHrOPIAN UAICeHCGN . OYTOC CKgTnOC CuCIAC Ö TON XPHCTÖN KAI HAYN 

rÄPON eVuN eK tun AenTOTepuN txoYUN oyc erKOAnizeTAi th cathnh. An 
die Angabe, dass die Nachricht, mit welcher der Brief eröfinet wird. 
Nachbar Sosias gebracht habe, reiht sich zunächst sehr passend die 
Versicherung, dass das ein wahrheitliebender Mann sei. der nielit irgend 
zu einer falschen Angabe abirren würde. Dann mit oytoc ckgTnoc Cu- 
ciAc, ö tön kta 'das ist jener Sosias, der durch die Bereitung einer 
schmackhaften Brühe aus kleinen Fischen bekannt sei", du- Anfuhrung 
einer besondern zur Sache nicht gehörigen Notiz, welche die Person 



N'miii \: tTbcr zwei HrielV; des Alci|ilir(in. i).)5 

dieses Sosias keimt lieh lunrlieii soll. Alsdniiii wird ini( nöeeN oyn. 
eine wo: — zur II;hi|iIs;icIic /.urückgekelirt. W;is wäre an diesem (iaiin(> 
der Erzählung- auszusetzen? Und vergleiclit man noch m 3, 3 (1 13), 
wird sicli die hiesige Verwendung von oytoc eKeTNOC und llinznfügung 
des Namens, wenn es dessen liedarf. nocli besser reciiti'ertigen. 

Lücken im 'I'cxl sind wohl vorhanden, wie z. 1!. n I. 3 (iv 16) 
hinter AiAencei. wo der Zusammenhang nnterl)rocli('n ist, (kUm' ni 3. i 
(1 13), vielleicht auch 1 iS, 2 (r 21), aber häulincr haben die Inter- 
preten ohne Noth Aus(ali einzelner oder aueh nu'hrcrei' Wörter angenom- 
men, wie, ausser den früher angefühi'leu. 111 46, 3 (in 10) oder i 20. 2 
(111 37). Doeii will ich diese Frage nicht weiter verCoigen, sf)nderii 
zvnn Schluss dieser skizzenhaften Bemerkiuigen noch ein Wort sagen 
über die Ausmerzung(.'n vernu'intlich interpolatorischer Zusätze; aber 
au<di dieses Gebiet, das von erheblicher Ausdehiuuig ist, mit einiger 
Vollständigkeit zu liehaiidelii isl nicht meine Absicht: nur einige aid- 
fallige Redewendungen, die Anlass zur Kürzung gegeben haben, möchte 
ich noch einer kurzen Betrachtung unterziehen. 

Meinen Ausgang nehme ich von ni 43, 4 (ui 7) tä ac weTÄ tayta 

IHNAC HMÄC YCTPIxicIN OYK ÖAITAIC Y a' e Y A P I 6 M H T I C . TEAGC ATArCJN 

eic TÖ AecMcoTHPioN AneeeTo. In dieser Verbindung hat Cobet (rar. Ire/. 2 
p. 62) die Worte ÖAirAic oya ausgeschieden, um oyk eYAPiewiHTOic zu be- 
halten, mit dem Bemerken Altici cxquisilc eYAPieMHxoc ponunt pro ÖAiroc. 
Das ist richtig, und nicht unbekannt, dass Plato z.B. mehr als einmal 
eYAPieMHToc in diesem Sinne gebraucht hat. Die .spätem Herausgeber 
sind Cobet nicht gefolgt, aber auch widerlegt hat ihn keiner. Und 
wer Meineke's Anmerkung zur Stelle einsieht, kann erkennen, wie wenig- 
er den Ausdruck in seiner Kigenart zu würdigen wusste. Nun wäre 
es in der That nicht schwer, diese Zusammenstellung des (Tleichbe- 
deutenden durch ein jjaar naheliegende Beispiele zu rechtfertigen, wie 
in 30, 3 (n 27) TÄc nioNAC kai eYCÄPKOYc: oder i S, 3 (i S) xAAenÖN kai 
OY <t>0PHTÖN ; oder ni 35, i (11 ^i,) mätaia hmTn kai ani^koa tcoytai, oder die 
Verbindung- der beiden Adjective mit oyk — oy-ac dui-cli i 33,5 (iv 6) 
OYK EN cKÜMMACiN OYAC BAAcoHMiAic. Allciu uui riclitig ZU urthcileu, 
kommt Folgendes in Betracht. Die Verbindvmg nicht wenige und nicht 
leicht zu zählen' oder positiv ausgedrückt viele und unzählige" oder 
wie wir zu sagen pllegen unzählig viele" ist eine Ausdrucksweise, 
die von Homer angefangen durch die ganze Gräcitä,t hindurchgegangen 
ist, die Lobeck zuerst zu dem Vers des Ajax (646) b makpöc känapig- 
MHToc xpÖNoc mit einigen Beispielen belegt hat (vgl. auch den Nachtrag 
S. 407), z>i denen ich andre, aus Plato und Aristoteles, 1873 im Rhein. 
Mus. xxvui S. 18311". hinzufügen konnte, und habe zuletzt zu den ehemals 
arg missverstandenen Worten der Poetik des Aristoteles (c. 8 j). 1 45 i a 1 6) 



9;)n yKziing der pliilosopliisch-lustorischeii Classe vom 22. Octoljer 19(>iS. 

noAAA KAI AneiPA diesen Sprachgebrauch näher zu erläutern gesucht. 
Sollte nun, darf man fragen, oyk öaitoi oya' evAPieMMToi weniger echt 
und gut gesagt sein als noAAÄ kaI ANAPieMHXA, noAAoi wc etneTN kai ana- 

PieMHTOI, nOAAOI Ol KiNAYNOI KAI AYCeiAPieMHTOI (Polybius), eK nOAAÜN KAi 

AMeTPHTcoN MAAA MoxeuN (Kaibcl EpigT. 840) ? Das Eigenthümliche aber 
liegt in der durch die Zusammenordnung der Synonymen bewirkten 
Steigerung des Begrifls der Vielheit, und dies Streben durch Verbindung 
des Verwandten zu steigern beschränkt sich nicht auf die Begriffe von 
Zahl und Vielheit, sondern findet in manchfaltiger Form (aoaixhn xe 
KAI ÄcneroN oTmon schreibt Apollonius Rhodius) und nicht bloss im 
Griechischen Anwendung. 

Eine andre Betrachtung, die ich an das vorangestellte Beispiel 
knüpfen wollte, betrifft im Allgemeinen den Gebrauch der Paarung- 
verwandter Begriffe, wofür oben ein paar dem fraglichen nahestehende 
Beispiele angeführt sind. Diese Besonderheit Alciphrons hat Meineke 
im supplem. adnot. (S. 174) besprochen; aber er liat nur eine kleine 
Auslese, untermischt mit Fremdartigem, gegeben. Eine vollständige 
Sammlung des Hierhergehörigen, wie ich sie versucht habe aber hier 
nicht mittheilen will, könnte leicht davon überzeugen, dass paarweise 
Zusammenordnung verwandter Begriffe, seien es Nomina oder Adjectiva, 
Verba oder Participia, eine der sichersten Stileigenthümlichkeiten dieses 
Schriftstellers ist. Daraus wird sicli dann die Lehre ziehen lassen, 
dass selbst da, wo man vielleicht Grund hätte an einer Zusammen- 
stellung sich zu stossen, mau dem Schriftsteller nicht in seine Ge- 
wohnheit eingreifen und seine Liebhabereien eigenmäclitig verkürzen 
darf, lind dass es daher nicht begründet war, ui 66, 3 (m 30) nANovproc 

HN KAI CKAIÖC, UI 69, I (ur 33) AUCOMÖCATO KAI ÄneAYCATO THN AItIaN, HI 49. I 

(in 13) ü aaTmon oc ME kekampwcai kai eiAHXAC mit Col)et ckaiöc. AneAYCAXO, 
KeKAHPCocAi als fälschliche Zusätze zu beseitigen, oder in 4,3 (iii i) 
KATACO*iCAceAi KAI nAPAAoricAce AI das letztre mit Meineke aus dem Text 
zu weisen. Wer auch nur diese Beispiele l)etrachtet, wird einräumen, 
dass sie alle gleichartig sind und der Umstand, dass die eine Hälfte 
der Paare entbehrlich ist, nicht berechtigt sie zu spalten. 

Es giebt aber noch eine andre Art von Verbindung der Verba, 
die Anstoss bereitet und Ausinerzungen veranlasst. Ich rechne daliin 
in 34. 3 (11 32). Ein Parasit Gnatho, der seine Ernährer eingebüsst 
liat und entschlossen ist, sich zur Arbeit zu wenden, bittet einen 
Landmann, ihn gegen Lohn auf seinem jA.cker zur i\.rl)eit anzunehmen: 

WPA MOI METANlCTACeAl KAI nONOYNTI ZHN' AGXOY AH OYN ME MICeCÜTON KAt' 
ÄrPÖN. nÄNTA YnOMENEIN ANEXOMENON YUEP TOY THN AnAHPCJTON eMHAHCAl 

tactepa. Die Worte YnoweNEiN anexömenon sind nicht (»line Grund bean- 
standet worden: Hercher liat YnowENEm gestrichen und liest nur hänta 



\'aiii,kn: Über zwei Briefe des Aloiplifori. ');) / 

ANexÖMeNON. Andre haben, um YnoweNem zu behalten, für ANexÖMENON 
vorgeschlagen zu schreiben an AexöweNON oder an eAÖMENON. Meiser 
(S. 236) hat dagegen behauptet, die Überlieferung sei 'durchaus 
richtig', indem er auf ni 28, i (n 25) oAnta YnoweNem oYa ts eiwi ver- 
weist und anführt, ANexeceAi werde auch sonst mit Infinitiv verbunden, 
wie ni I, I (i 11), I 39, I (iv 14) und bei Lucian. Die Bemerkung ist 
richtig, trifl't aber nicht den Punkt, um den es sich handelt. Die 
Verba YnoweNem und ANexeceAi sind zwei synonyme Verba, die in ein 
und demselben Satz mit einander wechseln, wie n 2, 8 (iv 17) ö mcn 

NGANICKOC oiN ÄNexeTAI TON YCTGPON ANTePACTHN rePONTA, Ö Ae TON AIKAIÖ- 

xepoN OYx YnoweNei: in 54, 3 (ni 18) täc *opäc twn nAHrüN YnoMGNUN 
KAI TÄC eKCTPo<t>Äc TUN AAKTYAUN ANexÖMGNoc, und lu Verschiedenen 
Sätzen völlig gleichartige Verwendung finden, ni 5, 3 (ni 2) nAeiOYc 

TUN HAONUN TOYC HPOnH A AKICMO YC YnOMeNOMEN: Ul 6, 2 (ui 3) TÖ nPÖC- 

üjnoN TAC enAAAHAOYC nAHrÄc oyk ÄNexeTAi. Auch das haben beide 
gemein, dass sie mit einem Infinitiv verbunden werden, und wie es 
I 39, 1 heisst OYAe tac «iaac iaeTn tynaTkac anacxomgnh, so ni 3, 4 (113) 
coMocA mhüct' YnoMeTNAi HAPÄ TINA AANeicTÜN eAoeTN. Diese beiden Verba 
sind hier in eine solche Verbindung mit einander gebracht, dass das 
eine vom andern abhängig ist: wie wenn man etwa deutsch sagen 
wollte 'der ich alles auszuhalten ertrage.' Will man den Anstoss be- 
seitigen, ist das einfachste Mittel YnowcNeiN zu streichen: denn hänta 
ANexÖMeNON ist richtig und vollkommen genügend. Aber schwerlich 
wird auch jemand einen plausibeln Anlass zu der Ergänzung anzu- 
geben wissen. Ebenso wenig ist eine Nachlässigkeit des Schriftstel- 
lers darin zu erkeimen, sondern in dem natürlichen Zug <ler Sprache 
geschieht es, dass ein Verbum ein andres verwandter Bedeutung nacli 
sich zieht. Dies ergiebt sich unzweifelhaft aus dem thatsächlichen 
Vorkommen solcher Verbindung bei Schriftstellern verschiedener Art, 
griechischen wie römischen und noch andrer Sprachen. Schon 1872 
habe ich in der Zeitschrift für oestr. Gymnasien S. 528 ff. aus Plato 
Beispiele gesammelt und zu erläutern versucht, der, wie er eine um- 
ständliche Redeweise liebt, auch reich an solclien Verbindungen ist, 
und habe später (1877) in einem kleinen Aufsatz zunx Dlnlogus des 
Tacitus (in den Coiiniient. in honovein Momrnsenl) auf Anlass dieser Schrift 
ausser griechischen besonders römische Satzbildungen dieser Art zu- 
sammengestellt, und bin zuletzt in einem Prooemium 1894/95 (opusc. u 
S. 154 f.) vom Valerius Maximus aus auf diese Eigenthümlichkeit zurück- 
gekommen. Die an den verschiedenen Stellen gesammelten Beispiele 
lassen alle noch erhebliche Vermehrung zu; was ich aber hier nicht 
versuchen will. Mir genüge, um nicht ohne Beispiel zu reden, eine 
Stelle Piatos aus dem Sophistes p. 267c ap' oyk ArNocYNTec . . c<t>ÖAPA 



:):)8 Sitzung der ]iliil()so])lii.soli-l]ist(>ris(lien Classe vom 22. October 1908. 

enixeiPOYCiN noAAOi tö aokoyn c*iciN toyto uc gnön aytoTc npoeYMeTc- 
eAi *AiNeceAi noieTN, worin dn.s von enixeiPOYciN nbhäng'ige npoeYMeTceAi 
.so überflii.ssig und .störend ist, wie YnoweNem neben ANexÖMENON bei 
Alcipliron und ist daher wie dieses auch als fremde Zuthat ausge- 
schieden worden. Wer den Gebraucli der beiden Verba enixeipem und 
npoGYMeTcGAi bei Plato verfolgen will, kann sich leicht überzeugen, 
Avie gern und oft sie periphrasierender Rede dienen, woher es ge- 
kommen ist, dass sie auch selbst in solche Verbindung gcrathen sind. 
Ich kehre zu Alcipliron zurück und glaube noch eine analoge 
Satzform aufweisen zu können, die dann auch wieder zur Au.smerzung 
eines Wortes geführt hat: ni 41 (u 39) .schreibt ein Bauer an den an- 
dern, dass er seine Schafe geschoren und ihm die Schuren von den 
gesunden schicke: denn die räudigen habe er dem Hirten Pyi"i"i'is über- 
gel)en, sie zu gebrauchen wozu er wolle, opin *eÄcAi aia^gaphnai han- 
TGAcoc Ynö THc NÖcoY. Cobct hat «ceACAi getilgt und Hercher es nicht auf- 
genommen. Zur Rechtfertigung des Überlieferten weist Meiser (i S. 243) 
darauf liin, dass «oeÄNem bei Alciphron öfters mit Infinitiv verbunden 
werde. Aber damit scheint mir auch hier das Bedenken, das <*eÄcAi 
einflößt, nicht gehoben zu werden, das vielmehr darin gegeben ist, 
dass der Begriff des 'bevor' doppelt ausgedrückt ist. Denn «eÄNem hat, 
wie bekannt, den strengen Sinn etwas zuvor, vor einem andern, thun, 
einem andern zuvorkommen': wie es aucli Alciphron gebraucht hat, 
ni 5, 3 (ni 2) ei mh <«>eAcAc AnenHAHCA. wenn ich niclit zuvorkommend ab- 
gesprungen wäre': oder ui 3, 4 (i 13) ich schwöre das nie wieder zu 
thun', mha' An ei «eANOiwi aimw katackahnai, 'auch nicht weim ich zuvor- 
käme vor Hunger zu verschmachten'; oder n 2, 5 (iv 17) Yna mhagic 
«ceAcH Me reYcAweNOC damit Niemand mir zuvorkäme es kostend' oder 
u -] , 17 (iv 19) oTmai Ae KAI ce *eHceceAi fTeiPAiöeeN eAeelN. So also auch 
hier hpin *eAcAi AiA*eAPHNAi nANTeAüc: er mag sie brauchen wozu er will, 
bevor sie zuvorkommen ganz zu Grunde zu gehen. Will man den 
Ul)erschwang nicht ertragen, bleibt niclits übrig als <t>eACAi zu streichen 
und npiN AiA<t>eAPHNAi zu lesen, das besagt, was gemeint ist. Man wird 
aber aucli hier, bin ich des Glaubens, begreiflich finden, wie npiN das 
A'erlnim gleicher Bedeutung angezogen hat. wähi-end wie und woher 
*eACAi von fremder Hand eingesetzt wurden, kaum recht begreiflich 
\\ ird. Wie leicht dagegen ein Wort ein verwandtes nach sich zieht, 
möge, wenn auch in andrer Satzform, eine Stelle Plato's zeigen, der 
NÖM. XI p. 920 b schreibt toyc ae mh toioytoyc eniTHAeYMAxA xe eniTHAGYONTAC 
A npoTPonHN exei tinä icxypAn npöc tö npOTPeneiN kakoyc rirNeceAi, 
<*)YAAKT£ON maaaon: dic Beschäftigungen treiben, die einen starken An- 
trieb haben zum antreiben schlecht zu werden.' Man hat an npoTPonHN 
zu ändeiii vcrsuclit. scliwerlich mit Recht. Soll der umständliche 



Vahlen: Ül)er zwei Briefe des Alciphron. 999 

Ausdruck nicht stehen, wird man npoTP^neiN tilgen und die untadelige 
Verbindung npoxponHN exei tinä icxypän npöc tö kakoyc rirneceAi herstellen 
müssen. Wir werden aber auch hier, denke ich, das eine mit dem 
andern dem Stile Plato s belassen. 

Noch eine Ausmerzung eines Verbums in eigenthümlichem Satzbau 
sei in der Kürze besprochen. Der Schluss von ni 56, 2 (ni 20) lautet 
in der Vulgata nenAvco, KATÄBAAe thn aaazoneian, TPicAeAie, h anätkh ce 
Thic oiKiAC rvMNÖN eYPAZE £N äkapgT XPÖNOY eKSAHeENTA EKneceTN. Davon weichen 
die Handschriften darin ab, dass eine (f) tymnön thc oikiac, zwei eK- 
BAHeeNTA mit übergeschriebenem hnai (also corrigiert eKBAHefiNAi) mit 
Auslassung von eKueceTN schreiben. In der hergebrachten Fassung hat 
Cobet THC OIKIAC und cKSAHeeNTA ausgeschieden imd Ilercher ist ihm 
darin beigetreten, der nur die Worte ÄNÄrKH ce tymnön gyrazc cn akapeT 
xpÖNOY EKneceTN im Texte beibehält, ebenso Schepers, der die Zuthaten 
durch Klammern auszeichnet. Zur Unterstützung seiner Annahme hat 
(^obet an den Vers des Aristophanes (Plut. 244) erinnert, der so lautet: 

TYMNÖc eYPAz' cienecoN en akapeT xpönoy. 
Die Vergleichung des Verses zeigt so viel, dass cKneceTN, das eine Hand- 
schrift des Alciphron überliefert, nicht entbehrt werden kann, und Meiser 
daher, wie ich glaube, im Unrecht war, wenn er (2 S. 187) EKBAHefiNAi 
(die corrigierte Fassung) für richtig hielt und ekueceTn für den inter- 
polatorischen Zusntz. Die Hauptfrage in meinen Augen ist. wie EKSAneENTA 
ekheceTn, Particijiium und Infinitiv, zu einander stehen, und dn ;iuch nacli 
Ausscheidung der von (lobet verworfenen Worte der Vers des Aristo- 
phanes nicht hergestellt ist, so ergiebt sich, dass Alciplu'on den Vers hat 
benutzen, nicht wörtlich citieren wollen. Man darf also unbekümmert 
um den Vers prüfen, was für Alciphron gerathen oder was unerträg- 
lich war. Mit der Zusammenstellung von Participium und Infinitiv 
kann man in der äussern Form vergleichen, was m 59, 4 (ni 23) in 
der Erzählung vom Traum des Parasiten gesagt wird eita meaaonta 

YAYEIN TÖY nYAWN aTc AI ^ßPAl EtECTACI K E P A Y N CO BAH6ENTA OECeTn, aber 

vielleicht noch nützlicher für iinsern Zweck ist ni 7, 2 (ui 4) wenn 
das nicht geschehen wäre, oyaen an eküaycen ANEnAiceHTu me tm ganäto) 
AiAoeAPENTA ÄnoAWAENAi, liättc ulclits gehindert, dass ich von dem 
unem]ifindlichen Tod vernichtet zu (irunde gegangen wäre.' Denn aia- 
<t>eAP£NTA ÄnoACüAENAi stclieu nicht anders zu einander, als sKBAHeENTA 
ekheceTn. und auch das gewinnen wir aus den Beispielen, dem letzten 
]»esonders, dass wie hier mit dem Participium sich die nähere Be- 
stimmung verbindet, tu eANÄTO) aia^gapenta, tö kepaynw bahgenta, so auch 
OYPAze £N akapeT xpönoy mit Ekeahoenta verbunden ist, und es also kein 
leerer Pleonasmus ist. Dazu sei noch bemerkt (was Meineke ülxn-- 
sah), dass nichts gewöhnlicher ist als dass zu den mit ek coni[i(inierlen 



1000 Sitzung der pliilosophisch-liistorisclicn Classe vom 22. October 190S. 

Verben evpAze gefui4t wird, wie in Aristophanes" Rittern {607) es sogar 
von den Krebsen heisst et tic esepnoi eveAze, nnd nichts andres be- 
deutet als heraus', dies ganz so wie lateinisch foras exire und 
ähnliches häufig ist. Zweifelhaft bleibt, wie über die Worte thc oikIac 
TYMNÖN zu urtheilen sei, die so verbunden werden konnten, wie ni 59. 4 
(ni 23) rvMNÖN nÄcHc ecefiToc, für die aber auch eine andre Möglichkeit 
sich bietet, dass, wie e^J-PAze en akapgT xpönoy eKBAHeeNTA zusammengehen, 
ebenso thc oikIac eKneceTw im Gedanken verbunden sind, tymnön aber 
nocli zu GYPAze eKBAHeeNTA hinzugerechnet werde: auf die Umstellung 
einer Handschrift tymnön thc oikIac ist wohl kein Werth zu legen. 
Doch wie dem sei, dass eKBAHeeNTA eKneceTN in dieser Verbindung un- 
antastbar seien, dafür glaube ich noch eine unverächtliche Stütze zu 
gewinnen aus einem Livianischen Sprachgebrauch, den ich in dem 
Prooemium 1890 (opusc. i p. 448f.) besprochen habe: zur Rechtferti- 
gung des oft und viel angefochtenen profcctus castra inovit bei 
Livius konnte auf analoge Ausdrucksweisen hingewiesen werden, in 
denen Participium und Verbum finitum von gleicher oder verwandter 
Bedeutung sind, wie quem haud secus quam puervin conscrlhendis falla- 
cilms eondicionibus pack frusfratus elusissft (denn was kann ähnlicher 
sein als frustrari und elndere?) oder consUüs diligentlaque nostra celerUcr 
de manilms audacissimorimi civium dr/apsa arma ip.^a ceriderunt (bei 
Cicero), und ähnlich conrplexa continet, elapsuni excidit. Dass die Participia 
Dej)onentia sind, wird der Vergleichiing nicht entgegenstehen. Das 
aber ist noch zu beachten, dass aucli hier mit dem Participium die 
nähere Bestimmung verknüpft ist, die der Veranschaulichung des Her- 
gangs dienen soll. 

Participia zu dem Verbum finitum gefügt, in andern Satzformen 
als dem besprochenen Beispiel, sind auch sonst oft, weil überflüssig 
oder aus andern Gründen von den Kritikern ausgemerzt worden, und 
es eröflnet sich hier ein umfangreiches über Alciphron weit hinausrei- 
chendes Gebiet spinöser Forschung, das ich für jetzt nicht betreten will. 



I. 

Bauernbrief ni 40 (n 38). 

Ein Bauer erzählt einem andern: 'ich habe meinen Sohn in die 
Stadt geschickt Holz und Gerste zu verkaufen, indem ich ihn ermahnte 
am selben Tag mit dem Geld zurückzukonnnen. Es ist aber ein Zorn 
ich weiss nicht von welchem Dämon in ihn gefahren und hat ihn ganz 
verwandelt und ausser sich gebracht. Nachdem er nämlich einen dieser 
Rasenden gesehen, die man wegen ilirer Raserei Hunde zu neimen 



\'ahli;n: t!ber zwei Kriei'e des Alci|ilnon. 1001 

jJllegt, hat er mit seiner Nachahmung den Ahnlierni der .Schlechten 
überboten.' Es schliesst sich weiter an eine Zeichnung dieses neuen 
Kynikers. 'Es ist ein Schaustück zu sehen, abschreckend und furcht- 
erregend, das struppige Haar aufwerfend, den Blick unverschämt, halb- 
nackt in seinem schäbigen Mantel, den Brodsack angeheftet, einen 
Knüttel aus Birnbaumholz in den Händen, unbeschuht, schmutzig, nichts 
thuend, Acker und uns seine Eltern nicht kennend sondern verleugnend, 
indem er behauptet, alles werde durch die Natur, und die Mischung 
der Elemente sei die Ursache des Werdens, nicht die Väter. Man 
sieht aber, dass er auch das Geld verachtet und den Landbau hasst, 
aber auch an der Schaiide ist ihm nichts gelegen und hat die .Scham 
aus dem Gesicht gewischt' usw. Soweit schien es mir nöthig den 
Inhalt des Briefes zu bezeichnen. Über die ersten Sätze desselben 
sei nur folgendes in der Kürze bemerkt. In dem ersten eru mgn tön 
haTaa AnoAÖceAi eic acty iyaa kai kpisac ÄnenewYA hat Oobet sich an 
AnoAÖceAi ÄnenewYA gestossen und schreibt (oai'. lect. 2 S. 61) 'pro ÄnoAU)- 
cöweNON, melhix rtkim nuAHcoNTA.' Das Verbvnn ÄnoAÖceAi im Sinne von 
verkaufen findet sich auch sonst in diesen Briefen, wie i 3. 2 (13) 
OYON AnoAÖceAi BOYAHeeic: i 9, i (i 9) erri AenTÜN KePMATCJN AnOAiAOceAi 
KAi (jüNeTceAi TA eniTHAeiA. Was aber den von Xn^newYA abhängigen In- 
finitiv betriff't, so kann eine vergleichende Zusammenstellung wohl 
zeigen, dass es demselben bei Alciphron nicht durchaus an Analogie 
fehlt: 128,1 (ny) we hkgin uc gaythn weTene^Ye tynih (vgl. ni65, 2), woran 
Cobet aucli Anstoss nahm: m 18,1 (u 15) HKem ce hapakaaü: in 54, 4 
(ni 18) MHKh ToTc eNAreci aambangin; ui 63, i (ni 27) gaocan Ac^aaIcüni 
KOwizeiN cf. ni 57, i: ui 73, 2 (n 29) weTAAiAuwi kai coi ayo exem: ni 53, 
4 (m 17) XÄPICMA AOYc exeiN: ni 41, i (n 39) tco noiweNi nAPeACOKA xPHceAi. 
In all diesen Beispielen ist nichts auffälliges, aber man sieht docli in 
welche Kategorie auch ÄnenewYA AnoAÖceAi gehört. Ebenso mit gTnai : 
in unserm Brief 4 ÄeüoYc gTnai timiopiac AneAinoN, rieth Cobet eTnai zu 
tilgen, aber es ist kein andres elNAi als ni 3, 4 (i 13) th rAweTH köcmon 
eTnai nePiAYXENioN enenoii^KeiN. Bedenklicher sind folgende Infinitive, die 
daher meist der Kritik verfallen sind, in 4, i (m i) üpa coi moxaoy kai 
kaauaioy ÄnAriAceAi wird AnAriAceAi von Meineke und Schepers als 
fälschlicher Zusatz beseitigt; wenn es aber gleicli weiter heisst 2 tön 
TNUMONA TPeYOMGN EKeTcG NSYeiN, sollte NEYeiN andci's gedacht sein? iii 
46, I (in 10) erü Ae nAPAAH<Deeic eni agThnon tephgin upxoymhn tön köp- 
AAKA wird TGpneiN von ("obet und nach ihm von Hercher und Schepers 
gestrichen, aber irre ich nicht, wird, wenn es felilt, für den Gedanken 
etwas vermisst (cfr. m 18, 2); 11 4, 16 (iv 19) kai käoapcIn tina agT npo- 

TGAeCAl THN TYNaTkA KAI nAPACKEYÄCAl TINA ZWA lePGYCAl KAI AIBANIOTON hat 

Meineke lepeYCAi verdächtigt und Schepers eingeklannnert; verstanden 



1002 Sitzunj; der philosophiscli-historischen Classe vom '22. October 190S. 

aber ist anhiialia quaedam 'parnre niactanda, während aibancotön und das 
folgende nur an nAPACKevÄCAi hängt. 

Den folgenden Satz xöaoc ag eMnecÜN is. otoy aaimönun eic aytön 
OYK exü) AereiN, oaon nAPHweire hat Cobet richtig zu stellen gesucht mit 
der Bemerkung emenda ei otoyah, quo facto apparei oy^k exu Aerem in- 
siticia esse, und hat Hercher, der nur das gleichbedeutende otoyoyn 
schreibt, und Schepers überzeugt. Soviel ist einleuchtend, dass, wenn 
OTOYAH oder otoyoyn geschrieben wird, das die Unbestimmtheit aus- 
driickt, ex quocumque doemonwn , 'von welchem Dämon immer,' oyk 
exü) A^reiN nicht bleiben kann. Allein da dies überliefert ist und gutes 
Crriechisch ist, sollte es nicht vielmehr dafür bürgen, dass otoyah, 
otoyoyn nicht geschrieben war, sondern es otoy aaimönun oy^k exu Ae- 
reiN, und dass für den einzigen Anstoss in der Wortstellung des eic 
AYTÖN eine andre Erledigung gesucht werden müsste? Meiser (S. 241) 
empfahl die Umstellung xöaoc ac ewnecuN aaimönun eic ay-tön (o-t-k exco 
AereiN ei otoy). Aber zu geschweigen, dass der Hergang der Ver- 
derliniss nicht genügend aufi>-eklärt ist, weder ei noch otoy will mit 
dem vorangegangenen aaimöncjn sicli reimen. Der Ausdruck, wie ihn 
die Handschriften geben, ist besser: xöaoc ag ewnecuN ei otoy aaimö- 
NWN o-r-K exd) AereiN, und wenn das hinter aaimöncon eingefügte eic aytön 
da nicht stehen kann, so setze man es hinter eMnecwN. Eine Frage 
der Wortstellung ist es allein, auf die Antwort gesucht werden muss, 
aber nicht so, dass schlechter wird, was gut oder besser war. In 
Wahi-heit aber bekenne ich, dass die Wortstellung, wie sie ül>erliefert 
ist, gar nicht tadelnswerth erscheint, bei der das Verständniss nicht 
leidet und der Nachdruck auf die Worte fällt, die den Ton haben: 
auch steht dahin ob Cobet und Hercher diesen Anstoss genommen 
haben: sie äussern es Avenigstens nicht. Dass man aber nicht glaubt, 
mit dieser Wortfolge werde dem Alciphron zugetraut, Avas ihm fremd- 
artig, sei ausser dem eben vorangegangenen .Satz tön haTaa AnoAÖceAi 
£ic ACTY lYAA KAI KPiGAc XneneMYA, in welchem eic acty zwischen eng 
zusammengehöriges eingefügt ist, noch erAvähnt 1 13, i (i 16) epuc we 
oyk CA nAPeMnecÜN yhö toy aoticmgy KYsePNÄceAi, n 4, 15 (iv 19) kai 
rÄP exü) TINA NeucTi tynaTka Änö Opytiac hkoycan, wo man Umstellung 
versucht hat: i 37, 4 (iv 10) thn Ne^eciN AefN aytön öpän ei oytcüc eMe 
nepiöreTAi epucAN aytoy; und viel andres und auffälligeres Hesse sich 
anführen. 

Dies beiläufig. Der Satz, auf den es mir vornehmlich ankommt, 
lautet bei Meineke so: eeACÄMCNOC tAp gna toytuni tön MeMHNÖTUN, oyc 

AIÄ TÖ AAANIÖAeC nÄGOC KYNAC AnOKAAsTN eilieAClN, YneP^BAAe TH MIMHCei TUN 

KAKtoN TÖN APXHr^THN. Mau crkcnut leicht, wie gut die Bezeichnung 
TOYTWNi TWN MCMMNOTUN vou dcu Wortcu tö MANiUAec nÄeoc aufgenommen 



Vahlkn: Über zwei BricI'c des Alcipliron. lOOH 

und fbrtgefülirt wird: 'einen der Rasenden, die wegen des rasenden Af- 
fects iliren Nnnien Jiaben', und MAiNsceAi, mania wird auch sonst von den 
Kynikern ausgesagt, wie z. B. Dlog. I.aert. vi 3, i. Nicht ebenso deutlich 
ist, wie daraus die Benennung kycon, kyngc ihren Anlass genommen habe, 
obwohl die Satzform dies erwarten lässt. Die giüechischen Interpreten 
des Aristoteles, die mit der Herleitung des Namens der verschiedenen 
Secten sich befassen, gehen für die Kynikoi von der Natur und den 
Eigenschal'ten des Hundes aus, die sie auf die Lebensweise und die 
philosophischen Ansichten der KynikoI so gut es geht übertragen: so 
schreibt Philoponus im prooeni. zu Aristoteles Kategorien (vol. xui p. i 
S. 2) Ol A^ Kynikoi oytuc eKAAOYNTO aiä tö nAPPHCiACTiKÖN kai eAerKTiKÖN* 

KAI PAP TÖN KYNA «AcIn GXeiN Tl *lAÖCOiJ>ON KAI AIAKPITIKÖN. YAAKTsT MGN TÄP 
TOTC AAAOTPioiC. nPOCCAINGl Ae TOTc OIKeloiC. OYTü) KAI OYTOI KTA. EHaS 

gleichfalls im Prooem. zu den Kategorien (xvm p. i S. iii) zählt vier 
Gründe auf für ihre Benennung, alle von den Hunden entlehnt, aiä 

TÖ ÄAIÄ4>0P0N T09 ZÜOY, OTI ANAIAGC ZÖON KYCÜN, OTI *P0YPHTIKÖN , OTI 

AIAKPITIKÖN — , welche Eigenschaften nicht immer ganz leicht auf die 
Hundephilosophen und ihre Anschauungen angewendet werden. Darauf 
geht auch bei Diogenes Laert. vi 2, 60 im Leben des Diogenes unter an- 
derm die Antwort desselben auf die Frage Alexanders ti noiuN k^con 
kaasTtai, die so lautet toyc m^n aiaöntac caInun, toyc ag mh aiaöntac 
yaaktün, toyc AG noNHPOYC AÄKNCüN. Uui SO mehr möchte man auch an 
unsrer Stelle einen greifbaren Grund l'ür die Bezeichnung kyngc er- 
warten. Sehen wir nun von Meinekes Text auf die ehemals herge- 
brachte Fassung des fraglichen Satzes , so zeigt sich , dass er zwei 
Wörter ausgeschieden hat, die, wie er anmerkt, post nÄeoc codd. ad- 
dunt, thn ayttan. Die verbreitete Form war toytwnI twn MeMHNÖTCüN. oyc 
AiA TÖ MANiÜAec HÄeoc THN AYTTAN KYNAC ÄnoKAAeTN eicöeAciN. Stephan 
Bergler (Lips. 1715), ein verständiger und um Alciphron verdienter 
Kritiker und Erklärer, war es zuerst, der zu thn ayttan die Bemerkung 
machte iridetur superfluum et aliunde irrcpsisse, und J. A. Wagner (Lips. 
1798 toin. I. 11), ihm folgend, schloss thn ayttan in seinem Text in 
Klammern, indem er in Bergler's Anm. ein aÜeridnuii einschob zum 
deutlichen Beweis, dass er eines von den beiden Ausdrücken tö maniüagc 
nÄeoc oder thn ayttan für überflüssig hielt. Und dabei ist es geblieben: 
Meineke und Hercher wiesen die Worte aus dem Text; der neueste 
Herausgeber, Schepers, setzte ayttan, diese Form ohne Artikel in Klam- 
mern, mit der Bemerkung, dass die Wiener Handschrift {B) ayttänan 
habe'. Nun ist zwar bekannt, dass aytta ganz allgemein die Raserei be- 



' Meiser (S. 242) hat zu toytunI tön MewHNÖTUN] aus Lueian angefülirt : de 
salt. 6 «eMHNÖTOc ÄNepwrtOY abdic. 30 ayttan kai MeMHNeNAi. Heruiot. 86 toyc ayttön- 
TAC tun kyncon. aber über thn ayttan l)einerkt er iiielits. 

Sitzuii}j:sberlclite 19ü8. S!) 



1004 Sit/iitii; dfv |iliil()so|iliiscli-liistori.sch('ii ('lasse vom 2"i. Octol)er 19(18. 

zeichnen kann und mit mania verbunden wird oder als synonym wechselt, 
wie es z. B. Ilias ix 238 heisst 

MAiNGTAi eKnÄTAüJC nicYNOc All ov-Ae Tl Tiei 
ÄN^PAC oya6 eeoYC kpatgph ag e aycca asayrgn, 
oder bei Plato Nöm. vni 839 a aytthc ag gpcotikhc kai maniac. Audi 
Libnnius I p. 205,4 1^'oerst. achreibt zünta ag gn aycch th kat' gmoy 

GASrxCON ÄnHAACGN, U)CTG GKGINON TAnGINtOeGNTA MHKGt'gTnAI GN TOCAYTH MAnIa. 

Wenn also aytta in dieser allgemeinen Bedeutung verstanden ward, 
so konnte es wohl seheinen, dass es neben maniüagc nAeoc übertlüssig 
sei und besser entbehrt werde. Es ist aber nicht minder bekannt, 
dass aytta einen specielleren Sinn hat und das sj)ecifische Wort ist 
für die Ilundswuth. Dafür mögen, da ja, wie man sieht, an das be- 
kannte niclit immer gedacht wird, ein paar Belege angeführt werden, 
llias vni 299 antwortet Teukros auf Agamemnons Belobigvuig seiner 
Tapferkeit mit den Worten 

ÖKTÜ AH nPOGHKA TAMYTACiXIN AC OYCTO^C, 
nÄNTGC a' GN XPOT HHXeGN ÄPH'l'eÖCJN AIZHÜN" 
TOYTON a' OY AYNAMAI BAAGGIN KYNA AYCCHTHPA, 

den Ilector als den rasenden Hund bezeichnend, Hund mit der üb- 
lichen Verachtung, toUwütlüg (aycchthpa) als den thatkräftigen und ge- 
fahrvollen. Den Vers hat auch Elias a.a.O. angeführt, aber ohne etwas 
daraus zu gewinnen. Plutarcli aber Quaesl. convic. vni p. 732 ab (Ber- 
nard. IV p. 345) macht von den Worten Gebrauch zu dem Beweise, dass 
nach Homer die Wasserscheu bei Hunden nicht anders sei als die aycca 
bei Menschen: oyag thn gag^antIacin oToma: c^oapöthta tön ycopikün tinoc 
toytun oycan oyag tön yapo*öban tön ctomaxikün h tön mgaatxoaikön ■ 
kaItoi toytö TG eAYMACTÖN, Gl mha'Omhpoc atnoön gaängangn ymäc • TÖN 
rAp aycchthpa kyna ahaöc gctin Xnö toy nAeoYC toytoy npocAroPGYWN 
A<t>' OY KAI ANepunoi AYCCAN AGTONTAi. Eiucu äluiliclien Gedanken hat 
Plutarch in der Schrift de sol/crtia nnuiialium p. 963(1 (Bernard. vi p. 23) 
geäussert, dass die aytta bei den Hunden ein Zeugniss dafür sei, dass 
sie Denken und Erinnern besässen, dessen Verwirrung die aytta bei 
Hunden wie bei Menschen erzeuge, oykoyn oyag hapahaTon h hapaoponoyn 

H MAINÖMGNON, S MH TO «PONgTn KAI AIANOgTcSAI KAI AOriZGCGAl KAtA <t>YCIN 
•VniHPXGN" OY' FAP GCTIN GN nAsGi rcNGceAi MH KGKTHMGNON AYNAMIN, HC TÖ 

nAeoc hi ct^phcic h nHPUcic h tic aaah kAkucic hn. Aaaa mhn gntgtyxhkac 

TG AYTTCÜCAIC KYcIn. GTU) AÖ KAI TnnOIC ' APKgT AG TÖ tön KYNÖN. b ANAM<t>ICBH- 
THTÖN GCTI KaI MAPTYPgT AÖrON GXGIN KAI AiAnOIAN OY <t>AYAHN TÖ ZÖON, HC TAPAT- 
TOMENHC KAI CYTXGOM^NHC H AGTOM^NH A^TTA KaI MANIA hAsOC GCtIn . . . 
OYTCJC Ö TOYC AYTTÖNTAC KYNAC AAAO Tl nGHONeGNAl NOMIZtON AAa' OYXI 
TW <)>P0NgTn nG<t>YKÖTI KAI AOrizGCOAl KAI MNHMONGYGIN AN AHCn AHCMGNOYC TAPA- 
XHC KAI nAPATIGnAIKÖTAC ATNOgTn TA «IATATA nPÖCUlTA . . . HAPOPAN TÖ «tAINÖ- 



^^AHLEN: Ül)er zwei Bi'iefc des Alciphioii. 1005 

MeNON eoiKEN. Aus dieser Stelle ergiebt sich sowohl, dass ayttän recht 
eigentlich von den Hunden gesagt wird, als auch wie passend die aytta 
ein MANiöAGC nAeoc genannt werden konnte. Den Sprachgebrauch be- 
zeugen auch folgende Stellen: Xenophon Anabas. v 7, 26 haikoyn wen 
OYAeN, £AeiCAN AS MH AYTTA TIC ücnep KYCiN hmTn ewnenTCJKOi, und Lucian 
Herinotim. 86 (i p. 209, 1 1 Bekk.) *iaocö*u ae ec tö aoioön kan akun 
noTe eN öaü baaiicün eNiYxco, oytuc eKTPAnHcowAi kai nepicTHcoMAi ücnep 
TOYc ayttcjntac tön kynwn. Von l)esondrem Interesse sind zwei 
Zeugnisse des Pausanias. der vni 19, 3 von der Quelle 7\ayccoc in 
Arkadien erztählt, dass sie den von einem Avüthenden Hunde Verletzten 
heilen könne: öc a' an Ynö kynöc katacxetoy aycch htoi eAKOc h 

KAI AAAUC kInAYNON eYPHTAI, TÖ YACÜP Ol niNONTI TaMA, KAI "7\ayCC0N TOYAG 

eNGKA ÖNOMÄiOYci THN nHrHN ; uud IX 2, 4 über den von seinen Hunden 
zerrissenen Aktäon nach Erwähnung andi-er Versionen seine Meinung 
dahin abgiebt, dass die Hunde von der aycca ergriffen ihren Herrn 
nicht erkannt hätten : erü as angy eeoY neieoMAi nöcon ayccan toy äk- 
TAicjNOC eniAABeTN toyc kynac MANeNTec a^ kai oy AiArmücKONTec aia- 
*0PHceiN GMeAAON nÄNTA TINA oTu nepiTYxoiGN. Im Leben des Polemo bei 
Diogenes Laertius iv 3, 4 wird von diesem zum Beweise seiner philoso- 
phischen Standhaftigkeit erzählt, kynöc toyn ayttwntoc kai ihn iphyan 
AiAcnÄCANToc MÖNON MH cixpiÄcAi. Ein wertlivollcs Zeugniss für unsre 
Frage giebt Athenaeus ni p. 996 npöc tayta ö O'Y'AniANÖc nuc ha^cüc rcAACAC 

AAAÄ MH BÄYie, efnCN, S CTaTpE, MHAC ÄrPIAINGY THN K Y N I K IH N nPOBAAAOMeNOC 
AYCCAN TUN Ynö KYNA OYCWN HMCPWN AEON AIKÄAACIN MÄAAON KAI nPOCCAINCIN 
TOTC CYNACinNOIC, MH KAI TINA KyNO^ÖNTIN COPTHN nOIHCÜMCeA ANTI THC HAP' 

Apreioic eniTeAOYMdNHc. So nämlich lässt er den Oyahianoc dem Kynoyakoc 
dem Kynikoc antworten, spielend mit der Hundswuth (kynikh aycca) 
und dem Hundsstern (tön Ynö kyna hmcpun) und dem Fest des Hunde- 
mordes; auch npoccAiNGiN gehl die Hunde nn. Selbst die Nachricht 
über Lucian's Tod bei Suidas tcacythcai aötoc Ynö kynön, enei katA thc 
AAHeeiAC CA^TTHccN bringt das ayttän in eine gewisse Beziehung zu den 
Hunden. 

Fügen wir das verworfene ayttän in unsere Stelle wieder ein, 
so ist der Mangel, den wir empfanden, gedeckt und der Anlass für die 
Benennung Hunde' deutlich bezeichnet. Sollte es nun nicht wahrsehein- 
Uclier sein, der Schriftsteller habe selbst durch diesen Zusatz seinem 
(redanken Klarheit verliehen, als dass von fremder Hand das Wort 
eingesetzt worden, sei es zum Überfluss neben maniöacc nÄeoc oder 
in richtiger Schätzung des Zusammenhangs, die wir dem Autor ver- 
sagen? Die ehemals verbreitete Lesung war thn ayttän, die Wiener 
Handschrift B, die allein in F'rage konniit, giebt, wie bemerkt, ayttänan 
(wuld nur irrthümliche Dittographie lür ayttän) al)er ohne Artikel. Es 

8i)' 



1006 Sitziiiiü: iliM' |ilnlos()])his('li-liist(ii'iscliPii Chisse vom "J'J. Oc.t.olici' lüOS. 

iSsst sich wie icli i^lnubc niclit bestreiten, dass auch aia tö maniöaec 
nÄeoc. THN AYTTAN richtig' i>'oschrieben werden ki>niite: dcmioch h.-ilto 
ich (laCür. dass aia tö MANiüAec nÄeoc ayttan. wie es das besser be- 
/eiiiitc ist. auch stilistisch ani;vuicsscncr sei: zu erklären aber ist so, 
(hass au ilie uuischreih(>u(h> Rczeicluuuit;' maniüagc nÄeoc sich ayttan 
nach Art eines nonieu luiipriuni angesetzt habe: 'die wegen der rasen- 
(hu Art'ection llnndswutli Hunde genannt wonh'u seien". Ich iiclunc 
einen Ausdruck an. unget'älir wie i 2 ;. 2 (m 40) der Parasit, der eine 
wäruu'ude Unterkunft sucht und sie von seines Gleichen besetzt fand 
O'Y'A^ GKeTce CYNexüPOYN 01 tön Ömot^xncün nepi ta9ta ÄAiNAOYMeNOi hinzu- 
tVigt KAI rÄP AY^TOYC H KAPAnAHCiA eeöc hnwxaei TTeNiA. Denn wenn man 
auch ohne den zugetvigten Namen TTeNiA verstehen konnte, welche tüHtin 
genuMut sei. so ist doch TTeNiA nicht mit t'obet lur ein Emblem zu 
halten. Analoge Satztbrm giebt u. a. auch Plato im Phaedrus 246 e 
Ö M^PAC f^reMÜDN fiN OYPANtü Zgyc, odcr ohne nomcn [)ro|u-ium ebeiula 

247 c YYXHC KYBGPNHTH MONü) eeATH NU. 

II. 

Fischerbrief i S (i S). 

In diesem Brief wendet sich ein Fischer an seine Frau, die ihm 
ratlicn soll: 'die hn Kntschluss sclnvankenden'. schreibt er, 'erwarten 
von den Wold wollenden Kntscheidung." Uinl ich", fahrt er fort, 
'nachdem ich \\v\ zu ilen Lüften geredet (deiui niciit (Mumal /u dir, 
Frau, wagte ichs) rede jetzt und bitte das bessere zvi wählen und 
mir Kath zu ertheilen." Da überliefert ist oyag tap oYAeN npöc ce 
teAPPo^N. li TYNAi, das sprachlich nicht zu tadeln i.st. neijue en'uu quic- 
quain tibi, abei- dem beabsichtigten Gegensatz zwischen taTc aypaic und 
npöc ce nicht entspricht 'zu den l.ütlen spracli ich: denn niclit ein- 
mal zu dir, geschweige zu anilern. wagte ichs'. so wird oyae täp 
o'r'Ae npöc c^. das dem Lucianischen Sprachgebrauch geläufig ist (vergi. 
opuse. 1 p. : 1 7). dem Alciphron zu restituieren sein. Kr entwickelt 
d(M' Fr;ui dann weiter, um was es sich liandelr. llöri> also wie es 
steht \md in Bezug worauf du deine Meinung sagen sollst. Unsre 
Verhältnisse siiul. wie du weisst, ganz und gar ohne ]Mittel und der 
l.ebensbedarf sehr schmal: denn das 3Ieer nährt nicht. Das Schilf 
nun. tlas du da siehst, das mit Kiulern versehene und mit vielen 
Ruderern ausgerüstete, ist ein Korvkisches Faln-zeug. und die Schaar 
von Leuten in ihm sind Seeräuber (ahctai a^ saa^tthc. N\ie toyc thc 
öaaatthc ^ptätac i II.: u. 1 4. 1 . und ahctai sind nicht bloss See- 
räuber, wie aus m 70, 5 zu entuelnnen). Diese wollen mich als 
i'heilhaber ;m ihrem Wagniss annehmen, indem sie grossen üe- 



A'aiii.en: Ubei' /wei Ui-icfc des Alci|il]r(iii. 1007 

vviiiii versprechen. Nun bin icli zwar nacli dem Gold, das sie an- 
kündii^en. und den Kleidern begierig, aber Menschenmörder zu werden, 
bringe ich nicht über mich und mit Blut zu besudeln die Hände, 
die das Meer Aon Kindheit bis her rein A'on Verbreclien bewahrt hat. 
Mit der Armuth verbunden zu leben ist l)esc]nverlich und niclit zu 
ertragen. Drum erwäge du die Wahl: wohin du einmal neigst, Frau, 
daliin werde ich dir folgen: denn das Scliwankende des Entschlusses 
pllegt der Ratli der FnHuuIe abzuscinieiden.' Der Satz, der mich 
insbesondere beschäftigen wird, hiutet in den Handschriften oytoi ne 
KoiNUNÖN eeeAOYCi aabeTn toy toamhmatoc, nöPOYC ek oöpcon eYwer^- 
eeic YnicxNOYMGNOi. Die Worte nöpoYC eK nöPcjN e'y-Mereeeic haben nielir- 
fach Anstoss gegeben und Abänderung erfahren. Blomfield hatte voi'- 
gescldagen nöpoYc es AnöpcjN, dies entsprechend dem Vers des Aeschy- 
lus Proni. 59 aeinöc tAp SYPeTN kai amhxäncjn nöPON, wofür er nöPOYc 
zu schreiben rieth, und den vielen ähnliclien, die Blomfield zusammen- 
gestellt hat: aber so passend an mancher Stelle diese Ausdrucksweise 
nöPOYC ei AnÖPCJN ist, in unsreni Briefe ist sie wie G. Hermann zum 
Aeschylus u. a. bemerkt, nicht zu gebrauchen: es wäre seltsam, wenn 
die Seeräuber dem armen Fischer nÖPOYC es ÄnöPtoN d. h. 'Mittel und 
Wege aus Schwierigem' versproclien liätten, die ihm A'ielmehr, wie 
das Folgende zeigt, grosse Reiehthümer in Aussicht gestellt haben. 
Einen aiidren Weg schlug Meiser ein, der (S. 209) nach dem Ge- 
ständniss des Fischers, dass er kein anapocdönoc werden und die Hände 
nicht mit Blut betleck(;n wolle, vermuthet hat, dass nöpoYC zk «öncün 
zu schreiben sei. Allein wenig wahrscheinlich, dünkt micli, ist es, 
dass die ahctaI die in Aussiclit gestellten Vortheile so direct und un- 
verblümt als Ergebniss von Mordthaten hingestellt hätten, während 
umgekehrt der Fischer an sieh mit dem Handwerk der Seeräuber 
bekannt genug sein konnte, um zu wissen, dass es dabei nicht ohne 
Blut abgehen würde. (Über die Verbindung mit den ahctai vgl. ni 
70, 5). Ich halte nÖPOYC ek nöpcjN für richtig, verstehe nöpoi. welches, 
wie bemerkt, eigentlieii die Mittel sind etwas zu erlangen, in dem 
Sinne wie m 70, l (m 34) oyk €< aikacthpicon oyag ek toy ceiem kata 
atopan äaIkoyc eniNOOYNTi nöPOYC, von den Gewinnen, die erlangt 
werden. Die Zusammenstellung aber nöpoYc eK nÖPcoN d. i. Gewinne 
aus (nach) Gewinnen' ergiebt als solche den Begrifi" der Fülle und 
Menge: wie um einige Beispiele des Ix'kannten Gebrauchs anzuführen, 
Eui'ipides in den Troades 605 aäkpya t gk aakpywn KATAAeiseTAi XweTepoic: 
aömoicin; Iphig. Taur. 191 MÖxeoc a'gk wöxeuN Accei; Sophocles Trachin. 27 
Aexoc FAP 'HpakaeT iyctÄc' Äei tin' gk «J'Oboy oöbon TPe<t>iü; llias xix 290 
üjc NOi AexeTAi KAKÖN eK KAKOY Aei; Plutarch Pyrrli. 30, 2 a' eAniAAC 
ei eAniAUN Aei kyaInaun. Nicht wesentlich anders ist solche Zusammen- 



1008 Sity.uiiü; der ijliilosopliiscli-liistorisclien C'lasse vom 22. October 190.S. 

Stellung der nomina, wenn sie nicht mit gk sondern mit der Prne- 
position eni verbunden sind: der Begriff der Menge wird auch so 
zum Ausdruck gebracht, nicht als Abfolge des einen aus (oder nach) 
dem andern, sondern als Zuwachs des einen zu dem andern. »So ist 
nicht verschieden in den Troades 596 eni a' AArecm aatga KeTNXAi von 
dem vorhin angeführten aäkpya gk aakpyun, oder in der Taur. Iphigen. 
bald nach dem citierten Vers mit eK 195 äaaaic a' aaaa npocesA xpvceAC 
APNÖc MGAÄepoic ÖAYNA, <t>ÖNOc a' sni *ÖNCü, AxeÄ T'Axecm; Androm. 475 
Äxeoc t' en° A'xeei; Theocrit. xv 20 aran p^hon, eproN en' epru. Auch 
Alciphron selbst ni 8, 2 (ni 5) kai nAeioNA eni nAeiocm Ano^epoMeNH. 
Es verlohnt nicht die Beispiele zu häufen, die überall zu finden sind. 
Das aller verdient bemerkt zu werden, dass auch noch andre Prae- 
positionen zu demselben Zweck und andre Redeweisen zur Zusammen- 
ordnung der gleichen Nomina verwendet worden sind, alier innner 
wird der Sinn der Häufung empfunden. Ist auch andern Sprachen 
nicht fremd, imd Goethe hat im Faust und sonst mit besondrer Lieb- 
haberei diese Ausdrucksweise gepflegt: Lied um Lieder anzustimmen: 
Stich um Stich; Feh auf Fels; Fest nach Fest. Ich denke an nöpovc 
GK nöpuN ist nicbt zu rütteln. Schwieriger und bedenklicher ist es 
mit dem hinzugefügten Adjektiv eYMereeeic fertig zu werden, an dem 
Meineke Anstoss nahm, weil das Epitheton nicht passend zu nöpoYC 
GK nöPtüN, das denselben Sinn schon enthalte, hinzugefügt sei: er 
dachte anfanglich an eine Ergänzung, etwa in der Form nöpoYc gk 
nöpuN, ^MiceoYc) eYMereeeic, Hess diesen Gedankeu aber später im supplem. 
adn. (S. 173) fallen und entschied sich dafrir. dass e'r'Mer^eeic fälsch- 
licher Zusatz sei zur Erklärung der Bedeutung von nöpoYc gk nopcoN 
l)eigeschrieben. Und darin sind Meineke'n sowohl Hercher, der das 
Wort nicht mehr im Texte hat, als auch Schepers beigetreten, der 
es in Klammern geschlossen. Dass eYMereeeic (ein Wort, das in diesen 
Briefen mehrfach wiederkehrt) von fremder Hand eingeschwärzt sei, 
ist nicht eben wahrscheinlich, darum, weil, wenn nur geschrieben 
stand nÖPOYC eK nöpuN YnicxNOYMGNOi nichts vermisst wurde und zur 
Erläuterung des nicht unklaren und nicht ungebräuchlichen Aus- 
drucks kein Anlass war. Dennoch halte ich Meineke's Empfindung 
für berechtigt, dass das formelhafte nöPOYC ck nöptoN mit der dar- 
gelegten Bedeutung eine adjectivische Ergänzung nicht vertrage. Man 
wird gewiss immer wieder darauf zurückkonunen, dass das so über- 
lieferte, wenn auch ungewöhnlicli, zu dulden sei. Aber was man 
ziu- Unterstützung beibringen kann, wie der angeführte Vers der 
Trachinierinnen Aei tin' eK «oöboy «öbon tp^*u oder Euripides He- 
racles 1084 taxa «önon eiepoN eni *ön(j) baawn (vgl. Aesch. Choeph. 
391) erweist sicli l)ei nälun-er Prüfinig als zu speciell in Sinn 



Vahlen: Über zwei Briefe des Alciphron. lOOi) 

und Ausdruck, während grade die Verallgemeinerung und die iu 
der Verallgemeinerung enthaltene Steigerung des plurativen nö- 
poYc eK nöpcoN den adjectivischen Zusatz zu dem einen Nomen 
nicht angemessen erscheinen lässt. Unter diesen Umständen bin ich 
auf den Gedanken gekommen, dass wie die Nomina auch die Ad- 
jectiva zu verdoppeln seien und Alciphron geschrieben habe nöpovc 
EK nöPUN {eYMereeÜN) e-r'Mereeeic YnicxNOYweNOi; 'Gewinn aus Gewinnen 
aus grossen grosse'. Dass damit die Steigerung wo möglich nocli 
verstärkt wird, ist dem Gedanken nicht nachtheilig, der auf grosse; 
Versprechungen, wie das Folgende zeigt, angelegt war. Was aber 
den hergestellten Ausdruck anlangt, so ist dabei, A^on der Leichtigkeit 
der Einschaltung nicht zu reden, mehreres zu beachten, das vielleicht 
geeignet ist, der Vermuthung zu einiger Wahrscheinlichkeit zu ver- 
helfen. Erstlich die doppelte Paarung, der Nomina mit einander, 
dann der Adjectiva, während jedem Nomen sein Adjectivum hätte 
beigefügt sein können, und zweitens, dass die Abfolge der Adjectiva 
nicht der Abfolge der Nomina entspricht, sondern dieser entgegen- 
gesetzt ist, der Art, dass ev'MereefflN an uöpun sich ansetzt, weshalb 
es auch einer Wiederholung der Präposition nicht bedurfte, jedoch 
so, dass die zwiefache Paarung der Nomina und der Adjectiva da- 
durch nicht aufgehoben oder beeinträchtigt wird. Beides wird durcli 
den Gebrauch sich rechtfertigen lassen. Über die Wortfügung, die ich 
meine, hat unlängst Ernst Wenkebach in einem inhaltreichen Auf- 
satz 'Zu Text und Stil der Schriften Dion's von Prusa' im Hermes 
xuu (1908) S. 91 IF. Pelege aus Dio und andern, insbesondere Plato, 
zusammengestellt, obwohl sein Gesiclitspunkt nicht ganz der meinige 
ist. Die von ihm beigebrachten Belege waren mir meist alle bekannt 
und noch viele darüber. Ich will versuchen einige der am meisten sprechen- 
den Fälle vorzulegen, und zwar für beides, die getrennte Paarung und die 
in beiden Paaren A-erschiedene Abfolge. Ich beginne mit einigen Dichter- 
stellen, die sicher leicht zu vermehren sind: Sophocles Ued. Col. 230 

XnÄTA A^ÄnATAIC exePAIC GTEPA nAPABAAAOWeNA nÖNON, OY XÄPIN ÄNTI- 

AJACociN exeiN, hier auch die Umkelir der Abfolge. Aeschylus Choeph. 
82 nÖTEPA AeroYCA hapA *iAHC «iAü) *epeiN tynaiköc änap!, die Ad- 
jectiva in der Paarung voran, vnid ohne Umkehr; Euripides Herades 
1032 tAOcee TAAe tekna npö oatpöc agaia KeiweNA ayctänoy. 
Ferner Aristophanes Vög. 865 eYxecee th "GctIa th oPNieeiu kai tw iktInw 

TU eCTIOYXü) KAI ÖPNICIN OAYMnloiC KAI OAYMniHCI HÄCI KAI HACHCIN 

und nach diesem Muster Menander im Köaai bei Athenäus xiv p. 659e 
eeoTc ■'Gaymuioic ev-xüMeeA "'ÜAYMniAici, nÄci nÄcAic. Nach dem- 
selben Schema hat, wenn icli micli nicht täusche, aucli Herodot ge- 
schrieben IV 128 H MEN AH Ynnoc THN YnnoN Äei TPenecKe H tun Cky- 



1010 Sit/.mi!;- der |)Iiil().Mi])lnscli-lii.storiscli('ii Clnsso vom 2"J. Octoliei' l'.Kl.S. 

e^tON ^THN T(i)N rTepc^cjN). o\ AG TÖN TTepc^uN innÖTAi ^evroNTec ece- 
ninroN ec tön nezÖN, ö Ae nezöc an eneKOYPee. Denn die hier fehlenden 
Worte THN TÖN riepc^uN scheinen mir unentbehrlich zu sein: 'die 
Reiterei schlug die Kelterei inmier in die Flucht, die der Scythen 
die Persische', woran dnnn richtij;' sich anscldoss: 'die Persischen 
Reiter Hohen aber bis sie auf das Fussvolk stiessen und Hülfe fan- 
den." Ans Plato sei angeführt Phaedrus p. 244d bcu ah oyn TeAecbre- 

PON KAI ENTIMOTePON MANTIKH OI(i)NICTIKHC. TÖ TG ÖNOMA TOY ÖNÖMATOC, ePTON 
t' GPrOY, TÖCU K.AAAION MAPTYPO?CIN Ol HAAAIOI MAnIaN C CO <J> P C Y N H C THN 

^K eeoVjHcnAp'ÄNeptbncüN nrNoweNHC. Theaetet. p. 156 b rö a' aicsh- 

TÖN r^NOC TOYTCON GKÄCTAIC ÖMOrONON , OYeCI M^N XPÜMATA UANTCAA- 

üaTc nANTOAAriA: ibid. p. 1 7 2 a cymboyaon cymboyaoy AiA<t>epeiN kai nÖAeuc 
AÖSAN ex^PAN eT^PAC und ]). 172 b AÖ roc as hmÄc gk aötoy MeiztoN es 

EAATTONOC KATAAAMBANei. Hi])p. Uiai. ]). 2 99d AP'OYN HAY HAEOC £11 OYN 

ötoyoyn AiA<t>epei toytco tu hay gTnai. Tiniaeus p. 21b uoaawn mgn gyn 
AH KAI noAAA GAexen noiHTÜN noiHMATA, was die zwiefaclie Paarung, 
aber die Adjective voraus, die A'omina nachfolgeiul, ani weist: Nöm. 
p. 626r npöc oikIan oikIa tun gn th kümh, kai npöc Anapa anapi gni 
npöc GNA TAYTÖN GTi. uud hicraucli die Umkehr in der Abfolge. Aus 
Dio erwähne ich or. iv Anf. <j>Aci uotg Aagianapon Aiotgngi cym- 

BAAGTn OY' nÄNY Tl CXOAAZONTA nOAAHN ATONTI CXOAHN; AU II5 p. 2 I 1 
Arn. OYAÄ TÖ ÖNGIAOC T09 ÖNeiAOYC MAAAÖN Tl BAPYNT^ON T09t' GKGI- 

noy: ibid. 134 oY kthngci kthnh aixa bIac gkönta gkovcin ghibäa- 
aontac mit umgedrehter Abfolge: or. xxxn 88 äaa" ömuc ö thc '"leÄ- 
khc nOAiTHc GnöpencGN aythn (thn tun Tpuun höain) ö thc mikpac 
KAI Xaöioy c*öapa oycan g'y'pyxupon. Resoufh'rs gehört hierher aucli 
bibanius, der reich an Beispielen ist. aus denen «'inige wenige ange- 
führt seien: or. xvu 17 (u p.213. 11 lYtrst.) ÄAGiÄNAPOY toy «ciAOY tg 

AYTÜ KAI OYK eUNTOC KAeGYAeiN , tOCnCP AH TINA CTPATHTÖN CTPATHrÖC 
ÄOH N aToC Ä6HN aToy. Or. XV 4 (n p. I 2 I , 17 F.) OYTCJ AH NIKHN NIKH 

cYNÄYGic TH AiA TÖN onAUN THN AHÖ THC HMepOTHTOc, beidemal die 
Undvchi' in der Abi'olge. or. x\ni iS_; (u p. 316, 13 F.) tö aIkaion hpgi 
AÖroic AoroYC kpinüjn AAHe^ci ygyagTc; ibid. 227 (p. 335, l 1 F.) tgT- 

XOC A^ etcO) TOY TGixOYC GXOYCA AGYTGPON , OJCt' gTnaI nÖAIN GN nÖAGI 

bpaxyt^pan gn mgizoni. Libanius ügpi tyxhc 42 (1 p. 105,3 ^^■) ^"''' 
AÖroic OS'K AN GTI nAPGAeoi aötoyc oy «aaaön re in noci noAAC toyc 
GMOYC ToTc eAYTo9: ibid. 83 (i p. 124, 9 F.) kai npÖTGPON noTG AÖroi 

AÖrUN HTTUNTO TUN OAP' GT^POIC Ol HAp' A^ToTc. Uud Cndlich 

auch Alciphron selbst, damit ich wenigstens nicht in den Schein 
geratlie, ihm fremdartiges aufz.unötliigen : n 2, 5 (iv 17) ii eKeiNOY 

To9 XPÖNOY oAnta moi TATAeÄ newnuN oy AiAAGAOineN, gcghtac, xpycia. ee- 
PAüAiNAC oGPAnoNTAC, 'Inaoyc InaAc. doppcltc Paaruug, aber mit 



\'aiii.i:n: Über zwei üriefe des Alci])lir()ii. 1011 

Umkelir. Nun h;it Meineke Menand. et Pliilein. (1823) S. loi, wo er 
die ohcu citi(Ml('ii Verse Menanders, jiher in andrer Rücksicht, be- 
sjiriclit,, den (iedanken geäussert, es sei nicht Inaoyc 'Inaäc, sondern 
den Nomina eePAnAiNAC eepÄnoNTAC entsprechend ""Inaac ■'Inaoyc zu setzen, 
und hat sowohl selbst diese Berichtigung in seinen Text des Alci- 
phron aufgenonnnen als auch die Naeiifolger, Hercher und Schepers, 
sie recipiert. Wir sehen aber, dass sie nicht richtig war, und Alci- 
phron, wie viele nndre, mit der Paarung die Reilienfolge der Ad- 
jective gewechselt hat. Von ihm unterlasse ich nicht auch anzu- 
führen die Worte n ^, \ (iv 18) erü ma tac "GAevciNiAC eeÄc, «Ä ta my- 

CTHPIA AYTüJN, A COI KAI eNANjiON eKeiNlüN WMOCA nOAAAKIC MÖNOC MÖNH, 

obwold sie nur zur Iliilfte hierlier gehören; ;il)er in «önoc monh be- 
weist er doch die in l)eiden alten 8i)rachen tief wurzelnde Neigung 
Gleichartiges und Kntgegengesetztes unmittelbar an einander zu rücken, 
aus welcher die andre Neigung von der doppelten Paarung des (ileich- 
artigen erwachsen ist. 

Dass ähnliches dem Latein nicht fremd sei, hat auch Wenkebach 
erinnert. Ein paar erlesene Beispiele seien erwähnt. Zierlich was 
Plautus schreibt Rud. 885 ctrdo alium in nliain hfluoiti Jinniincm ror- 
tlrr, oder im Stich. 765 stantem stanti sariu/ii (hirc (inilcuin nniicdc. 
Nicht minder was Horatius .mt. 11 6, 80 

rusticus urhanuiii murcm iiius pauperc frrtur 
nccrpissr nwo veter em cetus hospes amlmm. 
Aber auch Virgil nach derselben Figur ecl. 4, 55 

non ine, curinlnihu.s vlncet nee Thraeiua Orpheus 
nee Linus, huic mater quamvis ntque huie pater ailsil, 
Orphei Cnliiopea, Liii.o forinnms Apollo. 
Und besonders sprechend Ovid Fast, v 329 

consnl cum co/istile Ivdos 
Postu/iiio Laenas persoluere mihi. 
Aber auch in der Prosa, nicht bloss Cicero de nat. deor. i 19, 50 ul 
oinnia oninihus paribus paria respondeant, soiid(U'n auch Livius 
XXIX 26, 4 sed et bellum J)ello serundv in priori ut alroeius rideretnr. 
Ob vnid wieviel Gewinn unsre Anordnung im Alciphron aus dem 
aui'gewiesenen Gebrauch ziehen kann, mag dahingestellt bleiben. Ich 
möchte aber zum Schluss von diesem nocli eine; eigenthümliche Paarung 
besprechen, die, wenn sie auch etwas Ix'sondres liat, doch vielleicht 
noch nützlich werden kann lür meinen llerstellungs versuch. In dem 
Brief der Glycera an Menander n4 (iv 19) wird auf Anlass der Ehdadung 
des Königs Ptolemäus an Menander, nach Aegypten zu kommen, erzählt, 
wie bereits ganz Aegypten voll von Menander und ilin zu sehen und 
zu hören l^egierig sei: 6 kai AtrYnroc kai NeTadc kai FTpcüTewc äkputhpia 



j012 Sit/.iiiif; iler phil<is(i[iliiNcli-lii.sti)riscli(Mi flasse vom 2'J. October 19()S. 

KAI AI (^IaPIAI CKOniAl, HANTA MeTGtüPA NYN eCTI BOYAÖMeNA IAeTn MeNANAPON KAI 
AKOYCAl *IAAPrYPCi)N KAI e P W N T ü) N KAI A £ I C I A A 1 M Ö N U) N KAI AniCTUN KAI 
nATGPOJN KAI YIÜN KAI 6 £ P A n Ö N T Cü N KAI OANTÖC GNCKH NOB ATO YMENOY. DiC 

Hälfte dieser Aufzälilung dessen, was es vun Menander zu hören geben 
würde, von nAxepcoN bis eePAnÖNitoN, liat Scliepers eingeklammert (dfleti), 
a>is welchem Grunde ist mir nicht deutlich geworden, aber sicher, 
bin ich der Meinung, zu entschiedenem Nachtheil des Stiles und der 
Absicht des Briefes. Denn das erkennt man ja bald, dass diese 
Aufzählung dessen, was von Menander zu hören sei, nicht P.iue Reihe 
ausmacht, sondern in zwei Reihen sich theilt, von denen die erstere 
die Charakterismen aufzählt, die dargestellt werden, die zweite da- 
gegen die zu diesen Charakterismen gehörigen Personen: also 'zu hören, 
von geizigen, verliebten, aljergläidiischen, treulosen, Vätern, Söhnen, 
alten Weibern, Sclaven:' denn das hat Reiske richtig gesehen, dass, 
damit in der Reihe der Personen nicht die zu aeiciaaimönun gehörige 
A-ermisst werde, vor kai eePAnÖNTUN zu ergänzen sei kai tpaün. Alcipliron 
also, während er jedem Attribut die Personenbezeichnung hinzufügen 
und von geizigen Vätern, verliebten Söhnen, verschmitzten Sclaven 
U.S. w. reden konnte, hat es vorgezogen zu spalten, die Attribute zuerst 
für sich, dann (und diesmal in gleicher Abfolge) die Personen auf- 
ziu'eihen, und hat damit vmzweifelhaft einen wirksamem Ausdruck 
gewonnen. Dürfte man annehmen, dass kai vor hatepun in Folge eines 
Irrthums, der nur zu begreiflich wäre, eingefügt worden und zu be- 
seitigen sei, würde die Absicht der beiden Reihen, die man jetzt leiclit 
für Eine halten kann, deutlicher werden. An die specielle Aufzählung 
schliesst sich das zusammenlassende allgemeine kai hantoc enckhnobatoy- 
M£NOY und von allem, was auf die Bühne gebracht wird.' 

Über den Rest des Briefes sei nocli bemerkt, dass in dem Satz (3) 

OYAe MIÄNAI AYePU tag XgTpaC. AC H eÄAATTA £K HAIAÖC EIC AEYPO KA6APAC AAI- 

KHMÄTUN £*YAAi£N Cobct AAiKHMATUN bcscitigt wüuscht (ineViiis (ibprit sagt 
er), und zugeben muss man, dass es in diesem Zusammenhang nicht 
vermisst würde, aber aucli, dass der Zusatz, zumal in der allgemeinen 
Form (KAeAPAc äaikhmätü)n, rein von Freveln), das Gewicht des Gedankens 
zu heben geeignet war, und überdies ptlegt auch Plato zu kabapöc das 
gedachte Nomen liinzuzuiügen. der z. B. auch schreibt Nöm. ix 864e 

HAHN AN APA TINA AHOKTEINAC MH KASAPÖC H TAG XETpAC «ÖNGY. 



K. LoDK.s : Der " Norlicriflit" di-r ntliMiiasianiscIieii Feslbriofc. 101.) 



Die chronologischen Angaben des sog. ,yorberichts" 
zu den Festbriefen des Athanasius. 



Von Friedrich Loofs 

in Halle. 



1 Ir. KnüAKi) SciiWAKTz Ijjit in deni crstoii seiner überaus gelehrten Auf- 
sätze "Zur Geschichte des Athanasius« (Nachrichten der Kgl. (lesell- 
schaf't der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-liistorische Klasse 
1904 S.333 — 356) zwei dankenswerte Aufgaben zu lösen unternommen: 
er liat erstens (S. 334 — 344) die Frage zu beantworten gesucht, wie 
die "Jahre" zu A^erstehen seien, nach denen die einzelnen Ke<*>ÄAAiA des 
sog. >' VorljerichtS" zu den Festbriefen (h\s Athanasius gegeneinander 
al)gegrenzt sind, bzw. auf welch ein Jahr sich das »in diesem .Jahre« 
beziehe, mit dem fost stets die chronologischen Notizen eingeleitet 
werden, die in vielen der Ke<t>A/\AiA den Angaben über das Osterfest 
des betreffenden Jahres folgen: er lud zweitens (S. 344 — 356) die Liste 
der in den kg^äaaia luul in den L^berschriften der Festbriefe genannten 
Praefecti und Praesides von Ägypten einer neuen sorgfältigen Unter- 
suchung unterzogen.' Die erstere Frage scheint mir erneuter Prüfung 
bedürftig zu sein. 

Laesow, der trotz aller Mängel seines Buches verdiente deutsche 
Übersetzer der 1848 von Cuheton herausgegebenen syrischen »Fest- 
briefe des Heiligen Athanasius« (Leipzig und Göttingen 1852), hat die 
Frage, auf welchen Zeiti-aum im p]ingang der Ke<t>AAAiA das »im fol- 
genden Jahre« untl im Texte das »in diesem Jahre« sieh beziehe, 
gar nicht aufgeworfen; er fügt seiner Übersetzung des »Vorberichts« 
nirgends Zahlen unserer Zeitrechnung ein. Sein mathematischer Mit- 
arbeiter Galm: (vgl. Larsow S. 47 ft".) bezog die stereotype Einführungs- 
formel durchgängig auf das Diokletianische Jahr, in das der an- 
gegebene Ostertag fiel (vgl. xvui 346 S. 50, xxx 35S S. 5 i und xxxix 
367 S. 52). Nur bei den Jahren 336 (vm) und 338 (x) meinte er 
(S. 49), es sei hier von dem vorangegangenen Ostern bis zu dem an- 
gegebenen gerechnet. Durch Galles Umrechnungen hat Laesow in 
leichtfertiger Weise sich bestimmen lassen, wenn er, die parallelen 



t^ 



1014 Sitzung der ])liilosoiil]i,sch-lii.stürischen ('lasse vom "2"J. Octoljer 1908. 

Berichte der sog. Historie! arcphaln abtlruckeiid, den Kousulatsjaliren 
derselben das Jahr unserer Zeitrechnung beiiügte: ohne die Fasti ein- 
zusehen, folgte er den für die Ke<t>ÄAAiA der Festbriefe gegebenen Be- 
rechnungen seines Mitarbeiters auch da. wo die Konsulatsangaben 
der Historia diese Berechnungen ins Unrecht setzten: 24 Paophi roA«. 
Constantio IV rt Cnnstante 11 1 = 21. Oktober 345 (statt 346; S. 32 
Anm. 3, vgl. Galle S. 50 zu xvui); 1 Thoth consukttu Talidiii ei Cermlis 
:= 29. August 357 (statt 358; S. 37 Zeile 3, vgl. (talle S. 5 i zu xxx). 

Sorgfältiger ging Ct. R. Sievees (gest. 10. xn. 1866) in seiner vortrelT- 
lichen Arbeit über die Historia acephala (Zeitschrift für die histor. Theo- 
logie xxxvni. 1 868 S. 89 — 162) vor. Er erörterte ausdrücklich die Frage, 
auf welches Jahr die Notizen der kecoäaaia zu l)eziehen seien (§ 5 S. 96 ft".). 
In der Regel, so meinte er, sei das Jahr gemeint, das mit dem Ostern 
des laufenden Jahres, d. h. mit dem in dem kg^äaaion angegebenen 
Ostern, lieginne und mit dem Ostern des nächsten Jahres schließe. 
Doch sei dies nicht immer der Fall. Denn oflenbar sei — so nahm 
auch schon Galle (S. 49) an — in den kg-oäaaia für 336 (vni) und 33S (x) 
von Ostern 335 bis 336, bzw. 337 bis 338, also vom Ostern des voran- 
gehenden Jahres bis zu dem im kg^aaaion verzeichneten Ostern, ge- 
rechnet. Auch die imrichtige Angabe über die — am 15. März 351 
vollzogene — Ernennung des Gallus zum Cäsar in Nr. xxiv (zu Ostern 352) 
erkläre sich so.' Eine andere falsche Jahresangabe — in Nr. m (331) — 
führte SiEVEKs auf einen künstlich erklärten «Fehlgrift'« des Verfassers 
der KetÄAAiA zurück: und daß zum Jahre 363 (xxxa') nicht nur Julians 
Tod (26. Juni 363) und die Abreise des Athanasius zu Jovian (am 
6. September 363), sondern auch die Verbannung des Athanasius unter 
Jidian (am 24. Oktober 362) gebucht wird, glaubte Sieveus daraus ver- 
stehen zu können, daß der Verfasser der kg^Aaaia Zusammengehöriges 
habe zusanunenstellen wollen. 

Auf diese Weise erhielt Sn:vEKS zwar annehmbare chronologische 
Angaben. Aber wer mag glauben, daß der Verfa.sser der Ke<i>ÄAAiA das 
Osterfest, dessen Termin er buchte, bald als Ausgangsj^unkt, bald als 
Endpunkt des »Jahres«, mit dem errechnete, angesehen habe! Diese 
Annahme würde all seine Angaben, die nicht sonst kontrollierbar sind, 
unsicher machen 1 — Daß der Verfasser der kg^äaaia mit seinem »in 
diesem Jahre« stets ein in der gleichen Weise abgegrenztes Jahr im 
Auge hatte: das uuiß Jedenfalls angenommen werden, auch wenn bei 



' Diu .Saclie stiiniiit ricillch auch so nocli iiii-lit. Denn dci- 15. 3I;u/,35i fiilk 
vor die Zuit /vvisclicii Ostern 351 (31. Miiiz) und Ostern 352. Sievkrs hat liiei- wohl 
an^e«andt. was er S. 97 für njöglich hält, daß »von Ostern o d er K p ip h a n i as« de.s 
voran!;eijatm;e[ien .lalues ^ci-eclinet sei. .\Iier dann fiele das in dem Ke*ÄAAiON verzeiehnete 
Ostern nicht in ihis Jalir. dessen Ostern es sein soll! 



F. LooFs: Der »\'orl)erielit« dei- athanasiaiiischeu Festhriefe. 1015 

dieser Annalime Fehlgriffe uiul Irrtümer in den chronologischen An- 
gaben der Ke*ÄAAiA offenbar werden sollten. — Ebenso zweifellos ist. daß 
der Verfasser der Ke*ÄAAiA das Osterfest, dessen Termin er angibt, weder 
als Ausgangspunkt seines «Jahres«, noch als Endpunkt desselben an- 
gesehen hat. Ersteres kann schon deshalb nicht angenommen werden, 
weil die chronologischen Notizen der ke^Aaaia zunächst den Zweck 
liaben, anzugeben, wie es mit dem Festbriefe des Jahres steht, von 
dessen Ostertermin im Ke*ÄAAiON die Rede ist, d. h. ob Atlianasius ilin 
sclireiben konnte, oder nicht. Bei niclit weniger als genau der Hälfte 
der 46 Jahre, deren Ostertermin der »Vorbericht" angibt, ist des Fest- 
briefes für dies Jahr Erwähnung getan: bei 328 (in i), 329 (i), 331 (ni), 
336 (vin), 337 (ix); — 340 (xu), 341 (xm), 342 (xiv), 343 (xv), 344 
(xvi); ^- 345 (xvn), 346 (xvui), 347 (xix), 348 (xx), 349 (xxi); — 357 
(xxix), 358 (xxx), 359 (xxxi), 360 (xxxn). 362 (xxxiv): — 363 (xxxv), 
364 (xxxvi), 367 (xxxix). Der Festbrief aber vvurde pcrado Epiplunäo- 
rum die (Cassian, coli. 10, 2, i), also gleich nach dem 6. Januar, ver- 
sandt. Der dem angegebenen Osterfest vorangehende Januar muß 
also innerhalb des Jahres liegen, auf das die chronologischen Notizen 
der Ke*AAAiA sich beziehen. Die zweite Annahme — die x\nnahme, 
daß der Verfasser der Ke*ÄAAiA das Ostern, dessen Termin er angibt, 
als den Endpiuikt seines »Jahres« angeselien habe, — wird dieser 
Forderung gerecht. Das »Jahr« dei' Ke>t>ÄAAiA liefe dann vom Püngst- 
fest des letztvergangenen Jahres (exklusive) bis zu dem Pfingstfest (in- 
klusive) des Jahres, dessen Ostertermin angekündigt wird. Demi alle 
ganz erlialtenen längeren Festbriefe — nur die kurzen Billets xvn und 
xvni machen eine leicht erklärliche Ausnahme — rechnen der alt- 
kirchlichen Anschauung gemäß die sieben Wochen bis zum Pfingstfest 
ausdrücklich mit zu »Ostern« hinzu. An sich wäre diese Art der Jalires- 
berechnvmg auch durchaus nicIit unwahrscheinlich. Denn in den Fest- 
briefen xvn imd xvni. in denen Atlianasius unter den abnormen Ver- 
hältnissen seines Exils die Ostertennine für 345 vuid 346 schon wäh- 
rend der Osterzeit der Jahre 344 und 345 anzeigt, kann man den 
Eindruck gewinnen, als sei im Hinblick auf die Osterbereclniung für 
Atlianasius das »Jalir« zu Ende, wenn die angezeigten F'esttage ge- 
feiert worden sind. Und die letzte Angabe des Vorberichts: »als dies 
Jahr (373) zu Ende ging, schied er (Atlianasius) in bewunderns- 
werter Weise aus dem Leben«, gewinnt, meine ich, nur von hieraus 
Sinn. Denn daß der Todestag des Atlianasius, der 7. Pachon (2. "Shn). 
hier der Zeit zugewiesen werde, in der das ägyptische Jahr »zu 
Ende ging«, weil der Pachon als der neunte Monat in den letzten 
Teil des ägyjitischen Jahres fiüle (Schwartz S. 339), — das ist doch 
wenig \valirscheinlich! Wer unter uns wird von einem Ereignis des 



1016 SitzuriR der philosophisch-historischen Classe vom ■22. Octolier 1908. 

4. September — der 4. September ist von vmserm Jahresende gleich weit 
entfernt als der 7. Pachon 373 vom Ende des Jahres 89 der Aera Üio- 
cletiana — sagen, daß es »E]nde des Jahres« passiert sei! Erklärlidi 
aber ist der Ausdruck des kg^äamon xlv, wenn man bedenkt, daß das 
Osterfest des Jahres 373 »zu Ende ging«, als Athanasius acht Tage 
vor Himmelfahrt dieses Jahres starb. Dennoch hat der Verfasser des 
Vorberichts sein Jahr sonst nicht vom vorigen bis ztim angezeigten 
PHngsten gerechnet: die Angaben für 328, 329 (i), 355 (xxvn), 358 
(xxx), 361 (xxxni), 365 (xxxvn), 366(xxxvni), 367(xxxix) und37o(xui) 
passen nicht zu dieser Annahme; und ausdrücklich heißt es zum Jahre 
329(1), daß Athanasius »im vorhergehenden Jahre« zum Piscliof 
geweiht worden sei, obwohl seine Weihe am Sonnabend nach Pfingsten 
stattfand. 

Es ist dalier sehr richtig, daß Hr. Schwartz das »Jahr« des Re- 
daktors der KeoÄAAiA wesentlich anders als Sievees zu bestimmen ver- 
sucht. Er fragt nur. ob das römische, oder das ägyptische Jahr gemeint 
sei. Daß in nicht wenigen Fällen das Konsulatsjahr das maßgebende 
sei, sei nicht zu leugnen (S. 340) — bei den Kect>AAAiA xvin (346), xxxm 
(361), 365 (xxxvn) und 367 (xxxix) wird dies ausdrücklich festgestellt 
(S. 342 f. und 344) — ; mehrfach stimme auch, weil der Redaktor der 
Ke*AAAiA »die zusammenhängende Erzählung der von ihm benutzten 
Chronik nicht richtig in annalistische Abschnitte zerlegt habe«, weder 
das römische, noch das ägyptische Jahr (S. 340). Dennoch ist Hr. 
Schwartz oftenbar der Meinung, daß, solange nicht eine andre Rech- 
nung indiziert sei, mit dem ägyjitischen Jahre gerechnet werden müsse. 
Er tadelt es deshalb, daß man allgemein die Notiz über die Synode 
von Sardica auf 343 bezogen habe: »vorsichtiger wäre es gewesen, 
342/3 anzusetzen« (S. 34 1 ). Die üründe, die Hrn. Schwartz bestimmen, 
sind 1. daß am Anfang, in den kgoAaaia zu 328 und 329. das 44. und 
das 45. Jahr Diokletians ausdrücklich notiert werden (S. 339), 2. daß 
in mehreren kg^äaaia (369. 370. 373. 358) unzweifelhaft das ägyptische 
Jahr die Grundlage der Rechnung bilde (S. 339 und 342) und 3. daß 
den mannigfach irrigen Angaben zu den Jahren 336 und 338 doch ein 
Rechnen mit dem ägyptischen Jahre zugrunde lie,i>e (S. 341 : vgl. 340). 

Der erstgenannte Umstand ist unbestreitbar, aber auch irrelevant. 
Denn auch die Kons idn sind zu den Jahren 328 und 329 angegeben. 
Ja, daß nur die Konsulliste weitergeführt wird, nicht auch, wie in 
den Überschriften der Festbriefe selbst, die Reihe der Diokletianischen 
Jahre, spricht mehr gegen die Annahme, daß das Jahr der kg-kAama 
(las Diokletianische sei, als für sie. 

Bei dem zweiten und dritten Argument muß zunächst gefragt 
werden, was mit dem »zugrunde liegen« oder »Grundlage bilden« der 



F. LooFs: Der "N'orbericht« der iithanasianisclien Festbriefe. 101 < 

ägyptischen Zeitrechnung gemeint sein soll. Soll damit gesagt sein, 
(Inß die Ephemeriden, die der Verfasser der Keo>AAAiA direkt oder in- 
direkt benutzte, nach ägyptisclien Jahren angeordnet Avaren? Das würde 
ich nicht bestreiten. Denn zweifellos wird man eine mit dem «ägypti- 
schen Jahre rechnende Quelle annehmen müssen bei den Einträgen zu 
den Jahren 369 und 370 (xli und xi.n): "der Papas begann . . . die 
. . . Kirche zu bauen am 2 5 . Thoth (22. September), als das 8 5 . Jahr nach 
Diokletian begann« imd: der »Papas vollendete die . . .Kirche, als zum 
Abschluß kam das 86. -lahr nach Diokletian, in welchem er auch die 
Kin weihung vollzog, am 1 4 . Mesori >< (d.i. 7. August): und einer ana- 
log<Mi Annahme inbezug auf andre Einträge zu widersprechen, liegt 
gar kein Grund vor. Allein, was beweist eine solche Annahme für 
den Verfasser der kg-oaaaia, der seine Jahre, von den beiden ersten 
abgesehen, nicht mit den Zahlen der Diokletianischen Ära, sondern 
nach Konsuln bezeichnete? Wie er selbst gerechnet hat, das ist die 
entscheidende Frage. Seine Rechnung kann anders seiu, als die sehier 
(i)uelle. Ja, daß er bei den Jahren 369 und 370 nicht lediglich sagt: 
»als das . . . Jahr begann« oder: »als es endete«, sondern daß er aus- 
drücklich erkennbar macht, es handle sich hier um Jalir(> der Dio- 
kletianischen Ära: das spricht eher gegen durchgängigen Anschluß 
an diese Ära als dafür. Wenigstens gilt das von dem Eintrage zum 
Jahre 370 (xlu), der richtig bleibt, auch wenn man mit dem Konsulats- 
jalir rechnet. Anders steht es bei der liistorischen Notiz im Ke<j>ÄAAioN 
XU (369): der 25. Tlioth des Jahres 85 nach Diokletian fällt nicht in 
das Konsulatsjahr 369, sondern ins Jahr 368. Entweder steht also 
dieser Eintrag an falscher Stelle, oder er ist ein Beweis dafür, daß 
der Vertasser der Ke*ÄAAiA nach ägyptischen Jahren gerechnet hat. Die 
erstere Alternative ist nicht Iieispiellos (vgl. über Nr. m, 331, unten 
S. 1020); und daß Notizen, die auf das 85. und 86. Jahr Diokletians 
sich beziehen, irrig auch zwei aufeinander i'olgenden Konsulatsjahren 
zugewiesen sind, ist begreiflich. Man wird sich deshalb für die An- 
nahme entscheiden müssen, daß die historische Notiz in Nr. xi,i irr- 
tümlich zum Ke*ÄAAioN XM (anstatt zu Nr. xl) gesetzt ist, — wenn für die 
Ivechnung nach Jahren Diokletians kein weiteres Beispiel gegeben 
werden kann. Es gibt aber keins. Denn daß der Eintrag zum Jahre 
373 durch Rekurs auf die ägyptische Jahresrechnung nicht A^erständ- 
lich wird, ist schon oben (S. 1015) gesagt. Und bei seiner Verwertung 
des Ke<t>ÄAAiON xxx (358) ist Hr. Schwartz anscheinend ein Opfer der 
von ihm so scharf getadelten Unzuverlässigkeit L.\rso\vs geworden. 
Es wird in diesem Ke<j>ÄAAioN gebucht, daß der (legenbischof Ueorg, 
von den Volksmassen vertrieben, am 5. Paophi (2. Oktober) Alexandria 
verlassen lial)e. Hr. Schwaktz schreibt nun S. 342: »Nach der Historia 



1018 Sitzung der [)liiloso])liisch-liisl(ii-i,schen Classe vom 22. Octolicr 190S. 

[acephala] wurde Georg am 5. Phaophi consulatu Tatiard et Cnrnlts (357) 
vertrieben; nur l)ei ägyptischer Ivechmmg ist das Datum des kg^äaaion 
richtig. i< Allein nur die Flüchtigkeit Laksows (S. 37), dem Hr. SciiWAinz 
hier oftenhar gefolgt ist, sielit das Konsulatsjalir des Datianus und 
Gerealis in dem Jahre 357 unserer Zeitrechnung (vgl. oben S. 10 14): 
die Konsuln weisen auf" 3 58. Also nur bei Rechnung nach dem Kon- 
sulatsjahr ist die Angabe des ke^äamon richtig. 

Auch die Einträge bei Nr.vni (336) und Nr. x (338) können niciit 
beweisen, dass der Verfasser der Ke<j>ÄAAiA nach ägyptischen Jahren 
rechnet. Denn in ihrer Gesamtheit stimmen die Einträge zu diesen 
Jahren mit unserni anders bedingten sichern Wissen weder bei römi- 
scher, nocli bei ägyptischer Jahresrechnung überein: rechnet man mit 
dem Konsulatsjalir, so sind in Nr. vui alle notierten Ereignisse, in Nr. x 
alle mit einer Ausnahme — der Anwesenheit des Antonius in Alex- 
andria, die wirklich ins Jahr 338 gehört', — um ein Jahr zu spät an- 
gesetzt; rechnet man mit dem ägyptischen Jahre, so ist in beiden 
KGoÄAAiA nur der erste Ilintrag in gleicher Weise irrig, das zweite und 
dritte Datum beider Ke*ÄAAiA aber sind richtig. Man kann vielleicht 
auch diesen Tatbestand als einen Beweis dafür ansehen, daß die 
Quelle des Verfassers der kg^aaaia nach ägyptischen Jahren rechnete. 
Aber für die Erkenntnis der eigenen Rechnung des Verfassers ist 
damit meines Erachtens nichts gewonnen. Denn die Irrtümer der 
KGOAAAiA aus falscher Eiiu-eihung der in der Quelle ägyptisch datierten 
Ereignisse herzuleiten, wie llr. Sciiwaktz es tun zu wollen scheint, 
ist deshalb künstlich, weil eine andere Erklärung näher liegt. Für 336 
war zu erklären, daß kein Festbrief vorlag; für 338 aber bot die 
Sammlung einen. Deshalb ist bei 336 die Abreise des Athanasius zur 
Synode von Tyrus im Sommer 335 und der Ausgang der Gescliichte, 
seine Verl)annung nach Gallien im Herbst 335, deshalb ist zu 338 der 
Tod Konstantins und die Rückberufung des Athanasius, die ihm folgte, 
erzählt worden. In Nr.vni (336) bleibt diese Eintragung unmißver- 
ständlich, weil das »deshalb schrieb er keinen Festbrief« allen Angaben 
folgt. Bei Ke*ÄAAioN x (338) entsteht Verwirrung, weil hier auch ein 
Eintrag für die Zeit nach Ostern 338 — die Anwesenheit des Antonius 
in Alexandria — zu buclien war. Aber der Umstand, daß die Notiz 
über dies letztere Ereignis vom Juli [338] mit einem neuen »in diesem 
Jahre« dem Hinweis auf Konstantins Tod am 22. Mai [337] und die 
Rückkehr des Athanasius am 23. November [337] folgt, und die so 
geschaftene wunderliche Monatsfolge — Pachon (Mai), Athyr (Novem- 

' Atliiinnsiiis weilte in Alexandriii. als Antoniiis Alexnndria wrließ (vita Ant. Ji); 
(l,-i Athanasius alirr eist am 23. Nov. 337 zni'ückUehrte. kann der Tajf dci- .Mireise des 
Antonius, dei- ;. ]\Irsciri. nur dei' 27. .Inli ;s8 Jiewe.sen sein. 



F. LooFs: Dei- »X'oilierk'ht« der atlianasianischeii Fcslbriefe. 1019 

ber), Mesori (-luli) — läßt auch hier noch die Genesis der Verwirrung- 
erkennen. Nicht einem Anschhiß .'ui die ägyptische Jahresrechnung- 
der Quelle entspringt sie, sondern dem Bestreben, i. klar zu maclien, 
daß Atlianasius Epiplianias 338 wieder in Alexandria war, also den 
vorhandenen Festbrief schreiben konnte'; 2. von dem «vielen«, was 
sonst noch "in diesem Jahre« geschah, den Besuch des Antonius zu 
erwähnen. Für die Frage, ob der Verfasser der Ke*AAAiA seine »Jahre« 
nach dem römischen, oder nach dem ägyptischen Kalender abgrenzte, 
ist weder aus Ke*. vni, noch aus x etwas zu lernen. Denn bei vni 
wollen alle Einträge, bei x die beiden ersten nichts weiter als das 
Fehlen oder Vorliandensein des Festbriefes erklären, der Epiplianias 
dieses Jahres — des römisclicn wie des ägyptischen — fällig war; 
und der dritte Eintrag in x bezieht sich auf ein Ereignis (das Ver- 
weilen des Antonius in Alexandria), das ebenso sowohl dem in Kede 
stehenden Jahr Diokletians als dem angegebenen Konsulatsjahre an- 
gehört. 

Dennoch ist eine Entscheidung der Frage, ob der Verfa.sser des 
»Vorberichts« nach römisclien, oder nach ägyptischen Jahren gereclniet 
hat, meines Erachtens möglich. 

Von den 46 Jahren, deren Ostertennin im »Vorbericht« angegeben 
ist, haben sechs (^22^ 335. 35 1> 354> 37 1. 372) ein keoäaaion, das 
neben den Angaben über den Termin des Osterfestes usw. schlechter- 
dings keinen weiteren Eintrag bietet. Bei 26 Jahren (328, 32g, 330, 332, 
334; — 339, 340= 34J> 342, 344: — 345, 347, 348, 349, 350; — 
353, 356, 357, 359, 360; — 362, 364, 366, 368, 370; — 373) sind 
die kürzeren oder längeren, teils sehr allgemeinen, teils sehr speziellen 
chronologischen Notizen, die dem betrefl'enden kgoAaaion eingefügt sind, 
unanfechtbar, gleichviel ob nach römischen oder nach ägyptischen 
Jahren gerechnet wird". Nur die übrigen 14 keoäaaia können eventuell 
für die Entscheidung der Frage in Betracht kommen. Aber auch 
von diesen sind sechs auszuscheiden. Eines — Nr. xv (343) — , weil 
die Zeit der Synode von Sardica, auf wclclie die historische Notiz 
dieses ke^aaaion sich bezieht, zur Zeit strittig ist'', fünf andre — ni (331), 



' Daß der Festlirief l'iir 33S wieder in Alexandria gescln'ielieii ist, macht i\ey 
Schluß der ep. fest, x (§10 — 12 der Ans;;ahe JMais) -/.weifeUos. Ob der Anlaiiy; (§1 
u. 2) ein schon in Trier p;e.schriebener Teil desselben Briefes ist, oder ein Frnj;nient 
des 9.. das wap;e ich /m- Zeit nicht zu entsclieiden. 

^ tlber t!en Fintia^j; bei xi-v (373) vgl. das oben S. 1015 Gesaf;te. Der Hinweis 
auf den Ablauf des Festkalenders dieses Jahres ist gegen die Frage, ob S(uist nach 
lüuiischen, oder nach ägyptischen .lahren gerechnet ist, neutral. 

'^ Hr. .ScHWARiz setzt die .Sj-node in den Herbst 342 (.S. 341). Daiui wäre hier 
nach dein iigyjitischen .l,ilii<" gerechnet. Aber ich bin überzeugt, daß die bisher all- 
gemein rezipierte Datieiung der .'^ynode auf Herlist 343 das Feld behaupten wird. 
Schon das Auseinaiidergelien dei' alexandriiiisclien und römischen Osterl'eier zu Ostern 

Sitzunssbericlitc lOOS. OU 



1020 Sitzung der jiliilosopliisch-histovischen Classe vom 22. Octolicr 1908. 

viu (336), IX (337), X (338) Tind XXIV (352) — , weil ilire chronologischen 
Notizen weder bei römischer, iiocli bei jigyptischer Berechnung des 
Jahres richtig sind. Auch wenn man bei den letztgenannten fünf 
Ke-tÄAAiA der Genesis der Fehler nachgeht, bleiben sie für die Ent- 
scheidung der uns beschäftigenden Frage unergiebig. In bezug auf 
Nr. viii (336) und x (338) ist das schon oben (S. 1018) gezeigt. Bei 
XXIV (352, Konsulatsjahr des Constantius Cäsar, d. i. des Grallus) ist ge- 
bucht, daß Gallus, zum Cäsar ausgerufen. «Constantius« umgenannt sei. 
Die Erhebung des Gallus zum Cäsar (am 15. März 351) fällt weder in das 
Konsulatsjahr 352, noch in das Diokletianische Jahr 68, das Zwei- 
drittel des Jahres 352 ausfüllt. Aber Ilr. Schwaktz hat mit Eecht be- 
merkt. (S. 342), die Notiz sei wahrscheinlich nur eine Glosse zu dem 
Namen des Konsuls. Das ke^äaaion xxiv zählt dann ebensowenig mit 
als die, welche gar nichts berichten. Im Ke*AAAioN ix (337) ist die 
Notiz: «in diesem Jahre lebte Athanasius in Trier in Gallien, weshalb 
er keinen Festbrief schreiben konnte« freilich bei römischer wie bei 
ägyptischer Rechnung ungenau, denn schon am 17. Juni 337 ward 
Athanasius aus Trier entlassen {ep. Const. bei Athanasius apol. c. Ar. 
87 p. 405 C). Aber der Verfasser des ke^äaaion hat ofi'enbar hier 
weder an das mit dem 28. August 337 endende 53. Jahr Diokletians, 
noch an das römische Jahr, sondern nur daran gedacht, daß Athanasius 
in der Zeit, da der Festbrief tallig war, in Trier weilte. Dies Ke<t>ÄAAiON 
gehört also faktiscli zu denen, die bei römischer wie bei alexandri- 
nischer Rechnung gleich verständlich sind. Die Notizen im kgoäaaion 
von 331 endlich sind, wie schon Sieveks (S. 97) bemerkt und Hr. 
ScnwARTZ (S. 344) mit Recht klar gesagt hat, einfach zu einem falschen 
Jahre gesetzt: sie gehören zu 332. Dort würden sie zu römischer 
wie zu ägyptischer Jahresrechnung passen. 

Die Entscheidung muß also bei den acht andern der oben S. 10 19 
genannten 14 Ke<fÄAAiA erfolgen. Nur eines von ihnen (xli 369) bringt eine 
Notiz, die nur bei ägyptischer Jahresrechmnig an richtiger Stelle steht. 
Aber es ist schon oben S. lOi 7 gezeigt, daß hier wahrscheinlich ebenso 
wie bei 331 die Notiz zum falschen Jahre gesetzt ist: sie gehört zum 
Konsulatsjahr 368. Man würde das nicht annehmen können, sprächen 

343 (vgl. E. ScHWARiz, Jüdische und cliristliehe Ostertafeln, Abhandlungen der Köiiigl. 
GeselKschalt der Wissenschaften zu GiUtingen viii. 1905, Ni-. 6. S. 48) macht, dn man 
in Sardica über die Feier des Ostei'festes sich verständigte (kg*, xv, Festbrief 18), die 
.\nsetzimg des Hrn. Schwär iz unmöglich. Ich gedeidvc, an andi-ei- Stelle (in den Theol. 
Studien und Ki-itiken) auf diese Frage zurückzukommen. Fällt die Synode von Sar- 
pica in den Herbst 343, so ist im Ke*. xv nach dem Konsulatsjahr gerechnet. Zur 
Argumentation eignet sich das Ke4>ÄAAiON aber auch dann nicht, weil die Jahreszeit 
der Synode nicht siclier z)i bestinunen ist, ihr Zusannnentritt noch vor Ende des 
Jahi'es 59 der Aera Diocletiana, d. h. vor dem 29. August 343, ei'folgt sein könnte. 



F. LooFs: Der »\'oi'l)criclit" der athanasianisclien Festbriefe. 1021 

lüclit die elironologisclien Notizen in den sieben andern kg-daama dcut- 
licJi für die Reclmnng nach Konsulatsjahren : 

346: Atlianasins' Rückkehr am 21. Oktober fällt in das Konsulatsjahr 
346, aber nicht in das am 28. August 346 endende 62. Jahr Dio- 
kletians. .So auch vScHWARTZ S. 342. 
355: Die hier erwähnte Tätigkeit des Notars Diogenes in Alexandria 
begann zwar nach der Ilistoria acepJiala schon im August, also 
noch gegen Ende des ägy2)tischen Jahres 71, aber sie hatte ihren 
llöliepunkt im September und endete mit dem in dem ke^aamon 
erwähnten Abzüge des Diogenes erst im Dezember, also im 7 2 . Jahre 
Diokletians. 
35 S: Der Gegenbischof Georg wurde am 2. Oktober, also nach dem 

ägyptischen Jahresende, vertrieben (vgl. oben S. 1018). 
361 : Constantius starb am 3. November, nacli dem ägyptischen Jahres- 
ende; es ist also nacli dem Konsulatsjahr datiert (Schwartz S.342). 
363 : Hier weist zwar der erste Eintrag über die Verbannung des Atlia- 
nasins am 24. Oktober 362 über das Konsulatsjahr 363 zurück, 
während er innerhalb des 79. Jahres der Aera Diocletiana bleibt. 
Aber der Verfasser des kgoAaaion greift nur deshalb zurück, weil 
er die Abwesenheit des Athanasius von Alexandria um Epiphanias 
363 erklären will. »Die folgenden Notizen gehören sämtlicli ins 
Konsulat.sjahr 363, und die letzte greift über das alexandrinische 
Jalir 362/3 hinaus« (vSchwartz S. 343). 
365 : Die Flucht des Athanasius, das älteste der hier erwähnten Er- 
eignisse, erfolgte am 5. Oktober; »das Konsulatsjahr liegt also zu- 
grunde« (Schwartz S. 343). 
367: Was hier A'on den Taten des Lucius seit dem 26. Thoth (24. Sep- 
tember) erzählt wird, gehört nach der Ilistoria acephala ins Jahr 
367; »es kann also nur nach dem Konsulatsjahr gerechnet sein« 
(Schwartz S. 344). 

Man wird nach diesen statistischen Nachweisungen mit Zuversicht 
behaupten können, daß der Verfasser des »Vorberichts« der athana- 
sianischen Festbriefe bei seinen »Jahren« die Konsvüatsjahre im Auge 
gehallt hat. 

Dies Resultat kann noch durch die Erwägung gesichert werden, 
daß diese Art der Jahresrechnung am besten zu dem Zweck paßte, 
den der Verfasser der kg-cAama zunächst bei seinen chronologischen 
Notizen im Auge hatte. Der Ausgangspunkt seiner geschichtlichen Er- 
wägungen, die Frage, ob Athanasius in der Zeit des Epiphaniasfestes 
den Festbrief schreiben konnte, ließ seinen Blick jedesmal bis fast 
genau zu dem Antang des Konsulatsjahres zurückgleiten, dessen Oster- 
termin er A^erzeichnete. Man würde, auch wenn die Konsulate nicht 



1022 Sitziinn iler ]iliilosoj)liiscli-lii.slorischen Classe vom ■22. üctoher 1908. 

angegeben wären, lediglich aus innern Gründen es für wahrschein- 
lich halten müssen, daß dem Verfasser des Vürberichts das »Jahr«, 
uncli dem er seine kg^aaaia abgrenzte, etwa Anfang Januar begann. 
Stellt das fest, und Ix'liält man stets das Hauptinteresse des Ver- 
fassers der Ke*ÄAAiA im Auge, das Fehlen oder Vorliandenseiu eines 
Festbriefes für das betreflende Jahr zu crlclären, so sind die chrono- 
logischen Notizen des Vorberichts durchaus eindeutig. Und nicht nur 
eindeutig sind sie, sondern auch verläßlich. Abgesehen von den irrigen 
— richtiger «a^ erstellten« — Einträgen in ni (331 ; vgl. oben S. 1020) 
und xi.i (369; vgl. oben S. 1017), sind nur scheinbare Irrtümer zu 
honstatieren; denn diese scheinbaren »Irrtümer« verlieren den Schein 
des Irrigen, sobald man bedenkt, daß der Verfasser der Ke<t>ÄAAiA ge- 
legentlich über den Anfang sehies »Jahres«, d. h. des Konsulatsjahres, 
zurückgreifen mußte, um zu erklären, daß Athanasius in den ersten 
Tagen dieses Jahres einen Festbrief nicht schreiben konnte, oder wieder 
dazu imstande war. 



Au.si;eget)en nm '2'.L dctuber. 



Hi'ilili. l(^"'l'>"'*'* '" •'*■' Kfichsdrui-kci-ei. 



\ 




[SHSeSESHSESHSHSESHSSSHSESESESESHSHSHSHSHSaSHSESSSBHHSaS 



XLII. 



SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



Grsaiiinitsit/iiii£^ am "29. Octobor. (S. 1023) 

To3lek: Mon ch'ri, Anrede an weibliche Person. (S. 1026) 

Toeusr: Miilyre gu'il en ait. (S. 1030) 

Adresse an Hrn. Georo Qui.ntke 7.uni fünfzigjährigen Doctorjubiläuni am 7. August 1908. (S. 10.34) 

Adresse an Hrn. Rudolf Fittig zum fünfzigjälu'igen Doctorjubiläuni am 9. October 1908. (S. 1037) 



BERLIN 1908. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 






% Jt. 



Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 






Aus § 1. 

Die Akademie gibt g'emäss § 41, 1 der Statuten zwei 
tortlaufemie Vei'ötffntiicluin<;en heraus: •Sitzungsberichte 
der Knin\'-lich Pieiissisclieii Akailemie der Wissenschaften« 
und " Abhan<llun«'en der Königlich Preussischen Akadeinie 
der Wissenschaften«. 

Aus § 2. 

Jede zur Aufnalime in die »Sitzungsbenciite« oder die 
■ Abhandlungen« bestimmte Mitthrilung mnss In einer aka- 
demischen Sitzims; vorgelegt werden, wobei in <ler Regel 
das druekfcrtige Manuscript zugleich einzuliefern ist. Nicht- 
mitgliedcr haben hierzu die Yermiitelurig eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 

§3. 

Der Umfang einer aufzunehmenden MittheiUmg soll 
in der Regel in den Sitzungsberichten bei iMitgliedern 32, 
bei Niehtmitglieilern 10 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsberichte, in ilen Abhandluni^cfi TJ Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewölinlichen Schrift der Abhand- 
lungen niebt übersteigen. 

Überschreitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesauimt-Akademie oder <lcr betreÖVnilen Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilting ausilrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
mutlien, dass diese Zustimmung crfonlerlich sein werde, 
so hat das vorlegende Miiglic<l es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen muthmassliehen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 
§ 4. 

Sollen einer IMittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen. photngr:iphische Original- 
aufnahmcn u. s. w.) »leichzeitig mit dem Manuscript, jedoch 
auf getrermten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann tue Akailemie dazu eine Bewilligung beschliessen. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Uerstellung der be- 
treffenden Voi lagen mit dem schriftlichen Kostenanschläge 
eines Sachverstäncligen an den Vorsitzenden Sccretar zu 
richten, dann zunfichst im Secretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesammt-Akademie zu verhandeln. 

Die Kosten der Verviellaltigung übernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Utlhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht nm wenige einfache Texlfiguren 
handelt — der Kostenanschlag eines Sachverständigen 
beizufiigen. Ubcrsclu'eitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorherathunp 
durch das Secretariat geboten. 
Aus § 5. 

Nach der X"" o r 1 e ^ u n g und E i u r e i c h u n g des 
yolls(ämli2.*eu driu-krt'rtio'Oii Manuscripts an den 
zustand igen Secrctar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilutig in die akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilungen von Verfassern, welche nicht Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Bcseldiesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittheilung eines NichtmitsUedcs 
in die dazu bestimmte AhtheÜung der »Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Bcschluss der Bestätigung durch die 
G esanuut- Akademie. 



Aus § 6. 

Die an die Druckerei abzuliefernden Manuscripte müssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text harulelt, aus- 
reichende Anweisnnijcn für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitgliede vor Einreichung des Manuscripts vorznnelimen^ 
Dasselbe hat sich zu vergewissern, dass der Verfasser 
seine Mittheilimg als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Currectur ihrer Mittheilungen besorgen die 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correetnr an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll nach 
Miiglichkeit niclit über die Berichtigung von Druckl'ehlcrn 
und leichten Schreibverschen hinausgehen. Umfängliche 
Cori-ecturen Fremiler bedürfen der Genehmigung des redi- 
girenden Secretars vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. 

Aus § 8. 

Von allen in die Sitzungsberichte oder Abb.indlungen 
aufgenommenen wissenschaftlichen Mittheilungen, Reden, 
Ailressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
w^isscnsehaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch für den Buchh.-indel Sonder- 
abdrucke hergestellt, die alsbald i»ach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden. 

Von Gedacht nissreden werden ebenfallsSonderabdrucke 
für den Bucidi.indel hergestellt, in<less nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklai'cn. 

Von den Sonderabdrucken aus den Sitzungsberichten 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akailemie ist, 
zu unentgeltliclier Vertheilimg olme weiteres 50 Frei- 
exemplare; er ist iinlcss berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten nocii weitere bis 
zur Zahl von 200 {im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Sccretar au- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie otlcr der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitgliedcr erhalten 50 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
reiligirendcn Seeretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abzielien lassen. 

Von den Sonderabdrueken atis den Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher Blitglied der Aka<iemie ist, 
zu unentgeltlicher Vertheilnng ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akailemie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zahl von 100 (im g.mzen also 230) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Seeretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilimg zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akailemic oder der be- 
trefienden Classe. — Nichtmitclieder erlialten 30 Frei- 
exemplare und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
i-edigirenden Seeretar weitere 100 Exemplai-e auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

§ 17. 

Eine für <lie akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliciie Mittheil iing darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 
Stelle anderweitig, sei es auch nur ansziiirs- 



4 



(Fortsetzung auf S. 3 des Umschlags.) 



1028 

SITZUNGSBERICHTE i908. 

XLII. 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKAUEI\IIE DER WISSENSCHAFTEN. 



29. October. Gesammtsitzung. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Diels. 

1. Hr. ToBLEH las über man cheri als Anrede an Aveibliche 
Person und über malgre qu'il en ait. 

Er sprach also zuerst von der in neufianzösisclien Texten oft begegnenden Er- 
scheinung, dass in kosendei' Anrede an weibliche Personen männliche Snbstantiva oder 
substantivisch gebrauchte männliche Adjektivs, oit. auch von männlichen Possessiven 
hegleitete angewandt werden, seihst da, wo entsprecliende Femininformen sonst durcii- 
aus üblich sind, und stellte daneben eine Anzahl Beispiele des Absehens vom natiii- 
lichen Geschlechte und andererseits von Berücksichtigung desselben, wo entgegen- 
gesetztes Verfahren eher zu erwarten war. — Er zeigte fernei-. wie unter Verken- 
nung des ursprünglichen Sinnes der einzelnen Satzelemente die Redensart malgre 
qu'il en ait zu ihrem heutigen Sinne »so leid es ihm auch sein mag« hat konunen 
können. 

2. Die Akademie genehmigte die Aufnahme einer von Hrn. Schmidt 
in der Sitzung der philosoi^hisch-historischen Classe am 22. October 
A^orgelegten Abhandlung des Hrn. Prof. Dr. Bernhard Seuffert in Graz : 
Prolegomena zu einer Wieland -Ausgabe. V in den Anhang der Jahr- 
gänge 1908 und 1909 der Abhandlungen. 

3. Die correspondirenden Mitglieder der physikalisch-mathemati- 
schen Classe HH. Georg Quincke in Heidelberg und Rudolf Fittig in 
Strassburg haben am 7. August, bez. 9. October ihr fünfzigjähriges 
Doctoijubiläum gefeiert. Aus diesem Anlass hat ihnen die Akademie 
Adressen gewidmet, deren Wortlaut unten folgt. 

4. Es wurden folgende Druckschriften vorgelegt: 

von akademischen Veröffentlichungen Wilhelm von Humboldt's Ge- 
sammelte Schriften. Bd. 7. Hälfte 2. Berlin 1908, Kant's gesammelte 
Schriften. Bd. 5. Berlin 1908 und Deutsche Texte des Mittelalters. 
Bd. 14. Die sogenannte Wolfenbüttler Priamelhandschrift. Berlin 1908; 

von unterstützten Werken E. Sachau, Syrische Rechtsbücher. Bd. 2. 
Berlin 1908, A. Fischer, Das deutsche evangelische Kirchenlied des 

Sitzuiigsberielite 1908. 91 



1024 Gesammtsitzung vom 29. Ootober 1908. 

17. Jahrhunderts. Hrsg. von W. Tümpel. Bd. 4. Gütersloh 1908 und 
H.Günter, Die Habsburger-Liga 1625 — 1635. Berlin 1908; 

weiter G. Schmoller, Grundriss der Allgemeinen Volkswirtschafts- 
lehre. Tl. I. 7. bis 10. Tausend. Leipzig 1908, J. Orth, Pathologisch- 
anatomische Diagnostik. 7. Aufl. Berlin 1909 und H, Rosenbusch, Mikro- 
skopische Physiograpliie der Mineralien und Gesteine. 4. Aufl. Bd. 2. 
Hälfte 2. Stuttgart 1908. 

5. Zu wissenschaftlichen LTnternelimungen hat die Akademie be- 
willigt : 

durch die physikalisch-mathematische Classe : Hrn. Prof. Dr. Richard 
Abegg in Breslau zur Beschaffung einer grösseren Menge von Gallium 
und zur physikalisch-chemischen Untersuchung dieses Elements 2500 
Mark; Hrn. Geheimen Medicinalrath Prof. Dr. Gustav Fritsch in Berlin 
zur Herausgabe eines Werkes über die Area centralis der menschlichen 
Netzhaut 2000 Mark; Hrn. Dr. Oskar Prochnow in Wendisch-Buchholz 
zu Temperatur-Experimenten mit poikilothermen Thieren und Pflanzen 
500 Mark; Hrn. Prof. Dr. Johannes Stark in Greifswald zu Unter- 
suchungen über die Lichtemission der Kanalstrahlen zu den ihm im 
Vorjahre bewilligten 2000 Mark noch 142 Mark 50 Pf.; 

durch die philosophisch-historische Classe : Hrn. Oberlehrer Dr. 
Fahz in Frankfurt a. M. zu einem Aufenthalt in Paris behufs Collatio- 
nirung des Papyrus Mimaut Nr. 2391 des Louvre 300 Mark; Hrn. 
Privatdocenten Lic. theol. Paul Glaue in Giessen zu einer Studien- 
reise nach Rom zur Fortführung seiner Arbeiten über die griechischen 
Evangelien-Vorlesebücher 1000 Mark; Hrn. Prof. Dr. Oskar Mann in 
Berlin zur Drucklegung des Bandes IV, 3, 2 seiner »Kurdisch-persi- 
schen Forschungen« 2000 Mark; Hrn. Prof. Dr. Theodor Schiemann in 
Berlin zur Fortsetzung seiner Studien über die Geschichte Russlands 
unter Kaiser Nicolaus I. 1000 Mark. 

(). Das am 13. August 1907 verstorbene ordentliche Mitglied der 
Akademie Hr. Hermann Karl Vogel hat durch letztwillige Verfugung 
bei der Akademie eine Hermann VoGEL-Stiftung errichtet zum Zweck 
der Verleihung von Medaillen fiii- Arbeiten im Gebiete der Astrophysik 
und Spectralanalyse und für sonstige astronomische Untersuchungen, 
die mit den Forschungsmethoden der Astropliysik ausgeführt sind. 
Nachdem die Akademie in ihrer Gesammtsitzung am 31. October 1907 
beschlossen hat, die ihr angetragene Stiftung anzunehmen, und nach- 
dem die landesherrliche Genehmigung zur Annahme des VoGEL'schen 
Vei-mächtnisses unter dem 10. Mai 1908 ihr ertheilt worden ist, hat 
sie das Stiftungscapital in dem nach Vorschrift des Testaments fiir 
den Todestag des Erblassers berechneten Betrage von 16977 Mark 



Gesammtsitzung vom 29. Octobei' 1908. 1025 

69 Pfennigen übernommen. Das für die Stiftung aufgestellte Statut, 
welches unter dem 2 i . Mai 1908 die Genehmigung des vorgeordneten 
Königlichen Ministeriums erhalten hat, wird in dem Jahresbericht der 
Abhandlungen 1908 mitgetheilt werden. 



Seine Majestät der Kaiser und König haben durch Allerhöchsten 
Erlass vom 3. August die Wahl des ordentlichen Professors an der 
Friedrich -Wilhelms -Universität zu Berlin treheimen Bergrats Dr. Theo- 
dor Liebisch zum ordentlichen Mitglied der physikalisch-mathemati- 
schen Classe und durch Allerhöchsten Erlass vom 24. August die Wahl 
des ausserordentlichen Professors an derselben Universität Dr. EnuAiin 
Seler zum ordentlichen Mitglied der philosophisch-historischen Classe 
der Akademie zu bestätigen geruht. 

Seine Majestät der Kaiser und König haben durch Allerhöchsten 
Erlass vom 25. September die Wahlen der bisherigen correspondiren- 
den Mitglieder der philosophisch-historischen Classe HH. Vatroslav 
VON Jagic', ordentlichen Professors an der Universität Wien, Panagiotis 
Kabbabias, Generalephoros der Alterthümer im Königreich Griechen- 
land und Professors an der Universität Athen, und Henri Weil, Mit- 
glieds des Institut de France in Paris, zu auswärtigen Mitgliedern 
derselben Classe zu bestätigen geruht. 



Hr. Rochus Freiherr von Liliencron, auswärtiges Mitglied der philo- 
sophisch-historischen Classe, ist am 1 . September von Schleswig nach 
Berlin übergesiedelt und gemäss § 20 der Statuten in die Reihe der 
Ehrenmitglieder übergetreten, da er mit Rücksicht auf sein hohes Alter 
nicht gewünscht hatte, unter die ordentlichen Mitglieder aufgenommen 
zu werden. 



Die Akademie hat ihr Ehrenmitglied Hrn. Friedrich Althoff in 
Steglitz am 20. October und die correspondirenden Mitglieder der phy- 
sikalisch-mathematischen Classe Hrn. Henri Becquerel in Paris am 
25. August, Hrn. Eleuthere Mascart ebenda am 26. August und Hrn. 
Adolf Wüllner in Aachen am 6. October durch den Tod verloren. 



91* 



1026 Gesammtsitzun" vom 29. October 1908. 



Mon cheri, Anrede an weibliche Person. 

Von A. TOBLER. 



Von einer im heutigen Französisch oft begegnenden Erscheinung, 
die ich aber von Grammatikern, auch von so umsiclitigen wie etwa 
Ph. Plattner, nicht erwähnt finde, so seltsam sie doch erscheinen muß, 
will ich zunächst eine Anzahl Beispiele vorführen: 

Eine zärtliche Mutter fragt ihre Tochter: mon cheri^ qu'eß-ce que 
tu asf Tu as du chagrin? Prevost, Jardin secret i8i ; n'nie pns de 
cliagrin, mon cheri, perfonne ne faime plus que moi, eb. 86; eine 
Freundin zur Freundin: tu as eu torl, mon cheri, Marni, Fiacres 1 84; 
mon petit clierij sagt ein Vater zu der seinen Gedanken gegen- 
wärtigen Tochter, eb. 291; ?non cheri, nennt eine Mutter ihre 
fünfzehnjährige Tochter, Lavedan, Dimanches 8 ; mon pauv' petit, 
redet jemand sein Bäschen an, Gyp, Menage dernier cri 354; 
voyons, mon petit, vous etes donc der enuefotle, ADaudet, Soutien38; 
dis donc, mon petit, ein Mann zu seiner Gattin, Marni, Celles qu'on 
ignore 282; non, mon mignon, ta au tfmitre, ein Mann zärtlich zu 
seiner Frau, Rev. bleue 1902 II 147b. 

Wem solches Verfahren einmal vertraut geworden ist, der wird 
nicht erstaunen, wenn er die kein Geschlecht erkennen oder erraten 
lassenden Koseformen weiblicher Personennamen von männlichen Adjek- 
tiven begleitet trifl't, seien solche Koseformen nun mit dem Suffix on 
oder einem anderen gebildet oder durch Reduplikation des Stammes', 
oder wenn er den Ausgang weiblicher Namen um des grammatischen 
Geschlechts willen so abgeändert findet, wie es männlichem Geschlechte 
entsj^richt : 

mon Lugon, zu der Geliebten, die sich zuvor Lucette (Lucie) ge- 
nannt hat, Marni, Fiacres 63; pauvre petit Jeannot, ruft ein Vater 
im Gedanken an seine Tochter Jeanne, eb. 250; mon Linon, ruft 
ein Gatte seine Frau Celine (Coe/inia), dies., Celles qu'on ignore 16; 
mo7i petit Miqiiet nennt der Großvater seine achtjährige Enkelin, 



^ Von derartigen Reduj)likationen. die nicht den bloßen Stamm betreffen, s. 
Plattner III i S. 70. 



Toblee: Mon cheri, Anrede an weibliche Person. 1027 

Gyp, Miquette 109, eb. i i i ; mon Cendrillonnet nennt der Bruder 
seine erwachsene Schwester, ADaudet, Soutien 369. — Tu es un 
petlt Blanc-Blanc cherl, zu der geliebten Blanche gesagt, Marni, 
Fiacres 44; mon pauvre Jojo, zu der Cousine Josette, Gyp, Menage 
dernier cri 349; va dormii-j, va^ ma Floflo, der Vater zu der Tochter 
Florence, ADaudet, Soutien 147; aber zu der nämlichen sagt 
der Bruder: qu'est-ce qul t'arrive^ mon pftlt Flo? eb. 140. Auch 
das Gegenstück zu solchem Verfahren kommt vor, daß njimlich 
der Name die Umwandlung zu derjenigen Form erfährt, die männ- 
liches Geschlecht erwarten läßt, und daß er dennoch mit weiblichen 
Begleitwörtern sich verbindet: II lui arrkait d'appeler Dolin^ petii 
nom damitle donne ä la gamine (deren richtiger Name DoUnde lautet) 
d de la faire danfer cn lui ßfflant des fanfares et des chanfons, Arene, 
Domnine 197; devant lui la petite Dolin danfait, laide^ maigre^ les 
checeux ras. Elle approrliait, il f enihraffnit^ et detail la helle Dolinde 
(im Traume gehn dem Verliebten die beiden Gestalten ineinander 
über), eb. 199. — Auch das kommt vor, daß männhche Personen- 
namen, zu denen weibliche imd als solche deutlich gekennzeich- 
nete Formen vorhanden und durchaus geläufig sind, zur Benen- 
nung weiblicher Personen, namentlich kindlichen Alters, dienen. 
Zola nennt in den Briefen an seinen Jugendfreund Guillemet 
wiederholt mit besonderer Zärtlichkeit einen petit Jean, der zeit- 
weise auch Jeonne bei ihm heißt, und von dem der Herausgeber 
des ersten Bandes des Zolaschen Briefwechsels in einer Anmer- 
kung sagt: la fille de Guillemet_, aujourd'hiii Mme Andre Delaiftre: 
Elle (meine Gattin) emhrnffe petit Jean. Ungefähr ein Jahr später 
wünscht Zola seinem Freunde honne /ante n volre femme^ hon cou- 
rage ä vous et honne poufj'ee ä Jeanne, qui doit grandir comme un 
arhre I 275, aber di'ei Monate darauf liest man wieder au petit 
Jean, 276 mit Bezug auf das nämliche Mädchen. 
Was ist von diesen zunächst gewiß in hohem Grade auffälligen Vor- 
kommnissen zu halten? Man könnte allenfalls an den Beginn eines 
Absterbens gcAvisser Sprachformen denken, wie es in der Entwicke- 
lung menschlicher Rede häufig genug vorgekommen ist und noch 
immer sei es vereinzelt sei es in weiterem Umfange sich einstellt. 
JRenard spricht in Le Vigneron dans fa vigne 106 von einer armen 
alten Frau vom Lande, bei der er folgendes selbst beobachtet zu ha- 
ben scheint: c'eft un des ßgnes de fa vieilleffe qu'elle ouhlie quelquefois 
fon fexe. Elle ne penfe plus qu'elle eft du feminin et eile dit: ^Jeune, 
je n'etais pas gros, fetais petit, mais fain et fort de temperament' . On 
n'ofe la reprendre, c'eft hien tard pour rectißer. Es ist schade, daß er 
seuie Beobachtungen nicht weiter ausgedehnt, nicht festgestellt hat, 



1028 Gesammtsitzung vom 29. October 1908. 

ob das Absehn vom natürlichen Geschlecht auch in andern Fällen 
bei der Alten eintritt, als wenn sie von sich selbst spricht, ob viel- 
leicht prädikative Adjektive überhaupt flexionslos werden, auch wenn 
natürliches Geschlecht gar nicht in Betracht kommen kann, u. dgl. 
In den Fällen, von denen hier ausgegangen ist, darf man an derar- 
tiges nicht denken. Durchweg hat man es hier mit der Rede von 
Leuten zu tun, die im übrigen keineswegs gegen den Sprachgebrauch 
gebildeter Personen verstoßen, und, was gewiß von Bedeutung ist, 
es handelt sich fast immer um Anrede, und zwar Anrede, die sich 
freundlich, zärtlich, kosend an Kinder oder, wenn an Erwachsene, 
dann doch an solche wendet, die, wenigstens vorübergehend, als 
schutzbedürftig, als Gegenstände besonderen Hegens und Pflegens, 
als große Kinder dem Spi'echenden erscheinen. Daß unter solchen 
Umständen, nicht etwa notwendigerweise, aber oftmals und dann nicht 
unpassend, unterlassen wird, das natürliche Geschlecht des angeredeten 
AVesens anzudeuten, scheint durchaus angemessen; die, die im bezeich- 
neten Falle, auf der angegebenen Gedankengrundlage jemand anreden, 
,sie fragen nicht nach Mann und Weib' : der Gebrauch deutlich er- 
kennbarer Femininform würde zu der Personbezeichnung ein Merk- 
mal hinzufügen, von dem hier gerade die Kode nicht sein soll, das 
in Erinnerung zu bringen eher stören als nützen würde. Besäße das 
Französische von einem Neutrum mehr nls die bekannten kümmer- 
lichen Überbleibsel unter den Fürwörtern, so hätte sich allenfalls an 
die Verwendung neutraler Formen denken lassen, wie denn etwa im 
Deutschen in Fällen der hier erörterten Art als Anreden für weib- 
liche Personen ,mein Gutes', ,du Liebes' nicht unerhört sind. Beim 
Mangel neutraler Formen konnte nur das Maskulinum aushelfen, mit 
dessen Form die Vorstellung bestimmten Geschlechts weniger not- 
wendig sich verbindet als mit der des Femininums, wie sich auch 
in dem bekannten Gebrauche männlicher Appellativa zur Bezeichnung 
weiblicher Personen zeigt: // efi jnfle de dire cependant que la con- 
ferencüre (auch le Conferencier wäre meines Erachtens statthaft gcAvesen) 
chez Maria Deraimes n'exclimit pas ou ne ydtait pas_, com nie cela arrice 
quelquefois, le pro/ateur^ l'ecrivain, Rev. bleue 1899 II 535 a; eile a 
trouve daiis fa fatur, Mme Fereffe^ un editeur aufß intelligent que pieu- 
fement decoue^ eb. 529b (s. darüber u. a. Plattner, Ausführl. Gramm. 
§ 135, 3 und Ergänzungen dazu I S. 91). 

Oben sind mon mignon, mon Linon, mon Lnfon mit mon eheri und 
ähnlichen Ausdrücken zusammengestellt worden. Daß dies bezüglich 
des ersten mit Recht geschehen sei, wird wohl nicht bezweifelt werden; 
dagegen könnte wohl eine Absonderung der beiden andern dadurch ge- 
rechtfertigt scheinen, daß die beiden deminutiven Eigennamen ebenso 



Tobler: 3Ion cheri, Anrede an weibliche Person. 1029 

wie die zahlreichen andern weiblichen Eigennamen auf -an, Toinon, 
Marlon, Manon, Suson usw. im allgemeinen als nur weibliche gelten, 
deren Zusammentritt mit männlichem Possessivum stärker auffallen 
mul5 als der von mkjnon und chrri, die zunächst als mänidich emp- 
fund(>n werden. Mir scheint aber, es seien die Deminutiva auf -on, 
auch wenn sie von weiblichen Eigennamen aus gebildet sind, im Grunde 
Maskulina so gut wie aiguülon, ballon, hataillon, bondon, brldon, chalnon, 
Chiffon, cordon, carafon, echdon, jambon, maiDclon, oij'on, poelon (zu weibl. 
pocle), violon, worüber Meyer-Lübke II § 458 zu vergleichen, und es 
sei ihre Verwendung als Feminina, d. h. ihre Verbindung mit weib- 
liclien Attributen und Prädikativen auf eine ,Konstruktion nach dem 
Sinne' zurückzuführen'. So sind ja auch die deutschen Deminutiva 
auf -chen zunächst sämtlich Neutra, was nicht hindert, daß weibliche 
Eigennamen mit diesem Suffix oft als Feminina behandelt werden (,die 
arme Gretchen', ,die gute Lottchen') sowie umgekehrt die Deminutiva 
auf -kill, obschon sie im allgemeinen neutral sind (,das Bächlein', ,das 
Knäblein'), von männlichen Eigennamen gebildet, in den Mundarten we- 
nigstens, männliches Geschlecht zeigen (,der Jaköbli', ,der Kasperle'), 
während ents])rechend gebildete weibliche Namen neutral erscheinen 
(,das Vreneli', ,das Bäbeli'), so daß schon im Lebensalter der demi- 
nutiven Benennung die weibliche Persönlichkeit der Einordnung unter 
die Sachen verfällt, während die männliche die Fahne ihres Geschlechts 
aufrecht hält". 



' ßmillon und das ungefähr gleichbedeutende falijjon sind keine Deminutiva und 
gehören daher nicht in diesen Zusammenhang. Wenn let/.tei'es den Wöi-terbüchein 
nach weiblich ist. so wird sich dies daraus erklären, daß es vorzugsweise zur Quali- 
fikation weililicher Personen dient, nicht weil Unsauberkeit bei diesen etwa häufiger 
vorkäme, sondern weil sie bei ihnen im Gegenteil anstößiger ist, zur Anwendung der 
tadelnden Benennung eher einladet. 

^ Gleiches wüi-de von den der Schriftsprache verloren gegangenen Deminutiven 
auf -in (alemnnnisch i) zu sagen sein: zu Hans gehört der llansi, zu Ivourad der 
Chuei-i, zu Jakob der KcUji, zu Ulrich der Pleli, zu Kudiilf der Ruedi usw., neben 
welche sich das Mädi, das Ziisi, das Annebäbi, das Babi, das .Stini, das Döili, 
Urseli, Chüngi, Mari stellen. Die lehrreiche Arbeit von Albert Polzin, Studien zur 
Geschichte des Deininiitivunis im Deutschen, Straßliurg 1901 (Quellen und Forschungen 
zur Sprach- und Kulturgeschichte, 88 Heft) beiiihrt ilie Geschlechter der Deminutiva 
nicht. Nicht selten erscheinen übrigens auch sid'fixlose weibliche Namen als Neutra: 
's Clara, 's Anna. .\uf die hier berührten Tatsachen einzugehen, hatte Kai'l Brugmann 
1906 in seinem Aufsatz ,Das Genus der Deminutivbildiuigen' (Indogermanische For- 
schungen, 19. Bd. S. 215 und 216) keinen Anlaß. 



1030 Gesamintsitzung vom 29. October 1908. 



Malgre qu'ü en ait. 

Von A. TOBLER. 



Auf die wohlbekannte Wendung zurückzukommen, von der schon 
öfter, auch von mir gehandelt ist (Verm. Beitr. IIP S. 5) veranlaßt mich 
der Umstand, daß ich sie mit einer andern, gleichfalls schon früher zur 
Sprache gebrachten in einen Zusammenhang glaube bringen zu dürfen, 
der die eine und die andere etwas weniger seltsam erscheinen Läßt und 
die Möglichkeit eröflhet zum Verständnis beider oline die immer bedenk- 
liche Annahme schwer erklärlicher Ellipsen zu gelangen. 

Den Leser den ganzen langen Weg zu führen, der zwischen dem 
lateinischen Adjektivum gratus und dem (jn' der in Rede stehenden fran- 
zösischen Wendung liegt, mag hier unterlassen bleiben, so sehr manche 
der auf ihm liegenden Vorgänge des Gebrauchswandels zu sinnender 
Betrachtung und zu Ausblicken auf Gleichartiges einladen. Nur eine 
flüchtige Hervorliebung der Hauptstationen sei gestattet. Das lateinische 
Adjektivum (jratns besteht als solches in den romanischen Sprachen nicht 
oder doch nur als Latinismus der Dichter (grnlo [Variante für des Dicliters 
Caro\ m' e il sonnn, e pik l'cfffr di fafjh) ; volkstümlich ist nur das zum 
Substantivum gewordene yre, it. grado ,Wohlgetallen, Belieben, Befriedi- 
gung' d.h. das geistige Verhalten, vermöge dessen Dinge lieb oder 
wohlgefällig sind. (Von gleichartiger Entwickelung subsiantivisclien Ge- 
brauches aus adjektivischen ist in den Verm. Beitr. TP 1 8411'. gehandelt.) 
Mal in enger Verbindung doch nicht eigentlicher Zusammensetzung da- 
mit bedeutet die Verneinung, den Mangel, die Abwesenheit dessen, was 
das andere Wort bezeichnet, dergestalt, daß malgre ,das Mißfallen, die 
Abneigung' ausdrückt'. Soll nun gesagt werden, es geschehe etwas 

' Mir ist nicht bekannt, daß von solcher Verwendung von mal gesprochen 
worden wäre; darum hier einige Beispiele: A los de ciaus dnnt je doi eftre amee Vos ai 
airi/i mol'anxmr ((iroll) pardonnee, Auberon 380; avoient agiiis la male amnur la röine, 
Men. Reims 351; Sa male amor li clama qiiite, Bari. u. Jos. 726; Li juyenr qui prendent 
trop volentiers lowier, Cil deßrent tenzons, male amur, deßurbier, Poeme mor. 325b; 
a male joir (Leidwesen) Fv/t hui emprife chefte voie Barb. u. M. I 216, 251; qw honte li 
avimyne, Di/t In piicele, et male joie, Efcan. 867; Lais in. 1 238; Voßre mal fem (Unver- 
stand) nns a träi:. Troie 22177; mmmms ici de fain et de males aifes (Enthehrungen), 
Men. Heims 389; Apres grant deduit yrant malai/e Voit an moli Jbuvent avenir, Maiiom. 



ToBLER : Malgre qu'il en ait. 1 H 1 

nach Wunsch oder bei Mißfallen, unter Mißbilligung, so wird dazu die Be- 
zeichnung einer Person oder mehrerer Personen treten müssen, von deren 
Zustimmung oder Mißbilligung ein (leschelm begleitet ist, da ja doch 
Beifall und MißftiUen nur bei persönlichen Seienden denkbar ist ; und diese 
Bezeichnung wird, wenn sie in einem Substantivum gegeben werden kann, 
nach altfranzösischem Gebrauche in der Form eines Kasus obliquus mit 
dem Sinne eines possessiven Genitivs erscheinen, welchen Sinn bekannt- 
licli der obliquus aller Personen bezeichnenden Wörter im Altfranzösi- 
schen ganz gewöhnlich hat. Würde die Bezeichnung der billigenden 
oder mißbilligenden Person in einem Personalpronomen gegeben wer- 
den können, so ändert sich an dem syntaktischen Charakter der Aus- 
drucksweise nichts, nur daß an die Stelle eines Kasus obliquus des 
Pronomens, wie immer bei possessivem Sinn der Verbindung, ein pos- 
sessives Adjektivuni tritt. So ergeben sich die Verbindungen au gre 
le pere , gemäß Gutdünken des Vaters', a Jon gre , gemäß seinem Be- 
lieben', cftre oder contre le gre le pere ,ohne die Gutdünken, die Billi- 
gung des Vaters', eftre fon gre. Nun wird, wie eben gesagt wurde, 
der Mangel des Beliebens, der Gutheißung nicht bloß durch ein fnns 
oder eftre le gre zum Ausdruck gebracht, sondern auch durch das vor 
gre tretende mal, und der bloße Kasus obliquus )nal gre kann, ohne 
daß es einer Präposition bedarf, im Sinne eines begleitenden Umstandes, 
etwa einem lateinischen Ablativus absolutus vergleichbar, gebraucht wer- 
den, so daß mal gre ungefähr einem deutschen, bei schlechtem Belieben' 
gleichkommt, was aber nach dem dargelegten (iebrauche soviel heißt 
wie ,bei Mangel an der Billigung'. So ergeben sich die Verbindungen 
mal gre le pere, mal fon gre oder mal gre fien. Was den Gebrauch des 
Kasus obliquus nutl gre im Sinn des begleitenden Umstandes betrifl't, 
so findet man die Liste gleichartiger Ausdrücke in der Arbeit von Nehry 
(Verm. Beitr. P S. i i6); die jedermann geläufigsten sind Dieu merci (nach 
Gottes Gnade), faule de (bei Mangel von), afz. man vnel (nacli meinem 
Willen). Daß an Stelle des vor gre stehenden mal und in gleichem 
Sinne mit ihm auch tnaleoit gebraucht wird, das aus maledictus ent- 
standen eigentlich , verflucht' heißt und infolge einer zu Zeiten und an 
manchen Orten üblich gewesenen und noch immer nicht völlig außer 
Gebrauch gekommenen Verwendung der Verwünschung im Sinne kräf- 

65; Dil valet qui d'aije a malaife fe met, Jahrl). 13, 295; virent a fni faite malaife, (diffi- 
cultatem) d'enJ'fwUr. Dial. Greg. 157, ^\; fa fernr a fors botee De fa terre et deferitee Par 
force et par male merci (Erl);iniiunp;slosif;Ueit). Ch. Ivcin 6387; Mau hien (Schaden) vos 
puiffent eles fere (die f;estoldenen Aale), Ken. 887 (M III 135); N'en pla int fors la male 
fuifon, Ren. Bd. V S. 251 ,er bedaueit nur, daß dessen so wenig ist. die Späilichkeit'. 
Ebenso wirkt mal vor Adjektiven, konfluierend oder nicht: maus gracieus, malraif- 
navle chose, terre tres malfeine, mal haitiez, mal fene, mausoutiex, malhonnete, maladruit, 
malcmtent, malhabile) malpropre, mavssade. 



1032 Gesammtsitzung vom 29. October 1908. 

tiger Verneinung geradezu für .kein' gesetzt werden kann, habe ich 
an anderem Orte dargetaa (Verm. Beitr. IV S. 126) und soll darum nicht 
hier abermals ausgeführt werden. Dagegen bedarf einer kurzen Er- 
örterung noch die Tatsache, daß der Kasus obliquus im Sinne eines 
possessiven Genitivs oder das possessive Adjektivum, welche zu mal 
gre hinzutretend die Person oder die Personen angeben, unter deren 
Mißbilligiuig etwas geschieht, auch durch einen Relativsatz ersetzt wer- 
den können, der den gleichen Dienst leistet, so daß statt mal gre le 
pere auch gesagt wird mal gre qu'en alt (oder, je nachdem, euft, alt eu) 
U peres; statt mal gre ßeii oder mal fon gre auch mal gre qu'il en alt 
(oder euft, ait eu): Lars vie/ment a Doon^ a terre Uont verfe; Mau gre 
que il en aitj l'ont Ueno, defarme, Doon May. 161; dedanz les douze fe- 
maines Se rendejit^ man gre qu'il en aient, . . . Au roy Plielippe, GGui. I 
4701 ; Beispiele aus älterem Neufranzösisch bei Littre unter malgre, der 
über die Wendung ganz zutreffend spricht'. 

Es bleibt noch die Frage zu beantworten, welcher Art Satz das 
qu'il en ait sein möge und wie der Konjunktiv darin zu erklären sei. 
Daß der Satz ein relativer sei, wird man schwerlich bezweifeln; und 
wenn man erwägt, daß das zu dem Bezieliungsworte gre liinzugetretene 
mal ungefähr den Sinn einer Negation hat, einem nul, aucun beinahe 
gleich kommt, dem gir also die Wirklichkeit abgesprochen, er dem 
bloß Gedachten, Denkbaren zugeteilt wird, so ist der vorliegende Modus 
ja auch der einzig gerechtfertigte; der Satz könnte etwa wiederzugeben 
sein: ,bei keinem Wohlgefallen, das er daran haben möchte', ,ohne 
Wohlgefallen, das bei ihm bestehe'. Doch mag man auch erwägen, 
daß eine förmliche Negation immerhin nicht ausgesprochen, sondern 
nur von etwas geredet wird, das als Wohlgefallen nur kaum, nur 
schlecht gelten dürfe. Vielleicht hat der Relativsatz in der Weise 
konzessive Bedeutung, daß mit dem mal , schlecht', , unzulänglich', 
,mangelhaft' im vollen Sinne des Wortes eingeräumt Avird, wie es 
sonst wohl geschieht, wenn man dem Adjektivum die Adverbia tout 
oder quelque voranstellt und darauf einen Relativsatz mit tout (und 



' Die ältere Zeit zieiit dieser .'Vusclnickswei.se eine andere vor, in der mal gre 
zwar den gleichen Sinn hat, aber nicht mehr von einem Relativsatz begleiteter adver- 
bialer Kasus ohliquus ist, sondern reiner Olijektsakknsativ zu avoir in einem seines 
konzessiven Sinnes wegen im Konjunktiv stehenden Hauptsätze: Einsi morrai, mal yre 
an et La motz qui ne me viaut eidier, Erec 4660; Le cheval print, mau gre en aient il. 
Gar. Loli. 1 173; Abalus iert, mal gre en aient il, INlGar. 136; Joie en ai mcmt graut, Mal 
gre en aient li mesdisant, Kom. u. Fast. III 23^ 23; 3Iau gre enn aient li roial. Joufr. 1038; 
Or en serai demain dflivres, Maiigrez en ait vaslre vi/ages, Kuteb. II 94, in welchem letzten 
Beispiel der Gebrauch von vij'age ohne Zweifel seltsam, alier nicht seltsamer ist als der 
von nes, dem, face, die in gleiclier Verbindung an Stelle der direkten Bezeichnung der 
Person begegnen. 



ToBi.ER : Malgre qu'il en ait. 1033 

dann einem Indikativ), oder mit quelque (und dann einem Konjunktiv) 
folgen läßt. Es wäre dann mit mal gri^ qii'il alt jedes beliebige Maß 
von Mangelhaftigkeit des Wohlgefallens zugegeben. Dergleichen kommt 
auch sonst vor, wenngleich nicht eben häufig; denn weder Livet, Lexique 
de la langue de Moliere III 434, noch Desfeuilles in der grammatischen 
Einleitung zu demselben Autor S. CLXXXVIII, noch Plattner III Ergänz. 2 
S. 203 haben ein anderes Beispiel davon als Et doux que J'oit le mal, je 
crains d'etre trompep, Sganarelle Sc. 22 Z. 606, während liaase, Synt. des 
ly.Jahrh. § 45H S. 102 der Übersetzung wenigstens eines aus Lafon- 
taine hinzuzufügen vermocht hat: Calculatnir qiir fnt Hamant, hrouiller 
fallolt iiKrfJamnunt, Contes III 7, 70. Nicht ganz gleicher Art, weil 
der konzessive Sinn dabei fehlt, sind die spanischen Wendungen, welche 
LWeigert, Untersuchungen zur spanischen Syntax auf Grund der Werke 
des Cervantes, Berlin 1907, S. 99 mit dem bekannten aus Moliere zu- 
sammenstellt {poco murho que fea u. dgl.). In der Schrift von Graeme 
Ritchie Sur la fyntaxe de la conjondion ,qur, Paris 1907 ist von diesem 
que nicht die Rede. 

Schon in altfranzösischer Zeit macht sich Ijenierkbar, wie das ur- 
sprüngliche Wesen, der eigentliche Sinn von Verbindungen wie mal 
gre le pere dem Bewußtsein oder dem dunkeln p]mpfinden der Sprechen- 
den entschwindet, so daß ähnlich scheinende Verbindungen auftreten, 
die bei zutreffender Auffassung nicht möglich gewesen sein würden. 
Daß der Kasus obliquus hinter mal gre nur in dem Sinne eines pos- 
sessiven Genitivs statthaft ist, wird vergessen und demgemäß statt 
eines possessiven Adjektivs der Kasus obliquus des Personalpronomens 
dazu gesetzt; statt mal nion gre oder mal gre mien Avird malgre moi, 
statt mal gre lor wird malgre laus gesagt, womit malgre zur reinen 
Präposition gewandelt ist. Andererseits wird übersehen, daß ein Be- 
lieben, ein Wohlgefillen doch eigentlich nur urteilenden, empfindenden 
Wesen beigemessen werden kann, nicht dem Unbelebten, so daß ein 
malgre la pluie, malgre tous les obftades, malgre fa faibleffe u. dgl. zu- 
nächst ganz undenkbar gewesen sind. Dergleichen Verbindungen sind 
denn auch im Altfranzösischen noch kaum nachweisbar und mau gre 
voßre colente bei Gillebert de Berneville XXX i, 10 muß als ein Fall 
ungewöhnlicher Annäherung an moderne Ausdrucksweise gelten. 



1034 Gesammtsitzung vom 29. October 1908. 



Adresse an Hrn. Georg Quincke zum fünfzig- 
jährigen Doktorjubiläum am 7. August 1908. 



Hochgeehrter Herr Kollege! 

Z^VlX fünfzigsten Wiederkehr des Tages, an welchem Sie die akade- 
mische Doktorwürde erwarben, bringt die Akademie Ihnen die herz- 
lichsten Glückwünsche dar. 

Wohlausgerüstet mit theoretischen Kenntnissen, welche Sie in der 
Schule von Franz Neumann und Gustav Kirchiioff erworben hatten, 
begannen Sie Ihre Forschungsarbeit. Dieselbe gliedert sich in große 
Abschnitte mit leiclit erkennbarem Plan. Für die meisten der von Ihnen 
behandelten Gebiete lagen wohlbegründete mathematische Theorien vor, 
deren experimentelle Durcharbeitung luid Prüfung Sie unternahmen. 
Die Prüfung kommt in letzter Linie darauf hinaus, zu untersuchen, ob 
die in der Theorie als Materialkonstanten auftretenden Werte auch im 
Experiment sich als solche darstellen. Um darüber zu entscheiden, 
ist es, wie Sie öfter betonen, nötig, zu ermitteln, ob die fraglichen 
Werte, nach verschiedenen Methoden bestimmt, sich gleich ergeben, 
und, wenn nicht, herauszufinden, in welcher Beziehung die von der 
Theorie gemachten Voraussetzungen in der Natur nicht zutreffen. So 
ist die Fülle der gemessenen Materialkonstanten und die Mannigfaltig- 
keit der dabei angcAvaiidten Methoden ein charakteristisches Merkmal 
Ihrer Arbeit; charakteristiscli ist aber auch die Oftenheit, mit welcher 
Sie auf sich ergebende Unstimmigkeiten hinweisen, dadurch Ihren Nach- 
folgern willkommene Angriffsptmkte für die Fortsetzung der Arbeit dar- 
bietend; charakteristisch endlich für Ihre Experimentierkunst das Prinzip, 
an der entscheidenden Stelle das Beste zu wählen, sonst aber — wie 
z. B. bei Iliren allbekannten akustischen Interferenzapparaten — mit 
möglichst einfochen Mitteln das Ziel zu erreichen. 

Vor fünfzig Jahren eröifneten Sie Ihre umfangreichen Arbeiten 
über Kapillarität mit Ihrer Doktordissertation, welche betitelt ist: De 



Adresse an Hrn. Georg Quincke zum fünfzigjährigen Doctorjiibiläiim. 1 035 

constantibus mercurii capillaribus. Es handelt sich auf diesem Ge- 
biet um die Messung des Randwinkels und der Oberflächenspannung, 
welche Sie nach drei Methoden, nämlich aus Steighöhen, aus Tropfen- 
gewichten, endlich aus Tropfen- und Blasenmessung ermittelten. Für 
geschmolzene Metalle haben Sie zum ersten Male Werte gegeben: 
desgleichen für die Trennungsfläche zweier tropfbarer Flüssigkeiten, 
wodurch es ihnen möglich ward, die Frage der Ausbreitung einer 
Flüssigkeit auf der andern erschöpfend zu behandeln. Es ergibt sich 
dabei die Gefahr der Verunreinigung hochgespannter kapillarer Ober- 
flächen; unablässig bemüht, diese Gefahr zu liekämpfen, haben Sie 
als Erster die Ausbreitung des Wassers auf der reinen hochgespannten 
Quecksilberoberfläche gesehen. Allbekannt ist Ihr sinnreicher Versuch 
über die Bestimmung der Wirkungsweite der Molekularkräfte, ein 
Versuch, der unabhängig von der ilim zu gebenden Deutung stets 
sein Interesse bewahren wird. 

In Ihren optischen Experimentaluntersuchungen, fiir welche be- 
sonders die Theorien von Fresnel und Cauchy Ihnen als Grundlage 
dienten, finden wir die schönen Versuche über das Eindringen des 
Lichts in das reflektierende Mittel bei Totalreflexion, zahlreiche 
Messungen über Reflexion und Brechung des Lichts an durchsichtigen 
Körpern und Metallen, wobei wieder dünne Grenzschichten eine große 
RoUe spielen, endlich ausgedehnte Versuche über Interferenz und 
Beugung. Es gelang Ihnen, die von August Beer aus Reflexions- 
versuchen gefolgerte Tatsache, daß das Silber einen Brechungs- 
exponenten kleiner als i besitzt, durch einen direkten Interferenz- 
versuch zu bestätigen. Bei Ihren Gitterversuchen bemerkten Sie zu- 
erst die sekundären Spektra oder Geister. Niemand, der nach Ihnen 
sich auf diesen Gebieten bewegt hat, konnte an Ihren Ai-beiten vor- 
beigehen. 

In Ihren elektrischen Untersuchungen beschäftigen Sie sich haupt- 
sächlich mit der Elektrostriktion der Dielektrizitätskonstante und der 
magnetischen Permeabilität. 

Ein Gebiet, auf welchem die theoretische Grundlage noch fehlte, 
betraten Sie im Jahre Ihrer Promotion durch die Entdeckung der 
Diaphragmenströme. Diese Ströme sowie die von Ihnen mit so großem 
Erfolge studierte elektrische Fortführung haben Sie auf die elektro- 
motorische Kraft an der Berührungsfläche heterogener Körper zui'ück- 
geführt, eine Theorie, welche später von Helmholtz unter Anwen- 
dung auf Ihre Versuche weiter ausgebaut worden ist. 

In Ihren letzten Arbeiten sind Sie dazu übergegangen, mannig- 
fache Vorgänge der unbelebten und belebten Natur auf die Wirkung- 
kapillarer Kräfte zurückzuführen. 



103R Gesammtsitzung vom 29. October 1908. 

Die Gesamtheit Ihrer Leistungen überblickend, stehen wir be- 
wundernd vor Ihrem unermüdlichen Fleiß, Ihrer reichen Erfindungs- 
gabe sowie vor dem gewaltigen Beobachtungsmaterial, welches Sie 
infolge jener Eigenschaften anzuhäufen imstande waren. 

Ihr Lehramt haben Sie im vorigen Jahre niedergelegt; aber Dir 
angeborener Forschungstrieb wird weiter wirken. Möge es Ihnen 
noch lange vergönnt sein, diesem edlen Triebe zum Nutzen der 
Wissenschaft zu genügen. 



Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften. 



Adresse an Hrn. Rudolf Fittig zum fünfzigjährigen Doetoijnbiläuni. 1037 



Adresse an Hrn. Rudolf Fittig zum fünfzigjährigen 
DoktorjuMäum am 9. Oktober 1908. 



Hochverehrter Herr Kollege! 

Zium heutigen Jubeltage entbietet Urnen die Königlich Preußische 
Akademie der Wissenschaften herzlichen Glückwunsch und Gruß. 
Als Sie vor fünfzig Jahren mit einer Untersuchung über das Aceton 
den Doktortitel erwarben, war in Ihrer Wissenschaft das Studium der 
KohlenstofiVerbindungen in den Vordergrund des Interesses getreten, 
und die organische Chemie hatte auch in der Ausbildung der allge- 
meinen chemischen Theorien die Führung übernommen. Der lange 
Kampf zwischen der Radikaltheorie und der Substitutionslehre fand 
gerade zu jener Zeit in der Strukturchemie einen harmonischen Ab- 
schluß, und einige Jahre später schuf Kekule durch die Aufstellung 
seiner Benzolformel eine fruchtbare Theorie der aromatischen Sub- 
stanzen. 

An dem Ausbau dieser Grujipe und der Fortbildung der von 
Ihrem Lehrer Friedkich Wöhler begründeten organischen Synthese 
haben Sie durcJi eine lange Reihe glänzender Experimentalarbeiten 
hervorragenden Anteil genommen. Ihre Methode zum Aufbau aro- 
matischer Kohlenwasserstoffe, die Entdeckung vmd strukturchemische 
Aufklärung wichtiger Bestandteile des Steinkohlenteers, die Unter- 
suchung der Pii^erinsäure, die Auffindung der Lactone und die groß- 
zügig angelegten Studien über die ungesättigten Säuren bilden Mark- 
steine in der Itntwicklung der organischen Chemie in der zweiten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts. 

Durch die Sorgfalt der Beobachtungen und die erschöpfende 
Behandlung der Probleme sind Ihre Arbeiten auch mustergültige 
Vorbilder der Experimentierkunst für die jüngere Generation der 
Chemiker geworden, an deren Ausbildung Sie sich selbst als akade- 



1038 Gesammtsitzung vom 29. October 1908. 

mischer Lehrer während vierzig Jahre in glücklichster Weise betei- 
ligt haben. 

Daß Ihnen noch lange vergönnt sei, sich an den Früchten dieser 
reichen Lebensarbeit zu erfreuen, wünsclit im Verein mit Ihren zahl- 
reichen Schülern und Freunden 



Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften. 



Ausgegeben am 5. November. 



Berlin, gedi'iK'kt in dor Reichsdria-kerei. 



[;25H5HSH5H5H5E5H5H5H5H5H5H5E5H5HSH5HHa5E5H5H5H5B5H5HS2SH5HSHSHSH5HSH^ 



J908. 



XLin. XLIV. 



SITZUNGSBERICHTE 



DEK 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



Sifzuna; der pliilosopliiscli-liistorisfhen Classe am 5. Noveinbor. (S. 1039) 

Du; LS : Die Stele des Mnesttheos. (S. 1040) 

K. Schmidt: Eine Epistola apostolorum in koptischer und lateinischer Überlieferung. 

Sitzung der |ili_vsikalisch-ma(hcnialischcn Classe am 5. Kovfmher. (S. 1057) 

Helmert: ünvollkomnienheiten im Gleichgewichtszustände der Erdkruste. (S. 1058) 

F. Tannhäuser: Analysen des Neuroder Gabbrozugcs. (S. lOW)) 

K. A. Ktenas; Die Überschiebungen in der Peloponnisos. 1. (S. Iii76) 



(S. 1047) 



mX TAFEL XII. 



BERLIN 1908. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



IN COMMISSION BEI GEORG REIMER. 




V 



Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften, 



Aus § 1. 

Die Akademie j^ibt gemäss §41,1 der Stiitutcn zwei 
foitlanfeiidc VeröftViitliclniiiijen heraus: »Sitzuiigshericiite 
der Ktiniii^licli Prunssischen Akademie der Wissenschaften« 
und - Abhandlun_:;en der Königlich Preussischcn Akademie 
der Wissenschaften«, 

Aus § 2. 

Jede zur Aiifnalmic in die «Sitzunf^sbericlitc« oder die 
■ Abhandluiii^en* bestimmte Mitihoilmij? muss in einer aka- 
demisclien Sitzuni; vorj^clcfjt wenie», wobei in der Reg-el 
das druekfertis:c Manuscriprzui^leich einzuliefern ist. Nicht- 
mitglicder haben hierzu ilie Vcrmirtelnns^ eines ilirem 
Fache angehurendeu ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
§ 3. 

Der Urafanj^ einer aufzuachmeiiden Mitthcilunj^ soll 
in der Regel in den Sitznn<^sbcrieliten bei IMit<;;liedcrti 32, 
bei Niclitmitfflic'leru Ki Seiten in der ge wohnlichen Schrift 
«ier Sitztint^-shcrichtc, in den Abhandlungen 1 "2 DruckJjoireii 
von Je 8 Seiten in der gewöhidichen Seliriftder Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Uber';cbrcitun*r dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung- 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden ('lasse statt- 
haft, und ist bei Vorlai;e der Mittheilung- ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Unjfan;< eines IMaauscripts vcr- 
mnthen, «lass diese Zustimmuni;' erforderlich sein werde, 
so hat das vorlej;ende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen inuthmasslichen Umfang 
im Druck abschärzen zu lassen. 
§ 4. 

Sollen einer Miitheüuno: Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beig;ei;ebcn werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeiehininy:en, photoj^raphische Orig^inal- 
aufnahmen u. s. w.) jjlcichzeitii; mit dem Manuscript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen, Sind diese Kosten 
aber auf einen erlieblloiien Hetrag zu veranschlagen, so 
kann die Akademie dazu eine Hewilligungbeschliesscn. Ein 
darauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellting iler bc- 
treflendcn Voilageu mit dem schriftlichen Kostenausclilage 
eines Sachverständigen an den Vorsitzenden Secretar zu 
ricliten, dann zunächst im Secretariat vorzuberathen und 
weiter in der Gesainmi-.\kaderaie zu verhandeln. 

Die Kosten der VcrvicllaUiguug übcrninnnt ilie Aka- 
demie. Über die voraussiclitUchc Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sicli niclit um wenige einfache Tcxtfigureu 
handelt — der Kosteuanschlag eines Sachverständigen 
beizufügen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliciie Aullagc bei den Sit/ungsberiehten 150 31ark, 
bei den Abliaudlungen 300 Mark, so isi: Vorberathung 
durch das Secrctai'iat geboten. 
Aus § i). 

Na eil der Vorlei;ung und Einreichung des 
voUstäiidi^'OU (Irnclirrrli^Tii Manu Scripts an den 
zuständigen Secretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilung iu die akademischen 
Schriften, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt abgestimmt. 

Mittheilnngcn von Verfassern, welche nicht Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte anfgeminuiien werden. Hescldicsst eine 
Classe die Aufnalnnc der Mittheilung eines NlclumitgUcdes 
in die dazu bcstinunte Abtheilung der • Abhandlungen«, 
so bedarf dieser lieschluss der IJeslätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 

(Fortsetzung auf 



Aus § 6. 
Diean die Druckerei abzuliefernden Manuscripte müssen, 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Sclinften enthalten. Hei Einsendungen 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitglicdc vor Einreiciuing des Manuscripts vorzunehmen. 
Dasselbe liat sich zu vergewissern, dass der Verfasser 
seine Mittheilimg als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correctur ihrer Mittheilungen besorgen die 
Verfasser. Fremde haben diese erste Correctur an d.as 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll nach 
Mnglielikeit niclit über die IJerichtigung von Druckfehlern 
und leichten Sclireibverschen liinausoehcn. Umlangliehe 
Correeturen Fremder bedürfen der Geiiehmig-ung des redi- 
gircndcn SecreM,rs vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die Verfasser slml zur Tia-^ung der entstehenden Mehr- 
kosten v(!rpllicluct. 

Aus § 8. 
Von allen in »lic Sitzuugsbericlitc oder Abhandlungen 
aufiien<unmenen wissenschaftlichen Miitheilnniren, Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wisscnsciiaftlichen Miitheilungen. wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten ül)ersteigt, auch türden Hnclihandcl Sonder- 
abdruckc hergestellt, ilic alsbaUl nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden. 
Von(JedHchrnissredcn werden ebenfallsSonderabdrueke 
für den Hucldiandel licrgcstellt, indess nur dann, wenn tlie 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 
§9. 
Von den Souflcrabdruckeu aus Acn Sitzungsberichten 
erhält ein Verfiusscr, welrlicr Mitj»licd der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Verthcllung ohne weiteres 50 Frel- 
cxemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Zalil von 'JÜO (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigircnden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der (ienehniignng der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe, — Nichtniitglieder erhalten 50 Frei- 
exemplare und dürfen nach reehtzeitiger Anzeige bei ilem 
redigircnden Secretar weitere 200 Exemplare auf ilire 
Kosten abziehen lassen. 

Von <ien Sonderabdrueken aus rlen Abhandlungen er- 
hält ein A'erfasscr, welciier Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltliclier Vertheilung ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplai*e bis zur Zahl 
I von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
I zur Zahl von 100 (im ganzen also 230) abziehen zu lassen, 
I sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
I gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
i der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitgliedcr erhalten 30 Frci- 
! exemplai'e und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
I redij^ireiulen Secretar weitere 100 Exemplare auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

§ 17. 
Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte wissenschaftliche Mittheilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 
I Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 
S. 3 des Umschlags.) 



1039 

SITZUNGSBERICHTE loos. 

DER XLIII. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

5. November. Sitzung der philosophisch-historischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Diels. 

1. Hr. DiELS legte vor: Beiträge zur Zuckuiigsliteratur des 
(3kzidents und Orients. IL Weitere griechisclie und außer- 
griechische Literatur und Volksüberlieferung. (Abh.) 

Zu dein ersten, vor einem .Jahre veröftentlicliten Teile dieser .'Vbhandlnng- (Me- 
lampiis) wei-den zuerst Naciiträge gegeben, unter denen namentlich der Vitellische 
Zuckungspa|)yrus (s. 111 n. Chr.) bemerkenswert ist. Dann folgen die slawischen, ru- 
mänischen, arabischen, hebräischen, türkischen, altindischen Zuckungsbiicher und zuletzt 
ein Überblick über den europäischen, diesen Gegenstand betreffenden Volksglauben. 
P^s wird versucht, die animistische Grundlage der Palmomantik festzulegen. 

2. Derselbe legte vor: Die Stele des Mnesitheos. 

Die von Kuruniotis 1897 nicht ausreichend publizierte und bisher unentzifferte 
alteretrische Inschrift wird nach den von Dr. ZiEiiARra an Ort und Stelle gemachten 
piiotographischen Aufnahmen und Abklatschen veröffentlicht und ein Erklärungsversuch 
der schwierigen Inschrift gegeben. 

3. Hr. Harnack legt eine Abhandlung des Hrn. Prof. D. Karl 
Schmidt, wissenschaftlichen Beamten der Akademie, vor: Eine Epistola 
apostolorum in koptischer und lateinischer Überlieferung. 

4. Hr. Seler legte sein Werk vor: Gesammelte Abhandlungen zur 
Amerikanischen Sprach- und Alterthumskunde. Band 111. Berlin 1908. 

Von dieser altchristiichen Sciirift, die koptisch im Jahre 1895 entdeckt worden 
ist, haben sich in einem lateinischen Palimpsest Bruciistücke gefunden (s. Bick, Wiener 
Paliinpseste, I.Teil, 1908). Das Vei'hältnis der latcinisciien Stücke zum koptischen 
Text wird hier näher untersucht, ihr sekundärer Charakter festgestellt und die Schrift 
selbst näher bestimmt (2. Jahrhundert, griechisch, kleiuasiatisch; in der Tiieologie Eigen- 
tümliches und Berührungen mit Ignatius). 

5. Hr. Harnack legte vor: i. Kgl. Bibliothek zu Berlin. Alpha- 
betisches Verzeichnis der laufenden Zeitschriften. März 1908; 2. Syste- 
matisches Verzeichnis der laufenden Zeitschriften. Juli 1908; 3. A.HoRTZ- 
SCHANSKY, Die Kgl. Bibliothek zu Berlin. Berlin 1908. 



Sitzungsberichte 1908. 92 



1040 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. November 1908. 



Die Stele des Mnesitheos. 

Von H. DiELS. 



Hierzu Taf. XII. 



Uer um die Inschriften von Eretria hochverdiente Kuruniotis veröffent- 
lichte in der '6*HMepic ÄPXAioAoriKH 1897, S. 153 Nr. 7 eine aus derNekro- 
pole der Stadt stammende alte Inschrift in einer Nachzeichnung (Fig. i ), 
die wohl gestattete, den ersten und letzten Vers zu lesen, das übrige 
aber im Dunkel ließ. Da die altertümliche und eigentümliche Stele 
mein Interesse gereizt hatte, bat ich Hrn. Dr. Ziebarth, als er im Auf- 
trag der Akademie nach Euböa ging, um für das Corpus die dortigen 
Inschriften aufzunehmen, mir Photographie und Abklatsch jener Säule 
zu besorgen. Er brachte beides in zwei Exemplaren mit, und mit Hilfe 
der beiden Aufnahmen und der beiden Abklatsche ist es gelungen, 
weiterzukommen. Da aber bei dem schlecht gedichteten, schlecht ein- 
gehauenen und schlecht erhaltenen Epitnph eine völlig gesicherte Le- 
sung mir bisher nicht gelungen ist, so übergebe ich mit Genehmigung 
der epigrapliischen Kommission meine jetzige Abschrift (Fig. 2) mit 
der Reproduktion der größeren photographischen Aufnahme (Taf. XII) 
der Öffentlichkeit zur Nachprüfung. Wenn dann meine Lesung sei es 
bestätigt oder berichtigt sein wird, kann die definitive Bearbeitung im 
Corpus mit um so größerer Sicherheit erfolgen. 
Ich schicke meine Lesung voraus: 

XAipeie TOI nAPiÖNTec, erü a^ eANObN katAkgimai. 
AGYPo icüN anAngimai a'ngu, T^OC THAG T^eAnXAl " 
sgTnoc An' AiriNHC MNHcieGOC AoypymAxaio. 

(ilN MG ndNOHCG «IAH MHTHP TlMAP^TH" 

s TYMCoi Gn' akpotAtcoi cthahn äp' Amäto NeiOTI. 
IHAH Taasi, ä AiAH, an' gp^mn' ot' AnÜCAC. 

TlMAP^TH a' eCCTHCG «lACül GRI HAIAI GANÖNTI. 



DiELs: Die Stele des Mnesitheos. 1041 

Seid gegrüßt, ihr, die ihr vorübergeht; ich aber liege tot in der Erde. 
Tritt hierher und lies siillj wer hier begraben ist: ein Fremdling aus Aigina, 
Mnesitheos, der Sohn des Durymaches. Wehe, mich betrauerte meine liehe 
Mutter Timarete. Drum ließ sie kürzlich eine Säule eingraben (?) auf der 
Spitze des Grabhügels. Sei ihm nun gnädig, o Hades, da du Um in das 
Dunkel verstoßen hast. Timarete ist es, die sie errichtete über ihrem ver- 
storbenen Sohne. 

Fig.l. 

^^ IP^ T£ Tom P)Pi 9 

Abschrift von Kuuuniotis. 

V. 1 . Der Anfang kehrt wieder auf dem äginetischen Stein I. G. IV 50 
XAipere 01 nAPiÖNiec, wo Kirciihoff xaipet^ moi als metrisch korrekte Vor- 
lage vermutete. Die Stele von Eretria gibt nun das Richtige. Die Form 
TOI aus Homer wie fast alles von der las abweichende. 

2. ÄNAN^MeceAi in dem Sinn von »aufzählen« gebraucht Herodot 
1 173. Aber häufiger ist die hier zutreffende Bedeutung »lesen«. Außer 
dem vom Scholiasten zu Pindar Isthm. 2, 47 tayta NiKÄcinn', AnÖNeiwoN 
aus Sophokles fr. 144 und Theokrit 18,48 Zitierten ist Epicharm fr. 
224 Kalb, und Aristoph. Av. 1289 anzuführen. 

ANeü). Denn evoMweTN dem Toten gegenüber ist Pflicht. Der ab- 
hängige Satz T . . c THAe T^eAHTAi verträgt schwerlich eine andere Er- 
gänzung als tIc t. t., allein diese Form steht sicher nicht da. Die Spuren 
der Aufnahmen wie der Abklatsche deuten vielmelir auf die ionische 

92* 



1042 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. November 1908. 

Nebenform tgoc, über die ich zu Parmenides 8,46 gehandelt liabe '. 
Synizese wie im Genetiv und Dativ. 

3. KuRUNioTis las AiriAiEr, worunter wohl das auf Euboia lie- 
gende zu verstehen wäre. Herod. 6, 101 01 ag HepcAi nAeoNTec katg- 
cxoN TÄc N^AC THC ''GpeTPiKHC xü)PHc KATA TeMGNOc [Tamynac richtig Wesse- 
ling] KAI Xoip^AC KAI AiriAiA [PRZ: AiriAGA ABCJ. Vielleicht ist dieses 
AiriAiA mit der Insel Aipiaih identisch, die zwischen Marathon und 
Styra (südlich von Eretria) liegt. Herod. 6, 107 thn nhcon thn Cty- 
pecoN, KAAeoMGNHN AS AiriAiHN [ dlcs ergibt die Verbindung von Kl. I 
AirAeiHN und Kl. II AiriAeiAN]. Auch der attische Demos AiriAiA käme 
bei dieser Lesung in Betracht. Allein die genauere Betraclitung der 
Abklatsche zeigt, daß die Buchstaben Ai unten zusammenhängen, daß 
also AiriNHC gemeint ist. Bestätigt wird diese Abstammung dadurch, 
daß der Dichter eine auf Ägina übliche Eingangsformel verwandt hat. 
Der Name MNHcieeoc steht fest. Das ist wie in AOPYMAXAIO nach 
unten offen gebildet und nicht als a anzusprechen. Der Vatersname 
AoYPiMÄxHC oder dorisch Aupimäxac hat Analogien an Aoptkagiaac, 
Aopyaaoc, AoPYweNHc statt des üblichen Typus Aopiaaoc usw. Die 
Endung hc (ac) statt oc wie in 9appymäxac Thera LG. XII 3, 544. Sehr 
merkwürdig ist die Genitivbildung aio. An der Lesung ist kaum ein 
Zweifel möglich; denn ein Name wie AopymaxAto(y), wie man viel- 
leicht zur Not lesen könnte, entbehrt der Analogie. Für eine patro- 
nymische Bildung Aoypymäxaioc fehlt der Raum, da nach die Inter- 
punktion des Verses stehen muß. Es ist ausgeschlossen, daß man 
auf Ägina oder P^retria im 5. Jahrhundert noch eine Erinnerung an 
die alte Endung acjo gehabt haben könne. Vielmehr möchte ich dies 
AIO mit dem kerkyräischen Taaciafo vergleichen, das Blass mit Recht 
als willküi-liche Ausfüllung des Hiats in der epischen Endung betrach- 
tet hat". Nur bleibt dieser Dichter, indem er die Spirans mit 1 be- 
zeichnet, der Etymologie näher als der Kerkyräer. 

4. Große Schwierigkeit bereitet der Anfang des sonst völlig klaren 
Verses. Der erste Buchstabe ist undeutlich, da der Doppelpunkt, der das 
Ende des Verses bezeichnet haben muß, zusammen mit dem folgenden 
Buchstaben ausgebrochen ist. Doch ist ein runder Buchstabe o (= 0, 
CO, oy) oder wahrscheinlich. Da nach OIN ME gesichert scheint, ver- 
mute ich eine alte Form (iiN we == otwe, die sich folgendermaßen recht- 
fertigen läßt. Durch Menander Perinthia fr. 402, 10 (Gell. II 23, 8) 
und Heros 25 Lef. (ö"" Leeüw.) ist die Orthographie oTmmoi für die antike 
Tradition verbürgt. Sie findet sich auch auf einem thrazischen Grab- 



P. Lehrged. gr. 11. d. (Berlin 1897) S. 90. 
Satura Sauppio ohl. y. 131. 



DiELs: Die Stele des Mnesitheos. 1043 

stein (bei Kaibel 540, 6) und in der Überlieferung der Septuaginta, 
z. B. lud. 11,35 (A), in reg. 17, 20 (B'), Job 10, 15, Psalm. 1 19, 5 
neben dem üblichen otwoi. Die Form oTmmoi kann wohl nur aus oTnmoi 
erklärt werden, d. h. aus dem durch das paragogische n weitergebildeten 
oT, das, wie das ionische 01 (Aristoph. Fax 929) zeigt, aus oj durch 
Anhcängung von i oder in weitergebildet scheint. Diese Urform (i! 
oder (iiN Moi ergibt sich aber mit Sicherheit aus dem durch Oros über- 
lieferten u im moi neben ojmoi'. ojimoi ist auch in der guten Überlieferung 
Homers und der Tragiker an zahlreichen Stellen überliefert, wo die 
modernen Herausgeber otwoi durchgeführt habend So steht auch im 
Berliner Sapphofr. 2, 4 wim' uc aginä nenÖNeAMGN^. 

Die Verkürzung des vor folgendem Vokal bedarf keiner Er- 
läuterung. Wie aus zcofh zofh, zoh, wie hpuiköi zu hpoVköi gekürzt 
wird (Kaibel, Epigr. 279, 2), so wird aus u-fin moi (Ümmoi und öimmoi 
im Ionischen und o^mmoi im Attischen*. Das bewegliche n, das wie 
in nÄAiN und katohin bald erscheint, bald wegfällt, erklärt die beiden 
miteinander konkurrierenden Formen otwoi und oTmmoi. 

Der Verfasser des Gedichtes ist, wie die Behandlung der Eigen- 
namen zeigt, nicht im Besitze der gebildeten Verstechnik. Man könnte 
daher die Verlängerung des we vor neience im Iktus ertragen. Allein 
es ist möglich, daß oinme uin m' h bedeuten soll, h tritt bereits in 
feste Verbindung mit cü zu loi^, und nach ü moi hat schon das alte 
Epos gern das bekräftigende h zugefügt: Zi8 üj moi, TTHAeoc Yie aai- 
<t>P0N0c, H MAAA AYrPHc nsYceAi ArreAiHc. Typisch ist die Verbindung 
S nönoi, H MAAA H 745 u. ä. Es ist also nicht unwahrscheinlich, daß 
der Dichter uin m' in neNence verstanden wissen wollte. 

TiMAPeTH mit dieser barbarischen Prosodie (dagegen richtig V. 7) 
darf in antiker Kirchhofspoesie nicht befremden. Ebenso schlimm fehlt 
der zu V. i erwähnte äginetische Landsmann. 

5. TYMcji steht unzweifelhaft auf dem Steine. Die Ausstoßung 
des B wie auf den alten kerkyräischen Steinen (Röhl, I. A. 340. 344). 



' Lexic. Messanense (Rh. M. 47, 413. 23) uimoi [I. öimmoi usf.]- hapa tap tö 

ofMOI. TÖ Ae £a\OI Ö riNETAI AnÖ TOY & OYK 6X61 (scil. daS Iota) • OYAe FAP OIMUKTIKÖN 

SN [ich ergänze eN exON «] Smoi, äaaA HeiKtiic Ke?TAl tö «ÖJ. Zu meiner Er- 
gänzung- VgL Et. M. 822, 35 (OMOI [I. COWMOl]: eCTIN ANA<J>(iNHCIC AYnHC AHABTIKH SK TOY 
OWOI [1. oTmMOI] KATA 6KTACIN TOY Ö SIC ffi- efPHTAI FAP KAI oTmOI A i' ENÖC M. £1 

AS rpA*eTAi xcopic to? T fingtai Änö toy ä S moi (vgl. Crabier A. Ox. I 450, 4 zu Hom. 
A 149). 

- Im Venetus A der Ilias konstant, im Laur. des Aischylos und yopliokles z. B. 
Pers. 256, Aias 367. 

^ Berl. Klassikertexte V 2, 12. 

* Ob dies fi(n), das zugrunde liegt, etymologisch mit lat. vae, got. ncai zusammen- 
hängt, wie die modernen Etymologen behaupten, kann ich nicht beurteilen. Ist es 
der Fall, würde w - i genau unserm "O weh« entsprechen. 



1044 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. November 1908. 

Äp' ÄMÄTo NecjTi macht große Schwierigkeit, und doch scheint die 
Lesung im wesentlichen festzustehen. Die übliche Bedeutung von 
AMAceAi »sammeln«, die in der Verbindung thn enAwÄceAi auch im Toten- 
kult ihre Stelle hat (Herod. VIll 24. Anth. P. VII 404. 446, vgl. Theogn. 
228 und Antipater A. P. VII 241 ami^cac könin), kann unmöglich mit cthiah 
verbunden werden, wenn man nicht eine gedankenlose Verwendung 
fertiger Formehi bei diesem Stümper annehmen will. Eher ließe sich 
an die wurzelverschiedene Bedeutung »schneiden« denken'. Hesiod. 
Th.180 *iAOY a' Xnö MHAGA nATPOc GccYMeNioc HMHCG. Da Timarete Sub- 
jekt ist, so hätte das kausative Medium guten Sinn: »sie ließ sich 
eine Stele schneiden«. Man erwartet nun freilich »sie errichtete eine 
Stele«, allein das wird erst im letzten Verse ungeschickt genug nach- 
getragen. Ungeschickt wäre auch die Verbindung mit tymu en' akpo- 
TÄTcoi, die durch das Vorbild Homers m 14 nahegelegt war: 

TYMBON XeYANTGC KAI Sni CTHAHN ePYCANTeC 
nHIAMEN AKPOTÄTÜ) TYMBÜ) eS^HCeC £PeTMÖN. 

Älmlich hat aber auch der Alexandi-iner Leonidas gedichtet, Anth. 

P.Vn547: 

TAN ctAaan exAPAie BiÄNUP OYK eni matpi 
O'y'a' eni Tö reNGTA kta. 

Vielleicht hat aber AwÄceAi noch eine andre Bedeutung entwickelt. 
Von dieser Wurzel kommt nämlich unzweifelhaft amh »Schaufel« und 
AMÄPA »Wasserrinne« (O 259). Danach würde aman auch heißen können 
»in den Boden schneiden«, und amäto würde bedeuten »sie ließ die 
Stele auf der Spitze des Grabhügels eingraben«. Dazu war die Säule 
mit ihrem großen Rand nach unten (sie ist 0.70 m hoch, 0.40 m breit) 
unzweifelhaft geeignet. Wie sich aus amän »schneiden« die Bedeu- 
tung »in den Boden schneiden, graben« entwickeln konnte, liegt auf 
der Hand, doch kann ich dafür aus der Literatur keinen Beleg bei- 
bringen. 

Da alle diese Deutungen nicht durchschlagend sind, darf man we- 
nigstens noch hinweisen auf eine andre Lesung äpa mäto »sie suchte«. 
Die Dorier haben von dem Stamme ma, der in memaa vorliegt, ein Prä- 
sens MüJcGAi = zhtgTn entwickelt, das bei Epicharm, Theognis, Aischylos, 
Sophokles vmd Euj^horion vorkommt', aber nirgends mit dem Vokal a. 
So schwebt auch diese Erklärung in der Luft, und es ist zu hoffen, 
daß andere Befriedigenderes finden. 



' Über die verschiedenen Wurzeln am - und am - s. W. Schulze, Quaest. ep. 365 3. 
^ Ahrens, De dial. dor. 349. 



DiELs: Die Stele des Mnesitheos. 



1045 



NecüTi (so verstehe ich die sicher zu lesenden Zeichen) fasse ich 
als Nebenform zu ngucti. Dieses Adverbium ist offenbar wie MerAAucrl 
von dem einfachen Adverbium n^uc nach Analogie der von verbalen 
Ableitungen wie önomacti gebildeten Formen, in denen ti zum Adver- 
bialsuffix erstarrt schien, weitergebildet. Da nun diese einfachen For- 
men auf cöc wiederum Weiterbildungen der modalen Ablative auf u 
sind, so steht Neuii (oder n^coti?) neben Neucri wie üre neben ücje. Das 
von demselben *n^u) abgeleitete Adverbium n^cjta mag dabei mitgewirkt 
haben. Es kommt zuerst beim Keier Semonides vor, muß aber, wie 
die unionische Endung ta zeigt, viel älter sein. 

6 ist am wenigsten gut erhalten, namentlich der Schluß ist ganz 
zweifelhaft, doch widerstreitet die vermutungsweise Herstellung, so- 
viel ich sehe, nirgends den Spuren des hier arg verwitterten Steines. 
Ob man öc oder ot' lesen soll, kann zweifelhaft sein, doch scheinen 
Sinn wie Spuren, namentlich der Rückseite des Abklatsches, auf t zu 
führen. 

7 ist ganz sicher, nachdem das etwas schwer zu lesende eccxHce 
von Hrn. von Hiller glücklich gefunden war. 



Fig. 2. 



H^ P\\P^T^ TOI nP^Rio 

o I n rops/^AroE^ /^» An 

I r\J ^(, Ns A/Ei < Q^r\iChO^ 
OEc c CD ) D^mB T £ br I AN 

Aaf t e : t- umo I £ PAPpor 

H o T / r E «^ E )i^ f^O i o. i or/\ 
I n ^ D £Tf £l^E^^ rE^5 (D/n 

Abschrift von Diels. 



1046 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. November 1908. 

Über die altertümliche, wohl noch dem sechsten Jahrhundert an- 
gehörende Schrift sei folgendes bemerkt. Die Schrift war nach der 
mit dem Kalamos oder dem Griffel aufgezeichneten Vorlage zu- 
Kalkstein aufgetragen, und der Steinmetz hat, ohne den Vorteil seiner 
nächst in ganz treuer Nachahmung der Handschrift auf den grauen 
Technik wahrzunehmen, die unregehnäßigen und nur durch den 
Duktus des Kalamos oder Griffels erklärlichen Rundungen, so gut er 
konnte, nachgerissen. Aber er ist dabei sehr ungeschickt und bildet 
fast keinen Buchstaben wie den andern. So erscheint E (^ e, ei, h) 
bald mit drei, bald mit vier Querstrichen'. Einmal, Z. i 2 Anfang, er- 
scheint sogar H in der Funktion des e. P hat bald den chalkidisch- 
italischen unteren Seitenstrich R, bald nicht; einmal erscheint der 
Bauch unten (Z. 9). ist von o gewöhnlich nicht unterschieden, doch 
ist im Namen MNHcieeoc der Querstrich schön durchgeführt. 

M erscheint in wunderlich verschiedenen Formen, wie meine Um- 
schrift erkennen läßt. Bald verschwindet der mittlere Teil, wie in 
der ptolemäischen Kursive, bald bildet das Ganze einen Torbogen 
mit drei Säulen, wie das karische T'. K hat horizontale Querbalken. 
A und n sind, da sie beide oben gerundet sind, wie in der Kursive, 
oft nicht voneinander zu scheiden. O (^ 0, oy, u) ist unten, wie es 
scheint, öfter offen gelassen, t, das wie in der Kursive das Streben 
zeigt, die Ecken abzurunden und fast in die Mondsichel sich zu ver- 
flachen, macht oft große Schwierigkeiten. Daß die Schrift, wie X 
zeigt, rein ionischen Typus hat, ist bereits von Kuruniotis mit Recht 
bemerkt worden. Eretria gehört also, wie auch die andern dort pu- 
blizierten Inschriften zeigen, in das »blaue« Alphabet. 



' Siehe Pomtow, Milnchener Sitzungsher. 1907, 291. 

^ Siehe darüber zuletzt Kretschmer, Denkschr. der Wiener Akademie 53. II (1908) 
S.ioi a, 102 b f. 



Sitzungsher. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1908. 



Taf. XII. 




DiELs: Die Stele des Mnesitheos. 



K. SoHMiirr: Kine ;iltcliri.stlic'he Epistola apostnloriiin. 1047 



Eine Epistola apostolorum in koptischer und 
lateinischer Überlieferung. 

Von Prof. D. Karl Schmidt. 



(Vorgelegt von Hrn. Harnack.) 



xils ich im Jalire 1895 der Akademie einen kurzen Bericht über »Eine 
bisher unbekannte altchristliche Schrift in koptischer Spraclie« (Sitzungs- 
ber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1895, S. 705 ff.) vorlegte, welche ich in einer 
auf dem Institut francais in Kairo aufbewahrten Papyrusliandschrift 
entdeckt hatte, konnte ich nur darauf hinweisen, daß die Schrift inner- 
halb der altchristlichen Literatur von der Überlieferung verlassen sei, 
im übrigen sich als ein altes apokryphes Sendschreiben der Apostel 
nn die Gemeinden zu erkennen gebe. Inzwischen durfte ich durch das 
liebenswürdige Kntgegenkonnnen von Hrn. GnAssiNAx, dem jetzigen Di- 
rektor des Instituts, das Manuskript zu wiederholten Malen studieren, 
und wurde mir zugleich d'w, ehrenvolle Aufgabe zuteil, das wichtige 
Dokument in (ieauMuscliaft mit dem bekannten Agyptologen IIhlLacau 
in den Texten und Untersuchungen zu edieren. Vor der Vollendung 
dieser Ausgabe sind wir durch einen glücklichen Fund überrascht 
worden, der die Verzögerung der Edition des koptischen Textes ver- 
schmerzen läßt. 

Bei der Bearbeitung der in der k. k. Horbibliothek in Wien auf- 
bewahrten Palimpsesthandschriften entzifierte Ilr. Biljliotlicknr Dr. Bu;k 
auf einem Pergamentblatte des kostbaren God. Vindob. i6 eine Reihe 
zusammenhängender Sätze, die bisher jeder Lesung gespottet hatten. 
Dabei erkannte Hr. Bick, daß es sich um eine christliche Schrift hnndle, 
die, in Gesprächsform abgefaßt, als Überschrift den Titel Epistuhi trage, 
mithin ein Sendschreiben der Apostel an die Gläubigen darstelle, und 
— was noch größere Anerkennung beansprucht seinen angestrengten 
Bemühungen gelang die Identifizierung des lateinischen Bruchstückes 
mit dem koptischen Text auf Grund einer Notiz bei Hennkcke, Neu- 



1048 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. November 1908. 

testamentliche Apokryphen Bd. 1, S. 38. Ich konnte auf eine schrift- 
liche Anfrage die Identität nur bestätigen, und heute, wo Hr. Bick in 
seiner Publikation: Wiener Palimpseste, I.Teil: Cod. Palat. Vindobo- 
nensis i 6, olim Bobbiensis (Sitzungsber. d. k. Akad. d. Wiss. in Wien, 
phil.-hist. Klasse, 159. Band, 7. Abteilung) die Resultate seiner Bemühun- 
gen der gelehrten Welt vorgelegt hat, will ich an der Hand des kop- 
tischen Stückes die Tatsache selbst noch im einzelnen bekräftigen und 
im Anschluß daran eine Reihe von Fragen, die den Theologen und 
Literarhistoriker interessieren, kurz erörtern. 

Ich gebe zunächst den lateinischen Text nach der Ausgabe von 
Bick und bemerke im allgemeinen, daß der Text leider nur ein ein- 
ziges Doppelpergamentblatt (jetzt fol. 60 und 67) umfaßt, das außer- 
dem noch beschädigt ist und dessen Ränder stark beschnitten sind. 
Das Blatt ist in zwei Kolumen von je 18 Zeilen beschrieben; die Schrift 
ist eine schöne, regelmäßige Unziale und weist nach dem Urteil des 
Herausgebers auf das 5. Jahrhundert. Der Kodex selbst gehörte der 
Bibliothek des Klosters Bobbio an und ist höchstwahrscheinlich als 
Geschenk des Mutterklosters aus Irland dorthin gelangt. 

fol. 60' 

I [ ] potestatum saec^ 

[ ] non scierunt qu 

[ ] prüden absconsa sunt ab 

[. .] me[ ] te illo in quem d 

5 dud[ ]s quia ego inpleverit in se fin 

sum filius dei vivi potestates pioru[m] 

omnipotentis ego ut transeat inter 

sum pater omnium in partiones in [. .] 

ergo audi a me signa cule[ ]am et 

'° quae futura sunt in gem et finiuntur 

finem saeculi huius sunt universae f[a] 

ut transeat antequä mis magnae et pest[ilen] 

exiant electi de sae tiae magnae et ne[ces] 

culo dicam tibique sitates magnae in 

15 [. .]ba iam non fient [.]io [. .]oin[. . .]m et c[apti] 

[. .jsata' omni homini vi labuntur per un[i] 

et si ista futura sint versas gentes et ca[dunt] 

principes angelorü in mucronae glad[ii] 



' Über diesem Woit noch eine größere Rasur; wahrscheinlich war noch ein 
ausgelassenes Wort darübergeschrieben. 

^ Der rechte Rand des Blattes stark beschnitten, durchnittlich 2 — 3 Buchstaben 
in der Zeile weggefallen. 



K. Schmidt: Eine altchristliche Epistola apostoloruni. 
Epistula 



1049 

fol. 60^ 



n'[ r 

ep[ ] 

ncae[ ] 

aeli [ ]nt 

unc[ ] 

[. .] initiiim crit [. .] 
[.]rti a die iudam [. .] 

nae[ ] n[. .]r 

deni[ ] 

ang[ ] dcso[. .] 



ent[. 



•] 



•] 



el[. . . 
uri 1[. 



[ ] 

ignotum [ 

[ ]o autem d[. .] 

s Nos enim temptantes 
quo [. . .]r et n[. .] ne 

r[ ] erat [. .] 

Tu st[.]r [ ] 

^ [ ] 

[ ] 

n[ ] 

[ jesse [. .] un[. . 



] 



et [. 
[••■ 



■] 



•] 



in[. 



et [. 



•] 



e[. .]unii[. 

[ 

[ 



adoc [. 



•] 



.] apri[.] a[. 



•1 



. . .] le[ f fol- 67' 

]di 

. . . .]um venio 

]pe 

]ns caelos 

]utu 

]um vir 

]r virt 

...]et[;.; >[. .] 

] aiigelis r 

. . .Jiens in simil 

] effigies il[lo] 

rum quasi unus ex [il] 

lis ut [ ]t pot[es] 

tates et principes 

[• ■'■■■■■] e[.] 

[ ]o? 

[ ] ar[.] 



' Der linke Rand stark beschnitten, in der linken Kolumne in jeder Zeile 
durchschnittlich 2 — 3 Buchstaben weggefallen. 

' Die Zahl der unlesbaren Buchstaben läßt sich nicht immer mit Sicherheit feststellen. 

^ Am rechten Rande der rechten Kolumne durchschnittlich etwa 2 Buch- 
staben weggefallen. 



1050 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. November 1908. 

Epistula. 



• elus michael et 
[gjabriel et uriel et ra 
[f]ael palam comitati 
[s]uiit mihi usque ad 

5 quiiitum caelum 
[p]utantes me esse unü 
ex eis talis data est po 
[tjestas mihi a patre 
et tunc feci archan 

lo gelos [. .] stuporem 

vocis d[ ] ipsos ad 

[ajltaneum patris mei 
[sjervientes et replen 
[t]es ministratione 

15 [u]sque quo irem ad eü 
[s]ic feci per sapientiä 
[sjimilitudinis ego eni 
[i]n Omnibus omnia 



fol. 67 ' 



facutus sum sim 
ul ut voluntatem 
patris mei laudem 
qu['. ....■....] t[. .]a 
no implente in[. .] 
pentecosten et a 
mac[. . . .]o vet[. . .] 
patris mei nos[. . .] 
dicimus illi d[. . .]e 
do dicebas te nobis 
venire quomodo 
uto[. .]s qui te m[. .] 
Quid fati nobis to[. .] 
ego in patre[.] c[. . . .]9 
illi quid est quod de 

p[ ] quis notus 

[. . .] d[. .]antum t[.]o 
ubi a[. . . .] possimus 



Wie diese Ausgabe zeigt, ist dem Herausgeber eine vollständige 
Entzifferung des Palimpsestes trotz aller Anstrengungen nicht ge- 
lungen; wahrscheinlich wird man an der Hand des koptischen Textes 
noch diese oder jene Lücke ausfüllen können, da die Buchstaben 
nur unleserlich sind, aber die Hauptsache ist geleistet. — Behufs 
Vergleichung des lateinischen und koptischen Textes geht man am 
besten von den erhaltenen Stellen auf der 2. Kol. von fol. 67'' aus. 
Die wenigen Reste von Z. 3 ab finden ihre Parallele im koptischen 
Texte S. 13: »Es geschah aber (ae), als ich im Begriff war heraus- 
zukommen durch den Vater des Alls, ging ich vorüber (nAPAreiN) an 
den Himmeln, ich zog an die Weisheit (co<t>iA) des Vaters und ich 

zog an die Kj-aft (aynamic) seines \ Ich befand mich in den 

Himmeln, und an den Erzengeln (XpxÄrreAoi) und den Engeln (ArreAoi) 
ging ich vorüber (nAPÄrem) in ihrer Gestalt, gleichsam als (uc) wäre 
ich einer mit ihnen unter den Herrschaften (apxai) und Gewalten 
(eiOYciAi), und ich durchschritt sie, indem ich die Weisheit (cocoia) 
dessen, der mich gesandt, besaß. « 

In Z. 3 ist wohl {c)um zu lesen, Z. 5 (praeterie)ns caelos, ebenso 
Z. 1 1 (praeter) iens in simil(itudine). 



Hier steht ein mir unbekanntes koptisches Wort •siit m. 



K. Schmidt: Eine altchristliche Epistola apostolonim. 1051 

Die vorhergehenden Zeilen i und 2 scheinen den koptischen 
Satz enthalten zu haben: »Was er aber (a^) mir offenbart hat, ist 
das, was er sagt«, denn am Ende von Z. 2 ist wohl di(cit) zu lesen. 

Das auf Kol. i enthaltene Stück ist wegen der lückenhaften 
Lesung nicht zu identifizieren. Erst mit dem Texte auf fol. öy'', 
der sich unmittelbar an das Vorhergehende anschließt, betreten wir 
wieder festen Boden. Im Koptischen lautet die Stelle also: 

»Der Oberanführer (ÄPxiCTPATHröc) der Engel (ÄrreAoi) aber (Ae) 
ist Michael und Gabriel und Uriel und Raphael; sie aber (ag) be- 
gleiteten mich bis zum fünften Firmament (ciepecoMA), denn (tap) sie 
dachten bei sich, daß ich einer von ihnen Wcäre. Der Vater aber (ae) 
gab mir die Kraft (aynamic) von dieser Beschaffenheit, und an jenem 
Tage schmückte ich die Erzengel (APxÄrreAoi) mit einer wunderbaren 
Stimme, damit sie hineingingen zum Altar (evciACTHPioN) des Vaters 
und dienten (vnHPeTeTN) und vollendeten den Dienst (aiakonia), bis daß 
ich zu ihm (seil. Vater) zurückkehre. Also habe ich durch die Weis- 
heit (co<t>iA) der Ähnlichkeit gehandelt. Ich bin nämlich (rÄp) geworden 
alles in allem, damit ich (preise) die Veranstaltung (oikonomIa) des 
Vaters und vollende die Herrlichkeit dessen, der mich gesandt hat, 
und zu ihm zurückkehre. « 

Auf Grund des Kopten ist in Z. i zu lesen (ang)elus und mit dem 
Schluß von Kol. 2 foLöy"" ar(chang)elus. Z. 10 scheint (in) stuporem ge- 
standen zu haben, Z. i i bedarf noch einer Nachprüfung. Wahrscheinlich 
ist Kol. 2 Z. 4 zu lesen qu(i me misit). Damit bricht plötzlich im Lateini- 
schen der Zusammenhang ab, denn die Zeilen 5 fl". zeigen keine Ver- 
wandtschaft mit dem koptischen Text, der die merkwürdige Erzählung 
von der Herabkunft Christi in Gestalt des Engels Gabriel und von seiner 
Formung im Mutterleibe der Maria bietet. Daran schließt sich die Epi- 
sode von dem Jünger, der ins Gefängnis geworfen und von Trauer 
erfüllt ist, daß er das Passahfest' mit den übrigen Jüngern nicht feiern 
kann; zu diesem Zwecke wird er wunderbarerweise aus dem Gefängnis 
befreit. Darauf befragen die Jünger den Herrn über die Art seiner Wieder- 
kunft, insbesondere ob er in irgendwelcher KJraft oder in irgendwelcher 
sichtbaren Gestalt erscheinen werde, und weiter, wann die Zeit seiner 
Wiederkunft statthabe. Auf S. 17 des Textes lesen wir: »Wir aber (a^) 
sprachen zu ihm: Herr, nach wieviel Jahren wird dies geschehen? 
Er sprach zu uns: Wenn das Hundertundzwanzigstel vollendet sein 
wird zwischen der Pentekoste (neNTHKOCTH) und dem Fest der Unge- 
säuerten, wird stattfinden die Ankunft des Vaters.« Da treffen wir 



^ Das Abendmahl wird als Agape bezeichnet; scheinbar wird das Passahfest in 
Anlehnung an die jüdische Praxis gefeiert. 



1052 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. November 1908. 

auf eine Parallele mit Z. 6f., wenn wir ergänzen: a(n)no? implente 
in{ter) pentecosten et a(zy)ma e(rit a)dv(entus) patris mei. 

Demzufolge liegt der lateinische Text in verkürzter Gestalt vor 
uns, indem ein Stück von fast drei koptischen Seiten ausgefallen ist. 
Dieser Ausfall beruht nicht auf mechanischem Zufall, sondern auf 
bestimmter Absicht, da der Abschreiber an dem heterodoxen Charakter 
des Inhaltes mit Recht Anstoß nahm. 

Die weitere Frage der Jünger knüpft an das letzte Wort an, wenn 
es heißt: «Wir aber sprachen zu ihm: Jetzt nun, was hast du zu uns 
gesagt: Ich werde kommen — und wie (nöc) sagst du: Der, welcher 
mich gesandt hat, ist es, der kommen wird?« Einen ähnlichen Text 
muß auch der Lateiner vor sich gehabt haben; eine sichere Ergänzung 
der Lücken wage ich nicht, nur in Z. i 2 ist zu ergänzen qui te m(isit). 
Z. 13 scheint mir nicht richtig entziffert zu sein, da die Lesung des 
Herausgebers: quid fati nobis keinen Sinn gibt. Man erwartet eine 
Antwort Jesu, daher vielleicht zu lesen: qui dicit nobis, entsprechend 
dem Koptischen: «Da sagte er zu uns«, denn der Anfang der Rede 
lautet: »Ich bin ganz in meinem Vater und mein Vater ist in mir.« 
Davon bietet der Lateiner nur to(tus) ego in patre (meo?). Wiederum 
hat der Lateiner die höchst merkwürdige Christologie des Originals unter- 
drückt, wenn es im Koptischen heißt: «Ich bin ganz in meinem Vater 
und mein Vater ist in mir nach der Ähnlichkeit der Gestalt (mop^h) 

und ' und der Fülle (?) und dem Licht und dem vollendeten 

Maße und der Stimme. Ich bin der Logos (aötoc), ich bin ihm ein 
Etwas geworden, d. h. (ich bin? der Gedanke), vollendet im Typus 
(jYnoc); ich bin geworden in der Achtheit, d.h. der kypiakh.« 

Und kehren wir zum Lateiner zurück, so läßt Z. 1 5 illi quid est 
quod auf eine Frage der Jünger schließen, denn illi deutet auf Christus 
und ist in Analogie von Z. 9 zu lesen : (dicinms) illi ; wenn wir Z. 1 6 
richtig mit p(atre) ergänzen, so haben die Jünger um Aufklärung über 
die Seinsweise im Vater gebeten. Die Schlußworte sind im Lateinischen 
unverständlich. Dieses Stück ist uns infolge Ausfalls eines Blattes 
im Koptischen nicht erhalten. 

Damit wende ich mich zu dem Texte auf fol. 60. Hier ist nur 
der Text der Versoseite so weit entziffert, daß man den Sinn im all- 
gemeinen erfassen kann. Christus spricht von den Signa, die am Ende 
dieses Säkulums vor dem Herausgehen der Electi stattfinden werden und 
die den Principes angelorum potestatum saeculi verborgen sind. Diese 
Zeichen werden, wie der Herausgeber richtig bemerkt hat, in Anlehnung 
an Luc. 21, 11. 24 geschildert. 



' Hier steht wieder das Wort osin. 



K. Schmidt: Eine altchristliche Epistola apostolonim. 1053 

Leider können wir den koptischen Text nicht zur Vergleichung 
herbeiziehen, da am Anfang 4 Blätter verloren sind; auch im Latei- 
nischen wird diese Stelle am Eingange gestanden haben, da zwischen 
fol. 67 und fol. 60 m. E. 12 Seiten ausgefallen sind. Das Doppelblatt 
bildete nämlich die äußere Lage eines Quaternio, da man auf dem Verso 
von fol. 67 nach Bick die Quaternionenzahl Villi liest. Gegen die 
Zusammengehörigkeit der beiden Stücke könnte man den Wechsel der 
Personen ins Feld führen; auf fol. 60"' steht dem Herrn ein »Ich« 
gegenüber (vgl. i. Kol. Z. 9 audi a me u. Z. 14 dicam tibi), während 
auf fol. 67 unter »wir« die Gesamtheit der Jünger zu erkennen ist. 
Aber in meiner früheren Notiz hatte ich schon die Vermutung aus- 
gesprochen, daß hinter dem »wir« doch ein »Ich« stecke, das sich 
ohne Zweifel am Anfang genannt hätte. Für die Zusammengehörig- 
keit spricht auch die gleiche Überschrift Epistula auf den beiden Verso- 
seiten und nicht zuletzt die eigentümliche Christologie, denn auf fol. 60"' 
bezeichnet sich Christus unmittelbar nebeneinander mit filius dei vivi 
omnipotentis und mit pater omnium, ebenso unterscheidet er auf 
fol. 67 und im koptischen Texte den Pater meus und anderseits 
identifiziert er sich mit dem pater. In dieser Beziehung ist deut- 
lich die Aussage: »Ich bin ganz in meinem Vater und mein Vater ist 
in mir. « 

Ist demgemäß an der Identität des lateinischen und koptischen 
Textes nicht zu zweifeln, so ist dieser Befund, mag auch der latei- 
nische Text für die Kenntnis des Originals nur wenig beitragen, nach 
verschiedenen Seiten hin von weittragender Bedeutung. 

Zunächst beachte man den paradoxen Gang der Überlieferung. 
Eine altchristliche Schrift wird uns aus der Bibliothek des Schenute- 
lüosters bei Sohag in Oberägypten in koptischer Sprache geschenkt, 
und zugleich taucht sie in lateinischem Gewände im Kloster Bobbio 
auf. Das Original dagegen ist spurlos verschwunden, denn dasselbe 
war in griechischer Sprache abgefaßt und nicht, wie Bick meint, 
in koptischer. Lateinische Übersetzungen aus dem Koptischen gibt 
es ebensowenig wie Originalschriften in koptischer Sprache, abgesehen 
von den Werken des Schenute. Die altachmimischen Stücke gehören 
ausschließlich der Übersetzungsliteratur an. Auch trägt der lateinische 
Text deutlich den Charakter einer Übersetzung aus dem Griechischen 
an der Stirn (vgl. pentekoste und azyma). Die Zeit der lateinischen 
Übersetzung ist wahrscheinlich das 3. oder 4. Jahrhundert. Füi- den 
Literaturhistoriker ergibt sich daraus die wichtige Erkenntnis, daß 
die lateinische Übersetzungsliteratur der altchristlichen Schriften einen 
viel größeren Umfang gehabt hat, als man nach den gelegentlichen 
Zitaten der Kirchenväter urteilen kann; ich erinnere nur an die Di- 



1054 Sitzung der philosophisch-liistorisclien Classe vom S.November 1908. 

dache, den Klemensbrief, die Didaskalia, Apostolische Kirchenord- 
nung u. a. 

Unsere Schrift führt in der hiteinischen Übersetzung auf den bei- 
den Versoseiten die Überschrift Kpistula, die Fortsetzung des Titels 
auf den Rectoseiten ist durch Beschneidung des Randes weggefallen, 
aber der koptische Text läßt über den Charakter der Absender keinen 
Zweifel, wenn es heißt S. 9: »Deswegen haben wir kein Bedenken 
getragen euch zu schreiben in betreff des Zeugnisses (maptypia) unseres 
Erlösers (cuthp) Christus, was er getan hat, während wir ihn beständig 
begleiteten. « Wir haben ein Sendschreiben der Apostel an die katho- 
lischen Gemeinden unter dem Titel enicTOAH tän ÄnocTÖAcoN vor uns. 
Da erhebt sich die Frage, ob nicht die sonstige Überlieferung einen 
Hinweis auf diese verschollene Schrift bietet. Ich glaube ilui in einer 
ganz isolierten Notiz bei Origenes hom. in Lev. 10 gefunden zu haben: 
Sed est et alia adhuc religiosa (ieiunandi ratio), cuius laus quorun<lam 
apostolorum litteris praedicatur, invenimus enim in quodam libello 
ab apostolis dictum: Beatus est, qui etiain ieiunat pro eo, ut alat 
pauperem. Hier ist ausdrücklich von einem Libellus die Rede, der 
den besonderen Titel »Brief der Apostel" trägt, und wenn wir be- 
denken, daß unsere Schrift in Ägypten zu den kirchlichen Schriften 
gerechnet und deshalb einer Übersetzung ins Koptische im 4. oder 
5. Jahrhundert gewürdigt ist, wird sie in Alexandrien dem Origenes 
nicht unbekannt geblieben sein. 

In dieser enicxoAH tön AnocTÖAUN besitzen wir nun — und das 
ist das Epochemachende an dem Funde — ein denkwürdiges Doku- 
ment aus jener Epoche der Kirchengeschichte, deren Literaturprodukte 
fast vollkommen untergegangen sind. Unsere Schrift stammt, meiner 
Überzeugung nach, aus Kleinasien; dafür sj^richt die eigentümliche 
Verwertung und Vorliebe für Johanneische Gedanken', wie z. B. der 
Logosbegriff und die Betonung der cApi, die Phrase: »der Vater, der 
mich gesandt hat«, die Anführung des Herrngebotes Joh. 13, 34 
usw.; dafiir spricht weiter die theologische Haltung. Nach Kleinasien 
weisen nämlich die eigentümlichen christologischen Vorstellungen, die 
unter dem Sammelnamen »Monarchianismus« begriffen werden, denn 
die Bezeichnung Christi als Pater omnium bzw. Pater, die Vorstellung 
von der Übereinstimmung des Vaters und des Sohnes der Gestalt, der 
Fülle, dem Lichte und der Stimme nach, lassen an der Identität des 
Vaters und des Sohnes keinen Zweifel ; diese Vorstellung freilich wird 
durchkreuzt von der andern, daß Christus als der Logos, als der im 
Typus vollendete Gedanke bezeichnet wird. Nicht deutlich erkennt 



' Dem Verfasser sind auch die übrigen Evangelien bekannt. 



K.Schmidt: Eine altchristliche Epistola apostolonim. 1055 

man, ob der Verfasser mit den modalistischen Monarchianern an der 
Einheit der Substanz imd der Person festhält oder mit Irenäus den 
Logos für eine besondere Oflenbarungsform des einen Gottes ansieht; 
wahrscheinlich neigt er letzterem zu, indem er Christus mit der gött- 
lichen CO0IA identifiziert. Jedenfalls lehnt unser Verfasser die doke- 
tisclie Konsequenz des Modalismus ab und betont in Übereinstimmung 
mit Irenäus die wirkliche Menschheit Jesu. Wo nämlich eine pole- 
mische Abzweckung zutage tritt, ist sie ausschließlich gegen die 
doketische Auffassung der Person Jesu und gegen die Leugnung seiner 
wie der Auferstehung der Menschen im Fleische gerichtet. Diese An- 
sichten sind aber so wenig den Häretikern eigentümlich — Simon 
und Kerinth bilden nur bloße Namen — , daß vielmehr die Jünger 
selbst ihnen anhangen und erst durch die Predigt und Erscheinung 
Jesu von ihrem Irrtume bekehrt werden. Nun wissen wir aus den 
Briefen des Ignatius an die Gemeinden in Ephesus, Tralles und Smyrna, 
wie sehr diese doketischen Vorstellungen in großkirchlichen Kreisen 
Kleinasiens verbreitet waren. Man möchte fast glauben, daß der Ver- 
fasser der Epistula die Stelle Ignat. ad Smyrn. c. 3 bei der Abfassung 
seines Auferstehungsberichtes vor Augen gehabt habe: "Erü rAp kai 

MGTA THN ÄNÄCTACIN EN CAPKI AYTON oTaA KAI niCTSYCO ONTA. K AI OTG nPOC 

TOYC nepi HeTPON HAeeN, e*H ay'toTc' AÄBexe, YHAA*HCATe mg kai TAexe, bri 

OYK eiMI AAIMÖNION ACCÜMATON. KAI GY'eYC AY-JOY H4>ANT0 KAI eniCTeYCAN, KPA- 

eeNxec th capki aytoy kai tu nNGYMATi (vgl. ad Trall. c. 9), denn der 
Herr geht mit den Weibern in das Haus, wo die Apostel um Petrus 
vereinigt sind, und fordert Petrus neben Thomas und Andreas auf, 
ihn zu berüliren, infolgedessen die Jünger sich überzeugen, daß er 
wirklich im Fleische auferstanden ist, und diese ihre Überführung 
den Gemeinden für die Wahrheit der Lehre mitteilen. M. E. hat 
unser Verfasser die Ignatiusbriefe gekannt; in welche Zeit wir aber 
seine Schrift zu setzen haben, bleibt eine ofl'ene Frage ; man kann 
ebenso viele Gründe für die Datierung vor als nach der Mitte des zweiten 
Jahrhunderts anführen. Jedenfalls war der Kanon der ntlichen Schriften 
noch keine so festumrissene Größe, als daß nicht ein Mann der katho- 
lischen Kii'che zur Ergänzung der Tradition gewissermaßen ein Evan- 
gelium quadraginta dierum unter apostolischer Flagge den Gemeinden 
darbieten und damit eine Literatui-gattung produzieren konnte, die die 
Gnostiker so meisterhaft ausgebildet hatten. 

Und zuletzt noch eine neue Perspektive! In letzter Zeit hat sicli 
eine lebhafte Debatte über den Charakter der sogenannten apokryphen 
Apostelakten, besonders des Petrus und des Johannes, entwickelt. Die 
Epistola apostolorum widerlegt mit Evidenz die Ansicht jener Gelehrten, 
die in den Apostelakten gnostische Geistesprodukte erkennen wollen. 

Sitzungsberichte 1908. 93 



1056 Sitzung der philosophisch-historischen Classe vom 5. November 1908. 

Der angebliche gnostische »Panchristisinus«, wie er in den Johannes- 
und den Petrusakten hervortritt, wird durch unsere Schrift als katlioli- 
sches Gut einer archaistischen Zeit der kleinasiatischen Kreise erwiesen. 
Einer der auffälligen Sätze in den Johannesakten S. 201, 11 (ed. Bonnet): 
riNCJCKe rÄp we oaon hapä tö nATPi kai tön nATePA hap' eMOi findet sich 
wörtlich in jenem obigen Satze: «Ich bin ganz in meinem Vater, und 
mein A'ater ist in mir«, nur wird der doketische Standpunkt der 
Johannesakten energisch abgelehnt. Aber hier haben wir das Milieu. 
Die Publikation des koptischen Textes, die hoffentlich bald erfolgen 
wird, soll den A^ollgültigen Nachweis der vorgetragenen Gedanken 
liefern, zugleich wird sie auch zu weiteren Diskussionen Veranlassung 
geben, denn unsere Schrift gibt noch manche Rätsel auf. 



Au.sgegeben am 12. November. 



1057 

SITZUNGSBERICHTE iöos. 

DER XLIV. 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

5. November. Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 

1. Hr.HELMERT las über Unvollkommenheiten in dem Gleicli- 

gewichtszustande der Erdkruste. 

Sowohl die Ergebnisse der Gradmessungen wie diejenigen der Schweremessungen 
weisen darauf hin, dass die Massenanhäufungen der Erdkruste, welche als Festländer 
und Hochgebirge auftreten, compensirt sind durch Dichtigkeitsveränderungen, so dass 
im grossen und ganzen die Erdkruste mit dem Eidinnern sich in einer Art hydro- 
statischem Gleichgewichtszustande befindet. Aber in Strenge besteht derselbe nicht, 
wie gewisse Anomalien der Schwerkraft erkennen lassen. Solche zeigen sich u. a. in 
Centraleuropa und Ceutralasien. Sie weisen darauf hin, dass für das Gleichgewicht 
der Erdkruste auch die Elasticität derselben und wohl auch der darunter liegenden 
Magmaschicht von Bedeutung ist, womit sich vielleicht auch der Widerspruch hebt, 
der in den Ergebnissen für die Dicke der Erdkruste aus seismischen luid geodätischen 
Beobachtungen zur Zeit besteht. 

2. Hr. Branca legte eine Arbeit des Hrn. Dr. F. Tannhäuser vor: 
»Analysen des Neuroder Gabbrozuges «. 

Es werden die Analysen der folgenden Gesteine beigebracht: Gabbro, Anorthosit, 
Pyroxenit, Forellenstein, Diabas, Gabbroaplit, Spessartit. Diese Analysen werden nach 
dem von Osann angegebenen Verfahren berechnet, soweit als nöthig discutirt imd die 
Analysenorte in ein gleichseitiges Dreieck eingetragen. 

3. Hr. Waldeyer überreichte einen bei dem Curatorium der Hum- 
boldt-Stiftung eingegangenen S. A. von Hrn. H. Spethmann: »Vulkano- 
logische Forschungen im östlichen Zentralisland« als Ergebniss der mit 
Mitteln der Stiftung 1907 ausgeführten Expedition. 



93* 



1058 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. November 1908. 



Unvollkommenheiten im Gleichgewichtszustande 

der Erdkruste. 



Von F. R. Helmert. 



1 ür eine hydrostatisch geschichtete Erde gilt für die Schwerkraft 
im Meeresniveau die bekannte CLAiRAUTSche Formel, verbessert um 
ein kleines Glied von der Ordnung des Quadrates der Abplattung, 
welches E. Wiechert und G. H. Darwin bestimmt haben. Über die 
Ableitung dieser Formel aus den Beobachtungen auf der wirklichen 
Erde, welche zunächst nur eine versuchsweise sein kann, vgl. diese 
»Sitzungsberichte« von 1901, S. 328 — 336. Eine erste Ableitung 
für die ClairautscIic Formel hatte ich schon 1884 im 2. Bande meiner 
»Theorien d. höh. Geod. « gegeben; obwohl das Beobachtungsmaterial 
damals weit geringer war als 1901, fand sich die Konstante für das in 
sin" der Breite multiplizierte Glied doch schon fast genau überein- 
stimmend mit dem neuern sicherern Wert. Die abgeleitete Formel 
zeigte nirgends Abweichungen A^on den Beobachtungen, die eine 
generelle Abweichung der Schichten vom Gleichgewichtszustande be- 
dingen würden; das von A.Iwanow abgeleitete kleine Glied 3. Ranges 
in der Formel für die Beschleunigung (/ kann wegen seiner Unsicher- 
heit nicht dagegen sprechen. 

Die Abweicliungen der Beobachtungen rührten also wesentlich 
(außer von Beobachtungsfehlern) von der gestörten Massenlagerung 
der äußeren Erdschichten her, trotzdem diese infolge des einge- 
schlagenen Rechnungsverfahrens, der sogenannten Kondensations- 
methode, einigermaßen unschädlich gemacht worden war. Indem 
nämlich bei der Berechnung von 1884 die ersichtlichen positiven und 
negativen Abweichungen der Massenlagerung der äußersten Schichten 
in die Tiefe von 2 1 km verschoben und die Schwerkräfte g ent- 
sjDrechend reduziert Avurden (zunächst um Konvergenzbedenken zu be- 
seitigen), entsprachen die g annähernd dem Zustand einer gleichmäßi- 
gen Erdkruste von etwa 40 km Stärke. 1901 gestattete die Menge des 
Materials die Vereinfachung, einerseits nur Stationen an den Steil- 
küsten der Festländer, andrerseits nur solche mehr im Innern der- 
selben und abgesehen von Hochgebirgen zu A^erwenden, wobei nur 



Helmert: UnVollkommenheiten im Gleichgewichtsz.ustande der Errlkruste. 1059 

die Höhenredviktion wie in freier Luft angebracht wurde und sicli 
infolgedessen ein Unterschied in der mittleren Uröße der Schwerkraft 
für beide Gebiete, den ich 1884 zuerst erkannt hatte, fand, aber frei 
von einer Annahme über die Tiefe der Kondensationsfläche. 

Damals fehlten allerdings noch vuufassende direkte Beobachtungen 
der Schwerkraft auf dem Meere. Zwar sprachen verschiedene Unter- 
suchungen für ihr angenähert normales Verhalten daselbst'; aber sie 
machten einen unmittelbaren Nachweis nicht entbehrlich. 

Bekanntlich gelang es Nansen bei seiner Polarfahrt, auch die 
Schwerkraft auf dem tiefen Nordpolarmeer messen zu lassen ; sie ergab 
sich annähernd normal. Er konnte sich auf dem mit dem Eise sanft 
treibenden Schift' der üblichen Pendelmethode bedienen. 

Im allgemeinen war aber diese Methode auf dem Weltmeer natür- 
licherweise nicht anwendbar. Als daher die guten Ergebnisse be- 
kannt win-den, die Moun bei der Bestimmung der Schwerekorrektion 
der Quecksilberbarometer mittels neuerer Siedethermometer auf meteoro- 
logischen Stationen in Norwegen erzielt hatte, faßte ich den p]nt- 
schluß, nach dieser Methode die Schwerkraft auf dem Meere bestimmen 
zu lassen". Der Umsicht und Tatkraft des Observators im Geodä- 
tischen Institut Hrn. Prof. Dr. Hecker gelangen zunächst Messungen auf 
einer Linie über den Atlantischen Ozean nach Rio de Janeiro, 1901, 
wozu die Internationale Erdmessung Reisekosten in Höhe von rund 
7000 Jt bewilligte. Der gute Erfolg ermutigte zu einer zweiten, 
I 3 monatigen Reise, 1904/05, bei welcher der Stille und der Indische 
Ozean sowie das Rote und das Mittelländische Meer befahren wurden. 
Die I. E. gab hierzu Reisekosten in Höhe von rund 21000 Ji. Die 
Schwerkraft auf der Tiefsee zeigte sich auch hier im großen und 
ganzen normal ''. 

Das im allgemeinen normale Verhalten der Schwerkraft auf allen 
bisher untersuchten Teilen der Erdoberfläche bildet, wie schon vorher 
erörtert, die Grundlage der Lehre von der Isostasie, dem »Gleichge- 
wichtszustand« der Erdschichten. Die sich zeigenden Abweichungen 
der Schwerkraft haben einen lokalen oder regionalen Charakter und 
werden daher durch lokale und regionale Störungen der Massenlage- 
rung in den äußeren Erdschichten erklärt. Diese Schichten werden 
als «Erdkruste« oder »Erdi-inde« zusammengefaßt, durch welche Be- 



' Vgl. Helmert, Theorien d. höh. Geod. II. S. 364/365; Schwerkraft im Hoch- 
gebirge, S. 48 u. f. 

- Sitziingshericlite 1902, S. 126. 

^ 0. Hecker, Bestimmung der Schwerkraft auf dem Atlantischen Ozean usw., 
Berlin 1903. — Bestimmung der Schwerkraft auf dein Indischen und Großen Ozean 
usw., Berlin 1908. 



1060 Sitzung der pliysikalisch-niathematischeu Classe vom 5. November 1908. 

zeiclmung auf ihre Festigkeit hingewiesen wird. Denn solche müssen 
sie bei ihrer ungleichartigen Zusammensetzung besitzen, um in sich 
im Gleichgewicht zu bleiben, welches ein elastisches ist, während die 
tieferen, in sich homogenen Schicliten in hydrostatischem Gleichge- 
wicht angenommen werden können. 

Da nun aber auch die Erdkruste mit dem Erdinnern in hydro- 
statiscliem Gleichgewicht sein soll, so muß sich unterhalb der Erd- 
kruste eine Niveautläche angeben lassen, auf welcher der Druck der 
darüber bis zur physischen Erdoberfläche (genauer: bis zur Grenze 
des Luftmeeres) liegenden Massen für die Flächeneinheit überall der 
gleiche ist. 

Dies ist im wesentlichen die Hypothese von Pratt. Auch deckt 
es sich mit den Annahmen von G. K. Gilbert.' Bei strenger Erfüllung 
von Pratts Hypothese würde die innere Begrenzung der Kruste selbst 
eine Niveaufläche sein. Ist die Massenverteilung nicht ganz entsprechend, 
so wird sich die Kruste durchbiegen, die innere Begrenzung wird keine 
Niveaufläche mehr sein; es wird sich aber eine tieferliegende Niveau- 
fläche angeben lassen, wo Druckausgleichung stattfindet. 

Diese Niveaufläche kann man als «Ausgleichsfläche« bezeichnen. 

Wenn Pratts Hypothese erfüllt ist, so müssen sich die Schwere- 
störungen lS.g lediglich aus Höhenstörungen der Massenlagerung über 
der Ausgleichsfläche erklären lassen. Dies gelingt aber nicht völlig; 
man muß daher auch noch Horizontalverschiebungen annehmen, welche 
die JMassenlagerung gestört haben. Es treten sogar ausgedehnte Massen- 
störungen auf, wo die sich gegenseitig ausgleichenden Massen nicht 
erkennbar sind, so daß man nur schlechthin von Anhäufungen und 
Defekten sprechen kann, die sich also als erhebliche Abweichungen 
von Pratts Hypothese darstellen. 

Ehe dies weiter ausgefiilirt werden kann, ist der Begriff der 
Schwerestörung zu erörtern. 

Befindet man sich im Meeresniveau selbst, so ist /\g = g„ — y^, 
dem Beobachtungswert g„ der Schwerebeschleunigung vermindert um 
den Normalwert y„ nach Maßgabe der Formel. Der Index o zeigt die 
Meereshöhe Null an. 

Befindet man sich aber in der Meereshöhe H, so kann man zunächst 
7o aul" diese Höhe reduzieren, was durch Anbringung von — 0.00030S6 H 



' U. S. Coast and Geodetic Siirvey. Report for 1894. App. No. i (Report on 
a geologic exaiiünation of soiiie of tlie gravity stations). — Auch im wesentlichen 
wiedergegeben in Phil. Soc. of Washington, Bull. Bd. XIII, 1895, S. 31 — 76. (Results 
of a transcontinental series of gravity measurements by G. R. Putnam and Notes on 
the grav. det. by G. K. Gilbert). 



Helmert: Unvollkommenheiten im Gleichgewichtszustände der Erdkruste. 1061 

fiir H in m und g in cm geschieht.' Der Unterschied des so ge- 
wonnenen Normalwertes 7 gegen y, also /\g = g — 7, kann man als 
die totale Schwerestörung im Beobachtungspunkte bezeichnen. 
Die Berichte des Zentralbureaus der Internationalen Erdmessung von 
1900, 1903 und 1906 geben u. a. diese totalen Störungen an. Sie 
sind dort mit^^ — y„ bezeichnet, indem man sich die Größe 0.0003086 H 
nicht an der normalen Schwere, sondern mit umgekehrten Zeichen an 
der beobachteten angebracht denkt. Es entspricht dies der Reduktion 
des beobachteten g aufs Meeresniveau wie in freier Luft. 

Diese Reduktion ist überdies ein erster Schi-itt aller verschiedenen 
Reduktionsarten. 

Die genannten Berichte geben nun noch die Schwerestörungen an, 
wenn g nach Bouguer reduziert wird, wenn also das eben erwähnte g„ 
noch um die Anziehung der in der Umgebung des Beobachtungsortes 
über dem Meeresniveau liegenden Masse befreit wird'. Diese Reduktion 
habe ich früher eingehend erörtert und nachgewiesen, daß dabei von 
der Erdkrümmung abzusehen ist, so daß entferntere Massen nicht in 
Betracht kommen ■\ Wie ich gezeigt habe, hat man sich die über dem 
Meeresniveau liegenden Massen auf dieses projiziert zu denken. Dann 
gibt der Unterschied /\g" = gl — 7o , wo gl die nach Bouguer (und auf 
horizontales Gelände) reduzierte Schwerebeschleunigung ist, ein Maß 
für die unterhalb des Meeresniveaus liegenden Massenstörungen in 
Form einer im Meeresniveau liegenden kondensierten Schicht. Gibt 
man dieser ursprünglich die Dichtigkeit 2.4, so entspricht bekanntlich 
jedem 0.00 1 cm in l\g" eine Stärke der Schicht von lom. 

Af/gibt in gleicherweise ein Maß der ganzen Massenstörung ; eigent- 
lich ist zu diesem Zwecke l\g' = ^o — 7o zu bilden, wobei g'^=zg^-\- Ge- 
ländereduktion ist. Diese letztere ist immer positiv; bei Berggipfeln 
läßt sie die wirkliche Massenstörung zu groß erscheinen, indem sie 
nur die ideelle gibt. Ich habe daher C^g beibehalten (zumal die zur 
Bildung von ß,g' erforderliche Geländereduktion oft nicht ermittelt ist). 
Allerdings ist l\g kein genaues Maß der Massenstörung. Das schadet 
insofern wenig, als man doch um Einzelbetrachtungen in verschie- 
denen Fällen nicht herumkommt, indem auch die strenger berechneten 



' Sitzungsber. 1903, S. 651. 

^ Über das ganze bis jetzt bekannte Material der Schweremessungen und Schwere- 
störungen geben Auskunft die Berichte über die relativen Messungen der Schwerkraft 
mit Pendelapparaten von F. R. Helmert und E. Borrass in den Verhandlungen der Inter- 
nationalen Erdmessung von 1900, 1903 und 1906. 

In dem erstgenannten Berichte sind die angegebenen Schwerestörungen noch auf 
meine neue Formel von 1901 durch Anbringung von — 0.034 bis — 0.046 cm zu re- 
duzieren. (Verhandlungen von 1903, II, S. 134.) 

' Sitzungsber. 1902, S. 845 — 849; S. 851— 853. 



1062 Sitzung der ph)'sikalisch-niatlieinatischen Classe vom 5. November 1908. 

ideellen unterirdisclien Massenstörungen ja auch noch nicht die 
wahren sind. 

Zu erwähnen ist nocli der Einfluß der durch die Massenstörung 
erzeugten Störung des Meeresniveaus auf die Schwerestörung. 

Als unerheblich beiseite lassen kann man die Störung des Meeres- 
niveaus durch die Kondensation der äußern Massen. Erheblicher kann 
aber der Gesamteinfluß der störenden Massen sein. Erzeugt er eine 
Höhenstörung des Geoids gegen das Normalsphäroid im Betrage von N, 
so ist genauer' 



und also 



.V'o-Yo ^ 3 ( &D _N 



2 0,„ R . ,, @„.N 



3© 7o •'" 

worin QD die Flächendichte der den inneren Störungsmassen entsprechen- 
den ideellen störenden Schicht im Meeresniveau bedeutet; R Erdradius 
und ©,„ mittlere Erddichte = 5.52. 

Mit ^ 2.4 folgt angenähert für Metermaß: 

l> = io'.A^:+2.3iV. 

Nach der Gesamtheit der Schwere- und Gradmessungen wird N 
kaum irgendwo ± 1 00 m erreichen ; der Anteil an D also wird nur 
rund höchstens etwa 200 m betragen. Innerhalb Gebieten von 1000 km 
Ausdehnung Avird sich aber N so wenig ändern, daß für relative Werte 
die Größe N außer Betracht bleiben kann. Dies gilt in gleicherweise 
auch für Betrachtungen auf Grund der totalen Schwerestörung Af/. 

Wenn in einem Gebiete von nahezu kontinentaler Größe A^ vor- 
herrschend dasselbe Zeichen hat, so wird sich daselbst auch ein Be- 
trag von N von gleichem Vorzeiclien einstellen, da die entfernten Ge- 
biete geringern Einfluß haben. Für solche Fälle wird daher der Ab- 
solutwert von D etwas größer sein, als aus I\g allein folgt. Haben 
A(/ und N aber verschiedenes Vorzeichen, so wird der Einfluß von N 
in ü immer wesentlich geringer sein. 

Die Gültigkeit von Pratts Hypothese im Sinne einer allgemeinen 
Regel folgt, wie schon bemerkt, aus dem im allgemeinen geringen 
Betrag der Schwerestörungen, sowie ihrem ziemlich rasch wechselnden 
Charakter. 

Es gibt aber eine Reihe systematischer Abweichungen, die in be- 
zug zu den äußeren Formen der physischen Erdoberfläche stehen und 



' Sitzungsber. 1902, S. 848 (2). 



Helmert: Unvollkoinmenheiten im Gleicligewiclitszustande der Erdkruste. 1063 

deren nähere Betrachtung für die PRAXTSche Regel mehr oder weniger 
beweiskräftiges Material bietet. Die betreuenden Gebiete sind die kleinen 
ozeanischen Inseln, die Nähe der Steilküsten des Meeres, die allgemeinen 
Erhebungen der Festländer übers Meei-esniveau, sowie die Berggipfel 
und Gebirgstäler bzw. Gebirgsfüße. 

Was zunächst die Inseln aidangt, so fand ich 1884 bei der ersten 
Ableitung der Normalformel für g, daß die gegen das Festland viel zu 
groß erscheinenden Werte von g auf den kleinen ozeanischen Inseln 
durch Kondensation der Inselmassen in 2 i km Tiefe erheblich vermin- 
dert und dem Normal wert nähergebracht wurden. Eine größere Kon- 
densationstiefe würde die g dem Normalwerte noch nähergebracht haben ; 
Faye gibt an, daß die gänzliche Entfernung der Inselpfeiler im Mittel 
die g auf die Werte des Festlandes bringe. Hiernach würde doch bei 
den Inseln eine gewisse Massenanhäufung anzunehmen sein, die jedoch 
nur einen Bruchteil des Inselpfeilers betrüge'. Die Hauptvergrößerinig 
von g wird bei den kleinen Inseln zweifellos im Sinne der PnATTSchen 
Hypothese durch das Heraustreten der Inselmasse aus der Kruste her- 
vorgebracht, weil sie dadurch dem angezogenen Punkte, den man sich 
auf der Inselmitte zu denken hat, näherkommt. Bei größeren Inseln 
mit bedeutender Landfläche macht sich der Umstand geltend, daß in g 
nicht schlechthin die Anziehung der Inselmassen zur Geltung kommt, 
sondern die vertikale Komponente derselben. Für entferntere Massen- 
teilchen nimmt diese infolge der Erhebung ab, und so kommt es, daß 
Inseln von der Form ausgedehnterer Scheiben, oder gar Festlandsgröße, 
auf ihrer Oberfläche nur geringe Schwerezunahme zeigen. Abgesehen 
von der Küstennähe ist bei den Festländern die Vergrößerung von g 
nur in den Tausendstelzentimetern spürbar". Bei einem Kontinent, der 
eine vollständige Kugelschale wäre, würde die Wirkung auf Punkte 
außerhalb nach einem bekannten Satze überhaupt streng Null sein. 

Am größten ist die Wirkung bei Inseln von ganz geringer Land- 
fläche, da ja noch die Böschung in Betracht kommt. Bei den Hawaii- 
inseln, wo die Schwerestörung auf Oahu rund +0.250 cm beträgt, ist 
indessen trotz der geringen Landtläche die Erhebung der Inselmasse 
kaum ausreichend zur Erklärung des Schwerkraftsüberschusses. Daß 
hier eine beträchtliche Massenanhäufung statthat, zeigt auch die Stö- 
rung auf Hawaii, wo di-ei Hochstationen von im Mittel 3000 m Höhe 



' Vgl. Faye in Comptes Rendus 1880, Bd. 90, S. 1444 und 1883, Bd. 96, S. 1259, 
sowie Helmeri, Theorien II, S. 227. 

- O. E. ScHierz hat dieses genauer untersucht (sowie auch den Eintluß der Küsten- 
nahe) in dem Werke: Fr. Nansen, Tlie Norwegian North Polar Expedition 1893 — 1896, 
VIII (Results of the Penduhim Observations and some Remarks on the Constitution of 
the Earth's Crust). 1900. 



1064 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. November 1908. 

eine mittlere totale Schwerestörung im Betrage von etwa 0.573 ^^i 
zeigen. 

Bei Kor.sika, Sizilien und der Halbinsel Kalabrien dürfte dagegen 
(abgesehen vom Ätna mit Umgebung) der größte Teil der Schwere- 
störungen durch die Erhebung der Massen aus der Tiefe zu er- 
klären sein. 

An den Steilküsten der Festländer muß eine positive Schwere- 
störung bestehen, auf die ich auch schon 1884 aufmerksam wurde. 
Später bestimmte ich dieselbe zu etwa +0.036 cm'. Schi0tz er- 
örterte in seiner vorhergenannten Untersuchung dieselbe eingehend 
auf Grund der PnATTSchen Hypothese. Neuerdings wies er auch an 
den HECKERSchen Messungen" auf dem Atlantischen Ozean die absolut 
noch etwas größere, aber negative Schwerestörung auf dem Meere 
über dem Fuße des Küstenabfalls (also in etwa 1 00 km Abstand von 
der Küste) nach, auf welche Störung er früher (a. a. 0.) durch theo- 
retische Betrachtungen schon hingewiesen worden war. 

Die Tiefe der » Ausgleichstläche « würde man wohl aus den an 
den Steilküsten beobachteten Schwerestörungen berechnen können, 
und zwar mit mehr Aussicht auf Erfolg als aus den Werten für die 
kleinen Inseln, wo, wie mir scheint, außer den Massenverschiebungen, 
die der PßATTSchen Hypothese entsprechen, noch besondere Massen- 
anhäufungen nicht selten sein werden. Indessen müßten der lokalen 
und regionalen Störungen wegen auch da spezielle Rechnungen fiir 
eine größere Anzahl Stationen durchgeführt werden. Außer den 
Küstenstationen wären auch eine Anzahl im Innern der Festländer 
gelegener Stationen zu berücksichtigen. Die Berechnung verwickelt 
sich noch dadurch, daß die Niveauverschiebung, welche mit der Er- 
hebung der Kontinentalmassen aus der ursprünglich homogen gedachten 
Kruste heraus Hand in Hand geht, nicht ganz außer acht bleiben kann. 

Bei den Schwerestationen des Festlandes pflegte man früher 
meistens nach Bouguer aufs Meeresniveau zu reduzieren. Ich fand 
jedoch 1884, daß man zu weit besserer Übereinstimmung gelange, 
wenn man nur wie in freier Luft reduziere. Diese Reduktionsweise 
war eine Folge meiner Kondensationsmethode; auch Faye hatte sie 
angegeben (vgl. a. a. 0.). 

Sieht man von Berg und Tal ab und betrachtet nur die allge- 
meine J]rhebung der physischen Erdoberfläche übers Meeresniveau bei 
den ausgedelinten Festländern, so zeigt sich, daß — abgesehen von 



' Sitzungsberichte 1901. S. 330. 

'' O. E. ScHieT/, Die Schwerkraft auf dem Meere längs dem Abfall der Kon- 
tinente gegen die Tiefe. Chiistiania 1907. 



Hf.lmekt: UnVollkommenheiten im Gleichgewichtszustande der Erdkruste. 1065 

der Nähe der Küste — die Wirkung des Aufsteigens dieser platten- 
artigen Massen aus der Tiefe der Erdkruste auf die Schwerebescldeuni- 
gung nur gering sein kann. Nur die Berggipfel und die Gebirgstäler 
erzeugen größere Störungen, erstere solche positiver, letztere solche 
negativer Art. 

Auf die bezüglichen Untersuchungen von Sterneck und Gilbeut 
habe ich schon früher hingewiesen und einiges hinzugefügt'. 

Am Rande einer so gewaltigen, ausgedehnten Erhebung, wie es 
das zentralasiatische Hochland ist, müssen ähnliche Erscheinungen wie 
an den Steilküsten der Festländer auftreten — verstärkt sogar wegen 
der fast verdoppelten Masse, die über der Flächeneinheit der unge- 
störten oberen Begrenzung lagert. Die Verminderung der Schwerkraft 
am Fuße des Himalaja läßt sich zweifellos zum größten Teil aus der 
Pratts Hypothese entsprechenden Erhebung der Massen erklären'"'. 
Messungen von Major Lenox-Conyngham in den Jahren 1 904 und 1 905 
geben nördlich von Kalkutta direkt am Gebirgsfuße aus zwei Stationen 
mit loom Höhe die totale Störung — 0.128 cm. Von da ab nimmt 
sie allmählich ab auf nahezu Null in etwa 1 50 km Abstand. Im Gebirge 
dagegen wächst sie ins Positive und steigt bei 50 km Abstand vom 
Gebirgsfuß in 3586m Höhe auf + 0.199 cm. Weiter hinauf reichen 
die Beobachtungen in dieser Gegend nicht. 

Etwa I 500 km östlicher ergeben die zum Teil älteren Messungen 
dasselbe Bild: am Fuße in etwa 100 km Abstand vom Abfall bei 
215 m Höhe — 0.066 cm Störung, auf der Höhe von 4696 m in 300 km 
Abstand vom Fuße'^ -4-0.033 cm, dfizwischen (zwei neuere Stationen) 
in 2142m Höhe -(-0.091cm Störung. 

Alles dies weist darauf hin, daß im Himalaja mit seinem gegen 
5000 m hohen Hinterland von Tibet die Massenverteiluug Pratts 
Hypothese nahezu entsprechen dürfte; inwieweit läßt sich allerdings 
ohne eingehendere Rechnungen nicht sagen. Wichtig ist aber für diese 
Frage noch eine Anzahl neuerer Beobachtungen des russischen Obersten 
Zalesski auf dem Pamir. Vier Stationen von rund 4000 m Meeres- 
höhe geben die geringe totale Störung -1-0.073 c"^- Hiernach ist 
die Abweichung der Massenlagerung von Pratts Annahme wohl nur 
gering. 



' Sitzungsberichte 1903, S. 658 — 664. 

^ Über die Schwerestörungen in Indien vgl. die Phil. Transactions of th(! 
R. 8. of London, Bd. 205, 1906, 8.289 — 318 (On the Intensity and Direction of the 
Force of Gravity in India, by Lieut.-Col. S. G. Burrard). Die Ergebnisse der neueren 
Messungen in Indien führt der Schwerebericht von 1906 auf. 

■" Dies ist die bekannte Station More. Hier ist die Schwerestörung vielleicht 
bis zu o.i cm zu klein erhalten, da ein leichteres Stativ verwendet wurde, das größeres 
Mitschwingen als das sonst benutzte gehabt haben dürfte. 



10fi6 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. November 1908. 

Indessen weisen zahlreiche Messungen in den nördlich und westlich 
angrenzenden Gebieten auf bedeutende, außerhalb dieser Hypothese 
liegende Massenstörungen hin. 

Horizontale Verschiebungen traten schon sehr deutlich hervor bei 
den Österreichischen Alpen und den Karpathen in einer im Jahre 1892 
von General v. Stkrneck gegebenen graphischen Darstellung seiner eige- 
nen Ergebnisse von Schweremessungen in diesen Gebirgsländern'. Für 
die Schweizer Alpen fand solche Verschiebungen Messerschmitt 1897'. 

Neuerdings wurde es von dem italienischen Leutnant Costanzi 
besprochen und durch Karten dargestellt, wol)ei auch für Italien Ver- 
schiebungen der Massen in horizontaler Richtung erkannt wurden^. 

In Zentralasien zeigen sich nvui in einem ausgedehnten Gebiete 
Turkistans, das an 1 500 km Länge und 500 km Breite hat und den 
obern Lauf des Amudarja und Sirdarja und ihrer Quelltlüsse bis zum 
Pamir umfaßt (zwischen 38° bis 41° Breite und 67° bis 74° Länge), an 
28 Sclnverestationen lediglich negative l\g, im Mittel bei i 320 m Meeres- 
höhe — 0.106 cm totale Störung. Am Pamir selbst, etwa i 20 km nörd- 
lich von den obenerwähnten vier Hochstationen, ist die Störung bei 
2800 m Höhe — 0.06S cm. Es wird sich lohnen, diese Erscheinung 
durch genauere Rechnungen mit Pratts Hypothese zu vergleichen. 
Voraussichtlich wird sich ergeben, daß in dem bezeichneten großen 
Gebiete Massen fehlen. Die betreffenden Massen Verminderungen finden 
vielleicht durch einen Teil der Massen des Hochlandes von Tibet ihren 
Ausgleich; doch würde es sich da um Horizontalverschiebungen von 
Tausenden von Kilometern handeln. 

Bemerkenswert ist noch, daß große Teile von Asien, die aller- 
dings weit weniger eingehend als Turkistan untersucht worden sind, 
negative Schwerestörungen zeigen, die durch Pratts Hypothese nicht 
erklärt werden können. Achmatow stellte in einem größeren Gebiet am 
Baikalsee auf 7 Stationen Messungen an, die im Mittel Ar/ = — 0.037 cm 
ergaben. Nordöstlich davon hat in Jenisseisk die Schwerestörung nach 
Oberst Wu^kitzki denselben Betrag. Ferner ist l\g nach demselben Beob- 
achter auf den 3 Stationen am Ob: Tobolsk, Beresow und Obdorsk 
im Mittel — 0.055 cm. Hier handelt es sich um einen Streifen von 
3000 km Länge, dessen Breite noch unbekannt ist. Nach Süden hin 
dürfte allerdings seine Ausdehnung gering sein, da zwei Stationen 



' Mitteihingeii des k. u. k. niilitär-geograph. Instituts, Bd. 12, 1892, Beilage X. 

^ Das sciivveizerische Dreiecksnetz, 7. Bd., 1897, S. 210 und 214. 

^ Les deplacements des niaxima de l'anomalie jiositive et negative de la pesanteur 
relativeinent ä la configiu-ation du terrain (Comptes Rendus, 1907). — Abbozzo di una 
carta delle isoanomale della gravitä nell" Europa centrale e nel Giappone meridionale 
(Rivista geogr. italiana, 1907). 



Helmert: ünvollkommenheiten im Gleicligewiclitszustande der Erdkruste. 10()7 

Zalesskis nordöstlich vom Balchaschsee Af/ = + 0.007 cm im Mittel 
ergaben, so daß jener Streifen mit dem vorher betrachteten Gebiet 
negativer Störungen in Turkistan, das 1000 km südlicher liegt, kaum 
zusammenhängen dürfte. 

Andeutungen eines ausgedehnten negativen Gebiets gaben auch 
noch 2 Stationen Mukphys aus der i . Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
am Euphrat und 10 Stationen im nördlichen Teile des Roten Meeres, 
welche 1 896 durch eine von der Wiener Akad. d. Wiss. ausgesandte 
Expedition bestimmt wurden. Hier ist angenähert l\g = — 0.030 cm. 

In Vorderindien (abgesehen von der Nähe des Hochgebirges) und 
in Westturkistan, den beiden noch hauptsächlich untersuchten konti- 
nentalen Teilen Asiens, ist Ar/ von wechselndem Vorzeichen. 

Während nun also doch in Asien große Gebiete mit negativer 
Schwerestörung vorhanden bzw. angedeutet sind, dagegen hervorragend 
positive Gebiete (abgesehen von der Nähe der Küsten und von Japan 
mit seinem insularen Charakter) zur Zeit nicht aufgefunden wurden, 
stellt sich Europa als ein Gebiet dar, wo positive A^ in weiten Ge- 
bieten vorherrschen (immer abgeselien von den Steilküsten). 

Dieses Gebiet erstreckt sich von England bis zum Ural, also über 
mehr als 4000 km in Länge, bei mindestens 1000 km Ausdehnung in 
Breite. Besonders treten hervor England und Schottland mit A^ etwa 
gleich +0.040 cm, Dänemark mit etwa ebensoviel, Bornholm mit etwa 
+ 0.058 cm, Norddeutschland zwischen den Meridianen von 8° und 16° 
Länge wieder mit + 0.040 cm (die anderen Teile sind noch nicht ge- 
nauer untersucht), Österreich nördlich von 484-° Breite (besonders also 
Böhmen) mit etwa +0.050 cm, und dann weiterhin das bis jetzt 
auf etwa 400 km Länge und Breite untersuchte Uralgebiet mit etwa 
+ 0.070 cm. In Norddeutschland ist auffallend, daß der Harz unter- 
irdisch nicht im geringsten kompensiert ist, das Riesengebirge nur 
wenig; die totale Schwerestörung steigt daselbst bis rund +0.140 cm. 
In Süddeutschland beträgt l\rj im Mittel etwa +0.033 cm (abgesehen 
von der Nähe der Alpen). Auch Ungarn hat vorherrschend positive 
Werte. 

Die übrigen Gebiete im Süden: Südfrankreich, Spanien, die Alpen- 
länder, Italien, Dalmatien bieten wechselnde Werte, desgleichen Nor- 
wegen. Dort scheinen im Norden negative Störungen vorzuherrschen. 
Durch sehr geringe, zum Teil schwach negative Störungen zeichnen 
sich Schweden und Finnland aus; 7 Stationen, die über die Küste 
von Lund über Ilaparanda bis Helsingfors ziemlich gleichmäßig ver- 
teilt sind, ergaben A^ = — 0.004 cm. 

Die im vorstehenden besprochenen weit ausgedehnten Störungs- 
gebiete zeigen Massenanhäufungen und Defekte an, die Schichten von 



1068 Sitzimg der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. November 1908. 

mehreren Hundert Meter Dicke äquivalent sind und die sich als Ab- 
weichungen von Pratts Hypothese charakterisieren, da sie auch kaum 
in Einflüssen der Erhebung N des Geoids über das Normalsphäroid 
ihre Erklärung finden werden. Obgleich nun diese Dicke von — sagen 
wir — 500 m im Vergleich zur Stärke der Erdkruste, welche Wiechert 
nach seismologischen Untersuchungen ungefähr zu 30 km annimmt', 
sehr gering (kaum 2 Prozent) ist, so wird doch bei der Größe der 
Flächen, über die sich die Störung erstreckt, die elastische Bean- 
spruchung der oberen Erdschichten wohl eine recht bedeutende sein. 
Es wird zu untersuchen sein, ob zur Herstellung des Gleichgewichts 
die Annahme einer 30 km starken Kruste, die auf einer sehr nach- 
giebigen" Magmaschicht ruht, ausreicht, oder ob nicht entweder eine 
weit stärkere Kruste anzunehmen ist, oder auch für die Magmaschicht 
elastischer Widei-stand vorauszusetzen ist, der nur im Laufe vielhundert- 
jähriger Beanspruchung zum Weichen gebracht wird'. Das letztere 
dürfte wohl das Richtige sein. Eine Niveaufläche mit überall gleichem 
Drucke würde sich dann überhaupt nur näherungsweise in einiger Tiefe 
unter der Kruste vorfinden. 

Dieses würde damit übereinstinnnen, daß die Tiefe der »Ausgleichs- 
fläche« nach TiTTM.\NN u. Hayford ' aus Untersuchungen der Lotab- 
weichungen im Gebiete der "Vereinigten Staaten von Amerika zu etwa 
1 1 4 km folgt und daß auch die Größe von /\ff an den Steilküsten 
einen Wert verlangt, der sich diesem Betrag melir nähert als 30 km. 

Hinsichtlich der Ausnahmestellung, welche A^ in .Schweden im 
Vergleiclie zu dem ausgebreiteten europäischen positiven Störungsgebiete 
aufweist, sei endlich noch darauf hingewiesen, daß daselbst noch fort- 
dauernde Niveauverschiebungen an der Küste nachgewiesen sind^. 



' E. WiECHERT und K. ZoEPPRiTZ, Ul)er Erdbebenwellen. (Gott. Nachr.) 1907, 
S. 469 u. 470. 

^ Ebenda, einerseits S. 468, aber andrerseits auch S. 419/420. 

' Vgl. hierzu: G. H. Darwin, On the Stresses caused in the Interior of the Earth 
by the Weight of Continents and Mountains (Phil. Transactions R. S. of L. 1882 I.). 
John J. Hayford, The Earth a Failing Structure (Bull. Phil. Soc. of Washington, 
Bd. X\', 1907, S. 57). Das Gleichgewicht der elastischen Erde behandelten: J. H. Jeans, 
On the Vibrations and Stability of a Gravitating Planet (Phil. Trnns. R. Soc. of London 
1903, Bd. 201, S. 157) und A. E. 11. LovE, The Gravitational Stability of the Earth 
(ebenda 1907, Bd. 207, S.171). 

■* \erliandlungen der 1. E. 1906, S. 234. 

* Verhandlungen der 1. E. 1900, S. 279. 



F. Tannhäuser: Analysen des Neuroder Gabbrozuges. 1069 



Analysen des Nenroder Gabbroznges. 

Von Dr. F. Tannhäuser. 



(Vorgelegt von Hrn. Branca.) 



In der älteren Literatur sind nur drei brauchbare Analysen von 
Neuroder Gabbrogesteinen vorhanden: G. vom Rath'"'""^ analysierte 
einen feinkörnigen Olivingabbro, einen Serpentin und einen 
feinkörnigen Diabas. p]ine vierte Analyse eines Forellensteins 
von A. Streng* ist mit ihrem Gesamtresultat von 102.40 recht un- 
genau. Weiteres Analysenmaterial der Neuroder Gabbrogesteine war 
daher sehr erwünscht; um so mehr, als meine Untersuchungen eine 
Reihe von neuen Gesteinstypen geliefert hatten. 

Bereits in meiner Mitteilung: »Ergebnisse der petrographisch- 
geologischen Untersuchungen des Neuroder Gabbrozuges « ' konnte ich 
zwei neue Analysen von Gabbro und Diabas veröffentlichen, die durch 
Hrn. Dr. A. Lindner in Breslau ausgeführt wurden. Hr. Privatdozent 
Dr. 0. Hauser in Charlottenburg übernahm weitere Analysen, für 
deren äußerst sorgfältige Ausführung ich ihm auch an dieser Stelle 
meinen verbindlichsten Dank sage. 

Um einen Gesamtüberblick über die chemischen Verhältnisse der 
verschiedenen Gesteinstypen zu erlangen, sind im nachfolgenden die 
neu vorgenommenen Analysen nochmals mit den schon vorhandenen 
zusammengestellt. 

Von den interessanten Gabbropegmatiten konnte leider eine 
Analyse nicht gemacht werden, da dieselben zu stark verwittert sind, 
ein Umstand, auf den ich schon in den vorher erwähnten Ergebnissen 
hingewiesen habe. 



\ ' u. ' Chemische Untersuchung einiger Grünsteine aus Schlesien. Pogg. Ann. 
XCV, S. 547, 553 u- 558- 

* Bemerkungen über den Serpentinfels und den Gabbro von Neurode in Schle- 
sien. N. Jahrb. f. Min. usw. XIX, S. 262. 

^ Sitzungsberichte 1907, S. 3 u. 5. 



1070 Sitzunt; der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. November 1908. 

I. Gal)l)ro, mittelkörnig, vom SO- Abhang des Bauerberges. (Ana- 
lysiert Dr. A. LiNDNEH.) 









M. 


olekularprozente 








Si02 =51.88 






SiOa 


= 57-19 








Ti02 = 1.09 






TiOa 


= 0.90 








AI3O3 = 20.40 






AUO3 


= 13-23 








FejOj = 0.79 






FeO 


= 4-34 








FeO = 4-04 






MnO 


= 0.09 








MnO = 0.09 






MgO 


= 5.66 








MgO = 3.42 






CaO 


= 14-44 








CaO = 12.23 






NaaO 


= 3-90 








Na.O = 3.65 






K,0 


= 22 








K^0 = 0.31 






P.O5 


= 0-03 








PjOä = 0.06 








100.00 








H2O = 1.66 
















99.62 














Spez. Gew. 


= 2.763. 














'""^^^ 58^09 


A C 


F 




a 


c ./' 


71 


k 


4.1 2 9.1 I 


15-42 




2.9 


6.3 10.8 


9.4 


0.99 



II. Aiioi'tliosit. mittelkörnig, mit sclilierigem Diallaggehalt von 
lichtgrüner Farbe, SW-Abhang der Sclihimpskojipe. (Analysiert Dr. 
0. Hauser.) 

Molekular Prozente 



SiOz =45.20 




Si02 =51.84 






TiOa = 0.31 




TiOj = 0.27 






AU03 = 29.72 




AI2 O3 = 20.05 






FejOj = 2.18 




FeO = 1.87 






FeO = - 




Mn = 0.09 






Mn = 0.09 




MgO = 6.00 






MgO = 3.49 




CaO = 18.92 






CaO = 15.40 




NaaO = 0.91 






Na,0 = 0.82 




K^O = 0.05 






K2 = 0.07 




100.00 






Glühverlust = 2.80' 










100.08 










Spez. Gew. = 2.92. 










lel- ' '^ ^ 


F 


a c f 


n 


A- 


52.1 1 0.96 19.09 


7-79 


0.7 13.7 5.6 


9-5 


I.Ol 



Formel 

Auffallend bei der Analyse ist der verhältnismäßig hohe Magnesia- 
gehalt, da das Gestein im allgemeinen sowohl makroskopisch als auch 
mikroskopisch nur wenig Diallag aufweist. Es ist dies aber dadurch 
zu erklären, daß sich der geringe Diallaggehalt gelegentlich in schlierigen 
Partien anreichert. 

Bei der Berechnung der Analyse zeigte sich ferner, daß das Gestein 
mit Tonerde übersättigt ist. Nach dem Beispiel Osanns" wurde in- 

' Hier und in den folgenden von Dr. O. Häuser ansgefiihrten Analysen bei 110°. 
"^ Osann: Versuch eitici- chemischen Klassifikation der Eruptivgesteine. Tscher- 
MAKs Miner. Mitt. 1900, Bd. IXX, S. 365. 



F. Tannhäuser: Analysen des Neuroder Gabbrozuges. 



1071 



folgedessen die geringe Differenz von o. i 7 dadurch ausgeglichen, daß 
eine diesem Tonerdeüberschuß entsprechende Menge (Mg Fe) dem 
Wert C zuaddiert wurde. 

Bemerkt sei noch, daß das Gestein vollkommen unzersetzt ist, so- 
daß der Tonerdeüberschuß nicht etwa auf fortgeführte Mengen von Kalk 
und Alkalien zurückgeführt werden kann ; vielmehr ist er in dem reich- 
licheren Diallaggehalt zu suchen. 

Die Bestätigung hierfür gab eine zweite Anorthositanalyse, zu der 
aber die Probe von einer Stelle genommen wurde, die fast frei von 
Diallagschlieren ist. 

IIa. Anorthosit, mittelkörnig, mit ganz geringem Diallaggehalt 
von liclitgrüner Farbe, SW-Abhang der Schlumpskoppe. (Analysiert 
Dr. 0. Hauser.) 









M 


olekularprozente 


SiO. 

TiO. =^^-" 








SiOa =54-34 
AI2O3 = 19.39 


AUO3 = 28.57 








FeO = 2.30 


Fe^Oj = 2.66 








MgO = 1.70 


FeO = — 








CaO =21.02 


MgO = 0.98 








Na^O = 1.17 


CaO = 17.01 








K2O = 0.08 


NaaO = 1.05 








100.00 


K2O = O.II 










Glühverlust = 2.1 1 










99.60 




Spez. Gew. = 2.640. 










Formel : 




F 


( 


a c f 


54.34 1.25 18.14 


6 


.98 





■9 I4-I 5-0 



9.4 



k 
1.06 



Wie aus der OsANNSchen Berechnung hervorgeht, ändert der ge- 
legentliche schlierenförmig auftretende Diallaggehalt nichts an dem Ge- 
samtcharakter des Gesteins, da die Formeln sich fast vollständig decken. 
Das Gestein ist nicht mit Tonerde übersättigt. 

III. Pyroxenit, grobkörnig, mit geringem Plagioklasgehalt, S- Ab- 
hang des Bauerberges. (Analysiert Dr. 0. Hauser.) 

Molekularprozente 



SiO^ = 50.25 


Si02 =49.06 


Ti02 = 0.23 


TiOa = 0.17 


AI2O3 = 5.15 


AJ2O3 = 2.96 


Fe^Oj = I.Ol 


FeO = 6.80 


FeO = 7-45 


MnO = 0.25 


MnO = 0.30 


MgO = 23.02 


MgO = 15.72 


CaO = 17.52 


CaO = 16.75 


Na2 = 0.22 


NazO = 0.23 


K2O = — 


K2O = Sp. 


100.00 


Glühverlust = 2.50 





99-59 



Sitzungsberichte 1908. 



94 



10/2 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. November 1908. 

Spez. Gew. = 3.10. 

T^,« A C F a c f n k 

lormel: „, 00 

49.23 0.23 2.73 44.86 o.i i.i 18.8 10 0.95 

IV. Oliviii-Gabbro, feinkörnig, von Buchau bei Neui'ode. (Analy- 
siert G. VOM Rath.) 





SiO. 


= 50.08 




AI.O3 


= 15-36 




FeO 


= 6.72 




MgO 


= 9-99 




CaO 


= 14-90 




Na,0 


= 1.80 




K.O 


= 0.29 




Glühverlust 


= 1.27 
100.41 


Spez. Gew. = 2.917. 






Formel (nach Osann)': 






s A c 


F 


a 


51.32 1.97 7.29 


30.16 


i.o 3 



15.5 9.0 0.91 

V. Forelleiisteiu, mittelkörnig, SW-Abhang der Schlumpskoppe. 
(Analysiert Dr. 0. Hausee.) 

Molekularprozente 



SiO, 


= 46.55 


SiO^ 


= 51.61 


TiO. 


= 0.33 


TiO. 


= 0.27 


Al.Oj 


= 24-87 


AhOj 


= 16.22 


Fe.03 


= 3-56 


FeO 


= 3-33 


FeO 


= 0.40 


JlnO 


= 0.05 


MnO 


= 0.06 


MgO 


= 10.61 


MgO 


= 6.38 


CaO 


= 16.83 


CaO 


= 14-17 


Na,0 


= 0.89 


Na.O 


= 0.84 


K2O 


= 0.19 


K3O 


= 0.26 




100.00 


Glühverlust 


= 3.00 







100.42 

Spez. Gew. = 2.88. 

.« A C F a c f n h 

Formel: ^^gg ^ ^g ^^^^ ^^^g ^^ ^^ ^g g^ q ^^ 

Die Analyse weiclit wesentlich von der oben angefahrten Streng- 
schen Analyse ab, und zwar nicht nur in bezug auf die Alkalien, von 
denen Streng selbst meint, daß dieselben mit 1.79 zu hoch angegeben 
sind; vor allem variieren die Werte von SiO^ = 41.13; Al^Oj = 13.56; 
FeO ^= 6.19; MgO = 22.52 und CaO = 6.72. Zum Teil mag dies 
seinen Grund in der stark wechselnden mineralogischen Zusammen- 
setzung der Forellensteine haben, liei denen bald der Feldspat, bald 
der Olivin überwiegt; ersteres war bei unserem Gestein der Fall, letz- 
teres bei Streng. 



A. a. O. S. 423 und 424. 



F. Tannhäuser: Analysen des Nenroder Gabbrozuges. 1073 

VI. Serpentin, Gipfel der Schlumpskoppe. (Analysiert G. vomRath.) 

SiOi = 38.78 

AI2O3 = 3.06 

Fe^Oj = 14.19 
Mn3 04 = 0.90 
MgO = 29.96 
CaO = 4-Si 
NajO = o.ii 
K2O = 0.29 
Glühverlust = 7.74 

99-5.'; 

Spez. Gew. = 2.912. 

Wegen des hohen Glühverlustes ist die Analyse zur Berechnung 
ungeeignet. 

VII. Diabas, mittelkörnig, N-Abhang des Hutberges. (Analysiert 

Dr. A. LiNDNEK.) 





M 


olekularprozente 




SiO. = 52.38 




Si02 =56.68 




TiOj = 1.70 




TiOj = 1.38 




AhOa = 16.59 




AI2O3 = 10.56 




Fe.Oj = 1.80 




FeO = 5.47 




FeO = 4-44 




MnO = 0.03 




Mn = 0.03 




MgO = 7.95 




MgO = 4.90 




CaO = 13.93 




CaO = 12.02 




Na^O = 3.69 




NajO = 3.52 




K2O = 0.26 




K2O = 0.38 




100.00 




P2O5 = O.II 








H.O = 1.43 








Feuchtigkeit = 0.21 








99-51 




Spez. Gew. = 2.931. * 








F«™«1= 58^06 3-95 6.61 


F 

20.77 


a c f 

2-5 4-2 13-3 


n k 
9.3 I.Ol 


VII a. Diabas, feinkörnig 


, Schlegeler Hinterberge. 


(Analysiert 


G. VOM Rath.) 










M 


olekularprozente 




SiOa =49-73 




SiOj =52.45 




AI.O3 = 13.07 




AUO3 = 8.11 




FeO =15.35 




FeO = 13.49 




MgO = 6.77 




MgO = 10.71 




CaO = 10.24 




CaO =11.57 




Na^O = 3.23 




NajO = 3.30 




K.O = 0.55 




K2O = 0.37 




Glühverlust = 0.82 




100.00 




99.76 








Spez. Gew. = 3.055. 








Fo™«l^ 5245 3.67 4.^ 


F 

31-23 


a c f 
1.9 2.3 15.8 


n k 
8.9 0.84 



94» 



1074 Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe vom 5. November 1908. 

VIII. Gabbroaplit. feinkörnig, W-Abhang des Hutberges. (Ana- 
lysiert Dr. 0. Hauser.) 







M 


olekularprozen 


ite 




SiO. 


= 47-31 




SiO. =54-36 






Ti03 


= 0.05 




Ti02 = 0.04 






ZrO^ 


= Sp. 




AI2O3 = 19.28 






AUO3 


= 28.52 




FeO = 4-48 






Fea03 


= 0.21 




Mn = 0.09 






FeO 


= 4-5° 




MgO = 0.33 






MnO 


= 0.09 




CaO = 17.91 






MgO 


= 0.19 




Na^O = 2.88 






CaO 


= 14-55 




K2O = 0.59 






Na^O 


= 2-59 




P2O5 = 0.04 






K.O 


= 0.81 




100.00 






P.O5 


= 0.08 










Glühverlust 


= 0.93 
99-93 










Spez. Gew. = 2.695. 










^°™^^= 54-40 3-47 


G 


F 


a c 


./ 


k 


15.81 


7.00 


2.7 12.0 


5-3 8-1 


0.92 



Wenn auch das Gestein nicht allzu reich an einer blaß- bis satt- 
grünen, strahlsteinartigen Hornblende ist, so muß doch der geringe Mag- 
nesiagehalt überraschen. Da nach Hrn. Dr. Hauser ein Versehen in der 
Analyse ausgeschlossen ist, muß man annehmen, daß eine Hornblende 
vorliegt, die reich an Eisenoxydul und Kalk ist. Im Einklang hier- 
mit stehen auch die optischen Verhältnisse; so wurde u. a. auf 00 Pcb 
(010) die Auslöschungsschiefe c:c = etwa 15° gemessen, indes waren 
genauere Daten nicht zu ermitteln, da es an geeigneten Schnitten fehlte. 

IX. Spessartit, dicht, W-Abhang des Hutberges. (Analysiert Dr. 
O. Häuser.) 

Molekularprozente 



SiO, 


= 50-44 


TiO^ 


= 0.72 


AUO3 


= 17-03 


Fe2 03 


= 1-50 


FeO 


= 11.02 


MnO 


= 0.18 


MgO 


= 5-OI 


CaO 


= 8.28 


Na^O 


= 3-02 


K2O 


= 2-53 


GlOhverlust 


= 0.32 




100.05 


. = 3.01 I. 


A 


C F 


; 4.90 


5-95 23.12 



SiO^ 


= 54-60 


TiO, 


= 0.58 


AlzOs 


= 10.85 


FeO 


= II. i6 


MnO 


= 0.16 


MgO 


= 8.14 


CaO 


= 9.61 


Na^O 


= 3-16 


K2O 


= 1-74 




100.00 



_ a c f n k 

Formel: ^^_jg ^_^q ^_^^ ^3.12 2.9 3.5 13.6 6.5 0.85 



F. Tannhäuser: Analysen des Neuroder Gabbrozuges. 



1075 



Die Eintragung der Analysenorte in ein gleichseitiges Dreieck 
ergibt folgendes Bild von ihrer Verteilung: 

F 





\ 




\/\ 




/x/v 




^ v\ 




A/\/\ 




"^^A/ V\ 




A^A/vx 




YyV V\ 


^/XXXX 


A/y\/v\/^, 




\A AA^AyS. 




AAkA/VxX 




\ AAyAAyAv\ 




5<^A/\AA AA 




\AÄy\Av\Ay\ 




'^A/VvVVxv 




\/\/Y\Y^Hy\y\ 




/\\/\I\I\Iy^y\ 


/XXXXXXXX) 


Vv VAAAvA/y^LV 


M/\AA/\A/\/\a 


/v v \AvAA/\a/v^ 



/ 



I. 


Gabbro 


'analysiert 


Dr. A. Lindner) 


2. 


Anorthosit 


)> 


Dr. 0. Hauser). 


2 a. 


» 


( " 


). 


3- 


Pyroxenit 


' 


). 


4- 


Olivingabbro 


( '- 


G. VOM Rath). 


5- 


Forellenstein 


[ » 


Dr. 0. Häuser). 


7- 


Diabas, mittel 


» 


Dr. A. Lindnee) 


7a. 


» fein 


» 


G. VOM Rath). 


8. 


Gabbroaplit 


» 


Dr. 0. Häuser). 


9- 


Spessartit 


» 


). 



c 



Bezüglich der speziellen petrographischen Charakteristik der ein- 
zelnen Gesteinstypen sei auf meine Arbeit: »Der Neuroder Gabbrozug 
in der Grafschaft Glatz«, N. Jahrbuch f. Mineralogie usw. 1908, Bei- 
lageband XXVI, Heft 3, S. 433 — 487 verwiesen. 



1 076 Sitzung der phys.-math. Classe v. 5. Nov. 1908. - Mittheilung v. 22. Oct. 

■ I 

Die Überschiebungen in der Pelopönnisos. 

I. Der Ithomiberg. 
Von Konstantin Anton Ktenas 

in Athen. 



(Vorgelegt von Hrn. Branca am 22. October 1908 [s. oben S. 987].) 



Vorliegende Untersuchungen bezwecken die Zusammensetzung des Olo- 
noskalksystems in der Pelopönnisos (Philippson) und seine tekto- 
nischen Verhältnisse zu den übrigen Gliedern der Halbinsel klarzustellen, 
als Beitrag zu der Frage über die dortigen Überschiebungsbewegungen. 

Cayeux sprach zum erstenmal, von seinen Resultaten auf Kreta 
ausgehend und sich auf die Untersuchungen Phuappsons stützend', die 
Meinung aus, daß den Überschiebungen bei der Bildung der pelopon- 
nesischen Gebirge eine große Rolle zukommt". 

So betrachtete er das Olonoskalksystem mit dem darunterliegenden 
Flysch als eine über die ganze Pelopönnisos verbreitete Überschiebungs- 
decke und schrieb derselben ein jurassisches bis unterkretazisches 
Alter zu. 

Die vorliegende Mitteilung enthält die Resultate meiner Unter- 
suchungen über die Zusammensetzung des Ithomiberges in Messenien, 
wo diese Schichtreihe besonders gut entwickelt ist; daraus wird auch 
geschlossen, wie man derzeitig die peloponnesischen Überschiebungen 
aufzufassen hat^. 

Das Profil durch den Ithomiberg. 

Die messenische Niederung besteht östlich der Ithomi aus Flysch, 
welcher vorwiegend aus Sandsteinbänken mit untergeordneten Ton- 
schiefer- und Konglomerateinlagerungen zusammengesetzt ist. Dieser 
Sandstein erreicht auf den östlichen Abhängen des Berges die Höhe von 
loo — 120 m imd geht hier allmählich in die Flyschzone E über, die 



' Der Peloponnes. Berlin 1892. 

^ Phenomenes de charriage dans la M^diterranee Orientale. Comptes rendus, 
Acad., Paris, 136, 1903, S. 474. 

' Die Exkursionen für diese Untersuchungen sind gemeinschaftlich HiitH.Pn.NEORis 
unternommen worden. 



K. A. Ktenas: Die ÜlieiscIiM'bunfTfin in der Pelopönnisos. I. 



1077 



ihrerseits aus Tonschiefer mit sehr untergeordnetem Sandstein be- 
steht und durch die zahlreichen in ihr zerstreuten Kalkfelsen 
auffällt. 

Ein kleiner Teil dieser Felsen erweist sich als im Flysch einge- 
lagert; er besteht aus einem dichten schwarzen Kalkstein oder häufiger 
einer Kalkbreccie, deren Fragmente demselben, selten einem hellen 
Kalkstein angehören und deren dunkles Zement mit oft zerbrochenen 
und gebogenen Nummuliten versehen ist. 

Der größte Teil aber setzt sich aus einem hellen sublitho- 
graphischen oder feinkristallinen Kalkstein mit seltenen Ilorn- 
steinknoUen und -platten zusammen, welcher manchmal als Phitten- 
kalk entwickelt ist und auf dem vielgefalteten Tonschiefer diskordant 
aufsitzt. 

Zwischen diesem Kalkstein und dem Flysch kommen nvm gewöhn- 
lich mächtige Kalkbreccien zur Entwicklung, deren Fragmente haupt- 



iau>, 



Vfsw 




E = Flysch (Eozän). T = Obere Trias. KE = Kreide (Eozän). 



MeeresniveaiX, 

Dorf Mavroiiiäti. 



sächlich dem darüberliegenden Kalkstein und dem Hornstein, aber 
auch dem eozänen, schwarzen Kalkstein angehören. In einem hellen 
Fragment wurde ein Stück einer Rudistenscliale aufgefunden; somit 
ist das kretazische Alter der hellen sublithographischen oder 
feinkristallinen Kalke festgestellt. 

Über dieser Flyschzone, welche die Mächtigkeit von etwa 300 m 
erreicht, erhebt sich ein System von Sandsteinen und Hornstein- 
Plattenkalken (T), welches einer liegenden isoklinalen Falte 
angehört. 

In der Mitte herrschen die Hornstein-Plattenkalke vor, während 
sich oben und unten eine etwa 30 m mächtige Sandsteinschicht ein- 
setzt. Die letztgenannten Plattenkalke sind dicht und meistens violett 
gefärbt, manchmal mergelig und in mergelige Schiefer übergehend; 
sie wechseUagern in vertikaler wie auch horizontaler Richtung mit den 
Sandsteinen. 

Dieses System gehört der oberen Trias an, wie die darin wenige 
Meter unterhalb des Lakonischen Tores aufgefundenen Daonellen be- 



1078 Sitzung der phys.-math. Classe v. 5. Nov. 1908. — Mittheilung v. 22. Oct. 

weisen. Dieselben sind, wie Hr. Prof. Skoufos in gefälliger Weise be- 
stimmte, zu Daonella styrlaca und D. casslana und manchen anderen, 
vorläufig noch nicht bestimmten Arten zu stellen. 

Über diesem System folgt eine über 1 8o m mächtige Kalkdecke 
(KE), aus dem kretazischen Kalkstein bestehend, dessen Schollen auf 
dem Flysch aufruhen; in der Nähe des Kontaktes nimmt er hier röt- 
liche Färbung an und gibt auch Veranlassung zur Bildung einer fein- 
körnigen, ebenfalls rötlichen Kontaktbreccie. Diese, kaum 2 m mächtig, 
ist nördlich des Lakonischen Tores und am Eingange des Dorfes Ma- 
vromäti, wenn man vom Kloster kommt, besonders gut zu studieren. 
Der Kalkstein ist manchmal mergelig und schließt auch seltene schie- 
ferige Einlagerungen ein. 

Die obertriassische liegende Falte und die kretazische Kalkdecke 
fallen unter 30° auf beiden Seiten des Ithomiberges ein und bilden 
eine Hache Synklinale, welche letztere schon Philippson erkannte, wäh- 
rend nach Westen zu bis zum Dorfe Magganiakö nur die triassischen 
Sandsteine und Hornstein-Plattenkalke, kein Flysch(!), in steilen, immer 
nach Osten fallenden Schichten auftreten. Man hat hier eine Art 
von Schuppenstruktur vor sich. Nur auf dem Psoriariberge tritt 
wieder eine Scholle derselben Kalkdecke mit der rötlichen Kontakt- 
breccie zutage. 

Weiter westlich nimmt auch die Kalkdecke an den stellen Fal- 
tungen der triassischen Serie teil und bildet den Bergzug zwischen 
Magganiakö und Zagärena. 

Der Flysch unterteuft diese beiden stark zusammenge- 
falteten Systeme, denn er tritt wieder unter den obertriassischen 
Schichten auf den Bergen von Kyparissia zutage, also in einer Ent- 
fernung von etwa 20 km A^om Ithomiberg in der Richtung des Profils, 
und dehnt sich hier erheblich aus (Philippson). 



Die Überschiebungsdecken. 

Wir haben also auf Ithomi über dem Flysch mit seinen Einla- 
gerungen von Nummulitenkalken zwei ältere, diskordant aufruhende 
Schollen : 

die untere setzt sich aus Sandsteinen, Hornsteinen und Platten- 
kalken obertriassischen Alters zusammen; 

die obere besteht aus einem mächtigen Kalkmassiv, welches der 
Kreide (wahrscheinlich auch dem Eozän, s. unten) zuzurechnen ist. 

Daß diese letztere einer besonderen Decke angehört, beweisen: 

I . die Überlagerung teils auf den triassischen Schichten, teils auf 
dem eozänen Flysch; 



K. A. Ktenas: Die Überschiebungen in der I'eloponiiisos. I. 1079 

2. die Entwicklung der Kontaktbreccien, die sogar auf dem Flysch 
auch Fragmente des in demselben eingelagerten schwarzen Nummu- 
litenkalkes enthalten : 

3. das Felilen der Formationen zwischen Trias und Kreide. 
Was den Flysch anbelangt, so scheint er gleichalterig mit dem 

Tripolitsakalk zu sein, also eine besondere Fazies des Kreide-Eozäns 
zu repräsentieren. 

Die in ihm vorhandenenKalkeinlagerungen sindpetrographisch iden- 
tisch mit dem Tripolitsakalk, doch kann man Cayeux nicht zustimmen, 
wenn er meint, daß dieselben durch den Flysch bei der Überschie- 
bung aus dem Tripolitsakalkmassiv ausgerissen worden seien; auf 
Ithomi kommen sie ja, wie wir sahen, in den höclisten Partien des 
Flysches vor. 

Vielleicht aber greift der Flysch noch tiefer als die Kreide hinab 
imd umfaßt aucli jurassische Bildungen, wie Negris anzunehmen ge- 
neigt ist nach Analogie der argolischen Sandsteinformation'. 

Wir müssen uns auf Grund dieser Lagerungsverhältnisse auf Ithomi 
die orogenetischen Vorgänge so vorstellen, daß auf den Flysch, dessen 
oberste Partie dem Eozän angehört, zuerst die obertriassische Falte 
übersclioben und daß bald darauf oder gleichzeitig die kretazische 
(kretazo-eozäne) Decke geschoben wurde. Gleiclizeitig oder später sind 
dann diese exotischen Schichten mit dem Substratnm zusammengefaltet 
worden. 

Der Flysch aber ist auch während der Überschiebungsbewegungen 
nicht stabil geblieben und hat, zum Teil wenigstens, an den- 
selben teilgenommen, indem er von den Decken mitgerissen 
wurde. 

Nur auf solche Weise ist der anormale Kontakt zwischen Flysch 
und Tripolitsakalk in der östlichen niessenischen P]bene (z. B. bei 
Skala) zu erklären; übrigens ist auch überall, wo eine Überlagerung 
zutage tritt, nach Pini.ippsoN die Diskordanz zwischen Flysch und Tri- 
politsakalk sehr markant. 



Diese auf Ithomi gewonnenen ErfJihrungen finden, wenn man vor- 
läufig die Resultate der PniLU'PSONSchen Untersuchungen interpretiert, 
in der Pelopönnisos überall Bekräftigung: 

Eine Hornstein-Plattenkalk- Sandsteinformation sitzt diskordant 
mehrerorts auf dem Tripolitsakalk und wird durcli den Olonoskalk 
(Ithomigipfelkalk) überlagert, welcher seinerseits auch direkt und eben- 



' Sur la geologie du niont Itliönie, etc. C'oni]ites rendus .\cad. Piiris 5 nov. 1906. 
Sltzuiigsbericlite 1008. 95 



1080 Sitzung der phys.-matli. Classe v. 5. Nov. 1908. — Mittheiliing v. 22. Oct. 

falls diskordant auf dem Trlpolitsakalk aiifruhen kniin: unter dem 
ersteren tritt auch bisweilen eine schwache Flyschschicht auf. 

Diese beiden Systeme sind also aucli in der übrigen Pelo- 
pönnisos unter analogen Lagerungsverhältnissen entwickelt; 
es handelt sich infolgedessen auf Ithomi nicht um lokale 
übergeschobene Falten, sondern um Schollen zweier weit- 
hin ausgedehnter Decken. Die Frage, ob sie auch überall die- 
selben Formationen enthalten wie auf Ithomi, was sehr wahrsclieinlich 
ist, bleibt vorläufig unbeantwortet. 

Was endlich den Ursprungsort dieser beiden überschobenen Decken 
anbetriff't, so läßt sich auf Grund der bisherigen Kenntnisse folgende 
Hypothese aufstellen: 

Die Kreide ist, wie bekannt, in der mittleren Pelopönnisos mit 
dem Eozän zusammen in dem schwarzen Tripolitsakalk enthalten. Im 
westlichen Grieclienland dagegen und namentlich auf den Ionischen 
Inseln tritt dieselbe in zum Teil plattigen hellen Kalksteinen (mit 
Hornsteinen) ebenfalls mit dem Eozän zutage'. 

Hier finden wir also die Entwicklung der petrographischen Fazies 
der oberen überschobenen Decke. DesAvegen neige ich zu der vor- 
läufigen Annahme, daß die Uberschiebungsdecken von Westen 
her gekommen sind und daß ihre Wurzeln in der versunkenen 
südlichen Fortsetzung der lonisclien Inseln lagen. 

Diese Überlegung führt auch zu dem Schluß, daß der Ithomi- 
gipfelkalk auch Eozän enthalte, um so mehr, als neuerdings Renz 
in Akarnanien, in der nördlichen Fortsetzung der Ithomiscliichten, in 
ähnlichen Plattenkalken Kreide und Eozän nachgewiesen hat'. 



' Vgl. C. Rrnz, Zur Kreide- und Eozäiientwicklung Grieciienlands, Zentralbl. für 
Min., Geol. und Pal. 



Ausgegeben am 12. November. 



Berlin, gedruckt in der Keielistlrurkerer. 



BSHSHSESH5HSH5HSE5HJ 



1908. 




SITZUNGSBERICHTE 



KÜNIKLICH PREIISSISCIIEX 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



Gesamnitsitzun^ am 11. XcivchiIxt. (S. 1081) 

Sitzung der physikaliscli-matliematisi'lien t'lasse am 19. Aovcnibor. (S. 1083) 

Schottky: Zur Theorie der Symmetralfunctioneii. (S. 10i~!4) 

Sitzung der philosophisch-liistoiisclR-n t'lasse am 19. Novemhor. (S. 1095) 




Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckschriften. 



Aus § 1. 

Die Akademie gibt gemäss §41,1 der Statuten zwei 
fortlaufende Vei'Sffentlicliungcn lieraus : .Sitzungsbericlite 
der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften« 
und -Abhandlungen der Königlich Preussischen Akademie 
der Wissenschaften«. 

Aus § 2. 

Jede zur Aufnahme in die tSitzungibericlite« oder die 
« Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei iii der Regel 
das dnickfertigeManuscript zugleich einzuliefern ist. Nicht- 
mitglieder haben liierzu die Vermittelnng eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. 
§ 3. 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in .Icn Sitzungsberichten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedern 16 Seiten in cler gewöhnlichen Schrift 
der Sitzungsbericlite, in den Abhandlungen 1 2 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewölmlielien Sclirift der Abhand- 
lungen niclit übersteigen. 

Übersclwcitung dieser Grenzen ist nur mit Zustimmung 
der Gesammt-Äk.ademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittheilung ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
mutlien, dass diese Zustimmung erforderlicli sein werde, 
so hat das vorlegenilc Jlitglied es vor dem Einreichen 
von s,aehkimdiger Seite auf seinen muthmasslichen Umfang 
im Drack abschätzen zu lassen. 

§ 4. 

Sollen einer Mittheilung Abbildungen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorlagen dafür (Zeichnungen, photograpliisclie Original - 
aufnahmen u. s. w.) gleichzeitig mit dem M.inuscript, jedoch 
auf getrcrmtcn Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen h.aben in 
der Regel die Veriasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Betrag zu veranschlagen, so 
kann die Ak.ademie dazu eine Bewilligung beschliessen. Ein 
dnrauf gerichteter Antrag ist vor der Uerstellimg der be- 
treffenden Voilagcu mit dem schriftliehen Kostenansehlage 
eines Sachverständigen an den Vorsitzenden Sccretar zu 
richten, dann zunäclist im Secretariat vorzuberathen und 
weiter in der Ges.animt-Akademie zu verhandehi. 

Die Kosten der Vervielt^ltigung Obernimmt die Ak.a- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — ^venn es sich nicht um wenige einfache Textfiguren 
h.andelt — der Kostenanschlag eines S.achverständigen 
beizufügen. Oberschreitet dieser Ansclil.ig tür die er- 
forderlielie Aullage bei den Sitzungsbericliten 150 Mark, 
bei den Abb.andlungen 300 Mark, so ist Vorbcrathung 
durcli das Secretari.at geboten. 
Aus § h. 

N a c li der ^■ o r I e g u n g und E i n r e i c h u n g des 
vollsländiscii driiokfeHigcii Manuscripts an den 
zuständigen Secretar oder an den Archivar 
wird über Aufnalime der Mittlieilung in die akademischen 
Schriften, und zw.ai', wenn eines der anwesenden Slit- 
glicdcT es verlangt, verdeckt al)gestimnit. 

Mittheilungen von Verfassern, welche niclit Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in die 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Beschlicsst eine 
Classe die Aufnalune der iMittlieilung eines Nichtmitghcdes 
in die dazu bestimmte Abtlieilung der • Abhaudlimgen«, 
so bedarf dieser Beschluss der Bestätiguns: durch die 
GeSammt- A kademie. 

(Fortsetzung auf S. 3 



Aus § 6. 

Diean die Druckerei abzuliefernden Manuscripte müssen, 
wenn es sicli nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satzes 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungen 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitglicde vor Einreichung des Manuscripts vorzimebmen. 
Dasselbe liat sich zu vergewissem, dass der Verfasser 
seine Mittheilimg als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correctur ihrer Mittheilungen besorgen die 
Verfasser. Fremde haben diese erste CoiTectur .an das 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll nach 
Möglichkeit nicht über die Bcrichtig-ung von Druckfehlern 
und leichten Schreibversehen iiinausgehen. Umtängliche 
Correcturen Fremder bedürfen der Genehmigung des redi- 
girenden Sccretars vor der Einsendung an die Druckerei, 
und die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. 

Aus § 8. 

Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen : 
aufgenommenen wissenscliaftlichen Mittheilungen, Reden, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenscliaftlichen Mittheilnngen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten übersteigt, auch ITir den Buchhandel Sonder- 
abdrucke liergestellt, ilie alsbaM nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungslierichte ausgegeben werden. 

VonGedächtniss reden werden ebenfallsSonderabdrucke 
für den Buchh.indel hergestellt, indess nur dann, wenn die 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverstanden erklären. 
§ 9. 

Von den Sonderabdx'ucken aus den Sitziuigsbeiichten 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltliclier Vertheilung olme weiteres 50 Frei- 
exemplare; er ist indess berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noeli 100 und auf seine Kosten nocli weitere bis 
zur Zahl von 200 (im g.inzen .also 350) .abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten nocli mehr 
Abdrucke zur Vertheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Ges.ammt -Akademie oder der be- 
treffenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 50 Frei- 
exemplare und dürfen nacli rechtzeitiger Anzeige bei ilem 
redigirenden Secretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abzieiien lassen. 

Von den Sonderabdrucken aus den Abhandlmigen er- 
hält ein Verfasser, welcher Blitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher "Vcitlieilung ohne weiteres 30 Frei- 
excmpUre; er ist indess bereclitigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplai'C bis zur Zaiil 
von nocli 100 und auf seine Kosten noeli weitere bis 
zur Zahl von 100 (ira ganzen also 230) .abziehen zu Lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem redigirenden Secretar .an- . 
gezeigt hat; wünscht er .auf seine Kosten noch melir 
Abdrucke zur Vertheilung zu erli.alten, so bed.arf es dazu 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der l>e- 
trcüenden Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Fj-ei- 
exemplarc und dürfen nach reclitzeitiger Anzeige lici dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplare auf ilire 
Kosten abziehen lassen. 

§ 17. 

Eine für die akademischen Schriften be- 
stimmte Wissenschaf tliclie Mittheilung darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 
des Umschl.ags.) 



1081 

SITZUNGSBERICHTE i908. 

XLV. 

KÖNK^LIGIT PREUSSISCHEN 

AKADE^IIE DER WISSENSCHAFTEN. 



12. November. Gevsammtsitzung. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Diels. 

*1. Hr. Müller-Breslau las: Über den Einfluss der steifen Ver- 
bindung der Fahrbahntafel mit den Hauptträgern eiserner 
Brücken für den Fall der statischen Unbestimmtheit der 
Hauptträger. 

Die in den Falirbahnträgern eiserner Biückcii durch ihre sleite \'erbindung inil 
statisch bestimmten Hauptträgern hervorgerufenen Nebenspannungen sind schon mehr- 
fach behandelt worden. Unerforscht gebHeben ist aber bis jetzt die Wirkung einer 
mit statisch unbestimmten Hauj)tträgeru vernieteten Fahrbahntafel auf die Formände- 
rung und Beanspruchung der Haupttiäger. X'erfnsser hat diese Frage für die ver- 
schiedenen Arten statisch unbestimmter Brückenträger in Angriff genommen und legt 
den ersten Theil seiner Untersuchung vor. 

2. Vorgelegt wurden Bd. 4, Tl. 2 der von der Akademie unter- 
nommenen Ausgabe des Ibn Saad, hrsg. von Julius Lippert. Leiden 
1908, das Werk des Hrn. Kngler: Die Pflanzenwelt Afrikas. Bd. 2. 
Leipzig 1908 und dasjenige des Hrn. Müller-Breslau: Die graphische 
Statik der Baukonstruktionen. Bd. 2, Abt. 2, Lief. 2. Leipzig 1908. 



Die Akademie hat in der Sitzung am 29. October zu correspon- 
direnden Mitgliedern der philosophisch-historischen Classe gewählt den 
Professor der Archaeologie an der Universität Oxford Percy Gardner, 
den Numismatiker Dr. Barclay Vincent Head in London, den Consei*- 
vateur adjoint am Musee du Louvre Edmond Pottier, Mitglied des 
Institut de France, in Paris und den Director des k. k. Österreichischen 
Archaeologischen Instituts Professor Dr. Kobekt von Schneider in Wien. 



Ausgegeben am 26. November. 



Sitzungsbericlite 1908. 96 



108H 

SITZLINGSBERICllTE i908. 

XLVI. 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCIIEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



19. November. Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: IIi-. Auwers. 

Ilr. ScuoTTKY las: Zur Theorie der Symmetralfunctjonen. 
Zweite Mittheilung. 

Es werden die Periodeneigenscliai'ten der vier (Massen von AiiEi.'scIien Functionen 
erörtert, die zum Syuimetral gehören. 



96* 



1084 Sitzung der physikaliscli-niathematisclien Classe vom 19. November 1908. 

Zur Theorie der SymmetraKimctionen. 

Von F. SOHOTTKY. 



Zweite Mittheilung. 



§5. 

Icli betrachte die GREEN'schen Functionen eines beliebigen ebenen 
Gebietes G, das von p ■+- 1 Randlinien L„, L^-- L^ begrenzt ist. Dies 
sind reelle Functionen von ^, v), die der Differentialgleichung A(i^ = o 
genügen, die ferner eindeutig sind im Innern von U und an den ein- 
zelnen Eandlinien constante Wertlie annehmen. Ich füge noch hinzu, 
dass F zwischen endlichen (xrenzen bleiben soll, wenn der variable 
Punkt auf das Gebiet G beschränkt wird. Die Werthe von F auf den 
einzelnen Randlinien seien 4-a)o, ^Wj • ■ • w^. Sie können willkürlich ge- 
geben sein, wir wollen aber £«„ = o annehmen. Durch die Angabe 
der Werthe 4-w ist die Function F vollständig bestimmt. 

Den p Constanten w, , w^---<jü^ stehen c andre gegenüber: die 



Werthe der Integrale 



2/r / 



^F = «„ 



8-F . 8F 



(. = i.2...f;S/-=^|rf,-g^rf£ 



erstreckt über die von L^ verschiedenen Randlinien. Die Richtung 



der Integration möge so genommen werden, dass das Gebiet G zur 
Rechten bleibt. 

Die p Grössen n sind hiernach durch die w bestimmt. Umgekehrt 
kann man die n als willliürlich gegeben annehmen. Die Function F 
ist alsdann vollständig bestimmt, wenn man hinzufiigt, dass auf der 
Linie L„: F = o sein soll. Und zwar lässt sich F in der Form 

F=y^(n„FJ 

darstellen. Demnach sind die w homogene lineare Functionen der n: 



o,i=%(n„M„,) (ß = i,2---p). 



Scuottky: Zur Theorie der Syinuietralfiinclioiuui. 1085 

Wenn die n ganze Znhlen sind, so nennen wir das System (w, , w, • • • u)^) 
eine Periode und das System n,,n^---n^ oder («) ihre (Charakteristik. 
Wir stellen nun p unabhängige Veränderliclie tu, , w^ ■■■ w^ auf und 
bilden die Summe: 

erstreckt über alle ganzen Perioden [w) und die zugehörigen Charak- 
teristiken {ii). Diese Thetafunction des Gebietes G genügt der (ileichung: 

— i »a ("'n + i ««) 

ausserdem bleibt S-{«;) luigeändert, wenn man zu den Variabein irgend 
welche Vielfache von iiri hinzufügt. 

Der Ausdruck lässt sicli in zwei Richtungen erweitern: einmal, 
indem man nicht über alle ganzen Perioden (w) summirt, sondern über 
alle, halben, die einer gegebenen halben Periode congruent sind, dann, 
in(k'm man das System der Variabein lun eine halbe imaginäre Pe- 
riode (^~l) vermehrt. Alle 4- Functionen, die man auf diese Weise 
erhält, sind reell für rein imaginäre Werthe der 10. Aus ihnen lassen 
sich Abel'scIic Functionen bilden, die den Gleiclmngen 



f{w -t- w) = /(//)) , f{w -t- 2 m-l) = f{w) 



genügen; zunächst in der Form: 



# oder . 

Wir können aber noch diejenigen hinzurechnen, die aus solchen Aus- 
drücken sich rational mit reellen Goefficienten zusammensetzen. 

Die AiiEL'schen Functionen der Fläclie G sind reell für rein ima- 
ginäre Werthe der w, aber auch, wie leiclit zu sehen ist, für solche 
Werthe der 10, deren reelle Theile durch irgend eine halbe Periode (w) 
gebildet werden. 

Führen wir ein: 

so sind dies mehrdeutige Functionen der complexen Grösse x = ^ + iY\, 
die sich auf geschlossenen Wegen innerhalb G imr um Vielfache von 
2-i ändern. Und zwar geht «'„(*) in io„{x)-\- 2ivl über, wenn x die 
Linie L„ beschreibt; auf den übrigen Randlinien, abgeselien von L^, 
kehrt io„{x) in sich selbst zurück. 

Die reellen Theile der Functionen ii}{x) sind gleich o auf i,,, und 
sie bilden eine halbe Periode, wenn x auf eine der andern Randlinien 



108(> Sitzung der |)liysik!»liscli-iniitlieinatisolien Tlasse vniii Ul. Noveiiilior 1908. 

besohrSiikt wird. FolgUoli _n-olit jodo Aiu'.i.'scho Fuiu-tiou /(ir) diurli 
die Svibstitution /r := (('(.i) übor in eine in (i oindemijie Function von .i. 
die an den Randlinien reelle Wertlie hat — also in eine eharakte- 
ristiselie Fxuietion der Fläelie. Diese charakteristischen Functionen 
bilden einen algebraischen Körper vom Cicschlechte p. Daraus folgt 
leicht, dass. bei willkürlichen Wcrthen der u\ je :-\-i AuKL'sche Func- 
tionen duirh eine algebraische Uleicluuig verbunden sind. 

§6. 

Hier war eine der Kandlinien. 7.,,, vor den übrigen bevorzugt. 
Will man keiner der KauiUinien ein Vorrecht geben, so kann mau 
so verfahren. 

Die Voraussetzung, dass c«'^ = o sein soll, gebe ich auf. Stritt 
dessen verlange ich, dass dit> ."-^uunne der x gleich o sei. 

Ferner tiihre ich die Integrale 



^^ j(m = n,. 



tür sämmtliehe Kandlinien ein. so dass ich:-l-i Gr-össeu /J bekomme, 
deren Sunune nach dem liKEEN'schen Satz gleich o ist. Ich kann 
auch Jetzt setzen: 

aber dadurch sind die einzelnen F„ nicht völlig bestinunt, sondern nur 
ihre DilVerenzen. 

Die : -I- 1 Gi-össen w sind liomogene lineare Fimctionen der durch 
die Gleichung -(«) = o verbundenen Gi-össen n, und wenn die n ganze 
Zahlen sind, so nenne ich das System (u.) wieder eme ganze Periode, 
und das andre System: («), ihre Charakteristik. — Nun kann ich : -i- i 
veränderliche Gi-össen «„ aufstellen und die Sxmime bilden: 

ei-streckt über alle ganzen Perioden. Da ilurchweg i«, = o ist. so 
hängt 0((O nur ab von den DitVerenzen der Variabein ii. 

Es ist leicht zu sehen, dass diese Function in die vorige über- 
geht, wenn man 

ir, = U,, — M^, . Ct'„ = Ct'^, — tt'o (a = l,3.--p) 

einfuhrt. Denn man denke sich n^ durch die übrigen Gi-össen n aus- 
gedrückt, und ausserdem 



ScMoiiKv: Vaw riiciji'ic (Jt;r Syiniii(:tr;ill'iiiicli(Hi(;ii. I 087 

gesetzt. l);iiiii crliJilt, iruiii : 

oder: 

a=st 

Die ührif^on Tlieta lassen sich entspreciiend definiren, wie vorliiii, 
und ebenso die Diflerenzen u„(x) — W;i(x). 

leli t^eJie jetzt zu dem Falh- über, wo die Figur ein Syinnietrai 
ist. Zu jeder Randlinie L„ gehört alsdann eine symmetrisch liegende 
/v, iii'd es ist L„= />„, a! =^ c/., wenn L„ zu den unpjiarigen Rand- 
linien gehört. 

Aus der iJelinition von /'' geht liei'vor: Wenn die ^s -+- 1 Coeffi- 
cienten «„, die der Gleichung i. {n„) = o genügen, ausserdem die Be- 
dingungen n„. = ft„ befriedigen, so ist die Function F eine symmetri- 
sche, die in .symmetrisch liegenden l'iiiikten gleiche Werthe annimmt, 
und es ist daher auch w^ = c/;„ . Finden dagegen die Bedingungen 
«„. = — ra„ statt, so ist F eine alternirende Function, und w„. := — w„. 
Wii- unterscheiden dalier unter den reellen Perioden (w) symmetrische 
und alternirende. (Jfl'enhar lässt sich jede ganze Periode in eine sym- 
metrische und eine alternierende irall)f)eriode zerlegen, und dasselbe 
gilt von jeder halben Periode, die einer symmetrischen halben con- 
gruent ist. Endlich ist noch jede alternirende Ilalbperiode einer sym- 
metrischen congruent. 

Genau dasselbe gilt von den imaginären P('rioden . Kine solche, ( 2 rmri), 
ist .symnietri.sch, wenn m^.-=Tn,„, alternirend, wenn //'„■ = — rn^ ist. 

Dementsprechend lassen sich drei verschiedene Thetafunctionen 
aulstellen. Wii- bezeichnen die Reihe 

mit W, wenn wir sie über alle ganzen Perioden erstrecken, mit (j> , 
wenn wir sie über alle ganzen .symmetrischen, mit \1/ , wenn wir sie 
über alle ganzen alternirenden Perioden (w) ausdehnen. Wir fügen 
noch eine vierte hinzu, die wir ^ nennen, nämlich die Summe 

- — ^« 

die, ebenso wie bei v^, über alle ganzen alternirenden Perioden (w) 
zu erstrecken ist. 

Von diesen vier Functionen ist das Riemann'scIic Theta des 

Symnietrals, (j> die eigentliclie Symmetralfunctlon, 3- das RiEMANN-'sche 
Theta der Hälfte des Symmetrals, und 4^ geht aus 3- hervor, indem man 



1088 Sitzung der pliysikaliscli-iiiatlieiiiatisclien Classe vom 19. November 1908. 

die Periodicitätsmodulii verdoppelt. liäiigt nur ab von den Dilferenzen 
■u„ — U;x, \^ nur von den Diflerenzen ?/„ — u„. , (p nur von den Summen 
"« + w„. , und zwar, da i, «., = o ist, von den Differenzen dieser Summen. 
Es ist dalier, wenn Avir die Anzahl der unj^aarigen Randlinien gleich 
n, die der Paare gleich t, und « + t = trH-i setzen, eine Function 
von p = (T-+-r, (p eine solche von (T, 4^ eine von r Veränderlichen. 

Dass man das Recht hat, 9- als RiEJiANN'sches Theta der Halb- 
tläche zu bezeichnen, ist leicht zu sehen. Die Halbtläche wird be- 
grenzt durch T paarige Randlinien L, , L-,- L, und ausserdem durch 
eine Linie L„ , die im Falle « = o mit der Symmetrielinie identisch 
ist, in den andern Fällen sich zusammensetzt aus Theilen der Symmetrie- 
linie und Hälften uni)aariger Randlinien. Da hier 

n„. = —n„, w„. = — w„ 
ist, so ist: 

T 

"V «a ("a + 4 "'.,) = ^ «« ("„ — «'„• + T^^a) • 

Es ist ferner: 

a = I 

Diese Function F ist aber, als alternirende, gleich o, nicht nur 
airf den unpaarigen Randlinien, sondern auch auf den dazwischen 
liegenden Stücken der Symmetrieaxe, also auf der ganzen Linie L^. 
Daher geht, wemi Avir w„ — «/„,== tr„ setzen, S- über in die Function 
der llalblläche, nach derjenigen Definition, die wir zuerst gegeben 
hatten. 

Zu den Ader Thetafimctionen treten noch alle diejenigen hinzu, 
die man erhält, indem man erstens zu den Variabein eine halbe ima- 
ginäre Periode (^-i) hinzufügt, und zweitens die Summation erstreckt 
über alle halben — oder alle halben symmetrischen, oder alle halben 
alternirenden — Perioden, die einer gegebenen congruent sind. Es ist 
aber leicht zu sehen, dass, wenn man hier für die S alle modulo 2 
verschiedenen Zalüsysteme setzt, man eine und dieselbe Function 
mehrfach erhält. 

Betrachtet man die zugeluu-igen Classen AßEL'scher Functionen, 
so sieht man zunächst, dass sie alle ungeändert bleiben, Avenn man 
die u um irgend welche Vielfache von 2Tri A^ermehrt. In Bezug auf 
die reellen Perioden gilt Folgendes. Die Classe (</)) hat die symme- 
trischen, (4/) die alternirenden, (S^) sogar die Hälften der alternirenden 
Peiioden zu Perioden. Ausserdem bleiben die Functionen der Classe ((/>) 
imgeändert, wenn man die Variabein um irgend eine alternirende Periode 
vermehrt, und die der Classen (S-) , (%/-), wenn man zu den Variabein 



Schoi-iky: Ziif Tlieorio der SYiiiinetralfunctionen. 1089 

eine symmetrisclie oder auch die Hälfte einer symmetrischen hinzu- 
fügt; denn hierbei bleiben die auftretenden linearen Verbindungen der 
Variabein ungeändert. Da sich nun jede ganze Periode (w) aus einer 
halben symmetrischen und einer halben alternirenden Periode zu- 
sannnensetzen lässt, so hat die Glasse (9-) alle Perioden der Classe (0); 
die Functionen der Classe (&) gehören einfacli zu denen der ('lasse (0). 
Führt man aucli hier Functionen von x ein durch die (Jleichuno:en 



so gehen durch die entsprechende Substitution, die wir einfach mit 
u = n(x) bezeichnen, alle Functionen der vier ('lassen über in Func- 
tionen von X, die in der Fläche des Symmetrals eindeutig sind. Aber 
nur die der Classen (0) vuid (S-) sind reell auf allen Randlinien, die 
der Classe (3^) ausserdem reell auf den dazwischen liegenden Theilen 
der Symmetrieaxe. 

§7- 

Aus den charakteristischen Functionen der Halbtläche kann man 
zwei auswählen, p und q, durch die sich alle andern rational aus- 
drücken lassen, p und q sind durch eine algebraische Gleichung 
G{p,(j)=zo vom Geschlechte r verbunden. Es sind dies zugleich 
charakteristische Functionen des ganzen Synunetrals; sie nehmen gleiche 
Werthe an in symmetrisch liegenden Punkten der Grenze. Zu beiden 
kann man noch eine dritte charakteristische Function z des ganzen 
Symmetrals hinzufügen, die auf der Symmetrieaxe rein imaginär ist; 
sie nimmt entgegengesetzte reelle Wertln^ an in je zwei sich symme- 
trisch entsprechenden Punkten der Grenze. Alsdann ist z'' eine reelle 
rationale Function von p , q : z^ = H(p , (/), und durch z , p , q sind alle 
charakteristischen Functionen des Synunetrals rational ausdrückbar. 

Betrachten wir jetzt die Function 

deren reellen Theil F auf jeder Randlinie constant ist, so folgt zunächst, 

dass , auf allen Randlinien des Symmetrals rein imaginär ist. 

Es ist 

riu(x) = -,j^ 1 — ,— nx . 

V 0!; övi j 

Beschränken wir die Veränderliche x auf einen innerhalb des Sym- 
metrals liegenden Theil der Symmetrieaxe, die wir zur Abscissenlinie 
nehmen wollen, und setzen dementsprechend dx =■ df. Ist F eine 



1090 Sitzung der physilialiscli-iiiatlieinatischen Classe vom 19. November 1908. 

dF 

alternirende Function, also F{^, — >i) = — F{^, vi), so ist auch -^jr eine 
alternirende, und somit gleich o auf der betrachteten Strecke. Es 

(Tfl 

ist daher auch auf der ganzen Linie L„: — rein imaginär. 

Ist dagegen F eine symmetrische Function, so ist auf der reellen 

dF du du 

Geraden -r^- sleich o. Folglich ist in diesem Falle --- reell, z—— rein 

3*1 » •-' dp dp 

imaginär auf dem betrachteten Abschnitt der Abscissenlinie. 
Hieraus folgt, dass diejenigen Functionen 

bei denen «„. = — n„ ist, sich darstellen lassen in der Form 

l\R{p,q)dp, 

diejenigen dagegen, bei denen n„. = n„ ist, in der Form 

'R(p,q)dp 



'I 



In beiden FäUen bedeutet R{p ,q) eine reelle rationale Function 
von p ,q. 

Liegt der Punkt .r = ? -f- i-Y\ auf der Linie L„. , so wollen wir 
den zugehörigen Punkt ^ — ivi , der auf L„ liegt, mit .r„ bezeichnen. 
jc und a;„ sind durch eine Gleichung verbunden — die Gleichung 
der Cui've in den imaginären Coordinaten ^ + ivi und ^ — iri . Es ist 
daher a:„ eine Function von x, die auch ausserhalb der Linie L„. ex- 
istirt. (Im nächsten Paragraphen werden wir die Randlinien als Kreise 
annehmen ; a-„ ist dann eine lineare, und p , q , z sind eindeutige Func- 
tionen von .i). 

Jetzt genügen oflenbar p und q den Gleichungen /(*„) =/(a;) , 
dagegen z den Gleichungen f{x^ = — f{x). 

Nehmen wir ferner in dem Ausdruck u(x) = "^ (ti^^iijx)) die n als 
ganze Zahlen an, so ist u (a) darstellbar als Logarithmus einer in der 
Fläche des Symmetrals eindeutigen Function E{x). Der reelle Theil 
von u(x) ist 

F = ^\og{E(x)E{r/)), 

wo y den zu x conjugirten Werth, und E{y) den zu E{x) conjugirten 
bedeutet. 

Nehmen wir x auf L„. an, so ist y ^ x„. Da zugleich i'"' =: + üj„. 
ist, so erhalten wir: 

E{x)E{x^ = €■'"■. 



Schottky: Zur Theorie der Synimetralfiinctionen. 1091 

Wir betrachten jetzt die beiden Fälle, wo F entweder eine alter- 
nirende oder eine symmetrische GREEN'sche Function ist. Im erstem 
ist F = o nicht nur auf den unpaarigen Randlinien, sondern auch 
auf den dazwischen liegenden Stücken der reellen Linie, also für 
y = X . Daraus folgt : 

E{x) E(x) = I 

EM EixJ = I , 

und da hier »„, =: — w„ ist : 

E{x„) = e''"E{x). 

Im zweiten Falle bleibt das Product E(x)E{i/) ungeändert, wenn man 
X mit 1/ vertauscht. Es unterscheidet sich daher E{x) von E(x) nur 
um einen constanten Factor. Da dies auch für- die reelle Linie gilt, 
wo E{x) = E{y) der zu E(a-) conjugirte Werth ist, so muss der con- 
stante Factor absolut genommen gleich i sein, und wir können ihn 
direct gleich i setzen. Es ergiebt sich demnach in diesem Falle, da 
hier w„. ^ w„ ist: 

E(a-)E(a;J = e"" . 

Nimmt man zu diesen Eigenschaften hinzu, dass logE(a;) sich auf der 
Linie L„ um 2n„7rt ändert, so ist dadurch die Function E{x) in dem 
einen wie in dem andern Falle bis auf einen constanten Factor be- 
stimmt. Aber es sind, wenn man die Gdeichung i, (w„) = o hinzu- 
fügt, damit zugleich die Factoren e"'", und, bis auf Vielfache von 27r/, 
die Grössen a)„ bestimmt als Functionen der n, im symmetrischen wie 
im alternirenden, also auch im allgemeinen Falle. Damit sind aber 
die Periodicitätsmoduln der vier Classen von AßEL'schen Functionen 
gegeben. 

§ 8. 

Wir nehmen jetzt die Randlinien als volle Kreise an. Es sei a„ 
der Mittelpunkt, ?'„ der Radius des Kreises L„ — also r„. = r,, . Die 
Gleichung der Linie L^, ist dann: 

(x — a„.)(i/ — a„) = rl. 

Folglich ist x„ als Function von x gegeben durch die Gleichung 

(x — a„.)(x„ — aj = rl. 

Hier können wir ohne weiteres davon absehen, dass r„ reell, und 
dass a„ , o„. conjugirte Grössen sein sollen. Wir nehmen die Punkte 
a„ beliebig an. Wenn alsdann ;i- beschränkt wird auf den Kreis 



1092 Sitzung der pliysikaliscli-mathematisclien Classe vom 19. November 1908. 

\x — (7„. I = I ?•„ I , SO wird .r^ bescliränkt auf den Ivi-eis | .(■„ — a , | = 1 1\^ | ; 
wir nehmen die Grössen /•„ so klein an, dass diese p ■+- 1 Ivi-eise nicht 
übereinandergreifen. Die Figur ist jetzt nicht mehr symmetrisch: 
ich nenne sie trot/.dem ein Symmetral, weil die Zuordnung der Rand- 
punkte nach denselben Gesetzen, nur mit freier veränderlichen Co- 
efiicienten, erfolgt wie bei dem eigentlichen Symmetral. Statt der 
charakteristischen Functionen der Hälfte des Symmetrals haben wir 
eine Classe automorpher Functionen, deren Fundamentalbereich das 
definirte von p -+- 1 Kreisen begrenzte Gebiet ist. Diese sind rational 
ausdi'ückbar durch zwei unter ihnen, p , q , die einer Gleichung r-ten 
Ranges G(p,c]) = o genügen. Es tritt hinzu eine dritte Function 2', 
die den Gleichungen f{xj = — f{x) genügt, mid deren Quadrat eine 
i-ationale Function i/(jp , 9) ist. Wie die Function 7t'(.() , und wie die 
Periodicitätsmoduln zu bestimmen sind, wurde bereits angegeben. Es 
zeigt sich demnach — was sich allerdings vorhersehen liess — , dass 
die Theorie, die wir erhalten, wenn wir die Parameter des eigent- 
lichen Symmetrals imaginär werden lassen, durchaus keine andi-e ist 
als die der reellen Synmu'tralfmictionen. Wir können die ursprüng- 
lichen Annahmen ruhig beibehalten: wir wissen, dass alle aufge- 
stellten Formeln unmittelbar Geltung behalten lür die imaginäi-en 
Symmetralfunctionen. 

Wir können aber auch vollständig absehen von der Darstellung 
der durch die Gleichungen (r = o , z' :=■ H verbundenen Grössen p, q, : 
durch die Veränderliche x. 

Dem Innern des Symmetrals — das jetzt auch in dem erweiterten 
Sinne genommen werden kaim — entspricht nicht das ganze Gebilde 
(p,q,z), sondern ein zusammenhängender Theil desselben. Er wird 
begrenzt durch --I-1 geschlossene Linien, deren Punkte einander zu- 
georcbiet sind. Jedem Punkte (j), q , :) auf einer Linie entsjjricht 
em Punkt (p, q, — c) auf derselben oder einer andern Linie. Unter 
den p -+- 1 Linien sind n unpaarige und r Paare. Wir können diesen 
Theil des Gebildes, da er dieselben Grundeigenschaften hat wie die 
entsprechende Figur der x-Ebene, im übertragenen Sinne auch als 
ein Symmetral bezeichnen. 

Man kann Aielleicht der Ansicht sein, dass diese Figur die ein- 
fachste ist, und dass es ein Umweg war, sich p, q,z als Functionen 
von X vorzustellen. Aber ich rinde, dass dui'ch die Figur des Sym- 
metrals die Untersuchung der Bezielmngen zwischen den Perioden 
der zum Körper (p, q , 2) gehörigen Integrale erster Gattung beson- 
ders deutlich wird, und man kann sich bei der Aufstellung der For- 
meln auf den reellen Fall beschränken, sie haben trotzdem weitere 
Gültigkeit. 



SonoiTKY: Zur Theorie der Syiniiietralfunctionen. 109B 

Audi in der vorigen Mittlieilung (Sitzungsber. 1 908, S. 838) spreche 
ich nur von reellen Curven und reellen AßEi-'schen Functionen. Aber 
die aufgestellten Sätze sind ebenfalls von der Realitätsvoraussetzung 
unabhängig. Denn wenn bei der Annahme reeller Parameter 3er — « 
Periodicitätsmoduln willkürlich bleiben, so können bei noch freierer 
Veränderlichkeit der Parameter nicht weniger als 2i'^ — /i willkürliche 
Moduln existiren. Natürlich auch niclit mehr; denn mehr als 37 — 3-1- 2 ?^ 
:=■ 3er — 11 wesentliche Parameter kommen in die (Gleichungen G(p,q) 
:= o, 2" = H(p , q) nicht vor. 



Ausgegeben am 2(). November. 



4 



1095 

SITZUNGSBERICHTE loos. 

XLVII. 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEI\IIE DER WISSENSCHAFTEN. 



19. November. Sitzung der philosophisch-historischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Diels. 

*1. Hr. Brunner las über das Alter des Pactus pro tenore 
pacis Childeberti et Chlotharii. 

Die Abhandlung folgert aus den jiolitischen Zuständen der Zeit, aus dem Sclaven- 
process des Pactus, aus den Angaben des Epilogs zur Lex Salica, aus der üliedei-ung 
des Pactus und aus dessen Verliältniss zur Decretio Childeberti II, dass er in den 
Jahren 511 — 557 entstanden sei. 

2. Hr. ToBLER überreichte sein Werk: Vermischte Beiträge zur 
französischen Grammatik. III. Reilie. 2. Aufl. Leipzig 1908. 



Bcrichtiis:;iiiij2:eii. 

S. 1039: Die unter Zifier 4 stellende kurze Inhaltsangabe gehört zu 

Ziffer 3. 
S. 1046: Zeile 4 und 5 sind vertauscht. 



Ausgegeben am 26. November. 



Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei. 



I 



TSESaseSHSHSEHESHSHSHSHSHSHSHi 



I 

I 1908. 




SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PKEUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



Gcsaniintsitziiiis; am 26. Novcnilifr. (S. 10Ü7) 

Sitzung der pliilosopliiscli-liistorisclion Classe am 3. Decombcr. (S. 1009) 

Zimmer: Beiträge zur Erklärung alt Irischer Texte der kircliiiehen und Profanlitteratur. (S. 1100) 

Bericht der Commissiou für den Thesaurus linguae latinat^ über die Zeit ^•om 1. October 1907 

bis 1. October 1908. (S. 1131) 
fijitznn^ der ]ilijsikalisch-malhcma(isclien Classe am 3. Decombcr. (S. 1135) 



BERLIN 1908. 

VEKLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFJ 



Aus dem Reglement für die Redaction der akademischen Druckscliriften. 



Aus § 1. I 

Die Akademie gibt gemäss §41,1 der Statuten zwei 
furtlaufende Veiöffentlichungen heraus: .Sitzungsberichte 
der Königlich Preussischen AiaJemie der Wissenschaften' 
und "Abhandlungen der Königlich Preussischen Aljademie 
dt-r Wissenschaften". 

Aus § 2. I 

Jede zur Aufnahme in die "Sitzungsberichte" oder die 
• Abhandlungen« bestimmte Mittheilung muss in einer aka- 
demischen Sitzung vorgelegt werden, wobei in der Regel 
das drackfertige Manuscript zugleich einzuliefern ist. Nicht- i 
mitglieder haben hierzu die Vermittelung eines ihrem 
Fache angehörenden ordentlichen Mitgliedes zu benutzen. I 
§3. ' 

Der Umfang einer aufzunehmenden Mittheilung soll 
in der Regel in den Sitzungsbericliten bei Mitgliedern 32, 
bei Nichtmitgliedcrn 16 Seiten in der gewöhnlichen Schrift 
iler Sitzungsberichte, in den Abhandlungen 12 Druckbogen 
von je 8 Seiten in der gewölmliclien Schrift der Abhand- 
lungen nicht übersteigen. 

Übersclireitung dieser Grenzen ist nur mit Znstimmmig 
der Gesammt-Akademie oder der betreffenden Classe statt- 
haft, und ist bei Vorlage der Mittlieilujig ausdrücklich zu 
beantragen. Lässt der Umfang eines Manuscripts ver- 
mutlien, dass diese Zustimmung erforderlich sein werde, 
so hat das vorlegende Mitglied es vor dem Einreichen 
von sachkundiger Seite auf seinen mutlimasslichen Umfang 
im Druck abschätzen zu lassen. 
§ 4. 
Sollen einer Mittheilung Abhildimgen im Text oder 
auf besonderen Tafeln beigegeben werden, so sind die 
Vorl.-igen dafür (Zciclinungen, photographisehe Original- 
aufnahmen u. s. w.) gleichzeitig mit dem Manuscript, jedoch 
auf getrennten Blättern, einzureichen. 

Die Kosten der Herstellung der Vorlagen haben in 
der Regel die Verfasser zu tragen. Sind diese Kosten 
aber auf einen erheblichen Beti-ag zu veranschlagen, so 
kann die Ak.ademie dazu eine Bewilligung beschliessen. Ein 
il.irauf gerichteter Antrag ist vor der Herstellung der be- 
treffenilcn Vorlagen mit dem schriftlichen Kostenanschläge 
eines Sachverständigen an den Vorsitzenden Secrctar zu 
richten, dann zunächst im Secrclariat voraubcr.ithen und 
weiter in der Gesajumt-Akademic zu verhandeln. 

Die Kosten der Vervielfältigung fibernimmt die Aka- 
demie. Über die voraussichtliche Höhe dieser Kosten 
ist — wenn es sich nicht um wenige einfache Tcxtßgurcn 
h.indelt — der Kostenanschlag eines Sachvei-st.ändigen 
bcizurrigen. Überschreitet dieser Anschlag für die er- 
forderliche Auflage bei den Sitzungsberichten 150 Mark, 
bei den Abhandlungen 300 Mark, so ist Vorberathung 
durcli d.is Secrctariat geboten. 
Aus § 5. 
Nach der ^■ o r 1 c g u n g und E i n r c i c h u n g des 
vollsläluligcii (IriicUlVrtisfCii Manuscripts an den 
zuständigen Secretar oder an den Archivar 
wird über Aufnahme der Mittheilnng in die .akademischen 
Scliriftcn, und zwar, wenn eines der anwesenden Mit- 
glieder es verlangt, verdeckt aljgestimmt. 

Mittiieilungen von Verfassern, welche niclit Mitglieder 
der Akademie sind, sollen der Regel nach nur in ilie 
Sitzungsberichte aufgenommen werden. Beschliesst eine 
Classe die Aufnahme der Mittiieilung eines Nichtmitgliedes 
in die d.azn bestimmte Abtheilung der "Abhandlungen«, 
so bedarf dieser Bcschluss der Bestätigung durch die 
Gesammt-Akademie. 

(Fortsetzung auf S. 3 



Aus § C. 

Die an die Druckerei abzuliefernden Manuscripte müssen 
wenn es sich nicht bloss um glatten Text handelt, aus- 
reichende Anweisungen für die Anordnung des Satze 
und die Wahl der Schriften enthalten. Bei Einsendungci 
Fremder sind diese Anweisungen von dem vorlegenden 
Mitgliede vor Einreichung des Manuscripts vorzunehmen, 
Dasselbe hat sich zu vergewissem, dass der VerfassM 
seine Mittheilung als vollkommen druckreif ansieht. 

Die erste Correctur ihrer Mittheilimgen besorgen dit 
Verfasser. Fremde haben diese erste CoiTectur an <liu 
vorlegende Mitglied einzusenden. Die Correctur soll nadi 
Möglichkeit nicht über die Berichtigung von Druckfehleni 
und leichten Schreibversehen hinausgehen. Umfängliche 
Correcturen PVemder bedürfen der Genehmigung des redi- 
girenden SecrcWrs vor der Einsendung an die Druckerei, 
imd die Verfasser sind zur Tragung der entstehenden Mehr- 
kosten verpflichtet. 

Aus § 8. 
Von allen in die Sitzungsberichte oder Abhandlungen 
aufgenommenen wissenschaftlichen Mittheilungen, Redten, 
Adressen oder Berichten werden für die Verfasser, von 
wissenschaftlichen Mittheilungen, wenn deren Umfang im 
Druck 4 Seiten Obersteigt, auch lürden Buchhandel Sonder- 
abdrucke hergestellt, die alsbald nach Erscheinen des be- 
treffenden Stücks der Sitzungsberichte ausgegeben werden- 
VonGedächtnissreden werden ebenfallsSonderabdrucke 
für den Buchhandel hergestellt, indcss nur- dann, wenn die- 
Verfasser sich ausdrücklich damit einverst-andcn erklären. 
§9. 
Von ilen Sonderabdrncken aus den Sitzungsberichten 
erhält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vcrtheilung ohne weiteres 50 Frei- 
exemplare; er ist indcss berechtigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplare bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noch weitere bis 
zur Z.ahl von 200 (im ganzen also 350) abziehen zu lassen, 
sofern er diess rechtzeitig dem rcdigirenden Secretar an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr. 
Abdrucke zur Vertlieilung zu erhalten, so bedarf es dazul 
der Genehmigung der Gesammt-Akademie oder der be- 
treffenden Cksse. — Nichtmitglicder erlualten 50 Frei- 
exemplai-e und düricn nacli rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 200 Exemplare auf ihre 
Kosten abzielien lassen. 

Von den Sonderabdrucken aus den Abhandlungen er- 
hält ein Verfasser, welcher Mitglied der Akademie ist, 
zu unentgeltlicher Vcrtheilung ohne weiteres 30 Frei- 
exemplare; er ist indcss bereclitigt, zu gleichem Zwecke 
auf Kosten der Akademie weitere Exemplai-c bis zur Zahl 
von noch 100 und auf seine Kosten noeli weitere bis 
zur Zahl von 100 (im g.anzen also 230) .abziehen zu lasien, 
sofern er diess rechtzeitig dem rcdigirenden Secretai- an- 
gezeigt hat; wünscht er auf seine Kosten noch mehr 
Abdrucke zur Vcrtheilung zu erhalten, so bedarf es dazu 
der Genehmigung der Gcs.ammt-Akademie oder der be- 
trcfl'endcn Classe. — Nichtmitglieder erhalten 30 Frei- 
exempl.ai-e und dürfen nach rechtzeitiger Anzeige bei dem 
redigirenden Secretar weitere 100 Exemplaj-e auf ihre 
Kosten abziehen lassen. 

§ 17. j 

Eine für die akademischen Schriften be-' 
stimmte wissenschaftliche Mittheilnng darf 
in keinem Falle vor ihrer Ausgabe an jener 
Stelle anderweitig, sei es auch nur auszugs- 
dcs Umschlags.) 



1097 

SITZUNGSBERICHTE i908. 

XLVIU. 



DER 

Kr)NI( i LICH PREUSSLSCHEN 

AKADE]\IIE DER WISSENSC HAFTEN. 

26. November. Gesammtsitzung. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Diels. 

1. Hr. lIiRSCHFELD las : » Vermu thungen zur altrömiscli cii 

Geschichte.« 

Er unterzog die Überlieferung über die Einriclitung der ältesten i-öniisclien 
Tribus, den Aequersieg des Cincinnatus, die Spolia ojjima des Cornelius Cossus einer 
kritischen Untersuchung. Die Bemerkungen sollen s])äter in den LSitzungsberichten 
veröffentlicht werden. 

2. Die Akademie beschloss, eine in der Sitzung der physikalisch- 
mathematischen (.Hasse am 19. November von Hrn. Schwarz vorgelegte 
Arbeit des Hrn. Prof. Dr. Arthur Korn in München in die Abliand- 
lungen aufzunehmen : Über 31inimalflcächen, deren Randcurvcn 
wenig von ebenen Curven abweichen. 

Die vorgelegte Abhandlung enthält eine Lösung der .\ufgabe: ein einfach /.n- 
sammenhängendes Minimalflächenstück zu bestimmen, dessen Begrenzung \'on einer 
vorgeschriebenen speciellen Raumcurve gebildet wird, vorausgesetzt, dass diese Rauni- 
curve einem Kreise hinreichend nahe kommt. 

3. Vorgelegt wurde von den Deutschen Texten des Mittelalters 
Bd. 10. Der sogenannte St. Georgener Predrger hrsg. von K. Rieder. 
Berlin 1908. 



Ausgegeben am 10. December. 



Sitzungsberichte 1908. 97 



1099 

SITZUNGSBERICHTE loos. 

XLIX. 



DER 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



3. December. Sitzung dei- philosophisch-historischen Classe. 



Vorsitzender Secretar: Hr. Diels. 

*1. Hr. Sachau sprach über einen Papyrus aus Elephantine. 

()er.seli)e entliält ein grosses Namensverzeii-hniss, aus dein sich ergiebt, dass die 
isiaelitisclie ("olonie in Klephantine im 5. Jahrhundert vor Christi Geburt eine Militär- 
colonie wni'. Im Aiischhiss daran wurde der altsemitische Gottesnaine Bethel sowie 
eine altknii.nniiische Kriegsgöttin Namens Anat-Bethel besprochen. 

2. Hr. Zimmer legte vor: Beiträge zur Erklärung altirischer 
Texte der kirchlichen und Profanlitteratur. i. Tarmchossal, 
dofoirhossol, töxal, forochsalsatj foxal^ colsle. 2. Clsel. 

Die AbiiandUuig sucht die bisherige Auffassung einiger Zeilen eines oft lieraus- 
gegelienen und vielfach übersetzten altirischen Denkmals /.u berichtigen. 

3. Hr. Diels legte den Bericht der Commission über das Thesaurus- 
Unternehmen der 5 deutschen Akademien während der Zeit vom i . Oc- 
tober 1907 bis i. October 1908 vor. 

4. Vorgelegt wurden die ersten beiden Bände der von der Deutschen 
Commission der Akademie unternommenen Ausgabe der Gesammelten 
Schriften Wielands: Abt. 1. Werke. Bd. i (Poetische Jugendwerke. 
Tl. i). IIrsg.vonF.HoMEVERundAbt.il. Übersetzungen. Bd. i (Shake- 
speares theatralische Werke. Tl. i und 2). Hrsg. von E. .Stadler. 
Berlin 1909. 



97* 



1100 Sitzimc; der philosophisch-historischen Classe vom 3. December 1908. 



Beiträge zur Erklärung altirischer Texte der 
kirchlichen und Profanliteratur. 



Von H. Zimmer. 



1 . Tarmchossal, doforchossol, toxaL forochsahat, foxal, coisle. 

In der in die Form einer strojjhischen Ballade gekleideten altirischen 
Vita Patricks, dem sogenannten Fiaccs Hymnus, heißt es Zeile 37 — 39 
von dem Zustand der Iren vor dem Kommen des angeblichen Heiden- 
apostels nach Irland: 

Meicc Emir meicc Erimon lotar liuili laCisel 
Fosrolaic intarmchossal isinmörchulhe msel 
Condathänic intapstal. 

Stokes übersetzte dies (Goidelica, 2. Aufl., 1872, S. 131) so: 
'Emer's sons, Eremon's sons, all went to Hell: The transgression 
cast them into the great low j^it- Until the Apostle came to them,'. 
WiNDiscHS Interpunktion der Stelle in seinem Abdruck des Textes 
(Irische Texte mit Wörterbuch 1880, S. 14) und sein Wörterbuch 
zeigen, daß er sich im allgemeinen und entscheidenden Einzelheiten 
ganz an Stokks anschließt. Nacli Ausdruck und Interpunktion weiclit 
Stokes um einiges in seiner näclisten Ausgabe des Textes mit Über- 
setzung (The Tripartite Life of Patrick, 1888, II, 409) ab: 'Sons of 
Eber, sons of P^rem, all went with the Devil: the transgression 
cast them down into the great low pit: Till the apostle came to 
them:' Atkinson schließt sich in seinem dann folgenden Neuabdruck 
des Textes (The Irish Liber Hymnorum 1898, I, 10 1) in der Inter- 
punktion an Stokes an, übersetzt aber innerhalb dieses Rahmens in 
Einzelheiten abweichend (The Irish Liber Hymnorum II, 33) so: 
'Sons of Emer, Sons of Herimon, all went with the devil; the 
Transgressor flung them into the deep vast pit. Till the Apostle 
came to them,'. Endlich in Stokes" neuester Übersetzung des soge- 
nannten Hymnus, die er seinem neuesten Wiederabdruck des Textes 
(Thesaurus Palaeoliibernicus 1903, ü, 316 If.) beigibt, heißt es: 'The 
sons of Eber, the sons of Erimon all went with the Devil (?); the 



Zimjier: Beiträge zur Erklärung altirischer Texte. 1. 1101 

transgressiou cast tliem down (?) into the great low Pit. Until 
tlie Apostle came to them,'. 

Alle diese Übersetzungen der Stelle sind darin verfehlt, daß sie 
den leitenden Gedanken des Dichters nur unklar zum Ausdruck bringen, 
ein wichtiges, ja, das zum Verständnis des Ganzen wichtigste Wort 
(tarmcJiossal) schief auffassen vmd die Beziehung der 2. Zeile [Fosrolaic 
bis nisd) sowohl zur vorangehenden als nachfolgenden Zeile verkennen. 
Der Grund dafür liegt wesentlich darin, daß die Übersetzer die Atmo- 
sphäre, wenn ich so sagen darf, in der der Dichter lebt, also den 
Ideen- und Gedankenkreis, aus dem heraus obige Zeilen entstanden 
sind und verstanden sein wollen, nicht kennen oder niclit beachten. 
Gehen wir also zunächst in des Dichters Lande. 

Nach der Überwindung des Pelagianismus durch den Augustinis- 
mus im ersten Viertel des 5. Jahrliunderts und der gewaltsamen Unter- 
drückung des ersteren durch die weltliclic Macht im Bereiche des 
Armes des römischen Kaisers setzte sich in der von Rom abhängigen 
lateinischen Kirche auf Grund von Stellen aus paulinischen Briefen 
— Römer 3,23^". ; 5,12; 11,32; Galater 3,22; 5,17 — das Dogma 
fest, daß durch Adams Übertretung von Gottes Gebot (Adams Sünden- 
fall) der doppelte Tod über ihn und seine Nachkommenschaft, das 
Menschengeschlecht, gekonmien sei: nämlich der Avirkliche, natürliche 
Tod, der also nicht auf einem Naturgesetz ursprünglich beruhte, und 
der geistige, ewige Tod, d. h. die Verdammung, nach dem natürlichen 
Tode der Hölle (dem Satan) zu verfallen. Dieser Zustand soll von 
Adam bis auf Christi Menschwerdung geherrscht haben, durch welche 
erst eine teilweise Änderung für die Menschenkinder dahin eintrat, 
daß ein Teil derselben vom ewigen Tode konnte befreit werden und 
zum ewigen Leben eingehen. In der altirischen Kirche des 6. und 
7. Jahrhunderts kann von diesem Dogma als allgemein gültigem oder 
auch nur herrschendem keine Rede sein: der Pelagiuskommentar zu 
den Paulinerbriefen ist in ihr noch bis ins 9. Jahrhundert die Haupt- 
<|uelle für die Erklärung der paulinischen Briefe, wie meine Schrift 
Pelagius in Irland' (Berlin 1901) zeigte; aus einem bei Beda (Hist. 
eccl. II, 19) bewahrten Briefe des Papstes Johann IV. an die Häupter 
der nordirischen Kirche vom Dezember a. 640 geht unzweideutig her- 
vor, daß damals in der nordirischen Kirche 2)elagianische Anschauungen 
Geltung hatten, und in einem im Beginn des 8. Jahrhunderts ent- 
standenen südirischen Denkmal, der irischen Kanonensannnlung, Avird 
Pelagius wie der orthodoxe Augustin behandelt. Alle diese Momente 
schließen, wie jeder Kundige sieht, aus, daß im 6. und 7. Jahrhundert 
das oben kurz skizzierte Dogma über Adams Fall und die Erbsünde 
in der altirischen Kirche Geltung hatte. Das Humanistenchristentum 



1102 Sitzung der philosophisch-historisclien Classe vom 3. December 1908. 

Irlands jener Zeit stand der eigenen heidnischen Vorzeit ebenso un- 
befangen gegenüber wie dem Heidentum der Griechen und Römer, 
in letzterem Punkte die echte Tochter des gallischen Christentums 
des 4-/5 . Jahrhunderts, das ja Männer wie Ausonius zu seinen Gliedern 
zählte und einen Sidonius ApoUinaris als Bischof hatte. Nur aus dieser 
Stellung der irischen Kirche im 5. bis 8. Jahrhundert zur eigenen 
heidnischen Vorzeit ist die alte nordirische Heldensage verständlich, 
wie sie uns in Texten erhalten ist, die in ilirer Aufzeichnung bis 
ins 9., Avenn nicht zum Teil ins 8. Jahrhundert zurückgehen. Um die 
Wende des 7. und S. Jahrhunderts vollzog sich die seit dem ersten 
Drittel des 7. Jahrhunderts in Südirland angebahnte Unterwerfung der 
irischen Kirche initer Rom — a. 697 und a. 716 sind entscheidende 
Daten — mit Hilfe der im 7. Jahrhundert erfundenen Patricklegende. 
Es folgt im 8. Jahrhundert die Zeit der alhnählicheu Durchsäuerung 
der irischen Kirche mit der Patricklegende und dem Geist der römi- 
schen Kirche jener Zeit: Reli(|uienverehrung, unchristlicher Unduld- 
samkeit gegen abweichende Anschauungen und dem Geist bewußter 
Gesehichtslügen und Eriindungen im Dienst und Interesse der Kirche 
(s. Realenzyklopädie für Protestant. Theologie 11,239 ff.). Es ist bei dem 
Umstand, daß die von Rom unabhängige altirische Kirche (5. bis 
8. Jahrhvmdert) ein, wenn auch nicht pelagianisches, so doch von pe- 
lagiaiiischen Anschauungen angesäuertes Kirchenwesen gewesen war, 
ganz selbstverständlich, daß in demselben Zeitraum — also 8. Jahr- 
hundert — vor allem das Hauptdogma der orthodoxen Kirche gegen- 
über pelagianischen Neigungen, die kirchliche Lehre von der Erb- 
sünde, in der irischen Kirche sich durchzusetzen suchte; sind doch 
die Fragen nach Osterdatum und Form der Tonsur, Reliquienverehrung 
und andere Differenzpunkte Kleinigkeiten im Vergleicli mit ihm. Seit 
Ende des 8. Jahrhunderts müssen die erwähnten kirchlich-dogmati- 
schen Anschauungen über die Folgen von Adams Fall in der irischen 
Kirche prinzipiell und theoretisch Geltung haben und in der dogma- 
tisch-kirchlichen Literatur des 9. und 10. Jahrhunderts zutage treten, 
soweit das Problem berührt wurde. Damit ist aber noch lange nicht 
bewiesen, daß die theoretisch-dogmatischen Anschauungen im Bewußt- 
sein der Iren im 9. Jahrhundert überall durchgedrungen und die pe- 
lagianische Durchsäuerung irischen Denkens verscliAVunden war. Aus 
dem 10. Jahrhundert haben wir ein Denkmal der Profanliteratur in 
altirischer Sprache, das von den Anschauungen des Erl)sündendogmas 
ganz durchtränkt ist und die extremsten, für den volkstümlich fühlen- 
den Iren schmerzlichen Konsequenzen aus ihm zieht. Diese altirische 
Ei'zählung des 10. Jahrhunderts, genannt der Gespensterwagen Cuchu- 
linns' {Siahurcharpat Conculainn) läßt — unirisch vom -Standpunkt der 



Zimmer: Beiträge zur Erkläiung altiriselier Texte. 1. 1103 

alten Heldensage — den Cuchulinn und alle berühmten Helden 
der alten irischen Heldensage in der Hölle schmoren mit Aus- 
naluiic des Königs Conchobar von Ulster, der angeblich wegen des 
Streitens für den Sohn der Maria' diesem Schicksal entging, womit 
auf eine uns erhaltene, aus gleicher Zeit stammende alberne Erzählung 
von C'onchobars wunderbarer Bekehrung bei Gliristi Tod angespielt wird. 
Man fühlt beim Lesen des 'Gespensterwagens Cuchulinns' das Behagen 
des Erzählers bei der Schilderung, wie der Teufel den tapfern und 
riesenstarken Cuchulinn 'mit einem Finger in das rote Kohlcnfeucr 
stieß , und nach der ganzen Art der Darstellung könnte man vermuten, 
in dem Verfasser einen zelotisclien Kapuziner vor sich zu halten (s. Zeit- 
schrift f deutsclies Altertum 32, 248 — 256). Die gleiche Anschauung 
nun wie den Verfasser des Siahurcharpat Conculalnn (LU. 113 — 115) be- 
herrscht offenbar den Dichter des sogenannten Fiaccs Hynuius. der 
sicher einzelne Strophen enthält — so z. B. gleich die auf Zeile 39 
folgende Zeile 40 — , die wegen ihres Inhaltes nicht älter als letztes 
Viertel des 10. Jahrhunderts sein können. Damit ist der Ideenkreis 
festgestellt, aus dem die an die Spitze der Erörterung gestellten Lang- 
zeilen wollen beurteilt sein. Wenden wir ims nun dem Wort tariii- 
rhossal und seiner prägnanten Bedeutung zu. 

Ml. 74b, 8 haben wir di(^ Glosse talrinchoslaldil) zu 'praevaricatoribus' 
des Textes. Dies Nomen agentis Inir/iichoslaid (praevaricator) setzt ein 
tdrinchoml voraus, wie ZE. 793. 879. 986 bemerkt ist, an welclien Stellen 
ihm auch die Bedeutung 'praevaricatio' zugesclirieben wird. W^enn auch 
der Schluß auf die Bedeutung von tnriiichossal nicht zwingend ist, so 
kann sie doch im allgemehien richtig sein und paßt aueli im allge- 
meinen in die in Rede stehende Stelle des Hymnus. Niu- darf sie 
nicht ungeprüft als Grundlage für weitere Schlußfolgerungen beiuitzt 
werden. Dies tut aber Stokes. Da praevaricatio 'Übertretung' von 
Gottes Gebot sein kann und das erste Glied von tai-mchossal die in 
Nominalkomposition im Altirischcii für lat. Irans-, tra- ei'scheinende 
Präposition ist, verfiel Stokes auf die Etymologie transi/fcssion für 
tri rincliossül. Ist dies richtig, dann steckt in dem irischen "cossal 
der Begriff des lat. gressus, also ein A'erbalnomen zu einem Verb in 
der Bedeutung lat. (jradior. An diesem Schluß oder wenigstens an 
seiner Sicherheit hätten zwei Momente irre machen können: einmal, 
daß der Begriif 'Sünde' auf andere Weise als 'Übertretung' ausge- 
drückt werden kann, wie ja gerade praevaricatio' ausweist; sodann 
die bekannte Tatsache, daß wir im Altirischen ein geläufiges Substantiv 
der etymologischen Bedeutung liaben, wie sie Stokes für tarmchossaf 
annimmt. Es ist lalnnihechl aus tairm- und dem Verbalnomen von 
tiaya cteixo) , das in der kirchlichen Sprache ganz gewöhnlich in der 



1104 Sitzung der pliilosoiihisch-liistorischen Classe vom 3. Deceiiilifr 190S. 

Bedeutung 'transgressio" (Wb. 2 c, 1 8 : 3 c, 2 9 ; i o a, 2 7 ; 3 d, 6 ; 1 3 d, 2 6 : 
153.16; 19b. 16) vorkoniuit und in der grammatischen Spraclic für 
lat. transitus (litterae in litteram) Pr. Sg. 14a, 7; 15 a, 4, wie nucli 
inti-insitivuin' mit nephthairmthechtld glossiert wird (Pr. Sg. 189 a, 7) 
und tai\<aiariiitlnay(it (Bcda Crl. i8b, 8) ein trangressis' wiedergibt 
(trans (juae transgrediuntur). 

Ich sollte denken, daß alle diese Dinge docli im iiöelisteii Grade 
warnen nnißten, in altir. ((iniir/iossa! so ohne weiteres eine Bedeu- 
tung transgressio' zu suchen. Stokes ist jedoch so sehr von der 
Richtigkeit überzeugt, daß er andere Stellen der alten Literatur, in 
denen andere Komposita von *cossal vorkommen, auf Grund seiner 
vorgefaßten Meinung in der stärksten Weise vergewaltigt statt sie 
zum Prüfstein zu machen, ob seine aus seiner zum Teil ganz will- 
kürlichen Übersetzung fz-ansj/rrssion ßiv foDHchossal erschlossene 
Ansicht über die Bedeutung von 'cosfu/ richtig sei. Es handelt sich 
in erster Linie um zwei Stellen im Wb.. deren Zugehörigkeit zu 
ttinnchossal schon ZE. 0S6 Anm. erkannt ist. Wb. i3d, 27 stellt ])ci 
den Textworten i.Korinther 15, 56 aculeus mortis peccatum esi, 
virtus vero pcccati lex' zu lex die altirische Erklärung -i- inred eomaccohui r 
Jile inihallaih caich doaccohor pectho doforchossol cäch inrechtsin hoAdatn. 
Stokes übersetzt (The Old-Irish glosses at Würzburg 1887, S. 282): 
'the Law of concujjiscenoe wiiich is in every one's members to desire 
sin. Everv one since Adam overstepjied that law': diese Übersetzung 
ist im Thesaur. Palaeohibern. I. 589 (1901) beibehalten mit der rein 
grammatischen Änderung 'has overstepped' für 'overstepped". Wäre 
diese Übersetzung richtig, dann läge doch ein vollkommener Unsinn 
in dieser Erklärung des 8./9. Jahrliunderts. The law of concupiscence 
[recf eoinncrnhnir eine wörtliche Übersetzung von lat. h'x roncupiscenüae), 
das darin besteht, daß jeder die Begierde zum Sündigen hat {doaccobor 
pectho). und tlas in den Gliedern eines jeden wirksam ist, dies Gesetz 
hat docii nicht jeder seit Adam übertreten. Im Gegenteil: die 
Menschen handeln seit .Vdain ausschließlich gemäß diesem Gesetz, 
sie können ja gar nicht anders nach der Lehre von der Erbsünde, 
sie können ja gar nicht gegen die sündige Begierde liandeln, was 
l^bertreten des rect comaccobuir wäre, denn da ist keiner, der Gutes 
tut, auch nicht einer", wie es heißt. Im Jahre 1S53 übersetzte Zeuss 
(Granun. Celt. 1. 354) die in Eede stehende Stelle so: lex concupis- 
centiae (juae est in membris cujusvis ad cupidinem peccati, percepit 
([uisquam hanc legem ab A.damo', und 1S70 hat Ebel dies mit Kecht 
beibehalten (ZL. 34S). Windiscu (Wörterbuch S. 83 i s. v. töchossol) über- 
setzt diese Stelle natürlich — g^g^n sein Charisma kann niemand auf- 
kommen — wie Stokks: Jeder übertrat dieses Gesetz von Adam an". 



Zimmer: Beiträge zur Kikliiiuiij; nltiri.sclier Texte. I. 1105 

Die zweite Stelle im Wb. findet sicli in einer irischen Erklärung zu 
den Worten J]pheser 2, 3 Erainus natura filii irae', die laufet ni 
öaicnhid nacFtiie (nisten act isoalcnlud yectho doforchosalsam öAdam 
(Wb. 2 1 b, 4). Stoke.s übersetzt (The Old-Irish glosses at Würz- 
burg 1887, S. 302) 'not from the naturc of thc first creation, but it 
is from the nature of sin that we liave transgressed since Adam', 
welches er 1901 dahin leicht abändert 'it is not from the nature oC 
(our) original creation, but it is l'roui (our) sinfiil nature that we 
have transgressed since Adam'. Derselbe Unsinn wie in der ersten 
Stelle: gemäß der sinl'ul nature, die durch den Sündenfall erst ent- 
stand, hat die Menschheit seit Adam gehandelt, weil sie, der Erb- 
sünde unterworfen, nicht anders kann. Zeuss übersetzte 1853 non 
causa primae crcationis, sed peccati causa. <|uod recepimus ex Adam 
(Gr. Celt. looi) und Yawa, bietet mit geringer Änderung in den Worten 
'non natura primae creationis sed peccati, quod recepimus ex Adam' 
(ZE. 1002, Anm. 27). Wieder zwischen Stokes (1887. 1901) und 
Zeuss-Eüei. (1853. 1870) der eben festgestellte Fortschritt. 

Ich denke, wenn es eines schlüssigen Beweises bedurft hätte, 
daß cossal in altir. iarincliosml nicht kann die Bedeutung von lat. 'gradi, 
gressus' haben, also auch tarmchof<sal nicht 'transgression' sein kann, 
Stokes hat diesen Beweis unfreiwillig in der Mißhandlung der Stellen 
Wb. 13(1, 27 und 21b, 4 geliefert. Der Beweis läßt sich aber auch 
noch von einer anderen Seite aus dem Matc^rial unserer 3 alten alt- 
irischen Denkmäler Wb., ML, Pr. Sg. liefern. Das Element 'Vo.s.so/ in 
tarmcJbossnl liegt außer in den beiden eben behandelten Formen {dnfor- 
ehossol mid dofo7-chosalsain) noch in einer ganzen Anzahl von Nomi- 
nal- und Verbalformen in Komposition mit den Präpositionen fo-, 
food-, lo- und lofo- vor, wie schon Zeuss (Gram. ('elt. S. 975 Note = 
ZP". 986 Note) 1853 erkannte. V'orausgesciiickt sei, daß in den gleich 
zu besprechenden Wörtern und Formen infolge des altirischen Akzents 
und seiner vernichtenden Wirkungen auf die uumittelbar folgende 
Silbe aus -c/iossal werden mußte -r/isnf ebenso wie aus -drosa/ (aus 
-iklcosal) -(jcsnl; für solche sekundär auf dem Boden des Altirischen 
entstehenden -cJis-, -es- wird — da die altkeltischen, aus dem Indo- 
germanischen stammenden -ks- längst zu -ss- assimiliert waren (vgl. altir. 
uasal: altkeit, ouxello; altir. dess aus "deksro-: got. lai/tsva) ■ — im Alt- 
irischen aller alten Hss. (Wb., Ml., Pr. Sg., Bed. Crls.) phonetisch oft x für 
das etymologische -ch.s- und -e.s- geschrieben, wie z. B. in dlxnigur und 
allen seinen Ableitungen, das von d/'icsiu ( dr-uesiu, d/'-adcessiu) (ienit. 
decsen, Dat. decsin abgeleitet ist (ZP]. 69 mit Note, 813 Note). Dem- 
nach versteht sich sofort die etymologische Zugehörigkeit von altir. 
foxol, foxal zu cossal, die geschrieben sind für f'Jchsol, ßJchsal, regulär 



1106 Sitzmig der philosophisch-historischen Classe vom 3. Deceinber 1908. 

aus *föchossaI entstanden wie ßilyde 'Bettelei' aus fuyuide (zu (juide 
'Bitte'): trefoxal glossiert Pr. Sg. 201 b, 7 Priscians 'per metaplasmum', 
und derselbe Erklärer macht einige Seiten weiter (216 b, 5) zu 
Priscians Worten Subtractae — seil, praepositiones — quoque 
nominibus quibusdam loco adverbiorum ea laciunt accipi, ut domo 
\'cnio pro ä domo A'enio' die irische Bemerkung /oxo/ öluc isindohre{thir) 
asber{ar) domo, d. li. 'subtractione e loco in adverbio dicitur domo', 
also 'infolge der Wegnahme {foxal ablatio, subtractio) der Präposition 
a von der Stelle in dem Adverbiiun (a domo) sagt man domo'. End- 
lich steht in dem Satze Non est igitur dubium. (|uod . . . debeant 
haec (nominn) (pioque ideni (den Akzent auf Pänultima) servarc cum. 
'ti' subtracta. paenultima vocalis, ()uae circumllectabatur in dictione 
])erfecta, id est a. invenitur ultima in concisione habens eundem ac- 
centum' zu den Worten 'in concisione' die irische Erklärung '•/■ iar- 
foxul .ti.'. d. h. die concisio entsteht 'nach Wegnahme von ti'. oder, 
wie es vorher heißt, 'ti subtracta'. was ' iarfoxul ti' genau wieder- 
gibt. Wie nun zu tarmcJiossal in Fiaccs Hymnus das Nomen agcntis 
tairmchoslaid (Ml. 74b, 8; s. oben S. 1103) gebildet ist, so zu diesem 
foxal (aus "föckossal) ein foxlid, foxlald, das im Altirischen (in Ml. und 
Pr. Sg., s. ZU 986) den lateinischen Begriff 'Ablativus' wiedergibt. 
Die "Verbalformen stimmen : Ml. 3 i a, 5 ist foroxlad huadih äniress zu 
'fides exacta est de medio' Erklärung, also 'ablata est {foroxlad) ab 
eis eorum tides'; dieselbe Person im Aktiv steht Wb. 27a, 19 mit for- 
röxid zu ipsum tulit'' und die dazu gehörige dritte Pluralform findet 
sich Ml. iSd. II. wo bei dem Textsatz 'insurgere proprie dicuntur hie 
([ui fuerunt antea subiecti. (|ui(iue nuper subduxisse coUa a jugo 
obidientiae comprobantur" zu lat. subduxisse steht forochsalsat, d. h. 
subduxerunt. Endlich repräsentiert ein Kompositum *töfocossal (also 
foxal mit Präposition to), altir. töxal in Pr. Sg. 53 b, 4 als irische Glosse 
in den Worten diuertis diverticulum. ^■erris verriculum' zu 'verricu- 
lum' geschrieben, also 'Zuggarn, Schleppnetz' usw. bedeutend; hier- 
^■on kann nicht getrennt werden toxalde Pr. Sg. 33b, 16, wo zu Priscians 
^Vorten 'e vero longam spondeus' die Glosse toxalde alrlndi atreha ioxal 
cnd •/■ fot steht, d. h. 'spondeus kann man irisch mit toxalde geben, 
denn in ihm [and, dem spondeus) befindet sich toxal, d.h. Länge": 
der Spondeus ist der in langsamen, gezogenen, feierlichen Me- 
lodien der Libationsgesänge besonders gebrauchte "Vers, daher Isidors 



' SroKES übersetzt (Thes. Palaeoliib. 1, 672) 'he has taken avvay', wobei er über- 
sieht, daß 2 ;• stehen, wo das erste r das assimilierte, vor dem Akzent infigierle Pro- 
nomen in) repräsentiert; n\so /orröxttl für "fonrci.nd ist getrene Üliersetzimg von 'i])sum 
lullt' des Textes. AVegen der Längenbezeielinung liegt wohl ein Kompositum "fo-od- 
cdssal \or. 



Zimmer: Beiträge zur lM-kl;irung altirisclier Texte. 1. 1107 

Erklärung (III, 25 ; s. Stokes, Thes. Palaeolüb. II, 88 Aniii. f.) 'spondeus 
tractus quidam id est sonus, qui fuiidebatur circa aures sacrificantium' ; 
da nun tüxal 'Zuggarii, Schleppnetz' bedeutet (Pr. Sg. 53b, 4), so 
bildete der Ire. um das gezogene, schleppende Metrum Spondeus 
zu bezeiclinen, ein irisches Wort toxalde. 

So bunt und mannigfaltig auch die Bedeutungen der S. 1 105 bis 
1 107 erörterten Nominal- und Verbalformen aus Wb., ML, Pr. Sg. aus- 
sehen, wenn man oberflächlich zusieht (/ox//^ Ablativ, /oxaWf; Spondeus), 
so erkennt doch jeder genauer Zusehende, daß all diesen, zum Teil Nach- 
ahmungen lateinischer Wörter durch etymologische Spielereien bieten- 
den altirischen Formen ein gemeinsamer Grundbegriff für cossal 
eigen ist, der sich in die Annahme von Stokes, daß cosKnl in tdiiii- 
rhossal etymologisch 'gradi, gressus' bedeute, ebensowenig fügt wie 
die S. II 04. 1105. erörterten Verbalformen doforchossol, doforchomlsam 
(VVb. i3d, 27; 2ib, 4). Positiv hat Stokes seine Annahme durch die 
bei den letzten 2 Stellen angewandten Übersetzungskünste widerlegt und 
negativ dadurch, daß er, soweit ich sehe, überhaupt nirgends einen 
Versuch macht, die Bedeutungen der S. i 105 — 1107 erörterten Nomi- 
nal und Verbalformen mit seiner Annahme zu vereinigen. 

Alle S. II 03 — I 107 von tainiic/iosloiili/) gl. praevaricatoribus bis 
auf töxal gl. A^erriculum und toxalde gl. spondeus besprochenen WcJrter- 
und Wortformen gehö